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Mütter und Amazonen

Bertha Diener: Mütter und Amazonen - Kapitel 24
Quellenangabe
authorBertha Eckstein-Diener
titleMütter und Amazonen
publisherAlbert Langen Verlag
printrun1.-5. Tausend
year1931
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181213
projectid88718b69
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Sparta

Die Spartaner versäumten bekanntlich die Schlacht bei Marathon, weil der Mond nicht im richtigen Viertel für den Ausmarsch stand.

Noch selten ist ein so wunderschönes Schulbeispiel für Mutterrecht und seine Derivate gelebt worden. Beinahe überflüssig, noch besonders zu bemerken, daß a) die Dorer sich nach der Mondgöttin Doris nannten; b) Dorer und Ionier gemeinsam von Helena-Selene, der Mondfrau, stammen wollten; c) Spartus, Spurius, Sparter Muttersöhne bedeutet, »Sumpfpflanzen, vaterlos, von unbekanntem Sämann gezeugt«; d) spartanische Mädchen vor der Ehe völlig frei über sich verfügten, geschlechtlich wie sozial, die Ehe selbst eine der primitivsten rein sexuellen Einrichtungen war; e) der Unterschied zwischen ehelichen und unehelichen Kindern dahinfiel; f) Polyandrie bestand; g) Frauen von ihren Männern »Herrinnen« genannt wurden. Und so noch viele Buchstaben weit ins Alphabet hinein.

Eine männerrechtliche Umwelt fällt diesem Zustand der Dinge das gewohnte Fehlurteil. »Daher sollen sie denn auch sehr frech und, vorzüglich gegen ihre Männer, selbst männlich und gebieterisch gewesen sein, indem sie nicht nur zu Hause unumschränkt herrschten, sondern auch in den wichtigsten Angelegenheiten des Staates ihre Meinung in aller Freiheit sagen durften.« Des Euripides Blutdruck steigt sogar bedenklich:

»Die Töchter Spartas findest du gar nie zu Haus,
Sie mischen sich den jungen Männern zu,
Die Kleider abgelegt, die Hüften nackt,
Zu gleichem Ringkampf; wahrlich, mich bedünkt
Dies Treiben schmachvoll – –.«

Biologisch betrachtet, zeigt das Geschilderte Aufartung, nicht Entartung, »bedünkt schmachvoll« nur männerrechtliche Athener, gewohnt, ihre Patrizierinnen mehr oder weniger einzusperren, mit ihren Hetären zwar Liebe und Philosophie, nie aber mit wohlgeratenen jungen Mädchen Sport und Körperkultur zu betreiben, was sie manches Nützliche gelehrt hätte. Plato, im Gegensatz zu Euripides, klagt weniger die Frauen als das verfehlte Regime an, unter dem anständiges Benehmen ihnen zur Unmöglichkeit geworden war. Aristoteles seinerseits macht dem Lykurg (850 v. Chr.) noch beinah fünfhundert Jahre später schwere posthume Vorwürfe, weil er in seinen Gesetzen nicht einmal versucht habe, etwas gegen das Matriarchat auszurichten.

Zu tiefst geht es in Athen aber gar nicht gegen das Matriarchat selbst, sondern eben gegen etwas, was die Dorer, der bestgehaßte Menschenschlag in ganz Griechenland, haben. Die Lakedämonier gehörten nämlich nie »dazu«. Nie irgendwo »dazu«. Ihr Staat blieb wie ein Stück fremder Planet unter der allgemeinen Verlotterung. Ganz allein für sich waren sie auch in den Peloponnes gekommen, spät erst, 1104 v. Chr. – Homer nennt die Dorer nicht unter den Griechenstämmen vor Troja –, von Norden her, wie weit her, ob weiter als die Südufer der Donau, ist unbekannt. Die attischen Griechen behaupteten dagegen stets von sich, sie seien autochthon; mit welchem Recht, soll hier nicht untersucht werden. Jedenfalls empfanden alle übrigen hellenischen Stämme die »Pelasger« – ein Sammelname für Prähellenen – weniger artfremd als die ihnen sprachlich so nahen Spartaner.

Nie noch hatte man völlige Herren und völlige Sieger derart kurios leben sehen, sechshundert, achthundert Jahre lang. Ganz unmaterialistisch, dabei voll Wirklichkeitssinn. »Lykurg verbannte alle Gewerke in die Hände von Sklaven und Metöken, angesessenen, aber nicht eingebürgerten Fremden; den Freien war es durchaus nicht gestattet, irgendein Gewerbe zu treiben, damit sie vollkommen und in jeder Hinsicht frei blieben. Nur den Sklaven und Heloten war der Gelderwerb gestattet. Also, die ethischen Werte zu schaffen und zu erhalten, die Lebenshaltung, lag bei den Freien.« Nicht auf Kosten einer Unterschicht. Diese durfte steinreich werden, die Oberrasse blieb freiwillig bitterarm, das war ihr streng gehütetes Vorrecht. Der ganze Peloponnes gehörte den kriegerischen Eroberern, dennoch lebten sie von einem lächerlich geringen Pachtzins, den die Heloten für das Land entrichteten, karger als der letzte athenische Taglöhner es sich hätte gefallen lassen. Niemand durfte zu Hause essen oder ein Fest feiern; Blutsuppe und Gerstenfladen mußten zur Nahrung, ein alter Mantel das Leben lang zur Kleidung genügen. Männern wie Frauen. Diesen waren sogar der schlichte Haarknoten, die Nacktgliedrigkeit einheitlich vorgeschrieben. Nicht ein Schmuckstück blieb erlaubt. Am dürftigsten bekam die Jugend zu essen. »Denn wenn die Lebensgeister nicht, durch Nahrung beschwert, in die Tiefe und Breite gepreßt werden, sondern vermöge ihrer Leichtigkeit emporsteigen, so kann auch der Körper frei und unbehindert zunehmen und bekommt so einen schlanken Wuchs. Eben das scheint auch zur Schönheit der Menschen beizutragen. Ein hagerer, schlanker Körper ist eben einer feineren Bildung fähig als ein dicker und wohlgenährter. Weiber, welche während ihrer Schwangerschaft reinigende Arzneimittel gebrauchen, werden zwar zarte, aber wohlgestaltete, niedliche Kinder zur Welt bringen, weil sich die Materie ihrer Leichtigkeit wegen von der Natur besser bilden läßt.« Ganz im Sinne Lahmanns.

Geld gab es nur in Form absichtlich unhandlicher Eisenbarren; weder Gold- noch Silbermünzen, auch nichts, was man mit ihnen hätte kaufen können, gab es in diesem warenlosen Land. Nirgends auf der Welt war die Lebenshaltung so tief, die innere Haltung so hoch. Um »Haltung« ging es ja auch bei den Pubertätsprüfungen und öffentlichen Knabenauspeitschungen, Generalproben zum Leben, denen der Indianer verwandt. Von Geld oder Geschäften zu reden, an Geld oder Geschäfte zu denken, galt für so entehrend wie auf Dinge Wert zu legen, die Geld kosten könnten: bildende Künste, Architektur oder irgendwelche Form von Zivilisation. Dafür trieb jeder Dichtung, Musik, Gesang, jagte und übte Körpersport aller Art in den Gymnasien, lebte sinnvoll und zweckfrei, also seelisch zimmerrein, mit beispielloser Stetigkeit der Zuchtlinien, mit einem leisen Zug von Beschränktheit auch, dem notwendigen Fehler seiner Vorzüge. In Athen wurde umgekehrt »nur immer Betrieb« gepredigt, jeder Müßiggang, also äußere und innere Freiheit, bestraft; auch Plato »betrieb« neben der Philosophie einen einträglichen Ölhandel, verdiente mit ihm für seine weiten Reisen Geld. In der römischen Kaiserzeit brachte es die athenische Betriebsamkeit dahin, daß rivalisierende Privatdozenten, oder was damals Privatdozenten gleichkam, den ankommenden Fremdenschiffen entgegenfuhren und Schüler enterten.

Da unter dorischer Herrschaft den Heloten und Metöken fast aller Ertrag der gepachteten Ländereien verblieb, konnten sie so reich werden, wie es ihnen Spaß machte, zu Protzerei war allerdings in Sparta selbst keine Gelegenheit, dazu mußten sie schon außer Landes gehen, für Luxusdinge blieb jegliche Einfuhr gesperrt. Seiner stolzen Kargheit und bewußten Zucht wegen ist Sparta oft dem alten Preußen verglichen worden; größer aber bleibt das Trennende. Der unbeweibte preußische Staat war eine bürokratische Stufenpyramide, aus Gliederpersönlichkeiten gebildet. Die Spartaner »bildeten« keinen Staat, sondern sie lebten ihn direkt als kommunistische Aristokratie; den Beamtentypus, die dienende Gliedpersönlichkeit kannten sie nicht. Jeder war Formträger seiner Gesamtkultur. Hier, im Gegensatz zur misogynen preußischen Staatsidee, ragt mächtig gestaltend das Matriarchat herein, löst einerseits und bindet anders neu, wird aber durch die überwältigende Rassenpsyche seinerseits gebunden und stark variiert. Gerade in Sparta lebten natürliches Herrentum und »stilles« Mutterrecht eine herbe Harmonie von völlig einmalig unbefangener Stilgewalt.

Dorisch sein, war offenbar etwas unvorstellbar Starkes. Stärker sogar als der Urgegensatz Mann–Frau, so daß der gemeinsame dorische Durchklang noch Puls und Gegenpuls des Geschlechtes übertönte. Die Spartaner, als reine Herrenrasse, übten auch deren besonderen Erosinstinkt restlos aus, jene brennende Freundschaft des Älteren zum Jüngeren, der Frau zum Mädchen, des Mannes zum Knaben, doch frei von Eifersucht, nicht aus Snobbismus, auch nicht um eines nouveau frisson willen, sondern in ehrfürchtigem Entzücken, ganz naiv. Liebe zum gleichen Knaben oder gleichen Mädchen band die Liebenden selbst wieder zusammen, im Wettstreit den Liebling zu bilden, zu fördern. Ehre und Schande des Geliebten fiel auf den Liebenden zurück; er wurde bestraft, wenn der Liebling im öffentlichen Kampfspiel oder bei Schmerzproben versagte. Die Kinder in ihrer geselligen Existenz – vom sechsten Jahr an waren Schlafräume, Mahlzeiten, Spiel und Unterricht gemeinsam – wählten ihrerseits den Eiren, einen zwanzigjährigen Vorsteher und Anführer, der Strafgewalt über sie besaß, ähnlich wie beim Fagging-System in den englischen Colleges, wie ja, allerdings nur in Sport und Erziehung, England zum Teil wie ein weltfähig, vor allem seefähig, gewordenes Sparta erscheint.

Damit diese gleichgeschlechtliche Bindung zur vollen Auswirkung kommen könne, durften die jungen Männer erst mit dem dreißigsten Jahr heiraten, unter voller Zustimmung der Frauen, obwohl Mutterrecht sonst beim Mann die Frühehe fördert; ganz der Regel entsprach dagegen die Verachtung des alten Junggesellen. Wie Ehe vor dem dreißigsten, so war Einschichtigkeit nach dem fünfunddreißigsten Jahr verpönt. Der Heirat selbst ging ein öffentlicher Ringkampf zwischen dem völlig nackten Brautpaar voraus, denn wer mit dem andern eine halbe Stunde lang bis zur letzten Erschöpfung sportlich gekämpft hat, weiß mehr und Wichtigeres über ihn als nach Jahren gewöhnlichen Zusammenseins. »Nach dem Ringkampf nahm eine Dienerin die Braut in Empfang, schor ihr den Kopf kahl, als Rest des Aphrodite-Opfers, zog ihr männliches Gewand und Schuhe an, legte sie auf die Streu und ließ sie in der Finsternis allein. Dann schlich sich der Bräutigam, nachdem er frugal wie gewöhnlich mit seinen Kameraden gegessen hatte, heimlich zu ihr; bald nach Vollziehung der Ehe ging er wieder fort zu seinem gewöhnlichen Nachtlager.« Auch in der Folge veränderte er sein Leben nicht, besuchte die junge Frau nur ab und zu in ihrem Haus, ohne Tisch- und Bettgemeinschaft mit ihr. Sie ihrerseits war völlig frei, sich auch von andern Jünglingen außerhalb der Ehe befruchten zu lassen, selbst von einem Landfremden, war er nur tadellos gebaut. Die Königin von Sparta gebärdete sich besonders stolz und wurde allgemein beneidet, weil Alkibiades bei seinem Besuch ihr einen Sohn gezeugt hatte. Das ist echtes Matriarchat, unabhängig von Eugenetik, weil letztlich Mutterblut entscheidet. Das schöne, fremde Manntier gibt wohl seine Herrlichkeit dazu, doch was die Dorerin dann daraus macht, wird und bleibt als dorisch anerkannt, während das Gesetz den Königen die Mischung mit einer fremden Frau unter schwersten Strafen untersagte.

Alle Kriegerrassen hassen und verachten den Ackerbau, ihnen bedeutet die »Scholle«, für die der Bauer wütig den Dreschflegel als Verteidigungswaffe gebraucht, als solche nichts. Ihnen ist das Land nur der notwendige Lebensraum, um zu sich selbst zu finden. Den altpelasgischen Demeterkult schafften die Lakedämonier im Peloponnes sofort ab, unterwarfen sich willig den weiblichen Mondphasen, doch keiner »Mutter Erde«, so widerlich war ihnen alles mit Agrikultur Verknüpfte, sogar den Frauen, sonst in Mutterform von Natur aus Mehrerinnen jedes Wohlstands. Der größte Teil des Landbesitzes gehörte zwar ihnen, doch bewirtschafteten sie ihn nie selbst. Hier hat Rassenmäßiges das »stille« Mutterrecht ganz besonders stark variiert, wie fast nirgends sonst. Nichts könnte also verfehlter sein als von »agrarischem Konservatismus« bei Spartanern zu reden, die nie bodenständig waren, und auch unabhängig vom Boden, denn etwas nomadenhafte Viehzucht hätte ihren Bedürfnissen völlig genügt. Was sie brauchten und als Eroberer sich nahmen, waren nicht Produktionsmittel, sondern der Raum; nachher wollten sie eigentlich nie etwas anderes als in diesem Lebensraum in Ruhe gelassen werden, infolge guter Beschaffenheit keines andern bedürftig. Gerade das aber erlauben die Köter ja nicht. Auch das Streben nach Hegemonie war im Grunde nicht mehr; imperialistische Kolonialkriege lagen ihnen nie. Lykurg machte sie ja kriegerisch, »nicht um Unrecht zu tun, sondern um kein Unrecht leiden zu müssen«. Als nach fast tausend Jahren doch das Ende kam, war es die erste Sorge der politischen Individualpsychologen jener Zeit, diese unbequeme Haltung zu brechen durch das Verbot an den dorischen Uradel, die homerischen Gesänge vorzutragen. Trotz Ringkampf und Speerwerfen blieben die Schauer des Unentrinnbaren der spartanischen Seele stets nah. Es nimmt der »Eugenetik«, »Ertüchtigung«, »Zuchtwahl« die Banalität, daß in Sparta dem Gotte »Phobos« ein Tempel errichtet war. Phobos wird roh und ungenau meistens mit »Furcht« übersetzt, also eine Gottheit der Furcht. Doch Phobos bedeutet Scheu, Pathos der Distanz, das Gegenteil von Hybris: überhebliche Herausforderung des Schicksals. Und von diesen Dingen hat nur der wahrhaft Lebendige unter der Verstandesfläche noch das tiefere Bewußtsein:

»Denn die Götter droben
Vertragen nicht den allzuhellen Laut
Der Lust, ein allzustarkes Flügelschlagen
Vor Abend widert sie – sie greifen schnell
Nach einem Pfeil und nageln das Geschöpf
An seines Schicksals dunkeln Baum,
Der ihm im stillen irgendwo schon längst
Gewachsen war –«

Spartanische Kultur hatte keine weiten Projektionen, lebte nicht in Teilleistungen durch die Medien von Stein und Metall, von Kunst und Wissenschaft hindurch, vielmehr direkt als reines Sein, ausschließlich innerhalb des einzelnen Menschen selbst, als Ganzheit von Ethos und Leib. Darum wird die Urheberschaft an dieser kompromißlosen Ganzheit von Ethos und Leib das über alles Wichtige. Als eine Fremde voll Neid rief: »Ihr Lakedämonierinnen seid die einzigen Frauen, die über ihre Männer herrschen,« erwiderte Gorgo, die Gattin des Leonidas: »Wir sind auch die einzigen Frauen, die Männer zur Welt bringen.«

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