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Nach berühmten Mustern

Fritz Mauthner: Nach berühmten Mustern - Kapitel 11
Quellenangabe
typesketch
booktitleNach berühmten Mustern
authorFritz Mauthner
firstpub1878
yearca. 1890
publisherVerlag von W. Spemann
addressStuttgart
titleNach berühmten Mustern
pages1-93
created20040815
sendergerd.bouillon
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Friedrich Spielhagen.

Deine Männer, Weiber, Kind,
Allesammt aus Platt-Land sind.

Faßt das Gewehr an!

Erstes Buch. Erstes Kapitel.

Edgar klingelte.

Mariechen, das reizende Kammermädchen der Frau Doktor Pieseke, öffnete und schaute ihm innig mit verhaltener Liebe in seine treuen blauen Augen. Durfte sie ihm sagen, was sie fühlte? Durfte sie hoffen, daß er, das Ideal aller Frauen, Mädchen, Wittwen und Gräfinnen, sich herablassen werde zu ihr, dem in Niedrigkeit geborenen Wesen, einer Magd? Durfte sie?

Und doch! Sie konnte sich nicht völlig beherrschen und beim Ausziehen des Ueberziehers faßte sie krampfhaft nach seiner Rechten und drückte sie an sich, als wollte sie sie versenken in ihr Herz, wo es am tiefsten war.

– »Herr Edgar, ich liebe Sie!« rief sie mit der Inbrunst eines kindlichen Gemüths und schluchzend sank sie an seine Brust. Das ewig Weibliche!

Edgar glaubte zu träumen. Er betrat zum ersten Mal die Wohnung des berühmten Arztes, um denselben wegen eines schweren körperlichen Gebrechens zu konsultiren, und war auf so einen Empfang nicht vorbereitet. Sollte er das artige Kind ohne Trost in die Nacht seines armseligen Daseins zurückstoßen? Mußte er ihm nicht als Erlöser erscheinen und ihm ein Plätzchen gönnen in seinem weiten, unendlich weiten Herzen? Edgar war Demokrat und liebte das Volk auch in der niedrigsten Gestalt, auch in der Gestalt einer dienenden Magd. Aber er war nur zur Hälfte Demokrat. Er trug auf der feinen, weißen Linken einen Handschuh 6¾, auf der derben, haarigen Rechten einen Handschuh 9⅞. Zwei Seelen, ach!

Halb unbewußt, in der Güte seines Herzens drückte er das Mädchen ein wenig an sich und brach ihr dabei einige Rippen. Dann betrat er den Salon, während Mariechen ihren Doppelschmerz verbiß und still daran ging, die Rübchen für das morgige Mittagessen zu schaben.

Im Salon traf Edgar Gesellschaft. Die beiden Nichten der Frau Doktor, Gisa und Riri, hatten am Sopha Platz genommen. Gisa wurde roth, Riri blaß, als sie den schönen Mann erblickten. Auch ein vernünftiger Mann war da, aber der schwieg und sagte nicht, was er vom Benehmen der Anwesenden hielt.

– »Edgar, Du Loser,« sagte Gisa, nachdem die üblichen Vorstellungsförmlichkeiten vorüber waren. »Auch ich bin noch unvermählt.«

Edgar lachte freudig auf, so daß zwei Reihen köstlicher Zähne zum Vorschein kamen. Gisa war schön, auch Riri entbehrte nicht der holden Reize, mit denen Mutter Natur ihre Lieblinge schmückt. Wo sollte das hinaus? War denn Liebe ein Verbrechen? Sollte er Türke werden und alle Beide heirathen? Auf seiner edlen Stirn wetterleuchtete es, während in seinem Gehirn sich die verschiedensten Gedanken kreuzten. Doch mußte er Gisa nicht eine Antwort geben? Was war doch der Gott der Glücklichen?

Edgar sprang mit geschlossenen Beinen über das elegante Sophatischchen, zerdrückte mit eherner Faust eine Bronzestatuette auf dem Kamin, erschlug mit dem abgeschnittenen Cigarrenende, das er durch das offene Fenster nach dem großen Haushund warf, den treuen Wächter des Hauses, und hob endlich mit einem leichten Ruck die Zimmerdecke um einen Fuß höher, als wollte er sagen, durch Nacht zum Licht. Was soll es bedeuten?

»Welch ein starker Mann,« rief Gisa mit zitternder Bewunderung, welche inzwischen sich mit Riri in eine Fensternische zurückgezogen hatte, das auf den Garten ging.

»Und ich kratze Dir die Augen aus, Gisa,« schrie Riri flüsternd ihrer Schwester in das fein geschwungene Ohr.

»Ich bin die Aeltere und werde es nicht zugeben, daß Du heirathest, bevor ich nicht einen kleinen Edgar auf meinen Knieen schaukle. – O, Edgar,« wandte sie sich heftig erregt an den jungen Recken, »mir allein bist Du nach den Darwinischen Gesetzen bestimmt, Du, der Geistvollste aller Männer, Du mein Alles, Du mein Distanzreiter.«

Edgar küßte die beiden jungen Damen, um keine von ihnen böse zu machen, gleichzeitig auf die Stirnen. Dann zog er aus seiner Westentasche einen niedlichen Revolver und schoß, ohne zu zielen, einer Fliege die große Zehe des linken Hinterfußes ab, die auf dem Ofen des Salons saß, der mit glühenden Kohlen gefüllt war.

Als Edgar sich, in tiefes Sinnen versunken, eben auf den Kopf stellen wollte, trat Mariechen ein und forderte ihn auf, ihr willig zu folgen. Das Blut schoß Edgarn zu den Schläfen. Wohin wird sie ihn führen?

Aber es war nicht an dem. Schon an der Schwelle des dritten Zimmers ließ Mariechen den Geliebten seufzend allein. War er allein? Auf dem schwellenden Divan des matt beleuchteten Zimmers, der mit rothem Sammet, seiner demokratischen Leibfarbe, überzogen war, lag im verlockendsten Frühanzuge Frau Doktor Pieseke. Sie drückte die Augen fest zu, um die Kühnheit nicht zu bemerken, die sie von ihm erwartete, und flötete mit ihren schwellenden Lippen: »Setzen Sie sich zu mir, lieber Edgar, ich will Ihre mütterliche Freundin sein. Oder schwesterliche? Oder sonst? Wollen Sie?« Und ohne seine Antwort abzuwarten, bedeckte sie ihm Augen und Ohrläppchen mit tausend Küssen.

– »Sie dürfen mich für kein verlorenes Geschöpf halten, Edgar,« sprach sie in den Pausen ihrer mütterlichen Ekstase. »Ich bin keine gemeine Französin – von Paul de Kock, durch dessen Lektüre ein deutsches Mädchen verdorben werden könnte. Nein, ich bin im Grunde meiner Seele ein braves deutsches Weib, das nur durch Schuld ihres Gatten so tief gesunken ist. Ich bin nicht gemein aus Gemeinheit, sondern aus Verzweiflung. Edgar, tröste mich!«

Edgar ging vor die Korridorthüre, um sich zu überzeugen, daß wirklich der Name des Doktor Pieseke auf der Messingtafel prangte. Nun erst vertrauend, daß er sich in einem anständigen Hause befand, kehrte er gesinnungstüchtig in das Schlafzimmer der Frau Doktor zurück. Auf dem Wege dahin steckte ihm noch die Köchin eine Knackwurst in die Tasche, die in ein zärtliches Briefchen eingewickelt war, und eine im Hause beschäftigte Nähterin wurde bei seinem Anblick ohnmächtig.

Als Edgar um Mitternacht das Haus des Doktors verließ, ohne ihn gesprochen zu haben, wälzte er träumerisch die vielen Frauennamen im Kopfe, die er heute wieder durch die Größe seines Geistes wie mit ehernen Banden an sein Dasein gefesselt hatte. Er war es schon gewohnt, daß alles Weibliche ihm zuflog und sich an seinem Lichte die Flügel versengte, wie die Motte an seiner Petroleumlampe. Es war unbegreiflich. Sogar die alte Portiersfrau erwachte aus ihrem unruhigen Schlummer beim Nahen seiner schweren Männertritte und streckte durch das Guckfenster verlangend die welke Hand nach ihm aus. Er gab ihr aber nichts Als er sich auf der Straße befand, öffnete er einen Brief von seinem Oheim, der merkwürdige Aufschlüsse über seine Vergangenheit enthielt. Edgar war mütterlicherseits adelig! Darum also die Feinheit seiner adeligen Linken, daher jenes unbeschreibliche Etwas, das ihm die Frauenwelt zu Füßen legte, daher der bestrickende Zauber seines Geistes, daher! Edgar war Demokrat, aber er wußte, daß wahre Noblesse nur beim Adel vorhanden sei. »Ohne Adel keine Noblesse,« dachte er geistreich in sich hinein.

Aber der Brief enthielt noch eine andere Nachricht. Dem Ochsen von den Gütern seines Urgroßvaters hatte vor kaum hundert Jahren die Lieblingskuh der damaligen Freiin von Hohenfels das Heu weggefressen. Edgar stöhnte auf, wie vom Dolch eines der im Berliner Thiergarten schleichenden italienischen Banditen getroffen. Er wollte es kaum Wort haben! Eine von Hohenfels war ja seine wahre, heißeste Flamme! Durfte er ihr als Demokrat seine Hand reichen? Und wenn, würde sie seine angebotene Hand annehmen, da doch nur seine Linke aristokratisch war? Und wenn, durfte er die von ihm angebotene und von ihr angenommene Hand ihr wirklich reichen, der Erbfeindin seines Geschlechts? Diese drei Fragezeichen brannten auf seinem Herzen und standen auf der Decke über seinem Bette geschrieben, als er sich schlaflos zur Ruhe legte, und verfolgten ihn in den Träumen und klapperten des Morgens mit den Regentropfen an die Fensterscheiben seines Zimmers, die vom grauen Himmel niederfielen. Mit drei Konflikten stand er auf, billiger that er's nicht.

Viertes Buch. Letztes Kapitel.

Taubstumm! – – –

Hoch gingen die Wogen des tollen Jahres 1848. Auf allen Straßen, in Wald und Flur und in den Kneipen war nur ein Gedanke lebendig, der Gedanke an das Ziel der demokratischen Partei. Männer und Frauen ohne Unterschied der Konfession betheiligten sich an politischen Kontroversen, nur ein Weib saß einsam auf dem alten Thurmzimmer des maurischen Schlosses in der Viktoriastraße und sann – und sann. War es möglich? Taubstumm! Der edelste seines Geschlechts, dem alle Frauen der Residenz die geistreichsten Worte von den Lippen und die kühnsten Thaten aus den Augen gelesen hatten, Edgar taubstumm! Bei der Aushebung hatten sie's entdeckt, die prosaischen Militärärzte, daß der schöne Edgar diesen Fehler hätte, und hatten ihn nicht zum Soldatendienste zugelassen. Waren denn alle Frauen blind gewesen? Edgar taubstumm! Das war das Ende.

Ja, das Ende! Es nahte heran mit Riesenschritten, denn das Unglück schreitet schnell. Auf dem Alexanderplatz stand Edgar hoch oben auf der Barrikade. Die alten Zweifel zogen ihn auf beiden Seiten herunter. Mit der haarigen Rechten winkte er den Bataillonen der düsteren Arbeiter, während er mit der feinen Linken die befreundeten Offiziere aus dem Heere des Königs grüßte. Da erscholl das Kommando: »Faßt das Gewehr an!« Das Ende! das Ende! In diesem Augenblicke flog Melitta eben in einem Luftballon über den Alexanderplatz und stürzte kopfüber ihrem leider so taubstummen Bräutigam entgegen, der sie mit seiner nervigen Rechten auffing, im Hause nebenan erfolgte eine Gasexplosion und schleuderte Gisa auf die Barrikade, die sich in jenem Hause eben zu Besuch befand, und zehn Schritte von seinem Standplatze entfernt erblickte er die Portiersfrau als Petroleuse, während die freigebige Köchin im Arbeiterheere Speisen umhertrug; in demselben Augenblicke schleppten die Demokraten zur Vervollständigung der Barrikade eine Droschke heran, in welcher, bleich vor Schrecken, Frau Doktor Pieseke saß; in demselben Augenblicke grüßte ein junger Husarenoffizier, in welchem Edgar die schöne Riri erkannte, während Mariechen die entstellende Arbeiterblouse dazu benutzte, um unter dem Scheine jugendlicher Schwärmerei ihren Geliebten umarmen zu können. Die Nähterin saß am Fuße der Barrikade und nähte Binden für die Verwundeten.

– »Feuer!« ertönte furchtbar das Kommando von beiden Seiten.

Die Wirkung war gräßlich. Keine Kugel ging vorbei. Die auf der Barrikade Stehenden waren von Kugeln völlig durchlöchert. Kein Mensch blieb am Leben, um erzählen zu können, was der Katastrophe vorhergegangen war.

Nachschrift.

Meine Leser wünschen einen anderen Ausgang? O diese Menschenliebe! Wie schätze ich meine Leser darum! Sie befehlen, ich gehorche. Man muß es allen recht zu machen suchen.

Der leicht verwundete Edgar wurde dem Taubstummen-Institut zur Pflege übergeben und geheilt. Er und Melitta wurden ein glückliches Paar. Als er nach kurzer Zeit die ersten Worte sprach, wunderten sich alle Damen der Residenz, daß sie ihn einst für einen geistreichen Mann gehalten hatten. So verlor Melitta ihre Nebenbuhlerinnen.


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