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Nachbarsleute

Ludwig Thoma: Nachbarsleute - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Thoma
year1987
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10741-9
titleNachbarsleute
pages3-163
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Haufen verteilen sich und suchen das ganze Haus ab, treten Türen ein, reißen Schränke auf, werfen die Akten herum, zerschlagen die Fenster, johlen und brüllen.

Jetzt hätte die Bürgergarde einschreiten müssen.

Der Messerschmied Simon, der als Leutnant dabei war, hat sich ein Herz gefaßt und ist aus seinem Hause heraus und zum Buchdrucker Schmitt in die Kirchgasse gelaufen.

Denn der Schmitt war Kommandeur, und alles mußte auf seinen Befehl geschehen.

»Revolution! Revolution!« schreit der Simon und reißt an der Glocke. Die Türe wird vorsichtig aufgemacht, und der Schmitt, Gott hab ihn selig, steht im Schlafrock da und zittert wie im Frostfieber. Aber der Simon war ein martialischer Mensch, wie jeder weiß, der ihn kennt.

Er macht die militärische Ehrenbezeugung und sagt:

»Ich melde gehorsamste Herr Major, in der Stadt herrscht Aufruhr! Die Bauern stürmen das Rathaus!«

»Wir sind alle sündige Menschen«, sagt der Schmitt, »um Gotteswillen, Simmerl, glaubst du, daß sie jeden umbringen, oder bloß die Magistratsrät?«

»Ich bitte den Herrn Major gehorsamst um Befehl zum Alarm!«

»Sei so gut, Simmerl! Ist der Spektakel nicht schon arg genug?«

Jetzt wird der Messerschmied Simon zornig.

»Schmitt«, sagt er, »du weißt, daß es bei Revolutionen allemal über die Druckereien hergeht; wenn du jetzt nicht gleich deine Uniform anlegst und mitgehst, dann können sie von mir aus dein Geschäft demolieren.«

Und das war auch richtig.

Wo man von einem Aufstand was zu lesen kriegt, steht immer dabei, daß Druckereien erstürmt worden sind.

Der Schmitt hat das selber gewußt, und er ist in Gottes Namen mit dem Simon gegangen, aber er hat noch nie so schwer an seinen Epauletten getragen, wie diesmal.

Auf der Gasse sagt der Messerschmied wieder ganz militärisch: »Herr Major sammeln vielleicht das Korps in der obern Stadt, ich alarmiere am Kühberg, und meine Rotten stoßen mit den Ihrigen am Marktplatz zusammen, dann ist der Feind in die Mitte genommen.«

»Simmerl, sei g'scheit und bleib bei mir!«

Aber der Messerschmied Simon fragt barsch: »Befehlen der Herr Major, daß Bajonett aufgepflanzt wird?«

»Tu was d' magst«, seufzt der Schmitt. »Mit dir komm' ich heut noch ins Unglück.«

Und er schleicht langsam an den Häusern vorbei.

Der Simon rennt wie ein Feuerreiter in die untere Stadt. Er holt seinen Stabstrompeter, den Schuhmacher Batz, und läßt ihn Alarm blasen.

Der Batz ist nicht faul und schmettert sein Signal durch die Wäschergasse und die Kreuzstraße, über das Petersbergl und überall.

Aber kein Mensch kommt heraus.

Im Gegenteil, wo der Batz mit seiner Trompeten sich hören läßt, schließen die Bürger ihre Fensterläden und verrammeln sie von innen.

Jetzt rasselt auch die Trommel.

Ein Geselle vom Schmied Kasenbacher ist gehorsam auf den Alarm erschienen und schlägt auf das Kalbsfell los.

Rataplan! Rataplan!

Die Spielleute tun ihre Schuldigkeit, aber von der Mannschaft läßt sich keiner blicken.

Am Kühberg wohnt der Büchsenmacher Weinzierl.

Das ist ein erprobter Scharfschütz, und ein tapferer Mann, aber leider sind auch bei ihm Fenster und Läden zu.

Der Messerschmied Simon ist wütend. »Hans!« schreit er, »komm heraus!«

»Warum?« fragt der Weinzierl durch das Guckloch im Fensterladen.

»Ja, hörst du denn nichts von dem Spektakel? Alarm wird geblasen. Die Bauern sind über uns.«

»Ich schieß bloß auf die Preußen«, sagt der Weinzierl und gibt keine Antwort mehr.

Der Simon hält Kriegsrat.

»Ich habe dem Major versprochen, daß ich mit meinem Hilfskorps zu ihm stoße. Wenn ihr mitgeht, ist's recht; sonst gehe ich allein hin.«

Der Batz und der Schmied Maxl standen aber fest zu ihrem Leutnant, »Nur«, sagt der Schuster Batz, »keine Attacke können wir nicht machen, denn wir sind zu wenig, und mit einer Trompeten kann man den Rammeln die Köpfe nicht einschlagen.«

»Wir machen eine Streifpatrulle«, erklärte Simon, »und schleichen uns an den Feind heran. Wenn die Sternbräustiege frei ist, kommen wir gedeckt hinauf, und dann sehen wir schon, wie es weiter geht.«

Die drei liefen schnell zum Alzufer hinauf und hatten das Glück, daß unterwegs noch der Zimmermann Heiß zu ihnen stieß, der ein Pionier bei der Bürgergarde war und mit der Axt ausrückte.

Vom Fluß weg geht direkt eine überwölbte Stiege in den Hof des Sternbräu, wo man dann mitten am Marktplatz war.

Der Batz schlich voran, hintendrein der Simon, dann kamen die andern zwei.

Es war niemand um den Weg, denn beim Sternbräu war das Tor geschlossen; aber im Hof stand der Bezirkskommandeur, Oberst Hingerl mit Namen, und sein Feldwebel war bei ihm.

Er wollte die Kontrollversammlung bei dem Tumult nicht abhalten und blieb in seiner Wohnung, und das war sein Glück.

Denn wenn ihn die Kannibalen im Rathaus gefunden hätten, wäre wahrscheinlich ein Unglück passiert.

Er sagte aber, er werde schon noch mit den Herren zusammentreffen, wenn ihnen der Rausch vergangen wäre, und es ist auch ein paar Wochen später so gekommen.

Also jetzt stand er im Hof vom Sternbräu und machte ein fuchsteufelswildes Gesicht. Den Messerschmied Simon, der ihn militärisch grüßte, fuhr er gleich an: »Wer sind Sie?«

»Melde mich zur Stelle, Leutnant Simon vom Landwehrbataillon.«

»So? Von den Hasenfüßen? Ihr benehmt euch schön und laßt die besoffenen Lümmel die ganze Stadt auf den Kopf stellen!«

»Zu Befehl, Herr Oberst, ich tu meine Bürgerpflicht, und will mit meinem Korps zum Major Schmitt stoßen, daß wir die Ordnung herstellen.«

»Ist das Ihr ganzes Korps?« fragt der Oberst und schaut den Trommler an und den Trompeter und den Pionier.

»Das Gros befehligt der Herr Major Schmitt«, sagt der Simon, der auf unsere Dürnbucher Garde nichts kommen lassen will.

»Wo steckt denn Ihr tapferer Kommandeur? Ich höre und sehe nichts von ihm.«

»Er flankiert den Feind und bricht hinter der Kirche vor.«

»Also frisch drauf los!« ruft der Oberst.

Aber der Messerschmied Simon war ein besonnener Mensch, der seine Truppen nicht blindlings aufs Spiel setzte.

»Zuerst müssen wir rekognoszieren«, sagte er, »und uns mit dem Gros verständigen.«

Er ging bis ans Tor, und der Pionier Heiß mußte die Axt einklemmen, daß man eine Spalte hatte, durch die der Batz als der längste Umschau hielt.

Vom Marktplatz herein hörte man nur mehr einen schwachen Spektakel, denn in der Zwischenzeit waren die meisten Burschen schon abgezogen. Wie sich im Rathaus kein Preuße finden ließ, marschierten sie in die Ludwigstraße ans Bezirksamt und schmissen die Fenster ein und liefen dann johlend auseinander.

Auf dem Marktplatz blieb nur ein schwaches Dutzend zurück und soff das Bier aus.

Jedoch davon wußte der Simon noch nichts, und er ließ den Batz scharfe Umschau halten.

»Was ist los, Batz?«

»Bei der Mariensäule hocken etliche Burschen, und daneben sind andere, und sie schreien immer noch.«

»Das hör ich selber. Aber siehst du nichts vom Major?«

»Nein, da sieht man gar nichts.«

»Schau an die Kirche hin. Zum Seifensieder Gumpold. Aus der Gasse müssen sie kommen.«

»Nein, man sieht nichts.«

»Heiß, druck fester an, daß der Spalt größer wird! Jetzt schau genau hin!«

»Man sieht keinen Menschen nicht.«

»Kreuzteufel, was ist das? Dem Schreien nach sind nicht mehr viel Burschen auf dem Platz.«

»Es sind höchstens noch zehn oder zwölf.«

»Dann ist der Herr Major den Lackeln nachgerückt. Wir müssen hinaus.«

»Jawohl und rasch!« rief der Oberst.

»Nur Zeit lassen!« kommandierte der Messerschmied Simon. »Du, Heiß, schiebst den Riegel zurück, aber stad, daß man es nicht hört! Batz und Schmied Maxl, ihr bleibt hart neben mir, und schreit's recht! So, jetzt das Tor geschwind auf! Hurra! Hurra!«

Die vier stürzten hinaus. Wie die Burschen das Feldgeschrei hören, packen sie zusammen, und auf und davon, was sie laufen können.

Zwei sind in der Besoffenheit liegen geblieben, die hat dann hinterher die Polizei heimgenommen.

»Viktoria!« schreit der Messerschmied Simon, »wir haben sie! Jetzt schnaufen wir aus, und dann wollen wir unsern Brüdern zu Hilfe kommen.«

Er hat seinen Tschako abgenommen und auf dem Schlachtfeld Umschau gehalten.

Der Platz hat grauslich ausgesehen; Maßkrüge und Scherben sind herumgelegen, Bierlachen sind überall gewesen, und auf dem Pflaster unterm Rathaus war alles voll Glasscherben und Papier und Aktendeckeln.

Jetzt sind aber in allen Häusern die Fensterläden zurückgeschlagen worden, und die Leute haben herausgeschaut und dem Simon ein Bravo zugerufen.

Den tapferen Messerschmied hat es gefreut, und er hat militärisch mit dem Säbel gedankt.

»Aber«, hat er gesagt, »das ist nur der erste Sieg; der schwerere kommt noch.«

Indem pfeift der Rappenbräu-Martl und winkt dem Heiß.

»Was willst?«

»Da geht's her. Nehmt's euern Major mit!«

»Was für einen Major?« fragt der Simon.

Jetzt erzählt ihm der Martl, daß der Herr Major Schmitt sich in den Rappenbräu geschlichen und überhaupt kein Gros gesammelt hat.

»Ist er noch drin?« fragte der Simon.

»Und wie!« lacht der Martl. »Schaut's ihn nur an.«

Sie gehen durch die Gaststube in die Küche, und da macht der Hausknecht die Speistür auf, und richtig sitzt der Herr Major Schmitt neben dem Polizeidiener Kraus auf dem Anrichttisch, und sie schauen grasgrün vor lauter Angst, wer denn kommt. »Ah, du bist's, Simmerl!« ruft der Major, »Gott sei Dank, i hab schon was anderes geglaubt.«

Aber der Simon sagt kein Wort; er macht einen Schritt vorwärts und haut seinem Vorgesetzten eine Watschen herunter, daß er unter den Tisch gefallen ist und sozusagen betäubt war.

Das ist die Geschichte von unserer Dürnbucher Revolution, welche sich Anno 67 durch den Preußenhaß zugetragen hat.

Die Bauernburschen sind hinterher bös eingegangen; die Rädelsführer sind ins Zuchthaus gekommen. Viele haben als Soldaten zweiter Klasse in Ingolstadt Sand schieben müssen, und die anderen haben in den Kasernen auch nicht das schönste Leben gehabt.

Die Bürgerwehr ist bald nachher aufgelöst worden, weil Thron und Altar jetzt anderweitig geschützt sind.

Aber der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, ist acht Jahre später doch noch in der Majorsuniform in den Sarg gelegt worden. Denn er hat es ausdrücklich so gewünscht.

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