Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Luise Mühlbach >

Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 22
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
Schließen

Navigation:

XIV. Du bist Mein!

Diese drei Tage waren endlich verstrichen! Wie sie vergangen, das wußte Irma kaum. Sie hatte sie mühsam durchathmet, durchzittert; einmal auch hatte sie sich aufgerafft zu dem festen Entschluß, Arnold ihr ganzes Innere zu offenbaren; sie ging zu ihm, und sagte ganz muthig: »Entsinnst Du Dich, Arnold, daß Du vor unsrer Verbindung mich fragtest, ob ich einen Andern liebe?«

Der Präsident blickte auf von dem Buche, in welchem er las, und sagte gelassen: »Ja wohl, Irma.«

»Damals sagte ich Dir, daß ich keinen Andern Dir vorzöge,« sagte Irma schneller. »Und es war Wahrheit, denn ich glaubte mich von dem, welchen ich liebte, schmählich betrogen, verrathen!«

»Und was soll das jetzt?« fragte Arnold aufstehend, und das Buch weglegend.

»Nun, jetzt erfahre ich, daß eine schmachvolle Verleumdung damals es war, die mich von einem heißgeliebten Manne trennte, daß er meiner Liebe, meiner Achtung noch werth ist.«

Sie schwieg und lehnte sich erschöpft, hochklopfenden Herzens an die Wand. Der Präsident ging einige Male schweigend auf und ab, dann blieb er vor Irma stehen, und sagte halb verdrießlich: »Liebes Kind, wozu nun diese Erklärungen. Sie nützen und führen zu nichts, und regen Dich nur ohne Noth auf. Hast Du die Ueberzeugung, Jemand, den Du einst innerlich aufgegeben, vielleicht verachtetest, wieder gewonnen zu haben, ihn Deiner Liebe Werth zu finden, so ist das ein immenser Gewinn, zu dem ich Dir nur Glück wünschen kann, und den ich Dir von ganzem Herzen gönne. Die nähern Details dabei bitte ich Dich, Dir und mir zu ersparen. Solche Dinge sind eine peinliche Zugabe der Ehe, und wo man kann, sollte man sich derselben enthalten; aus diesem Grunde bitte ich Dich auch, mir den Namen dieses Individuums streng zu verschweigen. Sobald ich ihn weiß, müßte ich des Anstandes halber vielleicht meine Thüre einem Manne verschließen, den bei Dir zu sehen Dir vielleicht Freude macht. Du siehst, ich bin durchaus nicht eifersüchtig; übrigens erkenne ich vollkommen Deinen guten Willen, mich zum Beichtvater Deines Herzens machen zu wollen, und danke Dir für dies Bestreben. Und jetzt, mein Kind, laß uns von andern Dingen sprechen. Um Dein Entgegenkommen zu erwiedern mit Vertrauen, muß ich Dir sagen, daß diese Schauspielerin Leonore mich wirklich sehr interessirt, und daß ich denke, Du entschuldigst diese meine kleine poetische Schwäche ebenso sehr, wie ich die Deine! Es wäre mir angenehm dieser gefeierten Künstlerin meinerseits auch eine Huldigung darzubringen. Du bist doch einverstanden, daß wir ihr eine glänzende Soiree geben? Ich sagte ihr schon davon!«

Irma erklärte sich bereit und willig, und ging dann abgemattet und erschöpft in ihre Zimmer zurück. Ihr großmüthiger und edler Entschluß war zurück gewiesen. Sie hatte mit ihrem Herzen gerungen, daß es der strengen Pflicht sich zum Opfer bringe, aber dies Opfer war unter den Händen dessen, für den es gebracht werden sollte, zu einer unwerthen Kleinigkeit zusammen geschmolzen, zu einer Unnöthigkeit. Gleich dem Abraham war sie bereit gewesen, ihr liebstes Kleinod auf dem Altar der Pflicht zu opfern, und inmitten ihrer todesmuthigen Entzückung war ihr die Stimme ihres Eheherrn erklungen, das heilige Opfer verwerfend, um dafür das Opfer eines Gastmahls zu begehren! Und Irma fühlte sich erniedrigt, gedemüthigt mit ihrem entsagenden Heldenmuth, indignirt von der Gleichgültigkeit dessen, für den sie so viele Schmerzen litt und gab. Eine trostlose Leere und Oede umgab sie, in lautlose Einsamkeit fühlte sie sich hinein gestoßen, o, mußte sie dieser nicht entfliehen, um sich zu retten in die Arme dessen, der bereit war aus dieser Wüste sie zu befreien, und in ein Paradies des Glückes zu führen, dessen Stimme ihr erklungen war wie das hülfeverkündende Glöcklein dem in Schnee begrabenen erstarrten, halbtodten Wanderer? Mußte sie nicht hülfeschreiend ihm ihre Arme entgegen strecken, als einen gottgesandten Engel ihn begrüßen?

Diese drei Tage waren endlich vorüber. Urban war da, er saß zu Irma's Füßen, und ihre Hände fest in den seinen haltend blickte er zu ihr auf mit so leuchtenden liebestrahlenden Augen, daß Irma ihr Herz sich zusammenziehen fühlte vor Lust und Pein.

»Still,« sagte er lächelnd, als sie ihre Augen erröthend senkte, »unterbrich mich nicht, Irma, ich sprach mit Deinen Augen. Schlage sie wieder empor, Liebe, daß ich in ihnen wieder lesen mag von der geheimen Geschichte dieser drei Tage! O, ihr lieben Augen! Ich sehe es wohl, Irma hat viel gekämpft, viel gerungen, und ihr habt viel geweint, ihr meine schönen Augen. Aber jetzt bin ich gekommen, eure Thränen zu trocknen, und wenn ihr wieder überfließt in Zähren, so soll die Freude, die Seligkeit des Glückes euch diese heiligen Tropfen erpreßt haben!«

»O Urban,« sagte Irma bebend, »Du bist der Zukunft so gewiß und sicher! Du willst Deine Blicke ihr verhüllen, Du willst nicht wissen, daß sie viel unendliches Leid und irdischen Jammer bringen wird und muß!«

»Nein,« rief Urban mit flammenden Blicken, »Freude soll sie uns bringen. Kind, Kind, richte Dich doch auf aus dieser Apathie des Unglücks, rege doch Deine Schwingen zum freien Flug des Glückes. Ach Du armes Vöglein, sie haben Deine Flügel gebunden mit diesen lästigen Banden der Ehe, aber kühn wie ein echter Jägersmann will ich diese Fesseln zerstören. Tell schoß von seines Kindes Haupt den Apfel fort, und ich, wie ein zweiter Tell, will so mit einem Schuß die Bande, die uns hemmen, zersprengen.«

»Aber diese Bande,« sagte Irma feierlich, »unsere Lippen haben ihre Unzerreißbarkeit beschworen, und Gott hat sie geheiligt!«

»Nein, nein, das hat Gott nicht gethan!« rief Urban glühend. »Gott hat unsere Schwüre nicht angenommen, denn er schaute in unsere Herzen, und sah dort, daß nicht Liebe, daß nur Qual und tiefes Leid uns hinein gejagt in diese Netze und Schlingen. O, Liebe, dies war keine Ehe, und nicht im Himmel wurden diese Bande geschlossen!«

»Aber auf Erden wurden sie beschworen!« seufzte Irma bebend.

»Und das eben,« fuhr Urban fort, »das eben ist die Mangelhaftigkeit dieser Erde, daß sie das Siegel Gottes, dies heilige, unantastbare Siegel, auf ein irdisches Verhältniß drücken will, daß sie ein Institut der Erde zu einer Angelegenheit des Himmels erhöhen will. O Kind, glaube doch nicht diesem Popanz, den die Welt sich aufgestellt, und vor dem Du mit wunden Füßen und zerschlagener Brust hinknieen und Deines Glückes heiliges Blut zum Opfer bringen sollst diesem Popanz, den das Gesetz als eine Gottheit proclamirt hat. Gesetz! Gesetz! Was ist das? Es ist ein Unding, eine Fratze, wenn es gebieten will über das, was sich ewig ihren Schranken entzieht, um in ungefesselter Freiheit sich aufzuschwingen in den Himmel, sich hinabzusenken in Abgründe, wenn es herrschen will über Gedanken und Gefühle. Schande über den Gesetzgeber, der Dich zwingen will Gefühle zu heucheln, die Du nicht empfindest, Treue zu üben, die Du nicht kennst, zu lieben, wo Du verabscheuest! – Nein, nicht so weit darf es kommen, daß Menschen, gleich Galeerensclaven an einander geschmiedet, verwünschend, blutend an der Kette schleppen, gleich dem gezähmten wilden Thiere, Menschen, die Gott berufen hat, frei zu sein, ihre Arme ungefesselt durch die ganze Welt hinzustrecken, und göttlicher Freiheit theilhaftig zu sein!«

»O lästere nicht, Urban,« sagte sie leise. »Wie heilig und erhaben dies Institut der Ehe sein kann, fühle ich an den Schmerzen und Kämpfen, die ich in seinen Fesseln erduldet.«

»Ja, wahrlich, heilig und erhaben ist sie, diese Ehe!« rief Urban, »und ich beuge in Anbetung und Andacht meine Kniee vor diesem Ideal der echten, wahren Ehe! Aber mit diesem Ideal darf das irdische Gesetz nichts zu schaffen haben; es ist der unantastbare König aller Verhältnisse, der nur von Gott gesalbt, und nur vor Gott Rechenschaft abzulegen hat. Es ist der Vestatempel, in welchem das heilige Feuer der Liebe brennt, und deren Priester und Priesterinnen in freier Anbetungslust keines Menschen Gesetze sich unterzuordnen haben! Und da kommen sie, diese Gesetzgeber der Erde, und mischen ihre irdischen Hände in den Geisterbund Eures Tempeldienstes, und wollen mit irdischen Banden des Unsichtbare umwickeln, und wollen unauflöslich machen, was zu binden und zu theilen nicht in ihre Macht gegeben, und wollen, statt der erloschenen Vestaflamme, Dir die spärliche Lampe des Gesetzes hinstellen. O, das ist kein Verbrechen, wenn diese heilige Flamme von ruchloser Hand umgestürzt wird, aber diese jammervolle Gesetzeslampe sollst Du heilig halten, und vor ihr im Staub Dich winden! Denke nicht, Irma, daß ich diesen Schwärmern neuerer Zeit mich zugesellt, daß ich das ganze Institut der Ehe verwerfen, und ungefesselte Willkühr an deren Stelle setzen möchte. Diese Gemeinschaft der Frauen, diese Willkühr des Besitzes ist eine Schmach, ein Unding! Aber die Ehe unauflösbar machen, heißt die Ehe entweihen, heißt zu einer Zwangsanstalt erniedrigen, was ein Gotteshaus sein sollte! Diese rechte Vermittelung des irdischen Gesetzes und des überirdischen Bundes zu finden, das sei jedes Gesetzgebers heilige Pflicht; mit einem Ehezwanq aber ist es nicht gethan. Und Dich zwingen zur Fortdauer einer Ehe, die Du verabscheuest, heißt Dich fluchen lehren einem Institut, das anzubeten Du gekommen bist!«

»Sprich weiter, weiter,« sagte Irma leise. »Ich glaube Dir Alles, Alles, wenn ich Deine liebe Stimme höre, wenn ich Dein begeistertes Auge schaue. Sprich weiter, Urban. Mag die Welt mich eine Sünderin, eine Verbrecherin nennen, weil ich mein Ohr nicht Deiner süß verlockenden Stimme verschließe. Was kümmert mich die Welt, wenn Du da bist, Du mit Deiner überzeugenden Stimme, die mich überreden möchte, daß ich Recht thue, wo ich weiß, daß ich sündige. Denn heilig mindestens, Urban, soll uns das gesprochene Wort, heilig der geleistete Schwur sein, und, Urban, haben wir ihn nicht gebrochen?«

»Ehe ich Dir antworte, Irma, beantworte mir Eine Frage. Liebtest Du Arnold, als Du beschworst, ihn zu lieben ein ganzes Leben lang?«

»Nein?« sagte Irma tonlos.

»Nun, so sündigtest Du damals, sündigtest gleich mir. Denn Du schwurst mit meineidigen Lippen, was Du wußtest nimmer erfüllen zu können! Und um deswillen war dies seine Ehe, denn nicht die Liebe hatte diesen Bund geschlossen, es war ein irdisches Uebereinkommen, das wie ein Sacrilegium Deine Seele bedrücken mußte.«

»Ich fühle, daß Du Recht hast, und doch auch Unrecht,« sagte Irma mit Thränen. »Habe ich damals gefrevelt gegen die Ehe, wohlan so muß ich diesen Frevel büßen mindestens durch strenge Pflichterfüllung, durch Ergebung, durch Reue.«

»Nein, durch Glück!« rief Urban begeistert. »Ein wahres, echtes Glück, das ist die heiligste Buße einer solchen Schuld, und Glücklichmachen die schönste Sühne solchen Frevels. Wir Beide haben gesündigt an der Ehe, komme, und laß uns knieend um Vergebung flehen, komm, daß wir nun als demüthig Flehende in anbetender Liebe uns neigen vor der geschmähten Göttin, daß wir ihr dienen, und ihre Gebote erfüllen. Du kannst nicht des Mannes Gattin sein, den Du nicht liebst. Und Du liebst ihn nicht, Irma! O, Du arme, holde Blume, ich sehe, welch eine zornvolle Gluth der Scham Deine Lilienwange überzogen, als Du Deine jungfräulichen Lippen entblättert fühltest von Küssen, welche die Liebe nicht geweiht, wie Du erzittertest unter Umarmungen, die Dir ein schmachvolles Siegel Deiner Knechtschaft däuchten. Denn Du, Du armes unschuldiges Weib, in Deiner Reinheit und Unschuld hattest für Dich nicht einmal den Trost der Sinnlichkeit, der Betäubung des Genusses. Das Weib ist nur sinnlich, wenn es liebt, es genießt nur, wenn es mit ganzer Seele sich ergiebt. Und Deine Seele richtete sich stolz auf unter diesen Wonnen, die Du nicht theiltest, und die Dir um deswillen eine Schmach däuchten, eine Entwürdigung. O, komm, laß mich die Heiligen Thränen Deines Zornes, die Du geweint, als Deine Unschuld in den Staub getreten ward, laß sie mich von Deinen Lippen küssen, laß sie mich weihen zu heiligem Genuß, zu seligem Vergessen. Denn den Mann, welchen Du liebst, der hat Deine Liebe geweiht zu einem Priester der Zärtlichkeit und des Genusses, und er ist ein Geheiligter, wo der Ungeliebte ein Barbar ist. Und Du liebst mich, Irma, ich weiß es jetzt, daß Du mich liebst, daß Du nimmer aufgehört hast mich zu lieben, o, ich las in diesen holden stillen Zügen, in den leisen Linien, die der verhaltene Gram um Deinen schweigenden, lächelnden Mund gezogen, in diesem mattem Glanze. Deiner Augen, o in allen diesen Zeichen, die Niemand sonst versteht, als der da liebt, in diesen Zeichen allen las ich, daß Du mich liebst, daß Du Mein bist, Mein für alle Ewigkeit!«

Er zog sie stürmisch an sein Herz, und küßte die Thränen fort, die ihre Wangen bethauten.

»Du hast Recht, ja, Du hast Recht,« flüsterte sie leise. »Ich liebte Dich immer, selbst als ich Dir zürnte, als ich mich verrathen glaubte, selbst da noch, Urban, liebte ich Dich, weinte, schrie mein Herz nach Dir, seinem Erlöser, seinem Heiland. Und weil ich Dich liebte, Urban, und Dich durch heilige Pflichten an eine Andere gefesselt glaubte, floh ich vor Dir in die Ehe, um Dich nicht besitzen zu können, um mich Dir auf ewig zu entziehen. Und weil ich Dich liebte, Urban, liebte mit allen meinen Schmerzen, konnte es mir auch nicht gelingen, meines Gatten Herz zu bewahren, sein Leben zu beglücken. Ach, ich brachte ihm nur äußerliche Treue, keine Liebe mit, und diese Treue zerfraß gleich einem giftigen Wurm die Blüthe auch seiner Liebe. Ich konnte ihm nur ergeben, nur gehorsam sein, die Pflicht ließ mich schweigen, wo die Liebe vielleicht widersprochen, sie ließ mich gehorchen, wo die Liebe vielleicht gestritten hätte. Er fühlte, daß er nur mein Herr war, nicht mein Gatte, und an diesem Gefühl erlosch seine Liebe. Das war mein Verbrechen, Urban, daß ich Dich noch liebte, daß ich Dich nie vergessen konnte, daß ich meinem Herzen nicht wehrte, um Dich zu verbluten!«

»Jetzt ist es entschieden!« sagte er, sich aufrichtend, und sie in seine Arme hebend. »Jetzt ist alle Lüge von Dir abgefallen, und alle Schuld, denn Du hast den Muth gehabt, wahr zu sein. Von dieser Stunde an gehörst Du mir, mir allein, von dieser Stunde an ist diese Ehe zerrissen, und eine andere, heilige Ehe bindet Dich an mich, mich an Dich! Und jeder Kuß des Gatten, jede Umarmung der Gattin ist ein Sacrilegium an dieser geweiheten Ehe unserer Seelen. Hüte Dich, Irma, feig zu sein! Denn von dieser Stunde an bist Du mein, fordere ich von Dir, daß Du nur mir, mir allein angehörst, schwöre ich, daß ich nur Dein bin. Dein allein, Du meine Braut, meine Geliebte, und einst mein Weib! O! weine nicht, meine holde Blume, richte Dich muthig auf, den Stürmen zu trotzen, die bald uns umtoben werden. Ach, ich möchte Dich schützen gegen jedes rauhe Lüftchen und kann doch diesen Stürmen Dich nicht entziehen, kann doch der Welt nicht wehren, an Deiner Blüthenkrone zu rütteln und sie mit Staub zu werfen. Arme Irma, Du bist mein, und um deshalb wirst Du viel zu leiden haben!«

»O,« rief sie begeistert, »von dieser Stunde an habe ich Muth, einer ganzen Welt zu trotzen, allen Stürmen muthig mein Haupt darzubieten. Von dieser Stunde an wäre ein Ertragen dieser Zustände ein Sacrilegium gegen die Ehe; ich aber will hinfort nicht mehr sündigen, nicht mehr freveln an der Ehe. Diese Ketten müssen zerbrochen, diese Bande gelöst werden! Sie sind es in ihrem Wesen schon durch diese Stunde, sie müssen es auch der Form nach werden. Das fordert unsre Ehre, unsre Liebe. Frei und stolz muß ich mein Haupt erheben; der ganzen Welt es sagen können: der ist es, den ich liebe! Dem allein gehöre ich an! Ich habe ihm meine Pflichten, meine Schwüre geopfert. Nicht unter dem Dunkel des Geheimnisses und Betruges, sondern frei und der ganzen Welt zum Trotz will ich die Seine sein!«

»Nun bist Du wieder ganz mein, Irma,« rief Urban jauchzend, »mein großes, heldenmüthiges, stolzes Mädchen! Mag denn der Kampf beginnen! Ich halte Dich in meinen Armen, Du bist mein!«

»Und so lebe wohl, lebe wohl, Urban,« sagte sie, sich an ihn schmiegend. »Da, diesen Kuß! Mit diesem Kusse verlobe ich mich zu Deiner Braut! Und dieser Kuß sei uns der Ruf zum Kampf. Bis dahin aber, bis dieser Kampf entschieden, wolle nicht, daß ich Dir angehöre. Bis dahin laß uns die Schranken achten, die zwischen uns stehen. Rein muß Alles zwischen uns sein, rein und sonnenhell. Wir können unser Herz nicht zwingen, seine Liebe aufzugeben, aber ein reines Gewissen müssen wir uns bewahren, und wenn ich einst, frei aller Bande, Dir entgegen trete, um Dein Weib zu sein, dann muß ich vor keiner Stunde des Betrugs zu erröthen haben. In dieser Stunde noch muß Deine Gattin, muß mein Gatte unsere Liebe erfahren und wissen; es soll nicht heißen, daß wir sie betrogen, und erst wenn sie uns frei gegeben, bin ich Dein. Deshalb fordre keine Zusammenkünfte, keine erneuerten Gelübde, keine Briefe und Liebesversicherungen. Du weißt es, ich bin Dein! Bis ich es aber sein kann, frei von Schuld und Sünde, bis dahin, mein Urban, mein Geliebter, bis dahin lebe wohl!«

»So soll es sein!« sagte Urban feierlich. »Mit diesem Kusse nehme ich Abschied von Dir bis zu jenem seligen Momente, wo ich Dich in meine Arme nehme, als mein unbestrittenes Eigenthum. Und nun, auf zum Kampfe. Mag die ganze Welt um uns her toben und stürmen, ich habe Muth gegen eine ganze Welt zu kämpfen, denn: Du bist Mein!«

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.