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Nach dem großen Kriege

Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleNach dem großen Kriege
publisherGrote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunVierte Auflage
year1902
firstpub1861
correctorreuters@sabc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130720
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Siebenter Brief.

Sachsenhagen, am 10. August 1816

Ueber meinen Schulmeistersorgen schlagen die goldenen Kornwogen zusammen; – im Grase liege ich ausgestreckt, im Schatten, welchen der Wald über mich wirft. Vor mir schwanken und neigen sich die segenschweren Ähren; ein Papierdrache schwebt in der blauen Luft; – – – Ferien! Welche Wonne schöpft das im Schulstaub begrabene Herz aus diesem Wort! Ihr anderen glücklichen Leute habt doch gar keinen Begriff davon.

Im kühlen Schatten liegend, will ich Dir, Sever, das Bild einer Schulstunde in den Hundstagen mit Bleistift auf das Papier kritzeln, und da man das Ännchen heute morgen in die Einsamkeit fortgeführt hat, so darf ich Dir auch von ihr reden; denn notwendig gehört des Mädchens Gestalt mit zu meinem Bilde. –

Vor seiner Quinta steht der Kollaborator, die Grammatik in der Hand, und sieht die fünfzig Bubengesichter vor sich wie durch einen Nebel. Schläfrig schleichen die Minuten voll schläfriger Fragen und noch schläfrigerer Antworten dahin. Die Jungen haben selbst die Lust zu dummen Streichen verloren, höchstens zerkauen sie einen Apfel hinter einem Atlas oder unter dem Tische, – sie schwitzen, schwitzen fürchterlich, stützen gegen allen Anstand die Köpfe auf beide Fäuste, und der Herr Kollaborator drückt darob ein Auge zu und möchte gern alle beide zumachen; an Rockausziehen, an sein Sofa denkt der Herr Kollaborator – o, o, o!

Was hilft's, daß Thür und Fenster weit geöffnet sind? Kein kühlendes Lüftchen wagt sich in solch eine volle Schulstube, nachmittags von drei bis vier Uhr.

Welch ein Atemholen! Einen Schwindsüchtigen soll der Aufenthalt in solch einer Atmosphäre gesund machen können; wenn er aber einen Gesunden nicht schwindsüchtig macht, so ist das für eins von den unbegreiflichen Wundern zu achten, von denen es in der Welt wimmelt.

Aber mit allen meinen Schulstubenstimmungen hängt die Aussicht auf die vor dem Fenster, neben meinem Pult und meinem Bakel liegende Welt auf das engste zusammen; so laß Dir nun beschreiben, Sever, was ich erblicke, wenn ich von meiner Grammatik einen Blick rechts über die Schulter werfe.

Unter allen Schulzimmern unseres alten Gymnasiums, welche natürlich im untern Gestock liegen, zieht sich ein kleines, schmales, verwildertes Gärtchen hin, voll Himbeergebüsche, Papierfetzen und dem Allerlei, was die Jungen sonst aus dem Fenster werfen. Die Befriedigung dieses Gärtchens bildet die verwitterte Mauerbrüstung der Stadtmauer, welche letztere von dem Schulgärtchen wohl dreißig Fuß tief sich herabsenkt in ein grünes Wiesenthal, durch welches ein stiller Bach langsam zwischen dem fetten hohen Grase, den Wasserdolden, Weiden und Vergißmeinnicht dahin schleicht. Ein Fußsteig führt an dem Wässerlein entlang.

Jenseits des Baches steigt das Land allmählich wieder empor in sanftgeschwungenen, glänzend grünen Hügeln, auf deren Gipfeln die Kornfelder der Stadtmarkung von Sachsenhagen beginnen, um bis zu dem Walde das wogende goldene Meer zu bilden, von welchem ich zu Anfang dieses Briefes gesprochen habe. Über die Grammatik und den Cornelius Nepos fort umfaßt ein Blick des Kollaborators Gärtchen, Bach, Wiese, Ackerfeld, Wald und die ganze blaue Gebirgskette, die hinter dem Walde den Horizont begrenzt. Auf der anderen entgegengesetzten Seite der Stadt treten die Berge freilich bis dicht an das Thor heran.

Geht man auf dem Fußsteige dem Laufe des Wiesenwassers entgegen, so umkreist man ein gut Drittel des Städtleins bis zum Osterthor, von wo an die Stadtmauer abgetragen ist und das Wiesenthal sanft ansteigend das Plateau erreicht, auf welchem Sachsenhagen liegt. Nun führt aber, ehe man zum Osterthor kommt, ein Seitenweg vom Fußpfade ab und leitet durch allerlei Gebüsch zu einer kleinen Ausfallspforte im verwitternden Gemäuer. Das ist die »Totenpforte«, welche ihren unheimlichen Namen davon ableitet, daß in einem langvergangenen Jahrhundert vier Fünftel der Bevölkerung von Sachsenhagen durch sie hindurch getragen wurden von dem letzten Fünftel, um in einer großen Grube, die man heute noch zeigt, ihre letzte Ruhestätte zu finden. Die Pest, der »schwarze Tod« hatte wieder einmal aufgeräumt in der Welt.

Man tritt ein in den kaltfeuchten, dunkeln, gewölbten Gang und folgt dem Tageslicht, welches am anderen Ende freundlich hereinschimmert. Man tritt hervor aus der Totenpforte und befindet sich in den Straßen des Städtleins, – man blickt gerade aus die enge Gasse hinunter und in die Thür der Schmiede des Meisters Martin Bart, man hört die Hämmer, man sieht das Herdfeuer und den Leutnant on half pay auf seiner Bank – – –

Da bin ich wieder in der Schmiede, Sever! Ach Sever, ich kann nichts dafür. Diese Schmiede hat mich behext; – es muß wohl im Blute liegen, mein Urgroßvater war ein Schmied, und ich wär's gern, gern ebenfalls geworden, wenn meine Mutter nicht höher mit mir hinaus gewollt hätte, und so ein Gelehrter aus mir geworden wäre.

Nun Sever, ich sehe das Gesicht, welches Du schneidest, ganz klar vor mir und befinde mich schon wieder in meiner Schulstube und frage zum zehntenmal an dem heißen Nachmittag nach dem Futurum Indicativi Activi irgend eines beliebigen leidigen lateinischen Zeitwortes, – und durch das Trillern der Lerchen über mir höre ich die schläfrige, greinende Stimme des aufsagenden Buben:

» Amabo, ich werde lieben,
amabis, du wirst lieben,
amabit, er wird lieben,
amabimus, wir werden lieben,
amabitis, ihr werdet lieben,
amabunt, sie werden lieben.«

O diese Fliegen, diese Wolken von Fliegen, welche die Schulstube füllen! Und man muß die Bengel, welche Jagd darauf machen, gar noch zur Ordnung rufen! –

Was sollte ich auch in der Schmiede, Sever? Der Meister Bart, der Braunschweiger und der Lehrbursche haben lange nicht das Interesse für mich, als der Leutnant der Legion, und dieser bringt sein krankes Pflegekind in den Wald, und auf seiner Bank an der Thür finde ich höchstens einen Sachsenhagener Philister, welcher über die schlechten Zeiten klagt und die Schlachten der vergangenen noch einmal und besser schlägt. Wo mag der Trautenstein, der stille Ort im Gebirge, wohin man das Ännchen geführt hat, wohl liegen? ... Mitten im Gebirge, sagt man. –

Wie die Lerche in der blauen Luft jubelt, wie die segenschweren Ähren nicken, wie der Wald hinter mir leise rauscht! Augen und Ohren muß ich zuschließen, um die widerspenstigen Gedanken von neuem in die dumpfe Schulstube einsperren zu können. Wäre der Blick durch das Fenster nicht, so – – – – – – – – – – O Sever, zwei Ziegen und drei Schafe gehen in dem hohen Grase des Wiesenthales, und oft schwebt durch den Sonnenglanz und die schläfrige lateinische Stunde das allerlieblichste Bild. Die Annie ist durch die Totenpforte geschlüpft, die Annie, welche die deutsche Sonne nicht fürchtet. Drunten am Bache wandelt sie. Manchmal bückt sie sich nach einer Blume, manchmal sitzt sie wohl eine Viertelstunde lang unbeweglich und blickt nieder in den wellenlosen Spiegel des Bachs. Keine Blume, die ihr Köpfchen über das Wasser hängt, ist lieblicher als das Ännchen aus der Schmiede von Sachsenhagen.

Ich kann es nicht leugnen, Sever; während meine Knaben das Verbum amare konjugieren, verwende ich nicht den Blick von der elfenhaften Gestalt drunten in der grünen Tiefe. Aber es ist doch nicht Liebe, was mich zu ihr hinzieht, – sei unbesorgt, Severus! Ich sehe, wie die Ziegen und Schafe der Poggenmühle, welche an dem Wiesenbache weiden, kommen und ihr die Hände lecken.

Trotz der Hitze ist es mir leid, wenn die Glocke vier schlägt, und der Kollaborator das Buch zuschlagen muß. Ein großes Getöse des Aufbruchs erfüllt nun die Klasse, und hinter der rechten und linken Zimmerwand summt, brummt, poltert und trappelt es ebenfalls. Allgemeines Herausstürzen aus den dumpfen Schulstuben, – ein hundertstimmiges Jauchzen.

Die Kollegen treffen sich auf dem Korridore und fächeln die Stirnen mit Taschentüchern und seufzen: »Gottlob!« Alle sehen aus, als hätten sie kaum noch Kraft, das Haus und den Kaffeetopf, den die Kollega bereit hält, zu erreichen. Nur der Quintus scheidet fast ungern von seinem Katheder, aber er darf doch nicht allein in seiner leeren Klasse bleiben. Noch einen Blick durch das Fenster, während er seine Bücher zusammensucht! Dann schreitet er, dem Schatten der Linden und Kastanien, dem Schatten der Stiftskirche folgend, unter den Augen seiner Scholaren und seiner Frau Rektorin gesetzten Schrittes seiner Wohnung zu. Hat er aber seine Hausflur erreicht, o, wie schüttelt er dann jegliche Gravitas von sich ab, gleich der schwersten Bürde. Mit drei Sätzen springt er die Treppe hinauf, wirft seine Bücher, seinen Rock weit von sich und sich selbst der Länge nach auf sein baufälliges, knackendes Lotterbett. Die Arme legt er unter den Kopf, die Augen schließt er, im Halbschlaf konjugiert er:

amo, amare – amor, amari.

Und aus dem Grase springt der Kollaborator in die Höhe. Wie kann er auf solche unverantwortliche Art die Zeit verträumen?

Ferien! Ferien! Ferien und Sonnenschein und wolkenloser Himmel!

Hinter dem Walde liegt das blaue Gebirge; – nur wenn die Häupter der Ähren am tiefsten durch den Wind geneigt werden, tauchen vor mir die blitzenden Turmknöpfe von Sachsenhagen auf. Auch dahinter erheben sich Berge mit Winken und Locken: Komm, komm Schulmeisterlein, wir halten und haben alles, wonach Dein Herz verlangt, grünen Schatten, murmelnde Quellen, Elfen in dem Schatten, Nixen in den Bächen; – komm Schulmeisterlein, schnüre den Ranzen und nimm den Wanderstab in die Hand. Wir erwarten Dich, und unsere süßesten Geheimnisse sollen Dir offenbart werden. In unserm romantischen Dunkel sollst Du verborgene Schätze graben; – komm, ahnungsvoll und frohmütig – wir erwarten Dich, zaudere nicht!

So fahre wohl, Severus, finsterer Freund, und schlage Dir nicht Deine Welt mit schwarzem Trauertuch aus, wie die altenglischen Tragöden ihre Bühne, wenn sie ein Trauerspiel geben wollten.

Was Deine Frage betrifft, so erinnere ich mich, irgendwo gelesen zu haben, daß ein Doktor Hieronymus Bonaparte um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts zu Novara im Mailändischen gelebt hat. Der Mann hat Bücher geschrieben über Empirie und Krisen. Der Titel des einen Werkes ist: Annotationes in Galeni libros de crisibus. Venet. 1547. 4°.

Lebe wohl!

F.

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