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Moschko von Parma

Karl Emil Franzos: Moschko von Parma - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMoschko von Parma
authorKarl Emil Franzos
firstpub1880
year1984
publisherRütten & Loening
addressBerlin
titleMoschko von Parma
pages5-182
created20080615
sendergerd.bouillon@t-online.de
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24 Drittes Kapitel

Am nächsten Morgen rasselte der schwere, leinwandgedeckte Korbwagen Simon des Kutschers (der Ahn des Mannes mußte jener kaiserlich-königlichen Militärkommission, welche zu Josefs II. Zeit den Juden Galiziens Familiennamen oktroyierte, wenig imponiert haben, denn sie hatte ihm den Namen Galgenstrick erteilt) vollgeladen zum Städtchen hinaus. Herr Simon Galgenstrick führte diesmal zwölf Passagiere. Ganz hinten auf dem Korbe, welcher das Heu enthielt, thronte der rotnasige Mentor mit seinem ungebärdigen Telemach. Im Wagen aber saßen zehn Weiber, die sämtlich zum Wunderrabbi nach Sadagóra fuhren. Sie hatten sehr verschiedene Anliegen an diesen gewaltigen Mann. Die eine fuhr hin, um Segen und Rat für ihr armes, krankes Kind zu erbitten, das inzwischen vielleicht in fremder Pflege starb; die zweite wollte durch das Gebet des Rabbi zu einem passenden Schwiegersohn für ihre Tochter kommen, welche bereits achtzehn Jahre alt und – eine ungeheure Schande, ein unsägliches Unglück in den Augen der Juden jener Landschaft! – noch immer ledig war; die dritte fuhr im Auftrage ihres Mannes, um nachzufragen, ob dieser einen Handel mit moldauischen Weinen beginnen sollte; die vierte hatte einen Erbschaftsprozeß beim Kreisgericht in Tarnopol und wollte sich den Ausgang segnen lassen; die fünfte lebte in kinderloser, darum unglücklicher Ehe, und das Gebet des Rabbi sollte ihren Schoß fruchtbar machen; der sechsten war der Sohn zum Militär abgestellt worden, und da dies ohne Wunder nicht mehr rückgängig zu machen war, so wollte sie den Rabbi um so ein kleines Wunder bitten; die siebente hatte ein harnäckiges Magenleiden und wollte es sich besprechen lassen, wogegen die achte sich reuig dem Rabbi zu Füßen werfen wollte, um durch seine Fürsprache von Gott die Vergebung für ein fürchterliches Verbrechen zu erhalten. Sie war nämlich in einer Nacht von Freitag auf Sabbat aus schreckhaftem Traume emporgefahren und hatte, in ihrer Verwirrung, des Sabbats vergessend, Licht gemacht – Licht am Sabbat! die Feder versagt bei dem Versuche, die Schwere dieses Verbrechens auch nur annähernd anzudeuten! Die neunte und zehnte Pilgerin verfolgten sehr 25 verschiedene Ziele: die eine die Scheidung von ihrem Gatten, die andere, daß der Rabbi durch seinen Machtspruch die geplante Scheidung verhüte.

Als der Wagen nur noch mäßig rasselnd im tiefen Kote der Heerstraße dahinschlich, begannen die Weiber, einander ihr Herz auszuschütten und ihre Reisezwecke darzulegen. An dieser Unterhaltung nahm unaufgefordert Herr Isaak Türkischgelb eifrigst teil und fand hiebei so reichlich Gelegenheit, sein mitfühlendes Herz und seine natürliche Beredsamkeit zur Geltung zu bringen, daß selbst der finstere Knabe lächeln mußte und dem munteren Simon Galgenstrick vollends die Tränen stromweise über die roten Backen liefen. Die Weiber freilich nahmen dieses Mitgefühl sehr übel und brachten endlich durch ihre vereinigten Leistungen auf dem Gebiete höherer Höflichkeit selbst den Marschallik zum Weichen. »Vor tausend Teufeln«, seufzte er resigniert, »würde ich mich nicht fürchten, aber vor zehn Weibern graut es mir!« Dann wandte er sich an den jungen Riesen.

»Moschele«, begann er vertraulich flüsternd, »jetzt solltest du mir wenigstens sagen, warum du ein Sellner werden willst.«

Aber der Knabe schwieg. Erst nach längerem Zureden begann er zögernd, fast stotternd: »Also gut – ich will – aber Ihr dürft mich nicht auslachen. Also – selbst ernähren muß ich mich jetzt, aber was soll ich werden? Ich bin so stark – und groß über mein Alter, soll ich ein Schneider werden? Oder ein Schuster? Da muß man immer sitzen und hat am Ende doch nichts zu essen! Oder ein Dorfgeher oder sonst ein Handelsmann? Ich hab ja kein Geld und hab auch keinen Verstand zum Handel. Auch ein Rabbi oder ein Lehrer kann ich nicht werden; alle Lehrer sagen, ich hab einen harten Kopf. Aber stark bin ich und arbeiten kann ich und prügeln kann ich – oh! Reb Itzig! Warum bin ich ein Jud?«

»Wie kommst du darauf?« fragte der Marschallik erstaunt.

»Ich weiß es selbst nicht«, erwiderte zögernd der arme Junge, »ich hab nur so gemeint. Wär ich ein Christ, so könnt ich bei einem Bauer als Knecht einstehn oder bei Wassilj dem Schmied als Geselle. Aber so, wer nimmt mich? Der Jud ist faul, werden alle sagen und mich fortjagen. Oder auch: du bist ein Jud, ihr 26 habt Gott gekreuzigt, ihr seid alle Hunde, geh zum Teufel! Aber bei den Sellners, wo sie starke Menschen brauchen, da nimmt man auch Juden. Der Jud hat dort dieselbe Montur wie der Christ. Also, darum will ich ein Sellner werden. Also, jetzt wißt Ihr's. Was sagt Ihr dazu?«

Aber der Marschallik sagte nichts; er war in tiefe Gedanken versunken. Wenn ich nicht wüßt, dachte er, daß des Schulklopfers Weib von jeher nicht bloß sehr brav war, sondern auch sehr häßlich, so könnt ich's mir noch erklären. Aber so! wie kommt das Jüngel auf solche Gedanken? Der Mensch weiß gar nicht, was für eine Merkwürdigkeit er ist. Ums Geld könnt er sich zeigen lassen! . . . Und jetzt seh ich erst deutlich, was für ein kluger Mensch ich bin. Hätt man's ihm ausreden können? Nein! Aber so rennt er sich selber den Kopf beim »Werbbezirk« ein, und ich krieg fünf Gulden und hab die Reise umsonst. Denn nach Zalesczyki hätt ich ohnehin müssen: ich soll ja für Josef Sauersteins Rosel einen Mann kriegen!

In der Kreisstadt kamen sie am späten Nachmittag an. Der mitfühlende Türkischgelb konnte nicht umhin, hier von den Frauen so innigen Abschied zu nehmen, daß sie ihm wohl eine Viertelstunde nachfluchten. Heute noch das »Werbbezirk« aufzusuchen, war es zu spät; so gingen denn die beiden in eine Herberge. Hier traf der Marschallik unvermutet auf einen seiner grimmigsten Feinde: echten, alten Moldauerwein. Aber er fürchtete sich nicht, sondern lieferte ihm ein vernichtendes Treffen; freilich unterlag er schließlich und schnarchte bis in den lichten Morgen, während sich der arme Junge schlaflos auf seinem Lager wälzte.

Am nächsten Morgen gingen sie zum »k. k. Ergänzungskommando«. Vor dem Tore lagen einige faule Schlingel in Kommißuniform und sonnten sich. »Schau, wie die arbeiten«, sagte Türkischgelb zu dem Knaben, der vor Erregung zitterte, »man bekommt ein wahres Mitleid, wenn man ihnen zuschaut! Wie sie sich anstrengen!« Dann nahm er von ihm Abschied. »Geh zum Hauptmann«, meinte er treuherzig, »und sag ihm deutlich, was du willst. Behält er dich, so bleib gesund und werd bald General, wenn nicht, so findest du mich bis zwei Uhr in der Herberge, und wir können zusammen heimfahren.«

27 Sie schieden, und als der Marschallik von der nächsten Straßenecke zurückblickte, sah er, wie Mosche schon mitten unter den Soldaten stand und wie diese ihn an seinen Wangenlöckchen zerrten und sonstige zarte Witze mit ihm trieben. Ich bin neugierig, dachte der schlaue Mann, wieviel Prügel er bekommt, bis er mit dem Hauptmann sprechen kann, und wie schnell er wieder die Stiege hinunterfliegt, wenn der Hauptmann erfährt, daß er erst dreizehn Jahre alt ist. Aber das tut nichts! die Barnower Prügel waren überflüssig, aber die hiesigen werden ihm gesund sein. Dann jedoch machte er sich rasch auf den Weg, um für Fräulein Rosel Sauerstein aus Barnow einen würdigen Lebensgefährten zu erkunden.

Ob er ihn gefunden, gehört nicht hierher, und es bleibt der Phantasie des Lesers unbenommen, sich Fräulein Rosel Sauerstein sogar noch gegenwärtig unverehelicht zu denken. Als Tatsache sei nur verzeichnet, daß der Marschallik bei seinen Bestrebungen wieder auf einen seiner Erbfeinde stieß, denn er kam gegen die zweite Nachmittagsstunde sehr schwankenden Schrittes zur Herberge. Aber jählings wurde er vor Schreck nüchtern, als er den Knaben dort nicht vorfand.

»Am Ende haben sie ihn doch behalten!« rief er und rannte schleunigst zum »Werbbezirk«. Aber die Soldaten, welche draußen noch immer im Sonnenschein umherlungerten, gaben ihm eine etwas orakelhafte Antwort. Sie begnügten sich nämlich, auch ihn bei den Wangenlöckchen zu zerren. Als aber der Marschallik zwei Kreuzer als Prämie für die geforderte Auskunft aussetzte, sagte endlich einer: »Der Herr Hauptmann hat das jüdische Hundsblut geohrfeigt, und darauf ist der Bursch da hinuntergerannt, zum Wasser.«

»Zum Wasser?« Dem Marschallik gerann das Blut zu Eis, und er rannte so schnell, als ihn nur immer die Beine tragen wollten, an den Dnestr und dann unter lautem Rufen den Fluß entlang. Da traf er wirklich den Vermißten. Mosche stand am Wasser und blickte in die Flut.

»Was tust du da?« schrie der Marschallik.

Der junge Riese fuhr zusammen und starrte ihn mit verstörten Augen an. Über diesen unheimlichen Blick erschrak der Marschallik noch mehr, umkrallte fest des Knaben Arm und drängte 28 ihn langsam der Stadt zu. Erst als sie wieder nächst der Herberge waren, fragte er ihn: »Narr, was hast du am Wasser gesucht?«

Moschele schüttelte den Kopf. Dann erwiderte er dumpf: »Ich hab überlegt, was besser ist: ins Wasser zu springen oder mit Euch nach Barnow zurückzufahren. Aber ich hab's nicht entscheiden können; es ist beides gleich bitter.«

Darauf wußte sogar Türkischgelb nichts zu erwidern und sorgte nur doppelt rasch, daß sie ein Fuhrwerk zur Heimfahrt bekamen. Erst als sie den Dnestr und das »Werbbezirk« weit hinter sich hatten und das kleine Fuhrwerk munter in die dämmernde Nacht hineinpolterte, kam dem Marschallik wieder der Humor. »Narr!« sagte er, »jetzt im April will er ein Bad nehmen! Und warum? Du hast noch gar nicht gesagt, warum?«

Aber dazu schien der Knabe auch jetzt wenig Lust zu haben. Der Marschallik drang lange in ihn, bis er erzählte: »Also, ich komm zum ›Werbbezirk‹ und frag die Sellners: ›Wo ist der Herr Hauptmann?‹ Fragen sie mich: ›Du jüdisches Hundsblut, wozu brauchst du das zu wissen?‹ Sag ich: ›Weil ich auch eintreten will!‹ Lachen sie und ziehen mich bei den Haaren und schreien: ›Der Kaiser braucht keine jüdischen Hunde!‹ Besonders war da einer, ein kleiner, gelber Kerl, ein Korporal, der war der ärgste. Dem geb ich einen Stoß und sage: ›Dich wird der Kaiser nicht fragen!‹ Darauf fangen sie alle an, mich zu prügeln. Da schaut der Herr Hauptmann zum Fenster hinaus und ruft: ›Warum schlagt ihr den Juden?‹ Da lassen sie von mir ab, und ich rufe hinauf: ›Weil ich eintreten will!‹ Da lacht der Hauptmann und sagt: ›Komm herauf!‹ Ich geh hinauf in die Kanzlei. ›Wie alt bist du?‹ fragt er. ›Im Vierzehnten.‹ – ›Das ist nicht wahr‹, sagt er, ›so schaut kein Knabe von vierzehn Jahren aus, du bist vielleicht achtzehn. Aber was willst du?‹ Da sag ich: ›Dreizehn Jahre bin ich vorige Woche geworden und eintreten möcht ich als Freiwilliger.‹ – ›Was?‹ sagt er, ›Kinder brauchen wir hier nicht, pack dich.‹ – ›Aber ich bin so stark‹, sag ich. ›Aber ein Jud bist du‹, schreit er. ›Es ist genug, wenn wir euch feiges Hundsblut bei der Rekrutierung nehmen müssen! Marsch!‹ Da sag ich: ›Wir sind kein Hundsblut, wir sind Menschen!‹«

29 »Das hast du gesagt?« unterbrach ihn der Marschallik ungläubig.

»Ja! und darauf hat er mich geohrfeigt und hinausgeworfen. Und da bin ich zum Wasser gelaufen, weil ich gesehen habe, daß auch hier keine Gleichheit ist. Nirgendwo will man einen Juden . . .«

Der Marschallik widersprach nicht; er schwieg und dachte nur immer: Warum ist dieser Bursche anders als wir andern Juden? Warum?

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