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Nach der Hochzeit I

Luise Mühlbach: Nach der Hochzeit I - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorLuise Mühlbach
titleNach der Hochzeit I
publisherVerlag von C. L. Fritzsche
year1844
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140921
projectid9a9122bf
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II. Vergangenheit

O, die Jugend ist so schwärmerisch, so voll der heiligsten Illusionen, der beglückendsten Täuschungen, sie glaubt noch so Vieles, und träumt noch so göttlich von Wahrheit und Glück, von Natur und Liebe! Die Jugend ist ein so köstlicher Traum einer makellosen, heiligen Welt, und wenn die Erfahrungen aus diesem Traume uns zu wecken kommen, so sind unsere Haare gebleicht schon von Kummer, ist unsere Seele zerrissen schon von Qualen, hat die Pein durch unser Herz schon tiefe Furchen gezogen, ist das unerbittliche Rad des Schicksals dahingerollt schon über alle diese köstlichen, üppigen Blüthen unserer Hoffnungen, und hat sie alle schonungslos zerknickt und zerbrochen! Erst wenn wir aufhören zu vertrauen und zu glauben, hören wir auf, jung zu sein, und mit dem ersten Mißtrauen gegen die Welt und das Glück, flieht die Jugend von uns, und zieht die Erfahrung Furchen durch unsere Züge. Wenige giebt es, welche diesen erhabenen, täuschungsvollen Traum der Jugend nicht geträumt, Wenige, die, alt geboren, nicht diesem Traum ihre schönsten Jahre zum Opfer gebracht! Urban gehörte nicht zu diesen Wenigen! Die ganze Jugend sprühte und jauchzte, glühte und weinte in ihm! Für ihn war die Wahrheit noch Wahrheit, die Kunst noch Kunst, und das Leben noch ein goldener Traum, für ihn war die Wirklichkeit noch zugleich auch Glück, die Illusionen Wirklichkeit und mit diesem erhabenen Kinderglauben, der voll so göttlicher Träume und irdischer Schmerzen ist, schauete er in die Welt und das Leben, das sich vor ihm ausgerollt hatte zu entzückenden Bildern. Jung und unabhängig fehlte ihm nichts zu seinem Glücke, und daß das Leben ihm nicht früh die Bitterkeit des Entbehrens und der Dürftigkeit zeige, dafür hatte die Sparsamkeit seiner früh verstorbenen Eltern gesorgt, die ihm ein Vermögen hinterlassen, groß genug um ihn unabhängig und frei von dem Sclavendienste der Büreaukratie zu erhalten. Keine Fesseln waren da, die Schwingen dieses jungen Aars zu fesseln und ihn zu lähmen, frei konnte seine Begeisterung sich entfalten, ohne fürchten zu müssen von rauher Hand geweckt zu werden, konnte Urban diesen süßen Traum des Glückes träumen. O wie köstlich waren diese Träume! Fühlte er nicht in sich den sprudelnden Quell der Poesie, hörte er nicht dessen heiliges Wellenrauschen, das auch außer ihm zu Worten, zu Gedanken sich gestaltete, und Leben, Athem, Sprache gewann durch ihn? Welche Zukunft war es nicht, die dieser Quell ihm verschaffen mußte! Mit dem heiligen Beruf zur Dichtkunst fühlte Urban sein ganzes Leben geheiligt und gefeiet, o, und wie oft in den Entzückungen und Berauschungen einsamer Stunden, sank er nieder auf seine Kniee, Gott zu danken für diese heilige Offenbarung seiner selbst, wie oft malte er mit glänzenden Farben sich eine Zukunft, die ihn zu einem berühmten Dichter, zu einem Manne machen sollte, dessen Name tönte und weithin schallte durch alle Länder und Gaue seines Vaterlandes. Kühn und stolz im Gefühl seiner dichterischen Berufung wollte er durch das Leben schreiten. Aber die Welt ist nicht gemacht, dem edlen Stolze des Genies sich zu unterwerfen, das Leben trotzt dem Kühnsten, und zwingt ihn zur Demuth. Urban wußte es nicht, – er war jung und träumte, träumte von Ruhm und Lorbeerzweigen! Er hatte die Poesie zu seiner Geliebten gemacht, und ihr galt jedes Klopfen seines Herzens, jeder Gedanke seiner Seele. Aber eines Tages da schaute diese lang verschleierte Göttin ihn an aus den Augen eines schönen Mädchens, und er meinte nun, sie sei zu ihm niedergestiegen, sich ihm zu offenbaren, alle Geheimnisse des Himmels ihm zu enthüllen. Und Urban betete an vor dieser Heiligen, bis sie von dem Altare herabstieg und in seinen Armen zu einem schönen irdischen Weibe ward. Süß und köstlich waren diese Tage der ersten Liebe, und um so bitterer das Erwachen, um so glühender der Schmerz des Betrogenseins! Das Mädchen seiner ersten Liebe hatte ihn verrathen, betrogen, war eines Andern Buhlerin! Diese finstere und unheilsvolle Entdeckung warf einen dunklen Schatten über seine Zukunft, und senkte den ersten giftigen Stachel in sein Gemüth. O, jetzt in den Stunden dieser Schmerzen kehrte er, ein Reuiger, Vergebung Flehender zu seiner verlassenen, verkannten Göttin, der Poesie zurück, und die Lieder, die jetzt von seinen Lippen tönten, waren mit seinem Herzblut getränkt. Aber der Schmerz ist die Weihe des Dichters, und was Urban in jenen Tagen der Pein geschaffen und erdichtet, war wohl geeignet seinem Namen Bedeutung und Ansehen zu geben, die Aufmerksamkeit der Welt auf ihn zu lenken. Urban sah sich gesucht, gefeiert und geschmeichelt. Die Männer bezeigten ihm Achtung, die lockenden Augen der Damen versprachen noch mehr als dies. Das Leben rief ihn mit tausend lockenden Stimmen, das Vergnügen breitete nach ihm seine Arme aus, und Urban warf sich jubelnd in diese geöffneten Arme, und ließ die Wellen der Lust und Freude über seinem Haupte zusammen schlagen, um seine erste Liebe zu vergessen und von einer zweiten zu träumen. Und eine zweite, eine dritte kam, um ihm kurze Entzückung und schmerzliche Enttäuschung zu bringen. Urban lernte das Leben, lernte die Wirklichkeit kennen, und die Träume begannen zu verbleichen. Aber noch ein schöner Traum, ein köstlicher, letzter! Eine junge Schauspielerin gab ihm diesen! Sie spielte die Julia, und während das ganze Theater wiederhallte vom donnernden Beifallsgeschrei, saß Urban still, regungslos in der Loge neben der Bühne, sein Antlitz überfluthet von Thränen, zitternd vor innerer Bewegung, seiner Sinne kaum mächtig. Und die junge Künstlerin, die schöne Leonore, nahm mit holdem Lächeln alle die Kränze und Blumen hin, die man ihr zu Füßen warf, aber sie blickte dabei verstohlen nach jener Loge, in welcher Urban saß, und als sich ihre Augen begegneten, zuckte er zusammen, wie von einem glühenden Blitzstrahl getroffen. Für einen jungen Mann giebt es nichts Verlockenderes und Gefährlicheres, als eine junge Künstlerin. Die Kunst umgiebt sie mit einer Glorie, der Beifall der Menge ist eine Huldigung, die allabendlich als rechtmäßiger Tribut zu den Füßen der Königin niedergelegt wird, und sie über die Welt und die Menschen weit erhebt zu sternenweiter Höhe. In ihrer Ausnahmestellung steht sie da, wie in einen Nimbus gehüllt. Und welche Entzückung gleicht dieser, die Augen Tausender auf sie gerichtet zu sehen, und zu wissen, daß sie unter diesen Tausenden doch nichts sucht, als Dich, Dich, den sie unter allen ihren Anbetern zu ihrem Geliebten erkoren, Dich, den sie unter all' diesen Knieenden empor gehoben an ihre Brust, Dich, für den sie alle diese Triumphe, diese Huldigungen empfängt, dem allein sie angehört, während es den Anschein hat, als ob sie Allen angehöre! Urban erlag diesem Zauber, und als Leonore ihm glühende Liebe schwur, da vergaß er, wie oft, und mit welcher tiefen leidenschaftlichen Wahrheit sie dies schon auf den Brettern gethan, und er glaubte nur an die Wahrheit und Wirklichkeit dieses verschämten, stammelnden Bekenntnisses. Und in der That, Leonore liebte ihn, sie liebte ihn, weil er jung war und schön, weil er vermögend genug, um ihr Geschenke zu machen, und vor Allem liebte sie ihn, weil er Kritiken und Verse schrieb. Eine Schauspielerin, und sei es selbst die edelste, unschuldigste kann nicht lieben wie irgend ein anderes junges Mädchen; für sie giebt es noch etwas Wichtigeres, als die Liebe, das ist der Beifall der Menge, der Triumph des Abends. Sie, die allabendlich Tausende huldigend zu ihren Füßen sieht, kann von der Huldigung eines Einzelnen nicht mehr berauscht werden, und liebte sie ihn selbst; sie, die in mancher schweren Stunde sich geübt hat, der Natur den Accent der Wahrheit abzulauschen, und die Worte der Liebe mit jenem ahnungsvollen Bangen der Lust und des Weh's zu sprechen, die in Geberde, Wort und Blick hat Liebe zeigen müssen, ohne sie in ihrem Herzen zu empfinden, sie kann nichts mehr wissen von der Heiligkeit eines solchen Bekenntnisses. In allen Nüancen hat sie solche Bekenntnisse schon auf den Brettern gehört, und je mehr sie wahrhaft Künstlerin ist, desto mehr mußten in solchen Stunden Wirklichkeit und Spiel in einander verschwimmen, daß sie nicht mit den Lippen, sondern auch mit der Seele das Bekenntniß der Liebe empfing und erwiederte. Darum trauet nicht den leidenschaftlichen Liebesversicherungen einer Schauspielerin. Es ist, ohne daß vielleicht sie selber es wissen, ein bischen Julia, Estella, Desdemona, und Jungfrau (ich meine Jungfrau von Orleans), damit vermengt, und sie sagt Euch nur, was sie gestern Abend in ähnlicher Weise dem ersten Liebhaber der Bühne sagte. – Die Kunst hat sich in die Interessen des Herzens eingeschlichen, sie hat die stürmischen schäumenden Wellen der Leidenschaft abgeschöpft, des Brausen des Gefühls längst beschwichtigt und geglättet, und der Vernunft und Berechnung das Thor geöffnet. Eine wahre Künstlerin muß ehrgeizig sein, und der Ehrgeiz ist oft der Verbündete, oft aber auch der Feind der Liebe. Ein Dichter, der besingen, ein Kritiker, der loben, oder tadeln kann ist einer Künstlerin wichtiger vielleicht noch als ein Liebhaber; Diesen kann sie ersetzen, Jenen aber gewinnen heißt öffentlich gelobt und besungen, ihn verlieren heißt öffentlich beschimpft und getadelt zu werden. Daran dachte Leonore, als sie Urban's entzücktes Geständniß empfing und erwiederte, und wenn sie auch, hingerissen von seiner Gluth und Leidenschaft, dies zuweilen vergessen konnte, so tauchte es doch, wie ein warnendes Schreckbild immer wieder in ihr auf, und ermahnte sie zur Treue und Liebe. Und in der That, es lag in ihrem Vortheil Urban zu lieben, ihn, der in seiner himmelstürmenden Begeisterung, ganz durchdrungen von ihrer Unübertrefflichkeit, täglich in der Zeitung auf schlagende Weise die hohe Künstlerschaft Leonorens bewies, und in tief empfundenen, herrlichen Sonetten ihr huldigte. Ihm war es eine süße Pflicht, ihr täglich diese Huldigung darzubringen, ihr eine unumgängliche Notwendigkeit dieselbe täglich von ihm zu empfangen, nicht von ihm, dem Urban, dem Jüngling, den sie liebte, sondern von ihm, dem Kritiker, der für die Zeitung schrieb, und seine Kritiken mit der Nummer 19 unterzeichnete. O, sie liebte diese Nummer 19 ebenso sehr, wie sie Urban liebte, und sie suchte sich diesen nur zu erhalten, um Jene nicht zu verlieren. Urban wußte es nicht, und deshalb war er glücklich, denn das Nichtwissen ist oft die sicherste Basis des Glückes. Er war nicht mehr der schwärmerische, blind vertrauende Jüngling, aber er liebte und in der Liebe ist meistens der Mann blinder und vertrauensvoller, als das Weib, denn er ist edler, minder argwöhnisch, minder eifersüchtig, vielleicht auch stolzer, sicherer, nicht aufgegeben zu werden, was die Frau in ihrer Demuth fürchten und ahnden mag. Es war eine schöne und glückliche Zeit, die Urban an der Seite Leonorens verlebte, bis diese immer wiederkehrenden Triumphe ihn ermüdeten, bis der Glanz dieser neuen, fremden Welt erloschen, und zu elenden Decorationen abgestumpft, bis mit den Illusionen der Vorhang vor der Coulissenwelt hinweg gezogen, und Urban die ganze Maschinerie, alle diese kleinlichen, nichtsnutzigen Räderwerke erkannte, aus denen die Bühne, dieser Tempel der Kunst, zusammengesetzt ist. Sonst, in der Ferne stehend, hatte er nur den strahlenden Lorbeerkranz gesehen, den allabendlich die gefeierte Künstlerin Leonore empfing, jetzt, ihr nahe, sah er an dem Lorbeerkranz alle die verwundenden Stacheln, wußte er, wie vieler Intriguen, wie vieler Kämpfe und Machinationen es bedurfte, um diesen Lorbeerkranz immer frisch und lebend zu erhalten. Sonst hatte er in Leonorens Augen nur die Thräne der Begeisterung erglänzen sehen, jetzt sah er sie oft verdunkelt von Thränen, die einer minder edlen Quelle entströmten, die dem Neid, dem Zorn, die allen jenen taufend kleinen Tracasserien angehörten, mit denen die Bühnenwelt ihre Helden und Heldinnen täglich, stündlich peinigt und martert. Leonore war eine große Schauspielerin, eine große Künstlerin, hätte Urban sie immer nur auf den Brettern gesehen, er würde sie immer angebetet haben in der Meisterschaft ihrer Kunst. Einst war dies so gewesen, jetzt aber sah er die herrlichsten, tief ergreifendsten Stellen vor dem Spiegel einüben, hörte hundertmal dasselbe Wort wiederholen, in den mannigfachsten Modulationen, um endlich prüfend den Ton auszufinden, der der rechte und naturvollste. O, sonst hatte er bei solchen Momenten des höchsten künstlerischen Aufschwungs an die Eingebungen des Augenblicks, an die hohe hinreißende Begeisterung des im Momente schaffenden Künstlers geglaubt, jetzt wußte er, wie mühsam dies Alles studirt und geübt, er lachte nun mitleidig über jenen vom Publicum gezollten Enthusiasmus, den er einst gläubig getheilt. Als er aber erkennen mußte, daß in dieser glänzenden Kunst eben so viel Handwerk, da verlor mit diesem Erkennen auch die Künstlerin, stieg einige Stufen von ihrer Höhe hinab. O, wie bald waren diese süßen Plaudereien der Liebe erschöpft, diese köstlichen Ahnungen einer glücklichen, gemeinsamen Zukunft ausgetauscht, wie bald begann nun der Ueberdruß an diesem unerschöpflichen, immer wiederkehrenden, stets sich erneuernden Gespräch über die Theaterinteressen, über die genossenen Triumphe des vergangenen, über die zu erhoffenden Triumphe des kommenden Abends. Urban sah, daß der ganze Tag nichts sei als eine Vorbereitung des Abends. Es war nicht mehr für ihn, daß Leonore sich schmückte, sondern für die Menge, für das Haus, für die traulichen Stunden des Beisammenseins genügte das saloppe Negligee, und Abends durfte er das köstliche, lockige Haar bewundern, das er den ganzen Tag über in häßlichen Papilloten versteckt gesehen. Nichts sollte aber eine Liebende mehr vermeiden, als sich ihrem Geliebten in Papilloten zu zeigen vorausgesetzt, daß sie ihn sich erhalten, nicht aber ihn von sich stoßen will. Ein Weib, das wahrhaft liebt, wird sich für ihren Geliebten schmücken, sie wird kein höheres Glück kennen, als von ihm gelobt, von ihm bewundert zu werden, für ihn alle ihre Reize, ihre Vorzüge zu entfalten, von ihm ihr schönes lockiges Haar, ihre schlanke Taille, ihre schönen Formen bewundert zu sehen. Darum fürchtet den Moment, wo Euch die Geliebte zuerst ohne zu erschrecken und zu erröthen im verhüllenden Negligee und mit den verhängnißvollen Papilloten entgegen tritt. Es ist eine Art Scheidebrief, den sie Euch da schreibt, und der Euch sagt, daß sie hinfort nicht mehr für Euch sich schmückt, von Euch bewundert werden will, sondern von Andern, für die sie ihre Reize pflegt und schont, daß sie Eurer so gewiß ist, um nicht mehr dieser Freude an ihrer äußern Erscheinung Euch theilhaftig machen zu wollen. – Wirklich war es dies tagelange Umhergehen mit den Papilloten, was Urban zuerst stutzig machte, und ihn an Leonorens Liebe zweifeln ließ. Um dies thun zu können, dachte er, muß ein Weib entweder grenzenlos eitel sein, oder auf so großer geistiger Höhe stehen, daß sie aller dieser kleinlichen Außendinge entbehren kann. Aber Leonore ist nicht eitel genug, um diese Dinge für unwichtig zu halten, und nicht bedeutend genug, um sie vergessen zu können. Sie vernachläßigt sich, weil sie es nicht fürchtet, vor mir minder schön zu sein. – Den Männern ist es stets bequemer für ihre Untreue nicht in sich selber, sondern in der Geliebten den Grund zu suchen. Urban dachte nicht daran, wie lange seine Liebe schon im Erlöschen gewesen, er erinnerte sich nur, daß sie bei Leonoren vielleicht im Erlöschen sei, an diesem Vielleicht starb die seine völlig. Leonore war eitel genug, dies Aufgegebenwerden bitter und schmerzlich zu empfinden, und nun wieder ein Verhältniß begehrenswerth zu finden, das ihr zuweilen schon lästig und bedrückend gedäucht. Jetzt, da sie Urban verlieren konnte, schien es ihr, sie habe ihn nie so heiß geliebt, als eben jetzt, schraubte ihre verletzte Eitelkeit sich empor zu einer Leidenschaftlichkeit, die sie selber mit der Leidenschaft der Liebe verwechselte. Es waren traurige, finstere Wochen, die sie Beide in diesen Kämpfen des Sichlosreißens und Fesselnwollens verlebten, und sie dienten doch nur dazu, Urban das Losreißen immer mehr als eine Nothwendigkeit, Leonoren das Aufgeben als eine Unmöglichkeit erscheinen zu lassen. Verletzte Eitelkeit, gekränkter Stolz, Eigennutz, Ehrgeiz, Alles rief ihr zu, Alles drängte sie zu dem glühenden Begehren seines Wiederbesitzes. O, Leonore wußte, daß ein gewesener Geliebter in den meisten Fällen ein unversöhnlicher Feind sei, und sie zitterte eben so sehr vor der Feindschaft des Kritikers, und der Nummer 19, als sie bangte den nun wieder heiß geliebten Freund und Geliebten zu verlieren. Aber Urban war unwiderbringlich verloren, seine Seele hatte lange schon die Schwingen entfaltet, um ihr zu entfliehen, und einem andern, einem edlern Gestirn sich zuzuwenden. Dies ahnte Leonore, und dies stachelte nur noch mehr ihr leidenschaftliches Verlangen, ihn wieder zu gewinnen. Ihre Eitelkeit war bis in den Tod verletzt, Leonore schwur, sie zu heilen, es koste, was es wolle.

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