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Mozarts Briefe

Wolfgang Amadeus Mozart: Mozarts Briefe - Kapitel 143
Quellenangabe
typeletter
authorW. A. Mozart
titleMozarts Briefe
publisherInsel-Verlag
editorAlbert Leitzmann
year1924
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060123
projectidc699a5b9
noteStabi Signatur A 365275
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[Prag, 15. Januar 1787.]

Liebster Freund!

Endlich finde ich einen Augenblick, an Sie schreiben zu können; ich nahm mir vor, gleich bei meiner Ankunft vier Briefe nach Wien zu schreiben, aber umsonst! Nur einen einzigen (an meine Schwiegermutter) konnte ich zusammenbringen und diesen nur zur Hälfte, meine Frau und Hofer mußten ihn vollenden. Gleich bei unserer Ankunft (Donnerstag den 11. um zwölf Uhr zu Mittag) hatten wir über Hals und Kopf zu tun, um bis ein Uhr zur Tafel fertig zu werden. Nach Tisch regalierte uns der alte Herr Graf Thun mit einer Musik, welche von seinen eigenen Leuten aufgeführt wurde und gegen anderthalb Stunden dauerte. Diese wahre Unterhaltung kann ich täglich genießen. Um sechs Uhr fuhr ich mit dem Grafen Canal auf den sogenannten Breitfeldischen Ball, wo sich der Kern der Prager Schönheiten zu versammeln pflegt. Das wäre so etwas für Sie gewesen, mein Freund! Ich meine, ich sehe Sie all den schönen Mädchens und Weibern nach – – laufen, glauben Sie? nein, nachhinken! Ich tanzte nicht und löffelte nicht. Das erstere, weil ich zu müde war, und das letztere aus meiner angebornen Blöde. Ich sah aber mit ganzem Vergnügen zu, wie alle diese Leute auf die Musik meines Figaro, in lauter Contretänze und Teutsche verwandelt, so innig vergnügt herumsprangen; dann hier wird von nichts gesprochen als vom Figaro, nichts gespielt, geblasen, gesungen und gepfiffen als Figaro, keine Opera besucht als Figaro und ewig Figaro; gewiß große Ehre für mich! Nun wieder auf meine Tagordnung zu kommen. Da ich spät vom Ball nach Hause gekommen und ohnehin von der Reise müde und schläfrig war, so ist nichts natürlicher auf der Welt, als daß ich sehr lange werde geschlafen haben; und gerade so war es auch. Folglich war der ganze andere Morgen wieder sine linea. Nach Tisch darf die Hochgräfliche Musik nie vergessen werden, und da ich eben an diesem Tage ein ganz gutes Pianoforte in mein Zimmer bekommen habe, so können Sie sich leicht vorstellen, daß ich es den Abend nicht so unbenutzt und ungespielt werde gelassen haben; es gibt sich ja von selbst, daß wir ein kleines Quatuor in caritatis camera (und das schöne Bandel hammer a) unter uns werden gemacht haben, und auf diese Art der ganze Abend abermal sine linea wird vergangen sein; und gerade so war es. Nun zanken Sie sich meinetwegen mit Morpheus; dieser Laras ist uns beiden in Prag sehr günstig; was die Ursach davon sein mag, das weiß ich nicht; genug, wir verschliefen uns beide sehr artig. Doch waren wir imstande, schon um elf Uhr uns beim Pater Unger einzufinden und die kaiserlich-königliche Bibliothek und das allgemeine geistliche Seminarium in hohen niedern Augenschein zu nehmen. Nachdem wir uns die Augen fast aus dem Kopf geschauet hatten, glaubten wir in unserm Innersten eine kleine Magenaria zu hören; wir fanden also für gut, zum Graf Canal zur Tafel zu fahren. Der Abend überraschte uns geschwinder, als Sie vielleicht glauben; genug, es war Zeit zur Opera. Wir hörten also Le gare generose. Was die Aufführung dieser Opera betrifft, so kann ich nichts Entscheidendes sagen, weil ich viel geschwätzt habe; warum ich aber wider meine Gewohnheit geschwätzt habe, darin möchte es wohl liegen – basta! Dieser Abend war wieder al solito verschleudert. Heute endlich war ich so glücklich, einen Augenblick zu finden, um mich um das Wohlsein Ihrer lieben Eltern und des ganzen Jacquinschen Hauses erkundigen zu können. Ich hoffe und wünsche von Herzen, daß Sie sich alle so wohl befinden mögen, als wir beide uns befinden. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß (obwohlen ich hier alle mögliche Höflichkeiten und Ehren genieße und Prag in der Tat ein sehr schöner und angenehmer Ort ist) ich mich doch recht sehr wieder nach Wien sehne, und glauben Sie mir, der Hauptgegenstand davon ist gewiß Ihr Haus. Wenn ich bedenke, daß ich nach meiner Zurückkunft nur eine kurze Zeit noch das Vergnügen genießen kann, in Ihrer werten Gesellschaft zu sein, und dann auf so lange und vielleicht auf immer dieses Vergnügen werde entbehren müssen, dann fühle ich erst ganz die Freundschaft und Achtung, welche ich gegen Ihr ganzes Haus hege.

Und nun leben Sie wohl, liebster Freund! Nun Adieu! Künftigen Freitag, den 19., wird meine Akademie im Theater sein; ich werde vermutlich eine zweite geben müssen, das wird meinen Aufenthalt hier leider verlängern. Ich bitte Ihren würdigen Eltern meinen Respekt zu melden und Ihren Herrn Bruder für mich tausendmal zu embrassieren. Ihrer Fräulein Schwester küsse ich tausendmal die Hände mit der Bitte, auf ihrem neuen Pianoforte recht fleißig zu sein; doch diese Ermahnung ist unnütz, dann ich muß bekennen, daß ich noch nie eine Schülerin gehabt, welche so fleißig und so viel Eifer gezeigt hätte wie sie; und eben in der Tat, ich freue mich recht sehr wieder darauf, ihr nach meiner geringen Fähigkeit weiter Unterricht zu geben. Apropos, wenn sie morgen kommen will, ich bin um elf Uhr gewiß zu Hause.

Nun aber wäre es doch Zeit zu schließen? nicht wahr? Schon längst werden Sie sich das denken. Leben Sie wohl, mein Bester! Erhalten Sie mich in Ihrer werten Freundschaft! Schreiben Sie mir bald, aber bald, und sollten Sie vielleicht zu träge dazu sein, so lassen Sie den Salzmann kommen und diktieren Sie ihm den Brief an; doch es geht nie so vom Herzen, wenn man nicht selbst schreibt. Nun, ich will sehen, ob Sie so mein Freund sind, wie ich ganz der Ihrige bin und ewig sein werde ...

Mittwoch werde ich hier den Figaro sehen und hören, wenn ich nicht bis dahin taub und blind werde. Vielleicht werde ich es erst nach der Opera.

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