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Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 19
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
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XI. Urban an Cecil

Wir sind endlich heimgekehrt, Cecil! Die alten gewohnten Räume umgeben uns wieder, die Plätze und Straßen laden mich wieder zu langen Wanderungen ein, und überall begegnen mir bekannte Gesichter, die mich mit tausend halb vergeßnen, halb verklungenen Erinnerungen begrüßen. Das ganze Leben heimelt mich wieder an, und ich bin froh diese Kunstreise hinter mir zu wissen. Ach, Ihr Maler und Künstler wißt nicht, was das ist eine Kunstreise zu machen! Ihr fliegt fröhlich und frisch in die Welt hinaus, jeder schöne Platz, jedes kleine, aber anmuthig belegene Städtchen gehört Euer, Ihr lauscht den Wasserfällen ihre Farbenspiele ab, stehlt den drallen Bauerdirnen, wie den stolzen Fürstinnen ihre schönen Köpfe, und wo Ihr seid, da seid Ihr am Ziel, da findet Ihr Bleistift und Papier, um zu scizziren, Thon um zu modelliren. Aber die Kunstreise einer Schauspielerin! Pah, das ist ein ander Ding! Nichts da von Natur und Landschaft, von Bächerauschen und Windesflüstern, was kümmert uns die Natur, uns, die wir der Kunst nachreisen! Was kümmern uns die kleinen Städte, und lägen sie selbst im Paradiese! Wir verachten sie, wenn sie kein Theater haben, keine Bühne! Die Bühne! Das ist der große Magnet, der uns nach sich zieht, immer nach sich, der wir willenlos folgen durch Sandflächen und Dünen zu schmutzigen öden Städten wie zu glänzenden Residenzen. Die Bühne, das ist unser Eldorado, unser Lebenszweck, unser Lebensgenuß, und nach ihr das Wichtigste, – die Garderobe. Ach, wir schleppen sie in berghohen Kisten und Schachteln hinter uns her, und bewachen sie mit wachsameren Augen, wie irgend ein eifersüchtiger Ehemann sie haben kann. Angelangt an irgend einem Reiseziel, das heißt, in irgend einer Bühnenstadt, gilt unsere erste Sorgfalt der Garderobe, und erst wenn diese weich gebettet und beschützt, erst dann wird dem eigenen zerschlagenen, durchrüttelten Leibe einige Sorgfalt zugewandt, und dann, ist dies geschehen, rufen Dich des Lebens heilige Pflichten zum Director des Theaters. Da wird gehandelt, und gefeilscht, gestritten und gescholten, bis endlich der wohlunterschriebene Contract Dir einige Muße läßt, Muße, um Dich nach den Journalen und deren Redacteuren zu erkundigen, und wenn Du ihre, vielleicht nie zuvor gehörten Namen erfahren, ihnen Deinen Besuch zu machen, ihnen Deine tiefe Achtung und Anerkennung zu bezeigen, um ihre Gunst zu werben, sei's mit Schmeicheleien, sei's mit Gold und Geschenken. Unter diesen wechselnden Beschäftigungen vergehen Dir die Tage, und erst, wenn der erste Theaterabend überstanden, der erste Bühnentriumph gefeiert, erst dann magst Du eine Stunde finden der Ruhe, der Erholung. Aber nein, da kommen die Besuche, die Einladungen, da bestürmen die Lions, Dandys jeden Morgen das Besuchszimmer der gefeierten Künstlerin, da giebt es jeden Tag neue Diners, neue Soupers! Ach, ein Dachstübchen, ein einsames stilles Dachstübchen! Das war's, wonach ich seufzte an jedem Tage dieser glänzenden Kunstreise. Ein Dachstübchen schließt einen Himmel in sich, denn es ist Friede in ihm und Ruhe! Ach, wie oft, wenn ich an Leonorens Seite von irgend einem glänzenden Feste heimkehrend, durch die stillen nächtlichen Straßen dahin fuhr, wie oft weilte da mein Auge mit heißem Sehnen auf solchen kleinen glänzenden Fenstern hoch oben am Giebel der Häuser, und ich beneidete den armen Gelehrten, den beseligten Dichter, der dort in verschwiegener Stille die heimlichen Zuflüsterungen und Offenbarungen seiner Muse empfangen mochte. O seliges, seliges Loos, eingefriedigt in die geräuschlose Stille und Einsamkeit eines solchen Stübchens goldene Träume der Zukunft zu träumen! Zukunft! Ich habe keine Zukunft mehr, und keine Träume! Dieses letzte Jahr meines Lebens hat meine Zukunft erdrückt, die Schwingen meiner Seele gelähmt! Dies ist eines Mannes unwürdig, wirst Du sagen, aber ich sage dies mit zornerfülltem Herzen von meinem ganzen Dasein, von jedem Tage dieses glanzvollen, triumphreichen Lebens, in welchem dem Manne die zweite Rolle zuertheilt worden. Begreifst Du das, der Gatte einer berühmten Schauspielerin zu sein, der erste Karrenträger ihrer Triumphe! Was dein Eigen ist, das Wesen, dem Du Deinen Namen, Deinen reinen, unbefleckten Namen gegeben, als das Eigenthum der Menge sehen, es dulden zu müssen, daß jeder Fat ihr leichtfertige, lächerliche Huldigungen darbringt! Dein Weib der Oeffentlichkeit, den unverschämten Blicken eines zusammengewürfelten Publikums preis gegeben, das jeden Abend das Recht hat, mit wildem Schreien ihr seinen Beifall zu bringen, mit tausend Brillen und Lorgnetten lüstern ihre Reize zu betrachten. O, welch ein Unterschied, der Geliebte, oder der Gatte einer Schauspielerin zu sein! Dem Geliebten allein gehört diese schöne, gefeierte Künstlerin, Dich allein sucht sie in der Menge, Dich allein will sie beglücken, jeder ihrer Triumphe gehört Dir, und das Geheimnißvolle, Verschwiegene Deines Glückes erhöht noch den Reiz desselben. O, es hat etwas Zauberhaftes, Dämonisches der Geliebte einer Schauspielerin zu sein. Die ganze Romantik wogt und fluthet, rauscht und flüstert in einem solchen Verhältniß. Aber indem Du die Geliebte zu Deiner Gattin machst, fällt diese Romantik, dies Zauberschloß zusammen, und läßt Dir nichts als den Aschenhaufen eines zerstörten Glückes. Dieselben Triumphe, die dem Geliebten eine stolze Wonne deuchten, werden für den Gatten eine Demüthigung, eine Entwürdigung, und vor den Umarmungen des ersten Liebhabers, diesen Theaterumarmungen, die Du sonst gar nicht beachtetest, schlägst Du jetzt wie vor einer Schmach die Augen nieder, – denn es ist Dein Weib, dessen Heiligenschein da entblättert, Deine Gattin, deren eheliche Krone da entwürdigt wird. – Dies Gefühl, das Dich nun ergreift, es ist nicht Eifersucht, nicht kleinlicher Neid, nein, es ist das Gefühl Deiner eigenen Demüthigung, und diese Triumphe Deines Weibes legen sich wie ein lähmender Mehlthau auf alle Blüthenknospen Deiner Zukunft, sie zersetzend und zerreibend zu Staub und Asche! Ich sage Dir, ich fühle in mir zuweilen das Toben einer Raserei, die mich erstickt mit ihren demüthigenden Zuflüsterungen! Ach, der Gatte einer berühmten Schauspielerin sein! Es ist ein Unding, ein Stückchen aus der verkehrten Welt, das von Narren ersonnen ist, um Kinder lachen zu machen. Du siehst, ich rüttle mit meinen Ketten, und kann sie doch nicht zerbrechen! Kann nicht! Fühlst Du, was das heißt, gefesselt sein, und zu lechzen nach Freiheit, Dich entwürdigt zu fühlen in Deinem männlichen Stolz, Deiner männlichen Ehre, und Dich nicht aufrichten zu können zur Manneswürde und Ehre! Deine Jugend, Dein Stolz, Deine Mannheit ein elendes, nicht beachtenswerthes Spielzeug in den Händen eines Weibes, die Deinen Namen trägt, und doch der Menge, den unverschämten Blicken und Zuflüsterungen jedes Einzelnen gehört! – Und warum nicht diese Qual beenden durch eine Scheidung? höre ich Dich fragen. – Rüttle an Deinem Kerker, und frage deinen Wärter, ob er Dich entlassen und frei geben will, gieb seiner Schadenfreude diesen Anblick Deiner ohnmächtigen Wuth, und sieh ihn lachen Deiner Qualen! O, einer Schauspielerin ist ein Gatte ein bequemes Ding, ein sicherndes Schutzdach, das sie über ihre kleinlichen Intriguen und Theaterstreitigkeiten legt, eine Art Popanz, den sie den Zudringlichkeiten eines unwillkommenen Liebhabers, den Unverschämtheiten eines tadelnden Recensenten entgegen hält, ein Tugendmantel, den sie ihren Gelüsten und Liebeleien überwirft! Denn Du glaubst doch nicht an die Treue und Keuschheit Deiner Bühnenkönigin! Bah, das sind alberne Schwärmereien der Flitterwochen! Je größer, genialer sie ist, um desto mehr bedarf sie dieser sogenannten kleinen Zerstreuungen und Auflockerungen ihres Herzens, um frisch und neu zu bleiben in der Darstellung ihrer Liebesscenen; das Alles ist in der Ordnung, aber ganz dazu geeignet einen armen Ehemann toll zu machen! Ich glaube nicht an die Treue einer Schauspielerin. Wehe aber Leonoren, wenn diese Zweifel Gewißheit würden! Meine Ehre, meinen Namen mindestens würde ich vor Beschimpfungen zu sichern wissen! O alle diese Demüthigungen und Beschämungen zu rächen, abzuwaschen im Blut des überführten Verräthers, meine Stirn zu reinigen von diesen rothen Flecken der Scham, endlich einen Grund zu haben, diese Bande zu zerreißen, und wieder frei zu sein, frei wie der Vogel in der Luft! So sind diese Gesetze, die es sich anmaßen wollen die Bedürfnisse Deines Herzens, Deiner innern Existenz zu regeln und zu ordnen so sind diese Gesetze, daß es der declarirten Schande, der Enthüllung Deiner tief verschwiegenen Schmach bedarf, um eine Ehe zu trennen, aus der lange schon das geheiligte, vereinende Band der Liebe und Treue gewichen ist, um alle diese Zustände auseinander fallen und verdorren zu lassen. Diese stille, heimliche Schmach, an der Du Dich verzehrst, diese Scheidung der Herzen und Seelen, diese innern Zerwürfnisse und Qualen, das Alles ist nichts, ist kein Verbrechen, keine Strafe, es bedarf des gemeinen Verbrechens, der pöbelhaften Schande, um Dir Deine Freiheit wieder zu geben, eine Freiheit, die dann zugleich gebrandmarkt ist mit der Schande Deiner Hahnreischaft!

O meine goldene, köstliche Freiheit, warum gab ich dich hin in kindischer, knabenhafter Wuth, in blinder Verzweiflung um einen gefallenen, erblindeten Stern! Ja, Cecil, es stand ein Stern im meinem Leben, goldig und hell, strahlenrein und heilig, und ich betete zu diesem Stern, dem ich meine ganze Zukunft, meine ganze Seele als Opfer, als freudiges seliges Opfer darbringen wollte, ich betete und glaubte! Und doch genügte eine Stunde, eine dunkle, unheimliche Stunde, um dies Sternbild auf ewig mir zu verhüllen, und an dessen Stelle ein kokettes, frivoles, entartetes Weib erscheinen zu lassen. Wehe mir, wenn dieser Stern, den ich auf ewig erloschen glaubte, nur verhüllt war von einer finstern undurchdringlichen Wolke, hinter der er leuchtete in all' seiner himmlischen Klarheit, o und wenn dies Wahrheit ist, dann wehe auch der Hand, welche in frevelnder List diese Wolke über meinen Stern gedeckt! Daß es so sein kann, sagt mir zuweilen eine trostlose, und dennoch selige Ahnung, meine ich zuweilen in Leonorens listigem und heimtückischem Lächeln, in einzelnen, unvorsichtigen Aeußerungen zu erkennen! Ich muß Licht haben, ich muß erfahren, ob fremde, ob eigene Schuld meinen Stern aus seiner Bahn geworfen, ob ich einem gefallenen Weibe fluchen, oder einen mißhandelten Engel wieder auf seinen, von frevelnder Hand umgestürzten Altar erheben muß!

Urban.

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