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Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
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IX. Ehescenen

Es ist eine alte Sage, daß die ersten Monate oder Wochen nach der Hochzeit die schönsten und beglückendsten sind. Wir Deutsche besonders sprechen mit einer Art Weihe von den »Flitterwochen«, die weniger gemüthlichen Franzosen kürzen diese wonnige Zeit schon ab, und kennen nur noch » jours de miel«, und den Engländern war diese Bezeichnung früher gar nicht bekannt; sie haben erst mit dem Coburg'schen Prinzen von den Seligkeiten der » honey monthes« sprechen gehört. Ob diese »Flitterwochen oder Honigmonde« Wirklichkeit oder nur ein glänzendes Mährchen? Meistens das letztere, selten das erstere, ohne daß zuletzt auf dem Grunde dieses vollen Honigbechers der bittere Wermuthstropfen gefunden wird. Bei edlen Naturen, bei denen, wo die Seele und das Herz tiefer von der Liebe getroffen sind als das Blut und die Sinne, bei diesen bringen diese ersten Wochen des Zusammenlebens neben allem Schönen und Genußreichen auch manchen innern Kampf, manche heimliche Thräne. Es fehlt in diesem engen, steten Beisammensein die Harmonie, es ist ein Suchen nach dem Einklang, nach der fehlerlosen Melodie und das Weib besonders hat zu leiden, ehe es sich gewöhnt an diese kleinen, unvermeidlichen Inconvenienzen, an diese Vernachlässigung der äußern Formen, die dem Weibe ein Bedürfniß, dem Manne ein Luxus sind, welchen er in der Gemüthlichkeit seines Zimmers gern ablegt. Das Weib ist höflich und zuvorkommend aus ihrem Herzen, ihrer Seele heraus, der Mann nur aus der Ueberzeugung, daß es nicht anders sein kann, dem Weibe ist dieser Instinct der steten höflichen Beachtung Anderer angeboren, dem Manne fehlt dieser Instinct, und wenn er höflich ist, so dankt er es seiner Erziehung. Dem männlichen Stolz ist die Brüsquerie nahe verwandt, die weibliche Demuth und das ihr inne wohnende Unterwürfigkeitsgefühl sind verschwistert mit der Höflichkeit. Deshalb sind die besten, edelsten Frauen gewiß auch zugleich die zuvorkommendsten, höflichsten, selten kann man dies von den besten, edelsten Männern sagen, zumal gegen ihre eigenen Frauen! Mein Gott, je mehr ein Mann seine Frau liebt, je weniger Formen und Höflichkeiten wird er für sie haben. »Gegen Fremde und mir Fernstehende,« sagt er, »bin ich höflich und zuvorkommend. Dich liebe ich zu sehr, Du stehst mir zu nahe, als daß ich solche Albernheiten und Aeußerlichkeiten mit Dir beobachten sollte.« – Die Frau ist gegen Niemand so zuvorkommend und höflich, als gegen den, welchen sie am meisten liebt, denn sie hat da die entfernende Zurückhaltung verloren, und folgt nur ihrem angebornen Instinct. »Und habt Ihr durchaus nicht ermitteln können, ob mein Sohn wirklich mit diesem Mädchen verheirathet ist?« fragte ein alter Diplomat seinen Kammerdiener, den er ausgesandt, das junge Paar zu beobachten. – »Nichts, Herr! Ich habe nicht einmal gesehen, daß er ihr die Hand geküßt!« – »Pah, das wäre schon ein Grund dafür! Und sage einmal, saßen sie, oder standen sie, als Du eintratest?« – »Ihr Herr Sohn saß auf dem Kanapee, und die junge Dame stand vor ihm mit einer Tasse Kaffee, die sie ihm präsentirte.« – »Und mein Sohn stand nicht auf?« – »Nein, Ihre Gnaden!« – »Eine vollkommene eheliche Scene!« murmelte der Diplomat. »Und was geschah weiter?« – »Dann suchte die junge Dame aus einer Schale mit Aepfeln den köstlichsten und schönsten hervor, und schälte ihn ganz zierlich mit einem goldenen Messer, worauf sie ihn dem jungen Grafen hinreichte.« – »Und er nahm ihn, oder theilte er mit ihr?« – »Nein, er aß ihn, und als er ihn verzehrt hatte, sagte er: »Diese Aepfel sind köstlich! Willst Du Dir nicht gleichfalls davon zurecht machen?« – Der Diplomat lächelte ironisch. »Nun, und weiter?« – »Dann stand der junge Graf auf, und sagte: »Es ist ein köstlicher Tag! Ich liebe diese heißen Sommertage unendlich. Komm, laß uns hinabgehen in den Garten.« – »Ich will nur meinen Hut und Shawl holen,« sagte die Dame. – »Und mein Sohn ließ sie es thun?« – »Ja, er stand so lange am Fenster, und trommelte an den Scheiben, bis die Dame kam. Und dann gingen sie hinab.« – »Wer ging durch die Thür voran?« – »Ihr Herr Sohn!« – »Es ist so gut als entschieden,« murmelte der Diplomat. »Und weiter, weiter sahst Du nichts? Besinne Dich auf jedes Wort, jede Miene?« – »Ich weiß wirklich nichts, was mir aufgefallen wäre, als des jungen Herrn goldgesticktes Taschentuch.« – »Bei welcher Gelegenheit sahst Du es?« – »Es fiel zufällig an die Erde.« – »Wer hob es auf?« fragte der Diplomat rasch. – »Die junge Dame, und der Herr Graf nahm es, freundlich mit den Kopfe nickend.« – »Es ist genug! Sie sind verheirathet!« rief der Diplomat. – Ein alter reicher Kaufmann, der seine einzige Tochter fast noch mehr liebte, als seine Millionen, hatte den Schmerz, seine Tochter von einem Baron entführt zu sehen. »Ich hoffe, Sie sind wenigstens verheirathet!« sagte er seufzend zu seinem Buchhalter, den er zu ihnen gesandt. – »O gewiß, Herr Principal, denn der Herr Baron war von einer rührenden Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit.« – »So?« fragte der Vater gedehnt. »Und was that er denn?« – »Nun, zum Beispiel! Es war ein Fenster auf, und als die Thür geöffnet ward, sprang der Baron auf, um Ihrer Tochter einen Shawl überzuwerfen, und sagte ganz erschrocken: »Mein Gott, theuerster Engel, Du wirst Dich erkälten!« – Der Vater seufzte. »Schlimm, sehr schlimm,« sagte er. »Und dann?« – »Nun, dann kam ein Diener, und brachte Kaffee. Der Herr Baron sprang auf, und nahm dem Diener das Cabaret ab, um es selbst Ihrer Tochter zu präsentiren.« – »Und meine Tochter litt das?« – »Warum nicht? Sie nickte ihm freundlich zu, und nahm die dargebotene Tasse.« – »Wovon sprachen sie?« fragte der Vater mit erlöschender Stimme. – »Von mancherlei! Unter Anderm, von einem golddurchwirkten Stoffe, den die Herzogin gestern auf dem Balle getragen. Ihre Tochter meinte, nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Sogleich erbot sich der Baron, ihr ganz dasselbe Kleid zu besorgen. Aber es wird sehr kostbar sein. »Was thut das,« sagte der Baron. »Nichts ist zu kostbar, was meiner Julie wohlgefällt.« – »O, o, immer schlimmer,« seufzte der Vater. – »Und dann,« fuhr Ihre Tochter fort. »Mit dem Stoffe ist es nicht allein gethan. Das Kleid muß mit den breitesten Brüsseler Spitzen besetzt werden. Die Schneiderrechnung wird enorm sein.« »Mein Gott,« rief der Baron, »mag er fordern, was er will. Was kümmern mich alle Schneiderrechnungen der Welt, wenn es gilt Dich in einem schönen Anzug zu sehen.« – »Sie sind nicht verheirathet,« jammerte der Vater, und weinte bitterlich.

Die meisten Ehen sind ebenso viel Variationen über das Thema dieser beiden kleinen Geschichten, und diese Variationen, und dies Thema sind die summenden, und stechenden Bienen, die dem Weibe den Honiggenuß der ersten Wochen mißgönnen. Beim Manne ist dies anders, diese kleinen Dinge sind für ihn nicht vorhanden, er verliert nichts von seinen Gewohnheiten, seinem Comfort, er hat sich nicht zu fügen und anzuschmiegen. Er bleibt, wie er ist, und das Weib fügt sich in ihn, lauscht ihm seine Gewohnheiten und Wünsche ab, und thut Alles diesen gemäß. Der Mann liebt mehr mit dem Blut und den Sinnen, darum beseligt ihn die Neuheit des Besitzes, des steten Zusammenseins, des ungestörten Genusses. – Für Arnold gab es solche köstliche, entzückende Flitterwochen, und er schwur und betheuerte täglich auf's Neue, er sei der glücklichste Mensch unter der Sonne, werth von den Göttern beneidet zu werden; seine Frau sei eine Heilige, ein Engel, dessen er sich niemals würdig fühlen könne, und die viel zu erhaben, viel zu hoch stehe, um mit den kleinlichen Dingen dieser Erde sich jemals befassen zu können. Er wich nicht von ihrer Seite, ging nicht in Gesellschaft, und wenn er es that, nur unter der Bedingung, daß Irma ihn begleite, wo er dann hinter ihrem Stuhl stand, und nicht müde ward sie zu bedienen, zu unterhalten. Ja, selbst seine Acten vernachlässigte der sonst so pünktliche Geschäftsmann, und empfand nicht einmal Gewissensbisse darüber. – Irma hüllte sich ganz ein in schweigende Resignation, und duldete mit verhaltenen Seufzern alle diese lästigen und quälenden Beweise einer Leidenschaft, die sie nicht theilen konnte. »O nur eine Stunde, eine einzige Stunde Ruhe und Einsamkeit,« flehte sie ganz leise, ganz still zu sich selber, und dieser Wunsch schon däuchte ihr ein Unrecht gegen den Gatten. Sie war ganz entschlossen, Alles zu leiden, sich in Alles zu fügen, und weil sie nicht liebte, wußte sie nur, daß geschrieben stand: ›Und er soll Dein Herr sein!‹ Deshalb wollte sie gehorsam und unterwürfig sein, deshalb unterwarf sie sich selbst diesem Ridicüle öffentlicher ehelicher Zärtlichkeit, und duldete es schweigend, aber innerlich zuckend und leidend, wenn ihr Mann in der Gesellschaft nur Aug' und Ohr für sie, wenn er stets neben ihr saß, oder gar ihre Hand mit seinen Küssen bedeckte.

So war mehr denn ein Monat vergangen, als Arnold's Champagnerrausch der Leidenschaft allmählig zu verdampfen begann. Er war wieder eifrig mit seinen Acten, seinen Sessionen beschäftigt, ja, er folgte endlich der unumstößlichen Notwendigkeit einer kleinen Stadt, und entschloß sich das Casino, diesen steten Sammelplatz der Männer, zu besuchen. – Irma athmete erleichtert auf, und fühlte sich, wie von einer drückenden Last befreit.

»Nun werden wir zur Ordnung, zum Lebensgenusse kommen!« sagte sie ganz dankbar für die stille Stunde, die ihr endlich geworden, und überließ sich ganz dem Behagen, der süßen Gemächlichkeit ihrer Einsamkeit. – Mehrere Abende hintereinander besuchte Arnold jetzt das Casino, aber er kehrte verstimmt, einsylbig zurück, und endlich erklärte er, wieder daheim und bei Irma bleiben zu wollen. – Irma zwang sich zur Heiterkeit, zum liebevollen Entgegenkommen; sie dachte, es ist meine Schuldigkeit, diese Wolken von seiner Stirn zu scheuchen, und ihn zu zerstreuen! – Sie fragte ihn nach einem wichtigen Prozesse, mit dem Arnold eben beschäftigt war, und von dem er ihr vor einiger Zeit viel gesprochen. Arnold antwortete achselzuckend: »Ich bitte Dich! nur nicht von Geschäften! Ich bin bei Dir, um mich auszuruhen, nicht um Dir Prozesse zu erklären und Dich zu einer vollständigen Advocatenfrau herauszubilden!« – »Gut, so will ich Dir etwas singen!« sagte Irma, den Flügel öffnend. – »Ich bitte Dich, laß es!« sagte Arnold verstimmt. »Meine Nerven sind ungewöhnlich gereizt, angestrengt. Ich wünschte Zerstreuung, Aufheiterung, keine neue Anstrengung der Nerven, und das ist doch am Ende alle Musik.« – »So wird es Dich vielleicht zerstreuen, wenn ich Dir vorlese!« sagte Irma ganz geduldig. »Hier ist etwas Neues, Schönes. Georg Sand's Consuelo. Soll ich Dir lesen?« – Arnold nickte stumm, und sie las aus Consuelo. Die Lectüre fesselte sie, regte sie an, sie las schön und mit von Theilnahme gerötheten Wangen, mit klopfendem Herzen. »Ist das nicht herrlich?« fragte sie endlich, mit strahlenden Blicken zu Arnold hinsehend. – Er antwortete ihr nicht, – er war eingeschlafen. – Irma senkte traurig ihr Haupt und schwieg. Diese Stille schreckte Arnold aus seinem Schlummer auf. »Nun? Du liest ja nicht,« sagte er auffahrend. – »Du hörtest nicht,« antwortete sie einfach. – »Ich hörte Alles,« rief er, »nur das Letzte ist mir entgangen. Deine Stimme hat aber auch so etwas merkwürdig Murmelndes, Einschläferndes.« – »Daß Du sie für das Rauschen eines Waldbachs hieltest,« unterbrach sie ihn lächelnd, »und seiner Einladung zum Schlummer folgtest.«

»Ich bitte Dich, verzeih!« sagte er, sie umarmend, und suchte durch Zärtlichkeiten und Liebesbetheurungen sich aus seiner Schläfrigkeit aufzurütteln. Irma vermochte dies nicht zu ertragen, sie schützte Kopfweh vor, und begab sich zur Ruhe.

»Das war ein erster ehelicher Abend,« sagte sie auf ihr Lager sinkend. »Nun Irma, erfülle Deine Pflichten und murre nicht!« –

Sie war den folgenden Tag heiter und freundlich gegen Arnold, wie immer, und als der Abend kam, und Arnold erklärte, auch heute wieder zu Hause bleiben zu wollen, nickte sie freundlich und sagte: »Nun so wollen wir uns erzählen! wollen recht viel schwatzen und plaudern.«

»Kartenspiele verstehst Du nicht?« fragte er ganz melancholisch.

»O doch!« sagte sie mit einem lieblichen Stolz.

»Und was denn?« fragte er ganz freudig und lebhaft.

»Nun, l'hombre, Piquet! Ich habe alle diese Spiele mit meinem lieben Papa gespielt, der solche Zerstreuung sehr liebte.«

»Ich bitte Dich, Du Einzige, Unübertreffliche, laß uns l'hombre spielen,« rief Arnold freudig, und holte Spieltisch und Karten herbei. – Irma, von dem Grundsatz ausgehend, daß man Alles, was man treibe, so vollkommen wie möglich erlernen müsse, hatte unter der Anleitung ihres Vaters sich zu einer Meisterin des Kartenspiels herausgebildet. Arnold erkannte das mit sichtlicher, freudiger Ueberraschung, und sagte, während sie spielten, ganz befriedigt: »Dies unerwartete, köstliche Talent ist mir lieber, als alle Deine andern, gepriesenen Talente.«

Irma seufzte schweigend, und spielte weiter, die Fehler Arnold's verbessernd und ihn belehrend. – Von nun an spielten sie jeden Abend, und die sichtliche Ungeduld, die Arnold zeigte, bis die ersehnte Stunde heran kam, war Irma eine Art Genugthuung und Lohn für alle die tödtliche Langeweile, die sie selbst beim Kartenspiel empfand.

»Aber welch eine maßlose Zärtlichkeit ist dies!« sagte die Präsidentin Xaver zu Irma, als sie ihr auf der Promenade begegnete. »Man sieht Sie Beide niemals in der Gesellschaft. Sie suchen die Einsamkeit, als fürchteten Sie den zerstörenden Einfluß der Welt auf Ihre Liebe. Ich versichere Sie, Ihre Ehe ist schon förmlich sprichwörtlich geworden, die ganze Stadt spricht davon und preist Ihr Glück.«

»Ja, wir sind auch unaussprechlich glücklich,« rief Arnold mit Emphase, während Irma sich mit der Präsidentin kleiner Tochter beschäftigte.

»Weißt Du, Irma,« sagte einige Abende später Arnold, »weißt Du, ich denke, jetzt könnte ich es wagen, wieder das Casino zu besuchen.«

»Und ist dies ein Wagniß?« fragte sie lächelnd.

»Allerdings!« antwortete er, sie an sich ziehend, »ehe Du meine schöne Lehrerin geworden, war es ein Wagniß. Denn diese Herrn spielten Alle das l'hombre ganz meisterhaft, und spielten sehr hoch. Deshalb verlor ich jeden Abend bedeutende Summen, und beschloß nicht eher wieder dorthin zu gehen, als bis ich ihnen mindestens in der Geschicklichkeit des Spiels gleich stände.«

»O, deshalb also spieltest Du jeden Abend mit mir?« fragte Irma kalt. »Es war eine Vorübung für das Casino.«

» Gewiß! An Dich mein Geld zu verlieren hatte wenig zu sagen, und ich lernte doch dabei!«

Irma ließ die Hände müde in den Schooß sinken und wußte nichts zu erwiedern. Sie nickte Arnold, der sich anschickte ins Casino zu gehen, stumm den Abschiedsgruß, und zog sich auf ihr Zimmer zurück. Sie war ganz traurig, ganz zerbrochen. Wie eine große, unermeßliche Wüste sah sie ihre Zukunft vor sich liegen, kein Mittel mehr hoffend, diese in einen grünenden, an Früchten reichen Garten umzuschaffen. – »Es ist ganz furchtbar an solcher kleinlichen Misère zu Grunde gehen zu sollen,« sagte sie. »O, dies ist das Entsetzlichste, – es ist so erbärmlich klein und gewöhnlich, daß ein wirkliches Unglück dagegen wie ein Glück erscheint!« – Aber diese Mutlosigkeit dauerte nicht lange. Irma's stolze reine Seele fand in sich immer neue Springquellen der Ermutigung, des Genusses.

»Und kann ich nicht glücklich sein, so will ich doch mindestens nicht unglücklich sein,« sagte sie stolz sich aufrichtend. »Diese Kleinlichkeiten und Aeußerlichkeiten sollen keinen Einfluß üben auf den Frieden und die Heiterkeit meiner Seele. Ich will mich beschäftigen, keine Stunde soll mich müßig finden, denn Beschäftigung ist die beste Arzenei gegen alle Trübsal.«

O wie reich an stillen, unverlierbaren Genüssen waren ihr nun ihre stillen, ungestörten Tage. Wie mannigfaltig an Zerstreuung und Freude rauschten die Stunden dahin. Mit der ihr eigenen Kraft und Selbstständigkeit hatte sie sich muthig gegen diese Schrecknisse einer kleinen Provinzialstadt aufgelehnt, und niemals einen jener großen sogenannten Damencaffées besucht, die, wie das heimliche Vehmgericht Urtheil und Verdammniß aussprechen, und Unschuld und Tugend, das Heilige wie das Gemeine vor ihr Schreckenstribunal ziehen. Daß ihr sämmtliche Damenwelt der Stadt diese Zurückgezogenheit, die man Hochmuth nannte, nimmer verzeihen würde, das kümmerte sie wenig, daran dachte sie gar nicht, und beschäftigt mit ernsten Studien, oder mit Musik, Malerei und Lectüre verklang das Geräusch der Gesellschaft vor ihren Ohren ungehört. Sie hatte sich resignirt, nicht mehr das Glück zu begehren, aber sie wollte zufrieden und still ihren Neigungen gemäß leben können.

»Weißt Du wohl,« sagte einst Arnold zu ihr, »daß die sämmtliche Damenwelt gegen Dich eingenommen ist, und jeden Deiner Schritte mit feindlichen Augen überwacht?«

»Da haben sie wenig zu überwachen,« sagte sie ruhig, »weil sie mich wenig sehen.«

»Das ist ja eben Dein Verbrechen, daß man Dich wenig sieht,« rief Arnold. »Und im Ernst, Irma, ich finde, Du gehst hierin zu weit. Man muß sich den Formen und Gebräuchen des Ortes, an dem man lebt, anschmiegen, und sich hüten dagegen zu verstoßen. Bücher, Musik und Noten dürfen nicht Deine einzige Gesellschaft sein. Du mußt Dich in der Welt zeigen, mußt zeigen, daß Du neben Dir auch Andere gelten läßt, und nicht in stolzem Eigendünkel Dich überhebst.«

»Mein Gott, ich lasse ja Jedem sein Recht und seinen Willen, zu thun, was ihm beliebt,« sagte Irma, »und wünsche ja auch nichts weiter, als daß man diese Christenpflicht auch gegen mich übe.«

»Aber in der Gesellschaft, und besonders in einer kleinern Stadt ist man nicht so human,« sagte Arnold eifrig. »Man verlangt, daß Jeder sich den Verhältnissen anpasse, nicht sich ihnen entziehe. Und man hat im Grunde Recht, Irma. Dein vieles Lernen und Studiren ist wirklich für eine Dame unpassend. Man verschreit Dich schon in der Gesellschaft als eine Gelehrte, und das ist mir unangenehm, denn ich hasse nichts mehr, als ein gelehrtes Weib!«

»Dies ist ein Vorwurf, der leider mich nicht trifft,« sagte Irma müde. »Uebrigens nanntest Du früher mein Wissen, so gering es war, einen Vorzug.«

»Ja, früher!« rief Arnold mit rauhem Lachen. »Pah! Was nennt der Mann vor der Hochzeit nicht alles einen Vorzug! Soll ich Dir aber jetzt die Wahrheit sagen, so scheint mir, der größte Ruhm einer Frau sei der, der Wirtschaftlichkeit!«

»Gut,« sagte Irma entschlossen, »dieser ist zu erlangen! Von heute an werde ich mich in Küche und Keller beschäftigen!«

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