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Mütter und Amazonen

Bertha Diener: Mütter und Amazonen - Kapitel 33
Quellenangabe
authorBertha Eckstein-Diener
titleMütter und Amazonen
publisherAlbert Langen Verlag
printrun1.-5. Tausend
year1931
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181213
projectid88718b69
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Die soziologische Hypothese

wendet auf die Probleme von Vater- und Mutterrecht den historischen Materialismus an, wie er von Marx und Engels im kommunistischen Manifest formuliert steht, daß nämlich die ökonomische Produktion und die aus ihr folgende gesellschaftliche Form einer jeden Geschichtsepoche die Grundlage bilde für die politische und intellektuelle Geschichte dieser Epoche. »Geschichte ist daher nur Geschichte von Klassenkämpfen zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, beherrschten und herrschenden Klassen, auf verschiedenen Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung.«

Die alles bestimmenden Ursachen sind also rein wirtschaftlich, Religion, Ethik, Kunst, alles übrige »ideologischer Überbau«. Mutterrecht kann also nur dadurch entstehen, daß die Frau zu dieser Zeit »ausschlaggebend im Produktionsprozeß« wird und dadurch zur »herrschenden Klasse«. Die Soziologie verlegt diese Zeit und kann sie auch nur verlegen in die untere Ackerbaustufe. Mutterrecht ist daher eine vorübergehende Erscheinung, jene kurze Periode, während der Mann noch jagt, ein mehr schweifendes Leben führt, die Frau aber zu Hause als Pflanzen- und Früchtesammlerin bereits seßhaft wird und dadurch zum Ackerbau gelangt. »Da nun das Ergebnis der Jagd viel unsicherer ist als das des Ackerbaus, so erhält die Frau das Übergewicht. Jetzt wird sie der ökonomisch überlegene Teil, jetzt wird sie der Mittelpunkt der Wirtschaft, um die der Mann wie ein Planet um die Sonne kreist.« (Müller-Lyer.) »So erfolgte jene, in der bisherigen Kulturgeschichte einzigartige Umwälzung, welche die Frau die führende Klasse der menschlichen Gesellschaft werden ließ und eine klassische Zeit der Frauenkultur herbeiführte die, wenn sie auch nur kurze Zeit dauerte, tiefgehende Spuren hinterließ, deren Reste bis auf die heutige Zeit bemerkt werden.« (Dr. P. Krische.)

Vorher hat es nach den Soziologen weder Mutter- noch Vaterrecht, sondern nur »Hordenlinie« gegeben. In dieser Horde aber herrschte der Mann, weil er die »Produktionsmittel der Jagd« allein in Händen hatte. Sobald er, allerdings viel später als die Frau, den Vorteil des Ackerbaus begriff, entwand der Herrschgewohnte ihn ihr wieder, so daß mit der hohen Ackerbaustufe bereits abermals Männerherrschaft, diesmal mit bewußtem Vaterrecht, einsetzt, was wieder zu starker Versklavung der Frau führt. Diesmal spielt auch die durch Herrschaft erworbene geistige Überlegenheit des Mannes mit, weil das Weib an die Scholle gebundener Produzent bleibt, Arbeitstier, indes er, den Überschuß der Produktion als Händler verwertend, Geschäftserfahrung, Menschenerfahrung, Weitsicht gewinnen kann. Während beim Mutterrecht der Boden noch kommunistisches Sippengut blieb, machte ihn der Mann zum Privateigentum, nachdem er Geschmack an diesem gewonnen, durch Handel, Handwerk, auch kriegerische Eroberung, zu der die Verteidigung des bebauten Landes ausgeartet war. Acht Schlagworte umreißen bei Müller-Lyer diesen ökonomischen Prozeß: »I. Reichtum entsteht, II. Reichtum gelangt in die Hände des Mannes, III. Was zur Kaufehe führt, IV. So wird die Frau wieder Hörige des Mannes. V. Matriarchat geht in Patriarchat über. VI. Der Mann löst die Familie aus der Sippe heraus, VII. an Stelle der Sippenfolge tritt männliche Familienfolge, VIII. Zersetzung der Sippe.«

Diese rational-soziologische Hypothese ist oft in England, noch öfter in Deutschland, so von Cunow, Müller-Lyer, Krische, Eildermann, in populären Schriften weit verbreitet worden. Eildermann hat ihr auch Totem und Exogamie einbezogen. Darüber mehr an seinem Ort. Statt mit Einwänden verschiedener Herkunft zu beginnen, ob die Stufenfolge Jagd – Viehzucht – Ackerbau noch zu Recht besteht, ob die Frau überhaupt Ackerbau oder Hackbau erfunden hat, wird es vielleicht praktischer sein, erst die eigenen Voraussetzungen dieser Hypothese, ihr selbstgewähltes Fundament zu prüfen, nämlich die grundsätzliche Entsprechung vom Mutterrecht und niederem Ackerbau; nur dort kann nämlich die Frau das ökonomische Übergewicht durch den Wechsel im Produktionsprozeß genügend stark in die Hand bekommen. Auch die Stufe der mittleren Fischer bezieht Müller-Lyer der Mutterrechtzeit noch ein, nach ihm fiel, wie im Inneren des Landes Feldbau, so an den Küsten Fischfang zuerst an die Frau. Bei hohem Ackerbau, mit Handel und Reichtum, hat der Mann diese schon wieder an sich gerissen, und Vaterrecht herrscht. Das soziologische Resumé also lautet: »Gesichert ist zunächst, daß der normale Entwicklungsgang in Abhängigkeit vom Produktionsprozeß verläuft und durchweg das Mutterrecht bei höher entwickeltem Ackerbau schwindet.« (Dr. P. Krische.) Wie steht es mit diesem »gesicherten« Resultat?

Gerade höchste und älteste Stadtkulturen, wie im präarischen Indien, Ägypten, Lykien, Lydien, um nur wenige zu nennen, haben jahrtausendelang, einige sogar die ganze Zeit ihres Bestehens hindurch, wie Ägypten und Lykien, Mutterrecht gehabt. Gegen diesen Einwurf sucht man sich mit der »Üppigkeit schlammreicher Flußniederungen« zu helfen. Die Produktionsmittel seien den Sitten einfach davongewachsen. »So fand hier die, sonst über lange Zeiträume sich erstreckende, produktionstechnische Entwicklung in so überstürzter Weise statt, daß ähnlich wie bei der raschen Industrialisierung Westeuropas im XIX. Jahrhundert der ideologische Überbau dieser so plötzlichen wirtschaftlichen Umwälzung nicht in dem Maße wie bei geruhsam-langwierigem Fortschreiten zu folgen vermochte. So erhielten sich im schnelläufigen Entwicklungsprozeß dieser ersten Stadtkulturen hartnäckig uralte Sitten und Vorstellungen der Mutterrechtszeit.« (Dr. P. Krische.) Allerdings »hartnäckig«. Bis 5000 Jahre lang. Und wo kommt diese Hartnäckigkeit her, da doch die Produktionsmittel seelisches Geschehen entscheiden und diese dort rasch wachsen? Auch ist Lykien, das klassische Mutterland hohen Handels und Baustils, eine Art Schweiz, eher gebirgig und karg, und keineswegs schlammbefruchtet oder üppig, genau so wenig wie die Stadtkulturen der tibetanischen Frauenreiche mit neunstöckigen Häusern inmitten von Viehzucht, Handel und Industrie. Von Ackerbau findet sich schon wegen des eisigen Klimas bei fünftausend Meter Höhe kaum die Spur. Deshalb, meint Krische, müsse es in Tibet eben früher warm gewesen sein. Wohl damit außer dem tibetanischen auch der soziologische Weizen blühen könne. In Sparta wieder soll das »agrarische Beharrungsvermögen« schuld sein, daß nichts stimmt. Die Spartaner, als reine Kriegerrasse, waren aber das gerade Gegenteil von »Agrariern«, da ihnen, Männern wie Frauen, jede Beschäftigung mit dem Ackerbau verboten blieb. Vor lauter Mutterrecht versäumten sie zwar die Schlacht bei Marathon, schafften aber den pelasgischen Demeterkult im Peleponnes ab, weil es ihnen Mißachtung der Frau schien, sie in Gestalt einer Korngöttin zu verehren. Wiewohl Eroberer des ganzen Landes, ließen sie alle »Produktionsmittel« den Heloten, weil sie beide gleich sehr verachteten, brauchten selbst nichts als einen alten Mantel und spärliche, einfachste Nahrung, behielten sich Kultur ohne Reichtum vor, den Heloten blieb Reichtum ohne Kultur. In Sparta haben somit Herrschaft und Produktionsmittel nicht das mindeste miteinander zu tun.

Entgegen dem »gesicherten« Resultat der Soziologie sind in Afrika die Nomaden und Viehzüchter überwiegend mutterrechtlich, die Ackerbauer, soweit ihre Geschichte zurückverfolgt werden kann, vaterrechtlich, wenn es auch deshalb nicht gleich nötig scheint, so weit zu gehen wie Frobenius, der die Urform des weiblichen Kulturkreises prinzipiell mit Viehzucht, den vaterrechtlich-männlichen prinzipiell mit Ackerbau verbindet. Von den viehzüchterischen Hamiten sind die östlichen durchweg vaterrechtlich, die westlichen durchweg mutterrechtlich, kein Mensch weiß den Grund dieses fundamentalen Unterschieds. Nach Fisch sind reine Reitervölker ohne Ackerbau in Nordtogo: die Dagbamba, Tambussi, Mambrussi, mutterrechtlich. W. Junker sagt: »Unter den Bega herrschen die Frauen in einer Weise, die schwer mit dem hochfahrenden Wesen dieser stolzen und ungezähmten Nomaden zu vereinbaren ist.« Genau so wenig Ackerbauer wie all diese mutterrechtlichen Völker, ja nicht einmal Viehzüchter wie sie, sind die Buschmänner in der Kalahari, sondern Jäger, auch die Hottentotten gehören zu den ganz niedrig stehenden Rassen und leben völlig unter Matriarchat. Nur nach strengen Prüfungen durch die alten Frauen und mit deren Erlaubnis dürfen Buschmänner sich einem Stamm anschließen, Greisinnen bestimmen und führen auch die Wanderungen an. Die hohe mutterrechtliche Ritterkultur des alten Arabien war viehzüchterisch, die Männer fungierten als Hirten für ihre reichen, herdenbesitzenden Frauen. Die großen uralten Muttersippen von Assam haben wieder entwickelten Handel mit Märkten, die Männer verrichten zwar alle Arbeit und den Kriegsdienst, sind aber seelisch trotzdem seit Jahrtausenden völlig abhängig von ihren Frauen. Die Tuaregs der Sahara leben gleich ihren Vorfahren, den alten Lybiern, gynaikokratisch organisiert, die Frauen züchten Kamele, treiben Handel, bauen Städte, alles natürlich, ohne die Ackerbaustufe mit ihrem Wechsel der »Produktionsmittel« zu kennen. Allgemein und von je als ebenso unverbesserliche Nomaden wie Mutterrechtler bekannt sind die Zigeuner. Dr. Krische meint, sie müssen eben doch früher einmal typisch-seßhafte Ackerbauer gewesen sein, um Mutterrecht zu haben. So wie ja auch Hochtibet zu ähnlichem Zweck früher viel wärmer muß gewesen sein. Gleich zwanglos könnte sich vielleicht noch die Sahara als Kornkammer Afrikas diesen soziologischen Phänomenen anschließen. Doch findet Krische im Grunde selbst, die soziologische Theorie bedürfe doch wohl einer psychologischen »Ergänzung«, wodurch sie aber nur verunreinigt, nicht gestützt wird.

Die Australier – sie gehören zu den ältesten, am tiefsten stehenden Urrassen –, reine Jäger, zeigen doch in Bräuchen und Mythologie Spuren eines gewaltsam zertrümmerten Mutterreiches, eines vollkommenen Polwechsels der Macht, ohne daß der Produktionsprozeß gewechselt haben könnte, da sie ja keinen haben. Also galt es auch keine ökonomische Vormachtstellung zu brechen. Das gleiche ist bei den Feuerländern der Fall, die stets auf der Stufe der mittleren Fischer stehengeblieben sind. Die überhaupt primitivsten Menschen, von welchen man etwas weiß, noch weit unter den Australnegern, sind die Seri-Indianer im kalifornischen Golf. Sie besitzen nicht die Spur von irgend etwas, was überhaupt als »Produktionsmittel« angesprochen werden könnte, nicht Vorräte, nicht Kleider, nicht Werkzeuge, nicht einmal Steinmesser, kaum Gestrüpphütten und fressen, Männer und Frauen gemeinsam, tagelang an einem halbverwesten rohen Pferdekadaver herum. Das Einzige, was sie aber haben, ist strenges, hochausgebildetes Matriarchat. Der ganze vielfach gespaltene Stamm, in unaufhörliche Fehden verwickelt, steht unter Urweibdiktatur in ewiger Sohneshörigkeit. Wo bleibt da der Zusammenhang von Herrschaft und »Produktionsmitteln«? Die Seri sind ein Musterbeispiel für Ursprünglichkeit des Mutterrechts, wenigstens bei Rassen im weiblichen Kulturkreis, wie es eindringlicher nicht könnte erdacht werden. Tatsächlich kommt Matriarchat auf jeder Stufe menschlicher Entwicklung vor, auf rohester Stufe wie bei höchster Kultur, seine Dauer dagegen ist bei verschiedenen Völkern ihrer Mutterbindung entsprechend verschieden lang. Hiernach drängt es wohl nicht mehr, gegen die soziologische Hypothese noch mit Einwänden aus anderem Bereich zu beginnen, etwa was den »ideologischen Überbau« betrifft, nachdem der ethnologische Unterbau, ihr eigenes Postulat, bereits restlos verschwunden ist.

Trotzdem wird sich die soziologische Hypothese in immer weitere Kreise verbreiten, Kreise, bei denen auch wenig Gefahr besteht, daß sie je von Seri, Tuaregs, Bega gehört haben. Schon Plato sagt bei ähnlicher Gelegenheit im Kritias: »Denn wenn der Zuhörer von einem Gegenstand gar keine Erfahrung und gar kein Wissen hat, so ist das für den Redner eine große Erleichterung.« Auch hat es von vorne weg parteipolitisch so und nicht anders zu sein bei einer Doktrin, die von der Politisierung des Urschleims bis zur Politisierung der Möbel lebt. Sie klebt eben auf jegliches die gängige Marke des Flachsinns, schränkt die Auffassung auf das ganz Kürzliche ein, das gerade eben Gestrige, und merkt nicht, weil die dritte, die Tiefendimension schöpferischer Anschauung bereits verkümmert ist, daß es ebenso komisch-primitiv wirkt, wenn der Rationalist einen Vorgang in der magischen Menschheit durch die »Produktionsmittel« erklärt, wie wenn ein Wilder beim ersten Anblick einer Taschenuhr ihr Ticken dadurch »erklärt«, daß der Geist seines Großvaters drinnen sitzt. Ganz der gleiche unkritische Analogieschluß! Im historischen Materialismus wird eben das Weltgeschehen geschaut aus der Mentalität eines kleinen Gewerkschaftsbeamten. Er projiziert die, seiner Beschaffenheit einzig noch zugängliche, Merk- und Wirkungswelt aus Asphalt, bedrucktem Papier, Kollektivverträgen und Unfallversicherungspolicen in alle Schichten des Lebendigen und weiß es wirklich nicht anders. Einblicke, Ausblicke, Perspektiven anderer irrationaler Horizonte mit ihren verschiedenen gleichwertigen Lösungen eines Problems stehen ihm nicht mehr offen. Das soziologische Dogma wird daher immer mehr Leser vollauf befriedigen, und sind einmal alle anderen lebendigen Triebe zugunsten des Nutzens verkümmert, auch Wahrheit werden, weil dann, aber erst dann Weltgeschehen und Wirtschaft zusammenfallen.

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