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Mutter und Tochter

Ernst Wichert: Mutter und Tochter - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst Wichert
booktitleLitauische Geschichten
titleMutter und Tochter
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
printrun
editorPaul Wichert
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid4f086d87
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In diesem Trubel und Jubel wurde kaum bemerkt, daß Madle fehlte. Wer sich um sie kümmerte, meinte, daß sie in eine Kammer schlafen gegangen sei. Sie war aber nicht schlafen gegangen, sondern trieb sich, trotz des eisigen Herbstwetters, auf der Landstraße umher. Urte hatte, ehe noch die Gäste kamen, ihr die große Neuigkeit einzuschmeicheln gesucht. Madle war gleich aus der Stube hinausgestürmt. Sie lief wie eine wilde Katze durch den Garten, über die Bleiche, über den Steg, über das Stoppelfeld in den Wald hinein. Dort erst merkte sie, daß ihr der Hofhund gefolgt war. Sie trieb ihn mit Scheltworten zurück, aber er war diesmal ungehorsam und zeigte ihr immer wieder in kurzer Entfernung seine leuchtenden Augen. Nun rief sie ihn an, legte den Arm um seinen Hals, küßte ihn zärtlich und weinte schluchzend, indem sie ihr heißes Gesicht in sein feuchtkaltes Zottelhaar drückte. Er schien nicht daraus klug zu werden, lief wie toll im Kreise umher und wühlte bellend das gelbe Laub auf, daß es hinter ihm gegen die Baumäste spritzte, auf denen der Schnee liegengeblieben war und nun gespenstisch flimmerte. Madle hielt's nicht lange im Walde aus. Ihre Phantasie fing zu arbeiten an. Eine Steineiche stand noch mit grünem Blätterschmuck da. Ihr kam eine Daina nicht aus dem Sinn, in der ein verwaister Knabe den Eichbaum umfaßt und ihn flehentlich bittet, sich in seinen Vater zu verwandeln.

Werden diese grünen Äste
Nicht zu weißen Händen werden?
Diese grünen Blätter
Nicht zu Worten der Liebe?

Ach, ich Armer ging von hinnen,
Weinte bittre Tränen.
Nicht verwandelte der Eichbaum
Sich in meinen Vater.

Nicht die grünen Äste
Sich in weiße Hände,
Nicht die grünen Blätter
Sich in Worte der Liebe.

Wie sie die schwermütige Melodie hinsummte, fiel ihr Auge auf etwas Dunkles am Boden und einen roten Schimmer mitten darauf. Steine lagen da, bedeckt mit Herbstlaub. Ihr fiel aber ein, daß ihr Vater so auf dem Schlachtfeld gelegen haben mochte, blutend aus der Brustwunde. Der Hund sprang darüber hin, und sie schrie auf. Das Echo antwortete. Sie eilte fort wie gehetzt, bis sie wieder auf freiem Felde war. In der Ferne sah sie Licht hinter den Fenstern des Vaterhauses. Sie lief in entgegengesetzter Richtung weiter, auf der Landstraße bis zum Kirchdorf. Dicht an der Kirchhofsmauer stand ein gekreuzigter Christus. Da kniete sie nieder und betete und weinte wieder. Sie wußte nicht, was ihr fehlte, aber es lag ihr wie ein Stein auf der Brust und stach wie mit Nadeln in ihr Herz. Hätte sie nur sterben können! Sie sprach heidnische Beschwörungsformeln, da das Gebet nicht half. Als sie aber aufsah gegen das Kreuz, das sich schwarz in den grauen Nachthimmel einzeichnete, nickte der Christuskopf ihr zu, und es war Jons Kalwis, der ihr zunickte. Entsetzt raffte sie sich auf und stürzte fort. Um Mitternacht kam sie nach Hause zurück. In der großen Stube hörte sie lachen und singen. Sie schlich in das Stübchen der Altsitzer und warf sich auf der Großmutter Bett, wühlte sich in die Kissen ein und steckte die Finger in die Ohren. Ganz erschöpft schlief sie endlich ein.

Am andern Tage war sie krank, ernstlich krank. Sie wollte sich nicht in die Stube der Mutter bringen lassen; die Großeltern mußten sie bei sich behalten. Sie hatten gestern lustig mitgetrunken, heute aber schimpften sie auf die Urte, weil sie wieder heirate. »Du armes Kind,« hieß es, »du arme Waise, sollst nun einen Stiefvater haben. Deine Mutter wird dich vergessen über ihrem jungen Mann, und dein Erbe behüten die Füchse.« Madle sagte: »Mag sie ihn heiraten, mein Vater wird er doch nicht. Mein Vater ist tot, ich will keinen andern Vater. Nie werd' ich ihn anerkennen als meinen Vater.« Die Großmutter streichelte sie. »So ist's recht, mein Täubchen, widersetze dich, erhebe ein großes Geschrei gegen die Rabenmutter, vielleicht steht sie noch ab von der Heirat. Wer hätte das vor einem Jahre gedacht!« Wenn Urte kam, drehte Madle den Kopf nach der Wand. Sie versuchte ihr vernünftig zuzureden, aber Madle schrie wie besessen und hielt sich die Ohren zu. Als Jons an ihrem Bett erschien, fiel sie in ein krampfhaftes Zittern. Und dann fing sie an zu phantasieren, Sprüche aufzusagen und Dainos zu singen. So ging es die ganze Nacht und den folgenden Tag und auch den dritten.

Der Arzt wurde geholt. Es dauerte ein paar Wochen, bis er sie außer Lebensgefahr erklären konnte. Und dann erholte sie sich langsam, ganz langsam. Sie war abgemagert wie ein Skelett und hielt sich nur mit Mühe auf den Füßen. Sich von den Großeltern zu trennen, konnte sie auch jetzt nicht vermocht werden. Mit ihrer Mutter sprach sie kein Wort.

Urte gehörte nicht zu den Geduldigen, die immer wieder mit Sanftmut und Güte eine Verständigung suchen. »Gut denn!« sagte sie. »Mag sie doch wissen, daß ich sie nicht zu fragen oder gar um Erlaubnis zu bitten habe. Ein rechtes dummes Kind ist sie, eine Törin, der man Ernst zeigen muß, damit sie wieder zu Verstand kommt. Ich bin der Närrin genug nachgelaufen, jetzt will ich abwarten, bis sie sich zu mir findet.«

Sie handelte auch danach. Jons riet, die Hochzeit aufzuschieben, bis Madle ganz gesund geworden sei, aber Urte wollte davon nichts wissen. »Wenn sie sieht, daß ihr Eigensinn mich nicht zwingt, wird sie gesund werden«, meinte sie. Seit sie sich entschlossen hatte, Jons das Jawort zu geben, war sie ganz verwandelt. Ihre Augen konnten sich nicht satt an ihm sehen, und wenn er sie an die Brust drückte und küßte, fühlte sie ihr Blut aufwallen. Sie putzte sich für ihn, sie steckte Ringe an ihre braunen Finger, sie strich vor dem kleinen Wandspiegel die Falten aus ihrer Stirn, sie zeigte ihm immer das freundlichste Gesicht. Nicht eilig genug schien sie nun ein Ziel erreichen zu können, dem sie bis dahin geflissentlich aus dem Wege gegangen war. So bestellte sie denn das Aufgebot, sobald für Madle die äußerste Gefahr beseitigt war. Die Hochzeit mochte still gefeiert werden.

Sie wußte, daß sie mit ihrer Tochter gerichtlich Teilung zu halten hätte, wenn sie sich wieder verheiratete. Der Großvater wurde Vormund. In erster Linie stand dabei das Grundstück. Es war nie von etwas anderm die Rede gewesen, als daß Madle es haben solle. Sie hätte es ihr jetzt verschreiben lassen können, aber sie fand, daß die Umstände sich geändert hätten. Besser sei es jetzt, sie nehme selbst das Grundstück zu einer mäßigen Taxe auf ihre Hälfte an und finde die Erbin ab. Das erlaubte ihr das Gesetz. Der alte Endratis war erzürnt über diese Wahl, nannte sie eine Wortbrüchige, hetzte das Kind gegen sie auf. »So wirst du um deines Vaters Erbe gebracht! Und dem Scheinheiligen zuliebe geschieht's, weil er jung und hübsch ist. Der soll alles haben!« Es gab auf dem Gericht und im Hause Zank. Kalwis riet zur Nachgiebigkeit: Gott wisse, daß er sich um weltlich Gut wenig kümmere. Aber Urte wollte sich nun nichts abzwingen, von ihrem Recht nicht einen Zoll abdrängen lassen. Madle sei und bleibe ihr Kind und solle das schon noch erfahren.

Das Grundstück blieb in ihrer Hand. Kurz vor Weihnachten fand die Trauung statt. In der Kirche und an der Hochzeitstafel fehlten die Altsitzer, die der jungen Frau nun spinnefeind waren, und auch Madle ließ sich nicht blicken.

Die hielt sich auch ferner zu den Großeltern, Urte war's anfangs gar nicht unlieb. In einigen Monaten, sagte sie, werde von selbst wieder alles ins gleiche kommen. Aber darin irrte sie. Nun drang sie auch mit Gewalt nicht durch, Madle blieb verstockt und antwortete auf alle harten Worte nur gerade soviel sie mußte. Das ärgerte Urte mehr, als sie's wahr haben wollte. »Das tückische Ding!« klagte sie Jons. »Ein Wunder ist's freilich nicht, wenn sie solchen Rückhalt hat.« Er sprach in seiner milden Weise immer zum Guten. »Ich hätte nicht gedacht,« meinte er, »daß ich ihr so zuwider sei.«

Bald nach Pfingsten wurde Madle eingesegnet. Groß genug war sie für ihr Alter, aber sie wußte nicht recht, was sie mit ihren Gliedmaßen anfangen sollte. Sie sah immer schläfrig aus und war ebenso träge zur Arbeit als zum Vergnügen. Auf sie paßte nicht, was die Daina von einem flinken und fleißigen Mädchen rühmt:

Als sie ging zum Tanz,
Richtete sie den Webstuhl;
Als sie kam vom Tanz,
Wob sie die Linnen.

Wenn niemand zu Hause war, schlich sie wohl in die große Stube, nahm eins von Kalwis' Büchern vom Brett, versteckte sich im Garten und las heimlich darin. Einmal ertappte sie Urte dabei. »Hast du den Vater gefragt, ob du sein Buch nehmen kannst?« erkundigte sie sich.

»Ich habe keinen Vater,« antwortete Madle, »und von deinem Mann erbitt' ich mir nichts.« Sie ging auch sofort und stellte das Buch zurück.

Urte sah's so den Sommer über mit an. Einige Wochen vor Martini aber ging sie in die Altsitzerstube, wo die Großmutter krank lag, und sagte zu Madle, die an ihrem Bette saß: »So kann's und soll's nicht weiter! Ich leid's nicht länger, daß die Tochter nicht bei der Mutter ist, wohin sie gehört, und will auch nicht täglich mit der Trotzigen Ärger haben. So gibt es also nur zweierlei: entweder du kommst zu uns und tust gegen Vater und Mutter deine Schuldigkeit, oder – du gehst aus dem Hause. Überleg's nun und sage mir nach drei Tagen Bescheid, woran ich bin.«

»Da brauch' ich keine Zeit zum Überlegen«, antwortete Madle flammenrot. »Darf ich hier nicht bleiben, so geh' ich aus dem Hause, lieber heute als morgen. Ich hätte dir's schon angeboten, aber ich dachte, du wärst zu stolz, mich in fremden Dienst gehen zu lassen.«

»Sage dann aber nicht, daß ich dich vertrieben habe,« eiferte die Frau, »und klage auch nicht, wenn dir's draußen nicht gefällt. Mit einem so schwächlichen Ding wird keiner zufrieden sein.«

»Auf dem Lande will ich's auch nicht versuchen«, erklärte Madle. »Ich will nach der Stadt gehen und mich bei einer deutschen Herrschaft für die Stube vermieten. Dazu reicht meine Kraft aus.«

Urte fragte gleichwohl nach drei Tagen nochmals an. Der Großvater hatte abgeredet. »Wenn du aus dem Hause gehst,« hatte er gesagt, »so mußt du deine Zinsen haben; du brauchst nicht wie eine Magd zu arbeiten, während deine Mutter sich's hier auf deinem väterlichen Grundstück wohl sein läßt und noch einen faulen Mann füttert.« Aber sie war fest geblieben. So brachte er denn eines Tages seine Enkelin nach der Stadt. Der Abschied schien ihr nicht schwer zu werden.

Kalwis war gar nicht damit einverstanden gewesen, daß seine Frau so kurzen Prozeß machte; er hoffte noch immer, Madle werde vernünftig werden. Aber seine Stimme galt in häuslichen Angelegenheiten nicht viel. Wollte er einmal widersprechen, so sagte sie: »Lies du nur in deinen Büchern, da wirst du gut Bescheid wissen; von den irdischen Dingen verstehst du doch wenig.« Nur wenn sie einmal in ihrer Meinung bestärkt sein wollte, fragte sie bei ihm an und legte ihm halb und halb in den Mund, wie er antworten sollte.

Es war überhaupt in allem das umgekehrte Verhältnis zwischen Mann und Frau. Urte blieb der Herr im Hause, aber auch in Scheune und Stall. Sie wirtschaftete, sie schloß Geschäfte ab, sie kommandierte die Dienstleute, sie bestimmte sogar ohne Widerspruch, welche Aushilfe etwa Jons zu leisten hätte. Er machte nicht einmal den Versuch, ihr Regiment einzuschränken. Wie er sich ihr geschildert hatte, so war er wirklich. Deshalb durfte er aber nicht fürchten, von seiner Frau übersehen zu werden. Sie behandelte ihn fast wie ein höheres Wesen, das die zärtlichste Verehrung beanspruchen darf. Von allen ihren rauhen Seiten kehrte sie keine gegen ihn vor. Mehr und mehr empfand sie eine leidenschaftliche Neigung für ihn. »Die Kalwene ist ganz närrisch verliebt in ihren jungen Mann«, hieß es im Dorf.

Jons war für die körperlichen Reize seiner Frau nicht blind. Stand sie doch immer erst in der Mitte der Dreißig und nahm's an Stattlichkeit der Erscheinung und Frische der Farben mit mancher viel Jüngeren auf. Aber es war nun einmal so seine Art, lieber in die Wolken zu gucken, als sich auf der Erde umzusehen, und so kümmerte er sich auch um seine hübsche Frau nicht gerade mehr, als er sich wahrscheinlich um eine weniger hübsche bekümmert hätte. Er war ihr dankbar für alle die Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten des Lebens, die er nicht umsonst von seiner Verheiratung mit ihr erhofft hatte, aber mehr schien er auch nicht zu brauchen, um sich als Ehemann ganz glücklich zu fühlen. Daß er ihr gut sei, verstand sich ganz von selbst. Sie war ja seine Frau!

Eifriger als je studierte er in seinen Büchern. So beschäftigt war er oft mit seinen Gedanken, daß er nicht sah und hörte, was um ihn vorging. Er wurde nun Surinkimniker, das heißt Stundenhalter, und seine fromme Zuhörerschaft wuchs von Tag zu Tag. Es zeigte sich da wieder, wie vielen Litauern, namentlich Frauen, der sonntägliche Gottesdienst in seinen üblichen Formen keine ausreichende Befriedigung gewährte. Die Predigt des Pfarrers erschien ihnen zu nüchtern, seine Belehrung, wenn sie ihn in der Wohnung aufsuchten, zu hochmütig. Auf das Geheimnis in der Religion legte er zu wenig Gewicht, das Wunder erklärte er immer nicht wunderbar genug. Er sprach zwar Litauisch, aber er war doch ein Deutscher. Da war nun Jons Kalwis gerade der ersehnte Helfer. Er hatte so etwas eigen Schwärmerisches im Blick und in der Rede; er kannte die halbe Bibel auswendig; er verstand es, eine halbe Stunde lang ohne Stocken ein Gebet zu sprechen, in dem er mit Gott und seinen Engeln wie mit Anwesenden verkehrte. Wenn er in den Versammlungen sprach, wurde bald ein Seufzen und Stöhnen vernehmbar, das sich immer verstärkte und zuletzt den ganzen Kreis ergriff. Es setzte sich fort, auch wenn er geendet hatte, bis dann plötzlich jemand auf die Knie fiel, die Augen verdrehte und mit hocherhobenen Händen laut zu beten anfing. Einige Frauen brachten es zu Zuckungen, Krampfanfällen und Ohnmächten. Auf die andern wirkte dies gerade wie ein spannendes Schauspiel. Von weit her kam man zu den »Stunden«, die Kalwis ansagte. Er selbst glaubte an sich.

Urte bekümmerte sich längere Zeit auch als Frau noch wenig um diese Dinge, die ihrer praktischen Natur fern lagen. Sie meinte jedem zu geben, was sie ihm schuldig sei, und von niemandem mehr zu fordern, als seine Pflicht war – weshalb sollte sie sich da so besonders um ihr oder anderer Seelenheil bemühen? Als sie aber die Bemerkung machte, daß Jons besonders unter den Frauen und Mädchen einen großen Anhang gewann, und daß einige davon sich mit ihrer Person auffällig an ihn drängten, regte sich die Eifersucht. Sie ließ ihn nun selten allein in die Versammlungen gehen und tat selbst den Vorschlag, sie möchten lieber in ihrem Hause stattfinden. Es kam ihr nun nicht darauf an, die Dielen öfter scheuern lassen zu müssen. Übrigens merkte Jons nicht einmal den Grund. Er schien allein in seiner Gedankenwelt zu leben und zu den Menschen um ihn her nur so weit Beziehung zu haben, als sie ihn dort aufsuchten.

Drittehalb Jahre waren so verstrichen, seit Madle in Dienst gegangen, als die alte Großmütter schwer erkrankte. Sie quälte sich ein paar Wochen und starb dann, zu großer Bekümmernis ihres Mannes, der selbst altersschwach war und Beistand brauchte. Beim Begräbnis durfte die Enkelin nicht fehlen.

Urte brachte ihr die Nachricht und holte sie aus der Stadt ab. Von Zeit zu Zeit hatte sie ihr auch früher dort einen flüchtigen Besuch abgestattet, wenn Geschäfte sie hinführten. Im Hause war davon nie die Rede gewesen. Sie sei gesund, hieß es, und gefalle sich gut in ihrem Dienst. Nun kehrte Madle zum ersten Male wieder hier ein.

Wie sehr hatte sie sich in dieser Zeit verändert! Aus dem ungelenken und unmanierlichen Kinde war ein hübsches, schlank ausgewachsenes und zugleich kräftig entwickeltes Mädchen geworden, Jons stand auf der Steinlage vor der Haustür, um Madle zu begrüßen, als das Fuhrwerk ankam. So überrascht war er, wie er sie absteigen sah, daß er nicht einmal zusprang, um Urte herabzuhelfen. Madle stand eine kleine Weile neben den Pferden, faltete die Hände und sah zur Erde. Die Tränen liefen ihr über die vollen, aber jetzt bleichen Wangen – vielleicht in Gedanken an die tote Großmutter. Dann schien sie sich gewaltsam zu fassen, trocknete mit einem Zipfel der weißen Schürze das Gesicht, schritt auf Kalwis zu, reichte ihm die Hand und sogar den Mund zum Kuß, wie einem lieben Verwandten. Ihm zitterte das Herz. »Madle« – sagte er erfreut und doch so eigen beklommen, »ich erkenne dich kaum wieder.« Sie kehrte sich sogleich ab und ging, ohne ein Wort zu sprechen, ins Haus und zum Großvater ins Altsitzerstübchen. Der alte Mann empfing sie mit Klagen, wie schlecht es ihm nun gehen werde. »Ich habe immer gehofft, ich würde zuerst sterben, weil ich doch älter bin; nun hat sie mir das recht zum Ärger getan.«

Die Leiche war nach der Scheunentenne gebracht und dort eingesargt worden. Ein paar alte Weiber hockten am Boden und sangen mit großer Ausdauer geistliche Lieder. Die Familie fand sich am Sarge zusammen; Jons sprach ein Gebet. Madle stand ihm gegenüber und blickte scheu auf das gelbfahle Gesicht der Toten, manchmal auch, wie ängstlich prüfend, darüber hinweg zu dem Sprechenden. Einmal stockte Jons plötzlich mitten in einem Bibelspruch. Er hatte einen solchen Blick aufgefangen. Seine Rede verwirrte sich. Er kniete nieder und schloß rasch mit dem Vaterunser.

Nach dieser Feier trat Madle an ihn heran und sagte: »Ich danke dir, daß du so gut für die Großmutter gesprochen hast. Ich wollte, daß es dir aus dem Herzen gekommen wäre.«

Nun blitzte es aus ihren Augen wie von aufflackerndem Feuer. Sie schien Streit zu suchen.

»Weshalb zweifelst du daran?« fragte er.

Sie lächelte spöttisch. »Du bist ein gelehrter Mann«, entgegnete sie, »und kannst das alles auswendig. Die alte Frau hat von dir im Leben nicht viel Freundliches erfahren.«

Tiefe Röte überzog sein Gesicht. »Auch nicht Unfreundliches«, sagte er. »Meinetwegen hätte Urte ihr das Getreide und den Flachs reichlicher zumessen können.«

Madle hob das Kinn. »Die –!« warf sie geringschätzig hin. »Aus christlicher Liebe tut sie nichts, und du redest auch nur von ihr. Da lebt nun noch mein Großvater, und er ist ein alter, gebrechlicher Mann. Sorge, daß es ihm in seinen letzten Jahren an nichts fehlt, damit du an seinem Sarge mit ganz freiem Herzen beten kannst –, das wollte ich dir nur sagen.«

Sie wartete seine Erwiderung nicht ab, sondern trat zu dem Alten, der noch weinend am Sarge stand, und führte ihn hinaus. Er verlangte, daß der Pfarrer beim Begräbnis zugezogen werden solle, und beklagte sich, daß der Sarg von schlechtem Holz sei. In der Verschreibung war's ausgemacht, daß der Besitzer des Grundstücks die Altbesitzer zu beerdigen hätte; deshalb kam's auf Urte an, was sie unter einem »anständigen« Begräbnis verstehen wollte. Sie meinte, der Pfarrer gehöre nicht notwendig dazu, man könne ja auch ohne ihn singen. Jons bat sie, es auf die Kleinigkeit nicht ankommen zu lassen. Aber sie meinte: »Du kannst besser beten als der Pfarrer, und es kostet nichts. Man muß den Eigensinn nicht bestärken. Geb' ich diesmal nach, so wird auch künftig über meine Pflicht hinaus gefordert.«

Sie blieb hartnäckig. Zum ersten Male empfand Jons so etwas wie Beschämung, daß sein Wort im Hause nichts galt. Madle aber sagte, sie habe von ihrem Lohn so viel erspart, daß sie dem Großvater den Wunsch erfüllen könne, ging zum Pfarrer und bestellte ihn auf den Kirchhof.

Nach der Beerdigung blieb Madle noch einen Tag; Urte hatte ihr solange von ihrer Herrschaft Urlaub erbeten. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war auch jetzt kühl; aber Madle zeigte sich ruhiger und sicherer in ihrem Benehmen. Der längere Aufenthalt unter Deutschen von vornehmem Stande hatte ihr ein gewisses Geschick gegeben. Sie achtete auf sich und nahm sich zusammen. In ihrem Gesicht mußte ein Zug von Unbeweglichkeit auffallen, der angewöhnt sein mochte; die blauen Augen konnten aber sehr lebendig sprechen, und wenn der Mund mit den vollen Lippen und blendend weißen Zähnen nur ein wenig lächelte, teilte sich der Liebreiz ihrer ganzen Erscheinung mit. Sie trug das Haar in Zöpfen kranzartig aufgesteckt und die Jacke nach litauischem Schnitt, aber die Röcke städtisch verlängert und um den Hals ein Krägelchen, wie man's in der Stadt kaufen konnte. Diese Mischung der nationalen und städtischen Tracht ließ ihr sehr gut und hob sie aus ihrer Umgebung heraus. Jons konnte sich im stillen gar nicht von seinem Erstaunen erholen, was aus dem widerhaarigen Geschöpf geworden war.

Madle ging viel allein im Garten herum, besah jeden Baum und Strauch und schien sich der alten Bekannten zu erfreuen, die jetzt im Frühling lustig zu grünen anfingen. Am Nachmittag fand sich Jons dort zu ihr. Sie zog ihn mächtig an, mochte er sich's auch noch so harmlos auslegen. »Ich möchte dir noch einmal gute Freundschaft anbieten, Madle«, sagte er. »Ich weiß nicht, was dich damals so gegen mich aufgebracht hat. Aber wir sind nun ein paar Jahre älter geworden und können miteinander verständig sprechen. Hast du gegen mich einen Groll gehabt, den vergiß nun und glaube mir, daß ich dir immer gut gesinnt gewesen bin. Du bist ja deiner Mutter einziges Kind; da ist es doch zu traurig, daß du tust, als gehörtest du nicht hierher, und gibst den Leuten Anlaß, über euch beide zu reden. Zum Vater mag ich dir zu jung sein – jetzt mehr, als vor drei Jahren. Aber ich meine, wir können doch miteinander verkehren, auch wenn ich deiner Mutter Mann bin, woran ja nichts mehr zu ändern ist. Ich kann meines Lebens nicht froh werden, wenn du dich nicht mit uns aussöhnst.«

Er hielt ihr die Hand hin und sah sie recht treuherzig bittend an. Madle hatte ihn geduldig angehört und nur manchmal mit den Wimpern gezuckt oder die Lippen fester aufeinander gedrückt. Er mochte wohl auf sein Entgegenkommen eine freundliche Antwort erwarten. Sie aber blieb stumm und zupfte die Blüten aus einem kleinen Fliederstrauß, den sie abgepflückt hatte. Nach einer Weile blickte sie zu ihm auf, schien aber zu erschrecken und senkte gleich wieder die Augen. Seine Wangen hatten sich blitzschnell gerötet. »Hast du mir nichts zu sagen?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Nichts, Madle?«

Sie zerriß den Fliederstrauß. »Ich will nicht!« rief sie und wendete sich ab. »Ich weiß selbst nicht, was mir damals geschehen ist – aber ich kann's doch nicht loswerden. Meine Mutter ... Aber ich sage nichts – sie ist deine Frau. Laß mich! Es wird nur noch schlimmer. Morgen gehe ich nach der Stadt zurück und dann ...« Ihre Stimme wurde schluchzend. Sie entfernte sich schnell einige Schritte nach der Klete zu. Dort blieb sie noch einmal stehen. »Glaube übrigens nicht,« sagte sie, »daß ich dir feindlich bin. Nur so, wie du's haben willst ... nein, nein! Lieber in Feindschaft!« Sie eilte fort und schlug die Gartentür hinter sich zu.

Gegen Abend lärmte der alte Endratis, weil Madle am nächsten Tage wieder abreisen solle. Er hatte sich fest eingebildet, sie werde nun bei ihm bleiben, obgleich niemand davon sprach. Er war schon ganz schwachköpfig und jammerte, daß er in seiner Verlassenheit elend verkommen müsse. Eine Magd könne er nicht halten, und die Wirtin wünsche ihn lieber heute als morgen ins Grab. Er wolle aber doch sehen, wer das Mädchen zwingen könnte, ihn zu verlassen! Es nützte gar nichts, daß Madle selbst widersprach. Er hörte kaum mit halbem Ohr darauf und rief nur, indem er die Faust aufhob: »Sind das Menschen! Um das Grundstück haben sie dich gebracht, und deine Zinsen verschlucken sie, und dienen lassen sie dich bei fremden Leuten, und wenn dein Großvater alt und krank ist, sollst du ihm nicht einmal helfen! Und da beten und singen sie und streuen dem lieben Gott Sand in die Augen. Es ist eine Schande!«

Urte stemmte die Hände auf die Hüften und sagte: »Was willst du denn? Hab' ich dir die Madle schon verweigert? Wenn ich damals nicht gewollt hab', daß sie sich als ein störrisches Kind hinter die Großeltern steckte und ihrer leiblichen Mutter trotzte, so ist das jetzt anders geworden. Sie ist erwachsen und wird draußen gelernt haben, daß man sich fügen muß. Und du bist jetzt allein und viel krank und kannst sie brauchen. Mir aber wird sie nebenher im Hause auch nützlich sein. Deshalb ist's ganz in der Ordnung, wenn sie zurückkommt und ihre Pflicht tut gegen die Nächsten. Will sie das nicht, so ist's unsere Schuld nicht.« Madle war sichtlich in großer Angst. »Ich kann nicht,« sagte sie, »weiß Gott, ich kann nicht.«

»Da hörst du's nun«, rief die Frau.

»Weil sie fürchtet, daß ihr sie schlecht behandelt«, meinte der Alte; »weil sie nicht wie ein Kind –«

»Nein, nein!« fiel Madle ein. »Das wahrlich nicht.«

»Was denn aber–?« fragte der alte Mann ganz verwirrt, »ich bin doch dein Großvater.«

»Sie hat mit dir nicht mehr Mitleid als mit meinem Spitz«, spottete Urte.

»Mutter –!« schrie Madle auf. Sie faßte sich gleich wieder. »Es ist für dich so wenig gut als für mich, wenn wir beide ...«

»Was, was?« rief Urte sehr aufgeregt. »Sprich's doch aus, daß du keine Mutter haben willst und keinen Stiefvater.«

Madle hielt die Hände vors Gesicht und weinte. »O Gott, o Gott!« klagte sie. »Jons, ich bitte dich, laß es nicht zu, daß man mich zwingt zu bleiben. Es ist unser aller Unglück!«

»Mir ist's lieb, du bleibst hier«, sagte Kalwis, der in der Tür stand und sich bisher in den Streit gar nicht gemischt hatte. »Ich hab' dir heute schon gute Freundschaft angeboten.«

»Und nun gerade soll's geschehen«, bestimmte Urte. »Soll ich mir nachsagen lassen, daß ich dem alten Mann das Leben nicht gönne? Er schreit's ja selbst auf die Gasse hinaus. Jetzt will ich's: du kommst zurück!«

»Wenn du's willst,« sagte Madle sich aufrichtend, »dann freilich ... Den Großvater pfleg' ich schon gern. Aber vergiß nicht, daß du's selbst gewollt hast.«

»Was das für Reden sind«, schalt Urte. »Verstehst du ein Wort davon, Jons?«

Er schüttelte den Kopf, wagte aber dabei Madle nicht anzusehen. Es beunruhigte ihn, daß sie etwas im Rückhalt zu haben schien, das vielleicht auf ihn Bezug hätte. Ihm war so eigen beklommen zumut, solange sie wieder im Hause war, und doch wünschte er, daß sie bleibe. Weshalb sollte er sie auch meiden? –

Es war nun abgemacht, daß Madle zum Großvater sollte. Sie widersprach nicht mehr. Nur, meinte sie, würde sie doch den Dienst nicht auf der Stelle aufgeben können. Das leuchtete ein. Ein paar Wochen müßte man allerdings, trotz des Todesfalls in der Familie, der Herrschaft zugeben. »Ich kann nicht mitfahren,« sagte Urte, »da jetzt gerade in der Wirtschaft gar zuviel zu tun ist, und Endratis redet bei den Leuten doch nur unvernünftiges Zeug, wenn er sich nicht gar unterwegs betrinkt. Aber Jons hat Zeit, und er weiß auch die Worte gut zu setzen. Du kannst Madle morgen nach der Stadt bringen, Jons.«

»Ich habe Zeit«, antwortete er etwas zögernd und sah dabei schüchtern zu Madle hinüber, als wenn er sie fragen wollte, ob ihr's auch recht wäre. Sie lächelte nur vor sich hin und biß die Lippe. –

Es geschah natürlich, wie Urte es bestimmt hatte. Der kleine Wagen hatte nur einen Sitz für beide. Jons kutschierte selbst, machte es aber Madle nicht zu Dank, da er die Pferde gehen ließ, wie sie wollten. Sie nahm ihm bald die Leine aus der Hand. »Zurück kannst du mit den Braunen um die Wette träumen«, sagte sie; »jetzt erzähle mir etwas.«

»Was soll ich dir erzählen?« fragte er.

»Hast du in den Jahren nichts erlebt?«

»Nein. Es ist immer ein Tag ungefähr wie der andere gewesen.«

»Das ist recht langweilig.«

»Doch nicht. Wenn man viel liest und denkt ...«

»Hast du noch mehr Dainos für deinen Professor in Tilsit aufgefunden?«

»Ein paar.«

Er mußte sie ihr hersagen. »Wie kommt's nur, daß die Leute in den Liedern immer so traurig sind?« fragte sie.

»Es geht ihnen ja auch meist schlecht«, meinte er lächelnd.

»Doch nicht mehr, als im Leben gewöhnlich ist. Aber das ist's: sie nehmen es anders.«

Er sah sie überrascht an. »Wie verstehst du das?«

»Es geht ihnen zu Herzen,« antwortete sie, »und sie sprechen auch, wie es ihnen aufrichtig ums Herz ist.«

Nach einer Weile fragte sie: »Meinst du nicht, daß es mehr Leid als Freude in der Welt gibt?«

Er spielte die Antwort gleich auf religiöses Gebiet hinüber. Die Menschen bereiteten sich selbst viel Leid durch ihre Sündhaftigkeit, und von der rechten Freude in Gott wollten die wenigsten etwas wissen.

Das genügte ihr nicht. Das schwerste Leid, meinte sie, wäre doch das, wofür man gar nichts könne. Es komme, man wisse nicht wie, und es sitze fest, und alle augenblickliche Freude könne es nicht austreiben.

Man dürfe aber auch nicht unvernünftig dem lieben Gott vorschreiben wollen, entgegnete er, wie er die Welt regieren solle.

»Meinst du, daß er alles bestimmt,« fragte sie, »was jedem geschehen soll?«

»Das Gute freilich«, erwiderte er. Das Böse aber stamme daher, weil die Menschen sich seinem Willen nicht fügten.

Sie sann eine Weile nach, dann sagte sie: »Ich glaube, es ist alles bestimmt. Wir sind einmal so oder so geschaffen. Wenn wir auch abstreben, es nutzt uns wenig. Ehe wir es uns versehen, sind wir wieder dahingestellt, wo kein Ausweichen möglich ist. Wie es dann geht, so geht es.«

Jons glaubte zu erraten, worauf sie hinziele. »Zürnst du denn deiner Mutter noch immer, daß sie zum zweiten Male geheiratet hat?« sagte er.

Madle zuckte die Achseln. »Deshalb hab' ich ihr nie gezürnt.«

»Weshalb denn aber?«

Sie warf ihm seitwärts einen Blick zu, der wie ein Blitz einschlug.

»Weil sie dich geheiratet hat«, sagte sie schnell.

»Aber was tat ich dir, daß ich dir so verhaßt war?«

Um den hübschen Mund zuckte es. »Du warst mir nicht verhaßt.«

»Dann begreife ich doch nicht, warum deine Mutter gerade mich nicht heiraten sollte.«

Nun zog sie die Stirn in Falten. »Das begreifst du nicht, Jons?«

Er schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.

Madle lachte auf. »Freilich – so ein häßliches, garstiges Kind! Aber jetzt magst du's doch wissen – weil ich dir zu gut war

Das Blut drängte sich ihr nach dem Gesicht. Sie atmete kurz und zwischen den verbissenen Zahnen durch, während die Lippen geöffnet blieben. Die Leine in ihren Händen riß sie plötzlich an sich, daß die Pferde aufschreckten und im wilden Lauf fortstürmten. Nach einigen Minuten erst versuchte sie's wieder, sie in ruhigeren Gang zu bringen. Da er beharrlich schwieg, sagte, sie: »Warum lachst du nicht darüber? Ein Kind hat manchmal seine närrische Art – nach Jahren kann man darüber lachen. Und nach Jahren kann man auch die Wahrheit sagen. Das ist man einander schuldig, wenn man doch durchaus zusammenleben soll. Meine Mutter will's ja. Will sie's nicht?«

Jons saß da, wie in sich hineingesunken. Hätte er nur lachen können! Es war ihm, als ob ihm etwas ganz Unglaubliches gesagt wäre, das er doch glauben müßte wie ein Wunder. Wie vor einem verschlossenen Tore hatte er gestanden, und plötzlich war's weit aufgetan. Und wie er nun recht hineinschaute, meinte er, daß es gar nicht verschlossen gewesen sein könne. Er sah seitwärts auf das Rad, dessen blanker Reif sich unaufhörlich drehte; ein Gefühl des Schwindels erfaßte ihn. Madle ergriff ihn am Arm. »Was fehlt dir denn?« rief sie. »Bist du krank geworden? Du fällst noch vom Wagen.«

»Es muß wohl so sein«, antwortete er, sich aufraffend. »In meinem armen Kopf ...«

»Weshalb quälst du auch immer deinen Kopf?« schalt sie. »Du bist mit deinen Gedanken immer woanders. Ich kann sprechen, was ich will, du achtest kaum darauf. Da nimm nur wieder die Leine in die Hand, damit du doch etwas zu tun hast. Ich werde in die Wolken gucken, das unterhält recht gut.«

Sie tat auch so, und Jons störte sie nicht. Er fuhr aber jetzt rasch zu und ließ von Zeit zu Zeit die Peitsche knallen. Es war noch weit bis zur Stadt.

Dort brachte er das Fuhrwerk im Kruge unter. »Geh nur voran,« sagte er, »ich komme gleich nach.«

Madle blieb am Wagen stehen. »Du hast Zeit, dich zu bedenken«, bemerkte sie. »Wenn dir's nicht lieb ist, daß ich nach Hause komme –«

»Wie sprichst du doch«, unterbrach er sie, mit dem Absträngen beschäftigt.

»Es könnte doch sein. Wenn meine Mutter ... Du magst sagen, ich war' am Ende wieder eigensinnig gewesen.«

»Nein, nein, es bleibt dabei«, entschied er mit Festigkeit.

Sie ging. Erst nach einer guten halben Stunde folgte er ihr. Madle hatte mit ihrer Herrschaft schon gesprochen. Das war gut, denn Kalwis benahm sich recht ungeschickt. Endlich einigte man sich dahin, daß das Mädchen noch sechs Wochen im Dienst bleiben sollte. »Du hast einen sehr jungen Stiefvater«, meinte die Frau. »Ein älterer war' mir auch lieber,« versicherte Madle, »aber meiner Mutter hat er so gefallen.«

Auf der ganzen Rückfahrt hatte Jons Kalwis nichts anderes im Sinn als jenes sonderbare: »Weil ich dir zu gut war!« Er betete zehn Vaterunser hintereinander, aber es half ihm nichts. Madle stand ihm immer vor Augen, und er legte die Hand auf den Platz, den sie neben ihm innegehabt hatte. Jedes Wort, das sie in den letzten Tagen gesprochen, brachte er wieder in sein Gedächtnis, und es bedeutete nun etwas. »Weil ich dir zu gut war!« Und er ahnte nicht einmal ... Madle hatte sich grausam gerächt.

Ein anderer kehrte er zurück, als er gegangen war.

Und alles um ihn her sah plötzlich anders aus, als es solange ausgesehen hatte.

War das noch dieselbe Frau? Sie schien wirklich zehn Jahre älter geworden als er – an diesem einen Tage. Er wollte seine Augen zwingen, die Runzeln auf ihrer Stirn nicht zu bemerken, aber seine Augen zwangen ihn. Immer stand Madles blühende Gestalt neben ihrer ausgereiften.

Wenn Urte jetzt in ihrer männlichen Art Befehle gab, mit den Dienstleuten zankte, mit den Nachbarn und mit Fremden verhandelte, wie rauh klang ihm das! Und daß immer ihre Gedanken nur auf die Wirtschaft, auf die Vermehrung ihrer Habe gerichtet waren, daß sie jedem möglichst knapp seinen Teil zumaß und bei Kauf und Verkauf kleine Vorteile erlistete – unbegreiflich, daß er daran bisher keinen Anstoß genommen! Er hielt an sich, solange er's vermochte. Dann fiel eine Bemerkung, die sie übel deutete; ein Wort gab das andere, zum ersten Male kam es zu lautem Zank zwischen den Eheleuten, und es blieb nicht bei diesem ersten Male.

Die sechs Wochen gingen rasch vorbei. Von Tage zu Tage war Kalwis unruhiger und unsteter geworden. Mehrmals unternahm er Reisen in die Niederung, um dort Versammlungen abzuhalten. Urte verlangte, daß er Madle aus der Stadt abholen solle, aber er weigerte sich entschieden; er habe zugesagt, in den Fischerdörfern am Haff zu sprechen, und müsse Wort halten; es könne sein, daß er eine Woche ausbleibe. Darüber äußerte sich nun Urte unzufrieden. »Du treibst es immer toller«, schalt sie, »und wirst nächstens mehr auf der Landstraße als zu Hause sein. Freilich, wenn dir die Frauenzimmer schon von einem Dorf ins andere nachlaufen! Die Ilsze Wasbutis und die Erdme Kubillus haben es sicher nicht zu weit bis ans Haff. Man muß sich in ihr Herz hinein schämen.« Er ließ sich indessen nicht zurückhalten. Es ängstigte ihn, mit Madle wieder allein zu sein; sie sollte wissen, daß er sie nicht aufsuche; sie sollte ihn gar nicht einmal zu Hause finden, wenn sie kam.

Aber wie er auch seine Rückkehr verzögerte, endlich mußte er doch heim. Und die erste, die ihm entgegenkam, war Madle. Sie saß auf dem Bänkchen an der Haustür und las in einem von seinen Büchern, stand eilig auf und reichte ihm die Hand zum Willkomm. »Ich glaubte schon, du wolltest gar nicht mehr zurückkehren,« sagte sie, »da ich nun zu Hause bin.«

»Das ist doch kein Grund«, meinte er stotternd.

»Ich habe dein Buch genommen«, bemerkte sie; »darüber darfst du nicht böse sein.«

»Ich freue mich vielmehr,« versicherte er, »daß du lesen magst.«

»Es ist so langweilig hier im Dorfe,« sagte sie, »und die grobe Handarbeit gefällt mir noch nicht.«

»Das glaub' ich wohl«, bestätigte Jons. Er hielt noch immer ihre Hand fest und fühlte, wie weich sie war unter seinen Fingern.

»In der Stadt hab' ich auch die deutschen Bücher der Kinder gelesen«, fuhr sie fort. »Da sind schöne Geschichten drin, und ich will sie dir erzählen. Du kannst sie litauisch aufschreiben.«

So plauderte sie eine Weile fort, und Jons vergaß das Hineingehen. Wie hübsch Madle war, und wie zierlich sie sprach, und wie reizend sie lachte! Sie hatte etwas in den Augen, das ließ sich gar nicht ergründen; und doch schien sie nun ganz offen und ohne Rückhalt. Diese Augen! Er konnte nicht los von ihnen.

Im Hause entstand Lärm. Urte zankte derb die ungeschickte Magd aus. Es klang Jons schrill in die Ohren. Bald darauf trat sie auf die Schwelle und sah die beiden im Gespräch. Sie setzte die Hände auf die Hüften und sagte scherzhaft, aber doch geärgert: »Da hilft ein Fauler dem andern.« Nun begrüßte Jons sie, kaum anders, als ob er nur am Morgen fortgegangen wäre. Sie umarmte ihn doch und gab ihm einen Kuß. »Es ist nur gut, daß du wieder da bist«, bemerkte sie und klopfte ihm auf die Schulter. »Die Zeit ist mir recht lang geworden. Das Volk wird immer nichtsnutziger, und mit Madle hat man auch täglich seine Not. Du wirst nächstens einmal ein scharfes Wort sprechen müssen, damit sie merkt, daß ein Herr im Hause ist. Ich bin doch nur die Mutter.« Das Mädchen war gleich fortgelaufen.

Madle schlief in der Altsitzerstube und hielt sich dort auch einen großen Teil des Tages auf. Die Tür zur großen Stube war vernagelt gewesen, solange die Großmutter lebte; nun bog sie die verrosteten Nägel ab, damit sie sich wieder öffnen ließe. Wenn sie wußte, daß Urte auf dem Hof oder dem Felde beschäftigt war, kam sie herein, stellte sich plaudernd hinter Jons' Stuhl oder setzte sich zu ihm an den Tisch, stützte die Ellenbogen auf und sah ihn unverwandt mit ihren wunderlichen Augen an, wenn er etwas vorlas und erklärte. Er nahm immer gleich ein Buch, wenn sie kam, und hielt es mit beiden Händen fest, als wollte er sie fesseln. Manchmal wollte sie selbst eine Stelle lesen und rückte dann ganz nahe zu ihm heran. Er fühlte den warmen Hauch ihres Mundes auf seiner Hand und ihre Schulter an der seinigen. Das Blut pochte ihm in den Adern.

Es kam vor, daß Urte unerwartet eintrat und das trauliche Beisammensein störte. Daß Madle nun mit ihrem Mann ganz freundschaftlich verkehrte, sah sie gar nicht ungern. Ihr Verdruß war nur, daß soviel schöne Zeit bei den Büchern verschwendet wurde. »Du bist nun einmal so«, sagte sie zu Jons, »und wirst nicht anders werden. Aber für ein Mädchen schickt sich die Gelehrsamkeit schlecht. Du solltest ihr lieber ernstlich raten, sich in der Wirtschaft umzusehen, damit sie einmal ihrem Manne Gutes tun kann.« Urte war sonst so eifersüchtig, aber hier hatte sie kein Arg.

Wenn Madle im Garten war, hielt es Jons nicht lange in der Stube. Im Garten fühlte er sich viel freier. Jedermann könne über den niedrigen Zaun sehen, meinte er, und sich überzeugen, daß nichts Unrechtes vorgehe. Er wollte vergessen, daß es auch da dichte Hecken von Flieder und Holunder gab, und daß der Hopfen die Stangen hinter der Klete schon weit hinauf erklettert, unten aber eine schattige Laube gebildet hatte, in der Madle ganz besonders gern saß. Sie schalt wohl: »Bist du schon wieder da? Hast du nichts Besseres zu tun als mir aufzupassen?« Aber sie zürnte ihm nicht, wenn er blieb, rückte nicht fort, wenn er sich zu ihr setzte, und nahm ihre Augen wenig in acht, wenn er zu ihr sprach. »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist«, versicherte er; »ich muß mich jetzt immer zu den Büchern zwingen. Die Torheit ist mir lieber als die Weisheit.« Manchmal jagten sie einander wie die Kinder durch den Garten, bis er sie gefangen hatte, oder sie faßten sich bei den Händen und rangen unter hellem Lachen, um zu proben, wer der Stärkere sei. Als die Bierkirschen reiften, kletterte er auf die Bäume und pflückte ihr die schönsten und dunkelsten von der Sonnenseite. Das Leben schien ihm ganz lustig zu werden; er hatte es so noch niemals genossen.

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