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Nach dem großen Kriege

Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleNach dem großen Kriege
publisherGrote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunVierte Auflage
year1902
firstpub1861
correctorreuters@sabc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130720
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Dritter Brief.

Sachsenhagen, am 5. Juni 1816.

Dein Brief hat mich recht betrübt und erschreckt, Sever. Wie finster siehst Du doch in unsere deutsche Zukunft! Alle unsere Ideale wären nur vermummte Hexen, welche bald ihre glänzenden Gewänder abwerfen und in nackter Häßlichkeit uns anhöhnen würden ob unserer Leichtgläubigkeit?

O mein armer Freund, bist Du nicht ganz wie Dein Namensvetter, der römische Kaiser Alexander Severus, welcher auch so große Schlachten gewonnen, so viele innere und äußere Feinde niedergeworfen hatte und doch in der Tiefe seines Herzens an den Untergang seines Volkes, seines Weltreiches glaubte; – der so viele schöne heitere Götter und Göttinnen in seinem Lararium hatte und doch das Bild des Mannes aus dem verachteten Volk der Juden, das Bild des gekreuzigten Jesu dazwischen aufstellte –?

Er hatte recht; aber Du hast nicht recht, Sever! Sever, ich kann Dir nicht glauben, ich will Dir nicht glauben.

Wenn ich die Kraft und Macht anschaue, welche aus dem Boden wächst in dem Volke, welchem Gott diesen Boden im Herzen von Europa gegeben hat; so kann ich nun und nimmermehr mir denken, daß alle die Macht und Kraft nur dazu wachse, um als verspottetes Spielzeug und Tändelwerk zu dienen in den Händen weniger kindischer Pfaffen, Höflinge, Weiber, Diplomaten und blödsinniger Kriegsknechte!

Sever, ich glaube an mein Volk, und Du sollst auch daran glauben. Und Du glaubst auch daran, die Zeit des Halbschlummers nach den großen Mühen nach der gewaltigen Arbeit liegt Dir nur ein wenig schwer in den Gliedern; Du bist nicht dazu gemacht, im Halbschlaf zu liegen, gleich anderen Leuten, die sich über ihre Kräfte angestrengt haben, so wie ich. Trotz meiner Bekümmernis über Deinen wilden Brief hab' ich doch fast lachen müssen über eine Zeile desselben, in welcher Du schreibst: Du hörest meine Wiegenlieder gern und ich möge weiter singen; Dein Herz bedürfe der Ruhe und es sei Sturm in Dir. – Ach liebster Freund, wie gern will ich das; aber besser wär's, viel besser, Du suchtest um Dich her, daß Du zwei sanfte Augen und einen süßen Mund und eine weiche Hand fändest, welche die finsteren Falten Dir von der Stirn schmeicheln und Dich bitten dürften, nicht die Nächte durch zu sitzen über dem Juvenal, dem Machiavell und den Zeitungsartikeln des Herrn von Gentz. Vorgestern stand ich auf einem Berg – einer kahlen, nur mit kurzem Gras und vereinzeltem Gestrüpp bewachsenen Höhe, erhaben über allen Wipfeln und Gipfeln bis in die blaueste Ferne. Ich stand und blickte hinab auf das nahe Grün und das ferne Blau und achtete auf das Aufblitzen der Gewässer in der Ebene, die südwärts hinter dem Gebirge sich dehnt. Da stand plötzlich ein alter grauer Mann, der seine Holzaxt auf der Schulter trug, neben mir und redete mich so unversehens an und grüßte mich, daß ich ordentlich erschrak. Er kam mir aber gerade recht, um mir die Gegend zu deuten. Manche Berggipfel und Höhenzüge, manche Kirchtürme nannte er mir mit Namen und endlich sagte er:

»Ja, Herr, ist das nicht so schön, daß man seine Braut daraus holen möchte?«

Ich blickte den Alten betroffen über das sinnige Wort an. Er wußte gewiß selbst nicht, wie recht er das Gefühl getroffen hatte, welches an einer solchen Stelle eine Menschenbrust bewegen kann. Eine schöne, gute Braut ist wohl das höchste Glück, welches einem Menschen auf Erden zu Teil werden mag, und nun stehst Du, und ein Erdenwinkel liegt vor Deinen Augen hingebreitet in wonniger Schönheit, in Duft und Glanz, süß und milde; – und Du bist einsam und allein und ein unbekanntes Glück, das Du ahnst, wohnt drunten im Thal. –

Man möchte seine Braut daraus holen!

»Aber nun zeigt mir doch die Stelle, wo Sachsenhagen liegt, mein Wohnort. Im Heraufklettern hab' ich es verloren und kann es nicht wiederfinden,« sprach ich zu meinem Alten. Er zeigte mir gegen Norden ein funkelndes Pünktchen. Das war der Kirchenknopf des guten Städtleins. Ich weiß nicht, in diesem Augenblick schien mir aller Glanz der Landschaft von dem flimmernden Punkt auszugehen; zum erstenmal fühlte ich, daß ich in der Stadt Sachsenhagen mir eine Heimat erworben habe. Ein Handwerksburschenlied, welches von der Lust des Wanderns Bericht giebt, kam mir zur rechten-unrechten Zeit in den Sinn, und ich summte einige Strophen davon, während ich mit meinem alten Waldarbeiter bergab stieg. Ich mußte doch meinem eben beschriebenen Heimatsgefühl Worte geben!

Bald hatten wir die kahle Höhe über uns, und der Wald nahm uns wieder auf, das Rauschen des Waldbaches klang leise aus der Tiefe zu uns empor. Bald aber wurde diese Melodie der grünen Einsamkeit lauter und lustiger; wir erreichten den Pfad, welcher an dem Bache herführt und folgten ihm. Mein Führer erzählte mir, wie dieses kalte, klare Wasser weiter oben, tiefer in den Bergen aus einer dunklen Grotte entspringe, in welche ein Mann wohl ein gut Stück hineinkriechen könne; er – der Erzähler – habe das auch versucht; denn »der Mensche ist ein neugierig Tier, Herre,« – aber die Angst habe ihn bald wieder aus der unheimlichen Finsternis zurück getrieben, und er habe das Geheimnis des Berges nicht enträtselt. Mit der Dämmerung gelangten wir in das Dorf Walkenheim, wo mein Alter zu Haus war. Jubelnd liefen ihm seine Enkel entgegen. Ein frisches Büblein nahm ihm die blanke Axt aus der Hand und trug sie stolz uns vorauf; ein kleines Mädchen faßte die Hand des Großvaters und warf scheue verwunderte Blicke auf den fremden Begleiter. Die Gewächse, welche ich für das Herbarium, das ich hier anlegen will (ich verstehe weniger davon, als der Wiener Kongreß von der Weltgeschichte) gepflückt hatte, riß mir die Ziege, welche mit den Kindern uns entgegengekommen war, aus der Hand und verspeiste sie mit gutem Appetit. Im Innern der Hütte aber saß am kalten Ofen eine zusammengekauerte Frauengestalt, und blickte wirr auf, als ich eintrat und sagte mit angstvollster, klagender Stimme:

»Habt Ihr den Karl nicht gesehen? Habt Ihr keinen Brief für mich vom armen Karl?«

»Meine Schwiegertochter!« sagte der Alte finster. »Mit den Westfalen hat mein Sohn mit gemußt nach Rußland und ist nimmer heimgekehrt. Die Arme weiß nur noch diese Worte.«

An der Hüttenthür nahm ich traurig Abschied von dem Großvater und seiner Familie und versprach durch Handschlag, wieder vorzusprechen.

In dunkler Nacht erst erreichte ich mein Städtlein. Die Fledermäuse umflatterten mich, die Frösche quakten in den Gräben, die Nachtigall klagte im Gebüsch, die Grillen zirpten, als ich an den Gartenhecken hinschlich. In der Gasse, nicht weit von dem Thorbogen, fiel der rote Feuerschein aus einer Schmiede; der Hammer klang noch ganz munter, und in der offenen Thür, aus welcher der rote Schein hervorleuchtete, stand eine feine Mädchengestalt und blickte in die Gasse hinaus und erwiederte zierlich meinen Gruß, als ich vorüberschritt und mich hütete, das zierliche Schattenbild des Kindes auf dem rötlich vom Widerschein angehauchten Pflaster der Straße mit dem Fuße zu berühren. Um die Schulter blickte ich zurück und lange noch klang mir der Hammer des Meisters Schmied in das Ohr. –

Zu Hause fand ich die blauen Hefte, welche mir der kranke Tertius zugesandt hatte, voll lateinischer Schnitzer über die schöne Lehre vom Accusativ cum Infinitivo und vom Ablativ absolutus. Da hatt' ich mit roter Tinte auszumerzen für den anderen Morgen! Meine eigene Jugendzeit kam mir damit wieder ins Gedächtnis und mancherlei verwob sich in die mechanische Arbeit, von der Geburt bis zum heutigen Gang in die Berge, so daß ich erst spät das Bett aufsuchen konnte, und es mir ordentlich ein Kummer war, als der blaue Berg der Exercitienbücher vor mir ein Ende nahm.

In der Nacht soll noch ein Gewitter gekommen sein; ich weiß aber nicht das Mindeste davon. Ich habe geträumt von Dir, Sever. Du hattest die beiden sanften Augen, von denen ich Dir im Anfang dieser Epistel rede, gefunden, und sie gaben einen hellen Glanz und ein weißes Gewand glitt durch einen dunkelgrünen Wald voll Mondenschein. Aus dem Gebüsch und den Buchenhallen wurde eine Hochzeitskirche, die sich aber plötzlich mit dem Feuerschein aus der Schmiede am Thore füllte. Ich hörte den Hammer und sah die Funken springen vom Ambos. Der Schatten, den ich in der Thür des Meisters Schmied gesehen hatte, bewegte sich in dem roten Lichte langsam hin und her; aber nun löste sich alles in Vergessenheit und ich erwachte erst, als die Sonne hoch am Himmel stand, und das gewohnte Klopfen an der Thür mich in das Leben zurückrief. Nun will ich schließen; blicke aber noch einmal auf den Anfang meines Briefes zurück. O Sever, das Gezücht der Schmarotzerpflanzen, das Gezücht der giftigen Pilze, der Fliegenschwämme, der Saugschwämme, der Herrenpilze, der Speitäublinge, der Judasohren, der Bovisten, der Phalli impudici wächst nicht auf dem umgestürzten Stamm der deutschen Eiche – nein, nein, nein, die deutsche Eiche steht noch aufrecht, und wird noch durch die Jahrtausende in Herrlichkeit und Pracht grünen und blühen und alle Völker unter ihrem Schatten versammeln. Was kümmert Dich das armselige Schwammgeschlecht am Fuße des Baumes Gottes?

Sei mir gegrüßt, Sever, und lebe wohl!

F.

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