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Nach dem großen Kriege

Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleNach dem großen Kriege
publisherGrote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunVierte Auflage
year1902
firstpub1861
correctorreuters@sabc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130720
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Elfter Brief.

Sachsenhagen, am 15. Oktober 1816.

Allmählich geht der Herbst in den Winter über, und die Witterungskundigen behaupten, daß dieser Winter sich als ein sehr gestrenger Herr zeigen werde. Alle Morgen sind die Dächer mit weißem Reif überzogen und der Boden ebenfalls. Mit den bunten, welken Blättern der Bäume und Gesträuche spielt die Sonne so wehmütig, wie eine alte Jungfrau mit den Angedenken einer schönen Jugendzeit – verblaßten Bändern, vertrockneten Blumen, Haarlocken und Stammbuchsversen – tändelt. Die schwarzen Krähen gehen gravitätisch spazieren in den Gassen von Sachsenhagen, in welchen Gassen sich die Bürger und Bürgerinnen nicht länger aufhalten, als es unumgänglich notwendig ist.

Die Thür der Schmiede steht jetzt nicht mehr offen, wie im warmen Sommer. Sie ist geschlossen, und es ist dadurch in der schwarzen Werkstatt noch ein wenig finsterer, aber durchaus nicht unbehaglicher geworden. Wir behalten jetzt den roten Schein und die Glut des Schmiedefeuers für uns, und geben der Gasse draußen so wenig als möglich davon ab.

Springende Funken und Hammerklang, – – gesegnete Arbeit!

Liebe treue Gesichter und Herzen drinnen; – was haben wir mit dem Wirrsal der Welt draußen zu schaffen? Komm zu uns, Sever, komm und vergiß in der alten Schmiede von Sachsenhagen die Sorgen der Zeit. Mein finsterer Freund, komm und lege Deinen Zorn, wenn auch nur für einen Augenblick, nieder vor unserer Thür; komm und hoffe mit dem Hoffenden.

In der vergangenen Nacht blätterte ich im Jesaias und stieß auf ein merkwürdiges tiefsinniges Wort des alten jüdischen Sehers:

»Kann denn, ehe ein Land die Wehen kriegt, ein Volk geboren werden?«

Ich denke, das ganze neunzehnte Jahrhundert wird wohl noch über die Wehen, welche das deutsche Volk ins Licht der Welt gebären sollen, hingehen. Wir schreiben erst Achtzehnhundertsechzehn, Sever! – Ein jeder thue auf seiner Stelle das Rechte und verlache – mag es auch im Kerker, in der Verbannung oder auf dem Hochgericht sein – verlache den Rat der Bösen. Was hält Stand gegen das Gelächter der Ehrenmänner?

Die Berge sind den Göttern heilig; – hebe das Haupt, Sever, und blicke auf aus der dumpfigen Luft, aus den schweren Nebeln, welche über der Gegenwart hängen, auf zu den drei deutschen Gipfeln, welche alle Alpen überragen, auf zum alten Brocken, auf welchen deutscher Geist dem bildlosen Wodan opferte, auf welchem deutscher Geist den Faust im ewigen Streben nach der Lösung der Rätsel der Menschheit führt; – blicke auf zur Wartburg, wo das alte Geistesrüstzeug, die »gute Wehr und Waffen« unseres Volkes, neu geschmiedet wurde; – blicke auf zum Kyffhäuser, in welchem die große Zukunft der Stunde harrt, in welcher die Raben nicht mehr fliegen werden, die Stunde, wo »ein Volk geboren wird.«

Welch eine andere Nation kann solche Bergesgipfel aufweisen? –

Sever, Sever, haben wir denn so ganz die Rollen vertauscht? Bist Du der Träumer geworden, und muß ich Dich aufrütteln zum Leben in der Wirklichkeit. Solch eine finstere, grimmige, passive Versunkenheit, wie sie Dich ergriffen hat, ist auch nutzlose Träumerei und vielleicht die schädlichste.

Wach auf, Severus! Wenn der Mut, das Vertrauen, die Hoffnung nicht zu Dir in Deinen dunkeln Winkel kommen wollen, so gehe aus auf die Landstraßen, sie zu suchen. Wir finden sie nicht alle auf dieselbe Weise; aber wir alle können sie finden.

Mir hat sie die Liebe gebracht! Und mit diesem Worte bin ich wieder da angekommen, wohin ich jetzt immer komme; ich mag thun und denken, was ich will. Wie in der heiligen Nacht des Correggio alles Licht von dem Kinde ausgeht, so geht jetzt in meinem Leben alles Licht von diesem Gedanken aus:

Ännchen von Rhoda ist des Kollaborators Friedrich Wolkenjägers Braut!

Diese Gewißheit verklärt mit dem holdesten Scheine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In diesem Gedanken wandle ich im Städtlein Sachsenhagen wie in einem Göttergarten umher. Diese Gewißheit trägt mich über alles hinweg, was andere Menschen verzagt, kleinmütig, betrübt macht. In dieser Gewißheit preise ich die Unsterblichen, welche sie zuließen.

Wie hat sich aus allen Nebeln, die sie umgaben, die Seele meines Mädchens in lieblichster Klarheit losgewunden! Ich fragte Dich, den Arzt, einst, Sever, ob Du nicht wissest, wie das Ännchen zu heilen sei. Ein größerer Arzt hat seine Hand geboten, – es ist alles recht, was er gethan hat, und was er thut.

O, diese schwarze, dunkle Schmiede! Ist das Ahnung gewesen, was mich gleich bei meiner Ankunft in Sachsenhagen zu ihr hinzog?

Wenn ein Kind in Schmerzen geboren worden ist, so wünscht und fleht ihm die Mutter alles Glück, was Namen hat, und was keinen Namen hat, auf sein Haupt herab, und das ist ihr Mutterrecht. Sever, ich glaube alles, was meine Mutter für mich erbeten hat, ist nun in Erfüllung gegangen. Die Arme hat viel Schmerzen ertragen in ihrem Erdendasein; möge sie doch jetzt von droben auf das Ännchen und ihren Sohn herabschauen können! Ich muß dem Ännchen von Rhoda viel von meiner Mutter erzählen, in jedem stillen Augenblicke kommt die arme Elternlose, die im Schlachtgetümmel Gefundene mit der süßen Bitte:

»Von Deiner Mutter erzähle mir!«

Ich spreche ihr davon, während ihr Lockenhaupt sich an meine Schulter lehnt. An die Brust des Geliebten hat sich die Mutterlose gerettet, und daran soll sie nun ruhen, wie ein gejagt Vögelchen, welches endlich mit pochendem, müdem Herz sein Nest, seine Ruhestatt gefunden hat. –

Sie sind alle in Sachsenhagen, bis auf wenige damit einverstanden, daß ich das Ännchen heirate. Der Leutenant Wolfgang Bark und sein Bruder, der hinkende Schmied, Martin Bart, sind sogar ganz fröhlich darüber und behandeln mich bereits wie ihren Sohn.

Das Ännchen will durchaus nicht, daß man ihre etwaigen Verwandten mütterlicher Seite in den Zeitungen aufbiete; das Ännchen will des alten Legionärs Kind bleiben und nichts davon wissen, daß es Vettern und Basen des Namens von Maschke in der Welt geben könne. Um solch ein armes Kind wie sie – meint sie – würden die Verwandten, wenn es ihrer geben sollte, sich doch nicht ein Haar kümmern. Sie mag wohl recht haben, und so mag es denn dabei bleiben. Wir könnten ja nicht einmal beweisen, daß das Ännchen zu Sachsenhagen Anna von Rhoda sei, des Obersten von Rhoda rechtmäßiges Kind.

Ja, Ännchen ist ein armes, armes Kind; Gold küßt ihr Mund, Silber münzt ihre Hand, und wenn ich sie frage, ob sie mich lieb habe, so fallen Diamanten aus ihren Augen. Ist das nicht eine rechte klägliche Armut, Sever?

Ja, ein armes, armes Kind ist Ännchen, und bringt in ihrem Herzen mir das Himmelreich, wie die Engel es teilen möchten mit den sterblichen Menschen.

Lebe wohl und denke daran, was wir uns auf der Universität in unsere Stammbücher zu malen pflegten:

AMor vInCIT omnIA.

F. W.

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