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Mord in der Mohrengasse

Ödön von Horváth: Mord in der Mohrengasse - Kapitel 4
Quellenangabe
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typedrama
authorÖdön von Horváth
titleMord in der Mohrengasse
publisherSuhrkamp Verlag
seriesÖdön von Horváth ? Gesammelte Werke
volumeBand 2 ? Schauspiele
editorDieter Hildebrand
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Akt

Das bürgerliche Wohnzimmer. Die Türe rechts ist geöffnet. Sturmnacht.

Ilse tritt durch die Haustüre ein und wendet sich auf der Schwelle Müller zu, der im erleuchteten Treppenhause steht.

Ilse leise: Daß du mich bis herauf begleitest war doch unnötig. Geh nun bitte.

Müller leise: Wann sehen wir uns wieder?

Ilse Ich dachte du wolltest mich nicht mehr sehen.

Müller Quatsch! Wenn du –

Ilse Schrei doch nicht so! Sie lauscht in die Wohnung; der Wind wimmert; dumpf. Einmal geht man aus.

Müller Ilse. Vergib, wenn ich grob und ungeduldig war. Aber deine Ansichten –

Ilse unterbricht ihn: Ich habe ja gar keine Ansichten.

Müller Du hast sogar vortreffliche, jedoch auch –

Ilse unterbricht ihn wieder: Jetzt schweig endlich! Und geh, geh –

Müller Nein.

Ilse Ich schließ die Türe. Müller stemmt sich dagegen. Ich schrei.

Müller ergreift ihr Handgelenk: Schrei.

Ilse Herbert laß mich, au! Tust weh! Bitte, ich – Müller tritt ein; schließt die Türe, Finsternis; umarmt sie. Nein! Nicht – Stille.

Atemlos. Jetzt geh. Bitte.

Müller Nur zwei Minuten. Alles schläft. Niemand kommt.

Ilse Das kann niemand wissen, du – Stille; unten schlägt der Wind eine Türe zu.

Müller Du. Heut Abend. Ich fühle so, wenn wir uns quälen: haben eine Seele –

Ilse Nimm die Hand fort, nicht – oh! Die Hausglocke ertönt. Die zwei fahren auseinander. Schreit unterdrückt auf. Jesus Maria!

Müller Vielleicht ein Telegramm.

Ilse Wir bekommen nie ein Telegramm. Still, geh – es ist wer im Zimmer!

In der Ecke links im Hintergrunde fällt ein Stuhl um; jemand röchelt; es läutet nochmals kräftiger. Müller öffnet rasch die Haustüre und prallt zurück. Draußen stehen der Kommissar und zwei Detektive. Paul tritt verschlafen in Hemd und Hose durch die linke Türe ein.

Kommissar zu Müller: Sie bleiben!

Müller Aber –

Kommissar drängt ihn zurück: Kein Aber! Licht! Paul dreht das Licht im Vorzimmer an. Die anderen erblicken ihn. Polizei. Wer ist Herr Paul Klamuschke?

Paul Ich.

Müller zu Paul: Hatte Fräulein Ilse nur nachhause begleitet.

Kommissar grinst; zu Müller: Sie heißen?

Müller Herbert Müller. Student.

Paul begreift nicht: Ja: aber was soll das?

Kommissar Wir suchen Ihren Bruder.

Paul Herr, ich habe keinen Bruder!

Kommissar Das sind doch nur Wörter!

Paul Es sind nicht nur Wörter! Doch bleiben wir sachlich.

Kommissar Gut! Wenzel Klamuschke steht im Verdachte einen Raubmord verbrochen zu haben. Sie hatten ihn bereits gefaßt, aber er entkam den beiden Agenten. Mathilde erscheint in der Türe links. Sie verstehen: unsere Pflicht ist nachforschen. Überall. Also auch hier.

Paul Bitte. Er dreht das Licht im Wohnzimmer an, in der Ecke links im Hintergrunde mit Hosenträgern an einem Hacken erhängt Wenzels Leichnam; am Boden ein umgeworfener Stuhl.

Mathilde gellend: Herrgott! Alle starr – Dann schneiden die beiden Detektive die Leiche ab und betten sie auf das Sofa.

Kommissar Da: Wenzel Klamuschke.

Ilse zu Müller: Das halt ich nicht aus! Er sah mich an, komm! Ein Polizist hünenhaft; erscheint in der Haustüre.

Kommissar Niemand verläßt die Wohnung!

Mathilde ist anderswo; tonlos: Er kommt wieder, er kommt wieder –

Paul Thilde!

Ein Detektiv hat die Leiche untersucht: Tot.

Kommissar Verständigen Sie 57 8 12. Rasch! Detektiv ab. Zu Paul. Sie wußten, daß er hier war.

Paul Nein.

Kommissar Wer öffnete dann? Paul zuckt die Achseln. Es riecht nach Mitwissen. Wir führen strenge Untersuchung. Der Tod des Täters kann keinen Beteiligten begnadigen.

Mathilde Daß immer so viele mitgestraft werden –

Kommissar Nur die Schuldigen! Paul grinst.

Müller Herr Kommissar, darf ich nun gehen? Hatte ja Fräulein Klamuschke nur nachhause begleitet.

Kommissar Nein. Muß erst sehen – Er denkt nach; notiert.

Mutter erscheint in der Türe links, erblickt Wenzel; nickt und starrt vor sich hin.

Paul zum Kommissar: Meine Mutter.

Stille.

Kommissar zur Mutter; leise: Sie ließen ihn ein.

Mutter als müsse sie sich besinnen: Ja: konnte nicht einschlafen. Hörte läuten. Immer läuten. Viele, viele Glocken: als wären Dämme durchbrochen oder Feuer – und er sagte die Nacht sei neblig und kalt und ob er am Sofa da schlafen dürfe.

Kommissar Wissen Sie etwas –

Mutter unterbricht ihn: Man kann alles wissen. Hat zwar Augen, Ohren, Kopf, Herz – kann aber alles wissen. Sie lächelt irr.

Mathilde Mutter, hast du den Verstand verloren?!

Mutter lacht: Aber Thilde! Sie erblickt wieder Wenzel, ernst, leise. Er rührt sich nicht, rührt sich gar nicht – sagt mir: ist er tot?!

Stille.

Sagt mirs doch. Bitte –

Kommissar Er hat sich selbst gerichtet.

Mutter langsam: Sich selbst – freilich: man kann tun was man will. Hat Arme, Beine, Kopf – kann tun was man will. Zum Kommissar. Sehen Sie das Sofa? Es lehnt noch an derselben Wand. Still! Treten Sie beiseite: die Nebel ballen sich im All. Bitte beiseite: er will ja auf mich zu. Es ist erst März, doch der Sturm schlägt die Türen zu und hier innen wirds wohlig und warm. Wird schon werden. Seine Brust wölbt sich mir entgegen, doch sehen Sie: die Fotografie: seine Mutter, dort im Rahmen! Hängt über uns und lächelt, daß man das Zahnfleisch sieht – Hilfe! Hilfe! Das Gesetz! – er will es Ilse oder Wenzel taufen. Hören Sie das Sofa knarren? Es kommt über mich: weicher als mein Bett! Sie wimmert.

Kommissar verbeugt sich vor Paul, will ab. Halt! Hören Sie Herr Polizei! Ich wußt es: alles. Versprechen Sie mir: lassen Sie ihn nie mehr los! Riegeln Sie fest zu! Er kann nämlich nicht anders. Ist verflucht –

Kommissar geht mit der Polizei, indem er Müller winkt, der sich ebenfalls entfernen will. Guten Tag, Herr Müller!

Müller stutzt; verbeugt sich verlegen; rasch ab. Stille.

Lächelt. Jetzt kommt der Prozeß.

Mathilde Mutter!

Mutter Bin nicht deine Mutter!

Paul zur Mutter: Beruhige dich.

Mutter Schweig! Hast nicht mitzureden! Wer mein Kind verleumdete soll das Maul halten! Es ist nicht wahr, daß er den Kanari damals verbrannte! Nicht wahr, Ilse, du weißt es?

Paul Fragst du die, deren Ring er stahl?

Mathilde Paul! Denk an mich!

Mutter schrill: Ilse wars! Ilse!

Ilse Lüge!

Mutter Dann war es Paul!

Paul Meinst vielleicht auch: ich morde?

Mutter Dir trau ichs zu!

Paul grinst: Ihm freilich nicht!

Mathilde Still, es liegt ja ein Toter im Zimmer –

Ilse Sie ist verrückt.

Mutter Wer: sie?! Beschimpft ihr mich wieder? Immer wieder! Hinaus aus meiner Wohnung! Hinaus mit euch, ihr Pack! Hinaus!

Stille.

Weinerlich. Gott, jetzt vergaß ichs wieder: hab ja keine Wohnung mehr. Alles wurd mir genommen – Kinder, meine Kinder, warum folgt ihr mir nie? Wenn der Vater nur noch lebte –

Paul Wär es anders gekommen.

Mutter schlägt plötzlich um: Ja: Du hättest kuschen müssen!

Paul Und du auch.

Mutter Lüg doch nicht immer! Was weißt denn schon du?

Paul Nur was ich sah.

Mutter Was du nicht sahst, darauf kommt es an. Weißt du denn wie er war, da du noch nicht warst? Weißt du, wir haben uns oft im Café getroffen. Man soll gar nicht darüber reden – du hättest ihn nicht wiedererkannt: er hat mich auf Händen getragen. Jaja, Vater war ein kräftiger Mann. Aber seit er damals so über Nacht alles verlor – da mußt ich ihn tragen. Hab schon viel getragen. Zuviel. Hab euch getragen, zuerst im Bauch, dann am Buckel – doch bevor ich zusammenbreche, werf ich euch ab! Hört ihr? Ab! Will keine Kinder, bin keine Mutter! Will frei sein! Werf euch ab! Ilse, nimm den Finger aus der Nase! Und – wenn er, dieser Klamuschke kommt, so sagt ihm, ich, das Fräulein, bin bereits im Unterholz und will in den windstillen Wald. Sie verbeugt sich. Empfehle mich, meine Herrschaften! Ihr Hunde! Brüllt, flennt, heult – ich höre nichts! Nichts! Glotzt doch nicht so dämlich! Ab durch die linke Türe.

Mathilde setzt sich. Ilse hält plötzlich auf die Haustüre zu.

Paul Wohin?

Ilse Fort.

Paul Zum Müller?

Ilse schweigt, lauert. Hast recht. Ilse ab. Stille.

Mathilde Es gibt keine Gerechtigkeit.

Paul Wie gerne du dich quälst.

Mathilde Ich weiß, daß du unempfindlich bist.

Paul Was heißt das?

Mathilde verwirrt: Gott, was hab ich nur wieder gesagt?! Paul! Es ist zu furchtbar, Alles! Wollte ja etwas anderes –

Paul unterbricht sie: Nein. Das wolltest du nicht.

Mathilde Schweig! Sonst seh ich es noch ein! Oh, was soll man denn nur tun?

Paul Auf den Arzt warten.

Mathilde weint: Himmel –

Paul Laß das! Der liebe Gott spielt Skat im himmlischen Bilderbuch und hört uns nicht, wenn es überhaupt so etwas gibt!

Mathilde Ich bin aus anderem Holz. Spürs, wenn man mich schlägt.

Paul Ich auch. Aber das Martyrium reizt mich nicht. Ich weiß: manchmal hassest du mich, genau wie sie, weil ich aus dem Unabänderlichen nie mein Gefühlskapital erhöhe. Doch ich leide weder wegen gleicher Eltern noch laß ich mich für fremde Taten bestrafen.

Mathilde Aber das ist ja gar nicht wahr!

Paul Es muß wahr sein! Sonst gehen wir unter.

Der Morgen graut. Mathilde setzt sich. Paul tritt ans Fenster.

Mathilde sieht nach dem Fenster, nach Paul; fröstelt: Ein neuer Tag. Mich friert.

Paul Mich auch.

Stille.

Mathilde Wir müssen uns anziehen.

Paul Oder ins Bett legen.

Stille.

Mathilde starrt auf Wenzel; dumpf vor sich hin: Er kommt wieder, er kommt wieder – Sie sieht sich scheu um und lauscht; springt dann plötzlich empor und eilt wimmernd auf Paul zu. Du, ich hab solch Angst: um das, das kommen wird – Paul schließt sie in seine Arme.

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