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Nach dem großen Kriege

Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleNach dem großen Kriege
publisherGrote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunVierte Auflage
year1902
firstpub1861
correctorreuters@sabc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130720
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Achter Brief.

Auf der Wanderung.

Glücklich die Leute, welchen das Datum so gleichgültig ist, daß sie es nie wissen. Ich gehöre jetzt vierzehn Tage zu diesen Glücklichen, Sever, und fühle mich unsäglich wohl, frei und leicht. Jetzt kann ich's Dir wohl gestehen, Freund, es hatte sich doch mancherlei seit meinem Einzuge in Sachsenhagen auf meiner Brust aufgehäuft, was mich schwerer drückte, als ich mir habe merken lassen. Auch Deine Briefe sind mit schuld daran gewesen, daß der Kollaborator Fritz Wolkenjäger die Nase tiefer gegen den Erdboden gesenkt trug, als sonst seine Gewohnheit ist. Wahrlich, Sever, so lange ich unter den Menschen weilte und durch jedes Lebensbedürfnis an sie gekettet wurde, habe ich in verlorenen Momenten mit Dir gefühlt, daß die Gemeinheit eine schreckliche Herrscherin ist. Da habe ich Dir oft, oft, oft mit Seufzen recht geben müssen in Deinen grimmigen Auslassungen; mit Dir habe ich verzweifelt an dem Einzelnen, mit Dir habe ich verzweifelt an dem Vaterlande. Die uralte schreckliche Klage habe ich angestimmt:

Endlich empor zum Olympos vom weitumwanderten Erdreich
Beid' in weiße Gewänder den schönen Leib sich verhüllend.
Gehn von den Menschen hinweg in der ewigen Götter Versammlung;
Scham und heilige Scheu und zurück bleibt trauriges Elend
Hier den sterblichen Menschen und nicht ist Rettung dem Unheil.

Ja, Sever, in der Menschen kleinlichem Getümmel, in dem selbstsüchtigen Kampfe des Ichs mit dem Ich habe ich mit Dir gefragt, weshalb eben die Hunderttausende geblutet, weshalb die Mütter und Jungfrauen geweint und geklagt haben. Auch auf meiner Brust hat sich die Schmach und Niederträchtigkeit, die sich von neuem auf der Zeit häuft, gleich einem unerträglichen Alp gesammelt. Mit Dir, Sever, habe ich gesehen, daß sie um das Gewand der alten Mutter Germania würfeln, wie die Kriegsknechte um den Rock des Herrn. Mit Dir, Sever, habe ich ihrem Schachern, Lächeln und Flüstern gelauscht, und ohnmächtig die Hände sinken lassen, wo Du sie ohnmächtig ballst.

O Sever, Sever, mit Dir habe ich gefragt, wie kommende Geschlechter von dem, was wir mit Schweiß, Herzblut und Thränen errungen haben, denken und sprechen werden. Klar, klar, hab' ich eingesehen, daß einst – in kurzer Zeit ein neues Geschlecht lächelnd stehen und reden wird: Und dafür habt Ihr das Schwert genommen? und das Schwert in der Hand tragend, habt Ihr Euch so von solchen Kastraten des Geistes und Körpers solch ein Geschick auf den Nacken werfen lassen?

O Sever, Du hast recht, diese Gedanken sind tötend, und sie töten auch mancherlei, was der deutsche Mensch sonst als köstliches Kleinod wert gehalten hat! Das werden die Zeiten lehren! – – – –

Ach, Sever, nun hat mich der Wald in seine holden Dämmerungen aufgenommen, und ich frage nicht mehr, wie es möglich ist, daß in solch böser Zeit die Knaben von Sachsenhagen auf dem Kirchplatze spielen können; wie es möglich ist, daß die Alten in Handel und Wandel ihren Lebensgeschäften nachgehen können; wie es möglich ist, daß der Kollaborator Wolkenjäger in seine Klasse gehen konnte, den Buben die lateinische Deklination beizubringen?– – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ich habe wieder recht gefühlt, daß der Mensch nur in der Entfernung von den Menschen den rechten Blick für die Menschen und ihr Erdenleben hat, daß er nur in der Entfernung von ihnen die Größe, die Tugend, die Herrlichkeit der Menschen im ganzen erkennt; während er, wenn ihn das Getriebe des Tages selbst in seinen Wirbeln dreht, er nur die Schwäche, Thorheit und das Elend des einzelnen erblickt.

Komm in den Wald, finsterer Severus! Merlin, der Alte, lebt noch, und dem, welcher ihn aufzufinden weiß, zeigt er auf dem dunkeln Grunde seiner Zauberhöhle der Weltgeschichte Fluten und Wallen. Komm in den Wald, Sever! –

Nachdem ich Sachsenhagen verlassen hatte in der frühen Morgendämmerung, machte ich den ersten Halt im Dorfe Walkenheim bei jenem Waldbauern, von welchem ich Dir schon einmal gesprochen habe. Der Alte rüstete sich eben zur Arbeit, als ich in die niedere Thür seiner Hütte trat. Die unglückliche Frau saß immer noch stumpfsinnig in ihrem Winkel und wartete auf die Heimkehr des Mannes aus den Eisfeldern Rußlands. Ich kannte diesen angstvollen Blick des Auges schon, mit dem sie alle Eintretenden empfing. Ich kannte schon die herzzerreißende Frage: »Habt Ihr den Karl nicht gesehen? Habt Ihr keinen Brief von meinem Karl; es hat mir die ganze Nacht über geträumt, es komme einer und bringe mir Nachricht von dem armen Karl, den die Franzosen mit sich genommen haben.« – Ich kannte schon dieses stille, schreckliche Weinen, welches auf diese Frage folgte; – ach, Sever, lange dauerte es, ehe mir der frische Morgenwind das Bild dieses armen Weibes aus dem Gemüte geblasen hatte.

An der Seite Buschhorns schritt ich weiter in die Berge hinein, über die Krähenhütte, an der wüsten Mühle vorbei, durch den Mausegrund, den Mauseberg hinauf. Unter der Laube vor dem Dreierhaus tranken wir Bier, und ein Invalide des alten Fritz gesellte sich zu uns. Er strich den ehrwürdigen Bart, öffnete den Mund und sprach:

»'s duldet mich drinnen nicht in der Küche. Sind das Mädel! Immer erzählen, erzählen! und alles hab' ich vergessen. Das ist eine Sauwirtschaft!«

Die Wirte zum Dreierhaus und Buschhorn bestätigten, daß der ehrwürdige Greis in der That alles vergessen habe, und so ist nicht viel davon zu sagen.

Wir verließen jetzt die große Straße und schlugen einen Waldpfad ein, welcher uns nach einer zweistündigen Wanderung in den Münchspfiffel führte, einen düsteren Eichengrund, in welchem jetzt die Axt Buschhorns aufräumen sollte. In Münchspfiffel ließ ich den Alten und wanderte allein weiter in die Wildnis, und lange noch hörte ich in dem stillen Walde die Axt, welche jetzt ihre gefräßige Arbeit unter den königlichen Bäumen des Eichengrundes begonnen hatte. Mit dem letzten Klingen der Axt verstummten die letzten Gefühle der Bedrückung, die ich aus der Hütte zu Walkenheim mit mir getragen hatte, verflüchtigten sich die letzten Sorgen von Sachsenhagen.

Der deutsche Wald gewann sein gutes Recht über den befreiten lateinischen Schulmeister. Die bekannten Berge und Thäler lagen hinter mir, der Reiz des Unbekannten trat an mich heran. Nun ritt mir zwar auf meinem Wege Heinrich von Ofterdingen nicht entgegen, ich sah nicht den blonden Eckbert durch die Büsche gleiten, Ritter Huldbrand und Undine sind mir nicht begegnet, der Oheim Kühleborn hat mir nicht durch tollen Wasserspuk den Pfad versperrt; aber alle diese Leute und Gestalten hätten mir doch begegnen können; der Tag und mein Herz waren ganz dazu angethan. Ob das wohl nicht der wunderschöne Vogel war, der im Gebüsch sang:

»Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut'
In ew'ger Zeit.
O wie mich freut
Waldeinsamkeit!«

Ist es gewiß, daß ihm Frau Bertha den Hals umgedreht und ihn im Garten begraben hat? – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Mit sinkender Sonne zog ich in ein uraltes Bergstädtchen ein, welches wie ein mittelalterlicher Traum zwischen den hohen Bergen lag. Dunkle, enge Gassen und Thore – Giebel und Schnitzwerk, altersschwarze Kirchen mit hohen Türmen und feierlichen Glocken!

Auf dem Marktplatz vor dem altertümlichen Rathaus lauschte der Brunnenritter dem Geschwätz der wasserholenden Dirnen, wie es seit Jahrhunderten seine Gewohnheit war. Und von der Laube des Rathauses, Sever, schreib ich Dir einen Vers ab:

Einer acht's,
Der ander' belacht's,
Der dritt' betracht's,
Was macht's?

Glück auf, Severus! Der Wolkenjäger jagt Wolken, purpurne, goldumsäumte Wolken!

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