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Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
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II. Liebe und Ehe

Novelle.

I. Eine Trennung

Es war eine unheimliche Stille in diesem glänzenden Salon, der doch mit seiner eleganten, üppigen Ausstattung ganz dazu eingerichtet schien, ein Sitz der Freude und des Genusses zu sein. Die seidenen, mit Gold verzierten Tapeten und Fenstervorhänge, der reiche Teppich des Fußbodens, die schönen Oelgemälde, die in kostbaren Rahmen an den Wänden hingen, und die schönsten weiblichen Figuren in unverhüllter Nacktheit zeigten, die Marmortische, auf denen in malerischer Unordnung alle jene kleinen kostbaren Unnöthigkeiten prangten, die einer eleganten Dame so nothwendig und nöthig sind, die herrlich verzierte Evard'sche Harfe dort, der englische Flügel dicht daneben, Alles dieses deutete auf den reichen Sinn, den ausgewählten Geschmack der Eignerin dieses Salons. Aber die Saiten der Harfe waren theilweise zerrissen, der Flügel war geschlossen, und die silberne Ampel beleuchtete mit stillem melancholischen Schein ein junges Weib, das mit aufgelöstem Haar, mit strömenden Thränen dort auf der Erde lag, und die schönen entblößten Arme flehend zu dem jungen Manne erhob, der in ruhiger, stolzer Haltung vor ihr stand. Draußen heulte der Sturm und schlug klirrend an die Fenster. Es war eine unheimliche finstere Nacht, unheimlich da draußen auf der vom Regen gepeitschten Straße, unheimlich hier drinnen in dem von Wohlgerüchen durchzogenen, glänzenden Salon, in welchem sich eins jener Dramen entwickeln sollte, aus dem eine arme Menschenbrust nur mit blutendem Herzen und klaffenden Wunden hervorgeht. – Der junge Mann unterbrach endlich diese lange peinliche Stille, und bemüht, die sich anklammernden Hände der Knieenden von seinem Arme loszumachen, sagte er: »Laß es genug sein, Leonora, das Wort der Trennung ist gesprochen, wollen wir denn in Frieden scheiden!«

»Kann es denn sein,« schluchzte Leonore, »kann es sein, daß Du mich verlassen willst, Urban? O mein Gott, kannst Du, willst Du grausam genug sein, das Weib von Dir zu stoßen, das Dich liebt, dessen einziges Glück in Dir ruht! O Urban, lästere nicht Dich und mich, indem Du Dich einer Liebe entziehst, deren Ewigkeit Du einst beschworen und geglaubt!«

»Es war ein Irrthum, Leonore,« sagte Urban sanft, »und glaube mir, ich habe ihn bitter gebüßt. Alle diese Illusionen und Entzückungen sind von mir abgefallen und liegen als zerbrochenes Kinderspielzeug zu meinen Füßen. Ich habe die Kraft der Kinder verloren, elende kleine Holzklötze als Feenpaläste zu betrachten, ich sehe die Wirklichkeit ohne Täuschungen.«

»Grausam! Grausam!« klagte Leonore. »So sind sie wirklich alle vergessen diese Tage des Glückes, diese Schwüre ewiger Liebe?«

»Es war eine Täuschung, Leonore, und ich beklage schmerzlich, daß es so ist! Aber denke nicht, daß ich schwach genug wäre, um dieser Täuschung willen meine ganze Zukunft als Strafe hinzunehmen! Nein, Leonore, wir müssen uns trennen!«

»Uns trennen!« schrie sie laut, und sprang empor. »Wer sagt, daß wir es müssen? Du nicht, Urban, Du kannst es nicht denken, nicht wollen, denn Du bist mein, mein durch heilige Schwüre, durch unzerreißbare Gelübde, ich habe an Dich theure Rechte, die ich nicht aufgeben kann, nicht aufgeben werde!«

Urban's Stirn verfinsterte sich und seine Stimme klang rauh und hart, als er sagte: »Du wirst dies doch müssen, denn ich verlange es! Rechte! Welche Rechte sind es, von denen Du sprichst? Die Liebe war es, die Dir Rechte verlieh, mit der Liebe sind auch Deine Rechte verschwunden!«

»Mein Gott,« schrie Leonore, die Hände ringend, »die Liebe ist also verschwunden!«

»Das ist sie,« sagte Urban fest, »und unsre Klagen werden sie nicht wieder wach rufen! Darum weine nicht mehr, Leonore, sondern laß ernst und still uns den ernsten unvermeidlichen Schritt thun.«

»Aber Du bist ein Ungeheuer,« rief sie erglühend, »ein Verbrecher, der es wagt, mit dem Edelsten zu spielen, und das Heiligste frevelnd in den Staub zu treten!«

»Und wäre ich nicht ein größerer Verbrecher und Frevler, wenn ich das Edelste und Heiligste zu heucheln wagte, wenn ich Dir eine Liebe zeigte, die ich nicht empfinde, wenn meine Lippen Schwüre sprächen, von denen mein Herz nichts weiß? Nein, laß uns doch vernünftig sein, Leonore, damit wir die Zukunft uns nicht ganz zerstören! Warum in kindischem Zorn das Haus verbrennen, weil es uns nicht mehr als glänzendes Zauberschloß erscheint, sondern nur ausreicht zum täglichen Bedarf des Lebens? Warum dem Hasse sich ergeben, weil man mit der Liebe nicht mehr fertig werden kann? Glaube mir Leonore, laß uns jetzt scheiden, jetzt, wo es uns noch vergönnt ist aus diesem zerrissenen Kranz der Liebe die Blume der Freundschaft zu retten, jetzt, wo wir noch mit heiterm Blick auf die Vergangenheit zurückschauen, und ihr danken können für alles Schöne, was sie uns geboten! Glaube mir, Leonore, ich bin nicht undankbar, ich habe sie nicht vergessen diese köstlichen Stunden, die ich Deiner Liebe, Deiner Hingabe verdanke!« »Und dennoch willst Du mich verlassen,« unterbrach sie ihn.

»Eben weil ich mir die Erinnerung bewahren möchte, weil ich Dir danken möchte für Alles, was Du mir gegeben, und nicht Dir zürnen möchte, daß Du Alles dies mir wieder geraubt! Glaube mir, Leonore, diese bittere Stunde einmal überwunden, wirst Du auch den Schmerz nicht mehr empfinden, denn nicht Deine Liebe, nur Dein Stolz ist es, der leidet. Den Urban, der Dich liebte, würdest Du vielleicht in wenigen Tagen von Dir gestoßen haben, den Urban, der dieser Demüthigung durch freiwilliges Zurücktreten zuvorkommt, den begehrst und ersehnst Du! Aber auch ich kenne den Stolz, Leonore, und das Weib, das mich verstößt, würde ich ermorden, denn nur Blut kann diese Schmach des Mannes sühnen.«

»Und ich, meinst Du, weil ich ein Weib bin, sollte ich diese Schmach unter Thränen lächelnd, als eine Dornenkrone auf mein Haupt setzen und mit fromm gefalteten Händen beten für den, der mich verließ?«

»Nein,« sagte Urban mit einem bittern Lächeln, »diese Sanftmuth würde einer tragischen Künstlerin nicht wohl anstehen. An dem Treulosen sich zu rächen ist Leonorens Pflicht! Ich erwarte diese Rache, und werde auf meiner Hut sein!«

»Es ist also unwiderruflich,« klagte sie, plötzlich wieder in Thränen ausbrechend, »nichts also kann Deinen grausamen Entschluß mildern! Ich habe Dich verloren!«

»Und warum denn gleich vom Verlieren sprechen, Leonore! Warum die Dinge gleich in düsterm Schwarz sehen, weil sie nicht mehr im hellen Weiß erglänzen! Glaube mir, Kind, wir können uns noch Vieles sein, Vieles gewähren, ohne daß unser Herz dabei in Liebe klopft. Laß uns eine Freundschaft an einander knüpfen, die fester und unzerreißbarer ist als alle diese stürmischen, zerstörenden Gefühle der Liebe!«

»So sind die Männer!« sagte Leonore, ihre Thränen trocknend, und sich hoch aufrichtend in zornigem Stolz, »aufbrausend in stürmischer Leidenschaft wollen sie alle Schranken durchbrechen, möchten sie den Himmel erstürmen, um das zu erlangen, was sie begehren, und wenn sie es erlangt haben, ist auch der Wunsch es zu besitzen schon erloschen!«

»Und Ihr Weiber möchtet lieber den vollen Becher der Freude, den das Leben Euch bietet, in Einem Zuge leeren, um dann nachher Euer ganzes Leben durstend hinzuseufzen nach dem zu schnell geleerten Glück!«

»Besser an der Ueberfülle des Genusses zu vergehen, als langsam Tag für Tag zu verhungern!«

»Ich denke nicht so, Leonore,« sagte Urban ruhig, »und darum müssen wir scheiden! Länger mit einander sein, heißt uns auf ewig verlieren! Die Liebe ist todt, wollen wir nicht mit ihr auch die Freundschaft begraben! Wolle nicht den heiligen Opferheerd umstoßen, weil auf ihm nicht mehr die Flamme der Liebe zum Himmel empor steigt! Laß uns mit weiser, bedachtsamer Hand unter der Asche dieser erloschenen Flamme schüren, um das milde Feuer der Freundschaft anzuzünden, groß genug, unser ganzes Leben daran zu erwärmen! Darum lebewohl, Leonore, denke nach über meine Worte, und wenn Du Dich sehnst nach einem treuen, dankbaren Freunde, so rufe mich, und immer werde ich diesem Rufe folgen!«

So sprechend küßte er noch einmal flüchtig Leonorens Stirn, verließ dann eiligst das Gemach. – Ein wilder Schrei drang von Leonorens Lippen, und einen Augenblick sank sie kraftlos zusammen, überwältigt von tiefem, leidenschaftlichem Weh. »Ich habe ihn verloren,« murmelten ihre zitternden Lippen, während heiße Thränen aus ihren Augen stürzten. Aber plötzlich sprang sie empor, ihre Augen flammten wieder, ihr Busen wallte, und die Röthe des Zorns überflog jetzt die eben noch so bleichen Wangen!

»Wehe ihm,« rief sie mit leidenschaftlichem Ton, »wehe ihm, wenn es wahr ist, was ich ahne, wehe ihm, wenn er mich verlassen, um einer Andern sich zuzuwenden!«

Und während Leonore diesen Schmerzen und Zweifeln, dieser Pein des Verlierens, dieser Demüthigung des Verlassenseins sich hingab, schritt Urban leichten Fußes, und getragen von dem glücklichen Gefühl seiner erkämpften Freiheit durch die vom Regen gepeitschten Straßen dahin, bis er zu jenem großen Hause dort gelangte; ihm gegenüber blieb er stehen, und blickte unverwandt nach jenem Fenster, das an dem sonst dunkeln Hause mit seiner hellen Erleuchtung wie ein Stern erglänzte. Vielleicht betete er hinauf zu seinem Stern, vielleicht, daß seine Seele sich geheiligt fühlte vom Schauen dieses Sternes, denn ein tiefer Ausdruck der Ruhe und des Friedens legte sich über seine Züge, und mit einem glücklichen Lächeln flüsterte er leise: »gute Nacht!« – dann wandte er sich sinnend seiner Wohnung zu.

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