Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Luise Mühlbach >

Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
Schließen

Navigation:

XII. Wiedersehen

Es war ein wichtiges, theatralisches Ereigniß, als die gefeierte Künstlerin, die große Schauspielerin Leonore nach so langer Abwesenheit zum ersten Male wieder die Bühne betrat. Tage lang vorher schon drängte man sich herbei, um Billete und Logen zu miethen, und als die später Kommenden und Begehrenden mit einem trostlosen: »Kein Billet mehr da!« abgefertigt wurden, hörte man Seufzen und Wehklagen, sah man bleiche kummervolle Gesichter, als sei ein wirkliches, mächtiges Unglück über diese Armen herein gebrochen. Und sicher war es ein seltener, ein begeisternder Triumph, den Leonore diesen Abend feierte vor einem Publikum, das seinen wiedergewonnenen Liebling mit lautem Jauchzen und Vivatschreien, mit Kränzen und Blumen, mit Gedichten auf Atlas gedruckt, und Blumensträußen von kostbaren Ringen gehalten, empfing. O dieser Jubel des Bewillkommnens war unermeßlich, lange Zeit verging, ehe ihre schöne Stimme hörbar werden konnte, und als endlich dieser allgemeinen Berauschung eine athemlose, tiefe Stille folgte, als Leonore endlich den Bewillkommensgruß mit Dankesworten erwiedern wollte, brach ihre Stimme vor tiefer, innerer Rührung, und schwankend, zitternd vor Freude und Glück mußte sie sich einen Moment zurückziehen in die Coulissen, und drückte nur mit dem Ausdruck unaussprechlichen Dankes ein herrliches, duftendes Bouquet, das man ihr zugeworfen und an dem ein köstlicher Brillant funkelte, an ihren Busen. O, dieser sichtlichen, tiefen Erschütterung der großen Künstlerin widerstand das Publikum nicht; es schrie, es tobte, es weinte und lachte vor Wonne und Vergnügen. Leonore aber winkte ihrer Kammerfrau, die in der ersten Coulisse beständig ihrer harrte. »Du,« sagte sie lächelnd, »nicht wahr, das war klug angefangen, um in die Coulisse zu kommen, ehe Urban hier ist. Da, nimm dies Bouquet, es kommt vom Grafen Itzstein, ich sah es ihn mir zuwerfen. Sicher ist ein Billet darin, verliere auch den Brillant nicht, und verbirg es rasch, ehe Urban –«

Aber er stand schon hinter ihr. »Ich muß doch sehen, ob dieser stürmische Jubel Dich wirklich so schwach und zitternd gemacht hat,« sagte er ironisch, »oder ob es nur der Duft dieses Bouquets da war, der berauschte. Laß mich doch diese köstlichen Blumen sehen!«

Leonore entzog es hastig seiner Hand, und sagte mit finsterm Stirnrunzeln: »Erinnere Dich, daß hier keine Scene aus Othello aufgeführt wird, und daß Du überhaupt besser thätest mich nicht zu reizen, damit dieser Abend, der so glänzend beginnt, nicht schlimm enden möge.«

Draußen schrie das Publikum lauter und stürmischer nach seinem Liebling.

»Ich wünsche Dir diesen Strauß da aufzubewahren,« sagte Urban ruhig.

»Und ich bin entschlossen, mich Deiner Tyrannei nicht zu fügen,« rief sie auffahrend, und den Strauß mit ihren beiden Händen festhaltend. »O es ist abscheulich, mich sogar bis auf die Bühne zu verfolgen!«

»Den Strauß, sag' ich,« rief Urban gebieterisch.

»Du willst mir befehlen!« rief sie weinend vor Zorn, und als Urban Miene machte ihr den Strauß mit Gewalt zu entreißen, drückte sie ihn fest an ihren Busen, und eilte aus der Coulisse hervor wieder auf die Bühne. Und das entzückte Publikum tobte und schrie vor Wonne, als es Leonorens Antlitz von Thränen überfluthet sah, als sie endlich mit zitternder, versagender Stimme um Verzeihung bat wegen ihrer langen, durch eine tiefe Ohnmacht veranlaßten Zögerung, eine Ohnmacht, welche die plötzliche, unerhörte, unerwartete Freude über einen so liebevollen Empfang ihr zugezogen; als sie dies Alles sagte, da kannte der Jubel, das Entzücken keine Grenzen mehr.

Irma saß in ihrer Loge nahe an der Bühne, ganz betäubt von diesem nervenerschütternden Jubeln und Schreien, von dem langen, schallenden Applaudiren ihres Mannes, der, ein enthusiastischer Anhänger theatralischer Genüsse, sie veranlaßt hatte, dieser Vorstellung beizuwohnen.

Ob Er wohl hier ist? dachte sie. Ob dieser Jubel ihn erfreut? Ob Er glücklich ist bei diesen Triumphen? – Sie verlor sich in Träumereien und Phantasien, deren Inhalt und Mittelpunkt Er war, Er, dessen Namen sie nicht zu denken, nicht auszusprechen wagte. Sie hörte gar nichts von Shakespeare's herrlicher Tragödie, sah nichts von Leonorens schönem, künstlerischem Spiel, sie fühlte nur ein unnennbares Beben und Ziehen, Jauchzen und Klagen in ihrer Seele, und sagte ganz leise zu sich selber: »O, ich fühle seine Nähe! Mir ist, als erzitterte ich unter seinen Blicken, seinem Anschauen! O Herz, mein armes Herz!«

»Ein göttliches Weib,« sagte Arnold, als er nach beendeter Vorstellung Irma seinen Arm bot. »Suche doch sie für Deine Soiréen zu gewinnen, sie muß unendlich interessant und reizend sein. Ob sie verheirathet sein mag?«

»Ich glaube,« sagte Irma matt.

»Das ist unangenehm,« rief Arnold verdrießlich. »Eine, so große ausgezeichnete Künstlerin in seinem Salon zu sehen, dagegen kann Niemand etwas einzuwenden haben, das ist ebenso sehr eine Ehre, als ein Vergnügen, wenn nur nicht diese unangenehmen, lästigen, und erschwerenden Zugaben und Anhängsel von Vätern und Männern, Müttern und Basen wären! Wie mag denn dieser Mann sein? Ob man ihn, ohne sich ein Dementi zu geben, in seinem Salon sehen kann?«

Sie waren eben bei ihrem Wagen angekommen, und der Diener schnitt Irma's Antwort mit der Frage ab, wohin gefahren werden solle.

»Nach Hause!« sagte Irma.

»Nicht doch,« rief Arnold. »Du vergißt, liebes Kind, daß wir zu einer Soirée beim Ober-Präsidenten geladen sind, und nicht abgelehnt haben.« – »Ich glaubte, Du hättest abgelehnt,« sagte Irma.

»Nicht so definitiv, daß unser Kommen auffallen könnte. Irre ich mich nicht, so sagte mir der Ober-Präsident, dieser Beschützer der Künste und Künstler, daß die schöne Leonore heute bei ihm erscheinen würde. Ich bin neugierig sie kennen zu lernen! Du hast doch nichts dagegen?«

»O, gar nichts!« sagte Irma, anscheinend gelassen und lehnte sich in die Wagenecke zurück.

Es war eine glänzende Gesellschaft, die heute beim Mäcenas Ober-Präsidenten versammelt war, so glänzend, das heißt so zahlreich, daß Niemand den Platz, an dem er stand, verlassen, oder die Freunde, die er zu sprechen, den Fremden, den er kennen zu lernen wünschte, in dieser Masse von Gestalten ausfindig machen konnte, so glänzend, daß manche Dame vergeblich nach einem Stuhle, ihre müden Glieder zu ruhen, seufzte, kurz ganz so glänzend und unausstehlich langweilig, wie die Mode der letzten Wintersaisons uns diese Routs von England herüber gebracht hat. Irma ließ sich müde am Arm ihres Gemahls hängen, und als man, in Berücksichtigung ihres Ranges, ihnen eine kleine Passage gemacht, trat sie in den kostbar geschmückten und decorirten, von Hunderten von Kerzen flammenden Saal, in dem die glänzende, geputzte Menge auf und abwogte.

»Da ist ein leerer Platz in der Fensternische dort,« sagte sie zu Arnold, »erlaube, daß ich ihn für mich einnehme.«

»Gut! Ich gehe, den Präsidenten aufzusuchen!«

Sie trennten sich, und Irma ließ sich erschöpft auf den Sessel sinken, der in der vertiefenden Fensternische sie den Blicken entzog, und ihr doch gestattete, die Auf- und Abwallenden zu sehen, und zu beachten. Eine Zeit lang sah sie diesem Gewühl mit theilnahmloser Ruhe zu, aber plötzlich flog ein Zucken durch ihre Gestalt, und sie erbleichte. Der dort am Arm eines Andern daher kam, Er war es, – Urban. Ach', es war dasselbe schöne, edle Antlitz, nur bleicher, sorgenvoller, dieselben lieben, unvergeßlichen Augen, nur mit matterem, minder glänzendem Blick. Sie blieben in Irma's Nähe stehen, und machten sie zur unfreiwilligen Zuhörerin ihres Gespräches.

»Wirklich, ich bin außerordentlich erfreut, Sie hier zu sehen,« sagte Urban's Begleiter. »Ich ahnete nicht, daß Sie in dieser Stadt!«

»Ich bin mit meiner Frau zurückgekehrt,« sagte Urban, und Irma's Herz erzitterte vor dem tiefen, sonoren Klang seiner Stimme.

»Also verheirathet! Sie waren es nicht, als ich Sie vor drei Jahren in Paris kennen lernte!«

»Nein, erst seit einem Jahre,« erwiedert? Urban, »die Schauspielerin Leonore ist meine Gattin.«

»O, welch ein Glück!« rief der Andere. »Diese unvergleichliche Künstlerin Ihre Gattin. Ich glaubte diese Dame noch unverheirathet.«

»Sehr natürlich, Herr Graf,« sagte Urban mit Bitterkeit. »Der Gatte einer gefeierten Künstlerin ist eine nicht des Beachtens werthe jammervolle Figur.«

»Nun, Sie übertreiben, und sind undankbar gegen sich selber. Hatten Sie doch schon vor drei Jahren, als ich Sie zuletzt sah, einen nicht unbedeutenden Ruf als Dichter und Schriftsteller, und ich bin gewiß, daß dieser seitdem mit jedem Tage zugenommen.«

»Sie irren, liebster Graf,« sagte Urban mit finsterm Stirnrunzeln, »seit einem Jahre habe ich alle diese Träume und Bestrebungen aufgegeben.«

»Und warum dies?«

O die Triumphe meiner Gattin haben meine Flügel gelähmt und meine Begeisterung gebrochen. Der rauschende Beifall eines einzigen Theaterabends ist mächtiger und größer als der Lohn, den ein Dichter für Jahre langes Dichten mühsam, mühsam sich zusammen rafft. Diese Wahrheit hat meine Kraft gebrochen!«

»Also melancholisch?« fragte der Graf. »Kommen Sie, wollen wir uns aussprechen, klagen Sie mir Ihr Leid!«

Er zog Urban zu der Fensternische, in deren Schatten er Irma nicht gesehen, Urban folgte ihm, als Irma sich erhob, und plötzlich vor ihm stand, ihn anschauend mit einem Blick voll unaussprechlichen Mitleids und inniger Theilnahme. – Urban schreckte zusammen, dann schien er wie bezaubert von ihrem Anschauen sich ihr nähern zu wollen, aber plötzlich raffte er sich zusammen, und Irma leicht grüßend, sagte er zum Grafen: »Kommen Sie! dort drüben sehe ich einen einsamen Winkel für unsere Plaudereien!«

»Wer war denn jene stolze Frauengestalt, vor deren plötzlicher Erscheinung Sie so sichtlich zurückbebten?« fragte der Graf, während sie dahin gingen.

»Ich kenne sie nicht!« sagte Urban mit erzwungener Ruhe. »Ich erschrak nur vor der unerwarteten Erscheinung.«

Irma sank wie gelähmt und zerbrochen auf ihren Sessel zurück, und dennoch fühlte sie sich beglückt und getröstet. Er flieht mich, dachte sie, er glaubt also noch an meine Schuld! Aber er ist auch nicht glücklich, ich bin also noch nicht vergessen, nicht verschmerzt.

Lautes Lachen und Sprechen in ihrer Nähe riß sie aus ihren Träumen auf. Sie sah Leonore, umringt von einem Kreise ihrer Anbeter und Verehrer, sie hörte die faden, entzückten Complimente, die man ihr darbrachte, und Leonorens freies, zwangloses Betragen, die wenig gewählten Worte, in denen sie sprach, die heißen Blicke, mit denen sie irgend eine Schmeichelei belohnte, das Alles that ihr wehe, verletzte sie um Urban's willen. Sie stand auf, um sich in die Gesellschaft zu mischen. Leonore bemerkte sie, und trat ihr entgegen, Irma aber grüßte sie stumm und schritt an der sichtlich verletzten Künstlerin vorüber, nicht einmal gewahrend, daß ihr Gatte, der Präsident Arnold, sich gleichfalls im Kreise der Leonoren umgebenden Herren befand.

»Nun, dies ist eine stolze Dame!« sagte Leonore mit glühenden Wangen.

»Es ist meine Gemahlin!« sagte Arnold rasch, »und sicher erkannte sie, kurzsichtig wie sie ist, nicht die ausgezeichnete Künstlerin, deren herrliche Leistung sie heute Abend bis zu Thränen entzückte.«

Irma hatte sich so ganz verborgen gehabt, daß Niemand ihre Gegenwart geahnt, jetzt ward sie überall als eine freudige Ueberraschung begrüßt, und bald zum Mittelpunkt eines kleinen Kreises der Gesellschaft gemacht, der die Auserlesensten derselben in sich faßte. Was war es, was ihrem Wesen heute einen eigenthümlichen, fremden Zauber verlieh? Was gab ihrem Lächeln diesen nie gesehenen Ausdruck der Wonne, des Entzückens, ihren Wangen dieses dunkle Incarnat der Freude, was machte ihre Stimme leise beben, und leuchtete wie heiliges Wetterleuchten in ihren Blicken? – Urban war in dem um sie versammelten Kreise. O dieser Kreis, der einst in der Vergangenheit sie umgeben, der sich seit ihrer Rückkehr wieder um sie gesammelt, jetzt erst war er geschlossen, geschlossen mit einem Kleinod, das lange tief in Irma's Herzen begraben gelegen. Er war da, er stand ihr nahe, sie sah sein Lächeln, sein Anblicken, sie hörte seine Stimme, diese liebe, klingende Stimme, und unwillkührlich, wie ein fernes Wellenrauschen tönten vor ihren Ohren die Worte jenes Liedes, das ihr einst so bedeutungsvoll geworden, unwillkührlich flüsterte es in ihr:

Ich hört' der theuren Stimme Klingen,
Sie zitterte in tiefer Pein.
Ein Schwert fühlt' ich die Brust durchdringen
Bei seines Lächelns Wehmuthsschein.

Dies Schwert, wohl war es in ihrem Herzen, aber in diesem Momente empfand sie nichts von seiner tödtlichen Schärfe, fühlte sie nur jene süße Erleichterung, jene wollustvolle Befreiung von allen physischen Fesseln, die eine heftig blutende Wunde verursacht. O, dies Schwert war da, es war tief hinab gesenkt in ihren Busen, aber dort war es zugleich ein Schutz gegen den Tod, ein Aufhalten, Verlängern des Lebens. Dies Schwert aus ihrer Brust ziehen, hieße sie unrettbar dem Tode, der Verblutung dahin geben! Ach so lange das Schwert noch die Wunde ihrer Brust ausfüllte, so lange war sie noch geschützt gegen den Tod und das Verderben. Wie mancher stirbt nicht, weil der Pfeil, der sein Herz getroffen, noch darin, weil Deine eigenen, zitternden, verzweifelnden Hände ihn tiefer hinein bohren, weil die begeisternde Aufregung der Todesschmerzen Dich im Leben aufrecht erhält. Aber dann, wenn diese selige Aufregung verschwunden, wenn mitleidsvolle Hände kommen. Deine Wunden zu verbinden, mit sanftem Trosteswort den Pfeil aus Deiner Brust zu ziehen, und Dich zu heilen, erst dann wirst Du Deiner Wunden Dir bewußt, erst dann sinkst Du verblutend zusammen!

Aber noch war dies Schwert in Irma's Brust, und deshalb fühlte sie sich so leicht und glücklich, so frei und getragen von innerm, schmerzensreichen Glück! Urban war da! Er sprach nicht zu ihr, aber sie fühlte, daß er ihren Worten lausche, daß er nur da war um ihretwillen. Sie war wie in fieberhafter glückseliger Aufregung, gesprächig, scherzend, lächelnd, – und nun lächelte auch Urban. O allmächtiger Gott, aber welch eine tiefe, herzzerreißende Wehmuth war in diesem Lächeln! Irma hätte zu ihm hinstürzen, seine Kniee umklammern und um Vergebung flehen mögen für alle die Leiden, von denen dieses Lächeln ihr erzählte! Sie war so glücklich, so weich gestimmt, daß sie es sogar bereute, Leonoren vorher nicht liebevoller entgegen getreten zu sein. War Leonore doch seine Gattin, trug sie doch seinen Namen, o und alle die Freundlichkeit und Herzlichkeit, die sie Urban nicht zeigen konnte, seinem Weibe durfte sie mindestens sie entgegen tragen.

»Vielleicht,« dachte sie, »wird es ihn freuen, wenn er mich zuvorkommend gegen seine Gattin findet, oder mein Schweigen möchte ihm als ein Zeichen meiner Geringschätzung gelten! Nein, ich will sie begrüßen.«

Nach beendetem Souper ging sie zu Leonoren, die sich so eben von den kleinen Tische, an welchem sie mit fünf ihrer Verehrern gespeist, erhob. Man hatte dort viel Champagner, Leonorens Lieblingsgetränk, genommen, und das Antlitz der schönen Künstlerin, ihre blitzenden Augen und dunkel glühenden Wangen zeigten deutlich ihre große innere Aufgeregtheit.

Irma reichte ihr mit einem lieblichen Lächeln die Hand hin, und sagte: »Verzeihung, ich erkannte Sie nicht sogleich!«

Aber Leonore, leicht gereizt und stolz, schien diese dargebotene Hand nicht zu sehen. Sie trat einen Schritt zurück und sagte sich verneigend: »O, es ist schon eine übergroße Ehre, daß Sie Sich jetzt meiner erinnern, Frau Präsidentin!«

»Bitte, wozu diese Förmlichkeiten,« sagte Irma milde. »Ich bitte, sein Sie mir freundlich gesinnt! Sagen Sie mir, wie Sie lebten, seit wir uns nicht sahen, ob Sie glücklich sind! O, das Alles interessiert mich unendlich!«

Aber Leonore in ihrer heftigen Aufregung sah in diesem freundlichen Entgegenkommen eine neue Demüthigung. »Sie nimmt die Miene einer Beschützerin an,« dachte sie hochmüthig. »O, mich empört diese stolze, freundliche Ruhe! Ich will ihr diese Larve vom Gesichte reißen, ich will sehen, ob sie die Vergangenheit wirklich vergessen hat, wie sie sich den Anschein geben möchte.«

Und sie sprach zu Irma, sie schilderte ihr mit begeisterten Worten Urban's Liebe, und ihr eheliches Glück. Irma neigte ganz ergeben ihr Haupt, und horchte still diesen Dithyramben eines Gefühls, das ihr aber in zu schönen Worten vorgetragen schien, um wirklich die Wahrheit der Empfindung für sich zu haben.

»Und Ihre Familie?« fragte sie endlich. »Sie haben einen Sohn, nicht wahr?«

In Leonorens Augen blitzte eine boshafte Freude, als sie sagte: »Ich habe niemals Kinder gehabt!«

»Also gestorben?« fragte Irma tonlos.

»Nein,« sagte Leonore mit ironischem Lächeln, »ich habe niemals die Hoffnung gehabt, Mutter zu werden!«

»Mein Gott!« seufzte Irma leise, und mußte sich an einem Stuhl halten, um nicht zusammen zu sinken.

»Nicht wahr,« sagte Leonore stolz und lachend, »einmal mindestens können Sie mir Ihren Beifall nicht versagen! Die Rolle einer verlassenen, liebenden Mutter, die spielte ich Ihnen mindestens mit der Wahrheit der Wirklichkeit. O, Frau Präsidentin, jener Morgen ist der schönste Triumph meines Lebens gewesen! Das Publicum hat mir nie einen ähnlichen gegeben. Es wirft mir Kränze und Gedichte auf die Bühne, Sie warfen mir einen Gatten, einen Liebhaber zu!«

»Es war also ein elendes Comödienspiel,« sagte Irma matt, und sank einer Ohnmacht nahe auf einen Sessel nieder.

»Sie liebt ihn noch!« dachte Leonore mit wilder grausamer Schadenfreude. »O, und wenn Urban erfährt, daß sie ihm niemals untreu gewesen, daß er sie wieder als seinen Engel anbeten darf, wie wird er seufzen und leiden! Aber das ist ihm Recht, und diese Strafe soll ihm werden. Denn ist es nicht albern, jeden meiner Schritte bewachen, jede Liebelei mir untersagen zu wollen! Bah, ihm zum Trotz will ich diese Intrigue mit dem Grafen Itzstein zu Ende spielen. Ja, gewiß, er soll mich nicht daran hindern.«

Inzwischen war Irma's sichtliches Uebelbefinden bemerkt worden. Man bestürmte sie mit Fragen und Theilnahme, und sie war froh, endlich diesen mitleidigen Freunden entgehen und zu ihrem Wagen gelangen zu können. In einer dumpfen Betäubung lehnte sie sich in die Kissen zurück, und wußte nichts, als daß sie verrathen, betrogen sei. – O, die Seligkeit des Schmerzes war von ihr gewichen, das Schwert war aus ihrer Brust gezogen, und jetzt fühlte sie sich verblutend und grenzenlos elend.

»Was sprachst Du mit der Präsidentin Arnold?« fragte Urban Leonoren, als sie nach Hause fuhren.

»Bah, dieser stolze Titel macht mich lachen,« sagte Leonore verächtlich. »Wem verdankt diese stolze Dame ihn anders, als mir. Ich verhalf ihr dazu!«

»Und wie das?« fragte Urban erbleichend.

»Weil sie, ohne mein Dazwischentreten, nicht ihn, sondern Dich gewählt hätte.«

»Du also tratest zwischen uns?« fragte Urban mit einer Stimme, die Leonoren wie eine Drohung klang.

»Ja, ich!« sagte sie keck.

»Dies wirst Du mit näher erklären!« rief Urban gebieterisch.

»Und wenn ich nicht will?«

»So werde ich Dich dazu zwingen.« sagte er entschlossen. – Der Wagen hielt vor ihrer Thür, sie traten ins Haus, und Urban folgte Leonoren in ihr Zimmer.

»Und jetzt fordere ich von Dir eine Erklärung Deiner Worte,« sagte er entschieden.

»Die ich Dir auch nicht länger vorzuenthalten gedenke,« rief Leonore lachend. »Du magst also wissen, daß ich das Glück Deines Besitzes ganz mir selber verdanke, und daß, als Du mich verlassen wolltest, ich mir schwur, Dich zu besitzen, gerade Dir zum Trotz. Ich ging zu Irma, ich umfaßte ihre Kniee, und flehte sie, an, Dich frei zu geben.«

»Und sie?« fragte Urban athemlos.

»Nun, sie meinte, an mir der Aufgegebenen, Verrathenen sei es, Dich frei zu geben. Nun, da mußte ich sie denn zur Mitwisserin eines Geheimnisses machen, das weder ich, noch Du bis dahin kanntest.«

»Was sagtest Du ihr, was logst Du ihr?« schrie Urban bebend.

»Ich sagte ihr, daß sie das Kind unter meinem Herzen seines Vaters beraube, und deshalb gab sie Dich auf! Und jetzt, mein peinlich moralischer Herr Gemahl, jetzt sieh zu wie Du mit Deinem eigenen ehelichen Gewissen und Deiner Treue Dich zurecht findest, und laß mich ungehindert meine Straße ziehen!«

»Elendes, lügnerisches Weib,« schrie Urban, auf sie zustürzend. Aber plötzlich schien er sich zu sammeln, er trat zurück, und in seinem Antlitz flammte es auf, wie eine heilige, begeisternde Rührung. »Ich danke Dir,« sagte er dann matt. »Sie ist also unschuldig, mein Stern ist nicht untergegangen. Ich danke Dir, Leonore, Du hast mir in dieser Stunde eine ganze Vergangenheit zurück gegeben, und um deswillen verzeihe ich Dir!«

Er nickte ihr leicht mit dem Kopfe, und verließ das Zimmer.

»Und jetzt gebe der Himmel,« seufzte Leonore kläglich, »daß er endlich einmal ein ernsthaftes Liebesverhältniß anknüpft, damit ich Ruhe vor seinen Argusaugen habe. Nichts Unleidlicheres als ein moralisirender, ewig treuer Gatte! Mein Gott, ich würde mich selig preisen, wenn meine Geständnisse diese Beiden zusammen führte und eine ernste Liebschaft zur Folge hätte. Dann mindestens, wenn er selber schuldig ist, wird er mich nicht mehr mit seinen moralischen Predigten und lächerlichen Aufpassereien quälen! Bah, das ist ja ganz albern. Immer nur Einen lieben zu sollen. Das kann kein Gott wollen und fordern. Von keinem Geschöpf auf Gottes Erde wird dies sonst verlangt, warum denn gerade vom Menschen, der doch auch nur ein Thier ist, wie alle andern?«

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.