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Mozarts Briefe

Wolfgang Amadeus Mozart: Mozarts Briefe - Kapitel 92
Quellenangabe
typeletter
authorW. A. Mozart
titleMozarts Briefe
publisherInsel-Verlag
editorAlbert Leitzmann
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060123
projectidc699a5b9
noteStabi Signatur A 365275
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Wien, 19. Mai 1781.

Ich weiß auch nicht, was ich zuerst schreibe, mein liebster Vater, dann ich kann mich von meinem Erstaunen noch nicht erholen und werde es nie können, wenn Sie so zu denken und so zu schreiben fortfahren. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich aus keinem einzigen Zuge Ihres Briefes meinen Vater erkenne! Wohl einen Vater, aber nicht den besten, liebevollsten, den für seine eigene und für die Ehre seiner Kinder besorgten Vater, mit einem Wort, nicht meinen Vater. Doch das war alles nur ein Traum, Sie sind nun erwacht und haben gar keine Antwort von mir auf Ihre Punkte nötig, um mehr als überzeugt zu sein, daß ich nun mehr als jemals von meinem Entschluß gar nicht abstehen kann. Doch muß ich, weil meine Ehre und mein Charakter bei einigen Stellen am empfindlichsten angegriffen ist, etwelche Punkte beantworten. Sie können es niemalen gutheißen, daß ich in Wien quittiert habe? Ich glaube, wenn man schon Lust dazu hat (obwohlen ich es dermalen nicht hatte, dann sonst würde ich es das erste Mal getan haben), so würde es an dem Orte am vernünftigsten sein, wo man gut stehet und die schönsten Aussichten von der Welt hat. Daß Sie es im Gesichte des Erzbischofs nicht gutheißen können, ist möglich; aber mir können Sie es gar nicht anderst als gutheißen. Ich kann meine Ehre durch nichts anders retten, als daß ich von meinem Entschlusse abstehe? Wie können Sie doch so einen Widerspruch fassen? Sie dachten nicht, als Sie dieses schrieben, daß ich durch einen solchen Zurückschritt der niederträchtigste Kerl von der Welt würde. Ganz Wien weiß, daß ich vom Erzbischof weg bin, weiß warum, weiß, daß es wegen gekränkter Ehre und zwar zum dritten Mal gekränkter Ehre geschah, und ich sollte wieder öffentlich das Gegenteil beweisen?

soll mich zum Hundsfutt und den Erzbischof zu einem braven Fürsten machen? Das erste kann kein Mensch und ich am allerwenigsten, und das andere kann nur Gott, wenn er ihn erleuchten will.

Ich habe Ihnen also noch keine Liebe gezeigt? muß sie also itzt erst zeigen? können Sie das wohl sagen? Ich wollte Ihnen von meinem Vergnügen nichts aufopfern? Was habe ich denn für ein Vergnügen hier? Daß ich mit Mühe und Sorgen auf meinen Geldbeutel denke. Mir scheint, Sie glauben, ich schwimme in Vergnügen und Unterhaltungen. O, wie betrügen Sie sich nicht! Das heißt dermalen! Dermalen habe ich nur so viel, als ich brauche. Nun ist die Souscription auf sechs Sonaten im Gang, und da bekomme ich Geld. Mit der Opera ist es auch schon richtig, und im Advent gebe ich ein Konzert; dann geht es so immer besser fort, dann im Winter ist was ganz Gutes hier zu verdienen. Wenn das Vergnügen heißt, wenn man von einem Fürsten los ist, der einen nicht zahlt und zu Tod kujoniert, so ist es wahr, ich bin vergnügt. Dann sollte ich von früh morgens bis nachts nichts als denken und arbeiten, so würde ich es gerne tun, nur um so einem – ich mag ihn gar beim rechten Namen nicht nennen, nicht um Gnade zu leben. Ich bin dazu gezwungen worden, diesen Schritt zu tun, und da kann ich kein Haarbreit davon mehr abweichen – ohnmöglich! Alles was ich Ihnen sagen kann, ist dies, daß es mir (wegen Ihnen, nur wegen Ihnen, mein Vater) sehr leid tut, daß man mich so weit gebracht hat, und daß ich wünschte, daß der Erzbischof gescheiter gehandelt hätte, um daß ich Ihnen noch meine ganze Lebenszeit widmen könnte. Ihnen zu gefallen, mein bester Vater, wollte ich mein Glück, meine Gesundheit und mein Leben aufopfern, aber meine Ehre, die ist mir und die muß Ihnen über alles sein. Lassen Sie dieses dem Graf Arco lesen und ganz Salzburg. Nach dieser Beleidigung, nach dieser dreifachen Beleidigung dürfte mir der Erzbischof in eigener Person zwölfhundert Fl. antragen, und ich nehme sie nicht; ich bin kein Bursch, kein Bub, und wenn Sie nicht wären, so hätte ich nicht das dritte Mal erwartet, daß er mir hätte sagen können »Scher Er sich weiter«, ohne es für bekannt anzunehmen. Was sage ich: erwartet! ich, ich hätte es gesagt und nicht er! Mich wundert nur, daß der Erzbischof so unbesonnen, an einem Ort, wie Wien ist, so unbesonnen hat handeln können. Er soll also sehen, wie er sich betrogen hat. Fürst Breuner und Graf Arco brauchen den Erzbischof, aber ich nicht. Und wenn es auf das Äußerste kömmt, daß er alle Pflichten eines Fürsten, eines geistlichen Fürsten vergißt, so kommen Sie zu mir nach Wien; vierhundert Fl. haben Sie überall. Was glauben Sie, was er sich hier beim Kaiser, der ihn ohnehin haßt, für Schande machen würde, wenn er das täte! Meiner Schwester würde es hier auch besser anstehen als in Salzburg: es sind viele Herrschaftshäuser, wo man Bedenken trägt, eine Mannsperson zu nehmen, ein Frauenzimmer aber sehr gut bezahlen würde. Das kann alles noch geschehen ...

Liebster, bester Vater, begehren Sie von mir, was Sie wollen! nur das nicht, sonst alles! Nur der Gedanke macht mich schon für Wut zittern...

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