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Nach dem großen Kriege

Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleNach dem großen Kriege
publisherGrote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunVierte Auflage
year1902
firstpub1861
correctorreuters@sabc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130720
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Zweiter Brief.

Sachsenhagen, am 15. Mai 1816.

Ich habe mich nun vollständig hier eingebürgert, Sever, und weiß in Stadt und Umgegend Bescheid wie der älteste Eingeborene. Manch stilles, verschwiegenes Plätzchen im Grün kenne ich, wo ich mich im Grase ausstrecken kann, die Odyssee zu lesen oder die Gedichte unseres Freundes Ernst Schulze, der, wie er mir schreibt, jetzt daran denkt, in Italien seine wunde Brust zu heilen, und der, ein anderer Ariost, neue Gesänge in sich bewegt. Der arme Freund mit dem kranken Herzen, mit dem weichen und doch so stolzen und starken Herzen!

Um Cäciliens Grab erklingt nun das Lied Cäcilia und das Flüstern der Geisterstimme jener, die:

– still als noch die Schand' uns drückte
Ein deutsches Herz im freien Busen trug,
Die stolz hinab auf fremden Schimmer blickte,
Mit strengem Spott den Sklaven niederschlug,
Die fromm und zart die rauhe Welt uns schmückte,
Ein segnend Licht in finst'rer Zeiten Fluch,
Die Gott schon früh zu seinem Thron erhoben,
Um herrlicher sein schönstes Werk zu loben.

Armer Ernst! – Wie er mir meldet, dichtet er jetzt an einem Gedicht: Die bezauberte Rose. Im nächsten Frühling will er nach Rom; ach, wenn nur seine Seele nicht längst begraben läge auf dem Kirchhofe zu Göttingen!

Fort mit den Todesgedanken. Wir haben doch eine stolze Zeit durchlebt. Nun ist es wohl schön in einem heimlichen, lauschigen Winkel zu sitzen im Monat Mai, und unter Vögelsang und Quellgemurmel der Genossen der heißen Arbeit für das Vaterland, in Wonne und Wehmut zu gedenken.

O Theodor Körner! o wackerer Friesen! o alle ihr Schläfer unter dem grünen Rasen, alle ihr Lebendigen mit den stolzen Narben und den frischschlagenden Herzen, seid gegrüßt, gegrüßt!

Keinen Becher wollen wir leeren, ohne der Genossen zu gedenken:

Ad manes fratrum!

Keinen Becher wollen wir leeren, ohne dem Gewaltigen droben zu opfern:

Jovi liberatori!

Aber wem sage ich das? Dir Sever? Dem Mann mit der Römerstirn, dem Mann mit dem Römerauge?

Ach, was für ungereimtes Zeug schwatzt das Schulmeisterlein hinter den Bergen. Möge es schnell wieder herabsteigen in das Leben, welches es führt zu Sachsenhagen im Sachsenlande, dem echten Sachsenlande, nicht der Provinz der guten Meißner und Leipziger. –

Am vorigen Sonntage war ich in der Kirche. Ich trete in protestantischem Lande nicht gern an Werkeltagen in solch ein heiliges Gebäude. Da ist erst der mürrische Küster oder Kantor aufzusuchen. Mit Mühe findet man ihn, und mit Verdruß kommt er mit seinem rasselnden Schlüsselbunde und öffnet das Kirchenthor. Ein dumpfigeisiger Hauch weht dann einem aus den Hallen entgegen, um so unbehaglicher und kältender, je wärmer und sonniger es draußen ist. Was hat das Luthertum am Wochentage in seinen Kirchen zu suchen? – Die weißen Wände und Pfeiler, die Grabsteine, die leeren Kirchstühle, die Predigerbilder, der Altar, alles blickt einen so kalt, so fremd an, und es ist ein wahrer Trost, wenn eine Schwalbe durch eine zerbrochene Fensterscheibe einen Eingang gefunden hat und lustig unter den Wölbungen hinflattert. Mit Schaudern und Ergrimmen folgt man der Jagd, welche der Herr Kantor nun vermittelst einer langen Stange unternimmt. Ist es nicht, als würde mit dem ängstlich hin- und herschießenden Vögelein der letzte Hauch des Lebens aus dem Hause des lebendigen Gottes vertrieben? Die Merkwürdigkeiten sind nur Merkwürdigkeiten, und bleiben in jeder Kirche stets dieselben: die pausbäckigen Engel, die an der schweigenden Orgel mit platzenden Backen in ewig stumme Posaunen blasen, – die eiserne Sturmhaube aus dem dreißigjährigen Kriege, – der rechte Panzerhandschuh, zu welchem der linke fehlt, – das Grabmal des alten Ritters ohne Nase, im Chor, – der Pfeiler, an welchem angemerkt ist, wie hoch in dem und dem Jahre bei der großen Überschwemmung das Wasser in der Kirche stieg, – und das uralte Madonnenbild, welches den Bilderstürmern entging, und so weiter; – ich will die Reihe nicht fortsetzen. An einem solchen Werktag macht man, daß man fortkommt aus einem lutherischen Gotteshause und ist noch an der Thür in Verlegenheit über die Frage, ob man wohl dem Herrn Kantor durch das Anbieten eines Trinkgeldes beleidigen würde! –

Anders ist das an Sonntagen und Festtagen, wo man nicht allein in die Kirche geht, sondern in Gesellschaft von stattlichen Greisen, ehrbaren Männern und Frauen, hübschen Mädchen und artigen geputzten Kindern. An einem solchen Tage erscheint einem der Herr Kantor nicht mehr als ein grämlicher Schutzgeist des heiligen Ortes, sondern als ein guter, alter, weißhaariger Mann, welcher seine Freude hat an der Menge, die kommt; welcher die Orgel spielt so gut er kann, und dessen Stolz der Chorgesang der Knaben, neben seinem Sitze ist. Hat er nicht alle diese jugendlichen Stimmen herangebildet? ist nicht das vortreffliche Getön, welches das heilige Haus füllt, sein eigenstes Werk?

Nun haben Wände und Pfeiler ein feierlicheres Ansehen: auf dem geschmückten Altar unter dem gekreuzigten Christus brennen in den hohen glänzenden Messingleuchtern die beiden Wachslichter, frische Blumensträuße prangen in den zwei blauen Glasvasen daneben. Die Schwalben und Sperlinge bleiben unbelästigt, und alle Kinderaugen in der Gemeinde folgen den fliegenden Vögeln, bis ein leiser, mahnender Rippenstoß der Väter und Mütter die junge Aufmerksamkeit wieder auf den Herrn Pastor auf der Kanzel lenkt. Nun kommt der Mann mit dem Klingelbeutel; wer seinen Pfennig vergessen hat – ach es giebt viele solcher vergeßlichen Leutchen – nickt gravitätisch mit dem Kopfe; wer seinen Pfennig nicht vergessen hat, hört ihn mit Vergnügen zu den anderen Kupfermünzen in den schwarzsammetnen Sack mit der Schelle hinunter tanzen und klingeln. Dazwischen geht die Predigt fort, gut oder schlecht, eifrig oder milde, munter oder schläfrig. Ein jeglicher in der Gemeinde hat seine eigenen Gedanken dabei, notabene wenn er nicht sanft schlummert; und ein jeglicher nimmt sich von jedem Vorwurf, welcher der Menschheit zugeschleudert wird, aus, und zieht sich ein jedes Lob fröhlich und wohlgemut zu Gemüte, und der liebe Gott weiß ja, daß das nun einmal nicht anders ist, und er giebt sich schon zufrieden, wenn es sein thöricht Menschenvölklein nur nicht gar zu arg macht, wenn es ihn nur »einen guten Mann sein« läßt. Gut Ding will Weile haben, denkt der Alte und lächelt und lenket Sonnen und Sternenmeere, ein Schulhaus neben dem anderen. Der große Magister weiß sehr gut, daß sein Völklein erst mit saurem Weh mensa der Tisch deklinieren lernen muß, ehe es zum großen Verbum amare kommt. Die grasgrüne Ewigkeit durch wird man zu studieren haben, ehe man dieses Zeitwort kennt in allen seinen Formen und Abwandlungen, ehe man alles das begriffen hat, was »es regiert«.

Da hast Du wieder den närrischen Fritz, mein Sever. Was hilft alles Kopfschütteln, der Bursch ändert sich nicht, denn er hat's von seiner Mutter, und was man von der Mutter hat, das sitzt fest und läßt sich nicht ausradieren – hilft auch dagegen kein Scheidewasser Hegelscher Philosophie und kein:

»Vieler Menschen Städte sah er und Sitte erlernt' er.«

Was man von der Mutter hat, das behält man, und es ist auch gut so, denn jeder Keim sittlicher Fortentwickelung des Menschengeschlechts liegt darin verborgen.

Ich habe mich oft gefragt, Sever, was Du wohl von Deiner Mutter habest, und ich habe es auch herausgekriegt, und will Dir jetzt erzählen, wie und wo, da ich nun einmal abgekommen bin von meinem Kirchgang am vorigen Sonntag.

Es war einmal eine dunkle stürmische Nacht – ich will Dir auch das Datum nennen, es war in der Nacht vom zweiten auf den dritten März 1814. Wir lagen in unsere Mäntel gehüllt auf der nackten Erde und die Lagerfeuer der Feinde leuchteten kaum einen Büchsenschuß von uns entfernt. Von Zeit zu Zeit rieselte ein gelinder Regenschauer herab, und wir hatten die größte Mühe, unsere Waffen schußfertig zu erhalten. Der kommende Tag ist der Jahrestag eines großen Schmerzes für Dich. An dem 3. März 1810 erschossen die Unterdrücker Deinen – unseren Bruder, den Schillschen Reiter; nicht auf dem Schlachtfelde, – auf dem Hochgericht unter dem Galgen ermordeten sie ihn. Du warest – finster und wortkarg den ganzen vorigen Tag über gewesen, Sever, und hattest auch die Nacht durch kaum ein Wort gesprochen; sondern nur Deinen Bart zerkaut, ein Zeichen wilder Gedanken bei Dir. Es dämmerte leise im Osten und Du saßest und blicktest dem kommenden Licht entgegen. Auf einmal hobest Du Dich leise auf die Knie und murmeltest: So mag wiederum eine fränkische Mutter diesen Tag verfluchen! und dann warst Du in dem Hohlweg, uns zur linken Seite, verschwunden. Wir lauschten allesamt auf das angestrengteste, bereit, beim geringsten verdächtigen Geräusch aufzuspringen und Dir nachzueilen. Aber wir vernahmen nichts und nach einer halben Stunde kehrtest Du zurück und ließest Dich schweigend wieder nieder neben uns. Die Genossen lächelten ein wenig, doch Du achtetest nicht darauf. Als Du wieder an meiner Seite Dich ausstrecktest, sagtest Du vor Dich hin: Nein, es sollte nicht sein. Weiß der Teufel, wie zwanzig Schritt von einem Kleeblatt französischer Voltigeure einen das Picken einer Wanduhr an einem guten Werke hindern kann.

Das Picken einer Wanduhr? fragte ich.

Jawohl, jawohl! Sie lagen ganz ruhig um ihre glimmenden Kohlen, und zwanzig Schritte davon über ihnen im Gebüsch saß ich – bei Gott! ihr Leben war in meiner Hand. Ich brauchte nur hineinzugreifen wie in ein Vogelnest mit unflüggen Jungen. Schon lag die Büchse an der Wange und der Hirschfänger gezogen neben mir. Ein Fingerdruck, zwei Sprünge und zwei Stöße, die Sache war gethan. Aber in demselben Augenblick schlug die Uhr im entfernten Dorfe Vier, und mit ihr schnurrte unsere alte Wanduhr hinter dem Ofen daheim ab und deutlich vernahm ich ihren so wohlbekannten Schlag, und dann sagte meine Mutter dicht neben mir: O Sever, o wüßtest Du doch, wie eine Mutter weint! – Es waren drei blutjunge Knaben neben den glimmenden Kohlen und einer der unvorsichtigen Tölpel warf sich unruhig im Schlaf herum und rief angstvoll: Ma mère, ma mère, sauvez-moi! – Auf dem Bauche kroch ich wieder ab und liege nun hier wie ein großer Narr; – der tote Robert möge es mir vergeben!«

So sprachest Du, Sever; am nächsten Morgen aber schossest Du einen Gardekürassier vom Gaul und stießest einem Artilleristen über seiner Kanone den Hirschfänger in die Brust.

Vale!

Fritz.

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