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Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
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III. Eine Erklärung

Der Geheimrath Kramer war allein in seinem Kabinett, eifrig beschäftigt mit den Papieren, die in großen Stößen seinen Arbeitstisch bedeckten. Seine Züge hatten ganz jenen eigenthümlichen, strengen und stolzen Ausdruck, der das Gesicht eines preußischen Geheimraths charakterisirt, und um die geschlossenen nieder gezogenen Mundwinkel hatte das Alter und der Ernst des Lebens tiefe Furchen gezogen. Auf seiner Stirn standen viel amtliche Gedanken, Fragen und Bedenken, seine Augen, wie sie ernst und schnell alle diese Actenstöße überflogen, zeigten, daß seine ganze Seele erfüllt war von diesen täglich sich erneuernden Geschäften seines Berufes. Ein Diener öffnete geräuschlos die Thür, und reichte dem Geheimrath schweigend ein versiegeltes Schreiben hin. Dieser erbrach es hastig, und während des Lesens veränderte sich der starre ernste Ausdruck seiner Züge, die von einem milden, fast zärtlichen Lächeln erglänzten; es schien, als habe dieser Brief den Geschäftsmann verdrängt, um den Menschen an's Licht zu bringen, als sei die Seele aus den Actenstößen hervorgerufen, um zu edlern Regungen zu erwachen.

»Ich lasse meine Tochter bitten zu mir zu kommen,« sagte er dem harrenden Diener, und als dieser sich schweigend entfernt, überlas er noch einmal mit prüfender ernster Miene das erhaltene Schreiben. Wenige Minuten, und in der geöffneten Thür erschien die hohe stolze Gestalt eines Mädchens.

»Ach, Irma,« sagte der Geheimrath, ihr entgegen schreitend, »bist Du da, mein Kind?«

»Und ganz erstaunt, mein Vater,« sagte sie mit einem leisen Lächeln, »ganz erstaunt, zu so ungewohnter Stunde zu Ihnen berufen zu werden. Mein Gott, es scheint mir, als erhöben diese Actenstöße da drohend ihre Häupter, um mich zu verklagen, weil ich sie in ihrer hochwichtigen Ruhe störe!«

»Laß die Acten immerhin klagen,« sagte der Geheimrath seine Tochter zum Sopha führend, auf dem er neben ihr sich setzte. »Wir wollen für den Augenblick die Geschäfte vergessen, und nur daran denken, daß ich Dein zärtlicher Vater, Du, wie ich hoffe, meine liebende, gehorsame Tochter bist!«

Irma küßte schweigend seine Hand, dann sagte sie: »Mein Vater wird mich immer gehorsam finden, denn ich weiß, daß er niemals etwas fordern wird, das meinen Grundsätzen und Ideen widerstreitet.«

»Grundsätze!« sagte der Geheimrath mit einem leichten Stirnrunzeln. »Die Jugend nennt oft eine vorgefaßte Meinung, einen unbegründeten Eigensinn Grundsatz und spreizt sich auf mit dem Gedanken, nach Grundsätzen zu handeln, während es seinem Eigensinn fröhnt!« – Er war aufgestanden, und ging einige Male schweigend im Zimmer auf und ab. Irma folgte ihm mit prüfenden Blicken, und ein tiefer, ahnungsvoller Ernst breitete sich über ihre Züge. Als ihr Vater jetzt vor ihr stehen blieb, sah sie zu ihm empor mit ruhigem ernstem Ausdruck, seine Anrede erwartend, und entschlossen zum möglichen Kampf.

»Arnold hat an mich geschrieben,« sagte endlich der Geheimrath rasch, »er bittet mich um Deine Hand.«

»Ich ahnete das!« erwiederte Irma ruhig.

»Und Du?« fragte ihr Vater. Irma erwiderte nichts. Sie blickte sinnend zur Erde, und schien es gar nicht zu bemerken, daß ihr Vater in höchster, erwartungsvoller Spannung sie betrachtete.

»Und Du?« wiederholte endlich der Geheimrath seine Frage.

»Ich,« sagte Irma endlich, »ich, mein Vater, bin entschlossen, ihm meine Hand nicht zu geben.«

Der Geheimrath stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Die ewige, alte Leier,« rief er heftig, »dieselbe eigensinnige Antwort, die ich seit sechs Jahren immer auf ähnliche Fragen empfange.«

»Warum macht mir mein Vater sein Haus so lieb und werth, daß ich es mit keinem andern vertauschen mag,« fragte Irma mit einem liebevollen Lächeln. »Warum sind Sie so gütig und nachsichtig, so anerkennend und zärtlich gegen mich, daß ich fürchten muß ein so verwöhntes Kind zu sein, daß kein anderes Verhältniß mir genügt!«

Der Geheimrath schämte sich schon seiner augenblicklichen, heftigen Wallung, und sagte in gemäßigterem Ton: »Du schmeichelst mir, Irma, um mich zu gewinnen. Diesmal muß ich aber auf meinen Grundsätzen bestehen, wie Du auf den Deinen, und nach meinen Grundsätzen ist es die Pflicht, und der Beruf jedes Mädchens sich zu verheirathen. Mindestens sage mir einen vernünftigen Grund, warum Du die Hand eines Mannes ausschlägst, der Dir eine behagliche Existenz, eine ehrenvolle Stellung, denn Arnold ist mit bedeutender Gehaltszulage als Geheimer Regierungsrath versetzt, ein unabhängiges, sorgenfreies Leben bietet. Einen vernünftigen Grund für solche Weigerung!«

»Ach, vernünftige Gründe wollen Sie,« sagte Irma seufzend, »ich fürchte, daß meine Gründe mit der Vernunft nichts gemein haben!«

»Nun dann sind sie auch nicht haltbar,« rief der Geheimrath rasch.

»Und doch, mein Vater,« sagte sie fest, »denn meine Gründe entspringen dem Gefühl!«

»Gefühl! Gefühl! Das ist die große Verschanzung, hinter die sich die Weiber immer flüchten, wenn ihnen die Vernunft davon gelaufen,« rief der Geheimrath verächtlich. »Ich hätte geglaubt, meiner Tochter nicht auf solchen Gemeinplätzen zu begegnen! Man rühmt mir aller Orten den allmächtigen Verstand, die hohe Weisheit, Klugheit und Tugend meiner Tochter, und ich allein muß leider bekennen, daß ich am meisten Gelegenheit habe, eine andere Eigenschaft an ihr zu bewundern, nämlich den Eigensinn. Also Dein Gefühl spricht gegen diese Wahl?«

»Ja, und auch meine Vernunft, wenn Sie wollen. Meine Vernunft sagt mir, daß Arnold durchaus nicht ein Mann ist, an dessen Seite ich die langen Jahre des Lebens hinbringen möchte! Er ist mir zu blond, mein Vater!«

»Welch ein abgeschmackter Grund,« rief der Geheimrath.

»Nicht so sehr, wie es den Anschein haben mag,« sagte Irma ruhig. «Seine Seele, sein Herz, sein Charakter, sein ganzes Sein ist eben so blond und nüchtern, als sein Haar. Und ich kenne nichts Entsetzlicheres als diese nüchterne Blondheit, dies Farblose, Verwaschene, Nichtssagende. Blond ist so wenig eine Farbe, als weiß, und ich kann nichts Farbloses lieben. Glauben Sie mir aber, Arnold's Herz ist eben so blond, als sein Haar. Er ist leidenschaftlich, aber nur in der Oberfläche, er ist gut, aber nur, weil alle Blonden einmal schwach und gutmüthig sind, er ist auch klug und verständig, aber nur so weit seine Blondheit es ihm gestattet. Er hat, mit einem Wort, weder in seinem Herzen, noch in seinem Kopfe Feuer, denn wäre Feuer in diesem Kopfe, so würde er längst schon sein Haar schwarz gebrannt haben, so wie von der brennenden Kartoffel, welche die Irländer im Gehirn haben, ihr Haar glühend roth erscheint.«

»Du willst mir entschlüpfen mit Deinen Scherzen,« sagte der Geheimrath, »diesmal aber halte ich Dich fest. Antworte mir ernst, und bestimmt, was hast Du gegen Arnold einzuwenden?«

»Nun, wenn Sie denn noch nicht genug haben an meinen Vernunftgründen,« erwiederte Irma ernst, »so muß ich Ihnen noch den letzten, triftigsten sagen: Ich liebe Arnold nicht!«

»Lieben!« rief ihr Vater. »Das Lieben ist auch nicht das Nöthigste zur Ehe, sondern die Achtung, und diese mußt und kannst Du für Arnold in vollem Maße empfinden. Seine Vorgesetzten zollen ihm alles Lob, und daß er, so jung noch, schon eine so bedeutende Carrière gemacht, beweist zur Genüge für seine Fähigkeiten!«

»Man kann sehr wohl ein bedeutender Geschäftsmann sein, ohne deshalb ein bedeutender Mensch zu sein,« sagte Irma lächelnd. »Das Lob der Vorgesetzten ist in den seltensten Fällen genügend, einem jungen Manne die Liebe eines Mädchens zu verschaffen.«

»Du aber, Irma, bist klug genug, um über diese Ansicht der gewöhnlichen Mädchen hinaus zu sein.«

»Sie beurtheilten mich so günstig, mein Vater,« sagte Irma, verneinend ihr Haupt wiegend. »Ich bekenne es, auch mir ist Arnold zu sehr gelobt von seinen Vorgesetzten. Er hat zu viel unter Acten, und bestaubten Papieren gelebt, und davon ist seine Seele bestäubt, und seine Phantasie um ihre Frische gekommen. Ich würde ihn mehr achten, wenn seine Vorgesetzten über ihn klagten, als nun da sie ihn loben. Ein Jüngling muß nicht blos arbeiten, sondern auch leben, nicht blos demüthig, sondern auch übermüthig sein, er muß tolle, jugendliche Streiche machen können, aber bei diesen immer noble, großmüthig und gut sich zeigen, er muß stets kampfgerüstet sein, ohne den Kampf zu suchen, – nur nicht so friedfertig, daß ihm ein Kampf ein unmögliches Ding ist! Man muß ihn fürchten, indem man ihn liebt, und indem man seinem Uebermuthe zürnt, muß man ihn doch um deswillen anbeten, man muß seinem Jugendmuth täglich etwas zu verzeihen haben, und selig sein, wenn er unsere Verzeihung annimmt. So muß ein Jüngling sein, und ich frage Sie, ist Arnold so?«

Der Geheimrath sah mit prüfenden, forschenden Blicken in das erglühte Angesicht seiner Tochter, und schien aus ihren glänzenden dunkeln Augen ihm ganz neue Geheimnisse zu lesen. Diesmal hielt sie seinen Blick nicht aus, sondern schlug erröthend das Auge nieder.

»Man sollte meinen, Du habest dies köstliche Ideal nach einem lebenden Modell gezeichnet,« sagte der Geheimrath langsam. »Aber sei es, wie es sei, wir beschäftigen uns hier nicht mit Idealen, sondern mit der Wirklichkeit, und in dieser ist Arnold eine nicht unbedeutende Erscheinung. Ja, ich muß darauf bestehen, daß Du ihn als eine solche betrachtest, und nicht leichtsinnig, ohne zu überlegen, eine Verbindung zurück weist, von der ich überzeugt bin, daß sie das Glück Deiner Zukunft begründen wird. Still,« fuhr er rascher fort, als Irma etwas erwiedern wollte, »unterbrich mich nicht, sondern laß mich erst Alles sagen, was ich Dir sagen muß! Du hast bis jetzt in unbegreiflichem Eigensinn alle noch so vortheilhaften Parthien zurück gewiesen, und wenn ich Dich darin gewähren ließ, so geschah es, weil ich selber der Ansicht bin, daß eine so frühe Heirath selten oder nie das Glück eines Mädchens begründet. Das Mädchen muß gleich dem Manne das Leben kennen, Erfahrungen gesammelt, Täuschungen und Träume überwunden haben, um dann geläutert und gereift in die Ehe aus freier Wahl nach reiflicher Ueberlegung treten zu können. Deshalb sah ich es ruhig an, daß Du es vorzogst, Deine Jugend und Freiheit zu genießen, deshalb ließ ich ohne zu zürnen, Dir die Wahl, die bedeutendsten Parthien auszuschlagen.«

»Und ich habe diese Ihre Güte stets dankbar anerkannt,« sagte Irma, ihm die Hand küssend.

»Um so mehr darf ich aber jetzt auf Gehorsam rechnen, auf Erfüllung meiner gerechten Wünsche. Du hast unter diesem Wählen und Suchen die Jahre vergehen lassen, in denen die Welt den Unverheiratheten den Beinamen »ein junges Mädchen« giebt. Du bist vier und zwanzig Jahr, das ist für ein Mädchen immer ein gefährliches Alter, und sie muß eilen ihren Jungenmädchenstand aufzugeben, wenn sie es nicht vorzieht, eine alte Jungfer zu werden.«

»Und wenn ich nun diese Absicht hätte?«

»So würde ich entschieden dagegen opponiren,« sagte der Geheimrath, »denn ich kenne nichts Unglücklicheres, ja, laß es mich sagen, nichts Verachtungswürdigeres, als diese alten, allein stehenden, von der ganzen Welt, von allen Familienbanden, allen Pflichten abgelösten alten Jungfern, die nur sich selber, nur ihrer Eigensucht, und allen jenen kleinlichen, niedrigen und unwichtigen Neigungen leben, mit denen sich eine nutzlose Existenz ausfüllen läßt. Du bist zu bedeutend, mein Kind, um in solcher Nutzlosigkeit untergehen zu dürfen. Zudem giebt es noch andere, triftige Gründe, und wenn ich den Blick in die Zukunft richte, so sind es diese zumeist, die mir Deine Verheirathung als nothwendig erscheinen lassen! Meine dienstliche Stellung, das bedeutende Einkommen, das mit dieser verbunden ist, machte unser Haus zum Mittelpunkt der Gesellschaft, und Dich wiederum zum Mittelpunkt dieser Gesellschaft, die unser Haus besucht. Du bist verwöhnt, denn Du bist gewöhnt, die Huldigungen Aller zu empfangen, Du bist auch verwöhnt durch allen Luxus und Ueberfluß, der Dich umgiebt, Du kennst weder das Entbehren, noch das sich Versagenmüssen. Du bist im Ueberfluß geboren und erwachsen, Du bedarfst dessen zu Deinem Wohlbefinden, Deiner Zufriedenheit, und ein Entbehren alles dieses Gewohnten würde Dir unleidlich sein. Und doch würdest Du dies müssen! Ich bin alt, meine Tage sind vielleicht gezählt, und doch hängt von meinem Leben Deine Zukunft ab, wenn Du Dich nicht jetzt entschließt, sie zu sichern. Du weißt, ich habe Dir nichts zu hinterlassen, als einen geachteten Namen, und dieser wird nicht ausreichen, Dich vor Mangel und Noth zu schützen! Ich habe kein Vermögen, dessen Erbin Du sein wirst, denn mein Gehalt genügte nur, die Anforderungen meiner Stellung zu befriedigen.«

»Mein Vater!« unterbrach ihn Irma mit vorwurfsvollem, liebenden Ton.

»Dies Alles mußt Du bedenken, und ins Auge fassen, ehe Du die dargebotene Hand dieses ehrenwerthen Mannes von Dir weisest. Du bist nicht mehr in den Jahren, wo man blind in das Leben hinein tappt, sondern Du stehst auf einem Wendepunkt Deines Lebens, wo gewöhnlich nur noch die Wahl ist zwischen dem Stande einer alten Jungfer, oder einer Vernunftheirath.«

»Niemals, mein Vater,« rief Irma erglühend, »niemals werde ich mich zu einer solchen erniedrigen, niemals meine Existenz, mein freies, glückliches Dasein an solche kalte Berechnungen der Vernunft verlieren! Nennen Sie es Stolz, Uebermuth, wie Sie wollen, aber noch halte ich eine solche Vernunftheirath meiner unwerth, und kann nicht, ohne zu erröthen, an eine solche Zumuthung denken. Meine vier und zwanzig Jahre belasten noch nicht mein Herz, ich fühle mich noch jung und hoffnungsreich, ich glaube mich noch nicht unwürdig, eine ächte wahre Liebe einflößen und erwiedern, durch Liebe beglücken, an die Liebe mich hingeben zu können. O tausendmal lieber dies einsame, verlassene, glanzlose Leben eines alten Mädchens, als in kalter, eigensüchtiger Berechnung ein Band zu schließen, das ein unerträgliches, entwürdigendes Joch wird, wenn die Liebe es nicht erleichtert und heiligt!«

»Eine Frage,« unterbrach sie der Geheimrath ernst. «Ist Dein Herz noch frei, oder hat es vielleicht denjenigen gewählt, mit dem es sich nicht aus Vernunft, sondern aus Liebe verbinden möchte!«

Irma schien wie aus süßer Begeisterung zu erwachen, sie zuckte erschrocken zusammen bei der kalten, strengen Frage ihres Vaters. Ein tiefer, heftiger Kampf schien in ihrem Innern vorzugehen, und jagte Röthe und Blässe über ihre Wangen, dann sagte sie anscheinend ruhig und fest: »Mein Herz ist frei!«

»Dann nehme ich Deine Entscheidung noch nicht an,« sagte der Geheimrath, »sondern verlange, daß Du meine Worte wohl überlegst und zu Herzen nimmst. Morgen um diese Stunde erwarte ich Dich hier, um dann Deinen hoffentlich geänderten Entschluß zu vernehmen. Und nun, mein Kind, zu den Acten, die bitter mich verklagen werden über die verlorene Zeit, die ich hier mit einer Halsstarrigen verbrachte. Auf morgen also!«

Er küßte seiner Tochter leicht die Stirn, und führte sie dann freundlich zur Thür.

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