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Nach berühmten Mustern

Fritz Mauthner: Nach berühmten Mustern - Kapitel 9
Quellenangabe
typesketch
booktitleNach berühmten Mustern
authorFritz Mauthner
firstpub1878
yearca. 1890
publisherVerlag von W. Spemann
addressStuttgart
titleNach berühmten Mustern
pages1-93
created20040815
sendergerd.bouillon
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Gregor Samarow

Weil's dir baß Vergnügen macht,
Hab' ich dich in höh're Gesellschaft gebracht.

»Europäische Züge und Gegenzüge«

oder

»Eine Schale Melange.«

Historischer Roman von vorgestern.

Der Regierungsrath, unter einem slavischen Pseudonym über Land und Meer bekannt, saß einsam an einem Tischchen des Café Bauer unter den Linden in Berlin. Er wartete ungeduldig auf einen berühmten Menschen.

Hinter dem Büffet hatte seit dem früheren Morgen die Exkaiserin Eugenie in der kleidsamen Tracht einer Kassirerin Platz genommen. Mit zitternder Hand ordnete sie die Täßchen, in welchen je drei Stückchen Zucker lagen. Ihre herrlichen Augen blickten mit südlicher Gluth unter das Büffet, wo Prinz Louis Napoleon mit einem Sträußchen im Knopfloch einige moderne Sprachen studirte, wie sie namentlich in kleineren europäischen Staaten gesprochen werden. Vor ihm lag »der kleine Mezzofanti in der Westentasche« aufgeschlagen bei dem Kapitel: »Gespräche zwischen Brautleuten.«

Unruhig zwischen den Tischchen auf und ab eilte der Wiener Zahlkellner Schani, in dem der Regierungsrath ohne Mühe den Jesuitengeneral Pater Bekx erkannte. Seine Hochwürden hatte mehrere Monate in Wien mit den Vorbereitungen zu seiner schwierigen Rolle zugebracht; jetzt sprach er den Wiener Dialekt mit Meisterschaft und strich die Nickel und Pfennige ein, als wären sie alle Peters[pfennige].

Bekanntlich trauen die Jesuiten keinem Menschen, nicht einmal sich selber. So hatte die geheime Oberregierung des al Gesù ihrem offiziellen General einen Aufseher gesetzt in der Person des Kellners Edi, einem Geschöpfe der Jesuiten, der nicht dem General, sondern den ihm unbekannten Geheimen den Eid des Gehorsams geleistet hatte. Zur steten Bewachung dieses gefährlichen Menschen diente dem Papste selbst, der allen Grund hatte, dem mächtigen Orden nicht zu trauen, der Zeitungskellner Wenzel, von welchem wiederum der Kellnerjunge, der Gustel, ein Agent der Berliner Geheimpolizei war.

Der Regierungsrath, der Einzige, der gewitzt genug war, diese Fäden der europäischen Politik trotz aller Verkleidung zu erkennen, mußte oft still vor sich hin lächeln, wenn ein Gast den vermeintlichen Oberkellner rief und sofort Edi hinter Schani horchend herlief, während Wenzel sich an dem Tischchen des Gastes zu thun machte und Gustel nicht von dessen Seite wich. Diese vier Faktoren in ihrer staffelmäßigen Ueberwachung boten für den Kundigen ein erschreckendes Bild der politischen Weltlage.

Plötzlich öffnete der Portier die Glasthür des Etablissements und am Arm des Unbekannten schwebte die Prinzessin herein. Ein herrliches blondes Haar fiel u. s. w.

Der Unbekannte und die Prinzessin nahmen an einem Tischchen Platz, das dem Büffet so nahe stand, daß der Unbekannte mit der Exkaiserin Blicke des Einverständnisses austauschen konnte, während die feinen wohlgebildeten Ohren der Prinzessin eine unterirdische, aber sehr zarte Stimme vernahmen, welche in den kläglichsten Tönen die Worte: Je vous aime, I love you, ti amo, Milugi te, Σην αγαπω – auswendig zu lernen schien.

Der Regierungsrath rückte unruhig auf seinem Stühlchen hin und her. Alles stand auf dem Spiel. Denn soeben nahte aus einem rückwärts gelegenen Kabinete, in welchem er sich bisher verborgen gehalten hatte, der Feind Deutschlands, der Exdiktator Gambetta. Mit einer ironischen Verbeugung gegen die Exkaiserin schritt er am Büffet vorüber, doch nahm er mit republikanischer Freiheit an dem Tischchen des Unbekannten Platz. Schani hatte einige Stühle bei Seite schaffen lassen und den Einäugigen mit großer Schlauheit an diesen einzigen leeren Platz dirigirt.

Schon suchte der Regierungsrath nach einer diplomatischen Form für einen Fluch, da leuchtete plötzlich sein Auge auf. Draußen schritt vor dem breiten Glasfenster eine mächtige Gestalt vorüber. Der Regierungsrath erkannte sofort seinen Freund, den Reichskanzler.

»Pst!« rief er mit wichtiger Miene.

Fürst Bismarck folgte der Anforderung, trat ein, setzte sich zum Regierungsrath und ließ sich ein Glas Pilsener bringen.

»Mein Bier zu Hause schmeckt mir besser,«Historisch. sagte er nervös.

»Hast Du ein Stündchen für mich übrig?« fragte der Regierungsrath, indem er seine Rechte auf die Schulter des Fürsten legte.

»Sprechen Sie. Aber schnell, wenn ich bitten darf,« sagte der Fürst, während er sich ärgerlich den Waffenrock an der berührten Stelle abstäubte.

»Ich will Dir ein Mittel an die Hand geben, um Deutschland zu retten,« rief der Regierungsrath gutmüthig.

»Weshalb duzen Sie mich denn immer, während ich in der dritten Person zu Ihnen rede?« fragte Fürst Bismarck, indem er sein Tuch zur Nase führteHistorisch. S. Busch. I. S. 1–200..

»Weil Sie die zweite Person, ich aber nur die dritte Person in Deutschland bin.«

Der Fürst lächelte ingrimmig. »Reden Sie denn, wenn es nicht anders sein kann.«

Der Regierungsrath holte aus, als wollte er eine Rede von der Länge Bambergers halten. Der Fürst seufzte: »Valentin!« doch sagte er nichts.

»Durchlaucht!« begann der Regierungsrath, »Du bist ein intelligenter Mann und wirst den großen Blick des Regierungsraths bewundern. Schaue hinüber an jenes Tischchen und Du wirst über demselben eine drohende Gewitterwolke finden, die sich unheilschwanger über die Auen Deutschlands ausgießen wird. Du siehst die Exkaiserin, welche in kühner Verkleidung à Berlin gekommen ist, um ein Rendezvous zwischen ihrem Sohne und der Prinzessin zu ermöglichen. Denn der Unbekannte konnte die Reisekosten bis England nicht bestreiten. Wenn diese Verbindung zu Stande kommt, ist Deutschland am Rande des Abgrunds. Ich weiß es von Gustel, der es vom Wenzel erfahren hat, der es aus Edi herausgebracht hat, daß Seine Ehrwürden, der Herr General des Ordens Jesu, ein großes Gewicht auf diese Heirath legt. Mit Recht, Durchlaucht! Denn schon ist der französische Exdiktator in den Banden der holden Prinzessin und würde sich damit begnügen, unter Napoleon IV. Ministerpräsident zu sein. Was wäre aber das Programm dieser Regierung? Die Prinzessin hat eine Urgroßtante, welche mit dem Onkel des Schwagers der Königin von England verwandt ist: ein Bündniß der Westmächte. Der Unbekannte ist ein wilder Gegner der weltlichen Herrschaft des Papstes. Italiens Beitritt ist sicher. Die Prinzessin ist eine Feindin türkischer Ehebündnisse: Rußland wird von Deutschlands Flanke weg in das Lager unserer Widersacher gezogen. Du siehst, Durchlaucht, die europäischen Züge und Gegenzüge finden in diesem Augenblicke an jenem Tischchen statt und ich, der Regierungsrath, kann allein der Retter Deutschlands werden.«

Der Fürst blickte stumm auf sein Glas hinab. Dann stand er auf, richtete sich stramm empor und blickte mit verschränkten Armen auf die belebte Straße hinaus. »Sollte wirklich mein Glück ein Ende haben?« dachte er lautlos in seinem Innern. »Alles sollte umsonst gewesen sein, was ich für Deutschlands Macht und Größe und für den Ruhm Seiner Majestät, meines erhabenen Kaisers, gewirkt habe? Das wirst Du nicht wollen, o Du mein Gott!«Des Fürsten eigene Worte.

»Was rathen Sie mir?« fragte der Fürst nach einer schmerzlichen Pause den Regierungsrath.

»Wir retten unser Vaterland!« rief der Regierungsrath begeistert. »Der Unbekannte ist gegen die Verbindung der Prinzessin mit dem Prinzen Louis Napoleon. Es sind allein die Ränke Seiner Ehrwürden des Pater Bekx, die seine Geldverlegenheit benutzen, um ihn in die Macht der vermeintlichen Kassirerin zu liefern. Durchreiße diese Netze, Durchlaucht! Und wenn es uns gelungen ist, die Prinzessin und den Prinzen zu trennen, so werde ich ihr dafür einen Freier zuführen, dessen Vorfahren zu den größten Wohlthätern des deutschen Reiches gehört haben, indem sie für unsere Bedürfnisse einen Fond sammelten –« und der Regierungsrath flüsterte dem Fürsten seine weiteren Rathschläge in's Ohr.

Der Fürst lächelteHistorisch..

An dem Tischchen des Unbekannten nahte indessen die Katastrophe mit Riesenschritten.

»Schani, zo–ahlen!«Historisch. Um die Zeit, in welcher unsere wahrhafte Erzählung spielt, übten sich die Berliner im Wiener Dialekt, indem sie täglich einige Male nach dem »Zo–ahlkellner« riefen und das »oa« in unnachahmlicher Weise aussprachen. rief von einem Nachbartischchen ein unscheinbarer Herr. Es war eine Kreatur der Jesuiten.

»Zahlen? Bitte, gleich!« rief Schani und eilte, als ob er falsch geholt hätte, zu dem Unbekannten.

Dieser erbleichte.

»Befehlen zahlen, 'r Gnaden?« fragte Schani in unverschämtem Ton.

Der Unbekannte rang nach Fassung. Er versuchte es, den Zahlkellner durch einen festen Blick einzuschüchtern.

»Wir haben Alle zusammen nur eine Schale Melange. Die Kleinigkeit kann ja bleiben bis morgen. Ich habe kein Kleingeld bei mir.«

»Bitte, darf ich wechseln?« Und Schani rührte sich nicht.

»Quel bruit pour une omelette!« ergriff der Exdiktator das Wort. »Wenn Sie gestatten, so lege ich für Sie aus. Doch ha! ich habe meine Börse vergessen!«

»Euer Gnaden sind auch noch mit zwei kleinen Schwarzen und einem Knickebein im Rückstand,« murmelte Schani. »Ich selbst würde gern noch weiter kreditiren, aber die Frau Kassirerin hat erklärt, daß sie nur unter bestimmten Bedingungen geneigt ist, Ihnen noch weitere kleine Schwarze verabreichen und Sie überhaupt ungehindert ziehen zu lassen.«

Der Unbekannte erblaßte.

»Nennen Sie mir die Bedingungen!« rief er, indem er dabei die Prinzessin teilnehmend betrachtete. »Arme Kleine!«

»Nun denn!«

Schani's Augen leuchteten im Triumphe auf. Die Exkaiserin an dem Büffet schloß für einen Moment die Augen, um sie dann zürnend auf ihren Sohn zu richten, der über seinem Mezzofanti eingeschlafen war.

In diesem Augenblick trat der Fürst an den Tisch heran. Schani erbebte unter dem festen Auge des Reichskanzlers.

»Gestatten Sie, Herr Graf,« wandte sich der Fürst freundlich an den Unbekannten, »daß ich im Namen Deutschlands Ihre Angelegenheiten ordne. Deutschland ist jetzt in der Lage, sich seiner Freunde annehmen zu können,« fügte er mit scharfer Betonung gegen den Exdiktator hinzu.

»Mein Herr, ich danke Ihnen!« rief der Unbekannte, während die Prinzessin froh aufblickte.

Der Fürst bezahlte die Schale Melange. Hierauf forderte er den Unbekannten auf, mit ihm zu gehen.

»Halt, Euer Gnaden!« rief funkelnden Auges Schani. Kaum vermochte er noch im Geiste seiner Rolle zu verbleiben. So im letzten Augenblicke die Frucht langer Mühen zu verlieren, es war entsetzlich. Er mußte das Aeußerste versuchen!

»Halt! Der Herr Graf schuldet mir noch zwei kleine Schwarze und einen Knickebein!«

Seine Züge belebten sich. Die Exkaiserin hoffte wiederHistorisch.. Der Fürst blickte verstimmt und besorgt auf den Regierungsrath. Dieser aber flüsterte ihm zu: »Nur nicht kleinlich! Es gilt was Großes!«

Da griff der Fürst in seine Tasche und befriedigte den Zahlkellner, der mit wüthender Geberde die Mark einsteckte. Als er den Schani so ergrimmt sah, freute sich der Edi; darüber ergrimmte der Wenzel und darob jauchzte der Gustel.

Der Unbekannte erklärte dem noblen Fürsten, ihm von nun an folgen zu wollen, wohin es auch sei. Arm in Arm schritten sie dem Ausgang zu. Bevor sie aber das Café verließen, wandte sich der Fürst noch einmal zum Regierungsrath und sagte:

»Sie sind doch ein großer –«Historisch.

Das letzte Wort verschweigt der Erzähler aus Bescheidenheit.


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