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Nach Amerika! Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: Nach Amerika! Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Gerstäcker
titleNach Amerika! Zweiter Band
publisherHermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung
illustratorTheodor Hosemann
year1855
correctorreuters@abc.de
created20080710
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Capitel 7.

Leben an Bord.

Vierzehn Tage waren nach dem, im vorigen Capitel beschriebenen Sturm verflossen, und nichts Besonderes in der Zeit an Bord der Haidschnucke vorgefallen. Der Wind blieb ihnen aber, wenn auch nicht besonders stark, doch ziemlich günstig, daß sie wenigstens fortwährend Cours anliegen oder steuern konnten,Es läßt sich denken, daß auf See nicht immer ein günstiger Wind weht, den Schiffer gerade dahin zu treiben, wohin er eben will. Wenn die Schiffe also nicht ihren gewünschten Cours steuern, oder (auf dem Compaß) »anliegen« können, so müssen sie eben laviren; oder gegen den Wind aufkreuzen. Dies ist aber nur durch die verschiedene Stellung der Segel möglich und der Raaen, an denen die Segel festsitzen können deshalb nach den verschiedenen Seiten hin angeholt (gebraßt) werden. Das Princip des Segelns, unter diesen Verhältnissen, ist ungefähr das der schräggestellten Windmühlenflügel; die Windmühle steht aber fest, und das Schiff würde durch einen Seitenwind zu viel abgetrieben werden (Abdrift machen) wenn es eben nicht so tief im Wasser ginge, und der scharfe Kiel so stark wiederhielte. Das Steuer hilft dabei ebenfalls mit, das Schiff trotz ungünstigem Winde gegen diesen anzuhalten, und den Segeln Gelegenheit zu geben es vorwärts zu treiben, was selbst geschehen kann, wenn der Wind nicht einmal mehr blos von der Seite, sondern sogar mehr von vorn kommt. Der Compaß ist in 32 Striche getheilt, und es wird angenommen daß ein mit Querraaen versehenes Schiff mit sechs; Strichen in den Wind liegen kann d. h. wenn der Wind z. B. von Norden weht, im Stande ist nach West-Nord-West oder nach Ost-Nord-Ost zu liegen. Das, bald nach der einen bald nach der anderen Richtung hinüberhalten nennt man eben laviren oder aufkreuzen; das Schiff gewinnt dabei jedesmal etwas in seinem Fortgang nach Norden, und was es über den einen Bug zu viel nach Osten hinüberkommt, macht es, wenn es über den anderen Bug nach Westen liegt, wieder gut. Es ist klar daß ein Schiff, je dichter es im Stande ist am Wind zu liegen, auch desto leichter und erfolgreicher laviren und sich zu luv- oder windwärts hinaufarbeiten wird.

Das Wenden des Schiffes geschieht dadurch, daß man die, z. B. erst zu Backbord scharf angebraßten Segel löst, und nach Starbord oder auf die andere Seite hinüberbraßt, oder anzieht – und umgekehrt. Mit dem Steuer wird dann nachgeholfen, und die Segel, welche den Wind erst von der einen Seite faßten, fassen ihn nun von der anderen.
und bei dem herrlichen und schönsten Wetter den ruhigen Passat benutzen durften. In jenen Breiten weht die Luft so gleichmäßig, daß sogar eine Veränderung an den Segeln nur selten nöthig war, und die Passagiere, die auch wohl sahen daß sie tüchtig dabei vorwärts rückten, fingen schon an ungeduldig zu werden, frugen unaufhörlich die Steuerleute und Matrosen wann sie wohl »nach Amerika« kommen würden, und kramten den ganzen ausgeschlagenen Tag in ihren Kisten und Kasten herum ihre »Uferkleider« wieder vorzusuchen, Stiefeln und Schuhwerk von Schimmel zu reinigen, Wäsche auszuwaschen, und Tuchröcke und Hosen an die Luft zu hängen und auszusonnen.

Eine eigenthümliche Veränderung war aber doch mit manchem der Passagiere, während der langen Seereise, vorgegangen. Besonders die Männer, die sich im Anfang noch, als ihnen das Schiffsleben fremd und ungewohnt vorkam, wenigstens sauber und reinlich gehalten, und regelmäßig ihre gewöhnliche Kleidung angelegt hatten, als ob sie an Land gehen wollten, fingen an nachlässig zu werden, und ließen ihrer Bequemlichkeit in dem Schmutz des Zwischendecks den Zügel schießen. Diesen voran waren Steinert, und selbst Mehlmeier, die schon lange ihre Tuchkleider in die Kisten gepackt, und nur noch in den ersten Wochen angefangen hatten zwei und drei Hemden wöchentlich auszuwaschen. Das machte ihnen aber bald auch zu viel Müh'; wozu sich vor den Anderen geniren? – mit der Cajüte, so oft sie das auch versucht, kamen sie doch in keine Berührung, denn das nicht unbegründete Gerücht daß sich Ungeziefer im Zwischendeck gezeigt, hielt jetzt selbst Herrn von Hopfgarten ab sich noch zwischen die Leute zu mischen, und für ihre gewöhnliche und alltägliche Gesellschaft waren sie auch so gut und reinlich genug. In zertretenen Pantoffeln und abgerissenen Staubhemden und Hosen, Steinert ein rothgesticktes sehr schmutziges Sammetkäppchen, Mehlmeier eine einfachere aber nicht reinlichere östreichische Mütze auf (wobei der vergoldete Knopf vorn, wie der gelbe Streifen darum ihm das Ansehn eines heruntergekommenen Beamten gaben) trieben sie sich den Tag über an Deck herum, und warfen sich den Abend meist unausgezogen auf ihr Lager. Steinert trank dabei; aber der Wein, den er sowohl wie Mehlmeier zu ihrer Stärkung unterwegs mitgenommen, war lange verbraucht, und der Weinreisende sah sich genöthigt seiner durstigen Kehle den leichter zu bekommenden aber auch gefährlicheren Branntwein zu gönnen. Er betrank sich allerdings nicht, aber er wurde sehr lustig und laut, und Mehlmeier, der ihm gerade nicht regelmäßig, aber doch sehr häufig Gesellschaft dabei leistete, setzte sich dann zu ihm und sang mit ihm, bis sie gewöhnlich Abends von dem wachthabenden Steuermann zur Ruhe verwiesen wurden, weil die zur Coye gegangenen Matrosen nicht schlafen konnten.

Noch immer der Alte war und blieb Zachäus Maulbeere, der Exprediger des Zwischendecks, der aber nichtsdestoweniger, und trotzdem daß es ihm an Deck verboten worden, im unteren Raum noch mehrmals Reden, und zwar meist in der angefangenen Art gehalten, und immer eine bereitwillige Schaar Zuhörer gefunden hatte. Die Bessergesinnten wollten es freilich auch unten nicht dulden, und der fromme Weber meinte der damalige Sturm sei unmittelbar der Gotteslästerung gefolgt, ja ihr ganzes Schiff würde noch dem Zorn des Allmächtigen verfallen, wenn sie den schlechten Menschen seine nichtsnutzigen und teuflischen Reden unter sich halten ließen, die Mehrzahl war aber gegen ihn, und die Steuerleute mochten sich nicht in das mischen was unter Deck vorging, so lange es nicht das Schiff selber betraf und schädigte. Uebrigens trug er noch – und kein Mensch an Bord hatte ihn je ohne den gesehn – denselben verblichenen grünen Oberrock mit den glatt und glänzend gescheuerten Schultern, den er an dem Morgen getragen, als er den Weserkahn zuerst betrat. Selbst Nachts that er ihn nicht von sich, und anstatt sich überhaupt vor Schlafengehn, wie man es im gewöhnlichen Leben doch eigentlich thut, zu entkleiden, zog er im Gegentheil zu dieser Zeit noch einen alten einmal blau gewesenen Mantel mit drei oder vier Kragen, über; seinen Rock, brachte die Kragen dann durch einen plötzlichen Ruck nach oben unter den Kopf, schob sich mit einem der nägelbeschlagenen Schuhe, die er ebenfalls nie von den Füßen that, die wollene Decke zur Hand, zog sie bis an sein Kinn, und war dann meistens schon nach wenigen Minuten fest und schnarchfähig eingeschlafen. Die Wäsche hatte ihn dabei noch Niemand an Bord wechseln sehen, und war es, so mußte es heimlich in der Nacht geschehen sein, wie eine Sache wegen der man sich zu schämen hätte. Den Rock trug er übrigens seit den letzten 14 Tagen bis oben an den Hals hinauf zugeknöpft, oder vielmehr mit Bindfaden zugebunden, da der oberste Knopf der ununterbrochenen anstrengenden Beschäftigung erlegen war. Nicht einmal die gesprenkelte Weste kam mehr zu Tage.

Die einzige Person auf dem ganzen Schiff, mit der Maulbeere je verkehrte und sich manchmal unterhielt – wenn das Gespräch der Beiden überhaupt eine Unterhaltung genannt werden konnte, – war der Mann mit den kurzgeschnittenen Haaren, der sich selber Meier genannt, seine Frisur aber keineswegs beibehalten, sondern der Natur, seit er auf dem Schiffe war, völlige Freiheit gelassen hatte, ihm Kopf, Kinn und Oberlippe wieder nach Herzenslust mit schwarzen struppigen dichten Haaren zu überziehen. Er sah auch äußerlich dadurch ganz anders aus, als wie er vor so viel Wochen das Schiff betreten hatte, in seinem Betragen änderte das aber Nichts, und fest und verschlossen gegen Alle, blieb der eben so schweigsame Scheerenschleifer wirklich der Einzige an Bord, den er für würdig hielt manchmal eine oder die andere seiner Bemerkungen hingeworfen zu bekommen, wonach es diesem dann vollkommen frei stand, irgend etwas darauf zu erwiedern oder nicht. Seine Frau, eine schlanke, nicht unschöne aber etwas abgelebte Gestalt, schien am allermeisten von sämmtlichen Passagieren des ganzen Schiffes an der Seekrankheit gelitten zu haben, die sie wirklich nur in den windstillen Tagen gänzlich verlassen hatte. In der übrigen Zeit lag sie in ihrer Coye fest eingehüllt und zugedeckt, fröstelnd und gegen den unerbittlichen Feind ankämpfend, und ließ sich fast nur in der Dämmerung auf Deck sehn. In der Zeit ging sie etwa eine Stunde oben zwischen dem Haupt- und Fockmast ganz allein auf und ab, und sprach und verkehrte mit Niemandem. Nur mit den Kindern gab sie sich gern und viel ab, redete sie freundlich an, gab ihnen Zucker und Zwieback, und nahm wohl auch eins der kleineren, wenn sie es sich gefallen ließen, auf den Schooß, und hätschelte und küßte es dann, und wollte es fast nicht wieder aus den Armen lassen. Aber die Kinder fürchteten sich, sonderbarer Weise vor ihr, und nur selten, höchst selten konnte ein oder das andere einmal bewogen werden die Liebkosungen der fremden Frau standhaft zu ertragen. War es aber wirklich geschehn und hatten sie ihren Zwieback oder Zucker bekommen, dann schossen die kleinen Dinger auch gewiß so rasch sie konnten zu den Eltern zurück, drückten sich in deren Nähe, und es war fast als ob sie nun dort das unheimliche Gefühl erst abschütteln müßten, das ihnen bis jetzt die Kindesbrust beengt.

Am besten jedenfalls von allen Zwischendeckspassagieren hatte sich bis jetzt die Weberfamilie in das Schiffsleben hineingefunden. Er wie sie waren auch nicht einen Augenblick müßig an Bord, so lange die Sonne schien, und während die Frau für die Cajütspassagiere wusch und nähte, und besonders von Lobensteins eine Menge Arbeit bekam, die sie mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit ausführte, dann nebenbei auch noch ihre Kinder beaufsichtigte und, ein Muster den Uebrigen, sauber und reinlich hielt, half er dem Koch in der Küche das Geschirr auswaschen und scheuern, und wenn das beendet war, dem Zimmermann an Bord die verschiedenen nöthigen Arbeiten verrichten. Besonders eifrig zeigte er sich bei dem letzteren, die verschiedenen kleinen Handgriffe seines Geschäfts zu erlernen, und mit gutem Willen, von dem Zimmermann selber gern dabei unterstützt, gelang ihm das auch bald fast über Erwarten.

Wenig oder gar nicht mit seinen Mitpassagieren verkehrte der junge Donner, der still und abgeschlossen sich die meiste Zeit mit Lesen beschäftigte, oder auch wohl hinauf in die Marsen stieg, und Stunden lang hinaussah auf das weite wogende Meer. Nichtsdestoweniger war er von Allen gern gelitten, und wie Einzelne der Passagiere nach und nach erkrankten zeigte er sich vielen auch als wahrer Freund, verabreichte ihnen kleine Mittel und stellte sie wieder her. Das wurde dabei um so dankbarer angenommen, als es sich gar bald herausstellte daß der eigentliche »Doktor« an Bord wenig mehr von seinem Geschäft verstand als eben Aderlassen und Schröpfen, und die Zwischendeckspassagiere nannten ihn schon gar nicht mehr anders als den »Blutegel«. Der Frau des Tischlermeister Leupold hatte sich Donner ganz besonders freundlich angenommen, ohne freilich ihren Zustand wesentlich verbessern zu können. Der Fall an dem Tag, mit den Schrecken der Nacht, hatte gleich bös auf ihr Gehirn wie ihre Nerven gewirkt, und wenn ihr Leiden auch nicht gerade wieder in Tobsucht, wie an jenem furchtbaren Abend, ausbrach, lag sie doch jetzt in theilnahmloser Stumpfsinnigkeit, ohne sich um Mutter oder Gatten zu kümmern oder auch nur nach ihnen zu fragen, auf ihrem Lager, und hielt Stunden lang die Hände fest gegen die fiebrische Stirn gepreßt. Leupolds Mutter, so wie sich diese nur in etwas von dem erneuten Anfall der Seekrankheit erholt, und Hedwig, die sich jeden Augenblick Zeit abstahl bei der Kranken zu sein, pflegten sie unermüdlich, und thaten Alles was in ihren Kräften stand, ihren Zustand zu erleichtern, aber auch das war nur sehr wenig, und dieser selbst von dem jungen Donner – denn Hückler hatte ihn lange aufgegeben – für hoffnungslos erklärt. Uebrigens bekam sie, auf Georg Donners ernstliche Vorstellungen an den Capitain, der im Anfang nicht darauf eingehen wollte, ihre Kost jetzt einzig und allein aus der Cajüte. Lieber Gott, es war wenig genug was sie davon genießen konnte.

Leupold selber hatte bis jetzt das Unglück das ihn betroffen mit großer Standhaftigkeit ertragen, und war nicht von dem Lager der Kranken gewichen Tag und Nacht; hatte er ja doch noch immer eine Hoffnung, daß sich sein Weib erholen könne, und ihm erhalten bliebe. Als aber auch diese ihn zuletzt verließ, und sich ihm die Gewißheit des unersetzlichen Verlustes endlich aufzwang, da brach die Kraft des starken, besonnenen Mannes auch zusammen, und er weinte wie ein Kind. Vergebens blieben alle Tröstungen der übrigen Passagiere, die, mit wenigen Ausnahmen, innigen Antheil an seinem Schmerze nahmen; was er sich selber vorzuwerfen hatte, oder zu haben glaubte, fühlte er auch allein und am schärfsten, und vermochte dem über ihn hereingebrochenen Unglück nicht die Stirn zu bieten. Laut klagte er sich jetzt selber an, leichtsinnig und thöricht sein Glück in der Heimath von sich geworfen und mit Füßen getreten, ja durch; seinen Leichtsinn die eigene Frau die ihm nur mit Widerstreben gefolgt, getödtet zu haben, und saß dann wieder halbe Tage lang dumpf vor sich hinbrütend an Deck, den Kopf auf die Reiling gelehnt, und aß und trank nicht, antwortete nicht wenn man ihn fragte, und schaute stier und unverwandt in's Meer.

Am glücklichsten von allen Zwischendeckspassagieren schien der junge Dichter und »Schriftgelehrte« Theobald – wie ihn Steinert nannte – die Zeit an Bord zu verleben. Seinem eigenen Ausdruck nach flog er wirklich wie eine Biene von Blume zu Blume Honig einzusammeln, d. h. er machte sich nach der Reihe an alle verschiedene Mitpassagiere, die im Bereiche seines Armes waren, und suchte ihre Lebensverhältnisse und Schicksale zu erfahren, die er sich dann unverweilt in sein Taschenbuch unter verschiedene Rubriken eintrug und im Stillen zugleich bestimmte, was davon zu Prosa, was zu poetischen Ergüssen benutzt werden sollte. Manche fand er nun allerdings höchst bereitwillig ihm alles das zu erzählen was sie von sich eben wußten, bei denen lohnte es sich dann aber auch selten der Mühe, denn sie hatten gewöhnlich nur Alltägliches mitzutheilen, und Theobald bekam von ihnen nicht einmal Wachs;. Die aber, die wirklich etwas des Erzählens Werthes erlebt, rückten nie gern mit der Sprache heraus, ja die interessantesten Persönlichkeiten an Bord, unter ihnen Maulbeere, Meier und zwei der letztgekommenen Passagiere wiesen ihn sogar schnöde und grob genug ab, und sagten ihm, mit noch einigen anderen, schwer wieder zu gebenden Bekräftigungen, er solle sich zum Teufel scheeren und andere ehrliche Leute mit seinen langweiligen und naseweisen Fragen in Ruhe lassen.

Maulbeere besonders, der ihm die frühere Charakteristik noch nicht vergessen und ihn außerdem im Verdacht hatte daß er ihn zeichnen wolle (etwas Schlimmeres hätte Maulbeere gar nicht passiren können) fertigte ihn am gröbsten ab. Sobald deshalb Theobald, oft nur zufällig ihm gegenüber Platz und sein unausweichliches Buch zur Hand nahm, veränderte er stets die Stellung, drehte den Kopf von ihm fort und ihm den Rücken zu, und schnitt ihm dabei von Zeit zu Zeit über die Schulter hin die grimmigsten Gesichter. Er brachte es auch in der That zuletzt dahin daß ihm Theobald wie einen bösgemachten Kettenhund, aus dem Wege ging, und jede weitere Annäherung an ihn, als total erfolglos, aufgeben mußte.

Humoristischer faßte der älteste von den drei geheimnißvollen Passagieren die Sache auf, denn dieser kam einer Annäherung Theobalds, von der er bald den wahren Grund vermuthete, auf halbem Wege entgegen, ließ sich mit ihm, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, in ein wirklich vertrauliches Gespräch ein, und willfahrte auch zuletzt sogar dessen Wunsch, ihm einige Daten aus seiner eigenen Lebensgeschichte mitzutheilen. Theobald vertraute ihm dabei, wahrscheinlich um sein; Vertrauen zu erwecken, daß er an einer Biographie berühmter Charaktere arbeite, und, natürlich unter strenger Verschweigung des Namens, wirklich erlebte Scenen interessanter Persönlichkeiten zu sammeln suche. Der Alte sträubte sich, nach dieser offenen Erklärung, allerdings ein wenig, aber Theobalds Ueberredungskunst wußte seine letzten Zweifel und Bedenklichkeiten endlich zu beseitigen, und er begann jetzt dem staunenden Dichter eine Kette von Schicksalen zu erzählen, deren erster Beginn schon diesen mit Staunen und Bewunderung erfüllte, und ihm ganze Schätze von Material für spätere Arbeiten versprach.

Der Mann war, seiner eigenen Aussage nach, der natürliche Sohn eines Fürsten, dessen Namen zu geben er sich hartnäckig weigerte, in seiner Jugend ganz wie Caspar Hauser auf einer wüsten Insel in der Nordsee erzogen worden, und dann später nach Afrika geschafft, dort wahrscheinlich dem, Europäern so verderblichen Klima zu erliegen. Seine gute Natur hatte ihn aber nicht allein gesund und am Leben gehalten, sondern seine persönliche Tapferkeit wie die mitgebrachten Feuerwaffen, ihn auch bald dem König des dortigen Reiches so unentbehrlich gemacht, daß er die Hand dessen einziger Tochter mit der Bestätigung erhielt, einstens, nach dem Ableben des alten Fürsten die Regierung zu übernehmen, als eine Palastrevolution seiner Heirath wie seinen glücklichen Aussichten ein rasches und grausames Ende machte. Der alte Fürst wurde von einem nahen Verwandten, ermordet, und während dieser die Prinzessin selber heirathete nähte man den Fremden, den man beschuldigte durch schändliche Zaubermittel das Vertrauen des alten wackeren Königs erschlichen zu haben, in einen gewöhnlichen Kaffeesack, und warf ihn in's Meer. Wunderbarer Weise lag dort gerade ein europäisches Schiff vor Anker, das aus Furcht mit in die politischen Wirren verwickelt zu werden, seinen Anker lichtete, und mit diesem zu gleicher Zeit den unglücklich Gerichteten, eben noch am Leben, heraufzog. Er blieb jetzt eine Zeit lang an Bord des englischen Schiffs, das bestimmt war den Sklavenhandel an der afrikanischen Küste zu überwachen, bis dieses mehre reiche brasilianische Prisen genommen hatte und nach Hause zurückkehrte.

Unverhofft und wohl auch unerwünscht wurde sein Wiedererscheinen in Europa von seinem unnatürlichen Vater begrüßt, der aber doch jetzt nicht umhin konnte für den Sohn zu sorgen. Er verschaffte ihm also eine Stelle an der Bärenburger Staats-Eisenbahn, wo er ein sehr ruhiges und zufriedenes Leben hätte führen können, wenn sich nicht eine junge russische Gräfin auf der Durchreise in ihn verliebt, und ihn zu dem thörichten Schritt verleitet hätte sie zu entführen, oder sich vielmehr von ihr entführen zu lassen. Der Telegraph war schneller als ein genommener Extrazug, sie wurden eingeholt, die Gräfin kam, allem Vermuthen nach in ein sibirisches Kloster, und er selber auf die Festung nach Torgau wo er drei Jahre lang in Einzelhaft schmachtete. Seine Drohung endlich, wichtige Familiengeheimnisse eines deutschen Königshauses zu verrathen, verschaffte ihm die Freiheit wieder, und er ging jetzt als geheimer östreichischer Consul nach den Vereinigten Staaten dort – doch er durfte nicht indiscret sein, und wollte von seinen Instructionen Nichts verrathen.

Theobald war dem Beginn der Erzählung in freudiger, man könnte fast sagen gieriger Aufregung gefolgt; je weiter sich der Bursche aber in seine romantische Schilderung verlor, desto stutziger wurde er, hörte auch auf, sich die einzelnen Daten zu notiren, und betrachtete den Erzähler mit einem allerdings noch immer aufmerksamen, doch etwas mißtrauisch gewordenen Blick, der offenem Mißmuth Raum gab, als Jener ihm auch noch den östreichischen Consul aufbinden wollte.

»Lieber Freund« sagte er dabei, während er von dem Wasserfaß auf dem er gesessen, aufstand, und sein kleines Notizbuch in die Tasche zurückschob – »Sie glauben vielleicht daß Sie sich einen Spaß mit mir erlauben können –«

Furchtbares Gelächter unterbrach ihn aber in jeder weiteren Protestation, denn oben in der, mitten auf Deck aufgestellten Berkasse, hatten von ihm ganz unbemerkt die beiden Kameraden des Burschen gelegen, und der ganzen Erzählung mit unbeschreiblichem Behagen zugehört, dem sie erst jetzt Luft machten, als sie merkten daß der »Langhaarige« wie er auf dem Schiffe hieß, doch nicht länger anbeißen wollte.

»Hahahaha!« schrie dabei der Jüngste – »ob er sich nicht Alles dabei aufgeschrieben hat wie ein Polizeispion –«

»Daß ich ein afrikanischer Prinz wäre hat er geglaubt« lachte nun auch der Alte – »aber der östreichische Consul blieb ihm in der Kehle stecken.«

Theobald war entrüstet, und eben im Begriff dem profanen Menschen in voller Verachtung zu erwiedern, besann sich aber noch eines Besseren, drehte sich scharf auf dem Absatz herum, und verließ mit einem durchbohrenden Blick auf die Gruppe, der von einem lauten Hurrah der Uebrigen erwiedert wurde, rasch den Platz.

»Guten Morgen Herr Theobald« sagte in diesem Augenblick Meier der jedenfalls auch ein heimlicher Zeuge der Scene gewesen sein mußte, zu dem entrüsteten Dichter, dem er auf dem anderen Gangweg begegnete – »wünschten Sie nicht vielleicht jetzt auch meine; Lebensgeschichte in Ihr kleines grünes Büchelchen zu notiren? – ich stünde Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.«

»Gehn Sie zum Teufel!« rief aber Theobald, der den in dem Anerbieten enthaltenen Hohn nicht mißverstehen konnte, in voller Entrüstung, und warf beinah den Waschtrog über den Haufen, an dem des Webers Frau beschäftigt war, nur um dem fatalen Menschen so rasch als möglich aus dem Weg zu kommen. Meier blieb aber stehn, sah ihm erst lächelnd eine Weile nach, und dann sich zu dem Weber wendend, der unsern davon an des Zimmermanns Hobelbank stand und arbeitete sagte er, während er mit dem Daumen seiner rechten Hand über die Achsel hinter dem Fortstürmenden her deutete:

»Ein liebenswürdiger junger Mann das, Kamerad; den müssen wir uns zum Freunde halten, oder er streicht uns rabenschwarz an, wenn er einmal in Amerika unsere Reise beschreibt,« und sich vor heimlichem Lachen ordentlich schüttelnd, ohne daß jedoch sein Gesicht einen freundlicheren Ausdruck dadurch bekommen hätte, stieg er durch die hintere Luke in's Zwischendeck hinab.

Der Weber sah ihn an während er sprach, und hobelte dann eine Zeit lang ruhig weiter; endlich aber, als ob er mit seinen Gedanken doch nicht recht einig werden könne, legte er den Hobel hin, ging die paar Schritte zu seiner Frau hinüber und sagte, sich das Kinn mit der linken Hand streichend, und nachdenklich in die Luke hinab hinter dem Manne herschauend:

»Wenn ich nur wüßte wo ich das Gesicht von dem da schon früher einmal gesehen habe – vorgekommen ist mir's schon, darauf wollt' ich das heilige Abendmahl nehmen, und jetzt zerbrech ich mir schon seit drei Tagen den Kopf wo ich ihn hinthun soll.«

»Wen? – den finsteren schwarzen Burschen, der sich jetzt den großen schwarzen Bart stehn läßt seit er auf dem Schiff ist?« sagte die Frau, ebenfalls in ihrer Arbeit ruhend – »das ist ein mürrischer Gesell, und je weniger man mit ihm zu thun hat, desto besser.«

»Vater« sagte da Hans, des Webers ältester Junge, der für die Mutter die Wäsche ausgewrungen und in einen trockenen Kübel gelegt hatte – »der hat beinah so ein Gesicht wie der Fleischer, der an dem Tage bei uns war als es so furchtbar stürmte und regnete.«

»Gott sei mir gnädig ob der Junge nicht recht hat!« schrie die Mutter da, und ließ vor Schrecken die Seife fallen. »Das ist der rohe Mensch der so häßlich von den Kindern sprach; darum ist mir das finstere Gesicht auch immer so fatal und unheimlich gewesen. Herr Du mein Gott, ist mir der Schreck doch ordentlich in die Glieder gefahren« – setzte sie nach einer kleinen Pause tief aufseufzend hinzu – »wo er nur herkommt und weshalb er von daheim fort sein mag?«

»Wegen was Gutem nicht« sagte der Mann mit dem Kopfe nickend, und umsonst hat er sich nicht den dicken Bart und die langen schwarzen Haare kurz abgeschnitten gehabt, wie er von zu Hause fort ist, der Patron. Aber Ihr habt recht, es ist wahrhaftig der Gesell, der damals in dem Unwetter zu uns kam und dann nach der Schenke hinaufging, sich einen Schnaps zu holen. Nun was kümmert's uns – er hat uns; nicht wieder kennen wollen, die wir uns nicht entstellt haben, und das können wir ihm nur Dank wissen – ich werde mich ihm nicht aufdringen, davor ist er sicher, aber wissen möcht' ich schon was mit ihm los ist.«

»Das ist also seine Frau, die lange hübsche Person, die immer krank in der Coye liegt?« frug die Frau.

»Er sagt's wenigstens« meinte der Weber – »und sie gilt dafür.«

»Aber wo sind denn seine Kinder?« fuhr die Frau rascher fort – »weißt Du nicht daß er uns damals sagte er hätte so viel – zum Abgeben? – ich hab' es nicht vergessen, denn das gerade hat mir den Mann gleich von allem Anfang an so verhaßt gemacht.«

»S'war wohl auch nur eine Prahlerei« brummte der Weber achselzuckend – »und er that sich groß mit seiner Gleichgültigkeit. Leider Gottes rühmen sich die meisten Menschen nur gewöhnlich etwas, dessen sie sich eher schämen sollten, wenn sie Verstand wie Herz auf dem rechten Fleck hätten. Ich bin übrigens nur froh daß ich herausbekommen habe wohin ich des Burschen Gesicht thun sollte – der Hans hat doch ein gutes Gedächtniß –«

Und damit ging er zurück zu seiner Hobelbank, wo er gleich darauf die hingelegte Arbeit wieder aufnahm, und rüstig daran fortarbeitete, bis der Koch zum »Schaffen« rief, und der Zimmermann kam, sein Handwerkszeug für die Nacht fortzupacken.

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