Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Luise Mühlbach >

Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 21
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
Schließen

Navigation:

XIII. Briefe und Bekenntnisse

Urban an Irma

Irma! Zwölf lange, unermeßlich lange Monate lag ich in einem erstarrenden Winterschlaf, hörte, sah, fühlte nichts, was um mich her geschah. Mein Herz eine leer gebrannte, öde Stätte, meine Zukunft dunkel, sternlos. Ein Zauber hielt meine Seele gefangen, ein Räthsel meinen Geist gefesselt. O Gott, ich hoffte nicht einmal mehr auf Erlösung! Und jetzt ist die Erlösung da, ist das Räthsel gelöst, und ich erhebe mich aus diesem Winterschlaf, und schüttle diese wüsten Träume von mir, um der seligen Wirklichkeit entgegen zu jauchzen. Nein, nein, die Zeit ging nicht vorwärts, sie stand still, wie mein Herz. War's nicht gestern, daß Irma mir ihre Liebe gestand? Ja, aus einem wüsten Traum bin ich erwacht, die Nacht liegt hinter mir, gestern war's, daß Irma mir Liebe schwur, und heute will sie mich wieder sehen! Irma, so ist es, nicht wahr? Es ist nichts geändert, nichts, und so darf ich denn heute kommen?

Urban.

Irma an Urban.

Es ist Alles geändert, Urban, Alles! Wie bitter es auch sein mag, an einer Lüge unterzugehen, – wir müssen es dennoch! Mit unzerreißbaren Banden gefesselt, wage ich nicht einmal das Auge rückwärts zu wenden! Es giebt kein Glück mehr, aber es giebt Pflichten, Urban. Diese habe ich beschworen, und niemals noch brach ich mein Wort! – O, jenes Gestern, es liegt in unerreichbarer Ferne hinter mir, und kein Morgen darf herauf tagen. Das Heute weiß nichts vom Gestern, und ob ich Sie heute empfangen darf, darüber mag mein Gemahl entscheiden, wenn ich ihm das Gestern erklärt und gebeichtet habe!

Irma.

»Und ich will, ich muß sie dennoch sehen,« sagte Urban, als er dies Billet empfing. »Es giebt jetzt für mich nur dies Eine, Wichtige, sie zu sehen, ihre Kniee zu umklammern, o mein Gott, ihr nahe zu sein, ihre Vergebung zu erhalten!«

Er befahl sein Cabriolet anzuspannen, und fuhr in ein Kaffeehaus, das, der Wohnung Irma's schräg gegenüber, ihm gestattete, Jeden, der dort aus und einging, zu sehen und zu beobachten. Sein Cabriolet ließ er halten. »Wenn sie das Haus verlaßt, eile ich ihr nach,« sagte er, »ich muß sie sprechen.«

Irma aber war fest entschlossen, ihn nicht zu sprechen. In einer langen, schwer durchkämpften Nacht hatte sie ihrem Herzen diesen Entschluß abgerungen, hatte sie, ihrer Pein nicht achtend, die prüfende Sonde in ihre eigene Brust gesenkt, und auf dem Grunde derselben all die tiefe, unaussprechliche Liebe gelesen, die bis jetzt, ein langsam sie verzehrendes Gift, darin verborgen gewesen. Und dann schlug sie den Mantel fest um diese wieder geöffneten, blutenden Wunden und sagte heldenmüthig: »Es schmerzt nicht! darf nicht schmerzen! Ein ruhiges Gewissen, das muß ich mir bewahren, dann läßt sich alles Andere ertragen! Ich liebe Arnold nicht, aber treu muß ich ihm sein, das habe ich Gott und mir selber gelobt! Die Liebe läßt sich nicht erzwingen, aber die Treue! Und meine Liebe begehrt er auch nicht. Aber er ist mein Gatte, und Schande verdient er nicht! Nein, Urban, wir sind getrennt!«

Sie senkte ihr Haupt auf ihre Brust und weinte bitterlich. Dann richtete sie sich auf, und sagte ganz duldensmuthig: »Jetzt ist es meine Pflicht, Arnold diesen Brief zu geben, und ihm nichts zu verbergen. Er fragte mich einst, ob ich einen Andern liebe; damals durfte ich es verneinen; denn die stillen Schmerzen meiner Brust, die durfte ich allein erdulden, ungesehen mit mir herum tragen, aber meine Freuden, die muß ich mit ihm theilen, auf die hat er ein Recht, denn ich bin ja sein Weib. Und Freude ist in mir, hohe, himmlische Freude! Urban war kein Verräther! Er hatte nicht die Mutter seines Kindes verlassen, er hatte sich nur abgewandt von einer Buhlerin, die seiner nicht werth, er hatte nur menschlich gefehlt, nicht gefrevelt an heiligen Pflichten. O mein Gott, er ist meiner Liebe wieder werth! Das muß Arnold wissen!«

Sie ging ganz entschlossen zu Arnold, den sie in seinem Studirzimmer fand, vergraben in Acten und Papieren und sichtlich verstimmt, darin unterbrochen zu werden.

»Ich bitte Dich, Kind,« sagte er, sie flüchtig begrüßend, »wenn es nichts Unaufschiebbares ist, was Du mir zu sagen hast, so laß es bis zu einer geeigneten Stunde. Ich bin in diesem Augenblick außer Stande, mich stören zu lassen. In einer Viertelstunde habe ich Konferenz, dann Session. Auch bin ich heute Mittag zu Hofe befohlen. Du siehst, ich kann mich mit nichts Anderm beschäftigen!«

»Ich gehe schon,« sagte Irma, und mochte es sich kaum gestehen, daß sie eigentlich sich erleichtert fühlte, mindestens für den Augenblick ihres Bekenntnisses überhoben zu sein.

»Morgen, morgen wird er vielleicht Ruhe haben, mich zu hören,« sagte sie, und ging in ihr Boudoir zurück, um zu lesen. Aber die Buchstaben flirrten vor ihren Augen, ihr Herz klopfte fieberhaft, und süß verlockende, köstliche Bilder gaukelten vor ihrer Seele auf und ab. Sie lehnte das Haupt zurück und überließ sich eine Zeitlang diesen phantastischen Träumen, die, der Gegenwart sie entrückend, Zukunft und Vergangenheit in Eins verschmolzen, und ihr ein Glück zeigten, das ihre Brust hob in fieberhafter Wallung, und ihr Herz klopfen machte bis zum Ersticken. Aber diese ihre eigene Aufregung schreckte sie endlich auf aus diesen Entzückungen, und sich schnell erhebend sagte sie: »Dies darf nicht sein! Diesen Zuflüsterungen darf ich nicht lauschen, diesen köstlichen Bildern meine Blicke nicht zuwenden! Ich muß mich zerstreuen, muß Menschen sehen! O, ich versprach dem Maler Mertens, sein Atelier zu besuchen und das dort aufgestellte Bild zu sehen! Dahin will ich fahren.«

Sie schellte und befahl anzuspannen, dann ließ sie schnell ihre Toilette ordnen und fuhr in's Atelier. – Sie hatte kaum aber den Wagen bestiegen, als auch Urban sich in sein Cabriolet schwang und ihr, wenige Schritte hinter ihr, folgte. – Der Maler selbst sei nicht gegenwärtig, berichtete ihr der meldende Bediente, das Atelier aber geöffnet, und der Eintritt gestattet.

»Desto besser,« dachte Irma, »so kann ich das Gemälde ungestört ansehen, nicht belästigt von diesen nothwendigen Flatterien für den Maler.«

Sie verließ den Wagen, und begab sich in das Atelier. – Es war ein herrliches, kolossales Gemälde, das der berühmte Maler hier aufgestellt, sinnvoll aufgefaßt und mit Meisterhand durchgeführt. Christus inmitten einer leis verduftenden Landschaft auf einem Throne sitzend. Klarheit, Ruhe und unendliche Milde in seinem edlen, heilig heitern Angesicht, die Arme leicht ausgestreckt, den Knieenden entgegen, den ›Mühseligen und Beladenen‹, die auf seinen Ruf sich um ihn sammeln. Hier links im Vorgrunde die kräftige, halb entblößte Gestalt eines Knieenden. Welch eine Naturwahrheit und Fülle in diesem braunen Fleisch, welch ein wildes, inbrünstiges Flehen in diesen rauhen und doch edlen Zügen, in dieser urkräftigen Gestalt, die sich selber die Demuth abgezwungen hat, und nun mit dürstendem Blick der Worte des Herrn lauscht. Dicht daneben weiter rückwärts die aufgerichtete edle Gestalt mit dem Buche in der Hand. Es ist der Gelehrte, der sich mit stillem heiterm Blicke naht. Die Wissenschaft mag lange ihn beschäftigt, lange ihm genügt haben; jetzt aber ist das Buch seines Wissens zugeschlagen, der Glaube hat das Wissen verdrängt, der Glaube hat ihm die Brücke geschlagen, nach welcher die Philosophie suchte, und befriedigt schaut er auf Christus, den Mittler, hin. Nun diese schöne Jünglingsgestalt daneben. Auf seinen Zügen liegt Schmerz und Freudigkeit des Leidens, sie haben den Herrn erschaut, und in ihm ihrer Zukunft Trost und Stärke.

Dort drüben rechts zeigt sich im Hintergrunde das schwarze, grollende Antlitz eines Negers, dicht neben ihm die wilde Gestalt eines in Ketten Geschlagenen. Sind es Sclaven, diese armen verstoßenen Kinder der Humanität, diese Lastträger des grausamen, entmenschenden Egoismus? Sind sie gekommen, um mit wildem, trotzigem Vorwurf zu fragen, ob auch hier sie ausgeschlossen sind von des allgemeinen Erbarmens Segnung? O, das milde Antlitz Christi sänftigt schon ihren Trotz, und in ihren wilden Augen leuchtet schon eine Ahnung jener göttlichen Verkündigung, die sich auch ihrer erbarmen wird. Weiter im Vorgrunde siehst Du, halbverschleiert, im Profil Dir zugewandt, die bleiche, schöne Gestalt einer jungen Wittwe. Vor ihr stehen ihre Kinder, sie drängt sie hin zum Herrn, sie weiß, daß er ihre Zuflucht sein wird und ihr Halt. O, sie zagt nicht, und murrt nicht, sie ist gottergeben und demuthsfreudig in ihrem großen Leid. Hat sie Vieles verloren, so ist ihr Vieles geblieben, hat Gott ihr den Gatten genommen, so hat er ihr die Kinder gelassen, und ihr Herz, das gebrochen ist in Trauer um den Geliebten, es jauchzt doch noch auf in Glück um die Kinder. Eine Mutter stirbt nicht! Diese Kinder kamen ihr von Gott, und darum führt sie sie zu Gott. »Mühselig und beladen« ist sie im Schmerz, aber der Ruf des Herrn hat sie schon getröstet. Welch ein Gegensatz zu jenem Weibe da drüben neben dem Knieenden! Dort auch knieet ein Weib, die Arme flehend nach Christus ausgestreckt, sie will nicht nur Trost, sie schreit um Hülfe in ihrer Noth, um Erbarmen für das Kind, das halb nackt ihr über die Schulter hängt, schlummernd vielleicht in der Ermattung des Hungers. O dies Weib, es ist nicht blos beladen, es ist auch belastet, und Du siehst es an der Art, wie sie das Kind sorglos und gefahrvoll über ihre Schulter geworfen, und dennoch mit dem halb geneigten Haupte es an sich drückt, daß dies Kind zugleich ihre Last und ihr Glück ist, daß sie nicht blos Mutterglück, sondern auch Muttersorge empfindet, und dieser Sorge soll Christus sie entheben. Sie fleht, nicht nur um Trost, und um das Brot des Himmels, sie will auch das Brot der Erde, sie will es von Christus, von den sie weiß, daß er mit Wenigem einst Tausende gespeist. Aber nicht blos die Armen und Trauernden sind die Beladenen, auch unter sammtnen Gewändern, unter Blumen und Diamanten, unter Hermelin und Purpur birgt sich oft der Schmerz und die Pein, und auch zu diesen ist der tröstende Ruf Christi erschollen, auch diese sind gekommen, in ihres Lebens Herrlichkeit ihrer Seele Dürftigkeit zu bekennen und um Trost und Hülfe zu flehen. Ein König knieet zu des Thrones Stufen und betet an, ein schönes Weib hat ihre stolze Gestalt gedemüthigt vor den Herrn, und breitet ihre Schätze, ihre Perlen und Juwelen zu den Füßen Christi aus, denn sie fühlt die Nichtigkeit all dieser Herrlichkeit, sie giebt sie freudig hin; ihre Seele ist arm an Friede, und Friede will sie erflehen. Aber freudig und gottbegeistert siehst Du dort rechts das Bild abschließend, den Dichter stehen. Er allein hat sein Haupt erhoben in freudigem Schauen, dies lorbeerumkränzte, ewig junge Haupt mit den wallenden Locken und den glänzenden Augen. Hier allein ist kein Bangen und Klagen, kein Zweifeln und Seufzen. Es ist das gottbegeisterte Schauen der Gewißheit des Trostes, der Herrlichkeit des Glaubens. Der Dichter allein ist dem Elend und der Trostlosigkeit der Erde entrückt, der Dichter, der Künstler, in welchem der Genius wohnt, und der nur schaut die ewige Herrlichkeit und das ewige Erbarmen, und darum die ewige Freudigkeit. – Das ist das Bild von Begas, vor welchem Irma jetzt tiefgerührt und freudig bewundernd stand, als das Knarren einer Thür, nahende Schritte sie störten. Sie konnte den Eintretenden nicht erkennen, denn das Bild deckte die Eingangsthür, aber dennoch fühlte sie ihr Herz, klopfen in ahnendem Bangen und Hoffen, und ihr Antlitz erbleichen. Und jetzt trat Urban hinter dem Gemälde hervor, jetzt stand er ihr gegenüber, blickten sie sich Aug' in Auge, lächelnd, schweigend; ihre Seelen begrüßten sich, ihre lang getrennten Herzen klopften einander entgegen, und kein Wort, kein Laut störte die Heiligkeit dieses Wiederfindens. Ihre Lippen hatten sich nichts zu sagen, aber ihre Seelen sprachen zu einander in heiligen unaussprechlichen Worten, in geheimnißvollem Schauen und Erkennen. Endlich war es Urban's Stimme, welche diese geheiligte Stille unterbrach, und jeder Ton dieser geliebten in tiefer Bewegung zitternden Stimme tönte wieder in Irma's Seele, daß sie hätte jauchzen mögen vor Glück und weinen vor unendlichem Leid.

Urban sagte: »Irma! So müssen wir uns wieder sehen! Hier in einem stillen fremden Schlupfwinkel müssen unsre zertretenen, losgerissenen Herzen einander ihre Grüße bringen!«

»Und wo, Urban,« sagte sie mit glänzenden Augen, »wo konnten wir uns schöner begegnen, als hier! Sieh das Bild dort an. Der Ruf des Herrn ist auch an uns ergangen. »Kommet her zu mir, Ihr Mühseligen und Beladenen!« so spricht Christus dort, und sind wir Beide nicht Mühselige und Beladene? Wo denn konnten wir uns schöner begegnen als vor so trostreichem Bilde?«

Sie reichte Urban ihre Hand hin, er zog sie heftig an seine Lippen und sagte: »Nein, Irma, nein! Wir wollen nicht mühselig sein, sondern selig, die Last wollen wir von unsern Schultern werfen, und frei sein, und im Glücke Gott preisen!«

»Still, lästere nicht!« sagte sie ganz still, und ihre Thränen bethauten langsam ihr Antlitz.

»O, Liebe, ich lästere ja nicht,« sagte er sanft, »sondern ich preise Gott! Ja, ich preise ihn, daß er diese finstere Wolke hinweg genommen von meinen Augen, damit ich wieder meinen Stern erkennen möge. Irma, schöner, reiner Stern, meine Lippen lästerten, als sie Dir zürnten, mein Herz war sündenvoll, als es an Dir zweifelte, o, damals, als ich am Glück, am Leben, als ich an der Zukunft und an Dir verzweifelte, damals war ich mühselig und beladen. Jetzt, Irma, jetzt nicht mehr! Du bist da, ich habe Dich wieder, es ist Alles wieder hell und strahlend im Zukunftslicht. Irma, eine Lüge, eine schmähliche Lüge hat uns getrennt, aber die Wahrheit ist wieder über uns herein gebrochen, uns zu verbinden und unseres Daseins getrennte Hälften wieder zu vereinen auf immerdar.«

»Weißt Du denn nicht, daß das unmöglich ist?« fragte sie bebend.

»Unmöglich ist nichts, wenn wir nur ehrlich wollen,« rief Urban mit blitzenden Augen. »O, dem festen Willen muß selbst das Unmögliche sich fügen! Du bist mein, Irma, Du hast Dich mir verlobt, ich fordere Dich wieder von Denen, die Dich mir entrissen, und gegen eine Welt will ich kämpfen um Deinen Besitz!«

»O still, still!« sagte sie zusammen schaudernd. »Ich darf Dich ja nicht hören, nicht verstehen. »O still, Urban, sprich nicht zu mir, laß mich nichts denken, nichts wissen! Dieser Augenblick gehört uns, laß ihn uns genießen. Jene Thüre da trennt uns von der Welt, wenn sie sich öffnet, so sind wir wieder getrennt für immerdar, und unsre Pflichten stellen sich scheidend zwischen Dein und mein Herz!«

»Nein! Nein!« rief Urban heftig. »Hinweg mit diesen Pflichten, diesen alltäglichen Gemeinplätzen. Erhebe Dich doch aus diesem niedern Wust, in den sie Dich hineingezogen, sei wieder Du selbst, Irma, meine freie, stolze, willenskräftige Irma!«

»Ich darf nicht!« sagte sie mit herzzerreißendem Ton.

»Du mußt!« rief er entschieden und mit jenem gebieterischen Ton, der das Weib entzückt, wenn ihr Geliebter ihn annimmt, und damit ihre Ergebenheit und seine Herrscherwürde anerkennt.

Nahende Schritte, sprechende Stimmen ließen sich vernehmen.

»O,« sagte Urban in zornigem Schmerz, »die Welt, die Welt ist schon wieder da mit ihren Hemmnissen und Kleinlichkeiten. Lebewohl, Irma, lebewohl! Er preßte sie stürmisch an sein Herz, dann trat er zurück, und als die Thür sich öffnete und neue Kunstverehrer eintraten, schienen Irma und Urban ganz verloren im Anschauen des Bildes.

Als Urban dann Irma zu ihrem Wagen geleitete, sagte er leise: »Wann darf ich kommen, Dich zu sehen?«

»Nie, niemals,« sagte sie zitternd.

»Fürchtest Du mich, Liebe?« fragte er sanft, und mit einem innigen, vorwurfsvollen Ton, der Irma Thränen in die Augen trieb.

»Ich fürchte meine eigene Schwäche,« flüsterte sie leise.

»Diese Schwäche soll Deine Stärke werden!« sagte er. »Aber es soll nicht gesagt werden, daß meine Ungeduld und Eile Dich überstürzt und gedrängt hat. Aus freier Wahl sollst Du mein sein wollen, dann wird auch Dein Wille fest genug sein, diese Bande, die uns hindern, zu zerreißen. Ueberlege, prüfe Dich selber, und wenn Du dann erkannt hast, daß Du mit jedem Hauche Deines Lebens mein bist, daß Deine Schwüre eingezeichnet sind in dem großen Schuldbuch der Gottheit, daß Du meines Flehens, meines Unglückes und meiner Liebe Dich erbarmen mußt, dann Irma, dann wollen wir handeln, und diese Ketten zerreißen, die uns hemmen! Darum nicht heute, nicht morgen will ich Dich stören in Deiner Ruhe und Deinem Nachdenken. Aber in drei Tagen, Irma, dann komme ich, um von Dir Dich selber zu fordern, oder – aber das Gegentheil vermag ich nicht zu denken!«

»O Urban,« sagte sie thränenvoll, »was giebt Dir ein Recht so über mich zu gebieten, was zwingt mich Dir wider meinen Willen zu gehorchen?«

»Die Liebe,« sagte er, sie in den Wagen hebend, »die Liebe befiehlt, indem sie fleht, und sie gehorcht, indem sie herrscht.

Er küßte ihre Hand und sagte leise: »In drei Tagen also!«

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.