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Münchener Satiren

Josef Ruederer: Münchener Satiren - Kapitel 2
Quellenangabe
typesatire
booktitleMünchener Satiren
authorJosef Ruederer
year1907
publisherGeorg Müller
addressMünchen und Leipzig
titleMünchener Satiren
created20020608
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Auf drehbarer Bühne

Festspiel zur Einweihung
des Münchener Prinzregenten-Theaters

Mitwirkende:

Rabbi Sichel, Oberrabbiner, Intendant, Professor, Ritter hoher Orden, aber noch nicht des Zivilverdienstordens.

von Pfiffig, ganz heimlicher Rat, Anwesenbesitzer in unmittelbarer Nähe des Prinzregenten-Theaters.

Knurrig und Immergrün, Verleger des vornehmsten Blattes Mittel- und Süddeutschlands. 97 000 Auflage. Kunst-, Alpine und Sport-Zeitung. Täglich zweimal.

Theilmann und Schnittmann, Baumeister mit und ohne Akkord. Eigene Abteilung für Immobilien und Terraingesellschaft. Telephon Nr. 97 714.

Pfründner, Rentner, Aufsichtsrat der Terraingesellschaft.

Pinsel, Advokat, stiller Berater der Immobilien- und Terraingesellschaft.

Schöps und Trottelberger, Münchener Bürger; Schöps nebenbei noch Mitglied des Münchener Gemeindekollegiums vom Jahre 1865.

April, Tonkünstler und Musikkritiker, Spezialvertreter der Firma Wagners Witwe und Sohn.

Die sechsundzwanzig Redakteure des vornehmsten Blattes Mittel und Süddeutschlands.

Das Münchener Kindl.

Die Bavaria.

Die Zuschauer.

Die drehbare Bühne.

Die genaue, sorgfältige Inszenierung des ganzen Festspiels, sowie die Oberleitung hat sich Herr Intendant Rabbi Sichel persönlich vorbehalten.

Musikalische Leitung: Herr Hofkapellmeister Tumpe, künftiger Generalmusikdirektor.

Dekorationen, Beleuchtung usw.: Meister Lautenspieler, der zugleich Erfinder der drehbaren Bühne.

Die Rollen des Rabbi Sichel, der Knurrig und Immergrün, der Herren von Pfiffig, Pfründner, Pinsel und der beiden Architekten werden von stadtbekannten Münchener Persönlichkeiten verkörpert, auch der Darsteller des Tonkünstlers April dürfte sich eines Rufes erfreuen. Die sechsundzwanzig Redakteure werden dargestellt von lauter ausgeprägten Individualitäten. Für Schöps und Trottelberger sind solide Kräfte aus alten Bürgerkreisen gewonnen worden, die Rollen der Bavaria und des Münchener Kindl werden von den betreffenden Herrschaften selbst in liebenswürdigster Weise übernommen.

Was die Zuschauer betrifft, so bestehen sie zum ersten Teil aus den bekannten, gewappelten Erscheinungen der oberen Zehntausend. Maler, Dichter, Chinareisende, die sich immer gern sehen lassen, kommen dazu. Universitätsprofessoren mit gleicher Absicht keineswegs ausgeschlossen. Zum offiziellen Aufputz: ein Bürgermeister, drei Minister, Beamte, Landtagsabgeordnete in krachledernen Hosen.

Den zweiten Teil der Zuschauer stellen die von der eigens gebildeten Eintrittsbillettenpreisermäßigungskommission zugelassenen Menschen. Hier kommt es weniger auf einen Namen und auf Geld an, als vielmehr auf breite Hände und gute Lungen. Daher sind Leute aus allen Ständen geduldet.

 

Beginn der Komödie:

Erstes Bild

Es treten sechs Posaunenbläser auf die Brüstung des Prinzregenten-Theaters und blasen das eigens hierzu komponierte Reklamemotiv. Die Zuschauer, vor dem Theater schon lange versammelt, ziehen auf in die einzelnen Sitzreihen. Jede Gruppe wird geführt von einem Angestellten der Firma Theilmann und Schnittmann, Abteilung für Terraingesellschaft, im Kostüm der Herolde, »Tannhäuser« II. Akt. Weihevolle Stimmung. Das unterirdische Orchester spielt den Einzug der Gäste. Die Zuschauer singen: »Freudig begrüßen wir . . .« in angemessenem Tempo mit. Wenn der letzte Ton verklungen, erhebt sich tosender Beifall, geleitet von der Eintrittsbillettenpreisermäßigungkommission. Herr Hofkapellmeister Tumpe steckt den Kopf einen Augenblick aus einer Luke des unsichtbaren Orchesters hervor. Neuer Beifallssturm. Herr Tumpe will auch sofort wieder erscheinen, aber die Kommission winkt den Zuschauern ein bischen zu früh ab. Jetzt tiefe Stille. Große Spannung. Plötzlich teilt sich der Vorhang ein wenig, und es erscheint das bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Münchener Kindl mit offenen Armen. Es spricht:

Zum Anbeginn der hehren Feier
Grüß ich Euch all, ob Müller oder Meier,
Ich grüße Euch mit hohem Freudentriller,
Wie Ihr auch heißt, ob Mayer oder Miller,
Ob Schmitt mit dt oder Gruber,
Ich grüße Euch, vereinte G'schaft'lhuber.

    (Es sieht sich um)

Dem Himmel töne Lob und Preis,
Es fehlt kein einz'ger Jubelgreis,
Ein jeder sitzt im dicksten Fett
Auf seinem großen Freibillett
Und dünkt sich sonderlich erlaucht,
Dieweil er nichts zu zahlen braucht.

    (Es faltet bewundernd die Hände)

Mein trunk'nes Aug' kann kaum sich finden,
Ich seh' die Herren all' im Frack,
Im Faltenhemd und weißen Binden,
Und in der Hand den Chapeauclaque.

Ein holder Damenkreis inmitten,
Die Steine auf dem stolzen Haupt,
Die Taille möglichst ausgeschnitten,
Soweit die Sitte es erlaubt.

Es strahlt von Osten, Westen, Norden,
Von Süden rings, in Gold geschient,
Das echte Feuer hoher Orden,
Die alle gar so schwer verdient.

    (mit einem tiefen Seufzer)

Doch ach! Wer zählte wohl die Gruppen,
Wer nennt die Namen mancherlei,
Der Peterl'n auf allen Suppen,
Die, wo was los ist, stets dabei?

Mag darum keiner zornig wettern,
Der mir in solcher Eil' entwich,
Es druckt ihn ja mit fetten Lettern
Das Hauptblatt Münchens unterm Strich.

Mit diesem Troste soll er weilen
In Eurer Mitte frohen Sinns, –
Und nun mag sich der Vorhang teilen
Zum Zeichen sicheren Beginns.

Aufprasseln sollen alle Dünste
Des Schwefels in ein Flammenmeer,
Und durch Herrn Lautenspielers Künste
Schiebt sich die Bühne hin und her.

Da seht Ihr im Vorübersausen,
Wie mit den Jahren viel sich dreht,
Und wie im schönen Bogenhausen
Ein neues Festspielhaus entsteht.

Es tritt auf die Seite. Im selben Augenblick kräuseln gelbe Dünste vor dem Vorhang auf, die sich langsam verdichten. Das Orchester unter Hofkapellmeister Tumpes umsichtiger Leitung stimmt den Schunkelwalzer an. Die Musiker singen mit: »Denke dir, mein Liebchen, was ich im Traume geseh'n.« Immer höher ziehen die Dämpfe, wilder brodeln sie auf. Endlich, als die Musik die Schlußakkorde spielt, steigt rein und geläutert aus ihnen das alte Hofbräuhaus hervor.

 

Zweites Bild

Ringsherum die historischen Arkaden. Stimmungsvolles Milieu aus dem Jahre 1865. Die Maß Bier nur fünf Kreuzer. Glückliche Zeiten. Keine Preußen im Lande. Bayern selbstherrlicher Staat. Stinkt nach Rettich und Käse. Frohes Treiben vor der Schenke. Gemeindebevollmächtigter Schöps trifft beim Ausspülen des Kruges Bürger Trottelberger.

Schöps (nach langer Pause, sehr zufrieden) Dem hammer's g'steckt, dem gar andern.

Trottelberger Wem denn?

Schöps Dem Wagner Richardl, dem herg'laufana Musikanten.

Trottelberger Habt's es eahm g'steckt?

Schöps G'höri hammer's eahm g'steckt, und 'm Kini a, dem grad extra, 'm Kini, grad extra!

Trottelberger Was habt's denn 'than?

Schöps 'Nausg'schmissen hammer'n, den verhungerten Dudelsackpfeifer, jetzt kann er schaug'n, wo er sei Theaterbuden hinbaut, der Freimaurersg'sell, der dreckige. Mir geben koan Strich her vom heiligen Münchna Boden, am wenigsten für so an preußischen Schwimmer.

Trottelberger Recht habt's, oes vom Gemeindekollegium, ganz recht.

Schöps Nix da, mür san mür und bleiben's a! So jetzt kaf i mir an Stoa auf de Anstrengung hin.

Trottelberger Hamma oan Weg, Herr Nachbar.

(Sie gehen zur Schenke.)

Das Orchester spielt und singt: »Hinum, herum, alleweil saudumm, saudumm, herum, hinum, alleweil saudumm.«

Das Münchener Kindl tritt wieder vor und spricht:

Herr Schöps und Trottelberger,
Die sind gar fein gepaart,
Sind sprechende Beweise
Von echter Münchner Art.

Im Wesen schlicht und bieder,
Aus altem Schrot und Korn,
Den weiten Blick im Schädel,
Die Westenknöpf' aus Horn,

Den Rosenkranz im Sacke,
Im Portemonnaie das Geld,
So spucken sie zu Boden,
Wie's grade kommt und fällt.

Solch' unerschrock'ne Männer
Geh'n immer gradeaus
Und weichen auch im Leben
Nie einem andern aus.

Sie rempeln jeden nieder,
Und wenn der noch so schreit,
Das ist nun 'mal so Sitte,
Das ist Gemütlichkeit.

Freu' dich, o schönes München,
Und dank' mit mir dem Herrn,
Es halten solche Söhne
Jedweden Geist dir fern.

    (Es klatscht in die Hände)

Jetzt aber will ich präsentieren
Zwei Herr'n mit feineren Manieren!

Die Bühne dreht sich und mit ihr drehen sich zirka dreißig Jahre im Fluge.

 

Drittes Bild

Eine öde Landschaft. Unbebautes Feld. Weite Kiesgruben. Im Hintergrunde Ziegeleien mit steilen Kaminen und verfallenen Hütten. Die ganze Szenerie nach der Natur aufgenommen von der Firma Theilmann und Schnittmann, Abteilung für Terraingesellschaft. Es ist Nacht. Tiefe, unheimliche Stimmung.

Rabbi Sichel (tritt auf in der Maske von Napoleon I. Grauer Mantel, Schiffhut und Degen. Geste von Waterloo. Er steigt in den Vordergrund der Bühne) Ich hörte marschierende Kolonnen . . . Sind's meine Grenadiere ? Sind's die Fahnen, die ich geführt zu Kampf und Sieg? (Springt entsetzt zur Seite und singt das hohe A) Kommst du zu mir, entsetzliches Gespenst der Nacht, aus dunkeln Nebeln neu erstanden? Wer bist du? Steh'! Ich banne dich!

von Pfiffig (tritt sehr leise auf) Glaub' gar, das ist der Rabbi Sichel? Richtig, ja! Warum schreien S' denn so?

Rabbi Sichel (in der Maske von Franz Moor) Verraten, ausgespieen vom Hoftheater und dem Münchener Publikum, alle Geister gegen mich losgelassen! O Freund, Freund! Daniel von der billigen Grube, gib mir Ehr' und Stellung wieder!

von Pfiffig. Jetzt sind S' amal ruhig und erholen Sie sich a bissel! Da heroben is a recht gute Luft. Schöne Lag'. Angenehme Verbindung mit der Stadt. Neue Brücke. Wissen Sie was? Sie könnten sich eigentlich neben mir ankaufen.

Rabbi Sichel (als Octavio Piccolomini) War das die Meinung, Buttler, als wir schieden? Bei Gott, ich hebe meine Hand, ich bin an dieser ungeheuren Tat nicht schuldig!

von Pfiffig. Jetzt kommen S' nur mit mir, es wird sich schon alles machen. Kommen Sie, lieber Herr Rabbi! (Geht ab, indem er winkt.)

Rabbi Sichel (allein, in seiner Urmaske in »Freund Fritz«) Und da sagt mer noch immer von de Juden, . . . de Juden . . . de Juden . . . (Er sinkt in die Knie und folgt dem Herrn von Pfiffig.)

Das Orchester spielt und singt: »Seh'n Sie, das ist ein Geschäft, das bringt noch 'was ein.«

Das Münchener Kindl erscheint wieder und spricht:

Freundschaft, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten freudetrunken
Jetzt dein schönes Heiligtum.

Aber weh! Schon fletscht die Fresse
Dort ein Untier, wild erregt,
Und es naht die liebe Presse
Voll und ganz und unentwegt.

Mit 'ner Schar von Rezensenten
Stürmt sie vor und wirft das Netz,
Denn die treuen Abonnenten
Brauchen manchmal eine Hetz.

Die Bühne dreht sich wieder.

 

Viertes Bild

Redaktionsbureau des vornehmsten Blattes Mittel und Süddeutschlands. Hübscher Raum in nationalliberal-freisinnig-demokratischem Stil, der in allen Farben schillert, vom zartesten Rosa bis zum grellsten Rot. Eigentlicher Charakter nicht recht zu entziffern. Entworfen und ausgeführt von einem ehemaligen Achtundvierziger. An den Wänden Porträts von Kaiser Wilhelm I., Dreyfus, Bismarck, Nudlmeier, Goethe und Otto Ernst. Im Hintergrunde sitzen dreizehn Redakteure um einen großen Tisch und schreiben einen Leitartikel für die Abendnummer.

Alle im Chor (während sie schreiben) ... so möge denn auf jenen Höhen eine stolze Villenkolonie heranblühen, zu Ehr' und Nutzen unserer Mitbürger . . .

Verleger Knurrig (sitzt im Vordergrunde und raucht sehr gemächlich seine Zigarre) Bravo, meine Herren, nur immer schreiben, recht schön schreiben, mit einer gut gemäßigten Gesinnung, dann werden wir noch mehr Auflagen kriegen, noch mehr Annoncen, und so wahren wir am besten die hehren Traditionen unseres Blattes. (Reibt sich die Hände und raucht weiter.)

Plötzlich geht die Türe auf und sein Associé, Herr Immergrün, stürzt herein, gefolgt von den übrigen dreizehn Redakteuren der Zeitung.

Immergrün (in höchster Rage) Bei meinem ritterlichen Schutzpatron, der den Drachen getötet hat, so eine Gemeinheit war noch nicht da!

Knurrig Was ist denn los?

Immergrün Habt Ihr vielleicht noch nichts gehört? Der Pfiffig hat eine Villa gebaut, der Rabbi daneben, und jetzt ist der Rabbi über der Villa gar Direktor geworden von unserem Hoftheater!

Knurrig Mein Gott, was ist denn da dabei?

Immergrün (immer heftiger) Was da dabei ist? Das will ich Euch zeigen. Das Handwerk will ich ihnen legen, einen Artikel will ich schreiben, daß der Pfiffig genug haben soll.

Seine dreizehn Redakteure (im Chor) . . . genug haben soll.

Knurrig Bitte, wir müssen Rücksichten nehmen, wir sind eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung . . .

Seine dreizehn Redakteure . . . mit beschränkter . . .

Immergrün (haut auf den Tisch) Tod und Teufel, is mir ja wurscht, wir legen los!

Seine dreizehn Redakteure Wir legen los!

Immergrün (noch fanatischer) Auf der Stelle! Es ist kein Zufall, meine Herren, daß gerade jetzt in dieser gewitterschwangeren Zeit der Geist unseres seligen Ludwig herumgeht.

Tonkünstler April (tritt ein) Sehr treffend bemerkt! Unter dreihundert Spielabenden nur vierhundert Wagneropern! Das ist ein Skandal!

Immergrün Das muß anders werden!

April Das Orchester muß tiefer liegen!

Knurrig Aber, meine Herren –

Immergrün Der Pfiffig muß 'naus aus der Stadt!

April Die Tempi müssen viel breiter werden!

Immergrün (steigt auf den Stuhl) Zur Tat, zur Tat! Uns der Pfiffig, dem April der Rabbi. Und das sage ich Ihnen, meine Herren: Pardon wird nicht gegeben! Hurra, hurra, hurra!

Seine dreizehn Redakteure Hurra, hurra, hurra!

Chor der Rache. Alle ziehen den Federwisch und singen. Das unterirdische Orchester spielt den vierten Akt der »Hugenotten«. Knurrig und seine dreizehn Redakteure stürzen sich wütend auf die ganze Gruppe. Große Keilerei. Das Orchester geht von Meyerbeer zu Wagner über, »Meistersinger«, Prügelszene, II. Akt. Die Immergrünen bleiben Sieger und werfen die Knurrigen hinaus. Dann setzen sie sich an den Tisch und schreiben den Artikel. Tonkünstler April hat sich schon gleich zu Beginn der Keilerei empfohlen, um schnell nach Bayreuth zu telegraphieren.

Der Vorhang schließt sich.

Große Pause von einer Stunde. Die Zuschauer bewegen sich im Foyer. Die Terraingesellschaft läßt Champagner servieren, aber nur an besonders Gewappelte. Starke Erregung im Publikum – nicht über den Champagner, sondern über das packende, hochdramatische Festspiel. Der furchtbare Konflikt: Knurrig–Immergrün–Pfiffig erscheint allen unlösbar und von den weittragendsten Folgen für München. »Was wird jetzt werden? Wird unser Hauptblatt gar gespalten und getrennt zweimal erscheinen?« »Das wäre entsetzlich«, meint ein den gebildeten Ständen angehöriger Herr. Ein andrer, besonders rechtlich Denkender stürzt auf eine Gruppe zu: »Sagen Sie, dieser Pfiffig ist doch jetzt ganz und gar unmöglich?« »Mir ist der Immergrün so sehr sympathisch«, flüstert eine fast zu weit ausgeschnittene Dame, »der weiß so recht, was er will.« »Aber dabei hat man noch keine Ahnung,« sagt ein ganz naives Mädchen, »wie aus dieser Geschichte ein Festspielhaus entstehen soll.«

Allgemeine Verlegenheit. Plötzlich zeigt ein Herr erregt nach einer Richtung. Dort steht im eifrigstem Gespräch von Pfiffig mit dem Generaldirektor Rabbi Sichel. Ganz in der Nähe befinden sich die Architekten Theilmann und Schnittmann mit Pfründner und Pinsel. Diese große Gruppe lugt unaufhörlich zu einer andern hinüber, die in kühler Reserve sich zurückhält. In ihr befinden sich die Herren Knurrig und Immergrün, noch etwas schmollend, im Verein mit ihren sechsundzwanzig Redakteuren und dem Tonkünstler April. Die erste Gruppe lächelt der zweiten unaufhörlich zu, anfangs noch vergeblich, besonders Herr Immergrün macht heftig abweisende Bewegungen; aber Pfründner und Pinsel, in der Redaktion seit Jahren bestens eingeführt, nähern sich und spielen die Vermittler, und nun folgen die andern einfach nach. Die beiden Gruppen schmelzen zu einer. Gegenseitiges Händedrücken. Endlich löst sich Herr Rabbi Sichel los, er muß zur Bühne zurück.

»Und nicht vergessen, meine Herren, alles im Geiste Ludwigs II.!« ruft er freudestrahlend. Tonkünstler April ruft ihm nach: »Aber keine Konkurrenz mit Bayreuth. Das bitt ich mir aus.«

Wiederbeginn der Vorstellung. Alles auf seinen Plätzen. Fieberhafte Spannung.

 

Fünftes Bild

Der Vorhang geht auseinander, ohne Ouvertüre. Die Bühne hat sich mit der gesamten Redaktion inzwischen wieder gedreht und stellt den großen Kaimsaal dar. Herr Intendant Rabbi von Sichel als Vortragsmeister auf dem Podium. Neben ihm Hofkapellmeister Straffenkragen am Klavier. Beide zum Besten des Pensionsfonds deutscher Journalisten.

Intendant Rabbi von Sichel (sehr breit und eindrucksvoll) »Meine hochzuverehrenden Damen und Herren! Es wird bekanntlich nichts so heiß gegessen, als es gekocht wird. (Klavierspiel.) Von diesem erhabenen Grundsatze ausgehend, und um allen weiteren Belästigungen auszuweichen, hat sich eine Gesellschaft gebildet, die es unternommen hat, auf jenen historischen Höhen, droben über der wildrauschenden Isar, ein Haus zu bauen, ein Haus, das bei zwanzig Mark Eintritt (Klavierspiel) alles Vergangene zudeckt und künftigen Geschlechtern die Möglichkeit gibt, im Geiste ihrer großen Vorfahren zu genießen. (In hoher Begeisterung) Ja, es gibt noch Kunst für das Volk, es gibt eine Vorsehung! (Klavierspiel) Dank den allbeliebten, angesehenen Bürgern, die mir zu dem schönen Werke in so selbstloser Weise (Klavierspiel) die Hand gereicht haben, wird dort bald Villa an Villa, bald Zinshaus an Zinshaus stehen, ein neues Stadtviertel wird sich bilden, die Wüste wird sich zum Eiland wandeln, die Plätze steigen im Preise. (Klavierspiel.) Das, meine hochzuverehrenden Damen und Herren, ist der Zweck und die hohe Bestimmung des neuen Hauses, und in diesem Sinne sei es geweiht!«

Er gibt ein Zeichen. Heftiger Donnerschlag. Hofkapellmeister Straffenkragen verschwindet für immer, während Herr Tumpe mit dem ganzen Orchester »die Weihe des Hauses« anstimmt. Die Bühne verwandelt sich in die Szenerie vom dritten Bilde. Majestätisch steigt das neue Theater als hohes Symbol »der deutschen Kunst« aus der Versenkung. Rechts und links davon große Affichen auf Holztafeln und Bretterwänden: »Bauplätze günstig zu verkaufen. Näheres Terraingesellschaft. Telephon Nr. 97 714.« Oben auf dem ragenden Giebel des neuen Hauses thront die allen Münchenern nur zu gut bekannte Statue der verpaßten Gelegenheit. Sie ist, wie das ganze Haus, in leichtem Verputz und hält ein großes Plakat in Händen, auf dem in weithin sichtbaren Buchstaben zu lesen ist: »Wieder hereingebracht von der Firma Theilmann und Schnittmann, Baugeschäft, München.« Aus dem Innern tönt mit schmetternden Fanfaren das variierte Walhall-Motiv: » Prahlend prangt der protzige Bau!« Vor dem Hause in bewegten Gruppen weißgekleidete Jungfrauen, Hotelbesitzer, Fremdenführer, Kutscher, Ansichtspostkartenverkäufer und viele Angehörige der in Eile gegründeten Eintrittsbillettenpreisermäßigungskommission. Pfründner und Pinsel, Knurrig und Immergrün im Frack daneben mit allen sechsundzwanzig Redakteuren, Schöps und Trottelberger, beide ziemlich gealtert, beide Mitglieder des Vereins zur Errichtung eines Denkmals für Ludwig II. Von Pfiffig hält sich im Hintergrunde und sieht der ganzen Szene schmunzelnd zu.

Gesamtchor (weißblaue Fahnen schwingend zum Intendanten) Heil sei dem Tag, an welchem Du bei uns erschienen, dideldum, dideldum, dideldum!

Rabbi von Sichel (in tiefster Ergriffenheit) Euch macht Ihr's leicht, mir macht Ihr's schwer . . . (Er nimmt seine Lieblingsmaske als Napoleon I., diesmal in der Geste von Austerlitz an.)

Immergrün (mit einer Festrede im Magen) Herr Intendant . . . Herr Intendant. Was der unvergeßliche Ludwig entworfen hat . . .

Schöps und Trottelberger (laut heulend) O, unsa Luudwig, unsa guata Luudwig!

Immergrün (immer fortfahrend) . . . was er im Verein mit Richard Wagner und Gottfried Semper geträumt hat . . .

Schöps und Trottelberger (immer lauter heulend) Wenn er nur g'rad den Tag no' derlebt hätt'!

Immergrün (unbeirrt) . . . heute steht es vollendet, und zwar so, wie er sich's nicht hätte träumen lassen . . . (Die Rührung übermannt ihn, er kann nicht mehr weiter reden.)

Knurrig (übernimmt für ihn das Wort) . . . Unser Blatt aber darf sich nicht ohne ein Gefühl stolzer Gehobenheit sagen, daß es an dieser neuen Schöpfung sein redlich Teil hat . . .

Pfründner und Pinsel Sehr richtig! Sehr richtig!

Knurrig Immer, wo es galt, die besonderen Interessen der Allgemeinheit und die allgemeinen Interessen der Besonderen zu vertreten . . .

Pfründner und Pinsel Bravo! Bravo!

Knurrig . . . hat unser Blatt im vordersten Treffen gestanden und wird es auch ferner stehen, das versprechen wir Ihnen, Herr Intendant!

Die sechsundzwanzig Redakteure (nunmehr alle auf einen Ton gestimmt) Das versprechen wir Ihnen, Herr Intendant!

 

Sechstes Bild

Während der Intendant noch immer als Napoleon mit verschränkten Armen steht, erscheint plötzlich unter Donner und Blitz die Bavaria. Sie führt statt des Löwen den jetzt völlig zahmen und vorerst gebändigten Tonkünstler April am Bändchen mit und spricht zu Rabbi von Sichel:

Heil dir, o großer Meister,
Ich neige meine Stirn,
Für solche Tat gebührt dir
Der Lorbeer um das Hirn.

Der Neid, der Haß, die Mißgunst
Sind heute all' besiegt,
Da unser stolzes München
Zu deinen Füßen liegt.

Und die dich erst bekrittelt
Mit ätzendem Verstand,
Sie fressen heute prächtig
Aus deiner güt'gen Hand.

Die Sänger, die sie fanden
Verludert und moros,
Die singen, wie sie finden,
Mit einem Mal famos.

Die Musiker da unten,
Auf die sie stets gezielt,
Die haben, wie sie schreiben,
Nie besser noch gespielt.

Die Donner und die Blitze,
Sie schlugen nie recht ein,
Nun aber meint ein jeder,
Sie führen richtig drein.

Gibt jetzt nicht Gegenordre
Die strenge Cosima,
Dann sitzest du, o Rabbi,
Für stets gesichert da.

Doch solcher großen Leistung
Gebührt ein sond'rer Lohn –
Drum komm' zur Ruhmeshalle
Mit mir, mein lieber Sohn!

Dort blüh' dein Lorbeer weiter,
Der nimmermehr verdorr',
Es wartet schon der Tilly,
Der Dürer und der Pschorr.

    (Sehr laut und deutlich)

Bei uns ist alles möglich,
Soll das nicht möglich sein?
Es hilft dir nichts, mein Bester,
Auch du gehörst hinein.

Sie bekränzt ihn. Apotheose. Alle knieen vor ihm nieder und singen die bayerische Nationalhymne, die das Orchester begleitet. Aus der höchsten Höhe läßt sich der heilige Michael in vollem Glanze direkt auf's Haupt des Intendanten nieder. Bengalisches Feuer. Der Vorhang schließt sich langsam.

 

Siebentes und letztes Bild

Tosender Jubel im Auditorium. Man war zwar anfangs von der unerwarteten Wendung etwas verblüfft, aber man gewöhnt sich ja in München bekanntlich an alles und denkt überhaupt nicht zu lange nach. Deshalb ununterbrochener Beifall, dem gerne stattgegeben wird. Erst erscheinen die Darsteller des Pfiffig, des Immergrün, des Knurrig, des April, des Schöps und Trottelberger zwanzigmal an der Rampe. Auch die sechsundzwanzig Redakteure des vornehmsten Blattes Mittel- und Süddeutschlands bleiben nicht hinter der Kulisse. Im zierlichsten Pas de deux tänzeln sie vor und verneigen sich dankend. Stürmische Rufe: »Tumpe! Tumpe!« Der Kapellmeister erscheint dreißigmal mit den Darstellern. Dann ertönen neue, leidenschaftliche Rufe: »Rabbi, Rabbi, Rabbi!« Es dauert lange. Die Rufe schwellen zum Orkan. Endlich erscheint sehr langsam der Gefeierte in der Maske Richard Wagners. Er gibt ein Zeichen, daß er reden will. Der Sturm legt sich.

»Sie haben jetzt gesehen, was wir können. (Lebhafte Zustimmung) Wollen Sie – wir haben eine Kunst!« (Frenetischer Jubel)

Der Intendant wird fünfzigmal gerufen, nach ihm Meister Lautenspieler und endlich, unter wahrhaft südlichem Beifallsgetrampel, die Firma Theilmann und Schnittmann mit der ganzen Terraingesellschaft, den Palieren, den Ziegelträgern und sämtlichen Mörtelweibern im reizenden Arbeitskostüm.

Aber noch nicht will der Orkan sich legen. Die Eintrittsbillettenpreisermäßigungskommission funktioniert tadellos und gibt ununterbrochen ermunternde Zeichen. Alle Leute bleiben wie gebannt auf ihren Plätzen, und endlich tönt wie aus einer Kehle ein durchdringender Ruf durch das herrliche Haus: »Verfasser! Verfasser! Verfasser«

Der Intendant erscheint mehrmals und endlich beginnt er:

»Meine hochverehrten Herrschaften! Der Verfasser hat mir den schmeichelhaften Auftrag erteilt, in seinem Namen den herzlichsten, tiefgefühltesten Dank auszusprechen für die so überaus ehrende Aufnahme, die Sie seinem Werke bereitet haben.«

Aber das genügt nicht. »Namen nennen, Namen nennen!!« tönt es von allen Seiten, und der Sturm beginnt von neuem. Wieder erscheint der Intendant vor der Rampe, verlegen lächelnd, als wollte er sagen: ,.Unmöglich«, »ich darf nicht«, »ich kann nicht«. Erst, als er sieht, daß das begeisterte Auditorium wie im Fieber rast und die Bänke zu zerbrechen droht, entschließt er sich und gibt abermals das Zeichen, daß er reden will.

»Sie wollen es,« beginnt er endlich, »nun gut! Das entzückende Festspiel, das wir soeben mit vereinten Kräften aufgeführt haben, verdanken wir der liebenswürdigen Feder unseres hochgeschätzten Münchener Poeten, des Herrn Josef Ruederer.

(Juli 1901)

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