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Mütter und Amazonen

Bertha Diener: Mütter und Amazonen - Kapitel 15
Quellenangabe
authorBertha Eckstein-Diener
titleMütter und Amazonen
publisherAlbert Langen Verlag
printrun1.-5. Tausend
year1931
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181213
projectid88718b69
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Su-Fa-La-Na-Chü-Chü-Lo

Ein tibetanisches Frauenreich

Tschomo-Lungma: Gottesmutter des Landes, oder Tschomo-Uri: Mutter des Türkisengipfels, heißt den Tibetanern ihrer Heimat und der Erde höchster Berg. Sie nennen den Schlußstein der Welt so natürlich »Mutter«, wie ihn die Engländer einen angelsächsischen Gentleman nennen, nämlich »Everest«. Um seinen Fuß die wundervollen, halbtropischen Täler in Mont-Blanc-Höhe, deren Sohle noch voll Obst, Getreide, Lilienwiesen steht, sind durch die berühmte und unglückliche Expedition zur Bezwingung der Gipfelpyramide im tibetanischen »Jahr des eisernen Vogels« durch Bild und Film bekannt geworden.

Gelbe Gesichter, Türkise in den Ohren, tauchen auf in reichen Dörfern, gesalzener und gebutterter Tee wird in Achattassen mit silbergetriebenen Deckeln diesen fatalen und unbeschaulichen Fremden mit bäuerischem Zeremoniell gereicht. Aus den Tälern weht gelber Rosenwind, auf dem Grund ihrer Schluchten hängt dunkle Waldrebe über blauen Mohn, Felstauben gurren an Kristallquellen, Höhlen mit Klausnern sind eingesprengt bis hoch in die Gletscherpanzer des Himalaya, der als Riesenmagnet alles zu sich heraufzieht. Draußen, nicht mehr in seinem Windschatten, auf den offenen Wanderstraßen gegen Lhassa hin, hilft das geduldige, demütige Mittelalter der Lamasereien jedem weiter. Sie stehen gegen den ewigen Sturm, gedrückte Vierecke aus mächtigem Stein, von Gebetswimpeln umflattert, innen voller Mönche mit roten oder gelben Kegelmützen; ihr Abt gleicht einer Alraunwurzel in chinesischem Brokat. Dienend umgleiten sie einen vergoldeten Riesenbuddha; hochaufgeschossen schwebt über dem ewigen Gestank der Butterlampen sein versunkenes Gesicht.

Aus holzdunklen Tempeltiefen fauchen knollig verschlungene Fabelwesen gegeneinander geiferndes Rot. Hier schneiden Heiligtümer selbst solche Teufelsfratzen, daß den Dämonen angst und bange wird auf ihrem allereigensten Gebiet, was den falschen Eindruck des durchweg Infernalischen bei diesem Kult erweckt. Er meint es aber gut. Nur unter der Devise: »Contre corsaire corsaire et demi« wird bei seinen Teufelstänzen auf hautüberspannten Schädeln so bestialisch getrommelt, auf menschlichen Oberschenkelknochen so falsch geblasen, daß sogar der Böse feige wird.

Die Lamas selbst, mongoloide Franziskaner, sind emsig aus nach immer noch braveren Inkarnationen, ganz ohne jene quittengelbe Verruchtheit, die literarische Weinreisende in Grauen als hartnäckige Wunschträume an sie gehängt. Alle paar Jahre wird ein Mönch von Lhassa aus im ganzen Land umhergeschickt, die wilden Tiere zu zähmen. Wo er gewesen, frißt alles aus der Hand; besonders Vögel kommen vertraulich auf jeden Begegnenden zu, Blutfasane, Fuchs-Enten, Wildgänse und vielerlei Kleines, das singt.

Da die Jakherden allen Lebensbedarf decken, jagt oder verletzt auch außerhalb der heiligen Bezirke niemand ein Tier. Die Leute scheinen über jedes lebende Wesen froh, das mit ihnen die dünne Eisluft ihrer grellbraun auseinandergefalteten Wüste eben noch erträgt. Sterben sie doch selber früh. Nur wenige Herzen halten länger als fünfundvierzig Jahre dem forcierten Sauerstoffgepumpe stand. Übeltäter frieren nach dem Tode weiter, denn die Hölle wird kalt gedacht. Heizung, gar im Überfluß, wo es doch stets mit dem trockenen Jakmist zu sparen gilt, bliebe ohne Schrecken für Menschen, die im quarzenen Frost mit schwarz gefirnisten Gesichtern leben müssen, zum Schutz gegen Kälte-Kopfschmerz und blutende Haut. Doch gibt es Kompensationen. Dieses ärmste aller Länder kennt keine Armut. Jeder besitzt Haus, Herde, Land oder seinen Anteil daran. Nicht viel Luxusdinge, doch des Notwendigen übergenug.

Die Seligkeit, weniger Einwohner zu haben, als es bequem und sicher zu ernähren vermag, dankt Tibet wohl seiner uralten, von den Frauen heldenhaft verteidigten Vielmännerei. Vielleicht haben auch sie die Abänderung ursprünglicher Gruppenehe in eine rein brüderliche Polyandrie durchgesetzt, während zuerst wohl alle Brüder einer Sippe sich allen Schwestern der andern Sippe verbanden, nicht nur jener Einen, die jetzt über Liebes- und Arbeitskraft sämtlicher männlichen Familienglieder allein verfügt. Tibetanerinnen zetern gern und ehrlich empört gegen die unheilige Barbarei des Westens, seinen Frauen nur je einen Gatten auf einmal zu erlauben. Sie begreifen nicht, wie eine Frau es da zuwege bringen solle, reich und wohlversorgt zu werden, ohne gleichzeitig im Genuß mehrerer Ehemänner zu sein. Je mehr, desto besser. Ein bruderloser oder auch nur bruderarmer Mann wird schwer eine tüchtige Frau zur Gattin gewinnen. »Glauben Sie nicht auch, daß wir tibetanischen Frauen es weit besser haben?« sagte eine von ihnen, als sie den seltsamen monandrischen Brauch fremder Länder erfuhr. »Bei uns ist die Hausfrau wirkliche Herrin der vereinigten Einkünfte und des Erbes sämtlicher Brüder, alle einer Mutter entsprungen, alle ein Fleisch, ein Blut, denn Brüder sind eins, mögen sie auch getrennte Seelen haben.« Und weil diese mitgeheirateten Brüder eben doch nur eins sind, hat die Frau das anerkannte Recht, ihr eheliches Glück noch durch wildfremde Ergänzungsgatten, ganz nach freier Wahl, zu komplettieren. Während sie diese Neuerwerbungen zu sich nimmt, steht es der ursprünglichen Bruderschar keineswegs frei, nun ihrerseits der Gemeinschaft neue Privatfrauen beizufügen, obwohl jeder Bruder außerhalb des Heims, ohne daß sein Kollektivanteil deshalb erlischt, auf »Zeit« – seien es Jahre, Monate oder nur Wochen – nebenbei heiraten darf.

Hier gehen eben zwei grundverschiedene Bindungssysteme nebeneinander her: leicht lösliche Individualehen und die fast unlösliche Gruppenehe als nicht von Person zu Person, vielmehr von Sippe zu Sippe eingegangener Vertrag. Stirbt demnach jener älteste Bruder, der ihn durch Brautkauf schloß, so geht die Witwe an den Zweitältesten als den Rechtsnachfolger des Verstorbenen über, ein bei den Juden als »Levirat« bekannter Brauch. Das gynaikokratische Tibet ist demnach in seiner Gruppenehe patriarchal, denn die Braut wird durch Geldeswert erworben, bleibt Besitz der fremden Sippe und zieht, falls sie nicht selbst eine große Erbin ist, in deren Haus, obwohl es weder einen individuellen Vater, noch für Vaterfamilie ein eigenes Wort gibt. Die Kinder tragen den Mutternamen und bleiben Familiengut. Gruppengefühl ist alles. So sehr fühlt sich die Frau verantwortlich für ihre neue Sippe und deren Wohl, daß sie, stürbe ihre Schwiegermutter mit Hinterlassung eines männlichen Säuglings, diesen kleinen Schwager selbst aufziehen und später bei seiner Pubertät hinzuheiraten würde, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Stirbt die Frau selbst, so tritt automatisch ihre Schwester die Nachfolge bei den verwitweten Brüdern an, sollte sie auch – ein häufiger Fall – bereits Nonne gewesen sein. Ihrer sexuellen Reaktivierung steht da nichts im Wege. Lamaistische Ordensregeln bleiben ja für Frauen durchaus lax, so daß Klosterschwestern sich nicht selten im Nebenberuf als Kofferträger betätigen, wozu die Weiber vortrefflich gebaut sind, weil durchwegs geschickter, stärker, größer als der Mann. Letzteres will allerdings nicht viel besagen, die Rasse bleibt wie geduckt vor dem allzu nahen Oberende atembarer Luft, also ohne die Hybris überheblicher Beine.

Nonnen als Kofferträger sind ein Symbol. Sie wollen, trotz ihrem Stande, gar nichts mit Dalailamatum und Papstschaft zu tun haben, sondern daß es mit den Gütern vorwärts gehe im Lande. Hier in Tibet kommt die vielgerühmte Frauenmacht ausnahmsweise nicht aus Priester- und Zauberwesen her, aus ehrfürchtiger Scheu vor übernatürlicher, sondern aus kindhaftem Vertrauen zu natürlicher Kraft des weiblichen Geschlechts. Es ist der zentralasiatische Aspekt des Matriarchats: vorwiegend weltlich und häufig gipfelnd in militärischem Führertum. »Die Tibetanerin ist dem Mann weit überlegen, nie scheu; während die Männer vor den Fremden davonliefen oder sich versteckten, begegneten ihnen die Frauen stets mit Würde ... sprachen ungeniert und fließend ... Sie haben ein besseres Herz, mehr Courage und einen nobleren Charakter als die Männer.« (Savage Landor.) Der ganze, sehr bedeutende Handel mit Metall, Webereien, Wolle, Fellen, Moschus, Borax wurde von altersher durch einen obersten Frauenrat geleitet. »Die Frauen kaufen und verkaufen,« sagt Ser Marco Polo, und ein alter chinesischer Bericht macht ausdrücklich darauf aufmerksam, es dürfe kein Handelsgeschäft ohne die ausdrückliche Zustimmung eines Weiberklüngels abgeschlossen werden.

Für Gäste oder Reisende hat dieses, den Fremden so abgeneigte Volk nur eine Verwendung: als Deflorateure. Ist einmal der Blut-Tabu, die Gefahr, mit dem Blut ihres Hymenrisses in Berührung zu kommen, von den Mädchen entfernt, so sind die jungen Geschöpfe völlig frei, ihr Wert und Ruhm steigt mit den vorehelichen Liebhabern, deren Zahl durch Abzeichen, eine Art Halsschmuck, weithin sichtbar gemacht wird. Darum verstand auch der Gouverneur von Leh gar nicht, wo der Marquis Cortanze eigentlich hinauswollte, als dieser neugierig frug, welcher der Brüder nach der Hochzeit zuerst der Braut beiwohnen dürfe. Er erwiderte, es werde wohl meist der älteste sein, doch bleibe dies ohne Belang. Ein jährliches Vermischungsfest, die »Hutwahl«, gibt überdies jedem Mann, dem es gelingt, seiner Tänzerin den Hut, Symbol der Macht, zu rauben, diese für den Tag zu eigen. Hingegen liegt der hohe Wert einer geehelichten Frau darin, sie auf Lebenszeit zur Schalterin und Walterin des gemeinsamen brüderlichen Besitzes gewonnen zu haben. »In diesem Land sind Frauen die Herren des Hauses. Die Männer leben in Abhängigkeit, erweisen ihnen große Hochachtung und behandeln sie mit solcher Liebe und Unterwürfigkeit, daß ohne ihre Zustimmung nichts unternommen werden kann.« Diese Schilderung gilt jedoch nur für das echte Inner-Tibet der Viehzucht und ehrwürdigen Vielmännerei. In den üppigen Tälern des Ackerbaus gegen Indien zu ist der Konservatismus durch regellose Polygamie, Kinderprostitution, Verlotterung des häuslichen Lebens und Bordellwesen verdrängt worden. Damit verglichen, wirkt brüderliche Vielmännerei sich in ihren Resultaten weit reinlicher aus, mindestens in jener Form, wie sie seit je in ihren alten Hochburgen, von der chinesischen Grenze angefangen, durch Tibet, Kaschmir, Afghanistan, in Nordindien auch vom reinsten arischen Blut, den Radschputen, seit vedischer Zeit geübt wird und heute noch bei dreißig Millionen höchst achtbarer Leute besteht.

Was wurde diesem Brauch nicht schon alles zugrunde gelegt. Armut. Er blüht aber gerade in bestsituierten Kreisen. Frauenmangel. Woher sollte dieser stammen? Einen eventuellen Überschuß an männlich Geborenen schlucken die Klöster, denn jeder vierte Tibetaner ist Lama, während die Anzahl der Nonnen viel geringer bleibt. Oder sollten weibliche Geburten vernichtet werden, die absolute Herrin des Hauses nur Männer um sich dulden? Wenig wahrscheinlich. Auch ist darüber nichts bekannt. Nach den meisten Zeugnissen herrscht sogar Überfluß an Frauen, der nach den Tälern abwandern muß. Dann wieder gelten die Lebensbedingungen bei Viehzucht für die Ursachen brüderlicher Gruppenehe. Gewiß führt das Weiden der Herden einen Mann oft monatelang in die Ferne, fort von der vereinsamten Frau. Der vaterrechtliche Viehzüchter – es gibt auch solche – verfällt deshalb noch lange nicht auf den Ausweg der Polyandrie. Ihm wird der Aufenthalt, fast obdachlos, im Schneesturm, offenbar nicht genügend verschönt durch die Vorstellung, wie ein anderer, dank seiner Vorsorge, derweil warm bei der gemeinsamen Gattin zu Hause sitzen kann. Überall ist die Ursache der Vielmännerei gesucht worden, nur nicht dort, wo sie am nächsten läge, nämlich bei der Frau. Jedenfalls besteht diese selbst in ihrem fähigsten Typus auf dem herrschenden Zustand der Dinge, nämlich darauf, weltliche Leiterin einer ganzen Männersippe zu sein. Das liegt ihr wohl im Blut aus der gar nicht so fernen Zeit her, da in diesem Land Männer, ein ganzes Volk sogar, als »Beauftragte« von einer Königin in der Mitte ihres Palastes aus Anweisungen erhielten, kamen, gingen und gerne taten nach der Herrin Beschluß. Jetzt ist es, als lebten diese großen Systeme nach ihrem Zerfall in einer Unzahl winziger von ähnlichem, wenn auch nicht identischem Bau noch fort. Was nicht mehr zum alten Menschenschlag und seinen Lebensformen paßt, wandert in die bereits indisch verfärbten Täler ab. Von der Struktur tibetanischer Weiberreiche selbst erzählen chinesische Chroniken bis ins achte nachchristliche Jahrhundert hinein. So besagt das Buch »T'ang Shu«:

 

»Das östliche Königreich der Frauen wird Su-fa-la-na-chü-chü-lo (goldene Familie) genannt und ist ein Teil des Ch'iang. Auch im fernen Westen ist ein von Frauen beherrschtes Land, darum heißt dieses das »östliche« zum Unterschied.

Von Ost nach West ist es neun Tagereisen, von Nord nach Süd zwanzig Tagereisen lang. Es hat achtzig Städte und wird von einer Königin beherrscht, die im K'ang-yen-Tal residiert, einer schmalen, steil abstürzenden Schlucht, die der Jo-Strom in südlicher Richtung durchfließt. Es gibt über vierzigtausend Familien und zehntausend Soldaten. Die Herrscherin heißt Pin-chin, ihre weiblichen Beamten heißen Kao-pa-li und sind wie unsre Staatsminister. Sie beauftragen die Männer mit allen äußeren Obliegenheiten, und darum werden diese »Beauftragte der Frauen« genannt. Aus dem Innern des Palastes erhalten die Männer die Befehle und geben sie weiter.

Die Herrscherin hat in der Nähe ihrer Person einige hundert Frauen, und jeden fünften Tag wird ein Staatsrat abgehalten. Stirbt die Herrscherin, so zahlt das Volk mehrere Myriaden Goldmünzen ein und wählt aus dem königlichen Clan zwei kluge Frauen, eine zum Regieren und die andre als Aushilfskönigin, um im Fall des Todes der ersten deren Nachfolgerin zu werden. Wenn die, welche stirbt, unverheiratet war, so folgt ihr die andere verheiratete, so daß keine Möglichkeit einer Revolution oder des Aussterbens der Dynastie besteht. Sie bewohnen Häuser: das der Königin ist neun Stock, jene der Bevölkerung sind sechs Stock hoch. Die Herrscherin trägt einen schwarzen oder blauen plissierten Rock aus rundem Gewebe, ein Überkleid, ebenfalls schwarz oder blau, mit langen, auf dem Boden nachschleppenden Ärmeln, im Winter ein mit Stickereien verziertes Lammfellkleid. Sie trägt ihr Haar in viele kleine Zöpfchen geflochten, auch Ohrgehänge und jene Art Lederschuhe, die in China als so-i bekannt sind.

Die Frauen achten die Männer nicht hoch, und Reiche halten sich immer eine große Anzahl männlicher Diener, die ihnen die Frisur richten und das Gesicht bunt mit Ton bemalen müssen, jeden Tag in einer andern Farbe. Die Männer besorgen auch den Kriegsdienst und bewirtschaften den Boden. Die Söhne tragen den Familiennamen der Mutter. Das Land ist kalt und nur zum Anbau von Gerste geeignet. Ihre Haustiere bestehen vornehmlich aus Schafen und Pferden. Es wird Gold gefunden. Ihre Gewohnheiten gleichen sehr denen von Hindostan. Unser elfter Monat ist ihr erster. Zum Prophezeien gehen sie am zehnten Mond in die Berge, streuen Körner umher und locken damit einen Schwarm Vögel an. Plötzlich erscheint ein Vogel gleich einem Blutfasan. Der Seher schlitzt ihm den Kropf auf. Enthält dieser Getreidekörner, so gibt es ein fruchtbares Jahr, wenn nicht, so drohen Schwierigkeiten. Dieses heißen sie das Vogelorakel.

Sie tragen drei Jahre Trauer, ohne die Kleider zu wechseln oder sich zu waschen. Wird die Königin beerdigt, so folgen ihr drei- bis viermal zehn Menschen ins Grab.«

 

Nach den näheren geographischen Angaben im Text eines zweiten Berichtes, dem Sui Shu, geht hervor, daß dieses Königreich im ersten nachchristlichen Jahrtausend ganz Nordtibet umfaßte. Der erwähnte Borax ist heute noch tibetanischer Exportartikel. Auch das jetzt noch übliche Zähmen wilder Vögel durch Priester dürfte als letzter Rest des erwähnten Vogelorakels fortbestehen. Ein zweites, westliches Reich lag nach den stets verläßlichen chinesischen Annalen an den Ufern des Kaspisees, und von ihm wird eine ähnliche Struktur wie vom östlichen gemeldet, nur mit dem Unterschied, daß es ausschließlich von Frauen bewohnt, also ein reiner Amazonenstaat war. Hinzugefügt wird, die Frauen dort verfertigten sehr kostbare Dinge, und ihr Land grenze an Fou-lin, dessen Herrscher stets einen seiner Söhne ins Frauenreich entsende, um die Königin zu heiraten. Ein männlicher Sproß solcher Ehe folge aber niemals seiner Mutter auf dem Thron. Aus diesem Land sei vor dem Jahr 634 noch keine Gesandtschaft in China eingetroffen. Amazonische Reiche scheinen demnach in einem ihrer Kerngebiete, der Umgegend des Kaspisees, bis gegen das Jahr 1000 hin ziemlich ungestört fortbestanden zu haben. Rockhill, dem es vor der gegenwärtigen gänzlichen Sperre gelang, ins Innere des verbotenen Landes zu dringen, erfuhr bei seiner Expedition von Tibetanern, das große Fürstentum Po-Mo im nordöstlichen Tibet werde »jetzt noch« (Ende des vorigen Jahrhunderts) von einer Königin beherrscht, die berühmt sei im Gebrauch der Schleuder. Dieser Teil des Landes blieb ihm unzugänglich, doch überall, wohin sein Weg ihn führte, staunte er der gleichen Frage nach: »Auf welche Art haben diese Frauen es zuwege gebracht, eine so restlose Herrschaft über die Männer zu gewinnen, wie konnten sie ihre Überlegenheit so vollständig und dabei so annehmbar gestalten für eine Rasse gesetzloser Barbaren, die sich nur ungern den Anordnungen von Häuptlingen fügen? Das ist ein Problem, des Nachdenkens wohl wert!«

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