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Mütter und Amazonen

Bertha Diener: Mütter und Amazonen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorBertha Eckstein-Diener
titleMütter und Amazonen
publisherAlbert Langen Verlag
printrun1.-5. Tausend
year1931
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181213
projectid88718b69
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Die magische Menschheit

Leichter vom Biß einer Kobra geheilt als vom Blick einer zornigen Priesterin.

Afrikanisches Sprichwort

 

Der Glaube des andern heißt Aberglaube.

 

Gegen den verfehlten Ausdruck »Naturvölker« ist nicht mehr aufzukommen. Also möge er hier zuweilen weitergebraucht werden, doch mit einer gewissen reservatio mentalis, nämlich nie im Gegensatz zu irgendwelcher »Kultur«, weil da kein Gegensatz besteht, höchstens zur Zivilisation; denn führt man diese an hochkultivierte, wie unkultivierte, begabte, wie unbegabte Naturvölker – es gibt beides – von außen heran, so verfallen sie ihr zwar, verfallen aber, in Ruhe gelassen, nicht von selbst auf sie. Versiegen bei nachlassender Rassenkraft ihre Impulse, so verwesen solche Völker vielleicht bei lebendigem Leib, aber die Regression ins Anorganische, zu Rechenschiebern oder sonstwie nummernartigen Produkten scheint ihnen von innen heraus nicht zu drohen, weil bei ihnen keine »Massen«bildung auftritt.

Auch die Bezeichnung »Primitive« ist eigentlich fehl am Ort. Die meisten sind Platoniker. Haben ganz unabhängig, rein intuitiv die Ideenlehre entwickelt, welche nicht wenigen Zivilisierten, trotz heißem Bemühen, verschlossen bleibt; mehr noch: sie sind vom Platonismus durchdrungen. Ein Maori, von Missionaren befragt, was er damit meine, daß »alles beseelt« sei, erwiderte wörtlich: »Wenn etwas nicht vom Schatten eines Gottes besessen wäre, könnte dieses Ding keine Form haben.«

Viele »Primitive« kennen und benennen die zartesten psycho-physischen Unterschiede von Wirkungsströmen, Kräften, Strahlen, Wellen zwischen Geschöpf und Geschöpf, für die unsre Nerven zu stumpf sind, unsre Instrumente soeben erst fein genug werden. Dr. Cazzamalli, Professor an der Universität Mailand, ist es bei seinen Versuchen in den Jahren 1923–24 gelungen, zerebrale Radiowellen, die von Sensitiven in hellseherischem Zustand ausgehen, zu registrieren und hörbar zu machen; also Ausstrahlung von besonderen Gehirnwellen, wie sie nur bei telepsychischen Phänomenen auftreten. In der Isolierkammer erzeugen sich dann elektromagnetische Oszillationen in direkter Abhängigkeit von hellseherischen Zuständen der Versuchsperson. Prasselgeräusche, Zischen, Tonmodulationen im Apparat (Hörer) setzen sofort aus, sobald sich die Television des Hellsehenden auflöst. Bei schöpferischen Akten künstlerisch oder sonst hochbegabter Versuchspersonen nicht medialer Veranlagung zeigt sich nur eine sehr geringe Beeinflussung des Apparates, bei Schwachsinnigen gar keine, genau wie bei den Intellektuellen. Die Fachsprache der Naturvölker für solcher Art Gefühltes, unsichtbar Wirkendes ist nicht weniger präzis gestuft als etwa das Sanskrit für die Philosophie. Das alles besteht sehr wohl mit Kopfjägerei, Blutorgien, Menschenopfern zusammen, bedingt sie sogar gewissermaßen. Diese Menschen sind ihrer Mehrzahl nach auch mit dem zweiten Gesicht begabt, haben »Ahnungsorgane«, »axiomatische Botschaften von Entsprechungen«. Wer möchte solches »primitiv« nennen! Ihre Kompliziertheit ist nur ganz anders gelagert als bei uns. Nicht rational.

Was aber könnte platterdings »primitiver« sein als so mancher Graue-Hirnrinden-Helot, eingeengt in seine festgefahrenen Denkgeleise, abgezweckt auf Nutzeffekt.

Dies soll nicht dem Thema: »Wir Wilden sind doch bessere Menschen«, sondern nur der Einsicht dienen: wer in die Rätsel der Mutterreiche auch nur hineinahnen will, wird gut tun, alle verstandlich banalen Denkketten draußen zu lassen.

Daß »die Konstanz der Natur eine Illusion ist«, wissen wir zwar, machen aber selten von dieser Einsicht Gebrauch. Keine engere Verblendung als etwa unser wissenschaftliches Weltbild für »objektiver«, »wahrer« zu halten als ein anderes, weil die Wahrnehmung hier auf eine bestimmte, »objektiv« genannte Weise verengt wird, etwa auf das Ablesen der Zahlen von Meßinstrumenten, »während die ganze übrige Persönlichkeit dabei absichtlich ausgeschlossen bleibt«. Bei der sogenannten »streng wissenschaftlichen« Erkenntnis wird nur ein andrer Teil des »Subjekts« in Tätigkeit gesetzt und ergibt eine anders gerichtete Einseitigkeit im Subjektiven oder mit den Worten Edgar Dacqués, des Neubegründers dieser Einsicht: »Es zeigte sich jedesmal, daß das Existente, in Teile und Atome aufgelöst und danach wieder aus den Teilen und Atomen aufgebaut, lediglich eine in die Denkform von Quantitäten, bewegten Körpern und Raumentfernungen übersetzte Systemisierung war und so zu einer Art allegoriehafter Symbolik wurde. Jedoch nun nicht eine Symbolik, die inneres Leben unmittelbar zum Ausdruck brachte, sondern larvenhaft war.«

Ein larvenhaftes Weltbild für Larven. Seine Großartigkeit soll damit durchaus nicht geschmälert werden. Wie jede Askese hohen Stils – es gibt auch ordinäre, verblödende Askesen –, hat gerade dieses einseitig ins Äußerste Treiben einer besonderen Betrachtungsart dort draußen, am äußersten Ende des Denkstrahls, Ekstasen aus eisiger Phantastik erzeugt, Visionen wie nur je ein Geheimwissen, denn das ist sie, unzugänglich hinter ihren Differenzialgleichungen in einer Exklusivität, wie sie kein Hochgrad eines Ritterordens je besaß.

Wo dieser Graue-Hirnrinden-Fanatismus aber nicht hinter dem Stacheldraht seiner Gleichungen bleibt, wirkt sich seine grandiose Einseitigkeit für die Sinngebung des Gesamtlebens notwendig tragisch aus, wie in der Astronomie mit ihrer Leere, Öde und Bezugslosigkeit zum übrigen Dasein. »Das Weltbild eines Monstrums«, wie es J. von Uexküll genannt hat. Da hängt grotesk ein unbeträchtliches Etwas an einem fabriksschlotlangen Auge, das zu seinem übrigen Organismus in keiner Weise paßt, sammelt in dieser künstlichen Gigantenlinse, was nur einem ganzgewachsenen Giganten anstünde. Ein Wesen, auf natürliche Weise mit solchem »Teleskopauge« begabt, hätte doch im übrigen uns völlig unvorstellbare Sinne – gewiß eine andre »Zeit« –, die ihm wieder einen harmonischen Kosmos schüfen. Dies ungefähr Uexkülls Gedankengang. Hier und jetzt aber hat das »Männliche« in einer rabiat großartigen Organprojektion sich einen künstlichen Hirnphallus aus Stahl und Glas riesenhaft an den Kopf gesetzt, der ihm eine monströs-unpassende Umwelt erzeugt, wie er selbst mit dem phallischen Riesenrefraktor vor der Stirn zum unpassenden Monstrum wird. Nicht als ob jener Ausschnitt im Teleskop nun »richtig« wäre und der Rest noch »falsch«, vielmehr: zwei subjektive Bilder widersprechen einander, weil nicht zusammen geboren. Goethe wußte sehr wohl, warum er nie durch ein Fernrohr schauen wollte.

Im Gegensatz zum gradfort stürzenden Geist lebt Seele gesammelt in einer Welthöhle, von fester Himmelsschale der oberen funkelnden Eihälfte gern umschlossen, daß nichts von ihr entweiche. Für diesen weiblich gebildeten Kosmos hat Frobenius das Wort »höhlenhaft« geprägt; in seinem Sinn will es hier verstanden sein, nicht aber als Spenglers »magische Welthöhle«, die dieser einer einmaligen, von den Arabern getragenen Hochkultur zuspricht.

Alle Mutterreiche sind vorwiegend uterin empfunden. Nichts irrt und strebt da ins unendlich Leere, alle Kreatur bleibt von einer unbewußten Eihaut umspannt, dafür im unendlich Erfüllten. Lebensdichte statt Lebensferne. Das Weltei ist durchpulst von einem seelennährenden Allfluid; jedes Wesen da drinnen wirkt auf das andre mit einer uns unvorstellbar ziehenden Kraft, wie sie vielleicht ungeborne Zwillinge aneinander spüren.

Levy-Brühl und die moderne französische Schule fanden zuerst, daß die Naturvölker (der Welthöhle) infolge dieser pulsierenden Dichte in »metaphysischen Kollektivvorstellungen« leben. In diesem uns vielleicht infolge Verdrängung der Zirbeldrüse durch das Großhirn nicht mehr zugänglichen Reich spielt sich das Wesentliche ihres Daseins ab. Daher ist auch ihr System von Ursache und Folge gar nicht überschaubar, weil bezogen auf jene zweite, hintergründige wogende Wand. »Es ist eine andre Kausalreihe im Unsichtbaren; die uns offenliegenden Tatsachenketten weist er (der Primitive) zurück.«

Da uns aber jene zweite, allfluidische Seelenwelt verschlossen bleibt, in der Ursachen gesehen, in die Wirkungen hinübergezielt werden, so erscheinen uns die angewandten Mittel über alle Maßen läppisch. Es sind die Mittel der Magie. »Sie setzt eine uns verborgene, aber axiomatische Beziehung vor die sinnliche.«

Der magische Mensch lebt jedoch nicht etwa im »Übersinnlichen, nur im Anderssinnlichen«. Für ihn ist »Zauber« nicht Zauber, sondern das natürliche Ausnützen und Dirigieren von Kräften. Für ihn ist wieder unsre Technik, deren Zustandekommen er nicht begreift, »zaubern«. »Wir zaubern ja auch, wenn zaubern heißt: mit unbekannten Kräften operieren. Elektrizität ist auch eine okkulte Kraft, wir wissen nicht, was Elektrizität ist, die Theorien wechseln alle zehn Jahre von Grund auf, aber die praktische Anwendung wächst und erweitert sich durch die Erfahrung. Zaubern ist Erfahrung und Machtwirkung mit Kräften, deren Wesen unbekannt ist, also – alles

Magie und Wissenschaft ist es ferner gemeinsam, daß sie beide eine Gesetzmäßigkeit im Ablauf des Geschehens voraussetzen, »gleiche Ursachen, gleiche Wirkungen«, das Bezugssystem ist nur ein anderes. S. Reinach hat Magie die Strategie des Animismus, Hubert Mauß hat sie die Technik des Animismus genannt. Beschwörung, Zauberei sind für den magischen Menschen Praxis, nicht Spekulation. Was dieser Praxis zum Grunde liegt, sind für ihn gar nicht zu diskutierende Axiome seines Bewußtseins. Magie selbst ist eine Erfahrungswissenschaft des zweiten Gesichts und ruht auf dem Gefühl für einen Seelenstoff, verschieden von der Einzelseele; auf einer durchwaltenden Kraft und, im Gegensatz zu unbelebten Naturkräften, einer lebenden kosmischen Potenz, mag sie nun Manitu, Orenda, Wakonda, Mana heißen. Einem magischen Menschen die Existenz dieser lebendigen Fluida, in deren Wirkungswelt er atmet, ausreden wollen, wäre ebenso aussichtsreich, als wollte irgendein völlig anders organisierter Jemand uns die Existenz der Luft ausreden, während wir, zuhörend, bei jedem Atemzug unsre Lungen mit ihr füllen.

Für den magischen Menschen bewährt sich Magie, denn sein Kosmos funktioniert, wiewohl es nach unsern Begriffen unmöglich scheinen sollte, mit so irrwitzigen Mitteln irgendwelche, für das praktische Leben brauchbare Resultate zu erzielen. Frazer glaubte die Entstehung der Religion aus dem Versagen der Magie erklären zu sollen; von ihr enttäuscht, hätte die Menschheit sich nun an »Götter« zur Erreichung ihrer Ziele gewandt. Diese Ansicht ist von Beth, der Religion, wohl mit Recht, aus grundverschiedener Schöpferkraft ableitet, schon damit einleuchtend widerlegt worden, daß kein Magie treibendes Volk diese je aufgegeben hat, trotz aller Religion.

Im ganzen Stillen Ozean heißt eines dieser unsichtbaren Materialien der Magie: »Mana«. Codrington sagt von ihm: Es wird für ein Etwas gehalten, verschieden von den gewöhnlichen Naturkräften, und kann Gutes wie Böses wirken, weil es unpersönlich ist. Sein Besitz gereicht zum größten Vorteil. »Mana« ist an nichts festgebunden, kann überall hin mitgeteilt werden. »Geister«, vom Körper getrennte Seelen, höhere Wesenheiten besitzen es in Fülle. Es geht von persönlichen Existenzen aus, kann sich aber vermittels Wasser, Steinen, Knochen usw. äußern; auch Wortfolgen, Zauberlieder sind »Mana« und machtvoll, wenn sie den Namen eines Geistes enthalten. Hat jemand »Mana« bekommen, so kann er es wie immer gebrauchen. Findet jemand einen Stein ungewöhnlicher Gestalt, von dem er glaubt, er sei »Mana«träger, so macht er die Probe, legt ihn unter einen Baum; bringt dieser überreiche Ernte, so ist der Stein »Mana«vehikel und kann auch andern Steinen »Mana« übermitteln (Magnetismus, Induktionsströme). »Mana«haltige Personen verdingen sich um hohen Lohn. Auch in Europa taugen ja nur bestimmte Leute zu Gärtnern, weil Pflanzliches in ihrer Hut gedeiht. »Mit ›Mana‹ kann man Regen machen, die Naturkräfte beherrschen, Krankheiten erzeugen und beseitigen, es ist im Guten wie im Bösen anwendbar, von wunderbarer, unerklärlicher Wirkung, aber nur quantitativ, nicht qualitativ vom Gewöhnlichen verschieden, vielmehr seine machtvolle Steigerung.«

Dann gibt es den individuellen Seelenstoff, wie er an allen Ausscheidungen, Abfällen von Haaren und Nägeln, an allen in der Hand oder am Körper getragenen Gegenständen haftet. »Von diesem Seelenstoff entwendet der feindliche Zauberer, um mit ihm schädigende Praktiken zu treiben (pars pro toto). Nach dem entschwundenen Teil des Seelenstoffes wiederum sucht der befreundete Zauberarzt oder lockt den Entwendeten durch nahegebrachte frische Teilchen; folgt der entwendete Seelenstoff nicht, so muß der Patient sterben.« (Beth.)

Nun ist es sehr lehrreich, zu beobachten, wie alterfahrene, ruhige Farmer und Kolonisten, recht nüchterne Kostgänger, wenn sie einmal jahrelang in solcher Umwelt gelebt haben, ihr Verhalten zu ändern beginnen. Leute, die hier in Europa nur an die Höchster Farbwerke glauben, verwenden dort statt Chemikalien unweigerlich den »Schamanen«, gilt es, Insektenschwärme von ihren Plantagen abzulenken. Sie lassen Löwen mit »Fernbann« belegen, vertrauen auch ruhig dem »Jagdzauber« ihrer eingebornen Begleiter, die mit tagelangen grotesken Riten und Bräuchen unbekannter Fernsuggestion die Beute zwingen, ihnen an bestimmten Stellen über den Weg zu laufen, als könne kein Geschöpf in dieser magisch-uterinen Lebensdichte sich recht gerichteter Einflußströme anderer erwehren. Und wer mit Verstand lange unter Malaien gelebt hat, lernt es, nicht leichtfertig Rachegelüste Eingeborner und damit den Tötungszauber durch Defixionspuppen auf sich zu ziehen. Vielleicht hat er zu oft bemerkt, daß die Gehaßten dann schwer erkrankten, oh, gewiß an einem ganz »normalen« Leiden, ihm aber schien das nicht genügender Beweis gegen den vermuteten Zusammenhang. Der bessere schwarze Magier mordet durch »natürlichen« Tod. Arsenik in den Kaffee zu schütten, bringt schließlich eine mechanisierte Hausgehilfin auch zustand. Alles recht unwahrscheinlich! Zugegeben, »aber mit den Verhältnissen ändern sich die Probabilitäten«. Tropenneurose! Regression ins Infantile! Wenn man will. Solche Dinge lassen sich nie endgültig beweisen, nie endgültig widerlegen. Daß »Primitive« nach Übertretung einer ihrer Tabuvorschriften oft innerhalb weniger Tage – vielleicht infolge Autosuggestion – sterben, ist von Missionären und Ethnographen häufig beobachtet worden. Ein australisches Kind, gefragt, warum es so bedrückt sei, erwiderte, es habe ein Stückchen vom weiblichen Beuteltier, dem Totem, gegessen und sei nun verloren. Wenige Tage darauf starb es, ohne sichtliche Erkrankung. (Levy-Brühl.)

Was gilt nun bei solchen Axiomen als Verbrechen? Mord ist oft durch eine kleine Entschädigungssumme an die Familie zu begleichen, während das Essen einer Kokosnuß an einem bestimmten Tag mit dem Tod bestraft wird. Der Mord war Privatsache, die Verletzung einer Tabu-Vorschrift des ganzen Stammes Gefährdung.

Was Fernwirkung auf Tiere betrifft, so haben Versuche mit Pferden sogar in Gegenden aus armiertem Beton einen verblüffenden Effekt gehabt. Wurde Pferden eine gewisse Bewegung anbefohlen, so zeigte sich, daß in weitabliegenden Gestüten andre Pferde anfingen, die gleichen Bewegungen zu gleicher Zeit mitzumachen. Steinzeitliche Tierdarstellungen auf Felsen oder in Höhlen sind schon längst, wiewohl sie ausgezeichneten Stil haben, nicht mehr als »Kunst, l'art pour l'art«, sondern als Jagdzauber erkannt worden.

Auch totemische Riten werden nur aus dem »Teilhaben« an Wesenheiten, die wir nicht kennen, wenigstens erahnbar. So hat jeder magische Mensch hohen Stils an drei Totems teil: am Stammestotem, dem weitaus wichtigsten, dann, je nach seinem Geschlecht, an einem männlichen oder weiblichen Totem, schließlich aber erwirbt jeder bei der Reife mit seinem neuen Namen zugleich seinen Privattotem, den er selbst in sich zu finden hat.

Das Tagesleben des Naturmenschen ist, als prälogisch und bilderdurchströmt, gerne mit unserem Traumdasein verglichen worden. Es wurde auch, was dem Materialismus nahelag, versucht, allen »Geisterglauben« aus dem Traum abzuleiten. Da der Primitive Traum von Wirklichkeit nicht unterscheiden könne, habe er, von Verstorbenen träumend, diese eben als weiter existierend und real vorhanden betrachtet. Nun haben Naturvölker aber eine Traumkultur und eine Traumwissenschaft, so fein gestuft, wie sie sich die Psychoanalyse wünschen könnte. Levy-Brühl sagt darüber: »In erster Linie unterscheiden sie die Wahrnehmungen, die ihnen in ihrem Traum zuteil werden, sehr wohl von denen, die sie im Wachzustand empfangen, mögen die beiden im übrigen auch noch so gleich sein. Sie erkennen sogar sehr verschiedene Kategorien von Träumen an und legen ihnen mehr oder weniger Wert bei.« Die Ojibways (N.-A.-Indianer) haben ihre Träume in verschiedene Klassen geteilt und einer jeden einen Namen gegeben. Der vortreffliche Bischof Baraga hat in seinem Sprachwörterbuch die Namen der Indianer für einen »schlechten« Traum, für einen »unreinen«, für einen »unheilvollen« Traum, auch für einen guten und glücklichen Traum zusammengetragen. (Kohl.) Die Primitiven bringen also in der vollen Erkenntnis der Ursache und mit Bewußtsein der einen Art Wahrnehmungen ebensoviel Glauben entgegen wie der andern. Die »Illusionstheorie« ist unzureichend. Wie geht es zu, daß sie trotz ihrem Wissen um die bloße Geträumtheit des Traumes sich dennoch auf ihn verlassen? Dies zu erklären, ist es wieder unumgänglich nötig, die mystischen Kollektivvorstellungen in Berechnung zu ziehen, die aus der Wahrnehmung wie aus dem Traum etwas schaffen, das von dem, was diese für uns bedeuten, ganz verschieden ist.

Aus Schlafmagie erwächst ja auch die Ehe. Ehe heißt zusammen schlafen. Was in diesen acht aus je vierundzwanzig Stunden unbewußt zusammengelebt wird, ist das Bindende, nicht was bei Tag, wachbewußt, zusammengeredet wird.

Magie ist Besitzergreifung der Umwelt nur mit anderen Mitteln. Mit den magisch richtigen Mitteln. Diese aber sind, weil an Begabung gebunden, in hohem Maß Sondergut einzelner oder einer Sippe. Solche Gabe, durch Opfer, Bräuche, Weihen, rituelle Orgien gepflegt und erhöht, bedarf noch einer besonderen Lebensweise in Permanenz, denn alles muß lange in einer Richtung betrieben werden, ehe es Resultate ergibt. Jede Esoterik ist ihrem Wesen nach asozial, sozial erst in ihren Auswirkungen.

Magie führt also zu Priestertum. Es wird Clangut, notwendig Frauengut; denn wer verstünde sich aus ureigenstem Organgefühl heraus wohl besser auf jene geheimnisvollen Lebensströme, naturhaft-nährenden Arkana, die den uterinen Kosmos durchfluten, als jene, deren Abbild er ist. Frau und Welt sind Entsprechungen, man kann die eine für die andre setzen, und beider Gezeiten, Rhythmus und Flutwelle des großen wie des kleinen Eies lenkt der gleiche Mond, der sie als Schicksal riesengroß umleuchtet. Dieses Weibgestirn regelt die Wasser des Ursprungs. Nach zehn seiner Umläufe wird jeder Mensch in die Zeit: das Schicksal, entlassen.

Für eine magisch natursichtige Menschheit muß der priesterliche Wert der Frau hoch über dem Sexuellen stehen, beide bleiben an die Mutterimago in hohem Grad fixiert. Wer am längsten Weib ist, im Weibswesen aus Blut und Mondmagie am erfahrensten, der herrscht. Also herrscht die Matrone. Die sechzehn elischen Matronen und jene auf den Balearen trennen die streitenden Heere und gebieten Frieden. Das gallische Matronenkollegium hat als inappellable Instanz die letzte Entscheidung im Hannibalischen Vertrag, Cäsar berichtet, wie die weisen Frauen dem Heer des Ariovist den Kampf vor dem Mondwechsel verbieten; in Peru wie in Assyrien, im alten Karthago wie im heutigen Mittelamerika, in Afrika und auf Sumatra bilden Matronen die Priesterkollegien, und stets heißen sie »Mütter«, denn auf der Ehrwürde liegt der Akzent; auch die delphische Pythia mußte eine Witwe sein, wie die am Amazonas, in Patagonien, bei den Abiponen; die weiblichen Geheimbünde der ganzen Erde werden von Greisinnen gelenkt. Der Globus war einmal so überschwärmt von alten Priesterinnen, wie in einer anderen Zeit mit jungen Eroberinnen zu Pferd. Opfern, Besprechen, Bräuche üben, Heilkunst, Prophetie, Zauber brauen, der über Felder geschüttet wird, das war immer in den Händen der Frau und ihr streng gehütetes Wissen. In Nord-Borneo haben die Frauen eine eigene Priestersprache, unverständlich dem Laien, gleich unserem Kirchenlatein. Früher Gottesdienst ist weiblicher Geheimkult von China über Irland bis Kalifornien, von Alaska bis zum Kap Horn; bei kultivierten wie barbarischen Völkern. War je ein Ausspruch unangebracht, so das: mulier taceat in ecclesia. Ohne mulier gäbe es gar keine ecclesia, sie ist ihr Werk. Priesterinnen lenken Feuer und Wasser, manchmal mit gefesselter, manchmal mit entfesselter Sexualkraft, durch Jungfräulichkeit oder heilige Prostitution unter gottesdienstlichen Zoten.

Zu Frazers Lieblingsstudien gehören schon lange priesterliche Frauensippen. Er hat die Vestalinnen in den beiden Amerika, in Afrika, dem archaischen Italien mit seiner beispiellosen Gründlichkeit zurückverfolgt bis zum Zenit ihrer Macht. Sogar in der männerrechtlichen Hochphase des republikanischen Rom bahnten ihnen Liktoren, wo sie gingen, den Weg. »Konsuln und Prätoren wichen zur Seite, neigten die Embleme vor ihnen.« (Plutarch.) Bei den Zirkusfesten saßen sie auf erhöhtem Ehrensitz, wie die Priesterin der Demeter bei den Olympischen Spielen. Jede Beleidigung einer Vestalin wurde mit dem Tod bestraft. Keinem Menschen untertan, der väterlichen Gewalt entzogen, blieben sie völlig frei.

Ursprünglich waren die Vestapriesterinnen Gattinnen des Königs von Rom gewesen, als dem Repräsentanten der Gottheit; durch die Ehe mit ihnen wurde er erst legitim und sakrosankt. Sie werden ja auch öfter als Mütter römischer Könige erwähnt. Servius Tullius galt als Sohn einer Vestalin und eines feurigen Phallus, der aus der heiligen Flamme gegen sie züngelte.

Heliogabal, der Verworfenheitssnob, wäre recht klein geworden, hätte er erfahren, daß jener Frevel, von dem er so viel hielt: der Sexualverkehr mit einer vestalischen Jungfrau, nichts war als »eheliche Pflicht«, wie seine Vorgänger, die römischen Priesterkönige, sie zu leisten pflegten. Da es aber damals Sir James Frazers »Magical Origin of Kings« nicht gab, wußte man eben noch zu wenig über das prähistorische Rom, und die Blamage kam nicht heraus.

Die Vestalinnen hatten Feuer und Wasser zu regulieren, vornehmlich den Stand des Tiber. In selbstverfertigten Gefäßen, der »Numa«-Keramik, aus besonderen Erden unter bezaubernden Bräuchen gebrannt, schöpften sie von der heiligen Quelle außerhalb der Porta Capena Wasser für jene, der Feuchtigkeit und Lebensordnung dienenden Tempelriten. Nichts, was durch profane Wasserleitungsrohre geflossen, durfte verwendet werden. Vielleicht bringen nur lebensnahe Menschen, die um solche Feinheiten wissen, auch etwas mit der Natur auf magische Weise zustand.

Reinheit regelt, Orgie entfesselt. So erzählt H. Junod von den Regenmacherinnen der Baronga, eines südlichen Bantustammes: »Die Frauen ziehen sich splitternackt aus, legen dann Haarschmuck und Gürtel aus einer besonderen Schlingpflanzenart an.« Unter eigenartigen, erregenden Schreien wird eine Prozession geformt, werden Lieder von einer »abstoßenden Obszönität« gesungen, und wird zu einer Hütte gezogen, wo eine Frau Zwillinge geboren hat. Diese Frau besprengen sie mit Wasser. Dann geht es unter »obszönen Gesängen« und Tänzen von wilder Perversion zu den Quellen, die auf zeremoniöse Art gereinigt werden. Mit dem Quellwasser besprengen sie die Ahnengräber.

In all der Zeit darf sich kein Mann blicken lassen. Finden sie irgendwo einen Neugierigen versteckt, wird er schwer mißhandelt und fortgejagt.

Den guten Pater Junod erinnern diese mysteriösen Riten und dies ausschweifende Wesen betrüblich an die heidnischen Bräuche thrakischer Bacchantinnen. Bei den früheren Einwohnern von Transvaal hießen die »Regenruferinnen« »itsugwana«, junge Mädchen waren das, mit Zebrastreifen bemalt; in den Nächten bestimmter Mondviertel liefen sie singend von Kral zu Kral und in die Felder, brauten heiliges Bier aus besonderem Korn für ihre Riten.

Bei den Hereros haben die Töchter des Häuptlings das Wetter zu machen. Als Hüterinnen der Flamme entzündeten heilige Frauen der fünf Erdteile die Mondfeuer bei den Saatfesten, verbrannten erst Zauberkräuter in ihnen, dann besondre Gräser und Wurzeln des Waldes zu Pflanzenasche, die über die Äcker gestreut wurde.

Die Umdeutung solcher Flammenfeste in Sonnwendfeiern stammt aus späterer Zeit, wie Briffault eindringlich erläutert hat. Daß sie Mond- und Frauenfeuer waren, geht nach ihm aus ihrer Beziehung zur Menstruation hervor. In Persien, wie im indianischen Wigwam, muß Feuer ausgelöscht und die Asche aus dem Haus getragen werden, wo eine Frau menstruiert, also »tabu« ist. Erst nach ihrer Reinigung wird frisches Feuer entzündet. Auch am jüdischen Sabbat darf kein Feuer brennen, weil der Sabbat, nach Mondwochen gerechnet, wahrscheinlich auf das Menstruationsfest der babylonischen Mondgöttin Ischtar zurückgeht, an deren Statue dann Leinenbinden gewechselt wurden, Menses gelten stets als »kleine Geburt«, »große« und »kleine« als Gipfel des magischen Weibwesens und »tabu« im Sinne heilig-übler Macht. Periodisches Verlöschen und Entzünden von Feuern geschieht ausschließlich durch die Priesterin, in manchen Mythen bringt sogar eine Frau das erste Feuer vom Mond herab. Weil sie teil hat am Mondwesen, mit seiner Flut und Wetterschleppe, dem Pflanzenhaften, Säfteziehenden an ihm, das nach zehn seiner Umläufe aus ihr selbst gewaltsam Lebendiges ans Licht zieht, wird sie auch bei Nicht-Ackerbauern, wie den Nomaden Zentralasiens, bei Zigeunern, Ariern, Indo-Skythen, als Priestergöttin verehrt, hier eben als Mehrerin der Herden und Herrin des Jagdzaubers.

Der uralte, mutterrechtlich gewußte Zusammenhang von Pflanzentrieb und Mond kommt jetzt, mit dem neuerlichen Aufstieg der Frau, wieder ins – diesmal wissenschaftliche – Bewußtsein. Die englische Physikerin E. Semmens arbeitet seit Jahren an den Problemen polarisierten Lichts und seinem rätselhaften Einfluß auf Organismen. Nach ihr bewirkt es in den Zellen der Pflanzen die rasche Umwandlung von Stärke in Zucker und erhöht dadurch die Keimfähigkeit der Samen, die bei polarisiertem Mondlicht gesät werden, wie es auch auf die Nerven von Tieren und Menschen nachweisbar als Mondsucht wirkt. Was schließlich die atmosphärischen Störungen betrifft, so ließen sich die Meteorologen als jene einzigen Leute definieren, die noch nicht darauf gekommen sind, daß der Mond Einfluß auf das Wetter hat.

Neben den Frauen gelten dämonische Schmiede von je als die ersten männlichen Magier. Sie sind ja die Daktylen, Erstgeborne der »großen Mutter«, das primitive männliche Prinzip an sich, zynisch-selbstbewußt. Schmiede sind auch stets vaterrechtlich organisiert, oft mitten in Kerngebieten afrikanischen Mutterrechts.

Dann war es wohl zuerst Jagdzauber, in dem der Mann sich magisch versuchte, wenn auch zögernd. Auf den algerischen Steinzeitbildern von Tiut ist der Bogenschütze noch durch eine langhinschleifende Nabelschnur mit der beschwörenden Mutter verbunden. Auch heute gilt ein Jäger bei roten wie bei schwarzen Rassen für äußerst gefährdet, verabsäumt die Frau zu Hause bestimmte Riten oder unterbricht sie durch andern Sexualverkehr den Kontakt mit ihm. Darauf beruht die Wertung ehelicher Treue, nicht auf Eifersucht, die aus ganz andrer Mentalität stammt; gar voreheliche weibliche Keuschheit ist bei Naturvölkern fast unbekannt, wenn vielfach auch für Unverheiratete die Pflicht des Abortierens oder der Empfängnisverhütung besteht, einer bei Primitiven frühgeübten und hochentwickelten Kunst.

Die Frau hat von Natur Herrschaft über den magischen Kosmos. Hellsehen, Hellfühlen, Fernsehen, Fernwirken sind wahrscheinlich Ursinne und werden Priesterinnen als ihr Erb und Eigen von vornherein zuerkannt. Der männliche Schamane muß sie erst erwerben, ehe er etwas taugt, muß vorher den »Durchgang durch Tod und Auferstehung erlebt haben«, etwa in der großen »Medizintanzweihe« nordamerikanischer Indianer, die, eingeleitet mit Askese, Giften, Torturen, Ekstasen, bis zum Sturz in Bewußtlosigkeit und Trance geht.

Extreme weibliche Mimikri, als Vorbedingung männlichen Priestertums, herrscht bei den Chukchi in Nordost-Asien. Der Schamane trägt nicht nur, wie weltüblich, Frauenkleider, sondern ist überdies einem Gatten vermählt. In diesen Sittenkreis gehört auch die »heilige Homosexualität« männlicher Tempelprostituierten, mit Verstümmelungen, die ein weibliches Genital vortäuschen, bei den hochkultivierten Völkern Kleinasiens mit aphroditischem Mutterkult.

Und doch: alles nur Kindesbewegungen innerhalb des uterinen Kosmos! Der reifende Mensch mißt ihn aus, indem er seine Glieder regt, bleibt aber drinnen. Erst ausgetrieben in sein Pathos der Unendlichkeit wird er ganz Mann, in anderem Sinn noch als der Schmied. Vielleicht aber bleibt in jedem neuen Äon, in jedem Auf- und Untertauchen wechselnder Kulturen jener heroische Augenblick am Rande des Kraters die wahre Erfüllung, wo Tiefe noch und Ferne bereits offen steht: Introversion wie Extravertierung.

In der magischen Welt wirkt der Mensch als »Dämon unter Dämonen«, gleitet zwischen strömenden Instinkten zahlloser Wesen, durchwaltet von Seele, in einer Lebensdichte und Steigerung ohnegleichen. »Wer umgekehrt alles Belebte als mechanisch zu entseelen strebt, gelangt notwendig zur Aufhebung des Lebens in sich selbst.« Erst ist alles Subjekt – dann Objekt, auch das Ich. Wo die Psychologie anfängt, hört die Psyche auf.

Die Technik ist sehr stolz darauf, immer mehr vom Organischen fort – das heißt wegzuschreiten, tierische und pflanzliche Stoffe immer mehr durch synthetisch hergestellte, anorganische Verbindungen zu ersetzen und meint dabei, je vollkommener sie würde, desto befreiter, rein menschlicher könnte der Mensch sich über ihrem Fundament bewegen. Als ob jemand inmitten des Anorganischen überhaupt am Leben bleiben könnte, als ob Umwelt, Innenwelt und Wirkungswelt einander nicht bedingten.

Es ist nicht gleichgültig, ob jemand auf Beton isoliert, nur Metall und Glasdinge berührend, in einem Gestell aus leeren Blechröhren schläft oder auf Edelholz in den Armen eines Baumes, es sei denn, er wäre nur mehr ein beliebig auf- und abmontierbarer Sowjetbestandteil.

Andernfalls aber ist es nicht gleichgültig, ob er gekleidet geht in chemische Kunstprodukte, lebendiger Vergangenheit bar, hergestellt ohne eine einzige tierische oder pflanzliche Faser, oder ob ihm die Haut umatmet wird von dem Zaubergewirk, aus Werdesäften gesponnen, in dem ein Kriechendes sich schlafen legt, um als Geflügeltes zu erwachen. Wer auf Seide, in Seide gehüllt, liegt, ruht selbst wie die Chrysalide im Ur-Ei der Metamorphose, getränkt von Wunder, das den Werdeschlaf bebrütet: im Kokon. Geheimnisvoll, organisch anders, um eine Stufe höher als der Schlaf auf Leinwand, ist der Seidenschlaf.

Bald aber verbindet nur noch das Stückchen Sohlenleder den Zivilisierten mit der lebendigen Natur. Es ist sehr fraglich, ob er, auf die Dauer in einen derart anorganischen Wohnleib gesetzt, durch ihn devitalisiert: entlebt, seine Organe wird behalten können. Die zusammengepferchte Masse der Mitzivilisierten kann ihm wenig helfen, statt der einerlei Aura von Lebenslaien braucht es hier die Vielfalt schaffender Schauder aus freien, wilden Geschöpfen und allem, was sie berührt. Daher der Drang, zurück zur Negerplastik, zum Wildgeruch durchschweißter Masken, Trommeln aus Affenhaut, tätowierten Kürbissen, Fetischen aus unbekannten Hölzern, Federn, Borsten, Knochen; lauter bösartigen, unverständlichen, blöden Dingen, aber vitalisiert, tobend vor Weltaufgang.

Daher auch der Drang zu den Naturvölkern.

Nach der Pioniergeste des Durchquerens, Fähnchenaufpflanzens, Anmalens weißer Globusstellen trieb es plötzlich den besten, echtesten Menschenschlag, wie in Heimweh und stiller Angst, weg von zu viel Mathematik und Gesetz, hin zu den Wesen im seelennährenden Allfluid, um zu sehen, zu begreifen, zu fühlen – rasch, nur rasch, denn das zergeht unheimlich beim Kontakt mit der Zivilisation, zersetzt sich wie exotische Tiefseefauna, die überhaupt schon mit verzerrten, verstülpten Organen sichtbar wird, berührt sie, andrem Lebensdruck entstammend, unsre eigne Schicht.

So rafften diese neuen Eindringlinge, richtig gewiesen durch die älteren Erfahrungen der Missionare, moralisch enger aber seelisch feiner Beobachter, was sich von einer magischen Menschheit noch erraffen ließ: nicht Elfenbein, Gold, Kautschuk, sondern diesmal ausnahmsweise Einsicht. Sie kamen als Lernende und ohne Vorurteil. Zu staunen gab es viel. Bei den vergleichenden Studien am lebenden Objekt gewann Sir Edward Tylor die Überzeugung, daß die Hälfte der Menschheit, auf unterster wie höchster Kulturstufe, mutterrechtlich organisiert sei, die andre Hälfte es – früher einmal gewesen sei. Dies galt vor dreißig Jahren, jetzt ist die Verteilung durch die Einbrüche des Islam wie der Zivilisation, auch durch das Aussterben vieler Stämme, eine andre.

Da sie es zutage liegend fand, so untersuchte die vergleichende Völkerkunde das Mutterrecht vielfach anders als Bachofen, der vorzüglich unter klassischen Quadern das Seine so schön und genau und voll Figur heraufgebracht hatte. Die Merkmale stimmen aber bei beiden überein. In gewissem Gegensatz zu Bachofen und älteren Ethnographen, wie Morgan und Tylor, sieht die neue Kulturkreislehre die Menschheit schon ursprünglich polar gespalten. Patriarchat wie Matriarchat sind nach Frobenius getrennte Kulturkreise, bereits von Anbeginn gegensätzlich ausgeprägt in der Art der Hausung, im Verhältnis zum Erdboden, im primitivsten Gerät, der einfachsten Handreichung. Nie können sie ineinander übergehen, wenn auch einander durchdringen; sie wandern, pendeln. Jeder dieser Kreise, der männliche wie der weibliche, hat, viele Rassen nacheinander erfassend, die großen Kulturen aus sich hervorgebracht.

So oder so gesehen: an der Existenz und grundlegenden Bedeutung des Matriarchats zweifelt wohl heute bei uns kein Einsichtiger mehr, und von je war es selbst unter streng vaterrechtlichen Rassen, wie etwa den Chinesen, wohlbekannt. Nur gerade die europäischen Völker blieben ihm gegenüber hartnäckig wie mit Blindheit geschlagen.

Das war nur möglich, weil gerade sie vom vaterrechtlichen Rom ihren Staat, vom vaterrechtlichen Judentum ihre Religion erhalten hatten, und schließlich fügte es auch noch ihr Geschick, daß sie in Übersee, wie an den eignen Grenzen, fast ausschließlich mit dem Islam auf Leben und Tod zusammenstießen. Eingeschlossen in dieses Vaterrechtsdreieck, das stärkste der Erde, wurde es ihnen zum [Urmaß] der Welt, wiewohl sogar bei Römern, Juden und islamitischen Stämmen nicht wegzudeutende Spuren gewaltsam verdrängten Mutterrechts sich finden. Patriarchat besteht außer in Europa nur im brahmanischen Indien, in China, bei Semiten und den Konvertiten des Islam. Ursprünglich vielleicht bei den Osthamiten.

Das salische Gesetz hatte nach vielen Neufassungen – anfangs ging es lange nicht so weit – schließlich für Deutschland das weibliche Thronrecht abgeschafft; wichtiger aber noch war, daß die Kirche sich das magische Thronrecht von Anfang an erstritt und, so weit sie konnte, jene weibliche Aristokratie der Priesterinnen und Prophetinnen vertilgte, von der Grimms Mythologie erzählt, so daß im späten Mittelalter, bei so verkehrter Auslese, nur magisches Lumpenproletariat übriggeblieben war. Sklavinnen, nicht Herrinnen des zweiten Gesichts, »kolloide« Naturen ohne Eigenform, Einbruchstellen wildwuchernder Dämonie, durch die das Chaos ewig hereindrohte. Diese zersetzten Reste wurden dann, vielleicht mit Recht, ausgeräuchert, wie wir pestverdächtige Fetzen verbrennen.

Als Erinnerung an den einstigen Wirkungskreis blieb nur das Wort »Wetterhexe« übrig, und lediglich der Syntax wegen las man bei Tacitus den Satz: die Germanen glauben, daß etwas Vorahnendes und Heiliges dem Weibe eigen sei, dessen Rat man deshalb befolgen, dessen Antworten man wohl beachten müsse.

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