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Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
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II. Waldesgrün

Die Bäume rauschten und flüsterten in grüner Frühlingslust, die junge Birke schüttelte kokett, wie ein junges Mädchen ihr grünes durchsichtiges Lockenhaupt, und die finstere alte Tanne wiegte dazu bedächtig ihre ernsten Zweige, als zürne sie dem losen Geflatter der Jungfrau Birke. Oben in den Wipfeln war ein Morgenconcert veranstaltet. Der Buchfinke hatte die Soloparthie in Gemeinschaft mit der Lerche übernommen, der Spatz und die Amsel, das Rothkehlchen und die Grasmücke sangen die begleitenden Stimmen, der Sperber war der tactschlagende Dirigent. Und es war ein zahlreiches Publicum, vor dem dies Concert gesungen ward; unten auf den Grashalmen saßen Würmer und Käfer, andächtig lauschend und inne haltend in ihren ernsten Kriechbeschäftigungen, um dem Concert ihr ganzes Ohr zu leihen. Als jetzt die Sänger einen Augenblick verstummten, hörte man unten ein leises Knacken und Poltern, mit dem vielleicht das Publikum sein applaudirendes Beifallsgeräusch wollte zu erkennen geben: der Schmidt machte vor Freude einige Luftsprünge, der Maikäfer aber, ein ewiger Malcontent, fiel mit zischendem Gesumme ein, der Johanniskäfer kroch die hohe Leiter des Grashalms höher hinauf, um besser hören zu können, und schwankte dann vergnüglich auf der Spitze seines luftigen Sitzes hin und her. Das Eichhorn aber warf zum Zeichen seiner Anerkennung als Lorbeerkranz eine köstliche Nuß zu den Füßen der Lerche hin, die nun wieder eine mächtige Arie intonirte, der Wurm und Käfer mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten, ja sogar die Spinne, die dort zwischen zwei Marienblümchen ihr glänzendes Netz ausgespannt, selbst diese Spinne lugte einen Augenblick aus ihrem durchsichtigen Feenpalast hervor, und die grüne Raupe kroch eiligst den Stamm der Eiche hinauf, um, wenn die Lerche ihre Arie vollendet, in heißem Wonnedrang sich selbst als Opfer darzubieten, bereit und willig, verschlungen zu werden. Nur die Ameisen, in nie rastender Geschäftigkeit, hatten nicht Zeit dem Concerte zuzuhören; sie wackelten und balancirten die Grashalme auf und ab, und trugen ihr Mittagsmahl zusammen. Dort sogar kam ein ganzer Trupp daher, ein wahrer Volksauflauf, was aber bei den Ameisen nicht verboten ist; sie schleppten mühsam einen Spinnenfuß, der wahrscheinlich als Hasenbraten beim glänzenden Diner heute verzehrt werden sollte. Die Sache machte Aufsehen unter dem Ameisenvolke und unter jedem Sandkorn hervor schlüpften sie eilig herbei, das Wunder anzuschauen. Auch der Wind wollte seinen Antheil haben an der allgemeinen Lust, er spielte schäkernd mit Jungfrau Birkens grünem Haar, und zerzauste neckend der Eiche dichtes Laub, zuweilen auch zertheilte er mächtig das niedrige Gesträuch, und dann sah man mit silbernem Glanze aufflackernd den hüpfenden Waldbach, der leise murmelnd vorüberzog. O, an den Ufern dieses Baches war es lauschig und still, unter einer hängenden Trauerweide hatte irgend ein empfindsamer Wanderer eine Rasenbank errichtet, und auf derselben saß jetzt ein holdes, blondlockiges junges Mädchen. Ein Buch ruhte in ihrer Hand, aber sie las nicht; ihre glänzenden, blauen Augen waren aufwärts gerichtet, träumend, sinnend blickte sie in die Ferne, aber es mußten Gedanken freundlicher Art sein, denn sie lächelte dazu, und ihr Busen wogte stürmisch auf und ab. Aber jetzt wurden die Zweige hinter ihr sorgfältig aus einander gebogen, und der Kopf eines jungen Mannes ward sichtbar. Vorsichtig lauschend schaute er hin auf das Mädchen, das, ihn nicht gewahrend, unbeweglich da saß. Jetzt trat er rasch vor, und als Julie erschreckt sich wandte, lag der Freund schon zu ihren Füßen, ihre Hände an seine Lippen drückend, und sie mit holden Liebesworten begrüßend. »Eduard,« rief das Mädchen, erglühend in freudigem Schreck, »Eduard, mein Geliebter! Du hier?«

»Und wo,« fragte er, sie mit einem seligen Lächeln anschauend, »wo sollte ich anders sein, als bei Dir, mein Mädchen, bei Dir, meine holde Geliebte! Ach, seit Du die Residenz verlassen, schien sie mir so öde und leer, ich irrte umher, wie in einer Wüste. Alles in meinem Herzen, meiner Seele schrie nach Dir, drängte sich Dir nach. O mein Gott, ich war so unglücklich, weil Du ferne warst, weil meine Augen Dich nicht sehen, meine Arme Dich nicht umfassen konnten! Und was willst Du, der Mensch ist dazu berufen glücklich zu sein, – mußte ich da nicht zu Dir eilen, meine Geliebte?«

»Er ist wieder da,« rief sie, die Arme ausbreitend, »er ist wieder da,« rief sie den Bäumen und den Vögeln, und leise, wie eine Antwort, zog ein Lispeln und Flüstern durch die Bäume, und die Vögel verstummten. »O, ich danke Dir, mein Gott, ich habe ihn wieder!«

Und sie zog den Freund an ihre Brust, weinend vor seliger Rührung. Eduard preßte sie fest an sich, sie innig küssend, die Ameisen aber, dies sehend, wandten sich erröthend und liefen davon, Jungfrau Birke rauschte vergnügt und lächelnd, die Lerche ließ zuweilen einen hellen Jubelton erschallen, gleichsam das Echo der Empfindungen, welche die Brust der beiden Liebenden beseelten. Lange waren sie stumm vor Lust und Glück, dann sagte Eduard, der Geliebten tief in die Augen schauend: »Und nun laß Dir sagen, Holdeste, ich gehe nicht ohne Dich wieder aus dieser Gegend fort. O, laß uns vereint dem Leben kühn gegenüber treten, laß uns Hand in Hand den Stürmen Trotz bieten und seiner Bedrückungen lachen. Arm, wie wir Beide sind, wollen wir die Armuth besiegen in Liebe, und des Mangels nicht achten in Freudigkeit! Ach das Leben ist zu kurz zum Warten und Harren, man muß ergreifen und erzwingen, was es Schönes uns darbietet. Deshalb sprich, mein Mädchen! zagst Du nicht, Deine Zukunft mir anzuvertrauen? Fühlst Du den Muth, Dein Leben dem meinen zu vereinen und vielleicht Kummer und Sorge mit mir zu theilen? Fühlst Du die Kraft, der Armuth nicht zu achten und glücklich zu sein auch ohne Reichthum?«

Julie sagte, unter Thränen lächelnd: »Für ein Mädchen, das wahrhaft liebt, giebt es nur Einen Reichthum, das ist der Besitz des Geliebten, nur Ein Entbehren, und das ist, ihn nicht immer sehen zu können! Mag äußere Armuth uns bedrücken, wir werden im Herzen reich sein an unvergänglichen Schätzen der Liebe!«

»So bist Du mein!« sagte Eduard feierlich, und drückte einen langen Kuß auf ihre Lippen. »In dieser Stunde verlobe ich mich Dir für immerdar! Hinfort kann nichts uns trennen, als der Tod!«

»Auch dieser nicht!« flüsterte Julie, »jenseits des Todes ist ein Wiederfinden. Die Gelehrten mögen es bezweifeln, die Liebenden wissen es!«

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