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Nach dem großen Kriege

Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleNach dem großen Kriege
publisherGrote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunVierte Auflage
year1902
firstpub1861
correctorreuters@sabc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130720
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Fünfter Brief.

Sachsenhagen, am 29. Juli 1816.

Ich kann Deinen Brief nicht erwarten, Freund. Das Herz ist mir allzu voll. Voll zum Zerspringen.

Ich muß Dir schreiben, – o könnte ich auch zu Dir sprechen! Nun wirst Du nicht einen Brief, nein, vollständiges Manuskript wirst Du erhalten. Wappne Dich also mit Geduld, armer Severus.

Gestern trat ich wieder in die Schmiede. Dies Mal nicht bei Regen, Donner und Blitz, sondern an einem der heißesten Nachmittage dieses heißen Heumonds. Die Luft zitterte draußen ordentlich; aber Feuer vertreibt ja Feuer, und so war's in der dunkeln Schmiede, neben dem sprühenden Herde, viel kühler, als man sich vorstellen sollte. Lustig klangen die Hämmer des Meisters und des Braunschweigers im Takt und ruhten nur einen kurzen Augenblick bei meinem Eintritt.

Der Leutnant saß an seinem gewohnten Platze auf der Bank an der Thür, von wo aus er die Straße mit dem Auge beherrschte. Freundlich lächelnd rückte er zu und machte mir Platz neben sich, nachdem ich mir für meine Pfeife eine Kohle von dem Schmiedefeuer geholt hatte.

»Heiß, heiß!« sagte der Leutnant. »Heißes Wetter; aber man ist's ja gewohnt.«

Damit strich er über die trockene, verbrannte, verschrumpfelte Haut seines Gesichtes.

Er trug seine Festtagsuniform und seine Medaillen, und als er merkte, das ich ihn darauf ansah, sagte er:

»'s ist heute ein Feiertag für mich. Wir schreiben heute den 28. Juli, heut' vor sieben Jahren stand ich mit der Legion im Sonnenfeuer des spanischen Himmels und im Erdenfeuer der Franzosen bei Talavera de la Reyna.«

Ich grüßte militärisch als alter Soldat, indem ich zwei Finger an die Stirn hob.

»Ja, Kamerad,« fuhr der Leutnant fort, »nach der Hitze, die ich an jenem Tage ausgestanden habe, kommt mir alles, was ich nachher an Glut erlebe, nur als Kühlung vor. Das war ein Vorgeschmack der Hölle. Vom Morgen bis zum Abend Gewehrfeuer und Geschützfeuer fort und fort, – Getreidefelder, Bäume, Büsche in hellem Brande; im hellen Brande die Sonne, daß Säbelklingen und Scheiden, daß Flinten- und Pistolen-Läufe und -Schlösser, bei der Berührung, Brandblasen an Euren Fingern hervorbringen! Und durch die brennenden Felder, Wälder und Büsche Kavallerie- und Infanterieangriffe, – Franzosen, Spanier, Engländer, Deutsche ineinander verbissen – – wo ist die Annie, Hans?«

»Sie sitzt hinten im Garten, in der Sonne,« sagte der Lehrbube.

»Armes Kind!« murmelte der alte Soldat. »Sie fürchtet auch die deutsche Sonne nicht.«– – – – – – – – – – – –

Welch Gesindel dringt heut Abend mit dem Mondenschein in meine Stube und sucht mich zu stören beim Schreiben! Da sind täppische, tölpische, dickleibige, summende, brummende Gesellen, da sind zierliche singende Jungfräulein, in durchsichtigen leichtsinnigen Gewändern, welche sie sich mit aller Gewalt an der Flamme meiner Lampe verbrennen wollen. Welch' eine holde, kühle, duftige Nacht!

Und nun hab' Dir, mein Sever, in dieser Mondscheinnacht zu erzählen, wie der Leutnant Bart das Ännchen aus soviel Blut und Feuer, Tod und Verwüstung errettete. Wie er es forttrug in seinem Soldatenmantel, vom Schlachtfelde Talavera de la Reyna.

Und in dieser kühlen, ruhigen, klaren Mondscheinnacht entgeht meiner Seele nichts, was jenes glühende, versengte, zerstampfte und zertretene Spanien charakterisiert. Ich sehe vor mir die steinigen, baum- und wasserlosen Hochebenen sich breiten. Die Hütten liegen verbrannt, als schwarze rauchende Trümmerhaufen da. Die Brunnen sind durch hineingestürzte Leichen geschändet und vergiftet; – ein Trunk aus ihnen ist sicherer Tod. Nirgends ein erquickender Ruhepunkt für das schmerzende, brennende Auge. Fort und fort singen die Cikaden, sinnverwirrend zur Seite des Weges, welchen das Heer, in Staubwolken gehüllt, zieht. Fast unmöglich ist das Atemholen. O welch' ein Marsch für die nordischen Männer, die Kämpfer aus England und den schottischen Hochlanden, die Männer der deutschen Legion. Welch' ein Zug! Reiterei, Fußvolk und Geschütz; – kreischende portugiesische Ochsenkarren mit Verwundeten, Maroden, Weibern, Kindern und Bagage! Gefangene Franzosen, liederlich dem Heer folgende Nonnen aus den zerstörten verwüsteten Klöstern, halbnackte Bauern, Guerillas – Leichen über Leichen in den Gräbern der Landstraße.

»Was für ein Gebäude dort zur Seite?«

»San Juste, Sennor!« antwortet der Ochsentreiber, und das ausgetrocknete entzündete Auge des Reiters schließt sich wieder. Wer hat noch die Geistesklarheit, der welthistorischen Stelle, des Kaisers Karl des Fünften zu gedenken? Fort und fort, fort und fort wie im Fiebertraum schwankt der Zug. Das ziehende Heer verliert in der höllischen Glut fast vollständig jedes Bewußtsein von sich selbst. Unter den Tausenden ist nicht einer, der nicht mechanisch einen Fuß vor den andern setzt; ist nicht einer, der nicht gleich einer toten Last auf dem keuchenden Gaul hängt.

Die Abspannung ist so groß geworden, daß der Mensch zu einer Maschine ward, die einem ihr gleichgültigen Gesetze zufolge in Bewegung ist.

Tagelang, wochenlang immer weiter, immer weiter!

Manchmal kracht und knattert es beim Vortrab – was kümmert das das Heer? Es trifft einige Leichen mehr auf seinem Wege und schleppt sich darüber weg – o diese Sonne! diese schreckliche Sonne!

Endlich am 16. Juli 1809 sieht man zum erstenmal wieder Bäume, deren Laub nicht verdorrt ist, hohe Eichen und Buchen folgen einem Wasserlaufe.

Ein Fluß kriecht durch die Gegend, und wie das Heer Alexanders gegen den Kydnus, so stürzt das Heer des General Wellesley gegen den Xerte – wahnsinnig – wie rasend! Man schöpft das lauwarme Wasser, zu trinken, die Augen, die Hände, das Gesicht zu kühlen! man stürzt sich ganz hinein – wie toll heben sich die Rosse; wie toll brüllen die Ochsen. – Wasser! Wasser! Wasser!

Was naht da für ein Kavalkade im wilden Galopp? der General ist's, Wellesley ist's!

Boten sind gekommen an den Oberfeldherrn. Joseph Bonaparte mit der Garnison von Madrid, den Garden und dem Corps des General Sebastiani, fünfundzwanzigtausend Mann stark, droht sich mit dem Marschall Victor zu vereinigen, welcher mit fünfunddreißigtausend Mann bei Talavera steht.

Vorwärts, vorwärts!

Wo bleibt Cuesta? Cuesta mit seinen fünfunddreißigtausend Spaniern?

Vorwärts, vorwärts!

Berge steigen empor: – Schneeberge über den Wolken. Das ist die Sierra Estrella. O welche Wonne ist der Marsch im Schatten der Wälder, der Felsen! Wie atmet das Heer auf unter dem kühlenden Winde, der ihm das Gesicht fächelt.

Vorwärts, vorwärts!

Wieder hinaus in die Ebene, die schreckliche glühende Ebene.

»Welcher Ort dort?«

»Oropesa, Sennor?«

»Was für eine Straße dort?«

»Nach Madrid, Sennor?«

»Was dort? Jene Türme?!«

»Talavera de la Reyna!«

Wiederum Gewehrfeuer an der Spitze des Heeres. Die Vorhut ist auf den Nachtrab Victors gestoßen. Unabsehbar, erfüllt von Staubwolken dehnt sich die Ebene. Wenn sich von Zeit zu Zeit der Schleier lichtet, sieht man im englischen Heere, seitwärts dunkle Massen sich bewegen.

Adjutanten des Oberfeldherrn sprengen im wildesten Galopp vorüber.

»Was giebt es dort zur Seite, Sir?« fragte der Leutnant Bart von der Legion.

»Cuesta! Die Spanier!« ruft's zurück, und schon ist der Reiter verschwunden.

»Die Spanier, die Spanier! Cuesta! Cuesta!« geht's durch das englische Heer.

» Huzza! Hussa!«

» Viva Ynglaterra! viva Ynglaterra!« hallt's fünfunddreißigtausend-stimmig aus der Ferne, und aus noch weiterer Ferne.

Vive l'empereur! Vive l'empereur!

O diese Sonne! dieser Durst! Durst nach Wasser – nach Blut!

Huzza, Hussa! Old England forever! Viva Ynglaterra! Viva l'empereur!

Nun Gewehr- und Kanonenfeuer vom 22. bis zum Abend des 27. Juli. Wie schwankt und wogt es hin und her über die Ebene; – und doch hat die Schlacht noch nicht begonnen. Am 23. Juli, einem Sonntag, geht eine günstige Gelegenheit zur Schlacht ungenutzt vorüber, weil der General Cuesta seine Mitwirkung für diesen heiligen Tag ablehnt, und Sir Arthur zu schwach ist, allein das Treffen zu wagen. Die Vereinigung Victors mit dem König Joseph und Sebastiani findet statt. Sechzigtausend Mann stehen die Franzosen ihren Gegnern gegenüber, am Abend des siebenundzwanzigsten Tages im Heumond 1809. –

Die Einzelkämpfe zwischen beiden Heeren haben aufgehört. Die Armeen haben die Stellungen, in welchen sie morgen der Feind finden soll, eingenommen. »Morgen!« sagt sich jeder Einzelne.

Die Sterne blicken sanft und milde von dem dunklen südlichen Himmel herab und spiegeln sich in den Waffen und in den Wellen der leise dahin murmelnden Alberche. Wachtfeuer an Wachtfeuer lodert auf; zu Tausenden glühen sie auf der weiten Ebene und an den Bergen. Jedes Heer vernimmt das Gesumme und dumpfe Getön des feindlichen Lagers.

Da ist der Lagerplatz der deutschen Legion, das Lager der Heimatlosen, der »eilenden Mannen«. O hassend mögen die Engländer, grimmig hassend die Spanier und Portugiesen nach den französischen Feuern herüberblicken; der grimmigste, tödlichste Haß kocht doch in den Herzen dieser Deutschen!

Die Engländer wissen, daß, während sie hier kämpfen und bluten, ihre Eltern, Weiber, Kinder, Bräute, Brüder und Schwestern in Sicherheit sich wiegen auf der schönen Heimatsinsel im Ocean.

Die Spanier rächen ihr Vaterland unmittelbar, im Leben und Tod umfängt und hält sie die heilige Erde; einen stolzen Haß und Zorn tragen sie in der Brust!

Aber diese Deutschen! ... O schaut auf diese Männer, – die Schar der Stolzen, Tapfern, Landfremden. Wehe, mit welchen Gefühlen schlagen sie hier auf der fremden Erde! In weiter, weiter Ferne stöhnt in Schmach und Schande, zertreten, verhöhnt, verspottet das Vaterland. Ihre Brüder wissen sie in den Reihen der Feinde; – wo diese Männer der Legion den Feind treffen wollen, mit dem Feinde treffen sie überall ihre Brüder. Schmach und Schande und siebenfältigen Fluch über jeden, der sich schuldig weiß, schuldig im geringsten an solchem Verderben, solchem Elend des Vaterlandes.

Wohl schlagen an jedem Schlachtentage auf der Beiwacht der deutschen Legion die Herzen am zornigsten! –

Die Pferde stehen die ganze Nacht hindurch gesattelt. In ihre Mäntel gehüllt liegen die Männer auf dem nackten Boden, oder sitzen um die erlöschenden Kohlen. Wer könnte schlafen mit solchem Haß im Herzen?

Im Lager der Franzosen kann man singen, – schnarchen im Lager von Alt-England, – würfeln und beten im Lager der Spanier; – tiefes Schweigen herrscht bei den Deutschen, nach den Sternen blicken die eisernen, finsteren Männer, die langsam schleichenden Stunden zählend: »Wann kommt der Morgen, der blutige Morgen der Rache?« –

Tröstet euch, ihr deutschen Männer, der Morgen kommt schon und mit ihm die große Schlacht. Jetzt die Schlacht bei Talavera de la Reyna, später die Leipziger Schlacht und einst, einst – die Schlacht auf dem Walserfelde, wo der eine und ungeteilte Heerschild am blühenden Birnbaum hängt, und ein Purpurmantel feil ist um einen Zwillichkittel und ein gutes Schwert.

Da kommt das Frührot, – die Morgendämmerung des 28. Juli 1809; mit ihr bricht das Treffen los. Um acht Uhr Angriff auf der ganzen Linie. Um elf Uhr sucht der Feind die Spanier vom Tajo abzudrängen und so die Schlachtordnung vom rechten Flügel her aufzurollen. Als der Anlauf mißlingt, tritt eine Pause von zwei Stunden ein. Atemlos, keuchend sinken beide Heere nieder auf glühendheißem Boden, erschöpft von der blutigen Arbeit und niedergedrückt durch die spanische Sonne. Um zwei Uhr neuer Angriff der Franzosen auf dem linken Flügel, wo die deutsche Legion steht; – gleich darauf Angriff auf das Centrum, wo General Campbell den Feind zurückwirft. – Schneller als im Norden bricht die Nacht im Süden herein, in der kurzen Abenddämmerung donnert der letzte, aber auch wildeste Sturm der Franzosen gegen den linken Flügel heran. Da bedecken sich die Bataillone der deutschen Legion und die englischen Garden mit ewigem Ruhm. Wieder und wieder treiben sie den Feind mit dem Bajonett zurück, bis die Nacht dem Kampfe ein Ende macht.

Die Schlacht ist entschieden. In der Dunkelheit ziehen sich die Franzosen über die Alberche zurück.

»Ja, Herr Kamerad,« sagte der Leutnant, »und in dieser Nacht habe ich von dem Schlachtfelde bei Talavera die Annie aufgelesen, ein zwölfjährig Mägdelein. 's war auch meine einzige Beute. Zwischen den tausend und abertausend Toten und Verwundeten aus allen Völkern von Europa, den toten Tieren, den Waffen, umgestürzten Karren, Kanonen und Pulverwagen fand ich sie auf dem schwarz gesengten Boden am Ufer der Alberche, als ich eine Vedette dort aufstellte. Sie lag ohne Besinnung, doch leise wimmernd. In abgerissenen, deutschen und französischen Worten rief sie Namen, die ich nicht verstand, und die sie leider nachher vollständig vergessen hat, indem ihr der erlebte Schrecken der Schlacht alles Gedächtnis genommen hatte. Denk' ich mir, sie war ein westfälisch Soldatenkind; – beim Übergang über die Alberche war es der französischen Armee und den Eltern abhanden gekommen. Vielleicht waren auch die Eltern an diesem Tage getötet – so hab ich das arme Würmlein denn aufgehoben und es mit mir genommen zum Lagerplatz der Legion, so ist's mein liebes Töchterlein geworden, hat an den Frauen der Legion guten Schutz gefunden und mit letzteren jedes Geschick geteilt. Vor Ciudad Rodrigo und Almeida hat es mit gelegen, die Schlacht bei Busaco hat's aus der Ferne mit angesehen. Am 18. Juli 1811 ist's mit nach England geschifft und von da am 28. Dezember nach Malta. Auf der Insel Sizilien hat es mit mir drei Jahre lang gestanden. Am 20. April in diesem Jahre Eintausendachthundertundsechzehn sind wir mitsammen im befreiten Vaterland wieder angekommen! ... Nun lernet sie selbst kennen, Kamerad und Schulmeister, lernet sie kennen in ihrer Holdseligkeit und ihrem Unglück. Ihr habt's wohl schon gemerkt, wie krank ihr Geist ist, – o könnt' ich sie heilen durch das Vergießen meines Herzblutes, wie gern wollt' ich es für sie hingeben. Aber sie hat zuviel Blut und Grauen gesehen, das hat ihre süße Seele krank gemacht. Alles hat sie vergessen, was vor der Schlacht bei Talavera ihr begegnet; sie weiß nicht mehr von ihrem Vater noch von ihrer Mutter; sie hat ihren Namen vergessen im Grauen der Schlacht; hinge ihr die grausame Angst nicht an, man könnte sagen, sie sei erst am 28. Juli 1809 geboren worden. Nur die Stille könnte sie heilen, haben die Doktoren und Feldscherer gesagt, und die Stille soll sie haben, im Walde will sie sich verbergen, daß sie da einschlafe und einmal erwache und ihr Leben für einen bösen Traum halte. Meint Ihr nicht auch, Kollaborator, daß Gott ihr solchen tiefen Schlaf bescheren wird, daß Gott sein liebliches Werk nicht im blutigen Grauen untergehen lassen wird?«

Ich ergriff mit Thränen in den Augen beide Hände des Alten. Kein Wörtlein vermochte ich zu sprechen. Das also war die Geschichte des armen, schönen Ännchens. Ich hätte in Wehmut vergehen mögen und stürzte fort aus der Schmiede, selbst den Wald aufzusuchen. Da warf ich mich in der Einsamkeit, während die Abendsonne die Baumwipfel vergoldete, nieder auf den Boden, aufs Gesicht.

Was heilt das Ännchen? was heilt und tröstet das arme, arme Ännchen?

Da schlug ein Fink im Gebüsch, und ich hob das Gesicht wieder aus den Händen und schaute um mich. Nie, nie in meinem ganzen Leben hatte ich die Lieblichkeit und den Frieden der Natur auf solche Weise empfunden. Und dumpf hörte ich in den Finkenschlag hinein, wie aus weiter, weiter Ferne, den Donner aller Schlachten des Jahrhunderts. Ich war wie im Traum. Es war mir, als wälzten, draußen vor dem Walde, immer noch die Völker sich durch Blut und Flammen, im wilden Vernichtungskampf. Da rollten alle längst verstummten Trommeln, da klangen alle längst verstummten Trompeten des Freiheitskampfes; im Strom der Hunderttausende zogen die Freunde draußen vor dem Walde gen Westen und ich blieb zurück. –

Ich stand auf den Füßen, – da war aber auch die Phantasmagorie zu Ende; ich war mit dem Sever zweimal in Paris gewesen. Der Wald rauschte im Abendwind, purpurn lugte durch Zweige und Blätter der Himmel, der Fink schlug – – – – – –

Was heilt das arme kranke Ännchen? Wenn Du es weißt, kluger Freund Sever, so melde es mir umgehend. Auch ich würde, wie der Leutnant Bart, mein Herzblut darum geben, wenn ich dem Findling vom Schlachtfelde bei Talavera de la Reyna damit helfen könnte.

Ob »Waldeinsamkeit« sie wohl erlöst von ihrem schweren Lebenstraum? – –

Sie hat blonde, ins Rötliche schimmernde Locken und Augen – darkblue and tender. Sie ist zierlich wie eine Elfe, und vielleicht achtzehn Jahre alt.

Ob Waldeinsamkeit ihr zitterndes Herz wohl heilen wird?

Der Mond hat seine Laufbahn durch meinen Gesichtskreis vollendet. Ich schließe mein Fenster den Käfern und Mücken; ich schließe meinen Brief; obgleich ich wohl noch lange nicht einschlafen werde. O Sever, Sever, was fangen wir mit der Anna an. Du bist ein so kluger und geschickter Arzt, sage mir, wie wir der Anna helfen können!

Dein

Fritz.

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