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Mütter und Amazonen

Bertha Diener: Mütter und Amazonen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorBertha Eckstein-Diener
titleMütter und Amazonen
publisherAlbert Langen Verlag
printrun1.-5. Tausend
year1931
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181213
projectid88718b69
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Vorrede

Motto an den Leser:
»Ding, iß auch Brocken!«

Das Mährchen von der Unke

 

Dies ist die erste weibliche Kulturgeschichte. Sie bemüht sich, so einseitig wie möglich zu bleiben, auf jener Seite nämlich, deren plastische Durchgestaltung bisher gefehlt hat. Auf der andern Seite weiß jeder geistig halbwegs Interessierte längst so ziemlich Bescheid, denn stets aufs neue werden an den Kulturabläufen gerade solche Phasen gründlich geschildert, in denen der Mann sein Weltbild geprägt hat, das Weibliche somit gar nicht oder nur indirekt, durch ihn hindurch, zur Verwirklichung gelangen konnte. Bewußt oder unbewußt bleibt die männliche Bühne das Lieblingsobjekt historischer Betrachtung.

Dagegen: Wie sieht die Welt denn überall dort aus, wo sie die Frau gerichtet hat, ihrem Naturwesen allein gemäß, ihrerseits mit Ausschaltung des Mannes als Persönlichkeit? Wieder einseitig. Gewiß. Doch gerade das »Hälftenhafte« hier wie dort mag dann, überblickt, sich zu Ganzem fügen, denn: »die Wahrheit liegt in den Gegensätzen zugleich«. Entstellung des Weltbildes durch das Vorurteil der Paternität kann im Bewußtsein der Menschheit zwanglos kompensiert werden, wenn ihr genügend reine Frauenreiche mit ihren matriarchalen Grundgesetzen aufs neue bildhaft vor der Seele auferstehen. Und der Frau sollen sie die Tradition geben, auf daß sie sich mit dem, was sie auf einmal kann und tut, nicht abkunftlos erscheine.

Kulturgeschichten sind Querschnitte durch Entwicklungen. Wo der Schnitt jedesmal ansetzt, wie er verläuft, was von ihm getroffen, was bloßgelegt werden soll, das entscheidet über die Resultate. Bei dieser Darstellung ist der Schnitt so über die Erdkugel und durch die Rassen und Kulturen hingeführt, daß er möglichst viele Seelenschichten trifft, denn dort, im magischen Blut- und Erdgrund, wurzeln recht eigentlich die Frauenreiche, wenn ihre Mauerkronen, zu Metropolen = Mutterstädten aufgewachsen, auch oben noch ziviles Treiben gut und häufig überstehen. Reiche sind es, niemals Staaten, irrational, zu tiefst lebendig, infolge guter Substanz durch nichts zusammengehalten als eine Art zauberhafter Brutwärme aus Magie und Gefühl, Ehrfurcht des Gestalteten vor der Gestalterin, der Gesitteten vor der Gesitterin; nicht spannungslos dabei, die Spannungen zeigen sich nur ganz anders gelagert, das macht sie ja so interessant, sogar in der Urpolarität der Geschlechter sind Partner und Gegenspieler hier andre: nicht wie im Männerstaat Geliebter und Geliebte oder Gatte und Gattin. Im Frauenreich ist das Weltgeschehen bezogen auf die Polarität Mutter–Sohn, Bruder–Schwester. Das aber führt in abgründige Bezirke, wird erst verständlich aus dem Grundkeim weiblicher Existenz selbst und weist auf ein Urphänomen zurück.

Nachdem dessen Norm an Biologie, Mythos, magischer Seelenlage, Ursprung menschlicher Gesellungsformen besser anschaulich geworden ist, erfolgt ein mutterrechtlicher Spaziergang über den Globus. Ausgeschnitten als ethnographische und historische Medaillons, reiht sich da, was bei mutterrechtlicher, matriarchaler, gynaikokratischer Grundstruktur an Farbe, Kraft oder sonstwie doch reizvolle Besonderung zeigt, bis aus diesen Einzelbildern das Ganze ersteht. Entfaltung eines feierlichen, formenreichen und frohen Schauspiels, das schließlich einmündet in unsern Tageskreis und hinausweist über ihn.

Auf die notorisch leichte geistige Ermüdbarkeit des Lesers ist, weil ein organischer Defekt, dabei alle Rücksicht genommen, auf seine ebenso notorische Faulheit und Flüchtigkeit, weil nur Unart, gar keine. Also sind die reichlich vorhandenen Rosinen auf geradezu teuflische Weise der Gesamtmaterie derart einverleibt, daß diese mitzuschlucken weniger mühsam sein dürfte, als jene herauszuklauben. »Ding, iß auch Brocken!«

Auf ausführliche Anmerkungen und Bibliographie mußte leider verzichtet werden. Die Aufzählung sämtlicher benützten Quellenwerke, Zeitschriften, Artikel, Papyri, Broschüren aus verschiedensten Gebieten, alle nötig, um diese weibliche Kulturgeschichte zu ergeben, hätte das Buch, bzw. den Preis ungebührlich aufgeschwellt. Die Druckbogen für die Bibliographie aber durch Kürzung des Textes herauszusparen, erwies sich des allzu gedrängten Inhaltes wegen als unmöglich; so sind diesem Zitate und Belege, wenigstens an wichtigen Stellen, eingefügt.

Zwei Persönlichkeiten haben die »Mütter« ihr bestes Teil zu danken: der Tiefe zu natürlich dem großen Entdecker des Mutterrechts, J. J. Bachofen; neuer Blick in die junge ethnographische Weite kam durch Robert Briffault hinzu. Die Hinweise seines Lebenswerkes auf sonst fast unübersehbare völkerkundliche Quellen waren eine unschätzbare Hilfe.

Für den »Amazonen«-Teil gebührt aller Dank den Herren Ephoros, Pherekydes, Isokrates, Hellanikos, Kleidemos, Eusebios, Dionysios Skythobrachion und von Milet, Herodot, Diodor, Plutarch, Plinius, Strabo, Pompeius Trogus und den vielen noch älteren namenlosen Hütern des Ahnenkults vor ihnen, die mit dem Takt der großen Weltleute, die sie waren, das ganze Material vom Aufgang der Menschheit überliefert haben, ungesichtet, wortgetreu, in gläubiger Unterordnung unter die Tradition, selbst auf die Gefahr hin, ein paar Jahrtausende später in einem bourgeoisen Zeittropfen als »geistlose Abschreiber« getadelt zu werden. Daher sind neue Quellen, obwohl frische Bestätigung von allen Seiten zuströmt, nicht einmal vonnöten, liest man nur die alten wieder stoffgerecht. »Die Quellen,« sagt J. Burckhardt in seinen weltgeschichtlichen Betrachtungen, »sind unerschöpflich, weil sie jedem Leser und jedem Jahrhundert ein besonderes Antlitz weisen und auch jeder Lebensstufe des Einzelnen – es ist dies auch gar kein Unglück, sondern nur eine Folge des beständig lebenden Verkehrs.«

Mit besonderer Bemühung wurde wenigstens versucht, alles Rohmaterial, historisches wie ethnographisches, nicht amorph, sondern lediglich an seiner Stelle derart eingefügt zu dulden, daß es die Plastik des Gesamtbaus bilde, also nichts von ihm im Text liegen bleibe, trümmermäßig und ungeschlacht, denn:

»Wir sind alle genötigt, unsere Ziele weiter zu stecken, als unsere Kräfte reichen, um nicht am Ende weniger zu leisten, als sie erlauben.«

Sir Galahad,
im Herbst 1931

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