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Mütter und Amazonen

Bertha Diener: Mütter und Amazonen - Kapitel 31
Quellenangabe
authorBertha Eckstein-Diener
titleMütter und Amazonen
publisherAlbert Langen Verlag
printrun1.-5. Tausend
year1931
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181213
projectid88718b69
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Theorien über das Mutterrecht

Wo die Probleme gesucht, vielmehr gesehen werden, das unterscheidet die Menschen.

Weininger

 

Nur jene Menschen haben nie etwas begriffen, denen alles ganz und gar begreiflich scheint.

 

Es wurde kürzlich sehr viel vom Menschenwesen erforscht, darum weiß man wieder einmal so wenig davon. Jeder, der verstehen will, ertrinkt zuvörderst beinahe in »Tatsachen«, ehe er sich einem Gesetz, aus dem sie etwa wachsen könnten, auch nur nähern darf, ja ehe er auch nur ahnt, ob er Richtung darauf hält. Vor allem ist zu entscheiden: welche Phänomene gehören der gleichen Lebensfläche an, wenn auch verschiedenen Gruppen, welche aber verschiedenen Schichten; ferner: was hat als primäre, was als sekundäre Erscheinung zu gelten? Soll etwa bei Mutterrecht Namengebung und Erbfolge das Wesentliche sein, oder nicht vielmehr, wer zu wem zieht, wer Töpfe macht, tanzt, Quellen reinigt? Dazu kommt noch als Grundfrage: wer ist der Herr, jener, der »arbeitet«, oder jener, der »nichts tut«? Vom »Arme-Leute«-Standpunkt aus, mit dem Dogma der »Lohnsklaverei«, scheint das kein Problem. In Wirklichkeit aber ist Arbeit, schwere, große Arbeit bis zur körperlichen Erschöpfung, in bestimmter Kulturschicht oft eifersüchtig gewahrtes Vorrecht der herrschenden Frau, während der beherrschte Mann zum Herumlungern und Basteln verurteilt bleibt.

So kommt es, daß längst »gesicherte« Resultate ganz neu zur Frage stehen. Früher galt Ackerbau, mindestens Hackbau, allgemein für weibliche Erfindung. Nach dem veralteten Vorurteil der »natürlichen Arbeitsteilung« sollte die Frau, während der Mann in der Ferne jagte, Pflanzen und Kräuter der unmittelbaren Umwelt als vegetabilische Nahrung sammelnd, auch wildwachsendes Getreide gefunden und es mit anderem Gemüse dann angepflanzt haben. Der Psychoanalyse dagegen ist Ackerbau wie jedes Arbeiten in der Erde das Schulbeispiel einer Ersatzhandlung für den verbotenen Mutterinzest, also typische Männererfindung und -beschäftigung, wobei die Libido, weil ihres unmittelbaren Objektes beraubt, von der Sexual- auf die Ernährungsstufe regrediert. (C. Jung.) Eduard Hahn sagt das gleiche, nur auf mythologisch, wenn er Pflug und Pflugwirtschaft religiöse Zeremonien nennt, wobei der Pflug »den Phallus« des »vorgespannten Stieres« darstellt, jenes »heiligen Rindes, das die Mutter Erde besamt«.

Frobenius wieder denkt genau so fern der Psychoanalyse wie dem alten Materialismus; ihm liegt die Entstehung des Hackbaues ganz anders, aber ebenso deutlich zutage bei einem Bergvolk Nordkameruns, und zwar als »Dankopfer«, seelischer Aufrausch, weder um des »Nutzens« willen, noch als »Inzestersatz«. Ob, was er sah, nicht auch psychoanalysiert werden kann, darum geht es hier nicht, sondern daß auch eine andere, ganz verschiedene Auswertung gerechtfertigt scheint, eben die Frobenius'sche. Er beobachtete die Leute, wie sie im Herbst zu den verlassenen Ebenen hinabsteigen und die nachträglich wildwachsenden Kornfrüchte sammeln. Im Frühling kehrten sie dann wieder, hackten einige Löcher ins Feld, legten von dem herbstlichen wilden Korn hinein, und – nun kommt das Sonderbare – gerade was aus diesem, der Erde Zurückgesäten wuchs, durfte nicht zur Nahrung dienen.

»Die erste Stufe war offenbar ein Einsammeln des Kornes, das wild wuchs. Als Ideal entstand die Sitte, aus Dankbarkeit und um die durch den Kornschnitt verwundete Mutter Erde zu versöhnen, ihr wieder Körner zurückzuerstatten, deren Früchte aber als heilige Opferzeugnisse nicht etwa dem profanen Leben zurückflossen. Erst in späterer Zeit nahm der Hackbau mehr und mehr profanen und verstandesmäßigen Charakter an. Die geschilderte Sitte stammt also aus der Zeit vor dem Hackbau und beweist, daß dieser aus dämonischen Vorstellungen zunächst als Ideal entstanden ist. Erst als die sorgende Kausalität die Ideale verkümmern ließ, als die nüchternen Tatsachen im Geiste herrschend wurden, stellte sich die praktische, zweckmäßige Verwertung der ‹Erfindung› des Hackbaues als profaner Wirtschaftsbetrieb ein.« »Wir können aber noch viele andere profane Institutionen unserer Kultur ohne Schwierigkeit bis zum Aufstieg aus den gleichen Tiefen paideumatischer Gärung verfolgen.« »Überall Ausdruck im Anfang und profane Zweckmäßigkeit, d. h. also Anwendung, am Ende

Auch das Hakenkreuz, ein Lebensbaum, der Füßchen bekommen hat und in die Zeit vorwärts stürmt, ist erst geschautes Bild einer bildergebärenden Menschheit, viel später wird es als Speichenrad, das dem Vollrad gegenüber Material und Gewicht spart, praktisch angewendet, während andere Natursymbole technisch unbrauchbar bleiben. Gegen den sprichwörtlichen Binsen-Irrtum: nur »Not macht erfinderisch«, erheben sich Ethnologie, Psychologie, Linguistik, Primitivenerforschung und zeigen noch ganz andere Quellen der Erfindung auf, denn erst Magie und Götter: erst der Tempel, dann das Haus, erst der Altar, dann der Herd, das Feuer ist ein Gott, empfängt Gebete und Opfer, schließlich ganz zuletzt werden die Hühner an ihm gebraten. In mythisch-religiösen Zeitaltern leben die Menschen sinnvoll und zweckfrei, weil sich ihr Gesamtdasein auf der Empfindungsfläche abspielt, abgezwecktes Handeln dagegen auf der rationalen, als welche die Zivilisation hervorbringt. Das »Not«-Dogma projiziert naiv ganz kürzliche Probleme, stammend aus einer übervölkerten und ausgesogenen Erde nach rückwärts in einen anderen Äon, wo es nicht nottut, einer kargen Natur etwas abzuringen, vielmehr sich einer aggressiven zu erwehren, die den spärlichen Menschen ansprang mit feindlicher Fülle. Es gab zuviel von ihr in jeder Form, nicht zuwenig; sie sich vom Leib zu halten, war das Problem, die Schwierigkeit, gewiß eine ungeheure, demnach ganz anders gelagert, das Leben herzzersprengend schwer aus äußerem und innerem Übermaß, nicht aus Mangel, besonders da es sich ja vorzüglich von subtropischen Zonen aus verbreitete.

Die gewaltigste menschliche Urerfindung: das Feuerreiben, ist jedenfalls aus innerer Fülle hervorgebrochen, weder äußerer Not abgeluchst, noch der Natur abgespickt. Adalbert Kuhn hat mit genialem linguistischen und Sinngefühl Prometheus, den Feuerbringer, und Pramantha, das männliche feuerreibende Holzstück, sprachlich als Brüder erkannt. In Indien ist das Feuerbereiten eine völlig sexuell gefaßte heilige Handlung, mit dem stabförmigen Pramantha als Phallus, dem drunterliegenden gebohrten Holzstück als weiblicher Vulva; das erbohrte Feuer ist der himmlische Sohn Agni, die »glänzende Zunge der Götter«. Feuerbereiten wird stets mit dem Verbum manthâmi bezeichnet, es bedeutet »schütteln«, »heftig reiben«; Pramantha gilt also als einer, der durch heftiges Reiben etwas hervorbringt, hat aber auch den Sinn von »Vorsorge«, »Vorbedenker« (Prometheus und Epimetheus). Kuhn bringt das Verbum manthâmi mit dem griechischen manthanein = lernen zusammen, hin- und herbewegen im Geist, geistige Reibung erzeugen. Die Wurzel manth führt über manthano pro-metheomai auf Prometheus, »dem Wort pramâthyus, von Pramantha her, soll überdies die zweifache Bedeutung von ‹Reiber› und ‹Räuber› zukommen« (nach C. Jung zitiert). Der enge Zusammenhang zwischen zwangsläufiger Brandstiftung und unbändiger Autoerotik ist übrigens jedem Kriminalisten bekannt.

Feuer wurde also nicht im Norden erfunden, weil es dort kalt ist, sondern in den Tropen, wo es heiß ist, auch innerlich heiß als Temperament. Feuer ist verlagerter Libidobrand. Gebremstes, gestautes Begehren bricht eben verwandelt wo anders heraus. Man vergleiche damit, wie ein sogenannter »exakter« Naturforscher, der einst sogar ziemlich berühmte Wallace, das Feuerbohren aus Naturbeobachtung »erklärt«. Er behauptet (zitiert nach Frobenius), »Eingeborene Indonesiens hätten einen vom Sturm abgebrochenen, in ein Astloch geratenen Ast vom Winde in diesem Astloch gewaltsam quirlend herumführen und so Feuerfunken hervorbringen sehen« – und sich dann wohl gedacht: Bravo, jetzt Schluß mit der Rohkost.

Der große Schweizer Psychiater C. Jung sieht dagegen analog dem Feuerreiben die Anfänge der Technik als außerhalb des Körpers verlagerte Sexualbetätigung in Form von Kratzen, Reiben, Bohren; nur, daß leider nicht jedes Kind, das in der Nase bohrt, deshalb unbedingt ein großer Erfinder zu werden braucht. »Ist nun ein Widerstand gegen die eigentliche Sexualität gesetzt,« (äußeres oder inneres Verbot) »so wird die Libidoaufstauung am ehesten diejenigen Kollateralen zu einer Überfunktion bringen, welche geeignet sind, den Widerstand zu kompensieren, nämlich die nächsten Funktionen, welche zur Einleitung des Aktes dienen, einerseits die Funktion der Hand, anderseits die des Mundes. Der Sexualakt aber, gegen den sich der Widerstand richtet, wird durch einen Akt der vorsexuellen Stufe ersetzt, wofür der Idealfall das Fingerlutschen resp. Bohren ist. Die vorsexuelle Stufe ist charakterisiert durch zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten, weil die Libido dort ihre definitive Lokalisation noch nicht gefunden hat. Ein Libidobetrag, der regressiv diese Stufe wieder betritt, sieht sich mannigfachen Anwendungsmöglichkeiten gegenüber – die Libido wird an der eigentlichen Stelle weggenommen und auf ein anderes Substrat übersetzt. Da ein verlagerter Koitus aber nie imstande ist oder sein wird, jene natürliche Sättigung herbeizuführen, wie jene an primärer Stelle, so war auch mit diesem ersten Schritt zur Verlagerung der erste Schritt zur charakteristischen Unzufriedenheit getan, welche den Menschen späterhin von Entdeckung zu Entdeckung trieb, ohne ihn je die Sättigung erreichen zu lassen.« Für die Inder ist ja die ganze Welt eine »Libido-Emanation« und entsteht aus »Begehren«. Jung befaßt sich dann auch mit dem indischen Ausdruck »Licht der Rede«. Wenn der »autoerotische Ring Mund-Hand aufbricht« (das Fingerlutschen), wird der Mund den unterbrochenen Sexualrhythmus als Brunstruf fortführen, als Lockruf, Musik, Sprache, Poesie, Geist, die Hand ihrerseits als Feuerbohren, Erfindung, Technik. »So faßte die indische Metapsychologie Rede und Feuer als Emanation des inneren Lichtes, von dem wir wissen, daß es die Libido ist. Sprache und Feuer sind ihre Manifestationsformen, als die ersten menschlichen Künste, die aus ihrer Verlagerung entstanden sind.«

So verschieden wie der Ursprung menschlicher Erfindungen wird auch der Ursprung menschlicher Gesellungsformen, »das Leben zu mehreren«, gesehen, mit seinem Zentralproblem aller Kultur überhaupt, dem Mutterrecht. Es involviert ja keine geringere Frage als die nach Entstehung der menschlichen Gesellschaft. Für viele Ethnologen ist die Familie weiblichen Ursprungs, typisch männlich für Frobenius, typisch männlich scheint ihm auch die Sippe, die Horde dagegen, und hier steht er im Gegensatz zu allen übrigen, mutterrechtliche Gestellungsform. Nach den Soziologen hat die Urhorde weder Vater- noch Mutterrecht, die Familie erst Mutter-, dann Vaterrecht. Den Männerbündlern dünkt die Horde so typisch männlich, wie sie Frobenius typisch weiblich dünkt, für R. Briffault stammt jede soziale Gruppe von der Frauen sippe, nicht Einzelfamilie her, Vaterfamilie ist ihm etwas Abgeleitetes, männlichem Ur-Instinkt Fremdes, an eine Urhorde glaubt er überhaupt nicht so recht. Manche halten wieder dafür, Mutter- wie Vaterrecht dürften losgelöst von Totem und Exogamie nicht betrachtet werden, alle vier bildeten ein unlösliches Bezugssystem, wobei erst recht von anderen in Frage gestellt wird, ob Totem und Exogamie selber zusammen gehören oder ganz getrennt entstandene Phänomene sind.

Bachofens Dreistufen-Theorie

Im Kapitel über Symbole, in Verbindung mit »Sumpf« und »Acker«, ist das Wandelbild menschlichen Werdens, wie der große Bachofen es geschaut hat, bereits skizziert worden, seine Dreistufen-Theorie: zwei weiblich-stoffliche, eine männlich-geistige. Aus dem Sumpfkult der All-Aphrodite, einem Zeitalter regelloser Geschlechtsmischung, wo der weibliche Stoff als solcher herrscht, erhebt sich die Demetrische Stufe, das eigentliche, eheliche Mutterrecht mit Namengebung und Erbfolge, zu ungeheurer Macht, voll Würde und Weihe, weil sich die Menschheit dem Mysterienprinzipat der Frau freiwillig unterordnet; ihm folgt als dritte Stufe das Vaterrecht, mit völliger Überwindung des Stoffes durch die Idee: Sonne = Geist. Und dann gibt der liebe Gott schon Ruhe, denn besser weiß er es offenbar nicht mehr.

Diese Stufen steigen nicht friedlich auseinander auf, sind vielmehr blutige Umwälzungen infolge jeweiliger Überspannung der Macht einmal des Mannes, einmal der Frau. Hier wird einfach die alte Mißbrauchtheorie von Klearch variiert. Auch der behauptet, jedem Systemwechsel müsse ein unerträglich gewordener Druck vorhergegangen sein, in seiner Folge Unterstes zu oberst kehrend. Nach Bachofen setzt die Frau, ermüdet durch ewigen geschlechtlichen Mißbrauch im Hetärismus, nach langen Kämpfen die ehelich geregelte Demetrische Lebensform durch. Diese, auf ihrem Gipfel, »entartet« ihrerseits ins Amazonische, mit Unterjochung und Versklavung des Mannes, keine vereinzelte, vielmehr eine damals weltweite Erscheinung. Schließlich setzt mit dem Heroenzeitalter die männliche Gegenbewegung ein und bringt das Vaterrecht zur Herrschaft, wenn auch seine apollinische Reinheit noch später zuweilen durch stoffliche Einbrüche mänadisch-dionysischer Art umwölkt wird.

Zuvörderst erscheint es psychologisch auffällig beim Übergang von der ersten zur zweiten Stufe, daß dieses Weibwesen, der unersättliche Sinnenstoff: Lulu, der Erdgeist, selber auf Einschränkung gedrängt habe; ist er doch angeblich seiner innersten Natur nach ewig auf Befruchtung aus, wie Bachofen an unzähligen Symbolen, mit Danaidenfaß, Sieb, und unzähligen Beispielen glaubhaft machen will, auch das Zeugnis des hermaphroditischen Tiresias aufruft, der den weiblichen Genuß bei der Begattung dem männlichen zehnfach überlegen nennt. Was natürlich nichts beweist, da bei hermaphroditischer Bildung schon aus Raummangel die beiden Geschlechtsorgane an Durchmesser geringer sein müssen als bei Normalen; und das muß dem Männlichen abträglich, dem Weiblichen dagegen zur Luststeigerung werden.

Weit auffälliger noch ist, daß Bachofen zum Beweis einer so wichtigen Annahme wie der Abschaffung des Hetärismus durch die Frau, die geborene Hetäre, immer nur ein einziges, ausschließlich auf Arabien bezügliches Strabowort einfällt, während sonst dem Leser für jede Bagatelle gleich ein »umgestürzter Bücherschrank« voll Zitaten um die Ohren prasselt. Die mindestens einhalbdutzendmal wiederholte Straboerzählung handelt von einer arabischen Prinzessin und ihren sechzehn Brudergeliebten. Jeder pflegte, wie das bei vielen Nomaden Sitte ist, als Symbol, daß er gerade bei ihr im Zelt sei und nicht gestört sein wolle, seinen Stab in die Erde zu stecken. Die Prinzessin, ununterbrochener Besuche überdrüssig, verfiel nun auf die List, stets so einen Stab vor die Tür zu pflanzen, auch wenn sie allein war, um es zu bleiben. Dieser Stab als einzige Stütze einer ganzen Stufentheorie ist etwas schwach. Die ungeheure Realität der Demetrischen Macht selbst ist dagegen in den schönsten Teilen seines Lebenswerkes unvergeßlich dargestellt, während hier nur die Ursache des Überganges aus der vorhergehenden Periode zur Frage steht. Was die strenge Ehelichkeit oder gar Monogamie des Matriarchats angeht, so hat die erweiterte Völkerkunde seit Bachofens Zeit, gerade wo dieses herrscht, sehr große sexuelle Toleranz, auch leichten Wechsel des Ehepartners erwiesen, nur das Vaterrecht erzwingt aus Gründen sicherer Nachkommenschaft eheliche Treue – bei der Frau.

Über das Amazonentum als »Entartung« wird noch zu sprechen sein. Hier mag genügen, daß aus ackerbauenden, also »Demetrischen«, Rassen das Amazonentum in gradliniger Steigerung der Muttermacht nie hervorgeht, vielmehr typisch für Weide- und Steppenvölker mit Roßopfer ist. Den Beweis einer vordemetrischen ersten Mutterrechtsstufe mit allgemeiner Geschlechtsmischung, wie die Ur-Aphrodite sie verlangt, sieht Bachofen in der obligatorischen Tempelprostitution vor der Heirat. Die so erworbene Mitgift sei Loskauf von der ehefeindlichen Naturgöttin. Über Tempelprostitution, künstliche voreheliche Deflorierung und was damit zusammenhängt, hat sich die Einsicht seit Bachofen sehr vervielfältigt; sie kommen auch bei reinem Vaterrecht vor und haben nicht ausschließlich mit Aphrodite zu tun, vielmehr mit dem Mondblut-Tabu des Hymenrisses einerseits, anderseits mit der weitverbreiteten Vorstellung, keine Frau könne ihre wunderbaren Funktionen erfüllen ohne direkte überirdische Einwirkung; eröffnen müsse die Gottheit selber, kein alltäglicher Mann sei dazu befähigt, nur der große »Unbekannte« bei Tempelprostitution, der »Fremde«, nicht als Herr Hinz oder Kunz Nachzuprüfende, gilt für den Avatar des Gottes, zuweilen auch seine Priesterschaft. Brahmanen beziehen aus dem Deflorieren ihre größten Einkünfte. Wenn die Damen am russischen Hof sich also zu dem Wundermönch Rasputin drängten, wenn dieser gerade infolge seiner »Heiligkeit« mit ihnen sexuell verkehrte, so ist das keine Blasphemie, sondern uralt religiöse Übung. Direkt einverleibt kann Göttliches eben nur werden durch den Mund, als Abendmahl, oder auf sexuellem Weg.

Aus den Arten der Mitgift weitgehende Schlüsse auf Vater- oder Mutterrechtsideen zu ziehen, hat sich ebensowenig bewährt. Auch die »Dienstehe« kann sehr Verschiedenes bedeuten. Sie kann bei Mangel an Geld oder Vieh ein Herausverdienen der Braut sein und mit dem Wegführen der erarbeiteten Frau in die männliche Sippe enden, dann war sie vaterrechtlich; sie kann aber auch ein Eindienen des Mannes ins Haus der Frau oder Schwiegereltern bedeuten und geht dann sehr gut mit Mutterrecht zusammen. Auch Mitgift hat verschiedensten Sinn. Die männliche bei strengem Matriarchat, wie in Ägypten, ist eine Zahlung an die Frau, als Preis dafür, daß sie in die Ehe willigt, weibliche Mitgift bei Vaterrecht und Polygamie ist dagegen nichts dem Manne Dargebrachtes, sondern materielle Sicherstellung der Frau im Falle der Scheidung und bleibt daher ihr unveräußerlicher Besitz.

Bachofens Größe wird von Einwürfen solcher Art gegen manche seiner Annahmen in gar keiner Weise tangiert, denn sie liegt nicht darin, wie er sich die graduelle Entstehung des Mutterrechts rein kausal gedacht haben mag, sondern in der Art, es mit seinen Entsprechungen durch alle Reiche hin zu sehen.

Die Vaertingsche Pendeltheorie

ist die neueste Variante der alten Klearchischen Mißbrauchsthese, mit ein bißchen Marxismus gesprenkelt, insofern das Herrschen pur et simple, ganz gleich, wer es ausübt, oder wie jemand dazu gelangt, sein Menschenwesen automatisch von A bis Z verwandeln soll. Es werden daher Herrschende und Beherrschte bei einem Polwechsel der Macht auch fast alle Merkmale, die man für angeboren hielt, tauschen. Bei Frauenrecht werden die Männer häuslich, schamhaft, kinderlieb, treu, fett, schwächlich, unselbständig, putzsüchtig und unintelligent, wie die Frauen bei Männerrecht. Dabei zeigt das jeweils herrschende Geschlecht die Neigung, den Druck immer mehr zu verstärken, was erst die gewünschte Wirkung immer tieferer Versklavung hat, bis jener Punkt erreicht ist, wo auch der Wurm sich krümmt, ja so sehr, daß er die Stiefelsohle dazu bringt, von ihm abzulassen, dann bäumt er sich weiter empor, um seinerseits zu einer Drohung anzuwachsen. Nach Vaerting ist die Macht wohl schon öfter im Lauf des Kulturgeschehens vom einen zum andern gependelt, mit einer kurzen Zeit der Gleichberechtigung als Übergangsstadium, ehe das jeweils im Aufstieg begriffene Geschlecht dann, seine Macht mißbrauchend, das Unterliegende völlig versklavt und dadurch schließlich eine neue Gegenbewegung auslöst. Obwohl dieses Pendelgesetz, eben als Gesetz, Dr. Vaerting fast unausweichlich scheint, muß nach ihm doch gerade jetzt, da nach einer Periode extremen Männerrechtes die aufstrebenden Frauen die Gleichberechtigung erkämpft haben, dieser Zustand zum Wohle gesitteten beiderseitigen Glücks endlich stabilisiert werden, sonst gehen wir wieder neuer Ungerechtigkeit, diesmal männlicher Versklavung, entgegen.

Diese in manchem bestechende, jedenfalls höchst geistreiche und anregende Theorie ist ja zum Teil schon besprochen worden, als es darum ging, einige jener »Austausch«-Merkmale, der »weiblichen Eigenart im Männerstaat und der männlichen Eigenart im Frauenstaat«, als solche anzuzweifeln. Gegen die kombinierte Mißbrauchs-Pendeltheorie als Ganzes – es sind die gleichlaufenden Arbeiten von H. Schulte-Vaerting und Dr. M. Vaerting gemeint – erheben sich sofort zwei mächtige Einwände. »Wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Verstand.« Schön! Bei den Vaertings ist aber weder Platz für eine zugleich Ämter und Verstand spendende Vorsehung, noch für eine Natur, in der Führer und Geführte, Fähige und Unfähige, Herren und Sklaven als solche geboren werden. Auch die Geschlechter sind von Haus aus gleich gut entwickelt, erst die künstliche Einengung erzeugt den Kraft- und Fähigkeitsunterschied zwischen ihnen. Woher dann der erste Pendelschwung? Schulte-Vaerting muß seine Hypothese daher sofort mit einer zweiten Hypothese unterbauen, jener nämlich, daß in der Urzeit bei den Primitiven überwiegend mehr Männchen geboren wurden; durch ihre Zahl vermochten sie die Gemeinschaft dann völlig zu beherrschen. Dafür liegt keine Spur eines Beweises vor. Von dem zahlenmäßigen Verhältnis der Geschlechter bei wildlebenden Tieren, vorausgesetzt, darüber sei Sicheres bekannt, direkt auf den Urmenschen zu schließen, geht wirklich nicht an. Der Grund für einen ersten Pendelschlag in der Richtung nach der Männerherrschaft hin ist also keineswegs einzusehen.

Der zweite Einwand gegen eine Pendeltheorie liegt darin, daß es kein einziges Beispiel dafür gibt, ein Volk mit Vaterrecht sei wieder zum Mutterrecht zurückgekehrt. Wohl gibt es hie und da Zeiten der Gleichberechtigung der Geschlechter, doch lediglich als Übergangsstadium vom Mutter- zum Vaterrecht, nicht umgekehrt. Der vielleicht größte Kenner des prähistorischen, historischen, mythologischen, folkloristischen und rein ethnologischen Materials, Sir James Frazer, sagt: »Eine Theorie, welche behauptet, ein Volk mit früherem Vaterrecht sei später wieder zum Mutterrecht übergegangen, müßte sehr starke Beweise bringen, um glaubhaft zu werden, da sowohl innere Wahrscheinlichkeit als Analogie dagegen sprechen. Denn es scheint sehr unwahrscheinlich, daß Männer, einmal gewohnt, ihre Rechte und Privilegien auf ihre eigenen Kinder zu übertragen, sie später wieder enterben und statt dessen Rechte, Besitz und Privilegien auf die Kinder der Schwestern übertragen sollten; und während tatsächlich eine Menge Symptome in anderen Teilen der Welt für einen Übergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht sprechen, gibt es meines Wissens nach kein einziges Beispiel irgendeines Überganges in anderer Richtung, vom Vaterrecht zum Mutterrecht.« (Totemism and Exogamy.) Der einzige Anflug vom Anfang einer Tendenz dereinst diskutierbaren Beweises könnte höchstens darin erblickt werden, daß die Kwatiutl-Indianer mit Abstammung in der männlichen Linie diese durch den Einfluß matriarchaler Nachbarstämme insofern etwas modifiziert haben, als sie auch den Totem des mütterlichen Großvaters in die Ahnenreihe aufnehmen. Das ist aber auch schon alles.

Die vorzüglichere Stellung der modernen Amerikanerin im allgemeinen ist aber ein Phänomen ganz anderer, neuer, ja einziger Art, kein sich auswirkendes »Gesetz« als Reaktion auf männliche Überspannung der Macht. Ein anfänglicher Raritätswert der weißen Frau, in Verbindung mit der angelsächsischen Ritterlichkeit, mußte ihr bei dem Prinzip sonstiger menschlicher Gleichstellung in der jungen Union den Vorrang verschaffen, dazu kam die große, freie, verantwortungsvolle Position der Farmersgattin und Viehzüchterin. Das Wichtigste aber bleibt die Umbildung des Rassenpädeuma durch die amerikanische Bodenseele mit ihrem alten, von den Indianern nicht zu Ende gelebten Mutterrecht. Was hat hier die Vaertingsche »Mißbrauchstheorie« zu suchen? Von Überspannung männlicher Macht ist in Amerika, gerade im Gegensatz zu den letzten europäischen Jahrhunderten, keine Spur zu merken. Man »tut sich halt schwer« oder gar zu leicht, wenn bei Kulturfragen die tief mißbilligte Existenz von Rassenunterschieden prinzipiell ignoriert werden soll.

Auch die alten Kulturen durchsucht Dr. Vaerting krampfhaft nach einem Pendelschlag in seinem Sinn. Er findet nicht viel mehr als eine vereinzelte Bemerkung bei Nymphodor, in Ägypten hätte ein Pharao: Sesostris = Sesartoris, es kann nur einer der III. Dynastie gemeint sein, das Matriarchat eingeführt. Daraus schließt Vaerting, es müsse doch vorher Männerrecht gegeben haben. Diese ganz vereinzelte, flüchtige Angabe bei Nymphodor wird von keinem der anderen antiken Schriftsteller in ihren so eingehenden Beschreibungen ägyptischer Geschichte erwähnt und, was noch wichtiger, Ägypten selbst, das konservative, ahnenverehrende, alles verzeichnende, weiß nichts von einem Vaterrecht. Dort geht lückenlos die Entwicklung, wenn auch außerordentlich langsam, anders herum, schon mythisch. Aus dem parthenogenetischen Weltbild, mit »Neith der Alten«, wird später eine männliche Kosmogonie. Ist die Pendeltheorie der Vaertings als solche wohl auch nicht zu halten, so gebührt ihnen doch für viele Nebeneinsichten Dank und Anerkennung. Köstlich ist ihre Zusammenstellung von Geschichtsfälschungen der männerrechtlich verblendeten Historikerzunft, wobei Originaltexte bei der Übersetzung ruhig in ihren gegenteiligen Sinn verkehrt werden, oder jede weibliche Leistung automatisch Entwertung erleidet. Gibt es unter einem König keinen Krieg, so wird er sofort »glänzender Friedensfürst« genannt, gelingt es dagegen einer Frau durch kluge Diplomatie, ihr Reich intakt zu erhalten ohne Risiko und Katastrophenpolitik, so heißt das lediglich schwächliche Friedenszeit. Es gibt keine Seite der Vaertingschen Schriften, die nicht anregend und vergnüglich wäre.

Die Überbleibseltheorie

Heinrich Schurtz ist trotz anderen ethnologisch-kulturgeschichtlichen Büchern vor allem Spezialist für Männerbünde. Dort häuft sich der Berg seiner Verdienste, gekrönt mit dem Werk »Altersklassen und Männerbünde«, einer fast weltumfassenden Studie über diese typisch männliche Gesellungsform, mit ihrem Langhaus der Primitiven, Schädelkult, Bräuchen, Strebungen, Geheimriten und Ideen. Alles reich, frisch und doch weise betrachtet. Blüher, in seiner Auffassung des Staates als Gebilde, geboren aus einem mann-männlichen Eros, weist verehrungsvoll auf dieses Material. Mit Frobenius verbindet Schurtz die Einsicht, daß Männerwesen und Altersklassensystem zusammengehören, dem Weibwesen und seiner Welt zeigt sich Schurtz dagegen völlig abgeneigt. Was er darüber aus zweiter Hand erfährt, etwa aus Ploß, »Das Weib in der Natur- und Völkerkunde«, mißfällt ihm schwer. Er kehrt daher das leider nicht ganz wegzuleugnende Mutterrecht wenigstens als lästigen Lebensabfall aus seinem Weg recht weit zur Seite. Es ist ihm der zusammengeronnene Restbestand aus alledem, was den echten Mann, abgesehen vom Geschlechtlichen, an der Familie nicht interessiert, und das als Weiber- und Kindergetue dann ein selbständiges Scheinleben vorzutäuschen beginnt. Weibliche Geheimbünde ahmen natürlich lediglich männliche Vorbilder nach, wenn auch manchmal sogar nicht ganz ohne Erfolg.

Bezeichnend für ihn ist folgende Stelle aus »Altersklassen und Männerbünde«, eben jenen Hang zur Verbündelung betreffend: »Selbst die oberflächlichste weibliche Seele kennt wenigstens die Neugier, die freilich in der Regel nichts ist als eine taube, unfruchtbare Regung ohne tiefere Folgen. Das männliche Geschlecht in seinen besseren Vertretern zeigt auch hier (man beachte das »auch«), seiner Neigung zum Nachdenken entsprechend, einen anderen Zug, den Wunsch, die Rätsel des Daseins zu lösen, oder doch die Lösung von anderen, weiter Vorgeschrittenen sich mitteilen zu lassen.«

Das gesamte Altertum wenigstens »in seinen besseren Vertretern« strebte, »seiner Neigung zum Nachdenken entsprechend« und in dem Wunsch, »die Rätsel des Daseins zu lösen oder doch die Lösung von anderen, weiter Fortgeschrittenen, sich mitteilen zu lassen«, demütig danach, der Weihe weiblicher Eleusinien teilhaftig zu werden. Manchen Forscher dünken sie bedeutsamer sogar als die Schlaraffia.

Für etwas Nichtgewünschtes, das einfach zu durchstreichen ist im Sinne von Schurtz, wirkt sich Matriarchat vielerorts auch befremdend vordringlich aus. Um seine Gesetze zu umgehen, wird der Chokta-Indianer amerikanischer Staatsbürger, sonst dürfte er nicht einmal seinem Sohn, also ein Mann dem anderen Mann, Besitz vermachen; er hat über sein selbst erworbenes Privateigentum kein freies Verfügungsrecht, es gehört der Muttersippe. Der Beni-Amer-Mann muß sich durch Demütigungen, Geschenke, Geldbußen, Vermittlung von mitleidigen Nachbarn das Wieder-in-Gnaden-aufgenommen-Werden ins weibliche Heim erkaufen. Grauhaarige Afrikaner wagen sich keiner Expedition, einer reinen Männerangelegenheit, und sei es nur auf Tage, anzuschließen, ohne ihre Frauen gefragt zu haben. Die Alëuten halten es nicht zwei Monate fern von ihren alten Müttern aus. Bei den Buschmännern, bei den Seri-Indianern bestimmen ausschließlich die Frauen, und zwar die alten, welche Männer sich dem Stamm anschließen dürfen, prüfen die Kandidaten streng und führen auch bei Wanderungen an. Ähnliches ließe sich bis zur Ermüdung aufzählen.

Schließlich: Sind weibliche Gesellungsformen als Restbestände und Nebenerscheinungen zu werten, so müssen sie sich doch besonders an der Peripherie ausgeprägter Männerbünde ablagern. Das ist nicht der Fall. Gerade in typischen Mutterrechtsgebieten, wie Assam, bilden die großen weiblichen Mutterclans mit wechselnden Gatten das alleinige soziale Gefüge; ein zielstrebiger männlicher Zusammenschluß: jener Kern, dessen Abgestoßenes die Weibersippen bilden soll, fehlt ganz.

Also Überbleibsel, mit nichts weit und breit, von dem sie übriggeblieben wären.

Die Kulturkreislehre von Frobenius

Ihm wie Spengler sind Kulturen »Organismen höchster Ordnung«. Jede ein eigenes Lebewesen, mit eigenen Wachstumsprozessen, mit Geburt, Kindes-, Mannes-, Greisenalter und Tod. »Vor allem: nicht der Wille des Menschen bringt die Kulturen hervor, sondern die Kultur lebt auf dem Menschen, sie durchlebt den Menschen«, wie ein Schimmelpilz auf seinem Nährboden lebt. Und wie Pflanzen nur ein bestimmtes Verbreitungsgebiet haben, so sind Kulturen an einen paideumatischen Raum, sei er nun kontinental oder ozeanisch, gebunden. Auch nach der neuen Biologie bilden ja Umwelt, Innenwelt und Wirkungswelt bei jedem Lebewesen eine planmäßige Einheit. Wandert eine Kultur, so wird sie, wie verwehter Same, auf einem neuen Boden Veränderungen erfahren, »die Umbildung des Paideuma aber, das unter gewissen Bedingungen des Wechsels der Umwelt Steigerungen erlebt, ist weder chemisch, noch physisch, noch meteorologisch verständlich zu machen«. Für Frobenius entsteht die Bodenseele, das Paideuma des Abendlandes, als Nachwelt des alten Orients im ägäischen Raum. »Kultur ist durch den Menschen organisch gewordene Erde.« »Nach zwei entgegengesetzten Richtungen treten Pflanze und Kultur mit der Erde in Beziehung: hineinwurzelnd oder herauswachsend. In beiden Fällen bedeutet der Richtungsvorgang Leben. Die hineinwachsende Kultur nenne ich chthonisch, die herauswachsende tellurisch. Die Pflanze faßt chthonisches und tellurisches Wesen in einem zwiespältigen Wesen zusammen.«

Kultur oder Paideuma (Bodenseele) ist für Frobenius zunächst entweder chthonisch oder tellurisch. Der in der Polarität Wurzelpol und Sproßpol gekennzeichneten Einheit des Pflanzenlebens steht also die Dualität, die Zweiheit anfänglichen Kulturlebens gegenüber. Die beiden polaren Urformen der Kultur sind die chthonisch-matriarchalische und die tellurisch-patriarchalische, diese zentrifugal, mit übermäßigem Weitengefühl, jene zentripetal, einsaugend, gestaltend und höhlenhaft. Diese zwei grundgegensätzlichen Kulturkreise, aus denen alles entsteht, können sich wohl überlappen, doch niemals ineinander übergehen, dagegen ist jede die Ergänzung der andern. Daraus gehen die hohen Formen hervor. – »Jede hat eine vorpolare, polare und nachpolare Stufe. Jede bildet in ihrer vorpolaren Stufe erst Horden, ohne eine andere Ordnung als die animalische zwischen Männern und Frauen. Mutterrecht oder Vaterrecht gibt es also noch nicht, weil Spaltung zwecks Offenbarung der Polarität durch Wesensdifferenzierung noch nicht eingetreten ist.« Auf der polaren Stufe, die in vier Episoden verläuft, herrscht dagegen in beiden Kreisen eine sehr klare Ordnung, denn schon in der ersten Episode werden sie virulent, »jede tritt in dem ihr zugeborenen Raum als vollendeter Organismus auf«.

Diese neue Kulturkreislehre räumt natürlich das soziologische, lineare Nacheinander weg. Um sie zu begreifen, »dazu ist vorerst notwendig, daß alter schöner Kinderglaube beseitigt werde, an die Reihenfolge Jäger – Hirten – Ackerbauer«. Von diesem Dogma haben sich auch schon viele Völkerkundige abgewandt. Frobenius glaubt aber auch nicht an die Stufung erst Mutter-, dann Vaterrecht. Beide polaren Urkreise sind sehr früh, fast von vornherein, da, gleichaltrig, gegensätzlich, und zwar auf jedem Gebiet des Geistigen, Kulturellen wie Körperlichen, in Wirtschaft, Arbeitsteilung, Hausung und Handwerk; in allem, was Tiefenschau des Lebens anbetrifft. Die matriarchalischen Menschen sind magisch, die patriarchalischen aber »erleben alles als Symbol und sind deshalb Mystiker«. »Das Recht des Vaters hier, der Mutter dort, ist also nur eine einzelne Äußerung der Kultur, die nach allen Richtungen gleiche Differenzierung manifestiert.«

»Tellurisch-vaterrechtlich ist architektonisches Herauswachsen aus dem Boden. Der Mensch lebt auf einem Pfahlbett, lebt im Pfahlhaus, brät sein Essen auf einem Pfahlrost. Dem entspricht innerlich die Vorstellung, die Seele des Neugeborenen steige pflanzengleich aus dem Boden, wandere durch die Altersstufen bis zum Greis, kehre von da zur Erde und dann wieder in den Menschen zurück.« Es ist ein vertikal gestellter Kreislauf. Im Sozialen ordnet der Älteste. »Diese Kultur ist der Pflanze gewidmet, vom schweren Ackerbau bis zum dionysischen Frohsinn. Heiliger Jubel umtost die Leiche des Greises, der nun bald wiederkehrt.« »Unbegrenzt wie das Ackerland, das das Sippengehöft umgebende Ackerland, ist die Erde. Großes, ach übergroßes Weitengefühl ist allen Menschen der tellurischen Kultur eigen.«

»Chthonische (weibliche) Kultur geht aus von der Hausung im Boden, gräbt sich im Boden die Wohnung, das Bett, den Speicher. Weite Räume im Inneren, verzweigt wie die Wurzelfasern. Backen der Speise in der Grube, im Erdofen. Langsam löst sich die chthonische Kultur zum Luftwurzeldasein. Immer kehrt sie, bei aller Feinheit und Zierlichkeit, zu dem Gedanken des Lebens im Mutterland am Anfang der Dinge zurück«, wie umgekehrt die tellurische senkrecht heraufstrebt und dann hinauslebt ins Weite. »Nur Hades, nur Schatten und Gespensterreich winken dem sterbenden Chthoniker.« Daher die Verherrlichung irdischer Materie, des fleischlichen Körpers. »Die chthonische Kultur setzt ein mit Haustier, mit Fleisch, Blut, Zucht, mit Bindung an den Raum«, denn Viehzucht, da sie mehr Raum braucht, bringt früher Grenzen. Nach Frobenius war es ein großer Irrtum, zu meinen, Nomaden könnten regellos wandern, im Gegenteil, jede Horde hat ihre strengen Weidegrenzen. Für die männlich-tellurische Kultur beginnt dagegen gleich nach dem letzten bebauten Acker die unendliche freie Weite, der jeder nicht mehr bebaute sofort wieder verfällt. Besitz reicht, soweit Arm und Arbeitskraft reichen. »Tellurisch ist Ruhe im unbegrenzten Raum. Chthonisch Unruhe im begrenzten Raum.« Viehzucht ist matriarchalisch vom Grund auf. Die Frau bestimmt Erde, Besitz, Gattenwahl, wählt lange und genau, durch Tapferkeitsproben, dann den Schönsten, Stärksten, Tüchtigsten. »Sie hat alle Lasten und Rechte auf sich genommen, melkt, bereitet Leder, flicht, webt, errichtet das Zelt, bricht es ab, beladet Tragtiere, bestimmt, wohin gezogen wird, übertrumpft die Frau der vaterrechtlich-tellurischen Kultur, weil sie zu alledem auch noch Mutter- und Haushaltungspflichten erfüllt. Die Männer liegen faul herum oder kehren heim von Jagd und Krieg.« Werden Zelte abgebrochen, dienen sie zum kriegerischen Schutz beim Aufsuchen neuer Weideplätze. Männer sind Soldaten im Auftrag der Frau. Die chthonische Kultur kennt nur die matriarchalische Horde, die tellurische die patriarchalische Sippe. In der echten Steppe lebt diese matriarchalische Horde in einem Kreis von Hütten, nach außen geschützt durch den Dorngestrüppverhau. Die Vorstellungen sind materialistisch, blutmäßig. »Das Kind spaltet sich von der Mutter, in dem ständigen Abspalten der Nachkommenschaft auf dem Weg von Großmutter zu Enkelin wird der weibliche Körper unsterblich, wie die niederen Lebewesen den unbrauchbar gewordenen Teil der sie bildenden Materie abstoßen« und durch den bewahrten unsterblich bleiben.

Im Männlich-Tellurischen ist also die Seele ewig, im Weiblich-Chthonischen dagegen die Materie, woraus Zuchtwahl, Veredlung des Körperlichen folgt, das Bestreben der Frau, im Animalischen »superlativistisch« zu wählen. Zur Urpolarität gehört es, daß »Mann und Männliches als Werbende auftreten, Bewegliche, Ausdehnungsbedürftige, Ausstrahlende, alles in allem mit zentrifugalen Eigenschaften. Weib und Weibliches äußern sich dagegen immer in der Form des Zögerns, des Wählens, des Sichumwerbenlassens, des Aufsaugens, Festhaltens, Sparens.« – »In der Verbreitung der Kultur ist die Spaltung der Polarität in einer heute erkennbaren großartigen Raumteilung erfolgt. Die großen Steppengebiete Innerasiens, Osteuropas und Innerafrikas wurden zur Heimat der zentrifugalen Kulturen, die Küstenländer des Mittelmeeres und des südlichen Asiens dagegen Gebiete der zentripetalen Kulturen und damit des Matriarchats. Die Bewegung und der Einfall des Beweglichen, Zentrifugalen in das Territorium der Zentripetalen hatte der Reihe nach die Entstehung der Hochkulturen in Indien, Westasien, der Ägäis, in Rom, Frankreich, England zur Folge. Natürlich waren die Kulturen der Beweglichen entwicklungsstärker, die der Ruhenden gestaltungsfähiger. In diesem Phänomen liegt die gesamte Problematik der sogenannten Weltgeschichte begründet.«

In ihrer ersten Episode, jener primitiven Offenbarung der Polarität, setzt jede Kultur besonders virulent ein. Das Junge betritt die Bühne »mit dem Anspruch auf Hegemonie in allen Dingen, als Zentralsinn des Lebens. Neben ihm, das eben die Wucht des Ausdrucks hat, tritt alles zurück.« Bei der Idee des Mutterrechts, meint Frobenius, sei diese erste Wucht ungeheuer gewesen, weil sich hier einige der mächtigsten Eigenschaften des Zentripetalen auswirkten, wie Tatsachensinn und die Abgeschlossenheit des Rechtsbegriffes. Die Zustände dieser »Episode der größten Revolution der Frauen müssen zu erstaunlichen Einseitigkeiten geführt haben: Amazonentum, legalem Hetärismus, Männerverpfändung – in dieser Episode dient der Mann, ist sein metaphysisches Bedürfnis vollkommen ausgeschaltet.«

In der zweiten Episode nimmt die schroffe Offenbarung der Polarität, sei sie nun weiblich oder männlich, bereits »die Form der Eingliederung« an, wird Teil eines Ganzen und gelangt als Altwerdende dadurch in das Stadium der Anwendung, später der Nachwirkung.

Diese vier Episoden der gegensätzlichen Kulturen auf ihrer polaren Stufe ergeben im Wallen, Strömen, Übereinanderfließen Turnersche Farbennebel und Valeurs. Sämtliche geographische Orgien mitzufeiern, bei denen da an allen erdenklichen »Randgebieten« dies und das und gerade dann und so »aufsteigt«, danach ist hier kein dringender Bedarf, dagegen ist es noch wichtig, zu erwähnen, wo Frobenius polar von überpolar, Blühen von Verwelken trennt. Schon in der letzten, vierten Episode trat die Polarität in Sondermensch und Masse auseinander. Dagegen lag zu Beginn der Kulturen »Wucht und Sinn im Wesen und Charakter des Stammes –, heute mehr und mehr in der starken Persönlichkeit der Einzelnen, deren Eigenarten aus dem eigenen Volk über andere Völker weit hinweg wirken können«. Auf der polaren Stufe wirkt noch das ganze Volk. Nur auf dieser blühen die Hochkulturen, »an bestimmte Räume gebundene, völkermäßige Stileinheiten«. Damit ist es vorbei oder beinahe vorbei.

In der Kulturkreislehre diagnostiziert Frobenius für den weiblichen und männlichen Kreis zuweilen etwas verwegene Symptome. So gibt es für ihn beim Mutterrecht gar keine »Mütter«, sondern lauter Demi-Vierges, Mutterverehrung nur bei Vaterrecht, weil es nur dort Heiligkeit der Ehe gibt, »das Weib als Gefäß der Ehe, Glied der Sippe, Symbol der Gestaltungsfähigkeit, das die Sehnsucht des Mannes ergänzen muß – die bedeutende Erscheinung der Mutter – sie gewinnt ja das mächtige Recht, beim Eintritt in die Sippe einen Altvordern wieder zu gebären«. Was sie vorher treibt, ist gleich; auf Jungfräulichkeit wird angeblich also bei Vaterrecht kein Wert gelegt, nur auf Treue nach der Hochzeit: Sippentreue.

Umgekehrt soll beim Mutterrecht die Jungfräulichkeit ängstlich gehütet werden als Reiz, um den Mann in ewiger Spannung zu halten, mit ihm kokettieren, ihn auf immer neue Proben stellen zu können, ob er wirklich der Tüchtigste, Geschickteste sei, denn nur das Körperliche gilt, und sie will immer noch etwas übrigbehalten für einen noch Schöneren. »Dann aber, wenn diese Frauen des Mutterrechts verehlicht sind, hört das Bedürfnis zur Wahl nicht auf. Dann taucht nach einiger Zeit einer auf, der mutiger, anerkannter und erfolgreicher ist als der Gatte, und jetzt wird sie mit der gleichen Leidenschaft auch ihn entfachen, und so kommt es, daß der Gleichgültigkeit gegen die Jungfrauenschaft sowie der Treue der Vaterrechtlichen die sorgfältig gehütete Jungfrauenschaft und Untreue der Mutterrechtlichen gegenübersteht.« Ausdrücklich sagt Frobenius: »Dies betone ich hier, weil damit ein Symptom gegeben ist, durch welches die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Gruppen festgestellt werden kann.« Das Symptom bezieht sich wohl nur auf Afrika, das Frobenius sehr gut kennt. Bei den mutterrechtlichen Hamiten an der Grenze ritterlicher, dem arabischen verwandter Art, bei Vaterrecht in der Zega mag dies alles stimmen, von dem größten Teil der übrigen Welt liegen zuviel Gegenbeispiele vor, daß nämlich im Matriarchat nicht die junge Demi-Vierge mit ihren Adorateuren herrscht, sondern die alte Frau, und zwar als Sippenälteste, denn gerade die beinahe in die Prähistorie zurückreichenden Muttergefüge leben bereits in Sippen-, nicht Hordenform. Junge Frauen sind aber dort keine Demi-Vierges, sondern stolz auf die Zahl vorehelicher Liebhaber, die Mutterverehrung selbst wurzelt jedoch in der Sohneshörigkeit. Umgekehrt sind bei typischem Vaterrecht die Mißachtung der alten Frau und Bevorzugung der Jüngsten zu erotischen Zwecken so allgemein bekannt, daß es genügt, an sie zu erinnern, ohne Beispiele aufzuzählen. Daß »Viehzucht matriarchalisch von Grund auf« ist, kann ebensogut geglaubt wie bezweifelt werden, ebenso daß Vaterrecht und Ackerbau von vornherein zusammengehören. Das Umgekehrte mag ebenso »ursprünglich« sein. Mutterrecht, gesteigert zu Gynaikokratie, kommt tatsächlich bei jeder Lebensweise vor, sogar lang ehe Viehzucht einsetzt, wie bei den Seri-Indianern. Auch gerade im Ackerbau die Form des männlichen unendlichen »Weitengefühls« zu sehen, scheint etwas gesucht. Echter lebt Weitengefühl doch wohl abenteuerbeglänzt in den Urweltzügen von Kriegerrassen, Eroberern, Wikingern. Frobenius spielt hier doch wohl etwas zu sehr mit der Pflanze als Kulturbild, ihrem »Wurzelpol« und »Sproßpol«, von diesem kommt sein Vaterrecht und Weitengefühl nicht mehr recht weg.

Abgesehen von diesen willkürlich-phantastischen Details, bleibt als Ganzes die Kulturkreislehre doch eine mächtige Erscheinung, irgendwo aus einem ganz Dämonisch-Genialen heraus geschaut, ursprünglich vielleicht gar nicht so sehr aus dem enormen Material der kultur-morphologischen Institute zusammengetragen. Nur oberflächlich gesehen sind diese Kulturkreise eigentlich »Kreise«. Sie wirken eher wie Wirbel, deren Wirbelfäden sehr tief gehen, um ganz unten über ein bisher Unerkanntes, Unerreichtes wie saugend hinzustreifen.

Etwas wie eine Affenhypothese

Eigentlich ist es mehr die Verschiebung des ganzen Problems um ein Tempo nach rückwärts, bis auf die Menschenaffen, denn nach H. Freudenthal sind schon diese entweder vater- oder mutterrechtlich organisiert. Die rein männerrechtlichen Orang-Arten haben sehr ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale, weil sie in einzelnen Vaterfamilien leben, also vorher ein Kampf der Männchen stattfindet, wer das begehrte Weibchen »heimführen« darf. Durch diese Wahl werden Individuen von stark ausgeprägtem Sexualcharakter für die Nachzucht ausgelesen. Die Schimpansen dagegen leben in Herden oder weiblichen Horden, nicht familienweise, ohne Kampf der Männchen untereinander um die Weibchen, sondern »in einer Art mutterrechtlicher Verfassung«.

Auch bei menschlicher Bevölkerung mit Mutterrecht sind Mann und Frau viel weniger sekundär geschlechtlich differenziert als dort, wo Vaterrecht herrscht, mit Frauenraub, Zweikampf oder auch nur Rivalität der Männer. (Siehe Vaerting.) Doch mehr noch: »Wir können in bezug auf den äußeren Habitus feststellen, daß in einzelnen, genau definierbaren erblichen Merkmalen die menschliche Bevölkerung der verschiedenen Erdteile sich verhält wie die Menschenaffen in denselben Erdteilen. Wer ein scharfes Auge für Formenvergleichung besitzt, dem kann die auffallende Ähnlichkeit junger Exemplare der Orang-Utan-Rasse mit Malaien und Ostasiaten nicht entgehen, bis in die »blauen Mongolenflecke« hinein, auch mit der braunen indischen Bevölkerung und ihrer Überhöhung des Schädels, weil ja die Orang-Rassen als einzige Affen Schädel mit Höhenentwicklung zeigen.« Ebenso sonderbar stimmt nach dieser Theorie das Temperament bei den Ostasiaten und den Orangs überein. Beide »buddhistisch«, melancholisch, der Tat abgeneigt, mit dem Hang zu stiller Beschaulichkeit und Nachdenken. Dagegen sind wieder schwarze Rassen und Gorillas verwandt, beide mit fliehendem Schädel, herkulischem Muskelbau, roter Kopfkappe und beim Fötus spiraligem Haar; Neger wie Gorilla haben das gleiche phlegmatisch-cholerische Temperament, faule Perioden wechseln mit Einsatz der ganzen Persönlichkeit und starker Aufregung ab.

Nun kommt das, was uns eigentlich im engeren Sinn angeht: Junge Europäer und Schimpansen haben die gleiche rosige Tönung von Gesicht, Hand und Sohle und die gleiche Krümmung der Oberschenkelknochen, die ureuropäischen Neandertaler überdies die gleiche Betonung der Breitenentwicklung am Schädel wie der Schimpanse. Die heutigen Lang- und Schmalschädel sind uneuropäisch und wie die heutige männerrechtliche Verfassung mit dem asiatischen Menschen aus Asien übertragen worden. Bei Steinzeit-Europäern herrscht selbst in bezug auf die mutterrechtliche Verfassung der Horden eine vollkommene Analogie mit den gleichfalls europäischen Schimpansen, bis in das sanguinisch-übermütige, bewegungslustige Temperament hinein. Das stimmt erstaunlich mit Paudlers Theorie des Cro-Magnon-Menschen der europäischen Steinzeit, dessen Quadratschädel und Mutterrecht. Dagegen stimmt die soziale Organisation der Malaien und der eingeborenen Affenarten keineswegs zusammen, die Menschen sind dort im Gegenteil matriarchalisch, nicht oranghaft-vaterrechtlich.

Die Ähnlichkeiten von Menschen- und Affenrassen der gleichen Kontinente brauchen natürlich nicht aus direkter abstammungsmäßiger Verwandtschaft in Darwinschem Sinn zu kommen. Im Dschungel ist auch die Blüte getigert, Lianen und Schlangen wirken wie Schwestern, und das Paideuma brütet ein Zusammenstimmen aus noch weit über nennbare und berührbare Ähnlichkeit hinweg.

Aus der besprochenen Studie bestätigt sich wieder einmal, was wir lange schon wissen: daß der Europäer ein Herdentier ist, als Bereicherung aber kann vielleicht der neue Hinweis auf das Schimpansoide an ihm dankbare Beachtung finden. Es ist erfreulich, daß bei Freudenthal die Anthropoiden recht gut abschneiden, teils als »Buddhisten«, teils durch tatenfrohes Temperament. Denn sonst, und zwar jedesmal, wenn den Leuten moralisch etwas aneinander nicht recht ist, geht es an den armen Affen aus, das hat Briffault sehr treffend bemerkt. So sagen die polygamen Singhalesen verächtlich von den Weddas: Sie leben monogam »wie die Affen«, und erzürnte Missionare sagen wieder über die Liebesformen der Singhalesen: Sie leben polygam »wie die Affen«.

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