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Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 23
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
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XV. Ehebruch und Ehescheidung

Es war am Abend dieses Tages, als der Präsident Arnold, tief in seinen Mantel gehüllt, sein Haus verließ. »Wenn Jemand nach mir fragt, so sage, ich sei unwohl, und deshalb nicht zu sprechen,« befahl er seinem Kammerdiener.

»Und wenn die Frau Präsidentin fragen?« sagte dieser mit einem verschmitzten Lächeln.

»Sie wird es nicht, denn sie weiß, daß ich in Geschäften abwesend bin, und erst spät heimkehre.«

Er nickte seinem Diener flüchtig zu, und trat hinaus auf die Straße; das Gesicht vorsichtig in seinen Mantel verhüllend, so oft er vor einer der Gaslaternen vorüber kam eilte er mit beflügelten Schritten vorwärts und trat endlich in ein großes stattliches Haus in der Friedrichstraße, wo er die Stiegen hinan schritt und in eine, wie es schien, absichtlich offen gehaltene Thür eintrat. – Der Präsident schritt vorsichtig weiter, hoch klopfenden Herzens, er wußte selber nicht, ob im Gefühl des nahen Glückes, oder der Furcht vor diesem dunklen verbotenen Wege. Jetzt öffnete sich die Thür, und eine Stimme fragte: »Sind Sie es?«

»Ich, Arnold!« sagte der Präsident, in das Zimmer tretend, und den Mantel abwerfend.

»Die gnädige Frau ist im andern Zimmer,« sagte die Kammerzofe mit einem unverschämten Lächeln. – Leise öffnete Arnold die bezeichnete Thür, – leise, – ob er Ueberraschung, unwillkommene Zeugen fürchtete, ob er überraschen wollte? Sein Eintreten schien aber wirklich nicht bemerkt worden zu sein, denn Niemand rief ihm ein Willkommen entgegen, und die ruhende Frauengestalt dort auf dem Divan rührte sich nicht. Sie war schön diese Gestalt, schön und üppig anzuschauen; die entblößten runden Arme lagen so nachlässig da, der köstliche, volle Busen, die sanft gerundeten weißen Schultern waren hie und da nur leise verschleiert von dem langen schwarzen Haar, das aufgelöst über Gesicht und Hals hinab hing, das dunkelrothe faltige Seidenkleid contrastirte so grell zu dem hellen frischen Fleisch, dem dunkeln Haar, und war künstlich geordnet, um alle die schönen Formen errathen zu lassen. Es war ein wollüstiges, lockendes Bild, dessen Absichtlichkeit Arnold nicht empfand, dessen Zauber er aber unterlag. Er schob leise den mit köstlichen Früchten und Champagner besetzten Tisch, der vor dem Divan stand, zurück, und knieete nieder, um das schöne Weib näher anzuschauen und sie mit Küssen zu wecken. Jetzt regte sie sich, und das Haupt zu ihm hinwendend schaute der entzückte Präsident in Leonorens glänzende Augen. – Ja, es war Leonore, die ihm hier ein Rendezvous bewilligt, die bereitwillig seinen Wünschen entgegen gekommen, vielleicht sogar ihn zum Wünschen kühn gemacht. Nicht, als ob Leonore Gefallen empfunden an Arnold, nicht, als ob sie ihn liebte; o, über dergleichen weibliche Schwachheiten war sie längst hinaus; solche Schwärmereien belachte sie; sie glaubte so wenig bei sich, als bei Andern an Liebe, sie glaubte nur noch an die Aufregung der Sinne, an Berechnung und Egoismus. Und kalte Berechnung und kleinliche weibliche Rachsucht war es gewesen, was Leonore so schnell dem, Präsidenten Arnold geneigt gemacht. Es war ihr willkommen, einen Präsidenten unter ihren Anbetern zu haben, und sie wollte über diesen eine unbedingte Herrschaft üben, weil er der Gemahl Irma's war, weil sie durch ihn Irma zu kränken hoffte. Denn sie haßte Irma, haßte sie um deshalb, weil sie gegen Irma gesündigt, weil sie, dieser gegenüber, sich beschämt, beklommen fühlte, eingedenk ihrer Schuld, weil Irma's stilles, stolzes Antlitz, Irma's ruhige ernste Blicke sie demüthigten, weil sie empfand, daß sie, Leonore, die stolze, gefeierte Künstlerin, gedemüthigt und klein dieser reinen, weiblichen Natur gegenüber stand. Und weil sie sie haßte, und weil sie sich gedemüthigt fühlte, wollte sie demüthigen, wollte sie sich rächen, indem sie Irma den Gemahl entzog, wie einst den Geliebten. Irma sollte sie mindestens fürchten, sollte mindestens durch sie ihre milde, stolze Ruhe verlieren, sollte gezwungen werden, ihr aus Furcht freundlich und zuvorkommend zu begegnen. Einer koketten Frau ist nichts süßer als ihrer Feindin den Geliebten, den Gemahl zu entwenden, sich das anzueignen, was gerade ihr nimmer angehören sollte, die Rechte zu usurpiren, die einer Andern gehören. Deshalb wird eine echte Kokette fast immer lieber mit einem Ehemann, als mit einem Unverheirateten ein Verhältniß anknüpfen, weil das Verbot, die Schranke sie reizt, weil es minder ernst, minder gefährlich ist, einem schon Verheiratheten Liebe zu schwören; denn dieser kann in der Liebe nicht auch Treue fordern, er kann, selber gefesselt, nicht auf immer fesseln wollen; es ist ein Genuß des Augenblickes, ohne die unangenehmen Consequenzen, die der unverheirathete, werdende Liebhaber aus solchem Genuß beanspruchen möchte. Der Verheirathete kann an den Schwur der Liebe nicht die Forderung des Alleinbesitzes knüpfen.

»So spät?« fragte Leonore den knieenden Präsidenten. »Wirklich, ich war eingeschlafen vor Erwartung.«

»Dann scheint mindestens diese Erwartung nicht aufregender Art gewesen zu sein,« sagte Arnold mit leichtem Stirnrunzeln.

Leonore hatte sich halb aufgerichtet, und sagte jetzt mit einem reizenden Lachen: »Ach, jetzt schon Murren und Zürnen? Sie fangen früh an, den Despoten zu spielen, mein Herr Präsident!«

»O das Glück, von Leonoren geliebt zu werden, ist so überwältigend, so neu, daß ich jeden Moment fürchte, es zu verlieren, es nur geträumt zu haben.«

»Nichts jetzt von Träumen,« sagte Leonore, aufstehend. »Träumen wollen wir nachher, träumen, schwärmen, Liebe schwören, jetzt aber zuerst soupiren. Aber zuerst, schauen Sie sich um! Wie gefällt es Ihnen in meinem kleinen Schlupfwinkel! Nicht wahr, es ist lauschig hier und still? Sehen Sie, die Portieren sind dick genug, keinen Schall, kein Wort, das hier gesprochen wird, zu verrathen, die Teppiche weich genug, jeden Fußtritt unhörbar zu machen, und jene Thüre da führt auf die kleine geheime Treppe, zu meinem concessionirten und vom Herrn Gemahl inspicirten Schlafzimmer. Aber wie, Sie runzeln schon wieder die Stirn?«

»Sprechen wir nicht vom Gemahl,« sagte Arnold ernst. »Das ist bedrückend, denn es ist ebenso schmerzvoll, einen Ehrenmann zu täuschen und um sein Liebstes zu betrügen, als es meiner Liebe kränkend ist, ihm Rechte über Sie gestatten zu müssen!«

»O pah, nur nicht empfindsam, liebster Präsident,« rief Leonore verächtlich. »Wollen wir doch den Moment genießen, statt ihn mit moralischen Betrachtungen uns zu verbittern? Ich zum Beispiel mache mir gar keine Vorwürfe in Hinsicht der Frau Präsidentin Irma. Warum hat sie es nicht verstanden, sich den Gemahl so zu fesseln, sei es durch Liebe, oder durch Tyrannei, daß er, ein willenloser Gefangener, allein zu ihren Füßen seufzt und schwärmt? Und ist es denn meine Schuld, daß mein Herr Urban nicht gewußt hat, mein Herz sich zu bewahren? Glauben Sie mir, wir sind minder schuldig, als diese Beiden, die in ihrem Herzen vielleicht dieselben Wünsche hegen, als – doch davon nachher!«

»Und sind wir sicher, von Ihrem Gemahl nicht überrascht zu werden?«

»Ganz sicher! Er weiß es gar nicht, daß diese beiden Zimmer noch zu unserer Wohnung gehören. Ein vertrauter Freund mußte sie während unserer Kunstreise miethen und einrichten, und von meinem Schlafzimmer aus eine Thür zu der Treppe durchbrechen. Diese Thür wird von den Vorhängen meines Bettes ganz bedeckt, und Urban ahnt nichts davon. Ueberdies weiß er, daß ich krank bin. Schon seit einer Stunde habe ich mich in meinem Schlafzimmer da oben eingeschlossen. Nicht wahr, dies ist bequem und angenehm! O, wie beneide ich die Franzosen um ihre petits maisons, das war eine herrliche Erfindung der fröhlichen Damen Ludwig's des Fünfzehnten. Kommen Sie, wir wollen ihnen ein Vivat bringen!«

»Und kein Wort, kein einziges Wort der Liebe sagen Sie mir?« fragte Arnold zärtlich.

»Ich sage kein Wort, denn ich spreche durch Thaten; ich beweise Ihnen meine Liebe, indem ich Sie hier empfange, hier in diesem Heiligthum der Liebe. Was wollen Sie mehr? O nur keine Schwärmereien, Theurer, kein zärtliches Wortgeklingel und Kosen. Lassen wir dies der Bühne und den Theaterheldinnen! Mein Gott, ich muß allabendlich die Liebe in so viel schönen und zarten Worten schildern und darstellen, daß ich Gott danke, wenn ich endlich wieder nach all' diesen Süßigkeiten und poetischen Floskeln frei aufathmen, die Maske von meinem Gesicht nehmen, natürlich, ungezwungen sein kann. Aber die Lampe da brennt so dunkel, wollen wir sie heller schrauben!«

»O Leonore, wie schön sind Sie!« rief Arnold, als jetzt das volle Licht der Lampe ihr Antlitz, ihre entblößten Schultern bestrahlte. »Ein göttliches, hinreißendes Weib, das man lieben muß bis zum Wahnsinn, zur Raserei.«

»So hör' ich's gern,« sagte Leonore, seine Umarmung, seine Küsse duldend. »Endlich zeigen Sie sich so, wie ich Sie zu sehen wünsche. Weg mit diesen Convenienzen, diesen Berücksichtigungen der Welt. Diese Stunde haben wir der Welt und ihren Formeln weggestohlen, lassen Sie denn uns dieselbe genießen!«

»Ja, genießen!« sagte Arnold leidenschaftlich, und zog Leonore näher zu sich hin.

»Kommen Sie, zuerst den materiellern Genuß, daß das Blut siedet und die Gedanken schwinden. Lassen Sie den Champagner brausen und sprudeln, mit dem ersten Glase wollen wir den Präsidenten begraben, mit dem zweiten die Schauspielerin Leonore, daß von uns Beiden nichts weiter übrig bleibt, als reine, ungefesselte naturvolle Menschen, die nichts wollen, als leben, lieben, glücklich sein und die Stunde genießen, wo sie sich darbietet!«

»So soll es sein!« sagte der Präsident glühend und ließ den Champagner sprudeln. – Und sie tranken von dem schäumenden Wein, und bald sprüheten Leonorens Augen wildere Flammen, war Arnold's gewöhnliches Phlegma der Gluth, der Leidenschaft gewichen. Manches kecke Wort, manch' unzüchtiger Scherz tönte von seinen Lippen, und ward von Leonoren mit fröhlichem Lachen begrüßt, mit keckeren Scherzen erwiedert. Da war nichts, was sie erröthen machte, nichts, was sie nicht wagte auszusprechen; in freier, ungefesselter Laune sprudelte sie ihre üppigen Gedanken, glühenden Liebesphantasten aus, Arnold immer anfeuernd zu gewagteren Scherzen, zu kühnern Umarmungen. –

»O, es giebt nur Eine Weisheit,« sagte sie mit fliegendem Athem, mit flammenden Augen, »die Weisheit des Genusses.«

»Und diese Weisheit soll unser sein!« rief Arnold, taumelnd von Liebe und Wein, und preßte sie fester an sich. –

Es war eine wilde, bacchanalische Nacht, eine wüste, entzückensvolle Orgie, aus der Arnold sich wüst, und fast besinnungslos endlich erhob. Der Tag begann bereits zu dämmern, als er endlich, müde und erschöpft, in seine eigne Wohnung zurückkehrte, um bald in einen todesähnlichen Schlaf zu versinken.

Spät erhob er sich am andern Morgen von seinem Lager, und mit einer Art Widerwillen und Grausen gedachte er jetzt der verflossenen Nacht, die seinen entnüchterten, abgestumpften Sinnen jetzt ein trüber, wilder Traum bauchte, ein Traum, den er fast bereuete, nicht im Gefühl verletzter Pflichten, sondern aus Degout, aus Ermattung. Deshalb erschrak er sichtlich, als die Thüre sich jetzt öffnete und Irma eintrat.

Mein langes Ausbleiben hat ihren Verdacht erregt, dachte er verdrießlich, sie kommt, mir Vorwürfe zu machen! Das ist aber ebenso lästig, als ungehörig. Mein Gott, ein Ehemann ist doch in Wahrheit ein Sclave!

Irma aber trat ihm mit einer stolzen, feierlichen Ruhe entgegen, die ihm imponirte.

»Es scheint ja etwas sehr Feierliches, was Du mir sagen willst,« sagte er deshalb verdrießlich und brusque.

»Es ist auch so!« sagte Irma, nach Athem ringend. »Es ist ernst und feierlich, was ich Dir sagen will, und ich bitte Dich, höre mich endlich mit Ruhe und Geduld an. Ich komme, mich anzuklagen!«

Arnold athmete erleichtert auf, und nahm schnell die Miene der Autorität, des Beleidigten an. Er erinnerte sich dumpf einer Erzählung Leonorens, sie hatte ihm, schien es ihm, von einem frühern Verhältniß ihres Mannes und seiner Gattin Kunde gegeben; und er empfand schon eine tiefe Indignation bei dem Gedanken an ein mögliches, fortgesetztes Einverständniß dieser Beiden.

»Dich anzuklagen?« wiederholte er nach einer Pause. »Ich will nicht fürchten, daß meine Gattin ihre Pflichten vergaß, um – «

»Ich bitte Dich,« unterbrach sie ihn ernst, »laß mich erst Dir Alles sagen, ehe Du entscheidest, ob ich Pflichten verletzt, ob ich mindestens, wenn ich dies that, nicht zu entschuldigen bin.«

Und mit würdiger, freimüthiger Ruhe erzählte Irma jetzt ihrem Gatten die unschuldige, schöne Geschichte ihrer Liebe zu Urban, die Lüge und Intrigue Leonorens, und ihren endlichen Entschluß, um Urban's willen Arnold ihre Hand zu reichen. Sie verschwieg ihm nichts von den Qualen, von dem Leid dieses an Arnold's Seite verlebten Jahres ihrer Ehe, sie ließ ihn hineinschauen in die verborgenen Schmerzen und Kämpfe ihrer einsamen thränenreichen Nächte, sie entrollte vor ihm dies ganze, herzzerreißende Gemälde eines liebeleeren, durch Pflichten, gefesselten Daseins, und dann sagte sie ihm mit hohem, freudigem Muthe von Urban's Wiederfinden, von dem Erkennen der Intrigue, die zwei liebende Herzen von einander gerissen, von ihrer Freude, diese Intrigue endlich enthüllt, Urban endlich ihrer Liebe wieder werth zu finden. Sie verschwieg ihm nichts, weder das Begegnen im Atelier, noch Urban's Besuch bei ihr, weder seine erneuerte Liebe, noch die ihre.

»Und das erzählst Du mir mit einer Ruhe und Freudigkeit,« sagte Arnold gereizt, »als ob Du mir da eine Heldenthat, nicht ein Verbrechen mittheiltest. Denn ein Verbrechen ist es, wenn ein Weib, ein Eheweib so weit sich vergißt, die unzüchtigen Liebesschwüre eines Andern anzuhören, ein doppeltes Verbrechen, wenn dieser, gleich ihr, verheirathet ist. Es ist ein doppeltes Vergessen aller geheiligten Pflichten, ein fluchwürdiges Vergehen gegen die Gesetze der Moral und Sitte zugleich.«

Der Präsident sprach mit Feuer und Energie, er hörte sich selbst mit freudigem Stolze zu, und indignirte sich immer mehr über Irma's »Verbrechen«, und diese Indignation half ihm glücklich hinweg über die Erinnerung an die verflossene Nacht. Er vergaß sie ganz, um sich nur zu entsinnen, daß seine Gattin ihre Pflichten als solche verletzt, die schuldige Treue gebrochen und als Schuldbeladene vor ihm stehe. –

Irma sagte ruhig: »Es liegt in Deiner Hand alle diese Wirren zu lösen, diese Kämpfe auszugleichen!«

»Dies, dachte ich, wäre an Dir, und nicht an mir,« sagte Arnold mit schneidendem Hohn. »Du bist die Schuldige, Du mußt versöhnen!«

»Eine Versöhnung ist nach dem, was ich Dir mitgetheilt, unmöglich,« erwiederte Irma gelassen, »das heißt, eine Versöhnung und Schlichtung dieser innern Gemüthszustande. Ich kann in meinem Herzen keine Liebe für Dich wieder wach rufen, Du nicht in dem Deinen. Denn auch Du, Arnold, liebst mich nicht, auch auf Dir hat diese liebeleere, kalte, nichts gebende, nichts verlangende Ehe mit Centnerschwere gelastet. Wir haben, eins neben dem andern hergehend, Beide vergeblich das Glück gesucht und es nicht gefunden, laß es uns auf getrennten Wegen suchen, laß uns, da wir den Irrthum unserer Ehe erkannt, mit gläubigem Vertrauen Beide einem neuen Leben entgegen gehen, eine neue Zukunft uns erschließen. Ich gebe Dir gern Deine Freiheit zurück, gestatte mir die meine, und Alles kann gut und glückselig werden!«

»Du willst eine Scheidung?« fragte der Präsident.

»Ich will das, was Du selber wollen mußt,« antwortete sie gelassen, »was jeder Ehrenmann nach einem Geständniß, wie das meine ist, sogar fordern muß, eine Scheidung!«

Der Präsident blickte sie schweigend an, und jetzt sah er, was er seit lange nicht mehr geahnt und gewußt, sah er, daß Irma schön sei und begehrenswerth; er hatte das nicht beachtet an der Irma, die sein Weib, seine Gattin gewesen, er sah es aber an der Irma, die zu verlieren er im Begriff stand, die sein Weib zu sein aufhören wollte, und diese Irma hatte wieder Reiz, wieder Bedeutung für ihn. Vielleicht waren es auch die stürmischen Aufregungen dieser Nacht, die seine Sinne noch in höherer Spannung und Reizbarkeit hielten, und ihn für das Erkennen ihrer Schönheit empfänglicher machten. Diese Irma däuchte ihm zu schön, um sie aufgeben und verlieren zu können, und er war schon fest entschlossen, dies nicht zu thun.

»Es giebt noch ein anderes Mittel, diese Wirren zu lösen,« sagte er, sich ihr nähernd, »ein schöneres und minder gewaltsames Mittel. Ich kann vergessen und verzeihen, und die Gattin, die ihre Untreue bekennt und bereut, kann ich und werde ich wieder liebend in meine Arme nehmen.«

Er wollte sie umarmen, aber Irma erschrak vor den eigenthümlichen, sinnlichen Blitzen seiner Augen, sie trat stolz zurück und sagte ernst: »Dies wäre eine unmännliche feige Schwäche, um derentwillen ich den Mann verabscheuen müßte, den ich in meiner Erinnerung gern achten möchte.«

»Verabscheue mich immerhin,« sagte er brusque, »nur wolle nicht, daß ich Dich aufgeben soll. Du bist mein Weib, und bleibst es, und diesem Herrn Urban werde ich darthun, daß ich den Besitz meiner Gattin mit Niemand zu theilen gesonnen bin.«

»Ist dies Dein Ernst, kann dies Dein Ernst sein?« fragte sie bebend. »Du beharrst auf dieser Verbindung mit mir, wenn ich Dir sage, daß ich Dich nicht liebe?«

»O was!« rief er verdrießlich. »Die Liebe ist auch gar nicht das Nothwendigste in der Ehe.«

»Wenn ich einen Andern liebe?«

»So verbitte ich mir dies,« rief er auffahrend. »Wenn Du schamlos genug bist, ohne Erröthen eine solche ehebrecherische Liebe bekennen zu können, so ist das ein Muth, der mich mit Abscheu, mit Entsetzen erfüllt, der mich aber nicht beugen wird. Diese Schwärmereien werden sich legen, die Wellen dieser Leidenschaft werden austoben, und wieder ruhiger geworden, wirst Du es mir danken, daß ich Dich und mich vor einem Schritt bewahrte, der Dich nothwendiger Weise auf Abwege hätte führen müssen. Und dann, was hülfe es, wenn ich Dich frei gebe, da Urban gebunden ist?«

»Er fordert zu dieser Stunde von seiner Gattin die Einwilligung zur Scheidung,« sagte Irma ruhig.

Der Präsident erschrak. Wie ein Blitz durchfuhr ihn der Gedanke, daß Leonore vielleicht im Stande sei, in diese Scheidung zu willigen, um dann Ansprüche auf ihn zu machen. Ha, er, der Präsident, mit Aussichten dereinst Minister zu werden, er, der Gatte einer Schauspielerin! Er hatte Leonore hinlänglich kennen gelernt, um zu wissen, daß sie Energie genug besitze, das, was sie beschlossen, durchzuführen, und mit ihrer Gewandtheit in der Intrigue, das Gewollte auch zu erreichen. Wenn sie einmal in diese Scheidung gewilligt, dachte er, so wird sie Alles in Bewegung setzen, auch mich zu einer Scheidung zu zwingen, damit ich sie zu meiner Gemahlin erhebe. Ja sie ist, so wie ich sie kenne, sogar im Stande, die Geheimnisse dieser Nacht zu verrathen, wenn es darauf ankommt, Belege für ihr Verhältniß mit ihr aufzudecken. Dies wäre aber entsetzlich und könnte meine ganze Stellung ruiniren.

Er erklärte daher entschieden, niemals in eine Scheidung von Irma zu willigen.

»Ich bin aber entschlossen, eine solche durchzusitzen,« sagte Irma fest. »Ich werde also in dieser Stunde noch mit meinem Vater sprechen, und selbst die Oeffentlichkeit nicht scheuen, wenn es darauf ankommt, meinen heiligen Zweck zu erreichen!«

»Thue es immerhin,« sagte der Präsident; »es wäre in der That neu, wenn ein Mann, ohne die geringste Veranlassung gegeben zu haben, und wider seinen Willen, zu einer Scheidung könnte gezwungen werden.«

Irma grüßte ihn stolz und begab sich zu ihrem Vater. – Der Präsident aber sagte: »Und jetzt muß ich Alles in Bewegung setzen, um vor allen Dingen Leonoren zu gewinnen, daß sie nicht leichtsinnig in eine Scheidung willigt.« –

Er fuhr sogleich zu ihr, und fand sie erschreckt und zitternd, denn Urban hatte so eben in stürmischer und zugleich ernster Weise ihre Einwilligung zur Scheidung verlangt. »Er muß also,« sagte sie bleich und angstvoll, »ein Zeuge dieser Nacht gewesen sein, obwohl ich nicht begreife, wie dies sein kann!«

Der Präsident lächelte, und sagte: »Und die kluge schöne Leonore ahnt nicht, daß ihr Gatte, nicht sie, sich einer frechen Untreue hier schuldig gemacht? daß er sie verlassen, verstoßen will, um dafür einem minder schönen, minder anmuthigen Weibe seine Hand zu reichen. Ja, Ihr Gatte und meine Gattin treiben ihre ehebrecherischen Gesinnungen so weit, daß sie, um sich zu verbinden, uns Beide zu einer Scheidung zwingen wollen, damit sie sich alsdann verbinden können.«

»Das soll ihnen nicht gelingen,« rief Leonore mit flammenden Augen, »ich mindestens werde niemals in eine Scheidung willigen, die mir überdies nutzlos ist, denn ich bin katholisch.«

Der Präsident athmete erleichtert auf, und verabredete mit Leonoren einen festen, consequenten Plan des Widerstandes.

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