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Mütter und Amazonen

Bertha Diener: Mütter und Amazonen - Kapitel 13
Quellenangabe
authorBertha Eckstein-Diener
titleMütter und Amazonen
publisherAlbert Langen Verlag
printrun1.-5. Tausend
year1931
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181213
projectid88718b69
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Die Malaien

Sie sind die ersten in dem verwirrenden Gewimmel, die der Weltreisende überall leicht erkennen lernt infolge ihrer soliden Fleischigkeit inmitten der schlankgestreckten Tropenrassen. Während diese vor Rikschas gespannt dahertraben, rudern oder Lasten schleppen, was ihnen im senkrechten Licht das letzte Gramm Fett von den glatten Knochen treibt, betätigt sich der Malaie auf bekömmlicherem Posten gerne schattenseits. Er gibt einen brillanten Maître d'Hôtel ab, mit sauberem, straffem Aussehen, klugem, wohlrasiertem Eierkopf und kleinwinzigen Fingernägeln an überaus tauglichen Händen. Nicht auszudenken, daß es einem Malaien irgendwo einmal schlecht gehen könnte. Von ganz unten sieht man ihn fast nie in die Höhe kommen, gewöhnlich ist er schon halbwegs oben, zum Schluß meist sehr weit oben als Kaufherr, Geldmann oder Besitzer von Reisfeldern. Jovial und höflich, erweckt er unbändiges Vertrauen, was ja bei Wuchergeschäften die Hauptsache sein soll.

Wer würde es dieser Menschenart ansehen, daß sie um irgend etwas anderes als dinglichen Besitz kämpfen könne, und doch führte sie noch vor hundert Jahren in Westsumatra den Pandriekrieg um ihr altes Mutterrecht, verteidigt es auch heute, zwar waffenlos, aber zäh und erfolgreich, gegen den stets aggressiven Islam, wenn auch eine gewisse Auflockerung nicht zu verkennen ist. Die Malaien brachten das Matriarchat wohl schon aus Zentralasien mit, von wo sie, ein Zweig der gelben Rasse, über Indien her den nach ihnen benannten Archipel besetzten, dessen indo-australische Urbevölkerung vor der dynamischen Überlegenheit und Tüchtigkeit der Eroberer ziemlich dahinschwand.

Wo Malaien sind, und das ist ein weites Stück der Tropen, gilt Mutterrecht, wenn auch in sehr verschiedener Stufung. Die konservativste Form findet sich noch in den großen, reichen Sippen auf Sumatra, deren Mitglieder bald »sabuah parui« = »eines Bauches« oder »Samandai« = »eine Mutter habend« heißen. Rücksichtsvolle Zartheit gegen Frauen ist auf Sumatra meist größer als in irgendeinem Teil Europas, was schon die alten Reiseberichte vermerken.

»Die erwachsenen und verheirateten Männer dürfen nicht im Stammhaus der Weiber, sondern nur im Bethaus wohnen. Kinder werden in die Familie der Mutter hineingeboren, dort unterhalten und erzogen. Der Mann, auch wenn er reich und angesehen, zieht nicht ins Haus der Frau, verbringt nur ab und zu eine Nacht bei ihr. Sie erhält im Mutterhaus ihre eigene Wohnung und so viel Hausrat, wie sie braucht. Kinder erben von der Mutter, nicht vom Vater, seine Besitztümer oder Einnahmen gehen an die Kinder der Schwester über, ebenso seine Titel und Würden.« (Nieuwenhuis.) Auf Leben und Erziehung seiner Nachkommen, mit denen er als nicht verwandt gilt, hat der Mann nicht den geringsten Einfluß, in der eigenen uterinen Sippe dagegen kann er als ältester Mutterbruder zu Ansehen und Führung gelangen; hier macht sich eben bereits das Avunculat stark bemerkbar, stets ein Zeichen dafür, daß die »Wechseljahre«, das Klimakterium beim Mutterrecht, im Anzug sind. Zwischen den stagnierenden, wenn auch wohlhabenden Maharis von Assam und dem formalen Spitzentypus der târwards von Malabar nehmen die mächtigen malaischen Muttergefüge kulturell eine Mittelstellung ein. Ihre Stärke sind ausgezeichnete Verwaltung, daher Prosperität, wo sie darin versagen, gelingt es dann reich gewordenen Männern die begehrten Frauen aus dem Weiberverband herauszukaufen, sie herauszulösen in jedem Sinn, weil hier in erster Linie nur noch Wirtschaft gegen Wirtschaft steht, leicht Vertauschbares also, nicht zwei geschlossene Gebilde gegensätzlicher seelischer Struktur einander bekriegen. Zwischen den Geschlechtern geht es daher durchaus untragisch zu bei fröhlicher, handfester Verständigung mit Übergewicht der Frau, die hierin offenbar im Sinnlichen führt.

Zur malaischen Rasse gehören auch die Dayaken auf Borneo, ihrer unentwegten Kopfjägerei wegen bekannt und der unheimlich genialen Art, die erjagten Köpfe zu präparieren. Längst schon wäre dieser Sport bei ihnen eingeschlafen, verlangten ihn die Frauen nicht immer wieder als Beweis von Mut, ehe sie ihre Gunst verschenken. Hier hält sich demnach ein Schädelkult, sonst Symptom der Männerbünde, ohne eine Spur von diesen lediglich auf weiblichen Wunsch. An Größe, Kraft, Ausdauer sind die Dayakinnen dem andern Geschlecht völlig gleich. Amazonisch ausgebildet, ziehen sie mit in den Krieg oder verteidigen in Abwesenheit der Männer ganz allein ihre Siedlungen gegen den Feind. Jede trägt einen Speer und jagt mit den Hunden.

Ärztinnen werden auf Borneo weit höher bezahlt als ihre männlichen Kollegen, Priesterinnen üben die wichtigsten religiösen Funktionen aus, wobei sie eine den Männern unbekannte Sprache verwenden; sie leiten die Opferhandlungen und tanzen den Schwerttanz, jene höchste kriegerische Zeremonie zur Beschwörung des Sieges. Natur- und Stammesgeister, die ja als Machtreservoire gelten, aus denen durch besonderes Ritual geschöpft werden kann, heißen unterschiedslos »Großmütter«. Charles Brooke, Nachfolger seines Onkels Sir James Brooke, der in Nordost-Borneo das Sultanat Sarawak gründete, zeigt sich von den Dayakfrauen in jeder Hinsicht entzückt und hält sie in politischen Dingen für weit geschickter als ihre Männer. Nach seiner Angabe wurde die Linggabevölkerung von Nordost-Borneo viele Jahre hindurch von zwei vornehmen alten Frauen regiert. An Eheformen zeigt die große Insel eine ganze Musterkarte; voreheliche Freiheit wird dagegen überall gleich ausgiebig genutzt, dafür dauert das jährliche wahllose Vermischungsfest, ein Befruchtungszauber, um die Natur zu reichem Tier- und Pflanzensegen anzueifern, nur eine Viertelstunde lang, dann tritt wieder völlige Ordnung ein.

See- und Bergdayaken weichen in manchen Bräuchen voneinander ab, so sind die männlichen Tapferkeitsproben, wie sie die Frauen im Gebirge verlangen, weit eher den indianischen an Ausgiebigkeit verwandt. Legt ein Mädchen ihrem Verehrer brennendes Zeug auf die Arme, so muß er es dort zu Ende glimmen lassen, ohne einen Muskel zu verziehen, und die tiefen weißen Narben dieser Marter werden dann erotisch hoch geschätzt. Ob die phantastischen Formen der Zirkumzision oder eigentlich Inzision, bei der die seltsamsten Gegenstände in den Wundkanal gesteckt werden, damit er nicht zuwachse, eine Folge der Frauenherrschaft sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls finden sie sich überall, wo mutterrechtliche Malaien leben oder wohin ihr Einfluß reicht, wie in Burma; dort sah J. H. van Linschotten Männer, die vorn am Glied haselnuß- bis walnußgroße Schellen trugen. Manche Ethnologen, Kulturkritiker und Ärzte erblicken darin ein Gegenstück jener schmerzhaften Operation, wie das Vernähen der Nubierinnen oder die fetischistische Fußverstümmelung der Chinesinnen unter Vaterrecht, eben Praktiken, ausschließlich bestimmt, das Vergnügen beim herrschenden Geschlecht zu steigern auf Kosten des Beherrschten. Ploß, der ebenfalls dieser Meinung ist, berichtet: »Um dem Weibe den Genuß bei der Begattung zu erhöhen, durchbohren sich viele Dayaks die Eichel des Gliedes mit einer silbernen Nadel von oben nach unten; sie lassen diese Nadel so lange darin, bis die durchbohrte Stelle als Kanal verheilt ist. Vor dem Beischlaf wird dann hier hinein ein festsitzender Apparat gefügt, welcher eine starke Reibung bewirkt und dadurch den Geschlechtsgenuß der Frau erheblich steigert. Die in diesen Kanal eingebrachten Körper sind verschieden: kleine Stäbchen aus Messing, Elfenbein, Silber, ja auch aus Bambus.« Manchmal wird eine sich spreizende Krause aus den Wimperhaaren eines Bockes mit samt dem ganzen Augenlidrand, anzusehen wie das Halsband einer Bulldogge, um das Glied gebunden. Ein Apparat, bei dem Borsten in den Stäbchen befestigt werden, heißt Ampallang. Die Frau gibt dem Manne ihren Wunsch, daß er sich einen solchen anschaffe, auf symbolische Weise zu erkennen: er findet in seiner Reisschüssel ein zusammengerolltes Siriblatt mit einer hineingesteckten Zigarette, deren Länge das Maß des gewünschten Ampallang darstellt. »Der Varianten sind unzählige. Auf Sumatra werden unter die eingeschnittene Haut dreieckige Gold- und Silberstückchen oder Steine geschoben, die dort einheilen, auf Borneo ein Messingdraht, dessen gespaltene Enden als steife Quaste hervorragen. Daß die Malaiinnen Männern mit solchen Akkomodationen den Vorzug geben oder andre, die sie nicht bieten, ganz zurückweisen, ist sicher. Die Fortdauer der schmerzhaften und gefährlichen Operationen geht wohl auf ihren Einfluß zurück, ob der Ursprung, ist fraglich. Dagegen spricht die weite Verbreitung ganz ähnlicher Inzisionen zum Einfügen von Gegenständen an andern Körperöffnungen, wie Ohren, Nase und Mund, wo sie ganz ohne direkten oder indirekten Lustgewinn bleiben, aber zum Schutz dienen gegen den bösen Blick; auch die weltweite Sitte, die Hand beim Gähnen vor den Mund zu halten, entspringt abwehrender Angst und fand erst später die ästhetische Motivierung. Körperöffnungen als solche sind eben dem Eindringen schwarzer Magie tiefer ausgesetzt und bedürfen jener Goldplättchen, Borsten, Eberzähne, Steinchen und andern bewährten Amulettmaterials. Besonders die kostbaren, beim Mann so exponierten Geschlechtsorgane müssen durch Gegenzauber umhegt werden, wobei glänzende Dinge, Gold, Silber oder Metallglöckchen wie »Maskotts« am Auto zu wirken haben, nämlich weniger als Glücksbringer, als um Übelwollen auf sich abzulenken, weg von seinem eigentlichen Ziel. Symbol-, Instinkt- und Zauberhandlungen sind jedoch benachbart genug, um gelegentlich zu Vikariieren, so daß eine auch die Funktion der andern übernehmen kann. Trugen die Römer als Abzeichen der mütterlichen Abstammung silberne Halbmondchen, die lunulae, an den Schuhen, so begaben sie sich damit zugleich ganz bewußt in den Glanzschutz des böse Blicke bannenden Metalls. Geprellt um wichtigere Beute, sank dann das Feindliche rechtzeitig hypnotisiert bis an den Körperrand hinab, um höchstens noch die Zehen zu bedrohen; in ähnlicher Weise kann die »Glocke«, obwohl allgemeines Libidosymbol, dem Glied der Burmesen als »Maskott« dienen.

Bei allem, was mit Pubertätsweihen, also der Beschneidung, zusammenhängt, fällt es besonders hart, zu entscheiden, was primär, was sekundär, wann und inwieweit Motive sich überlappen. So kann eine bestimmte Narbenform manchmal Stammesmerkmal bedeuten, ein Paßvisum sein, um nach dem Tod ins richtige Jenseits und nicht etwa in den Feindeshimmel zu gelangen.

Gerade bei den malaiischen Reiferiten aber geht es keinesfalls an, den Einfluß des weiblichen Sexualwillens auf Ausgestaltung von Inzision und Amulettwesen zu leugnen, wie manche englische Kulturkritiker es tun; der gegenteiligen Zeugnisse sind zu viele. So wird auf den Aru-Inseln, zwischen Celebes und Neuguinea, auch auf dem benachbarten Serong, die Knabenbeschneidung nach dem detaillierten Wunsch der Mädchen in ganz bestimmter Weise ausgeführt, »um der Frau das Wollustgefühl bei der Ausübung des Beischlafes zu erhöhen«. (Riedel.) Eine ursprünglich unbeabsichtigte, völlig zufällige Nebenwirkung ist hier offenbar allmählich zur Hauptsache geworden – kein seltener Fall. Daß aber andre, und zwar weit mächtiger gefügte Frauenverbände nichts Ähnliches verlangt oder durchgesetzt haben, versagt als Gegenargument – eine Frage der Temperamentsunterschiede eben. Jedes durch Freiheit und Selbstbestimmung gesteigerte Körpergefühl strebt naturgemäß danach, andre Körper seinen eigenen Wunschphantasien anzupassen. Daß diese unter Malaien so bestürzend direkt, so penetrant primär zielen, ist gar nicht wegzudenken aus Gesamtform, Bestimmung und Lebensplan dieser heftig eingefleischten, vielleicht nicht eben tiefer, aber solider als andre verkörperten Rasse.

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