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Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
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IV. Der Liebhaber.

»Nein, nein, es geht nicht länger!« sagte Katharina, in heftiger Aufregung im Garten auf und ab wandelnd. »Nein, ich kann dies Leben nicht länger ertragen; es mordet mich, es bringt mich um! –«

Thränen des Zorns glänzten in ihren Augen, ihre ganze Gestalt bebte in der Gewalt ihrer innern Aufregung. Ihre ungebändigte, leidenschaftliche Natur hatte jedes andere Gefühl, jede andere Regung in ihr unterdrückt, sie fühlte, sie wollte nur das Eine, sie wollte vor allen Frauen der kleinen Stadt glänzend gefeiert dastehen, sie wollte das gewonnene Geld so angewandt sehen, wie es ihre Eitelkeit verlangte. Das war seit zwei Jahren der Zielpunkt, das laute und heimliche Wünschen ihres Lebens gewesen, und daß sie dies immer noch nicht erreicht, hatte allgemach ihr Wesen zu einer Bitterkeit und Gluth hinaufgeschraubt, die ihr jedes Mittel, diesen einzigen Zweck zu erreichen, willkommen erscheinen ließ. Sie empfand einen glühenden Haß gegen Thomas, der ihr hindernd im Wege stand, und leise regten sich in ihr unheimliche Wünsche, Wünsche, vor denen sie selbst erbebte, die zu erfüllen es aber vielleicht nur eines Wortes, eines leisen Anstoßes bedurfte. Dazu kam, daß Katharina seit einiger Zeit, ihre Langeweile zu ertödten, ihre unbefriedigten Wünsche einzulullen, sich viel mit Lesen beschäftigte, und die aufgeschraubten, sentimentalen und liebeheißen Bücher, die sie zu ihrer Lectüre wählte, sie nur noch empfindsamer und leidenschaftlicher gestimmt hatten.

»O,« sagte sie jetzt mit unheimlichem Flüstern, »oft ist es mir, als könnte ich ihn mit diesen meinen Händen erwürgen! Er verspottet meine Bildung, verhöhnt mein Streben nach höherer Stellung in der Welt, er, der, wenn er nur wollte, wenn er sein elendes Handwerk aufgeben und anständiger leben wollte, mich zu der angesehensten Dame der Stadt erheben könnte. O, wie es mir das Herz bedrückt, wenn ich in den schönen Büchern lese, wie die Menschen einander so innig lieben, ja wie sie zuweilen sogar sterben vor Liebe. Ach, ich habe noch nie geliebt, mein Herz ist noch Jungfrau geblieben, bis zu dieser Stunde. Aber ich will lieben, ich muß lieben! Jedes Klopfen meines Herzens schreit und winselt nach Liebe! O Schicksal, wo ist Er, der mich lieben könnte! Gieb mir einen Wink, oh Schicksal, zeige ihn mir, den lange erwarteten Geliebten, dem ich mein ganzes Dasein weihen möchte!«

Katharina verstummte, zusammen schreckend, und blickte starr auf das nahe Fliedergebüsch, in dessen Mitte sie einen jugendlich schönen Mann stehen sah. Sie erbleichte, und nicht wissend, ob sie träume, ob sie wache, sank sie kraftlos auf die nahe Gartenbank hin. Aber die räthselhafte Erscheinung kam näher, sie sah ihn, immer noch betäubt, und ihren Sinnen nicht trauend, ein Knie vor ihr beugen, süße, leise geflüsterte Worte schlugen an ihr Ohr, deren Sinn sie nicht verstand, die ihr eine berauschende, entzückensvolle Musik deuchten. Jetzt fühlte sie ihre Hand berührt, jetzt drückte der Knieende einen Kuß auf ihre Hand. Mit der Berührung dieser heißen Lippe war freilich der Zauber gelöst, der Katharina an eine sie neckende Erscheinung glauben ließ, aber mit dem Gefühl der wirklichen Existenz dieser Erscheinung begann ein neuer Zauber Katharinens Vernunft zu fesseln und zu umgarnen. – Es dunkelte vor ihren Augen, ihre Sinne verwirrten sich, und bebend vor innerer Bewegung murmelte sie leise: »Meine Gebete sind also erhört, meine Traume sind erfüllt worden! O mein Gott, mein Gott, ich danke Dir!«

Und nun wandte sie den Blick auf den noch immer vor ihr Knieenden. Er war schön mit seinen dunklen Locken, seinen schwarzen Augen und dem Bart, der sein Gesicht umgab, seine Blicke brannten auf ihr, und machten ihr Herz erbeben in süßen Schauern, seine Lippen lächelten ihr so verführerisch und süß verlockend, und sie fühlte sich schon bereit, diesen lächelnden Lippen Alles zu gewähren, was sie erbitten möchten. Verwirrt, befangen fragte sie: »Aber, mein Gott, was wollen Sie von mir?«

»Sie sehen, edle Frau,« flüsterte der Fremde aufstehend, »Sie sehen und schweigen. Haben Sie nie von der Schlange gehört, die das Vöglein mit Blicken in ihr Netz zieht, daß es unwiderstehlich wie durch Zauberkraft zu ihr sich hindrängt, bis die Schlange mit grausamer Lust das Vöglein verschlingt? Gleich der Schlange haben Sie –« Hier stockte der Fremde, und schien in sichtlicher Verwirrung keine passenden Worte finden zu können, sein Gleichniß zu vollenden. Katharina achtete nicht darauf. Ihr antwortgebendes Herz hatte vielleicht schon bereitwillig die angefangene Phrase vollendet, und sie sagte nur leise: »O wie schön Sie sprechen! Weiter! Weiter!«

Der Fremde unterdrückte mühsam ein spottendes Lächeln, und fuhr fort: »An dem Garten vorübergehend sah ich Sie, die schönste Blume unter Blumen, und von innerm Drange getrieben, nicht achtend der Stimme der Vernunft, die mir sagte, daß Sie mir zürnen würden, eilte ich in Ihre Nähe.«

»O, Sie thaten Recht, dieser Stimme der Vernunft nicht zu achten,« sagte Katharina, glühend vor innerer Aufregung. »Ach, die Stimme der Vernunft bringt oft, ja, ich darf wohl sagen, immer Unheil über uns Menschen. Die Stimme der Vernunft rieth mir einst, mich an diesen Tischler zu verheirathen, der nichts weiß und liebt, als Bretter hobeln und Tische poliren, während die Stimme meines Herzens mir doch zurief, daß mein besseres Selbst dabei zu Grunde gehen müsse. Ach die Stimme der Vernunft ist mein ganzes Unglück!«

»Folgen wir denn,« sagte der Fremde mit einem verführerischen Lächeln, »folgen wir denn der Stimme unseres Herzens! Ich lese in Ihren Augen, schöne Unbekannte, daß Sie nicht glücklich sind.«

Katharina seufzte tief, Thränen entstürzten ihren Augen, und mit krampfhafter Heftigkeit sagte sie: »Unglücklich bin ich, sehr unglücklich! Aber dies soll und muß enden, und in dieser Stunde sei es geschworen, ich muß und will glücklich sein!«

»Und wer glücklich sein will, wird es auch,« sagte der Fremde. »Das rechte Wollen giebt auch die rechte Kraft. Sie zürnen mir also nicht, weil ich es wagte, Sie zu überraschen? O der Maler in mir mag den Menschen entschuldigen! Der Maler sucht stets nach schönen Zügen für seine Bilder, und wo er sie findet, da vergißt er Alles, nur nicht die Schönheit, die er gefunden, und die mindestens sein Pinsel ihm zu Eigen geben soll! Deshalb, Sie sehend, kam ich, keiner Rücksicht achtend, hieher, um zu Ihren Füßen die Schönheit anzubeten.«

»O mein Gott, mein Gott,« seufzte Katharina, deren Nase vor der Gewalt innerer Bewegung bereits ein wenig zu glühen begann.

»Sie seufzen?«

»Muß ich nicht, ich die unglücklichste der Frauen!« rief Katharina im tragischen Affect.

»Ich weiß, daß Sie unglücklich sind,« seufzte der Fremde melancholisch. »Die ganze Stadt erzählte mir davon! O, man rühmte mir Ihre Bildung, Ihren Geist, Ihren edlen Anstand, die Feinheit Ihres Betragens. Man sagte mir auch, daß Sie reich genug sind, um in der Gesellschaft zu glänzen, und daß Ihr Eheherr, als ein ächter Barbar, mit Eigensinn darauf bestehe, ein Tischler zu bleiben, und Ihnen so den Weg zu verschließen, der zu dem, Ihren Talenten gebührenden, Rang und Ansehen führt.«

Katharina war außer sich. Zum ersten Male hörte sie ein menschliches Wesen sie beklagen um das, was sie beseufzte, ihr Recht geben in dem, was sie forderte, und mit überströmenden Augen, bebend und doch glücklich sagte sie: »O man hat Ihnen die Wahrheit gesagt! Mein Mann ist ein Barbar! Aber, bei Gott, ich will es nicht länger dulden!«

Sie schwieg, und ließ ihre kleinen grauen Augen mit dem Ausdruck des Entzückens auf dem Fremden ruhen. »Ich danke Gott,« flüsterte sie dann, »ja, ich danke Gott, der Sie mir entgegen führte. In Ihnen finde ich nach langem Suchen endlich eine gleichgestimmte Seele, die mir, ach, so lange fehlte, ein Herz, das mich versteht, das ich lieben werde! O, wie bin ich glücklich!«

Der Fremde schien zu erschrecken vor dieser schnell angefachten Gluth, und verwirrt stotterte er: »Schöne Frau, ich – «

»Sagen Sie mir nichts,« unterbrach sie ihn heftig, ganz aufgelöst in schnell erwachter, längst ersehnter Leidenschaft. »Sagen Sie nichts, ich weiß Alles, Alles, was Sie sagen könnten! Die Hindernisse, die uns im Wege stehen! Mein Mann, meine Kinder! Aber ich schwöre es, alle Hindernisse sollen und müssen besiegt werden! Aber jetzt, – gehen Sie! Ich muß allein sein! Die Aufregung würde mich tödten, sähe ich Sie noch länger!«

»Sie verbannen mich aus Ihrer Nähe?« fragte der Fremde mit einem Lächeln, von dem Katharina nicht sah, wie spöttisch es war.

»Es muß sein,« sagte Katharina mit fliegendem Athem. »Gehen Sie jetzt, aber morgen, ja morgen in der Frühe erwarte ich Sie hier!«

»Ich werde nicht fehlen,« flüsterte der Fremde, ihre Hand küssend, sich dann mit dem Ausdruck schmerzlicher Wehmuth in seinen Zügen entfernend.

Langsam ging er die Allee hinunter, und verschwand vor Katharinens ihm liebevoll nachschauenden Blicken. In dem Wäldchen, das den Garten begrenzte, angelangt, stand der Fremde still und blickte erwartungsvoll umher. Bald hörte man auch sich nähernde Schritte, und aus einer andern Allee des Gartens eilte Herr Thomas mit Julien einher.

Herr Thomas schien gerade nur noch so viel Kräfte gehabt zu haben, um den Wald zu erreichen, denn jetzt sank er athemlos auf den Rasen hin, und brach in ein lautes, unauslöschliches Gelächter aus, von so ansteckender Art, daß Julie wider ihren Willen zu gleicher Heiterkeit fortgerissen ward.

»Nein, ein herrlicher Spaß,« ächzte er dann. »Das geht ja über Erwarten gut, und ich bin ganz stolz auf mich, diesen Plan erfunden zu haben. Die Käthe steht in hellen Flammen, und jetzt im zweiten Act dieser Komödie bleibt Ihnen nur noch übrig, ihr das ungeheure Opfer begreiflich zu machen, was Sie ihr bringen wollen. Denken Sie doch, blos um in ihrer Nähe zu bleiben, wollen Sie sich entschließen, die Julie zu heirathen. O, Käthe wird überströmen in Seligkeit und Rührung!«

»Aber wird Sie nicht zürnen, wenn sie später den Betrug erfährt?« fragte Julie schüchtern. »Und ist es nicht Unrecht, daß Du sie mit so viel schönen Worten der Liebe und Schmeichelei umstrickst, mein Eduard?«

Der junge Mann drückte die Geliebte an sein Herz und flüsterte leise: »Der Zweck heiligt die Mittel! Dich zu gewinnen ist jedes Mittel recht und gut!«

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