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Mutter und Tochter

Ernst Wichert: Mutter und Tochter - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst Wichert
booktitleLitauische Geschichten
titleMutter und Tochter
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
printrun
editorPaul Wichert
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid4f086d87
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Urte rief vergeblich nach dem Mädchen, wenn sie etwas besorgt haben wollte. Ging sie dann in den Garten und fand die beiden im vertraulichen Gespräch oder mit erhitzten Gesichtern, so gefiel es ihr nicht. »Was gibt's denn da?« fragte sie, oder: »Was habt ihr fortwährend miteinander?« Jons schickte sie hinein und Madle auf die Bleiche oder zu den Feldarbeitern. Zu Jons sagte sie: »Du bist ganz verwandelt und treibst rechte Kindereien«, und Madle schalt sie: »Wie schickt sich das?« Aber andern Tages begann wieder dasselbe Spiel.

Jons war nicht immer in so heiterer Stimmung. Manchmal überkam ihn eine tiefe Traurigkeit, und er ging dann mit Seufzen umher und saß stundenlang in einer halbdunklen Ecke der Stube mit geschlossenen Augen und lief, von Unruhe getrieben, in den Wald, warf sich auf die Erde und riß das Moos aus, das seine Hände greifen konnten. Dann verschwand er schon früh des Morgens und besuchte irgendein entferntes Dorf, um dort zum Abend eine Versammlung anzusagen. Seine Anhänger behaupteten, daß der Geist noch nie vorher so mächtig in ihm gewesen sei. Er sprach besonders gern von der Erbsünde und von der Demütigung des Menschen vor Gott und von dem Jüngsten Tage und von der ewigen Verdammnis derer, die nicht wiedergeboren würden im Lichte der Erkenntnis. Er klagte sich selbst großer Sündhaftigkeit an, schlug sich die Brust und betete mit feurigen Worten um Gottes Beistand, daß es ihm gelinge, das Fleisch zu töten. Bis spät in die Nacht setzten sich diese Gebetstunden fort; meist endeten sie damit, daß einige Weiber in Verzückung gerieten und in unsinnigen Reden den Untergang der Welt verkündeten. Jons wanderte in der Nacht weiter und trieb am andern Tage sein Wesen in einem andern Dorf, bis er völlig erschöpft war. Es war schon vorgekommen, daß man ihn in seinem geschwächten Zustande auf den Wagen setzen und nach Hause fahren mußte. Einmal hatte er drei Tage lang keine Nahrung zu sich genommen.

Alles Losringen schien umsonst zu sein. Madles Augen übten auf ihn einen Zauber, dem sich nicht widerstehen ließ. Hörte er sie draußen singen, so hielt er es nicht aus in seiner Einsamkeit. Und sie sang gern Lieder wie dies:

In der Nacht ohne Schlummer,
Sprach ich ein liebes Wörtlein:
Ewiglich,
Nun und nie
Von ihm mich zu trennen.
Viel wünschte ich lieber,
Daß Leib und Seele sich trennen,
Als daß ich hier
Geschieden wäre
Von dem zarten Jüngling.

Er selbst murmelte immer den Schlußvers eines andern Liedes vor sich hin, das ihm nicht aus dem Sinn wollte:

Bis an die Knie
Hinein in Sümpfe,
Bis an die Achseln
Hinein ins Wasser...
Armselig meine Tage!

Aber Madle schien nichts davon merken zu dürfen, daß seine Tage armselig. Nur wenige Minuten brauchte er bei ihr zu sein, so röteten sich wieder seine Wangen, blitzten seine Augen feurig, lachten seine Lippen. Die Dainos, die er für sie dichtete, klangen wohl traurig, sprachen aber auch ein Leid aus, das ihr selbst nahe ans Herz ging, wenn schon die Beziehungen poetisch verschleiert waren. Da sang der junge Knecht, der die Wirtin zur Frau begehrt in seinem Unverstand und das schöne Töchterchen nicht bemerkt –:

Eine Rosenknospe
Bei der vollen Rose.

Die volle Rose entblättert sich bald, und das Knöspchen blüht auf –

Morgenrot die Blättchen,
Sonnenschein die Fädchen,
Und im tiefsten Grunde,
Ach, ein Tränentröpfchen.

Dazu machte Madle sich eine recht schwermütige Melodie, und wenn ihre Mutter sie fragte: »Wo hast du das Lied her?« so lachte sie und rief: »Von dem jungen Knecht selbst, den's gereut. Das Knöspchen weint aber nur, weil er's nicht bricht. Wozu ist es sonst auf der Welt?«

Bei der Ernte mußten beide helfen. Eines Abends blieben sie noch auf dem Felde, als die andern Arbeiter schon zurückkehrten. Deren spöttische Reden verdrossen die Wirtin. Sie ging hinaus und fand sie weitab am Bach unter einem Weidengebüsch sitzen. Madle hatte die Arme um seinen Hals und den Kopf an seine Brust gelegt, Urte war's, als ob ein kaltes Eisen ihr durchs Herz fahre. Aus ihren dunklen Augen blitzte es wie nächtliches Unwetter, ihre Hände krallten sich, mit einem Satze sprang sie hinzu und riß die beiden voneinander. »So also steht's«, keuchte sie. »Mein Mann und meine Tochter... Und ich Blinde sah nichts! Wofür achtet ihr mich? Fort, und daß ich euch so nicht wieder treffe.« Sie stieß Madle vor sich hin. »Lieber hätt' ich einen Unhold geboren als dich.«

»Schlage mich nur«, rief Madle. »Ich kann's doch nicht ändern, daß ich ihm gut bin. Eher wirst du deine Hand verlieren, als ich mein Herz.« Und als sie über den Steg nach der Bleiche ging, sang sie wieder:

Viel wünschte ich lieber.
Daß Leib und Seele sich trennen,
Als daß ich hier
Geschieden wäre
Von dem zarten Jüngling.

Jons verantwortete sich mit keiner Silbe. Er ließ einen Hagelschauer von Scheltreden über sich niederfallen und sah nur finster zur Erde. Endlich ließ Urte ab von ihm und entfernte sich weinend. Es war das erstemal, daß er sie weinen sah. Sie weinte im Zorn, aber sie weinte.

Drei Tage lang sprach sie kein Wort mit ihm. Die Tür zwischen den beiden vernagelte sie wieder, aufs Feld durfte Jons nicht hinaus. Er las eifrig in seiner Bibel, aber die Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang deuchte ihn endlos. Madle sang abends in des Großvaters Stube; das konnte Urte ihr doch nicht verwehren. Und sie konnte es auch nicht hindern, daß Jons sie hörte. Sie polterte noch mehr als sonst im Hause. Niemand konnte ihr's recht machen. Die Magd jagte sie fort, weil sie mit einer alten Frau, die im Dorf als Neuigkeitskrämerin galt, hinter dem Zaun gezischelt hatte, und dem Knecht kündigte sie zu Martini, weil er für die Magd zu dreist sprach. Wenn man sie so hörte, mußte man glauben, sie fühle sich als die stolze Herrin, der sich alles fügen müsse. Aber ihr war sehr weh' zumut, sehr gedrückt ums Herz. Sie lärmte nur, um sich's wegzuschaffen. Und es gelang doch nicht. Sie wußte, daß sie etwas verloren hatte, und das war ihr ganzes Leben gewesen.

Endlich brach sie selbst das Schweigen. Kurz vor dem Schlafengehen war's. Madle sang nebenan, als ob sie den Großvater in Schlaf lullen müsse, Urte klopfte ärgerlich an die Tür, aber ohne Erfolg. »Sie muß wieder fort,« stöhnte sie, »es kann so nicht bleiben.«

Er seufzte schwer. »Du bist in deinem guten Recht,« sagte er, »und es schmerzt mich tief, daß alles so gekommen ist. Wenn ich vor drei Jahren geahnt hätte...«

»Was? Daß die Madle in so kurzer Zeit erwachsen sein würde? Das hast du dir an den Fingern abzahlen können. Und ich hab' dir's auch gesagt: Du bist zu jung für mich, warte ab, bis die Madle erwachsen ist. Hab' ich dir das gesagt?«

»Du hast es gesagt.«

»Damals hätt' es mir wenig ausgemacht, wenn du fortgegangen wärest und hättest an die Heirat nicht weiter gedacht. Und wenn auch – es wär' bald überwunden gewesen. Hinterher aber...« Sie biß knirschend die Zähne zusammen. »Bist du ihr denn wirklich gut?« fragte sie nach einer Weile, und die finsteren Augen standen ihr dabei voll Wasser.

»Damals hab' ich nicht geglaubt, daß es je möglich sein könnte«, antwortete er; »aber es ist über mich gekommen, ich weiß nicht wie, und ich kann's auch nicht beschreiben, wie es ist. Nur das verstehe ich, daß Gott mir nicht hat helfen wollen, von diesem Zwang mich zu befreien, und so bin ich ein armseliger Mensch, der sich nicht retten kann von seines Herzens Not.«

»Das darf doch nicht gelten«, sagte sie. »Wenn einer seinen schlechten Gedanken willig nachgibt, wie soll Gott dem helfen?«

Er seufzte wieder aus recht beklommener Brust. »Ja, ich bin schlecht, ich bin grundschlecht«, rief er. »Aber was kann ich dagegen –? Sie hat mir's angetan.«

»Ja, sie hat dir's angetan –« bestätigte Urte traurig. »Wie könntest du sonst so gotteslästerlich reden? Ich sehe wohl, daß sie mich haßt, weil ich dich geheiratet habe. Deshalb sinnt sie darauf, wie sie mich am tiefsten kränken kann. Das einzige will sie mir nehmen, was meinem Herzen lieb ist. Ganz verderben will sie dich, damit ich dich unter meinen Fuß trete. Dann wird sie hohnlachen über mich und über dich!«

Jons schüttelte schwermütig den Kopf.

»Wär's eine andere,« fuhr Urte fort, »da ließe sich's noch begreifen, was sie wollte. Was die mir aber nimmt, das kann sie selbst nicht einmal haben. Vor der eigenen Sünde erschrickt sie nicht, wenn sie dich nur verderben kann. Und du widerstehst nicht, weil der Böse durch sie über dich Gewalt hat.«

»Daß der Böse über mich Gewalt hat,« sagte er traurig, »das glaube ich wohl. Aber Madle ist nicht schuld daran. Es kann sein, daß mein Hochmut gestraft werden soll, weil ich mich zu sehr meiner Schwachheit und Unwissenheit überhoben hatte. Zu raten weiß ich mir aber nicht anders, als daß ich Haus und Hof verlasse und in die weite Welt gehe. Dazu bin ich bereit.«

»Das glaube doch nicht,« fiel sie mit Heftigkeit ein, »daß ich dich fortlasse, Jons. Zu mir gehörst du, und bei mir sollst du bleiben. Die Madle muß fort – so oder so. Ich leide nicht, daß sie mir im Wege steht zu dir.« Sie fing an zu schluchzen und umarmte ihn stürmisch und drückte ihn an die hochwogende Brust. Ihre Stimme wurde ganz weich. »Es ist ja nicht möglich, Jons, daß du weggehen kannst. Hab' ich dir nicht alles Gute getan? Andere mögen über mich zu klagen gehabt haben, du nicht. Und du sollst auch jetzt sehen, daß ich dir gut bin, wie kein Mensch sonst. Ich will dir's verzeihen, daß du dich verirrt hast und auch künftig mit keinem Wort daran denken. Aber verlassen darfst du mich nicht.«

Ihm war so bange zumut, daß er hätte laut aufschreien mögen. Wenn sie ihn nicht fortließ, was sollte aus ihm werden? Es rührte ihn, daß die Frau, die sonst so schroff und streng ihren Willen durchzusetzen gewohnt war, ihm ihre ganze Schwäche offenbarte; aber er wagte ihr nicht zu sagen: es soll wieder alles zwischen uns sein, wie es gewesen ist! Wie konnte das je geschehen? Madle hatte doch sein Herz. – Gleich am nächsten Morgen ging Urte in die Altsitzerstube und verlangte, daß das Mädchen wieder nach der Stadt gehen solle: für den alten Mann würde sie auf andere Art sorgen. Madle schlug es ihr rundweg ab. »Du hast es selbst so gewollt, daß ich zurückkomme«, sagte sie, »und keiner Warnung geachtet. Nun will ich mich nicht wieder von dir fortjagen lassen. Dies ist meines Vaters Haus, und das kann mir meine Mutter nicht verbieten.«

»Das kann sie dir verbieten,« rief Urte, »wenn du ihm solche Schande machst. Siehst du denn nicht, wohin dich der böse Geist treibt?«

Aber Madle war hartnäckig und blieb.

Die beängstigte Frau sann auf ein anderes Mittel. Das Mädchen müsse heiraten, überlegte sie. Da war ein Wirtssohn, ein sehr hübscher Mensch, der hatte schon wiederholt Madles wegen anfragen lassen. Sein Vater wollte ihm das Grundstück abtreten, wenn es zur Hochzeit käme. Urte sprach mit seiner Mutter und brachte im voraus alles in Ordnung, wie es in solchem Fall Sitte war. Als nun aber der Freiwerber mit dem Blumenstrauß am Hut auf dem Schimmel angeritten kam, versteckte Madle sich nicht, sondern ging ihm vors Haus entgegen und sagte: »Tritt nur lieber gar nicht ein und behalte dein Sprüchlein für dich. Denn hier wirst du kein Glück haben. Ich denke nicht daran zu heiraten – nicht jetzt und nicht übers Jahr.«

Urte schalt, bat und drohte vergebens, Madle blieb unbeweglich. »Es kann mich keiner zum Heiraten zwingen,« trotzte sie, »und für eine Hexe schickt sich's ohnedies besser, wenn sie ledig bleibt. Wem ich gut bin, den kann ich nicht haben, und einen andern mag ich in Ewigkeit nicht.«

Eine entsetzliche Unruhe trieb Urte seitdem um; keine Minute hielt sie sich für sicher, daß nicht ihr Recht gekränkt würde. Mit argwöhnischen Augen bewachte sie Jons. Wußte sie ihn im Garten, so schlich sie gebückt am Zaun entlang oder lauerte an der Ecke der Klete. In die hintere Wand derselben hatte sie ein Loch gebohrt, um von innen her hinter die Hopfenwand blicken zu können. Sie lauschte auf jedes Wort und jeden Blick. Alle Farbe verlor sie, und die Augen lagen tief in den Höhlen.

Sie erreichte nur, daß die beiden Menschen, die sie fernhalten wollte, um so heimlicher verkehrten. Madle schien wie ein Kobold durch eine Tür- oder Fensterritze schlüpfen und durch die Luft verschwinden zu können. Für sie gab es keine Gewissensbedenken. »Kümmere dich um nichts,« flüsterte sie Jons zu, »ich bin dir gut und tu' dir alles zuliebe.« Sie zwang ihn mit einem Blick, mit einem Lächeln, mit einem Wink der Hand. Tausendmal rief er sich zu: Nicht weiter! und wenn er sie sah, war's vergessen.

»Was soll daraus werden, Madle?« fragte er.

»Warum willst du das wissen?« entgegnete sie. »Sei glücklich und laß mich glücklich sein. Dauert's kurz oder lang, was kommt's darauf an?«

»Aber es muß dein Verderben werden, Madle.«

Sie schmiegte sich an ihn. »Mag's doch! Ich will dir sagen, wenn's Zeit ist, Jons. Dann lädst du die Doppelflinte, die noch von meinem Vater her in der Kammer hängt, und der eine Schuß ist für mich und der andere für dich.«

Seine Stirn glühte. Wenn ihr's Ernst damit war... Er sah ihr tief in die Augen. Sie hielt seinen Blick aus, ohne zu zucken. Es war ihr Ernst damit. »Gut,« sagte er, »so soll's sein.«

Dieses Faktum beruhigte ihn. Vielleicht blieb nur noch eine kurze Spanne Zeit zum Leben – – mochte denn in ihr dem Herzen sein volles Recht werden!

Er besuchte keine Versammlung mehr; er las nicht mehr in seinen Büchern. Aber er dichtete Dainos, wie sie noch kein Litauer gedichtet hatte, schrieb sie auf kleine Blättchen und schob dieselben Madle in die Hand. Eine Stunde darauf hörte er sie singen.

Sie sang auch nachts, wenn alles längst zur Ruhe gegangen war, ganz leise draußen vor dem Fenster. Geweckt zu werden brauchte er nicht.

Urte pflegte nach des Tages Ermüdung immer sehr schnell einzuschlafen und die ersten Stunden der Nacht in tiefem Schlaf zu liegen. Sie merkte nichts davon, daß Jons aufstand, sich ankleidete und hinausschlich.

Einmal aber, von einem bösen Traum beängstigt, wachte sie auf und griff nach seiner Hand. Der Platz war leer. Sie setzte sich aufrecht, rieb die Augen, schob die Vorhänge des großen Himmelbetts zurück, blickte mit gespannter Aufmerksamkeit in die Stube, horchte. Es war alles still, nur die Wanduhr pickte, und der alte Endratis nebenan atmete vernehmlich. In der Dunkelheit ließ sich kein Gegenstand deutlich erkennen, nur zeichneten sich die Blumentöpfe auf dem Fensterbrett gegen den helleren Nachthimmel ab.

Jons war sicher nicht in der Stube. Sie sprang auf, warf ihre Röcke über, klinkte leise die Tür auf und ging hinaus. Die Haustür fand sie nur angelehnt. Nun wußte sie, was geschah. Im Garten vielleicht... Ja, im Garten. – – –

Als sie nach einer Viertelstunde zurückkehrte, warf sie sich auf das Bett und schluchzte laut. Als sie aber Jons kommen hörte, biß sie die Zähne in die Lippen und hielt sich ganz still. Ihr Entschluß war gefaßt: »Nie wieder!«

Am andern Morgen sah sie noch fahler aus als gewöhnlich; die Augen hatten einen gläsernen Ausdruck, die Lippen zuckten unaufhörlich. Aber sie sagte nichts, was Verdacht erregen konnte.

Es gab auf dem Felde zu tun. Der Weizen war schnittreif. Sie schickte die Arbeiter hinaus, mit ihnen auch Madle.

Um zehn Uhr brachte sie ihnen das Frühstück, Milch in Flaschen und Brot, jedem seinen Teil schon zu Hause zugemessen. Es geschah allemal so. Madle war durstig und trank hastig. »Wohl bekomm' es dir«, sagte Urte, indem sie ihr die Flasche wieder abnahm.

»Die Milch ist nicht gut,« meinte Madle, »aber sie löscht den Durst.«

»Sie hält sich in der Hitze schlecht,« antwortete Urte, »das ist im Sommer nicht anders.« »Ich bin heute so müde,« klagte das Mädchen und reckte die Arme auf – »ah!«

»Ich habe diese Nacht auch schlecht geschlafen«, sagte Urte. »Ich hatte einen häßlichen Traum – von einem Begräbnis, glaube ich... Man holt es wieder ein.«

Zum Mittag kam Madle nicht nach Hause. Sie hätte sich unter dem Rosenstrauch schlafen gelegt, berichteten die Arbeiter. Gegen Abend fühlte sie sich sehr unwohl. Sie klagte über Kopfschmerzen und spürte eine heftige Neigung zum Erbrechen. Urte bereitete ihr einen Tee und schickte sie früh zu Bett. Jons äußerte sich sehr besorgt. »Was wird's denn sein«, meinte Urte. »Sie hat sich erkältet. Wie andere Menschen richtet sie sich doch nicht ein. Ich wette, sie ist öfter in der Nacht aufgestanden und im Garten spazierengegangen, wenn's ihr in der Altsitzerstube zu heiß war. Heute früh hab' ich ihr Tuch auf dem Bänkchen unter der Linde gefunden. Wie man's treibt, so geht's.« Jons schwieg darauf.

Am andern Tage ging Madle wieder zur Arbeit. Vormittags trank sie ihre Milch, gab aber das Brot zurück: es schmeckte ihr nicht. Auch bei der Hauptmahlzeit aß sie wenig. Das Kopfweh stellte sich wieder ein und quälte sie bis zum Abend. Die Nacht schlief sie schlecht. Noch einige Tage weiter schleppte sie sich auf das Feld hinaus; sie schien sich gegen die Krankheit wehren zu wollen, aber die Harke wurde ihr schon zu schwer. Dann blieb sie in der Stube beim Großvater, dem es lieb war, wenn er ihren Beistand nicht tagüber entbehren mußte. Sie hatte aber Mühe, vom Stuhl aufzustehen und ihm etwas zu reichen. Urte brachte ihr die Suppe und holte die Schale wieder ab. Meist war sie kaum zur Hälfte geleert. Den Rest goß die sonst so sparsame Frau draußen in die Dunggrube.

Madle wollte sich mit Handarbeit beschäftigen. Sie suchte den Kasten vor, den die Herrschaft in der Stadt ihr einmal von einer Reise mitgebracht hatte. Unter dem Deckel befand sich ein kleiner Spiegel. Sie blickte halb zufällig hinein und erschrak über ihr Aussehen. Ihr Gesicht war grau, die Haut welk, die Wange eingefallen, das Auge glanzlos. Kein Tropfen Blut schien in ihren Adern zu sein. Dabei fühlte sie sich nicht eigentlich krank, nur entsetzlich matt und trübe gestimmt. Sie blieb in der Stube. Vor Jons wollte sie sich gar nicht sehen lassen. Von Zeit zu Zeit aber kam er außen ans Fenster, klopfte an und erkundigte sich, wie es ihr gehe. Es müsse doch bald besser werden, meinte sie. Aber ihr Zustand verschlechterte sich zusehends. Urte erkundigte sich bei allen alten Weibern im Dorf, was wohl helfen könnte, und bereitete ihr allerhand Tränkchen, zu denen dieselben rieten. Sie schienen eher das Unwohlsein zu befördern. Madle verfiel rasch in erschreckender Weise, sie schlich gebückt an der Wand hin, wälzte sich nachts schlaflos auf ihrem Lager, saß viele Stunden am Tage anscheinend ganz teilnahmlos da. Wenn sie des Morgens ihr Haar kämmte, blieben ganze Büschel am Kamm hängen.

Die Schwäche nahm immer zu. Bald klagte sie dem Alten, daß sie die Füße nur mit Mühe heben könne. Die Gelenke wurden unbeweglich. Sie mußte im Bett bleiben. Nun verlangte sie nach Jons. Er sollte ihr vorlesen. »Geh nur,« sagte Urte, »ich habe nichts dawider.«

Jons war entsetzt über ihren Anblick; kaum konnte er einen Schrei zurückhalten. Ihre Hand war kalt. Er beugte sich über ihr Gesicht, das traurig lächelte, und küßte ihren Mund. Auch die Lippen waren kühl. Es durchschauerte ihn. »Es ist bald aus gewesen mit aller Lust und Freude«, sagte sie leise. »Das letztemal im Garten...«

»Sprich nicht davon«, bat er, sich dicht zu ihr neigend.

»Warum nicht?« fragte sie. »Es war eine so schöne Nacht... ich muß immer an sie denken.«

Er las ihr aus dem Gesangbuch vor, aber sie schien wenig aufzumerken. Nach einer Weile sagte sie: »Wenn uns nur nicht jemand belauscht hat! Mir war so, als hörte ich einen Zweig hinter uns knicken – und bald darauf huschte es fort.« Und wieder nach einer Weile fragte sie: »Bist du ganz sicher, daß meine Mutter die Nacht geschlafen hat wie sonst?«

»Wie kann ich das?« antwortete er. »Später wachte sie gewiß. Es ist möglich, daß ich sie aufgeweckt habe.«

»Es ist möglich,« wiederholte Madle, »aber möglich ist's auch... Man mußte ja darauf gefaßt sein. Und verargen kann ihr's niemand...«

»Was denkst du, Madle? Sie ...?«

»Ich denke nichts, gar nichts – – .« Murmelnd setzte sie hinzu: »Ich weiß alles.« Auf seine Fragen gab sie weiter nicht Antwort.

Ihre Suppe rührte sie mittags nicht an, auch abends nicht.

Als Jons sie am andern Tage noch matter fand, sagte er: »Das darf ich so nicht länger mit ansehen; wir müssen den Arzt holen.«

Ihre Hand zuckte in der seinigen. »Das soll nicht geschehen,« sagte sie mit ängstlichem Ausdruck, »auf keinen Fall soll das geschehen.«

»Aber eine so tückische Krankheit –«

»Ich will den Arzt nicht«, fiel sie mit Heftigkeit ein; »– er kann mir nicht helfen.«

»Aber er hat andern schon geholfen.«

»Glaube mir, er kann mir nicht helfen. Es ist mir so verhängt, und ich beklage mich nicht darüber. Kein Arzt soll mich sehen – wenn meine Mutter selbst nicht darauf besteht. Aber sie wird's nicht, und du sollst sie auch nicht fragen,« Als er ging, bat sie ihn, ihr heimlich etwas von seinem Brot und seiner Milch zu bringen. »Die Suppe, die mir die Mutter kocht, esse ich nicht mehr«, setzte sie hinzu. »Aber laß sie's nicht merken!«

Er starrte sie an. Es war ihm, als ob der Tag sich verfinsterte und etwas Furchtbares aus der nächtlichen Tiefe aufstieg, seine Brust mit schreckhafter Ahnung zu beängstigen. »Madle,« rief er, »du fürchtest –«

»Still, still,« unterbrach sie, »kein Wort! Ich habe nichts gesagt. Vergiß nicht, wer... und daß wir... Still! Die Wände haben Ohren:«

Seitdem schwankte er umher wie einer, dem die Füße das schwere Haupt kaum tragen. Bei Madle stellten sich Krampfzufälle ein, dann lag sie stundenlang ohne Besinnung. Aber das Bewußtsein kehrte doch wieder. Jons saß Tag und Nacht an ihrem Bett. Einmal nahm sie seine Hand und zog ihn an sich. »Ich habe dir sagen wollen, wann es Zeit sein würde«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Nun ist's Zeit – aber nur für mich – und anders als ich dachte. Wir müssen Abschied nehmen. Gräme dich nicht darüber... Wie hat's denn enden können als mit schwerem Leid? Ich habe mein Teil getragen, trage du nun auch dein Teil. Und bete mit mir: Gott, vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern.«

Er sprach die Worte mit bebenden Lippen nach. Sie küßte sie ihm vom Munde und sank zurück. Ein langer Seufzer noch, und Madle hatte ausgelitten. –

Urte trieb ihn von der Leiche fort. »Komm,« sagte sie, »die Toten wollen begraben sein. Jetzt gehörst du doch zu mir!«

Sie zog Madle die besten Kleider an; sie pflückte soviel Blumen im Garten, als im Spätsommer blühten, und legte um sie einen Kranz; sie gab ihr ein Gesangbuch in die kalten Hände und ließ am Sarge Wachskerzen brennen, die in einer katholischen Kirche jenseits der Grenze geweiht waren. Die Fenster wurden nicht geschlossen, und jeder, der wollte, konnte herantreten und das arme Ding da liegen sehen, das so jung hatte sterben müssen.

Urte richtete ein großes Begräbnis aus, wie es sich für eine reiche Wirtstochter schickte. Überall war sie selbst tätig, auch den Herrn Pfarrer bestellte sie, und er sollte zu Hause am Sarge und auch auf dem Kirchhofe sprechen. Sie bezahlte ihn im voraus dafür sehr reichlich. Bei der Rede vergoß sie viel Tränen, die ihr sicherlich aus dem Herzen kamen, und am Grabe, in das sie drei Hände voll Erde geworfen, stand sie lange in stillem Gebet. Die Nachbarn traten heran und drückten ihr Bedauern aus. »Sie war ja mein Kind,« sagte sie mit aufrichtigem Schmerz, »– mein einziges Kind!«

Endratis wimmerte bestätigend: »Ja, das einzige Kind, und das Grundstück kommt nun an Fremde:«

Jons kniete hinter einem Grabhügel, bis die ganze Feierlichkeit beendet war.

Urte hatte gleich vollauf Beschäftigung, das ganze Haus zu lüften und zu reinigen. Was irgend an Madle erinnern konnte, schaffte sie beiseite. Jons saß indessen im Garten auf dem Bänkchen unter dem Lindenbaum und stierte vor sich hin auf die Erde. Spätabends kam sie, ihn hereinzuholen. »Es ist nun alles in Ordnung,« sagte sie freundlich, »und wir können wieder das alte Leben anfangen, wie es vordem war, ehe Madle ins Haus zurückkehrte. Willst du, Jons?« Er rührte sich nicht.

»Es ist sehr traurig,« fuhr sie fort, »daß sie so jung hat sterben müssen, aber für uns ist's doch am besten so. Sie war unser Unglück.«

Er stieß einen ächzenden Ton aus und wandte sich ab.

Urte setzte sich zu ihm. »Ich will alles vergessen,« sagte sie, »und ich weiß doch mehr, als du denkst. Aber sei wieder gut gegen mich. Ich bin deine Frau, und so soll's bleiben.«

Sie legte den Arm um seinen Nacken und den Kopf auf seine Schulter. Er stieß sie zurück. »Mörderin –« zischelte er und schlug die Hände vors Gesicht.

»Jons!« schrie sie auf, »wer wagt...«

Er stand vor ihr, faßte sie bei den Schultern und schüttelte sie wie ein Wahnsinniger. Sein Gesicht war verzerrt. »Du hast sie vergiftet«, stöhnte er.

Sie zitterte unter seinen Händen. »Wer darf sagen –?«

»Lüge nicht! Du hast sie vergiftet – dein Kind vergiftet.«

»Schrei es doch ins Dorf hinaus –!«

»Nein! Niemand soll's wissen – niemand darf's wissen, Unselige. Du bist – mein Weib... Ich verrate dich nicht, mein Mund soll stumm sein wie ihr Mund. Aber vergeben kann ich dir nicht, wie sie dir vergeben hat. Ich habe dich schwer gekränkt, und du hast dich gerächt. Weher hättest du mir nicht tun können. Aber dir auch nicht. Wir sind geschieden.« »Wenn es geschehen ist,« murmelte sie, »kannst du's ausmessen, was ich auf mein Gewissen geladen habe? Eine Mutter! Aber wenn die's tut...«

»Wir sind geschieden«, ächzte er.

Sie umfaßte ihn. »Geschieden waren wir durch sie, jetzt aber steht keiner mehr zwischen uns. Was hast du mir vorzuwerfen? Madle war deine – Tochter. Galt dir ihre Schande weniger als ihr Tod? Danken solltest du mir...«

Jons riß sich los, schleuderte sie zurück und eilte fort durch die hintere Gartenpforte. Urte sah ihn, die Hände ringend, über den Steg und die Wiese dem Walde zulaufen. Sie eilte ihm einige Schritte nach, kehrte dann aber um und ging langsam dem Hause zu. Die Hände hatte sie zusammengekrampft und die Zähne aufeinandergebissen. Er muß sich austoben, dachte sie – er kommt wieder, und dann wird alles gut sein.

Aber Jons kam nicht wieder.

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