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Mütter und Amazonen

Bertha Diener: Mütter und Amazonen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorBertha Eckstein-Diener
titleMütter und Amazonen
publisherAlbert Langen Verlag
printrun1.-5. Tausend
year1931
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181213
projectid88718b69
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Das Symbol

Worte machen das Unendliche endlich, nur das Symbol schlägt alle Seiten des menschlichen Geistes zugleich an.

J. J. Bachofen

 

Ich will gerade das hören, was sich nicht sagen läßt.

Paul Claudel

 

Das Ei

Was ist ein Natursymbol? Definiert hat es noch niemand, denn alles kann man mit ihm machen: es auseinanderfalten zu Mythos, Religion, Philosophie, Kunst, zur ganzen Weltwirklichkeit, nur eines kann man nicht: es erklären, weil es weder der sprachlichen noch der begrifflichen Schicht angehört. Ein Symbol wird auch nicht »gesucht« und nicht »gefunden«, sondern nur geschaut, im Gegensatz zur Allegorie, der ein Begriff zum Grunde liegt. Diesem Begriff wird das passende »allegorische Bild« gesucht; ein rein verstandlicher, ästhetisierender Vorgang. Darum ist in der Allegorie nie mehr enthalten, als in sie hineingedacht wurde. »Das Symbol dagegen erregt wohl Gedanken, bleibt aber selbst unausdenklich.« Symbolik ist ein Müssen, Allegorie ein Wollen. Weiß jemand, dem Symbolschau verschlossen ist, deshalb mehr, wenn er das hört? Einer sagt: »Ein ungeheures Empfindungserlebnis, in Gestalt eines Bildes angeschaut.« Ein andrer spricht von ihm als von etwas, das in schöpferischem Rauschzustand durch das Auge empfangen wird.

Sicher war das Symbol einmal die wortlose Muttersprache einer magischen Menschheit. Der magische Mensch (homo divinans) ist wohl jener, der vielleicht bei einem Gewitter »die Schwefellungen des rosafarbnen Blitzes« fühlt, während der technische Mensch (homo faber) denkt: »Mark 1.60 Stromverbrauch«.

Nur wo Worte ganz nahe dem Erlebnis entsprungen, selbst noch Klangmagie in sich haben, wie bei den fünf oder sechs großen Dichtern, gelingt es manchmal, etwas von dem Sinngehalt des Symbols in die Sprache herüberzufassen.

Claudel, das chthonische Genie aus Blei und Äther, hat Worte, zu tiefst in diesen primordialen Urstoff getaucht, einmal heraufgeholt für einen Baum. Wenn eine symbolstumpfe Menschheit nicht einmal da mehr spürt, was ein »Baum« ist, dann gehört sie eben zum »Lasciate-ogni-speranza-Typus« und tut besser daran, sich als rationalisierter Maschinenbestandteil auf Eisenbeton aufmontieren zu lassen.

Goldhaupt, der Held des Stückes, hat in die schwarze Mutter Erde soeben sein Liebstes verscharrt, Kopf voraus in den Lehm; so ein Ding mit einem Kindergesicht, gleich einer erworbenen Fee. Es ist Nacht und sein Herz schwer wie ein Stein am Ende eines Strickes. Der Sturm klatscht ihm eine Maske von Regen vor das Gesicht. Die dürren Dornen zittern unter einem eisernen Himmel. Irrend über die bittre Erde, kommt er immer weiter vom Weg ab.

»Wir kommen immer weiter ab,« sagt Cebes, der Knabe-Bewunderer.

 

Simon Agnel (genannt Goldhaupt): Siehst du, ich habe mich nie
gekümmert, bei keinem Menschen,
Ob jung oder alt, um das, was er innen trug in sich selbst.
Jedoch ein Baum ist mir Vater gewesen und Lehrer.
Denn manchmal als Kind überfiel mich ein bitterlich finsterer Mißmut,

Da wurde mir jede Gesellschaft ein Greuel, die gemeinschaftliche Luft zum Ersticken,
Und ich mußte in die Einsamkeit, heimlich dort dieser Schwermut pflegen,
Und fühlte, wie sie wuchs in mir.
Und ich bin diesem Baum begegnet und hab' ihn umarmt,
In meine Arme geschlossen, wie einen altertümlichen Menschen.
Denn bevor ich geboren war, und wenn wir längst nicht mehr sein werden,
Ist er da, und seine Zeit hat ein anderes Maß. – – –

Cebes: Und was hat dich der Baum gelehrt?

Simon: Jetzt, in dieser Stunde der Angst! Jetzt darf es sein, daß ich ihn wiederfinde!

(Und sie gelangen zum Fuß eines sehr großen Baumes.)

O Baum, du, empfange mich! Ganz allein bin ich weggegangen aus dem Schutz deiner Zweige,
Und jetzt ganz allein komm ich wieder zu dir, o mein festgewachsener Vater!
Nimm mich wieder auf unter deinen Schatten, o Sohn der Erde! o Holz, in dieser
Stunde der höchsten Not! In deinem Murmeln teile mir mit
Jenes Wort, das ich bin, und von dem ich den furchtbaren Trieb in mir spüre!
Du doch bist ganz ein dauernder Trieb, deines Leibes stetes Hinauf aus dem unbeseelten Urstoff.

Wie du die Erde saugst, Alter,
Eingesenkt ausschickst überallhin deine Wurzeln, starke und feine! Und wie du dem
Himmel entgegenstrebst! Wie du dich ganz zusammenballst,
Im Druck seines Odems ein riesiges Blatt, Gestalt du aus Feuer!
Die unerschöpfliche Erde, umschlungen vom Wurzelwerk deines Wesens,
Und der unendliche Himmel mit der Sonne und dem Kreislauf der Sterne,
Woran du dich heftest mit diesem Mund aus der Allheit deiner Arme,
Mit dieser Lippe deines Leibes, und den du ergreifst mit allem in dir, was atmet,

Die Erde und der ganze Himmel, sie müssen sein, damit du dich aufrecht erhaltest!
O möge auch ich mich so aufrecht halten! O möge meine Seele nicht verderben!
Dieser Grundsaft, dieser mein Innentau, diese Inbrunst,
Deren Träger ich bin, o braucht ich sie nicht zu vergeuden an ein fruchtloses
Büschel aus Grün und aus Blüten!
O mög ich einheitlich wachsen! O mög ich ein Einiger bleiben und grade!

*

Cebes: O Simon, so wirst du nicht weggehen! Hast du nichts vernommen unter diesem Baum der Erkenntnis? – – – Wenn dir wahrhaftig irgendein Gesetz ins Herz gepflanzt ist, – – – wenn irgendein Gebot und ein außermenschlicher Wille dich wie mit dem Knie hineinstößt mitten unter uns Arme – – – erinnre dich meiner.

Goldhaupt: Ein Geist hat über mich hingeweht, und ich erzittere wie ein Pfahl! Eine Kraft ist mir zuteil geworden, streng und wild! Das ist der Furor des Mannes, und nichts vom Weib ist in mir. – – – O wirken! wirken! wirken! Wer gibt mir die Kraft zur Tat!

(Er streckt sich bäuchlings zur Erde.)

O Nacht! Mutter!
Zerschmettre mich oder verstopf mir die Augen mit Erde!
Mutter, warum hast du mir die Decke der Augenlider
Mittendurch gespalten! Mutter, ich bin allein! Mutter,
Warum zwingst du mich, zu leben?
Lieber wär mir, morgen im Osten färbte die taubenetzte
Erde sich nimmer rot! – – –
Ich kann nicht! Siehe mich, mich, dein Kind! – – –
Nun leg ich mich an deine Brust!
Nacht! mütterliche Nacht! Erde! Erde!

(Er wird ohnmächtig), um dann am Morgen aufzustürmen und hinein in sein heroisches, ganz gepanzertes Siegerleben und den alexanderhaften Untergang am kaukasischen Tor.

 

Sein erster Lehrer auf diesem Wege war der Baum. Ein noch festgewachsener Vater, ein noch nicht freigelöster Sohn der Mutter Erde, überall in sie eingesenkt mit Wurzeln, starken und feinen, doch schon an Luft, Sonnen- und Sternenwesen angesogen mit dem Bukett seines ganzen Körpers. Er ist ihm Künder: in deinem Murmeln teile mir mit jenes Wort, das ich bin, und von dem ich den furchtbaren Trieb in mir spüre. Doch du bist ganz ein dauernder Trieb, deines Lebens stetes Hinauf aus dem Urstoff (mater = Materie, mère = terre).

Er ist ihm Beispiel: die Erde und der ganze Himmel, sie müssen sein, damit du dich aufrecht erhaltest! O möge auch ich mich so aufrecht halten! O möge meine Seele nicht verderben! Dieser Grundsaft, dieser mein Innentau, diese Inbrunst. O mög' ich einheitlich wachsen, o mög' ich ein Einiger bleiben und grade!

Der Erde ist das recht. Die große Mutter mag es, wenn es sich erst mit pflanzenhaftem Oberkörper aus ihr losringt, dann auf vielen Beinen frei über sie hinläuft oder geflügelt sich in die Luft erhebt. Das sind nur Abbilder auf der Planetenmutter von dem, was das Urweibliche getan, als es die Aktivität in sich als Geißelzelle bildete und aus sich als Mann entließ. Mit ihm war die Weltunruhe da, das Aggressive, Bewegliche, Vorstoßende, gradhin bis in die Unendlichkeit Strahlende: die »Goldhäupter« jeder Zeit und Gestalt mit ihrem Schrei: »Der Furor des Mannes, und nichts vom Weibe ist in mir.«

Es bedarf wohl nicht erst der Erwähnung, daß solche Unbedingtheit und Ausschließlichkeit des einen oder andern Geschlechtsprinzips ihm nur als »Idee« zukommen. Realiter ist schon, anatomisch besehen, jeder Mensch zweigeschlechtig. Nicht einmal in Amerika, von wo das üble Schlagwort stammt, wachsen »hundertprozentige« Männer. Auch der gockelhafteste »he-man« hat noch die weiblichen Milchwarzen und in Gestalt der Sacknaht die weibliche Scheide an sich, wie auch die kuhwarme Hausfrau als Phallusrest die Klitoris trägt. Am lebenden Exemplar kann es sich immer nur um die, sogar innerhalb eines Lebens stark schwankende, Dominanz der einen oder andern Anlage handeln. Zu viel weibliches Hormon im Männerblut soll zum Krebs disponieren. Warum heißt die Krankheit »Krebs«, gerade nach dem Tierkreiszeichen, dessen magische Qualität es dem weiblichen Mond zuordnet? Eine sonderbare Wortintuition.

Der Baum, ein noch unbeweglicher »Sohn«, auf halbem Weg zu »Goldhaupt«, gehört beiden Reichen, dem unteren wie dem oberen, an. Ein vereinfachtes Baumzeichen ist das + und zugleich die Kreuzungsstelle der beiden Geschlechtspotenzen. Im Venuszeichen ♀ sitzt der Lebensbaum noch unten am Uterus fest. Im männlichen Marszeichen ♂ hat er ihn schon hinter sich gelassen und stürmt auch nach rechts, der männlichen Richtung, weiter. Im Christentum wird er zum »Marterholz »der »bösen Frau Welt«, im Speichenrad 卐 der Swastika hat er Füßchen bekommen, als das in die Zeit rasende Geschehen, Wille zur Tat der indischen Sansara. Noch chthonisch, aber nicht mehr weiblich, gehört der Baum zum Kult aller großen Mütter und ist heilig wie sie. Einem heiligen Baume werden Prinzessinnen und Priesterinnen vermählt, die Germanen schmückten ihn mit goldenen Ketten und Kronen, pflogen Rat mit ihm, ja ganze Völker rühmen sich, von Eichen abzustammen.

Auf gleicher Symbolstufe steht die Mauer. »Sie ist wie die Bäume eine Geburt der Mutter Erde und durch die Fundamente, wie Bäume durch die Wurzeln, mit dem Mutterleib auch nach der Geburt in fortdauernd fester Verbindung.« So tragen die Naturmütter Mauerkronen auf dem Haupt, und in den meisten Sprachen sind Städtenamen weiblich. Sogar Roma, Roma aeterna: Urbs, Hochburg des Männerrechts, ist es geblieben.

Im Baum wie in der Mauer wächst die männliche Potenz ans Licht. »Excitare muros,« heißt es von ihnen: »die schlafenden Mauern erwecken«; was erweckt und erwacht, ist eben die Männlichkeit. »Zum Schall der Erztrompeten werden die Mauern eroberter Städte zerstört. Was von Jericho gemeldet wird, kehrt bei den Römern wieder, unter dem Schmettern der Tuba wurden Albas Mauern zusammengerissen, unter dem gleichen Sakralbrauch riß Mummius die korinthischen Mauern ein. Was die Tuba zerstört, hat aber auch die Tuba gebaut. Daß Entstehen und Vergehen in vollkommener Übereinstimmung stehen müssen, ist ein Satz, den die alte Jurisprudenz in vielen Anwendungen durchführt.«

Thebens Mauern bauten sich selbständig durch Amphitryons Musik auf. Die Erztrompete ist immer ein Phallussymbol, »sie ruft den Stier Dionysos aus den zeugenden Meereswogen hervor und Achilles aus dem skyrischen Weiberversteck, wo auch seine Männlichkeit unter Weiberkleidern schlummerte«. In Baum und Mauern ist die männliche Geburt zu sichtbarer Existenz gelangt, darum sind Phallus und Schlange so oft auf Mauern abgebildet, nicht obszön, sondern heilig gedacht; sie weihen die Mauer, schützen sie vor Profanation, daß keiner seine Notdurft an ihr verrichte. Auf den Mauern ist das große Fatum der Welt niedergeschrieben, denn es war allgemein Sitte, Gesetze auf Mauern einzuritzen. Sie verkünden oberweltlich hart und sichtbar das Gesetz der Erde; was oben gilt, doch von unten stammt.

Symbole sind die Schlüsselfiguren zum gesamten schöpferischen Weltbild. Es ist eine Bachofensche Entdeckung, daß, was Götter so nebenbei in der Hand halten, sei es ein schwarz-weißes Ei in der Linken oder ein Schlangenstab in der Rechten, nicht Attribut und Anhängsel ist, sondern vielmehr der Zauberkern, aus dem sie selber kommen. Mythos, Bräuche, Religionen, Kunst, Kultur entfalten sich aus ihm, wo sie beschlossen lagen in unfaßbarer Verdichtung, sind freigewordene Energie der zerfallenden Ursymbole, ihr Auseinanderspielen in Musik und Götter. Also genügt auch der Mythos noch nicht, das weibliche Weltalter aufzuzeigen, wirklich erfaßt an seinem Ursprung wird es erst im Ei-Symbol, das alle großen Rassen an einer bestimmten Stelle ihrer Kulturbahn in gleicher Urbedeutung verehrt haben. Was jede aus ihm dann entwickelt hat, verschieden Schönes, verschieden Starkes, macht eben ein gutes Teil der Menschheitsentwicklung selber aus. Was allein für die Antike aus ihm kommt, füllt die Mehrzahl der fünfhundert Seiten von Bachofens »Gräbersymbolik« aus und kann hier nur an einem einzigen Beispiel kurz skizziert werden: Zirkus und Zirkusspiel, das von seiner eigenen Schöpfung umsauste Ei.

Wo es den Menschen ernst ist, also an jeder unabänderlichen Wende, wie Geburt, Hochzeit, Tod, überall, wo es sie herausreißt aus angenehm-vager Belanglosigkeit, wo ein Urproblem ihnen ans Mark stößt, findet sich das Ei-Symbol. Es hängt in den Moscheen des Islam an Schnüren aus der Kuppel, steht aus purem Gold in den peruanischen Tempeln, ruht, unten schwarz, oben weiß, mit den Toten, wirkt bei allen Mysterien, bei Rechtsprechung, Sklavenbefreiung mit. Am reichsten und schönsten aber lebt es sich auseinander in den Zirkusspielen, die ursprünglich Leichenspiele für gefallene Helden und nichts sind als »der Umlauf um das Ei«.

Im Ur-Ei selbst herrscht Stille und Gleichgewicht. Die Samen aller Dinge ruhen noch zeitlos in ihm. Erst aus der durchbrochenen Schale stürmt im Zwiespalt ewig ruheloser Bewegtheit die sichtbare Schöpfung heraus. Zwei Kräfte, entgegengesetzt und doch im Ziel gleichgerichtet, beherrschen die irdische Welt und sichern durch ihr Zusammenwirken den Fortgang der Dinge. Schon Empedokles ist der erste »romantische« Dualist gewesen mit seinen polaren Kräften Liebe und Haß, die als zwei Urwirbel im Chaos einsetzen, und Siegmund Freud mit seinen Sexual- und Todestrieben als polarem Urpaar wird nicht der Letzte sein.

Im Dioskurenmythos brechen die » zwei« als gewaltiges Wagenlenkerzwillingspaar aus dem Leda-Nemesis-Ei hervor. Jeder von ihnen trägt noch seine Eihälfte als runden Hut auf dem Kopf. Mit ihrem Gespann daherfliegend, »eines Eies Geflügel«, führen sie abwechselnd Tag und Nacht herauf.

Jede Stufe hat ihre Dioskuren. Im Körper sind die Lebensnerven paarig und gegensätzlich angelegt, indem sie dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem vorstehen. Seelisch sind die zwei: Introversion und Extravertierung, in denen alles psychische Geschehen abwechselnd pulst als Entfaltung und Sammlung. Für den Geist ist es jenes Gegensatzpaar, in dem alles verstandliche Denken zwangsmäßig verläuft: die Antinomien der reinen Vernunft. Die Zweiheit und das Entzweite, doch sich feindlich Ergänzende sind immer der geoffenbarte Inhalt des Eies.

Nun ihr Verhältnis zu den Rennen: In dem eiförmigen Zirkus stehen fünf, sieben oder zehn Holzsäulen, auf ihrer Spitze je ein Ei. Nach jeder Umkreisung der Meta, des Zielsteines, durch die rasenden Gespanne wird ein Ei von einer Säule entfernt. Es ist Anfang und Ende jedes Umlaufs, steht da von Anbeginn, älter als die Quadrigen, die in unbesiegbarer Werdelust aus den Carceres hervorbrechen wie die Wagenlenkerzwillingsgespanne aus dem Nemesis-Ei. »Gleichen Schrittes laufen sie nebeneinander her. Ihre gedoppelte, auf dasselbe Ziel gerichtete Anstrengung ist es, was ihnen unüberwindliche Raschheit gibt ...« »Pfeilschnell fliegt das siegreiche Gespann dahin; pfeilschnell ist auch der Lauf der Erscheinungswelt. Die Raschheit, mit der die beiden Kräfte die Schöpfung fortreißen, hat in der Schnelligkeit des Doppelgespanns seinen Ausdruck gefunden. In dem Fortgang der Bewegung kehrt das Gespann stets wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück, wie die Kreislinie, deren Vollendung sich in dem Anfang verliert. Treibt die eine der Kräfte gradaus, so lenkt die andre um und führt wieder zurück. Die Vollendung jedes Daseins ist eine Rückkehr zu seinem Beginn, und in jeder Entfernung vom Ausgangspunkt liegt zugleich eine Wiederannäherung an ihn. Zwei Richtungen sind in ebenso unerklärlicher Weise miteinander verbunden wie die zwei Kräfte selbst, denen sie entsprechen.« – – – »Dieses Kreislaufs Bild sind die Umläufe der Wagen, die mit höchster Schnelligkeit die Meten umfliegen, um zum gleichen Ausgangspunkt zurückzukehren und dann den gleichen Raum von neuem wieder zu durchmessen.« – – – »Dadurch wird nun zweierlei zur Klarheit gebracht: erstlich die Verbindung des Eies mit dem Wagenrennen des Zirkus, zweitens das Entsprechen, welches die Vollendung jedes einzelnen Kreislaufs mit der Wegnahme je eines Eies verbindet. Mit jeder Rückkehr zum Ausgangspunkt ist eines Daseins Kreislauf vollendet, ein neuer im Begriff, anzuheben. Entstanden, gewachsen und verschwunden ist eines Eies Ausgeburt, ein Neues tritt an seine Stelle.«

Immer zu Ehren eines großen Toten wurde dieses Gesetz des Seins als Wettrennen gespielt. Die ersten Olympiaden setzte der Sage nach Endymion ein, sein Grabstein war zugleich die Meta (Pausanias). Er hatte vollendet; nun mochten, wo er aufgehört, andre beginnen. Ist aber Bewegung tiefstes Lebensgesetz, dann ist der Schnellste zugleich der Lebendigste. Alle Heroen waren berühmte Läufer, wie der »schnellfüßige« Achilles. Denn nicht eselhaft und widerwillig verspreizt unaufhörlicher Antriebe bedürfen, vielmehr von Tat zu Tat in der Zeit seiner Bestimmung zu stürzen, ist Ruhm und Verhängnis des Geborenen. Heroen, Wettrennen und Pferde sind immer eng dem laufenden Wasser verbunden, so die isthmischen Spiele dem Poseidon, der gewaltig zeugenden Flut, wenn sie mit weißen Gischtrossen die Erde umrennt. Doch alles dreht sich um das Ei. »Im feuchten Tal zwischen Aventin und Palatin im frühen Rom hatte Murcia, eine aphroditische Urmutter, zusammen mit einem dämonischen Sohn-Geliebten ihren Dienst. Der üppige Wiesengrund trug den Götterstein, die Metae Murciae: Zielsäulen der Murcia, und dort war es, wo Tarquin seinen Zirkus errichtete.« »Die Verbindung der Rennspiele mit dem Wasser, mit Flüssen, Sümpfen, feuchten, grasreichen Niederungen tritt überall, auch in Rom, hervor; daher auch die Delphine als Zirkussymbol erscheinen.« Der Gedankenkreis, in welchem sich diese Vorstellungen bewegen, beherrscht auch alle übrigen Teile des Zirkus und die damit verbundenen Heiligtümer, Kulte, Einrichtungen. »Die Naturkraft, in ihrer doppelten weiblich-passiven, männlich-aktiven Potenzierung, in ihrer zwiefachen Äußerung als belebende und zerstörende Macht, hat im römischen Zirkus eine so vollkommene und so mannigfaltige Darstellung gefunden, daß er als wahres Pantheon gelten und von den Kirchenvätern den Gläubigen ihrer Zeit vorzugsweise als unrein und als sorgsam zu meidende Stätte der heidnischen Dämonenwelt bezeichnet werden konnte.«

Jede Faser am frühen Menschen vibrierte vor der Wirklichkeit des feindlich sich ergänzenden Bruderkräfte-Paares. Für sein Gefühl fußt jedes tätig nach außen, in die Zeit wirkende Leben so natürlich auf der großen » zwei«, wie zwei Beine den Körper vorwärts tragen. Daher die Doppelherrschaft Romulus-Remus, die der Ödipussöhne, auf deren Altar sich die Flamme in zwei ewig nach entgegengesetzten Richtungen wehende Säulen teilt, die zwei Konsuln, die zwei Könige Spartas, das Duumvirat so vieler Magistraturen, die Doppelköniginnen der Amazonenreiche. Jeder Instinkt für Wirklichkeit, also Wirken, verfällt unwillkürlich auf die Zwei. Auch der alte John D. Rockefeller hat es im gigantischen Trust seiner »Standard Oil« nicht anders gemacht und sie Duumviraten unterstellt. Immer je zwei Direktoren wurden von ihm für jede der vier Standard-Abteilungen: Ölproduktion, Transport, Herstellung, Verkauf eingesetzt. Ebenso ist die häufige Doppelherrschaft von Bruder und Schwester an den verschiedensten Stellen der Erde ein Zeichen, daß sich etwas zentrifugal abgelöst hat aus der Mutterhut. Wo hingegen die Macht des Eies überwiegt, findet sich immer eine Matrone als zugleich geistliches und weltliches Oberhaupt, wie in den großen nord- und mittelamerikanischen Mutterclans, heute noch in Assam und in manchen Teilen von Afrika. Inwieweit und ob die männliche »Einherrschaft«: das »Vatertum des Königs oder Tyrannen«, vielleicht als Kontraimitation der ursprünglichen »Mutterfamilie« anzusprechen sei, kann hier nicht untersucht werden.

Unter der Dominanz des Eies überwiegt meist der friedliche Zustand uterinen Lebens, satt, wohlig, unaggressiv, doch festgeschlossen in der Abwehr gegen außen. Ein Eroberungskrieg ist im Mutterreich fast unbekannt, Verteidigung des heimatlichen Eies aber hartnäckig und mutig. Es bleibt in gewissem Sinn stets Innenwelt, über die der Mond, das Weibgestirn, Zeit und Ordnung gießt; denn die Mutter ist eine mit Nacht vermischte Gestalt. Astronomisch registriert, ging die Sonne in der Zeit des Mutterrechts natürlich genau so auf und unter wie sonst auch, das Sinnenleben aber kümmerte sich einfach nicht darum; selbst für die Pflanzen galt der Mond als Quelle des Wachstums, nach ihm richtete sich die Aussaat, seine Viertel ordneten Bräuche, Versammlungen, Feste, seine Umläufe teilten das Jahr, die Seligkeit im Ei war seinem Rhythmus unterworfen, und die Nacht bevorzugte Zeit für Rat und Versammlung.

Mit diesem Zustand sind jedoch alle Grade der Lebenshaltung sehr wohl vereinbar, denn er fand sich ebenso in hohen Stadtkulturen wie bei den Lykiern, Karern, Lydiern wie unter primitiven Indianerstämmen oder im Handel treibenden Tibet. Im Reich des mütterlichen Ur-Eies ist meist noch alles frei und gleich; es sind mehr oder weniger einerlei Kinder fast ohne Gesetze durch eine Art zauberhafte Blutwärme in Ordnung gehalten. Darum wurde dem Sklaven bei seiner Freilassung das Haar geschoren und dem kahlen, gleichsam neugebornen Kindskopf der Ei-Hut aufgesetzt. So, bedeckt mit dem mütterlichen Ur-Ei, kehrte er unter dessen Schutz wieder in den vorgeburtlichen Zustand der Freiheit zurück.

Auch unsre Art, zu grüßen, bezieht sich noch auf das Leda-Ei. Wer den Hut dabei abnimmt, markiert Ungleichheit, als wage er die Brüderlichkeit dem andern gegenüber nicht. Ausschließlich ein Männergruß natürlich! Nie und nirgends noch war es bei Frauen Sitte, voreinander oder vor dem Herrscher, nicht einmal vor dem Allerheiligsten, den Hut abzunehmen. Weiber sind ja selbst der Hut: das Ei. Der Ausdruck »unter einen Hut bringen« gehört vielleicht ebenfalls hierher. Das erzwungene Einbekenntnis der Ungleichheit vor dem »Geßlerhut« auf seiner autoritativen Stange: dem Phallus, kommt für ein symbolempfindendes Volk sehr wohl dem Verlust der demokratischen Freiheit selbst gleich und vermag einen Krieg zu entfachen. Wie die Wettrennen, so sind nach neuestem Wissen auch die Ballspiele aus dem Ei-Kult entstanden, und nicht etwa zur »Ertüchtigung«, diesem üblen Zweckwort für eine erfreuliche Sache.

Kricket und Fußball sind ursprünglich magische Praktiken mit dem Mond-Ei, um Rekonvaleszenz zu unterstützen. Die Huronen spielten mit solchen Mondbällen nach einer, unserm Fußball ähnlichen Regel, wenn der Häuptling erkrankt war; auch die Indianer Kaliforniens rannten und spielten mit Bällen, um den neuen Mond zum Wachsen anzuregen, hängt doch Wetter, Ernte, ja die Erneuerung des Lebens selbst bei Mutterrechtsvölkern von diesem seinem Wachsen ab, nicht vom männlichen Sol. Sie sagen auch, die Ballspiele seien zuerst vom »großen Hasen«, also dem Mond, gestiftet worden, mit seinen Eiern als Bällen.

Beim Heraufkommen des Vater- und Sonnenkults in der Antike hat sich das Männliche aus Trotz im Mythos vom Vogel Phönix ein Gegen-Ei zum Weiblich-Stofflichen, nämlich das Myrrhen-Ei der Unsterblichkeit, geschaffen. Im großen Phönix- und Sothisjahr, mit dem, nach Vollendung einer großartigen Sternen- und Schicksalsbahn, jede neue Weltperiode anhebt, erscheint der purpur-goldne Wundervogel mit einem Ei im Schnabel; das legt er auf den Sonnenaltar zu Heliopolis nieder. Aus Myrrhen und hohl hat er es gebildet. Es ist ein Ei und auch ein Sarg, denn seines Vaters Leichnam legt er hinein, doch unbeschwert bleibt das Ei wie zuvor. In der aufflammenden Myrrhe wird dann des Phönix-Vaters Leiche auf dem Sonnenaltar zu Leben verbrannt. Verjüngt fliegt er aus der Asche ins neue Phönixjahr hinein. Die mütterliche Ei-Form ist also zwar noch beibehalten, doch den letzten Grund der Dinge enthält sie nicht mehr; aus immaterieller Feuerkraft kommt die Befruchtung, durch die das Ei nicht schwerer wird. Hier folgt Vater aus Sohn, Sohn aus Vater, lichtgezeugt in stofflosem Strahl, immateriell, unbefleckt und mutterlos.

Die Kaurimuschel

Es gibt bedeutsame und wirksame Symbole, diese gehören der Magie, jene der Religion an. Wie das Ei eines der bedeutsamsten, so ist die Kaurimuschel das am stärksten magische der weiblichen Symbole, heißbegehrt als Amulett und deshalb wohl die erste – Weltwährung.

Sie galt schon zur Steinzeit und gilt noch heute bei fast allen Naturvölkern als – »Scheide«münze im wahrsten Wortsinn: Sinnbild des weiblichen Genitals mit Kamm. Sie findet sich in paläolithischen Höhlen, im prädynastischen Ägypten, in der Eisen- und Bronzezeit, in den Gräbern Zentralasiens, wie am Kap Horn. Immer paarweise, »die heilige weibliche Zwei«, an Stirn, Armen und Beinen der Skelette befestigt. Auch der Warenverkehr zwischen Altägypten und Indien fand auf der Basis der Kaurimuschel statt. Die paläolithischen Funde aber erweisen sie als wahrscheinliche Standard-Währung der letzten zwanzig- bis dreißigtausend Jahre, nicht ihres realen, sondern lediglich ihres Bedeutungswertes wegen. Ihre Ähnlichkeit in Farbe und Form mit den weiblichen Geschlechtsteilen, ihre Herkunft aus den fruchtbaren Wassern, erfüllt mit dem Rhythmus von Ebbe und Flut, der als mondbetont ja der Rhythmus der Geburten selber ist, machen sie zur Lebensspenderin und so sehr zum Abbild der großen Mutter selbst, daß die melanesische Aphrodite aus einer Kauri kommt. Rein zauberhaft ist ihr Wert. Denn die Australier, bei denen weder Produktionsmittel, noch Güter, noch Tausch irgendwelcher Art existieren, tragen dieses Amulett, wie die Frauen im verschütteten Pompeji es trugen.

Ennius nennt die Kauri: Matriculus, kleine Matrix. Sie hieß auch porculus (Porzellan), was vulva bedeutet; Töpferei, Muschel und Genital wurden gleichgesetzt. In Somaliland, Marokko, Zentralasien, Indien, Japan, China, Südamerika, Australien, im Pendschab, in der Südsee und der Tartarei wird sie gleicherweise als lebenspendendes Amulett gegen Sterilität, Sonnenstich, bösen Blick, Menstruationsbeschwerden, Armut, fast jegliches Übel, meist am Gürtel, in der Nähe der Genitalien, und mit Schutzknoten um Hand- und Fußgelenke getragen, von den splitternackten Südseeinsulanern als einziges Ornament, von den Chinesen in die schwersten Seidengewänder eingenäht.

Rechts – Links

Nicht nur, daß frühe Kulturvölker, sondern auch die »Primitiven« der ganzen Erde viel mehr wissen, als sie dem Stand ihrer experimentellen Mittel nach wissen dürften, ist lange eine uneingestandene Wahrheit gewesen. Wo man sie früher im Irrtum glaubte, hat es sich dann nicht selten herausgestellt, daß der Versager auf Seiten der Wissenschaft war. Edgar Dacqué hat für diese Art Wissen das schöne Wort »Natursichtigkeit« gefunden. Natursichtige Rassen schöpfen aus einem unsichtbaren, der Ratio verschlossenen Reich hinter den intellektuellen Kulissen. Auf dieses Reich ist ihr ganzes, so unlogisches Handeln abgestimmt, das, für den Verstand unbegreiflicherweise, dann die gewünschten Resultate erlangt.

Wohl überall und, so weit sich das beurteilen läßt, von je, gehört Links der weiblichen, Rechts der männlichen Seite zu, wobei die Auszeichnung oder Mißachtung der einen oder der andern von dem jeweils herrschenden Geschlecht diktiert, im Fall der milderen weiblichen Vormacht wohl eher nur – suggeriert wird.

Ethnologen, Folkloristen, Religionsbeflissene, sind sich darin ausnahmsweise einig, daß Rechts bei Eintritt einer solaren Kulturperiode die bevorzugte Seite wird, bei Mondkult und der Rechnung nach Nächten statt nach Tagen aber links. Dem männlich-solaren Christentum gilt die früher verehrte linke Seite daher für dämonenverdächtig, hexisch und teuflisch, sie muß durch geweihte Gegenstände erst entdämonisiert werden. Links gleich linkisch, auch das französische »gauche« in dieser Doppelbedeutung, und rechts gleich richtig und recht erscheinen als späte Umdeutungen.

Rechts und links sind kosmische Eigenschaften. Schon die Chemie zeigt, daß gewisse Verbindungen den polarisierten Lichtstrahl nach links drehen, andre nach rechts. Das Kolloide, Chaotische, nicht Auskristallisierte (Kristall ist die heroische Form der Materie) entspricht hier dem weiblichen »Links«. Dieser Urdualismus geht durch die andern Reiche der Natur, denn wie es linksdrehende chemische Verbindungen gibt, so auch linksspiralige Pflanzen. Wilhelm Fließ hat das Verdienst, als erster unter den wissenschaftlich Gebildeten bemerkt zu haben, was alle Intuitiven von je wußten, daß »linke« Männer mehr nach der weiblichen Art tendieren. »Bei veränderter innerer Sekretion beginnt die Verweiblichung des Mannes stets auf der linken Seite, die Vermännlichung der Frau auf der rechten.« Aus der Asymmetrie, bedingt durch die Linkslage des Herzens, ist das nicht mehr zu erklären.

Nach Ansicht des ganzen Altertums gehen die Knaben aus dem rechten, die Mädchen aus dem linken Hoden hervor.

Bei zahlreichen Naturvölkern, so auf Celebes, reicht die Frau dem Mann die Eßschüssel nur von rechts, sie selbst ißt von der linken Seite.

Im mutterrechtlichen Tibet drehen sich die Gebetsmühlen nach links. (Rockhill, Land of the Lamas.)

Im männerrechtlichen Frankreich bedeutet nicht nur »gauche« linkisch, sondern »sinistre« zugleich verhängnisvoll, unheilbringend.

In seinem »Mutterrecht« und der »Gräbersymbolik« hat Bachofen sich um die Entsprechungen links = weiblich und rechts = männlich eingehend bemüht. Er faßt die linke Seite als passiv, die rechte als aktiv auf. » In der Linken liegt die Zaubermacht, in der Rechten die äußere Gewalt.« Zaubermächtig als Amulett oder herumgetragen bei Prozessionen wirkt im mutterrechtlichen Ägypten die linke Isishand. Im Islam wird sie zur linken Hand der Fatima, der Tochter des Propheten, denn ganz ohne das Weibliche kommt keine Religion aus; mußte doch sogar das Christentum sich die Herrin Ischtar auf der Mondsichel herüberholen zu Vater und Sohn.

Zum Dank für die Errettung aus dem Labyrinth durch Aphrodites Hilfe stiftet ihr Theseus auf Delos einen Altar aus lauter linken Hörnern, um ihn tanzen die Jünglinge den Kranichtanz.

Die Pelopiden haben auf der linken Schulter das Gorgonenhaupt als Zeichen mütterlicher Abstammung.

Da alle Arzneikunst von je weiblich ist, so hieß der vierte Finger der linken Hand »medicinalis«; er wurde den Götterbildern mit Wohlgerüchen bestrichen. In einer Flutsage vom Ursprung der Katze heißt es: da sich in der Arche das Mäusepaar in unbescheidener Weise vermehrte, sah sich Noah zu Maßnahmen veranlaßt und wandte sich an den Herrn. Der ließ aus dem rechten Nasenloch des Löwen einen Kater, aus dem linken eine Katze springen.

Schließlich scheint es der Beachtung nicht unwert, daß von allen frühen, also gefühlsechten Madonnen, etwa bis zur Renaissance, in Plastik oder Malerei das Kind fast stets auf dem linken Arm getragen wird.

Sumpf und Acker

Geil, faul, hemmungslos brodelt Laich und schlammiges Getier aus der anonymen Feuchte. Schilf schießt in Büscheln auf, Röhricht; aus dem Nabel wässeriger Blumen hängen nach unten gequollene Schläuche. Hin und wieder birst eine Schleimblase in der lauen Nährflut.

»Im Sumpf bleibt die männliche Potenz unsichtbar, erkannt wird immer nur der mütterliche Stoff und seine Binsengeburt ..., so ist die Sumpfzeugung das Bild der regellosen, außerehelichen Geschlechtsmischung,« wie der Ackerbau das Bild geordneter Besamung durch die Ehe ist, mit eindeutiger, zeitlich geregelter, wohlgeratener Frucht. Ur-Ei und Sumpf gehören zusammen. Alles Sumpfgetier, Frösche, Schildkröten, Enten, sind der großen Mutter, wo sie als Allumarmerin verehrt wird, heilig. Die Schildkröte hat die Erdschale aus dem Sumpf gehoben, trägt sie getrocknet auf ihrem Rücken, auf dieser Erdschale aber steht Aphrodite, begleitet von Binsenknaben und Nymphen, mit Schilfkronen im Haar. Am lernäischen Sumpf werden fromme Geschlechtsorgien gefeiert, die große Mutter von Mexiko hockt selbst als smaragdner Riesenfrosch auf ihrem Altar. In Indien, Mesopotamien, Kleinasien, Ägypten, Italien, Griechenland, um nur die wichtigsten Kulturländer zu nennen, ist Sumpfkult das Sinnbild schrankenloser Vermischung. »Am aufschießenden Lotos erkennt Isis den Ehebruch ihres Brudergatten mit Nephtis, und in dem langen, schilfähnlichen Haar der Schenkel bekundet Homer, nach Heliodor, seinen unehelichen Ursprung.« (Bachofen.) »Sari, der Nilschilf, heißt Isishaar, und das Gesetz des Manu warnt bereits vor der Heirat in eine Familie mit starkbehaartem Körper, der ungeregelte Sinnlichkeit bekundet.« Je nach der Einstellung mag der Sumpf als »holde Feuchte« oder »Sündenpfuhl« erscheinen. Das Deutsche setzt Hurkind (Horbarn, horgetimbarn) in Verbindung mit Horo, Horon, Sumpf, Kot. Auf ähnlicher Idee beruht die gallische Vaterschaftsprobe am Rhein: die unechten Kinder versinken im Schlamm des Flußbettes, die echten erheben sich über die Oberfläche. (»Gräbersymbolik.«) Der Ausdruck »in die Binsen gehen« gehört wohl ebenfalls hierher. Und somit bringt der Sumpfvogel Storch eigentlich nur die unehelichen Kinder.

Der Sumpfkult ist beinahe präreligiös. Er verehrt den Erdstoff selbst als uralten Fruchtbarkeitszauber. Für ihn sind alle im Morast stelzenden, langschnabeligen Vögel, wie der indische Adebar, besonders aber der Königsreiher Oknos, tiergestaltete »Naturphalli«. Die ersten Eimütter, etwa auf dem lykischen Harpyenmonument, auch die Sirenen, werden noch als halb Ur-Ei, halb Vogel mit Frauenkopf gebildet, und die Goldente Penelops ist mit Penelope, einer jener ewigen Weberinnen, die bei Nacht zertrennen, was sie bei Tag gewirkt haben, von gleicher Religionsbedeutung. (Gräbersymbolik.) Blinde Begattung treibt auch noch Lamia, die große Hetäre, die während der Liebe die Augen im Beutel verbirgt.

Bachofen nimmt drei Hauptstufen menschlicher Entwicklung an. Zwei sind weiblich-stofflich, die Dritte männlich-geistig. Der ersten Mutterstufe mit ihrer aphroditischen Sumpfreligion entspricht eine Urzeit der ganz ungeregelten Geschlechtsmischung. Erst auf der zweiten Stufe steigt das eigentliche Mutterrecht in seine ganze Macht und Fülle: das Eheliche. Im Religiösen ist ihm der Demeter-Kult mit seinen Ackerbausymbolen, Festen und Riten, vor allem der Gesetzgebung, verhaftet. Was früher Sumpf mit Binsenknaben, ist jetzt Acker mit jungen Korngöttern geworden, die anonymen Vorgänge im Trüben werden sicher, geregelt und offenbar in der Arbeit des Pfluges. Die Rechtssprache bei Eheverträgen entlehnt ihre Ausdrücke dem Ackerbau, spricht vom »Pflügen« und Bebauen des »Sporium«, der weiblichen Furche; säen und zeugen sind sprachlich schon das gleiche, beides heißt: speirein. Der die Erde aufreißende Pflug wird gleich dem Phallus zum heiligen Symbol, denn »Verwundung ist das Wesen der Liebe«. (Plutarch.)

Auf der demetrischen Stufe erreicht das Mutterrecht seinen Gipfel. Es ist die Zeit, wo Frau, Gyne und Queen nicht nur sprachlich das gleiche bedeuten. Die Mutter ist der Inbegriff der Macht. Adel der Geburt wird ausschließlich nach weiblichen Ahnen bemessen. »Wie aller Reichtum dem Stoffe entsprießt, so gehört alle Habe der stofflichen Frau, alles, was der Mann mit seinem Arm erwirbt, legt er ihr freiwillig in den Schoß, denn nur dort trägt es sichere Frucht. Hierauf ruht alles Erbrecht im System der Gynaikokratie, denn der Sumpf schuf weder Werte noch Sicherheit, er war auch nicht adelig im Sinn einer Differenzierung, wie es der Acker ist. Schon bei Plato heißt es, der Same werde durch den Boden, dem er anvertraut wird, gar oft zur Mutter Natur umgestaltet, nie aber gehe das Land in des Samens Art über. Auf dieser Analogie basiert das alte Mutterrecht, das ja weder von der Spermazelle noch von der gleichen Anzahl Chromosomen bei der Zeugung etwas wußte. Tierzüchter sind allerdings »mutterrechtlicher« Ansicht; bei den Pedigree eines Rennpferds, überhaupt Vollbluts, wird fast nur die Stutenlinie bewertet, dem Beschäler geringerer Einfluß zuerkannt.

Im Matriarchat zählt der weibliche Urgrund allein. Bei den Etruskern wird Tages aus der Mutterfurche hervorgeackert, und die jungen Korngötter Kleinasiens sind immer Sohngeliebte zugleich, denn herangereift, fällt ihr Same auf den gleichen Boden, dem sie entsprossen sind.

Sogar Rom, das sein Familienrecht und seinen Staat ganz auf die juristische Fiktion des Vaters aufbaut, kennt genau das cereale Recht, als jus terrae, setzt diesem zwar das jus seminis entgegen, räumt ihm aber manchmal den Platz. Ganz mutterrechtlich bleibt die Bestimmung: wer einen fremden Acker besät, gewinnt die Früchte nicht, sie fallen dem Eigentümer des Grundstücks zu, und das gleiche gilt vom Bauen auf fremdem Grund.

Ackerbau und geregelte Geschlechtsbeziehung gehören dem gleichen Weltgefühl an, hierdurch entsteht jedoch ein Gegensatz innerhalb des Weiblichen selbst, denn Aphrodite haßt die Ehe. Nicht deshalb hat sie Helena mit allem Liebreiz geschmückt, damit sie in den Armen eines einzelnen Mannes verwelke. »Jede dauernde Verbindung ist eine Verletzung des aphroditischen Rechts und muß gesühnt werden. Das ist, nach Bachofen, der Sinn jener heiligen Geschlechtsfeste bei allen Völkern, denen sich auch zur Zeit der Hochkultur keine Dame entziehen durfte. Beim Übergang von der ersten zur zweiten Mutterrechtsstufe aber mußte jedes junge Mädchen vor der Eheschließung sich erst vom alten Naturrecht durch eine längere oder kürzere Periode der Prostitution loskaufen, meist in Form von Tempelprostitution. Später wurde dieses Opfer immer mehr eingeschränkt, sei es, wie in den nasamonischen Riten, daß alle Hochzeitsgäste der Braut beiwohnten, und als letzter erst der Bräutigam, sei es, daß der Loskauf in Form einer Stellvertreterin oder einer Opfergabe erfolgte, wie etwa durch Abschneiden des Haares.

Als vergleichender Rechtsforscher hat Bachofen diese Wandlung auch innerhalb des Dotalrechts verfolgt. Ursprünglich war die Mitgift das durch Hingabe des Körpers Verdiente, in der heiligen Prostitutionsperiode galt die solcher Art erworbene Summe als Abstandsgeld für die Gottheit, bis das Mädchen schließlich im demetrischen Zeitalter Mitgift und Vermögen von der Familie erhält, als Zeichen völliger Befreiung von heiliger Prostitution.

Die Bedeutung der Mitgift einerseits, des Brautkaufs andererseits, schließlich auch der obligatorischen Tempelprostitution, gehört zu den kompliziertesten und umstrittensten Fragen im Kulturwandel; sie so einfach von einem Gesichtspunkt aus ordnen zu wollen, geht wohl nicht mehr an.

Gegen die Theorie eines allgemeinen hetärischen Sumpfkults, wie ihn Bachofen annimmt, wurde und wird – äußerlich – mit Recht viel eingewendet. Was den Hetärismus beträfe, so fände sich völlig regellose Geschlechtsmischung nirgends, am wenigsten bei den ganz Primitiven. Was man früher dafür gehalten habe, auch das unterliege heiligen Beschränkungen und oft feierlicheren Zeremonien als irgendeine Ehe. »Freie Liebe« sei nie restlos frei. Was aber den »Sumpf« als Religionsstufe angehe, so käme er für Steppen-, Wüsten-, arktische und alpine Rassen, die ihn nicht kennen, rein geographisch nicht in Betracht.

»Sumpfzeugung« im Sinne Bachofens ist eben auch eine innere Wahrheit. Jede Zeugung ist ja ganz am Grund eine Sumpfzeugung. Wo eben außer diesem Sumpf, der »holden Feuchte« oder dem Sündenpfuhl, nichts mitwirkt aus andern körperlich-seelischen Bereichen, dort herrscht der »Sumpfkult«, mag die Umwelt geographisch auch zur Steppe gehören.

In der Gradation des Geschehens ist demetrisches Mutterrecht bei Bachofen die höchste dem Weiblichen erreichbare Stufe. Abgelöst wird sie durch das männliche Vaterrecht. In ihm steht Geist gegen Stoff, Tag gegen Nacht, Sonne gegen Mond. Jedes Heroenzeitalter ist das des eigentlichen Kampfes zwischen den beiden polaren Mächten Mann–Frau, mögen die repräsentativen Sonnenhelden Herakles, Perseus, Achill, Mithras, Christus oder wie immer heißen. Mit dem Vaterrecht beginnt der eigentliche »Aufgang des Abendlandes«, dessen Untergang wir jetzt lesend genießen, aber weniger genießerisch erleben. Gesichert wurde dieser Aufgang erst durch den Sieg Roms über Karthago, der hetärisch gerichteten Dido-Stadt mit ihrem Astarte-Kult. Das gehört zu Bachofens Komplex: »asiatischer Romantizismus«.

Seine Antithese von Vater- und Mutterrecht = Geist–Materie, ließe sich auch ganz anders formulieren; dann stünde Geist gegen Seele, graue Hirnrinde gegen Zirbeldrüse.

Die drei Stufen: zwei weiblich-materielle, eine männlich-geistige, steigen nicht friedlich auseinander auf, jede frühere welkt auch nicht von selbst ab, sie wird vielmehr infolge von »Überspannung ihrer Macht« gewaltsam überwunden. Durch rastlosen geschlechtlichen Mißbrauch in der Zeit des Hetärismus empört oder zu Tode erschöpft, setzt angeblich zuerst die Frau in ihrer Sehnsucht nach reinerem Dasein, unter langen Kämpfen die geregelte Ehe durch, steigt dann während der demetrischen Periode zu solcher Herrschaft auf, daß sie nun wieder ihrerseits den Mann versklavt und selbst zur Amazone oder Omphale entartet. Nun folgt im Heroenzeitalter die männliche Gegenbewegung, einsetzend in der klassischen Welt mit Perseus, Herakles, Theseus, Bellerophon. Sie bringt, wenigstens auf europäischem Boden, mit Rom den endgültigen Sieg des Vaterrechts.

An diesem Wandelbild menschlichen Werdens fällt die rührende Einfalt mancher Begründungen seines Wandels auf, etwa die von der ersten aphroditischen zur zweiten demetrischen Stufe. Das nimmt Bachofen natürlich nichts von seiner Größe, »the great learned Swiss« nennen ihn die Engländer, es fixiert diese Größe nur an eine genau umrissene Stelle in der Zeit, wie ja in allen Reichen der Natur auch die mächtigste Einzelerscheinung stets irgendein Merkmal der Zeitsignatur an sich trägt. In diesem Fall heißt sie: klassisch-romantische Bürgerlichkeit.

Nach einem beiläufigen Rundblick über die unklassische Völkerkunde soll Bachofen in dem Kapitel »Theorien über das Mutterrecht« mit diesen noch einmal konfrontiert werden, hat er doch vor siebzig Jahren jenes Mutterrecht entdeckt, dessen Ursprung und Bedeutung seither zum Zentralproblem der Kulturgeschichte geworden ist. Bei ihm gibt es noch keine Urhorde, er weiß noch nichts vom Langhaus der Primitiven, von Totem und Tabugesetzen, noch von jener Vollmagie, auf der vier Fünftel aller kultischen Bräuche beruhen. Wohl wird jetzt von vielen Seiten in den psychischen Dschungel eingedrungen, Bachofen aber tat es auf seine eigene, unnachahmliche Weise; mit einer Belebung von innen her. Mit einer Art von drittem, fühlendem Stirnauge sah er unerschöpfliche Entsprechungen. Wer die Feuilleton-Antithese: apollinisch–dionysisch loswerden will, mit der Nietzsche einer ganzen Generation die tieferen Zugänge verstellt hat, lasse sich von Bachofen führen. Er hatte nicht nur Format, er vermochte es auch auszufüllen.

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