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Nach dem großen Kriege

Wilhelm Raabe: Nach dem großen Kriege - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Raabe
titleNach dem großen Kriege
publisherGrote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunVierte Auflage
year1902
firstpub1861
correctorreuters@sabc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20130720
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Zehnter Brief.

Sachsenhagen, am 1. September 1816.

Ich halte wieder Schule, Sever, und sende Dir jetzt mein Tagebuch aus dem Walde mit diesem Briefe, welcher den Schluß enthält, den Schluß von alle dem, was tief im Walde sich erfüllen sollte.

Auf der gewohnten Bank in der Schmiede sitzt mit der kurzen Pfeife der Leutnant der Legion, Wolfgang Bart, neben ihm lehnt das bleiche Ännchen im schwarzen Trauerkleide. Lustig klingen nach gewohnter Weise die Hämmer des Meister Schmieds und des Braunschweigers. In den Gassen, in den Häusern von Sachsenhagen ist alles beim Alten. Auf dem Platze vor meinem Fenster treiben die Knaben ihre Spiele, und hell dringen ihre fröhlichen Stimmen zu mir herauf.

Meine Frau Rektorin hat heute ihre Kaffeegesellschaft; ich sehe die bekannten Damen – alt und jung – mit ihren Strickbeuteln über den Schulplatz trippeln; in den Kastanienbäumen zwitschern die Sperlinge; der Kollege Quartus tritt seinen Nachmittagsspaziergang an und geht auf die Jagd nach Käfern und Pflanzen. Er nickt und winkt mir zu, und ich nicke und winke wieder.

Das Alltagsleben geht seinen gewohnten Gang; aber in das Alltagsleben hinein blicken aus der duftigen herbstlichen Ferne die blauen Berge, und diese blauen Berge sind es, welche machen, daß ich noch immer in dem gewohnten Leben gleich einem Träumenden umgehe. Blicke ich von meinem Pult in meinem Schulzimmer jetzt zu ihnen hinüber, so ist es nicht bloß die gewohnte Sehnsucht des Menschen nach der schimmernden Ferne, welche mein Herz füllt. Ein tieferes Gefühl bewegt mich; halb Grauen, halb Entzücken.

Was habe ich in jenen Bergen durchlebt!

In den holdesten, süß-schmerzlichen Traum der Liebe drängt sich die ganze Not und Schmach des Vaterlandes. Meine Liebe habe ich geborgen in dem Gewühl; – es liegt ein Grab in den Bergen! Mein übervolles Herz möcht ich jauchzend der Sonne entgegenhalten; – es liegt ein Grab in den Bergen!

Ich will da wieder anfangen mit meinem Bericht, wo mein Tagebuch zu Ende geht.

Wir trugen den Herrn von Rhoda zum Trautenstein und legten ihn auf einem schnell bereiteten Lager nieder. Was an Hausmitteln vorhanden war, wurde angewandt, den Bewußtlosen wieder ins Leben zurückzurufen. Ein reitender Bote wurde sogleich an den nächsten Landphysikus abgesendet; doch konnte dieser erst am nächsten Morgen eintreffen. Durch keine Bitten konnte Anna von Rhoda vermocht werden, von dem Bette ihres Vaters zu weichen, mit ihr wachte ich die ganze Nacht durch neben dem Kranken.

O diese Nacht! Diese schreckliche, diese süße Nacht! Ich hatte die Hand des Ännchens genommen und sie ließ sie mir ohne Widerstreben. Sie lehnte den Kopf an meine Brust; und mein Arm schlang sich um ihren Leib. So saßen wir und horchten den schweren Atemzügen des unglücklichen Mannes.

In dieser Nacht haben wir uns einander im Geist verlobt für alle Zeiten. Kein Wort brauchte eins von uns beiden dabei zu sprechen.

In dieser Nacht ist das Ännchen meine Braut geworden; Sever! –

Gegen zwei Uhr regte sich der Kranke, stöhnte und öffnete die Augen. Mit mehr Kraft, als ich erwartet hätte, richtete er sich plötzlich in die Höhe und blickte um sich herum und blickte auf das Ännchen und mich.

Er hatte sein Bewußtsein vollständig wieder gefunden und fragte verständlich, wenn auch mit recht schwacher Stimme, wo er sich befinde.

Es war das erstemal, daß er sprach und, o, wie Anna von Rhoda beim Klange dieser matten Stimme zusammenfuhr! Sie hatte ja diese Stimme nicht wiedergehört, seit die Garde des Königs Joseph bei Talavera de la Reyna in die Schlachtlinie eingerückt war.

Unfähig zu reden, barg die Tochter das Gesicht in der Bettdecke des kranken Vaters, der seine Frage wiederholte.

Ich beantwortete sie und sagte ihm, daß er sich auf dem Trautenstein befinde. Da stieß er einen tiefen Seufzer aus und lag eine geraume Zeit still da, während Anna leise fortweinte.

Ich wußte nicht, was ich thun, was ich sagen sollte; die Hand des Vaters legte sich auf die Locken des Kindes, und ein fragender Blick flog zu mir herüber.

»Vater! Vater!« hauchte Anna von Rhoda; sie hob das bethränte Gesicht, – ein Strahl der Lampe fiel darauf.

Der Kranke starrte das Gesicht wie eine überirdische Erscheinung an, schloß die Augen, öffnete sie wieder. Von neuem richtete er sich empor –

»Vater! Vater!« klang das leise Wimmern Ännchens.

Sever, ich kann die Scene nicht schildern, die erfolgte, als der unglückliche Mann sein verlorenes Kind wieder erkannte. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Der Morgen brachte den Doktor, einen wackeren, in seiner Kunst erfahrenen Mann. Sein Ausspruch lautete dahin, daß der Kranke wohl noch einige Tage leben könne, daß aber keine Hoffnung vorhanden sei, ihn zu erhalten.

Und so ist es geschehen.

Der Hauptmann oder vielmehr Oberst von Rhoda ist tot, und sein Leib liegt begraben auf dem winzigen Kirchhofe des nächsten Walddorfes, Dornhagen genannt. Kein Denkstein wird die Ruhestätte seiner Asche schmücken, nur ein Holzkreuz bezeichnet sie, wie die Gräber der armen Bauern, bei denen er nach dem wilden Leben den ewigen Schlaf schläft.

Er verschied in den Armen seines Kindes, und der Leutnant Bart drückte ihm die Augen zu.

Die sämtliche Bewohnerschaft des Trautensteins bis auf die Magd Susanna Reußner war an seinem Sterbelager versammelt. Susanna aber hat man vor der Thür des Gemaches kniend und betend, doch thränenlos, gefunden; man weiß nicht, ob sie dem Toten verziehen hat!

Einen narbenvollen Leib brachten wir zu Grabe; die Narben und Wunden der Seele möge Gott heilen! –

Am letzten Lebenstage des Obersten schien es fast, als wolle der Tod seinem Opfer noch einmal eine Frist vergönnen. Der Kranke schien neue Kräfte zu gewinnen, seine Stimme wurde klangvoller, der Blick seines Auges belebter. Es war aber nur das letzte Aufflackern der Lampe vor dem Erlöschen, – vernahmen in diesen Stunden die Schicksale Ottos von Rhoda.

Was soll ich Dir darüber sagen, Sever. Was ist des Menschen Leben? in wie kurze Worte läßt es sich zusammenfassen! Wenn zwei Liebende vor dem Altare das kurze Ja! aussprechen, wie oft drängen sie Jahre, lange Jahre vergeblicher Hoffnungen, banger Sehnsucht, lange Jahre voll Zweifel und Schmerzen darin zusammen. Ein ganzes Verbrecherleben schließt oft der Richter ein in das Wort: Schuldig zum Tode. Ich kann mich kurz fassen in der Erzählung des Lebens Ottos von Rhoda, des französischen Obersten.

Er war der letzte Sprößling einer verarmten Familie, und wurde erzogen in einer der vier Kadettenanstalten seines Duodezvaterländchens, einer der deutschen Musterschulen, auf welchen die Schmach von Jena und das Geschlecht aufwuchs, welches die preußischen Festungen den Husarenpatrouillen Murats übergab. Otto von Rhoda wohnte der Jenaer Schlacht als Leutnant bei und trat darauf in die Dienste des Fürsten von Dessau, des vortrefflichen Herrn, welcher dem großen Kaiser Napoleon nachäffte, wie man früher dem großen König Ludwig dem Vierzehnten nachäffte. Das neuerrichtete Königreich Westfalen bot indessen dem Abenteuerergeiste Rhodas einen weiteren Spielraum für seine ehrgeizigen Pläne, die alle Gedanken an das Elend des Vaterlandes ausschlossen; – wann hatte der Hofadel unserer kleinen Fürstlinge im allgemeinen jemals eine Idee, die über das Hofmarschallamt und die Kammerkasse hinaus ging? Otto von Rhoda trat in die Chasseurs carabinières Jeromes als Leutnant und wurde bald für seine guten Dienste zum Kapitän befördert. Schon im Jahre 1796 hatte er sich mit einem Fräulein Helene von Maschke, einer sächsischen Dame, vermählt, welche im Jahre 1797 starb, nachdem sie ihm ein Töchterchen geboren hatte. Mit seiner Gemahlin hatte Otto von Rhoda seinen guten Genius verloren; – eine seiner Maitressen, ein gutherziges Ding, nahm sich des armen Kindes ihres Geliebten an und folgte ihm mit demselben, – Friede sei ihrer Asche, sie war eine Ballettänzerin am Hofe zu Wilhelmshöhe, und hieß Adelaide Lanterre. Sie muß ein wildes, tollköpfiges, aber, wie gesagt, gutherziges Geschöpf gewesen sein; was sie bewog, dem Heere Josephs von Madrid in die Schlacht bei Talavera zu folgen, ist dem Oberst ein Rätsel geblieben; höchst wahrscheinlich hat blinde Eifersucht sie dazu bewogen. Auf welche Art sie ihren Tod in dieser Schlacht gefunden hat, ist ebenfalls unbekannt geblieben.

Am 30. Mai 1809 hob der westfälische Hauptmann Otto von Rhoda auf dem Trautenstein den versprengten Schillschen Reiter Konrad Wolf auf, am 28. Juli desselben Jahres stand er tief in Spanien an der Alberche der deutschen Legion gegenüber. Wir kommen ja aus einer Zeit, Sever, wo die Völker und die Individuen durcheinander geschüttelt wurden, wie die bunten Steine in einem Kaleidoskop. Wir einzelnen winzigen Splitter haben dabei oft genug alle Geisteskraft zusammenzunehmen, um den Glauben nicht zu verlieren, daß wir in jedem Augenblicke einer wundervoll organisierten Konstruktion angehören; wir – Völker und Individuen – fühlen uns zu oft unbehaglich an unserer Stelle, welche uns die schüttelnde Hand gegeben hat.

Der Hauptmann von Rhoda hatte nach der Schlacht bei Talavera das Suchen nach seinem verlorenen Kinde bald aufgegeben; die eiserne Zeit und sein ungestümer Sinn ließen ihn nirgends auch nur für einen kurzen Augenblick zur Ruhe kommen. Der russische Feldzug brach aus; im Lager an der Czerniznia, von wo »man den Donner der französischen Kanonen bis in Asien hinein vernahm,« kommandierte Otto von Rhoda die äußersten Vorposten und trat mit ihnen zuletzt den Rückzug an. Er wurde auf diesem Rückzuge noch zum Oberst ernannt und focht lebensüberdrüssig, zerfallen mit der Welt und mit sich selbst, doch mit der gewohnten Tapferkeit in den großen Jahren gegen sein Vaterland. Er war ein Bettler nach der ersten Rückkehr der Bourbons; er kämpfte mit bei Waterloo und wurde auf Mont Saint Jean lebensgefährlich verwundet aufgehoben. Nach seiner Genesung lebte er einige Zeit zu Paris, und entschloß sich dann nach Deutschland heimzukehren, durch seine Gegenwart wo möglich ein kleines Gut zu retten, auf welches er Ansprüche zu haben glaubte. Dieses mißlang, sein früherer Landesherr, der nach dem Fall Napoleons seinen Thron wieder bestiegen hatte, hatte dieses Gut – ein Lehen – einziehen lassen. Krank und müde bestieg der Soldat des verbannten Kaisers von neuem sein Roß, um wieder nach Frankreich zu ziehen. Die deutsche Luft drückte ihn, er vermochte nicht, sie zu atmen.

So zog er denn durch das Gebirge; und erkundigte sich, als der Abend dämmerte, nach dem nächsten Ort, wo er übernachten könne.

Der Waldarbeiter, welchen er fragte, nannte ihm den Trautenstein, und in dem Augenblick war es dem Oberst, als greife ihm eine kalte Hand nach dem Herzen. Es wurde blutig dunkel vor seinen Augen; aber er hielt das nur für eine vorübergehende Schwäche, dankte dem Waldarbeiter und ritt weiter. Aber die kalte Hand kam wieder, und der Oberst wiederholte für sich das Wort: Trautenstein. Er erinnerte sich des Ortes wohl, aber nicht dessen, was ihm in diesem Augenblick so seltsam aufregte bei der Nennung dieses Namens; er wußte, daß ihm daselbst etwas begegnet sein mußte, aber auf keine Weise konnte er anfangs die Erinnerung daran wiedergewinnen. Vergeblich rieb er sich die Stirn; sein Gedächtnis kam ihm nicht zu Hilfe. In einem Leben, gleich dem seinigen, vergißt man mancherlei.

Und die Dämmerung nahm mehr und mehr zu; in immer tieferen Gedanken ritt der Oberst weiter: was war auf dem Trautenstein geschehen? was hatte er damit zu thun gehabt?

Plötzlich kam ihm die Erinnerung, und er schreckte zusammen, wie noch nie in seinem Leben. Er versuchte einen Pfiff darüber zu thun, aber es ging nicht; er versuchte durch das Summen eines leichtfertigen französischen Soldatenliedes darüber weg zu kommen; aber auch das mißlang. Zum Henker, was war das? Er hatte mehr Blut gesehen als das des armen Teufels, des Schillschen Husaren, welchen er auf dem Trautenstein gefangen genommen hatte. Was war ihm das? was sollte ihm das?

Aber aus allen blutigen Erinnerungen seines wilden Lebens stieg jetzt immer nur die eine, und diese eine immer von neuem in ihm auf. Er fühlte einen Frostschauer durch alle Glieder rieseln. Frisch lebendig stand die längst vergangene Nacht vor seiner Seele, die Nacht, in welcher er auf diesem selben Wege zum Trautenstein ritt; er wunderte sich, daß er nicht das Klirren der Waffen, das Stampfen der Rosse des Jägerpiketts, welches er damals führte, hinter sich hörte. Es kam wie eine Offenbarung über ihn, was für ein Leben er geführt habe; alle Selbsttäuschungen verschwanden in dieser Minute; der eiserne Mann, welcher das Feuer von hundert Schlachten ausgehalten hatte, dem so viele Feldzüge den Nacken nicht hatten beugen können, der eiserne Mann brach in dieser Minute zusammen

Verworfen im Vaterland!

Er griff in die Mähne seines Pferdes, so dunkel, wie es um ihn her war, so dunkel war es in seiner Seele. Er schwankte im Sattel und sank langsam zur Erde nieder. Das erschreckte Roß sprang fort von ihm, und er hörte es in den Wald hinein galoppieren. Aus der Ferne leuchteten die Lichter des Trautensteins.

Anfangs hatte der Liegende das vollkommene Bewußtsein seiner Lage. Er fühlte sich nicht krank, aber unfähig ein Glied seines Körpers zu regen. Allmählich ging dieser seltsame Zustand in einen Halbtraum über, während dessen sich der Wald mit den seltsamsten Phantasiegebilden füllte.

Männer in wunderlichen uralten Rüstungen zogen an ihm vorbei und nickten ihm zu und deuteten auf ihre Schilde, welche das Wappen von Rhoda trugen. Es kamen Reiter in goldgestickten, geschlitzten Gewändern und winkten ihm; es kam eine Reiterin in der Tracht des sechzehnten Jahrhunderts vorüber, die wandte aber das Gesicht ab; nun ritt auf falbem Roß ein finsterer Mann vorbei in der Kriegertracht des dreißigjährigen Krieges mit der schwedischen Feldbinde; hämisch grinste dieser ihm zu und lüftete den Federhut dabei und deutete in den Wald hinein, wo der »wüste Ort« lag. Ihm folgte auf schwarzem Roß ein Gesell im grünen vornehmen Jagdkleid des achtzehnten Jahrhunderts, der küßte gegen den letzten Herrn von Rhoda die Hand, – es kamen noch mehr Reiter, aber jetzt ging der Halbtraum allmählich in eine tiefe Ohnmacht über, nur ganz dumpf klang noch in diese hinein eine Frauenstimme, welche sang:

»Und sie ritten bergauf, und sie ritten thalein,
Die Nacht war so dunkel, kein Sternlein gab Licht;
Dem Hufschlag ich folgt' über scharfes Gestein,
Durch Dornen und Distel, und spürte es nicht.

Was Dornen und Distel und scharfes Gestein?
Was Nachtwind und Regen und höhnendes Wort?
Wohl schlug mir das Herze zu schlimmerer Pein,
Sie führten den Liebsten in Ketten mir fort.«

»Das ist das Weib, das uns mit Jammern folgte, als wir den gefangenen brigand fortführten!« sagte der Oberst, dann war alles Finsternis und leeres Nichts; und er erwachte erst wieder auf dem Trautenstein, wo seine Tochter und ich neben seinem Lager saßen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Wir begruben den Oberst an einem regnerischen Morgen.

Der Wagen, auf welchem der Sarg stand, sank oft tief genug auf den aufgeweichten Waldwegen ein; die Pferde hatten Mühe ihn fortzubringen. Der Nebel zog in zerrissenen Wolken und Wölkchen durch die Baumwipfel; alle Höhen und Berge waren vom grauen Duft verhangen. Nur der Leutnant Bart, der Vetter Kaltenborn und ich folgten der Leiche zu ihrer Ruhestatt. Unser Freund, der Köhler, holte uns erst halben Weges ein. Anna von Rhoda weinte, krank, in ihrem Bettchen auf dem Trautenstein. Auf dem Kirchhofe von Dornhagen erwartete uns der alte Pastor Klemm, derselbe, welcher im Betsaale des Trautensteins zu predigen hat. Wir senkten den Sarg in die Gruft, und jeder warf ihm die drei Schaufeln voll Erde nach. Wenige Worte und ein kurzes Gebet wurden über dem Hügel gesprochen. Als wir von diesem traurigen Thun heimkehrten, fanden wir das Ännchen bleich und fröstelnd in einem dunkeln Winkel, umgeben von den Trost zusprechenden Frauen des Trautensteins. In einer anderen Ecke saß Susanne Reußner und hatte das Haupt mit der Schürze verhüllt.

Als wir eintraten, sank Ännchen von Rhoda dem Leutnant an die Brust und schluchzte:

»O fort, fort von hier! bitte, laß mich fort, laß uns weg von hier, ich sterbe, wenn ich hier bleiben muß. Bitte, bitte, laß uns heim, gleich laß uns heim fahren!«

Wir hielten eine kurze Beratung, zu welcher auch der Pastor von Dornhagen kam. Das Ergebnis davon war, daß der Wille der armen Anna in Erfüllung ging. Schon am Nachmittag führte ein Wagen den Leutnant, das Ännchen und mich weg vom Trautenstein. Die ganze Einwohnerschaft versammelte sich, um uns abfahren zu sehen; nur Susanne Reußner befand sich nicht darunter. Die Weiber und Kinder weinten und rieben mit den Schürzenzipfeln die Augen; alle Männer reichten uns traurig die harten Hände.

Langsam setzte sich der uralte Kutschwagen in Bewegung und rumpelte fort über den Heerweg. Der Regen hatte aufgehört, aber der Nebel war dichter geworden. An der Stelle, wo wir den Oberst besinnungslos gefunden hatten, stand eine Gestalt, welche auf uns zu warten schien. Als sich der Wagen ihr näherte, winkte sie dem Fuhrmann, welcher seine Pferde anhielt. Es war Susanne Reußner, welche an den Schlag trat; sie reichte dem Ännchen einen Strauß von Waldblumen, ganz feucht vom Regen, und sagte:

»Fahre hin, Kind, und vergieb der armen Susanne, daß sie Dich nicht lieb haben kann. Gott möge sich unser aller erbarmen!«

Sie trat zurück und als der Wagen um die Walbecke bog, stand sie immer noch an derselben Stelle im grauen Nebel.

Wir übernachteten in einem ärmlichen Dorfe: wir fuhren ohne Aufenthalt am anderen Tage durch ***. Gegen Abend kamen wir in das Dorf Walkenheim; wo die unglückliche Frau an unseren Wagen trat und fragte:

»Habt Ihr meinen Karl nicht gesehen? Bringt Ihr mir keinen Brief aus dem kalten Rußland? Die ganze Nacht hat mir von einem Brief geträumt.«

Der alte Buschhorn war auch da und schüttelte mir und dem Leutnant die Hand.

Tief in der Nacht kamen wir in dem schlafenden Sachsenhagen an. Ein Uhr! rief der Nachtwächter auf dem Schulplatz, als ich in meiner Wohnung die Lampe wieder anzündete. Ich öffnete sogleich die Fenster, um die eingeschlossene dumpfe Luft zu vertreiben; es war mir unmöglich, ins Bett zu steigen. Wie lange Zeit wird es brauchen, bis sich alles in meiner Seele zurecht gelegt hat? Alles in mir ist verwirrendes Schwanken und Schweben, und nur ein Gedanke mag mir festen Halt geben – Anna von Rhoda, das Ännchen in der Schmiede liebt mich, wie es von mir geliebt wird. Wohl muß sie sich ausweinen; aber sie wird ganz dem Leben zurückgegeben werden, und an meinem Herzen wird sie Schutz finden, Schutz und Trost in allem Schmerz und Sorgen der Zukunft.

Sever, lieber alter Sever, mir gehört das Herz des Ännchens aus der Schmiede!

O, wie ist es doch gekommen, daß die lieblichste Krone des Erdenglücks mir, mir zugefallen ist. In Demut und unaussprechlicher Seligkeit beuge ich mein Haupt – durch wie schreckliche Zeiten voll Elend und Verderben, über wie viele blutige Schlachtfelder weg, sind der Fritz Wolkenjäger und das Ännchen von Rhoda zusammengeführt worden!

Dem großen Zeus sei Dank! Sei mir gegrüßt, Severus!

Fritz.

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