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Mütter und Amazonen

Bertha Diener: Mütter und Amazonen - Kapitel 20
Quellenangabe
authorBertha Eckstein-Diener
titleMütter und Amazonen
publisherAlbert Langen Verlag
printrun1.-5. Tausend
year1931
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181213
projectid88718b69
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Die Beschneidung

Daß es möglich sein sollte, mehr Fehlurteile pro Bogen auf Papier zu drucken, als sich in älteren Erörterungen über die Beschneidung finden, scheint unvorstellbar. Da gab es vor allem die aseptische Theorie. Weil hauptsächlich nur die jüdischen Formen der Zirkumzision bekannt waren, so bekannt wie die Juden selbst als praktisch rationales Volk, so mußte jede ihrer Maßnahmen, ganz gleichgültig auf welchem Gebiet und welcher Seelenstufe, wieder einen praktisch rationalen Zweck verfolgen, etwa das Verbot, Schweinefleisch zu essen, den Zweck, gegen Trichinengefahr geschützt zu sein. Je mehr sich religiöses Gefühl für Trichinen oder Asepsis zu interessieren schien, desto mehr konnte es auf herablassende Anerkennung rechnen.

So war des Lobes kein Ende über die eminenten Vorteile einer nur rituell eingekleideten, aber im Grund rein hygienischen Operation. Worin die eminenten Vorteile eigentlich bestanden, darüber war man sich weniger einig, als daß sie eben eminent seien. Bald sollte die Zirkumzision den Geschlechtstrieb anregen, bald ihn dämpfen, besonders aber sollte sie aseptisch wirken. Für die Sitte weiblicher Defloration und Beschneidung gab es dagegen nur Worte wie: widerliche Nachäfferei, pervers, ekelerregend, infam oder bestialisch. Briffault meint ganz mit Recht, stünden hier überhaupt Asepsis und Sauberkeit in Frage, dann wäre von den beiden Praktiken die weibliche weit eher empfehlenswert, und die Gewissenhaftigkeit, mit der chinesische Kinderfrauen an ihren weiblichen Pfleglingen alles, was innerer Reinigung im Wege steht und ja doch einmal entfernt werden muß, lieber gleich entfernen, hat unendlich mehr für sich als die unsinnige Verstümmelung männlicher Organe.

»Hätte sich der ursprüngliche Brauch künstlicher Defloration und weiblicher Beschneidung bei Juden und Römern länger gehalten, als es der Fall war, gäbe es jetzt zweifellos eine große medizinische Literatur, um die sanitären Vorzüge dieser Maßregel darzutun.« So aber galt sie einseitig befangenen Ärzten für abstoßenden Unfug, frauenrechtlerischen Kreisen, die hier eine Wollüstlingslaune witterten, komischerweise wiederum für einen Gipfel männlicher Brutalität gegenüber entrechteter Weiblichkeit. Auch davon kann die Rede nicht sein. Gerade in den alten, mächtigen Matriarchaten wurde die Operation von Frauen an Frauen ausgeführt und ist heute noch gerade bei Mutterrechtsvölkern, wie Karaiben, Kamtschadalen, Malaien und vielen afrikanischen Stämmen, typisch. Daß sie den Kopten aus Schönheitsgründen für wichtiger gilt als die männliche und von ihnen sogar dem Vatikan abgetrotzt wurde, kann darüber nicht täuschen. Seit sechstausend Jahren gehört dieses Merkmal eben in Ägypten zum Bilde der Frau. Darum rebellierten die neubekehrten Kopten ganz einfach und heirateten wieder Ketzerinnen, als die katholische Priesterschaft die weibliche Beschneidung verbot. Schließlich mußte das Kardinalskollegium »de propaganda fide« Ärzte nach Ägypten schicken zur Untersuchung, ob die zu stark entwickelten intimen Teile der Nordafrikanerinnen berechtigten Anlaß zur Exzision gäben. Rom zeigt sich ja stets konziliant, wo sein Arm nicht hinreicht, sondern nur eine Handvoll Missionäre.

Mädchenbeschneidung war ursprünglich gewiß keine Schönheitsoperation und erschien der Gewohnheit erst als solche. Sie gehört, wie die der Knaben, zum Ritual fast aller Reifeweihen, von Frazer »the central mystery of primitive society«, Zentralmysterium der frühen Gesellschaft, genannt und war nicht nur bei Naturvölkern, vielmehr bei einer Reihe Hochkulturen, wie in Ägypten, Indien, Mexiko, Arabien, Babylon, die ganze Zeit ihres Bestehens hindurch Brauch. Ägyptische und arabische Damen üben sie noch heute wie vor Jahrtausenden. Mohammed nennt Zirkumzision »eine Verpflichtung für den Mann und eine Ehrensache für die Frau«. Nach arabischer Tradition ist die weibliche Form sogar älter und ging der männlichen voraus. »Sarah nahm sie zuerst an Hagar vor, dann beschnitten Sarah und Abraham sich selbst auf Allahs Befehl« (zitiert nach Briffault). Auch Strabo berichtet sie von den Jüdinnen; bei den abessinischen Juden ist sie eine Vorschrift, die diese nach ihrer eigenen Aussage bereits aus Palästina mitgebracht hatten. Außer bei Abessiniern, Ägyptern, Arabern, Nubiern herrscht weibliche Exzision in ihrer radikalen Form: Abschneiden der Klitoris und der kleinen Schamlippen und Vorhaut noch bei einer Reihe von Völkern West-, Ost- und Süd-Afrikas, auf Madagaskar, bei den Malaien, Kamtschadalen und zahlreichen Indianerstämmen Südamerikas, die mildere Form als künstliche Deflorierung auf der größeren Hälfte der Welt.

Wir, bei denen die Pubertätszeit ungeleitet und nur im geheimen diffus schwelend verläuft, können uns keine Vorstellung machen von Reifezeremonien, deren offene Vehemenz an Ernst den beiden Schicksalsstellen Geburt und Tod gleichkommt. Seit es eine neue Tiefenpsychologie gibt, kreist sie daher um dieses »Zentral-Mysterium«, doch fast ausschließlich hypnotisiert von seiner männlichen Gestalt. In der Tat wirkt diese noch dramatischer, weil sie als Ausgeburt in eine völlig neue Daseinsform das »Ritual von Tod und Auferstehung« enthält, während die weibliche eine bereits bestehende Wesensart nur durch Entfernung von Hemmungen restlos freilegt. Uneingeweihte Männer aber zählen als Menschen überhaupt nicht mit; wer sich da drücken wollte oder auch nur durch unglücklichen Zufall nicht dabeigewesen wäre, könnte nicht heiraten, seine Kinder wären nicht Stammesglieder, er selbst würde »Hunden oder andern Tieren gleichgewertet werden«.

Auf die Frage, was uns europäische Großstädter eigentlich an solch blutigen Alfanzereien afrikanischer Neger oder Australier im Busch noch interessieren könnte, wäre zu entgegnen, daß dort in Riten eindrucksvoll genau zutage kommt, was auch das unergründlich verwobene Schicksal jedes einzelnen inmitten neuer Sachlichkeit, Autos und Flugpost bestimmt, nämlich Stoßkraft und Richtkraft seiner Triebe, das grauenhaft Bedeutsame ihrer jeweiligen Fixierungen und Ablösungen. Das, womit er lebt. Das Material seiner Siege wie seiner Niederlagen.

Herausgearbeitet aus einem Wust von Varianten, bleibt als Schema der Pubertätsweihen etwa das Folgende: die Novizen werden meist plötzlich von den Frauen und Kindern, ihrer bisherigen Umwelt, getrennt und in den Busch verschleppt. Dort in einem eigenen Lager unterziehen erwachsene Männer, ihre Mentoren, Beschützer und Quäler zugleich, die Knaben monatelangen Prüfungen, geradezu Martern. Schlaf- und Nahrungsentzug, Keulenschläge auf den Kopf, Spießrutenlaufen, Aderlässe, Ausreißen der Haare, Ausschlagen oder Abfeilen der Vorderzähne, Lanzenstiche wechseln mit Schreckerscheinungen und Todesdrohungen ab, bis Schwäche, Benommenheit, künstliches Fieber bei den erschütterten Knaben eintreten; dann erst beginnen die Wiedergeburtsmittel: Ekstase und Trance. Die Beschneidung selbst geschieht meist in einer Hütte, die als »verschlingendes Ungeheuer« maskiert ist, mit glühroten Augen bemalt, und mit einer rachenförmigen Tür. Im Bauch des Untiers vollzieht sich die so tief ins Leben schneidende Operation; sie ist sein Biß. Sofort nach Heilung der Wunde gilt Sexualbetätigung nicht nur für erlaubt, sondern für geboten. So kommt es zu wilden Orgien als Abschluß der Pubertätsriten, auch homosexueller Natur, besonders dort, wo zu diesem Zweck durch Subinzision etwas wie eine künstliche Vulva entstanden ist. Bei der Rückkehr zum Stamm oder ins Dorf sind die Eingeweihten oft mit der weißen »Todesfarbe« angestrichen; die Augen mit Kalk verschmiert, taumeln sie hin und her, kennen weder ihre Eltern noch den eigenen Namen, müssen alles neu lernen, benehmen sich wie frisch herübergeboren aus andrer Existenz, wobei schwer entscheidbar bleibt, was echt an diesem Zustand, was Hypnose oder einfach Theater.

In Australien trägt das ganze Ritual überdies stark frauenfeindlichen Charakter. Todesdrohungen halten das andre Geschlecht vom Lager und seinen Geheimnissen fern, was mit deutlich betonter Homosexualität zusammenhängt. Weiberhaß wie Subinzision fehlen dagegen, ohne daß die Weihen selbst deshalb an Bedeutung verlören, in mutterrechtlichen Gebieten ganz. So sind Indianerinnen bei allen Tapferkeitsproben dabei, die für weit wichtiger gelten als die örtliche Operation; auf ihre Bewunderung wird sogar besonderer Wert gelegt, als kehrten gerade ihnen zur Freude die, in Männer verwandelten, Knaben zurück. Auch Ablösung aus der kindlichen Umwelt steigert sich nicht zum weiberfeindlichen Akt; ein eventueller leichter Zuschuß von neuentstandner Homosexualität aber geht mit »stillem« Mutterrecht dann allezeit recht gut zusammen, wie Sparta und Germanien zeigen. Nur in echten Gynaikokratien ist kein Platz für sie.

Daß die Knabenweihen zum Komplex der Männerbünde und Altersklassen gehören, diese selbst aber wieder als zweite, selbständige Grundform menschlicher Vergesellschaftung der Familie entgegenstehen, diese Ansicht vertritt H. Schurtz in seinem bekannten Buch »Altersklassen und Männerbünde«. Seiner Meinung nach ermöglicht überhaupt nur »die gegenseitige Sympathie der Männer, vor allem der Männer gleichen Alters den engeren sozialen Zusammenhalt größerer Gruppen«. R. Thurnwald geht noch weiter und nennt diese Männerbünde mit ihren Klubhäusern »die ersten greifbaren Formen der Staatsbildung«. Wohl tiefer als beide, weil kühner, hat hier Hans Blüher gesehen, nämlich statt vager Sympathie »die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft«, und seiner schön geschwungenen Intuition diesen Gesamttitel gegeben, denn »nichts ohne Eros«. Aus dem Mann-Männlichen entspringt nach ihm der Staat, aus dem Mann-Weiblichen die Familie.

Durch Th. Reik sind im Anschluß an die Couvade und unter den gleichen Voraussetzungen wie diese, nämlich dem Prolog in der Urhorde: Vatermord und Fraß, auch die »Pubertätsriten der Wilden« psychoanalysiert worden, so eingehend, daß ein paar kurze Andeutungen dieser Arbeit keineswegs gerecht werden können, wie immer man sich grundsätzlich zu ihrer ersten Hypothese stellen mag. Hier in dieser Arbeit geht es jedoch gar nicht darum, verschiedene Ansichten über Männerbeschneidung wertend gegeneinander zu halten, vielmehr sollen nur zusammengetragene Merkmale der Knabenweihen in toto jenen der Mädchen verglichen werden. Denn um diese und ihre Begründung geht es. Für die Psychoanalyse Freudscher Richtung ist männliche Beschneidung, um eine andre kümmert sie sich kaum, ein »Kastrationsäquivalent, welches das Inzestverbot auf das wirksamste unterstützt ... Es wurde angeregt durch die unbewußte Vergeltungsfurcht des selbst zum Vater gewordenen Mannes. In ihm lebt noch die unbewußte Erinnerung an die inzestuösen und feindseligen Regungen der Kindheit, die seinen Eltern zugewendet waren. Er fürchtet die Realisierung dieser Wünsche, deren geschädigtes Objekt er selbst sein könnte, nun vom eigenen Kinde ...« Die Beschneidung ist also Bestrafung für inzestuöse Wünsche der Knaben, die bei herannahender Reife gewaltsam von den bewußt oder unbewußt begehrten Müttern getrennt werden. Auch die Quälereien, heuchlerisch als Mut- und Standhaftigkeitsproben eingekleidet, sind nach der Psychoanalyse sadistische Rache der Väter für die gegen sie selbst gerichteten bösen Wünsche der Jugend. Dabei schwanken die Männer zwischen schadenfrohen feindseligen Gefühlen und zärtlichen homosexuellen Regungen; werden also zu Quälern und Beschützern zugleich. »Die Verschlingungsrite« durch das Ungeheuer ist eine Todesdrohung, welche sich als eine psychische Reaktionserscheinung auf die unbewußten Mordabsichten der Jünglinge gegen die Väter erweist. Das verschlingende Ungeheuer aber ist der Totem, der Ahne und Großvater. Mit ihm identifizieren sich jetzt die Väter, »sie sind es eigentlich, welche die dem Ungeheuer zugeschriebenen bösen Regungen gegen die Neophyten hegen«, und projizieren diese nur auf das Totemtier. Sein »Biß« ist die Strafe der Kastration. »Warum frißt das Vaterungeheuer seine Söhne zur Pubertätszeit? Wenn wir uns dem Glauben an die Geltung des Taliongesetzes anvertrauen, müßte die Antwort lauten: weil die Söhne ihn einst selbst getötet und gefressen haben.« Reik hält die Auferstehungsriten nicht für eine direkte Fortsetzung des Todesdramas, das vielleicht in früher Zeit gar kein »als ob« war, sondern realer Schluß der Zeremonie. Jedenfalls gehören sie, seiner Meinung nach, zu den gegensätzlichen zärtlichen Tendenzen. Die primitiven Väter sind nun bereit, »die Jünglinge wohlwollend in den Kreis der Männer aufzunehmen, doch nur unter einer Bedingung: die jungen Leute müssen ihren inzestuösen und feindseligen Regungen entsagen ... Was ihrer sonst harrt, zeigt deutlich genug die Todesdrohung«. Daher das »Vergessenmüssen«, das Ausgelöschtsein früherer Existenz beim »Erwachen« drüben auf der anderen, der Väterseite, wo sie jetzt eingereiht werden. Diese Identifizierung mit dem Vater als Totemtier, die folgende Einweihung in die Stammesriten der Erwachsenen wird überdies mit neuen Blutbünden und feierlicher Mahlzeit, also Einverleibung des Totem, besiegelt. Durch ihre Neugeburt, diesmal nicht aus der Mutter, werden die Jünglinge hinübergezogen zum eigenen Geschlecht, zugleich ist der Infantilwunsch, die Identifizierung mit dem Vater, erfüllt. Da eine inzestuöse Bindung nicht mehr besteht, kann auch der Sexualtrieb von nun an freigegeben werden.

C. Jung, der bekannte Analytiker Schweizer Richtung, kommt zu ganz anderen Resultaten. Ihm ist »Wiedergeburt« im Gegenteil ein »Zweimal-durch-die-Mutter-Gehen«. Sie also ist das verschlingende Ungeheuer, wie schon die frühen Mythen zeigen, ist jener »Walfischdrache«, dessen Bauch der Sonnenheld nach jedem Verschlungensein immer wieder siegreich entsteigt. Jung meint im Gegensatz zu Freud, die unterste Grundlage inzestuösen Begehrens laufe gar nicht auf Kohabitation mit der Mutter hinaus, »sondern auf den eigenartigen Gedanken, wieder Kind zu werden, in den Elternschutz zurückzukehren, in die Mutter hineinzugelangen, um wieder von der Mutter geboren zu werden«. »Es ist also einer ein Held, wenn seine Gebärerin bereits einmal seine Mutter war ... wer sich durch seine Mutter neu zu erzeugen vermag.« Darum gibt der Mythos so vielen Helden zwei Mütter und kleidet das in die Fabel vom »Aussetzen« des Kindes ein, damit es auf diese Weise noch zu einer Pflegemutter gelange. Dionysos, der typische Heros des Todes und der Auferstehung, führt sogar den Beinamen bimeter = zweimuttrig, weil nach Semeles Tod Zeus sich den Embryo in den Leib pflanzt, um ihn muttergleich auszutragen. Bei Tod- und Wiedergeburts-Ritus im Sinne Jungs gibt es somit weder Vergeltungsfurcht, noch was sonst mit ihr zusammenhängt, weil »in Wirklichkeit das Problem die Sublimierung der Infantilpersönlichkeit ist ... eine Opferung und Wiedergeburt des Infantilhelden«. »Held« aber ist personifizierte Libido, diese nicht nur sexuell, sondern viel weiter als Inbegriff strebender Sehnsucht gefaßt. Für Jung und gegen Reik spricht auch das Bildgefühl. Verschlingendes Ungeheuer in Form einer Hütte, eines Zimmers, »Frauenzimmers«, kann nie den »Großvater« bedeuten.

Vielleicht wäre hier daran zu erinnern, daß sogar bei den so frauenfeindlichen Riten der Australier die leibliche Mutter des Novizen während der ganzen Zeit seiner »Wiedergeburt« in engster Verbindung mit ihm und jenen Vorgängen im Bauch des Ungeheuers bleiben muß, damit er glücklich wiederkehre. Die »Wunde« aber, der »Biß« des Muttertiers, als Durchtrennung der Nabelschnur gedeutet, entläßt ihn ins neue Leben hinaus.

R. Briffault endlich hält ohne Rücksicht auf Details am Begleitritual aus mehreren Gründen die männliche Beschneidung einfach für eine Nachahmung der älteren, weiblichen. Circumcision sei schon nach Form und Art dessen, was dabei entfernt werde, das Analogon zur Deflorierung; während diese jedoch organisch sinnvoll und geboten scheine, entbehre jene jeder selbständigen Berechtigung. Ferner übertrage sich nur in diesem einen, einzigen Fall das sonst so typisch auf die uterine Sphäre beschränkte Blut-Tabu auch auf die männliche Wunde, um diese eben als weiblich zu kennzeichnen. Schließlich habe auch das Gebot möglichst baldigen Geschlechtsverkehrs nach der Operation für die Knaben keinen wie immer zu deutenden Sinn, tue aber bei radikaler Mädchenbeschneidung als Mittel gegen Narbenbildung und ihre störenden Folgen not.

Diese Ansicht übersieht wohl zu sehr das rein männlich Ringende an der Symbolik jeder Knabenweihe. Da tappt nicht ein irgend Etwas unmündig weiblichem Vorbild nach, im Gegenteil, was sich da radikal wegreißt, will anders werden und eigen. Wozu wäre denn sonst alles außer sich geraten, wenn nicht, um den Novizen in etwas durchwegs Neues zu verwandeln: eben in den Mann.

Wie viele Deutungen auch das »Zentral-Mysterium« der Pubertätsweihen bereits umkreisen, weil in ihm ein so großes Stück allgemein menschlicher Kulturlinie noch ungeschaut im Dunkel läuft, ganz befriedigen kann dennoch keine. Ohne eine neue versuchen zu wollen, sei hier nur klarer herausgearbeitet, was seinen zwei unabhängigen Grundformen, der männlichen und der weiblichen, gemeinsam bleibt, und was sie wieder trennt. Vielleicht wird körperlich-seelischer Sinn der Mädchenbeschneidung dadurch allein schon zum erstenmal deutlicher erkennbar. Über sie wurde zwar reichlich geschrieben, doch weniger reichlich nachgedacht, weil man in ihr nur eine Nachahmung des männlichen Vorbildes sah. Briffault tut das zwar nicht, er kommt ja sogar zu dem umgekehrten Ergebnis, dafür verwischen sich ihm die Unterschiede wieder zuungunsten der männlichen Form. An der weiblichen gilt ihm künstliche Defloration wohl mit Recht als Präventivschutz gegen das bösartige Mondblut des Hymenrisses. Was aus »Mond« und »Sonne« stammt, gehört ja zwei Blutgruppen in Urfehde an, die sich zu meiden haben. Dagegen schildert er die eigentlichen Operationen weit über die Defloration hinaus zwar eingehend, erklärt sie aber weiter nicht.

Schon die bloße Existenz von Pubertätsriten bei der gesamten magischen Menschheit beweist, daß hier ein gewaltiger Ur-Instinkt das Ereignis der Reifung und die Art ihres Eintritts für das überhaupt Entscheidende im Dasein jedes Einzelnen hält. Ferner scheint dieser Instinkt entschieden dagegen, die Form der Ablösung vom Infantil-Leben einem mehr oder weniger wohlwollenden Ungefähr zu überlassen. Er packt da selber radikal zu, damit nichts weiter mitgeschleppt werde, was nicht mehr auf den Weg der Erwachsenen gehört, auch nichts gebunden zurückbleibt, »denn der Mensch bedarf seiner ganzen Libido, um die Grenzen seiner Persönlichkeit auszufüllen, und dann erst wird er imstande sein, sein Bestes zu tun«. (Jung.) Die Pubertätsweihen erzwingen eine restlose Ablösung vom Kinderstadium durch Erschütterungen, so stark und neu, daß alles Bisherige auf Nimmerwiedererstehen versinkt; und kollektiv werden sie erlebt, um die soziale Bindung, das Stammesgefühl zu fördern. Wer die Weihen nicht aushält oder nicht mitgemacht hat, kann nie »dazu« gehören, weil die Garantie fehlt, daß bei ihm die Infantilablösung richtig im Sinn des Stammes erfolgt ist. Wo das aber der Fall war, lebt ein Mensch ja auch wirklich anders, hat andere Himmel und Höllen, anderes Schicksal, sogar einen anderen Tod.

Erst in der Methode, abzulösen, setzt dann der Unterschied zwischen Knaben- und Mädchenriten ein. Zwar müssen beide Geschlechter etwas opfern, denn Opfer ist Macht; jede neue Stufe – und gegen jede bäumen sich innere Hemmungen – wird eben nur erreicht durch Mut und Schmerz –, der Grund, warum so viele Leute vorzeitig seelisch kleben bleiben. Doch während bei den Jünglingen das »Opfer«, die »Wunde«, der »Biß«, die »Reißstelle«, der »Schmerz« am Zentrum des Lebens selber liegt, wird das Mädchenkind nur gesäubert von den Resten an Doppelgeschlechtigkeit, die ihm noch anhaften. Es opfert die Klitoris: das Penisrudiment mit seinen männlichen Schauern; unter dem Messer endet sein Zwitterwesen, übrig bleibt dann rein herausgeschält: die Weiblichkeit. Wo dieses perverse Nebenreich aber nicht entfernt wurde, geben ihm eine Reihe von Völkern an jeder Störung schuld; ist bei den Kehal, einer Kaste am oberen Indus, oder den Brahuin in Beludschistan eine junge Frau nach sechsmonatlicher Ehe noch nicht gravid, so läßt sie sich die Klitoris beschneiden, worauf gewöhnlich Schwangerschaft eintreten soll. Auch die moderne Medizin sieht ja im Überwertigwerden dieser Sphäre, durch die naheliegende Reizverschiebung gegen sie hin, die Hauptursache weiblicher Frigidität.

Da bei den Mädchenweihen der »Biß« an sekundärer Stelle liegt, fehlen auch Tod- und Wiedergeburtsriten. Eine so tiefgehende Ablösung mit Verlöschen und Neuentzünden des Bewußtseins scheint hier instinktmäßig nicht bedingt, denn die Mädchennovizen bleiben ja, nachdem sie neu gesäubert, weiter auf ihrem eingeborenen Mutterweg, während sich die Knaben von ihm, der einer abhängigen Kindlichkeit bisher natürlich war, gewaltsam trennen müssen, denn ihrer ist der Männerweg, sein Ziel: der andre Schicksalspol.

Das Einstoßen und Abfeilen der Vorderzähne wiederholt nur gleiches. Zähne haben immer phallische Bedeutung, ihre Kürzung oder Entfernung auch bei den Mädchenweihen entspricht also dem Stutzen der Klitoris, bei Knaben der »Wunde«, dem »Opfer«, dem Abreißen von der alten Verwachsungsstelle mit dem Muttergrund; da sie ja bereits abgenabelt sind, kann dies nur an der korrespondierenden Lebensquelle, dem Penis, zum Ausdruck kommen.

Wenn Frobenius von einigen vaterrechtlichen Äthiopenstämmen erfuhr, die Beschneidung gelte ihnen als »Opfer« an die »Mutter Erde«, Verwundung am eigenen Körper als Sühne für künftige Verletzung des Busches durch Aufreißen seines Bodens mit der Pflugschar, so ist das nur ein etwas anderes Bild, eine geringe Abwandlung für früher Gesagtes. Der zum Mann wiedergeborene Knabe reißt als Besamer die weibliche Erde auf, Voraussetzung dieses Aufreißens ist der »Schmerz«, die »Wunde«, der »Biß«, das eigene Losreißen von der muttergebundenen vormännlichen Existenz, nach Jung die Ablösung vom »Infantilhelden«.

Ziel dieser Untersuchung aber war weniger das Abwägen verschiedener Theorien über die Knabenweihe als Sinngebung – weiblicher Beschneidung. Ihre Naturgebotenheit, geradezu Notwendigkeit, jedenfalls Unabhängigkeit von der männlichen Form, welche der beiden immer man für zeitlich früher ansehen mag. Wahrscheinlich entsprangen sie gleichzeitig, weil der gleichen Seelenlage angehörig, die Wissen in Bildern empfing und weitergab. Allerdings zerfällt der weibliche Ritus selbst wieder in zwei völlig unabhängige Abschnitte von verschiedenster Bedeutung: Beschneidung und künstliche Defloration. Entfernung der Klitoris befreit das Mädchenkind von den gefährlichen Rudimenten des andern Geschlechts im eigenen Körper, arbeitet seine »Weiblichkeit« rein heraus. Künstliche Deflorierung dagegen ist nicht zum Wohl des Mädchens da, vielmehr zum Schutz des Mannes vor der Berührung mit dem tief feindlichtabuierten Mondblut des Hymenrisses, die er auch bei Vaterrecht nicht weniger scheut und höchstens geweihten Personen, also Priestern, zuzumuten wagt.

Dieses besondere Tabu ist aber nur eine Abart des großen universellen Schauders vor dem dämonischen Bezugssystem Frau-Mond. Dämonisch ist alles der Zeit Unterworfene, somit alles Begegnen in ihr. Das Anheben der Lebenszeit selbst, also gleich alles weitere Zu- und Auseinander des Daseins beherrscht der Mond, denn die weiblichen Eizellen lösen sich mit seinen Umläufen vom Eierstock, während Spermatozoen stets vorhanden sind. Ob ein mondgereiftes, von ihm einmal monatlich in den Uterus gesandtes Eichen gerade da ist, davon hängt jene allererste »dämonische Begegnung« mit der Geißelzelle ab, der Anfang eines neuen Schicksals. Auch jeder Abortus – die Menstruation ist nichts anderes – und jede Entbindung sind ein Vielfaches des Mondzyklus. Er dirigiert das Konzert der weiblichen Hormone. Auch der männerrechtlichste Mann wird ungefragt, der Bahn des Weibersterns gehorsam, nach dessen zehntem Umlauf hinausgestoßen ins Leben: den Ort der dämonischen Begegnungen. Jener »Urgedanke der Menschheit«, die Astrologie, hat gewiß beim Mond angefangen. Wie draußen Ebbe und Flut, so lenkt der Mond die Gezeiten der inneren Lebenswasser, ihre Welle zieht ihm nach. Doch warum nur in der Frau?

Darwin meinte bekanntlich, da tierisches Leben den größten Teil seiner Entwicklung im Meer verbraucht, so habe sich dessen Rhythmus durch unausdenkbar lange Zeiträume allem Lebendigen und seinen physiologischen Funktionen einverleibt, so daß jenes Flutphänomen auch die Landabkömmlinge noch durchpulst, und zwar ausschließlich Weibchen, weil ja die längste Zeit in den marinen Formen noch Parthenogenese herrschte. In dem weit später entstandenen »Männlichen« war die Fixierung des Mondflutrhythmus nicht so tief und verlor sich am Land wieder.

Für moderne Biologie zählt diese Deutung allerdings nicht. Sie glaubt nicht mehr an das alte Märlein der Monisten: »Es war einmal ein Fisch, der ans Land gespült wurde, da verwandelte er sich in einen Lurch, der Lurch verwandelte sich immer weiter und weiter zum Affen und dann zum Menschen.« Sie lehnt eine von Subjekten unabhängige Weltbühne ab. Jedem Subjekt ist seine Spezialbühne zugewiesen, statt der einen Monistenwelt erhebt sich ein neues Universum, das aus Abertausenden von Umwelten besteht, die alle nach einem großartigen Plan ineinandergefügt sind. Zugleich aber erhebt sich aus dem Friedhof der Formeln, in dem die Mathematiker alles Leben beerdigen wollen, die neue Anschauung vom lebenden Weltall. Düfte, Töne, Farben, Räume, Zeiten sind nicht bloß ursächlich miteinander verknüpft, sondern planmäßig verwoben. Das Märlein vom Fisch, der Lurch wurde, fällt zusammen, denn Fisch und Lurch leben in ganz verschiedenen Welten, die nicht beliebig miteinander vertauscht werden können.« (J. von Uexküll.) Es ist das Leibnizische Weltbild, die Arten bleiben getrennt, weil jede schon aus andrer Monadenprovenienz stammt.

Die planmäßige Verwobenheit des Weiblichen mit dem Mond geht also noch viel tiefer, als Darwin sie sah.

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