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Mord in der Mohrengasse

Ödön von Horváth: Mord in der Mohrengasse - Kapitel 3
Quellenangabe
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typedrama
authorÖdön von Horváth
titleMord in der Mohrengasse
publisherSuhrkamp Verlag
seriesÖdön von Horváth ? Gesammelte Werke
volumeBand 2 ? Schauspiele
editorDieter Hildebrand
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081113
projectid4ce21e8e
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Zweiter Akt

Mohrengasse. Von links nach rechts: Ein geschlossener Laden mit Schildaufschrift: Diamanten. Gold. Simon Kohn. Kauf. Verkauf. Eine schmale Hoteltüre, die in einen matt erleuchteten Korridor mündet. Vor dem ersten Stocke halbkreisförmig trübelektrische Buchstaben: Hotel. Eine Bar. Hinter der schmutzigen Fensterscheibe, auf der ein altes Plakat klebt, geigt ein Schatten. Man hört aber keine Musik. Es ist Nacht und still.

Drei Dirnen, zwei rechts, eine links vor dem Laden; horchen.

Erste Klopf nochmal.

Zweite klopft an den Laden.

Ein Verwachsener tritt aus der Bar und läßt die Türe offen; gedämpft Musik: Wie lange –

Erste unterbricht ihn: Pst! Schließ die Türe!

Verwachsener schließt sie und horcht. Stille.

Zweite Niemand. Er ist nicht zuhause.

Verwachsener Wie lange wollt ihr noch warten? Versetzt. Ich sags.

Zweite nähert sich den anderen: Das tat er noch nie. Der alte Schuft!

Dritte Vielleicht ist etwas geschehen.

Erste Was denn?

Dritte Man kann nie wissen.

Zweite Pah!

Stille.

Erste Ich weiß nur: hab kalte Füße und kann kaum mehr stehen. Und nun kommt so nichts mehr.

Verwachsener sieht auf die Uhr: Was Richtiges sicher nicht.

Zweite Still! Es kommt wer.

Verwachsener verschwindet in der Bar. Die Drei stellen sich bereit, verstellen die Gasse. Die Altmodische gekleidet nach der Mode vor fünfundzwanzig Jahren und dichtverschleiert; kommt von links und bleibt vor der Hoteltüre stehen. Die Drei beobachteten sie, sehen sich nun an – Eine seufzt boshaft – kichern und eilen in die Bar. Ein Polizist erscheint rechts und sieht sich um. Die Altmodische klebt regungslos an der Wand.

Polizist erblickt sie; hält langsam auf sie zu; leise: Ihre Papiere. Seit wann sind Sie hier?

Altmodische kramt geziert umständlich ihren Ausweis hervor; gefällig: Seit heute, mein Herr.

Polizist gutmütig: Sie sollen sich aber nicht so auffallend anziehen. Das ist verboten.

Altmodische Auffallend?! Ein einfaches Straßenkleid!

Polizist lächelt: Aus Urgroßmutters Zeiten.

Altmodische Ich habe kein anderes.

Polizist Das gibt es doch gar nicht! Er blickt in ihre Papiere. Der Schein. Stimmt. Er blättert; mechanisch. Gestern entlassen? Aus welcher Strafanstalt?

Altmodische Sankt Lazarus.

Polizist horcht auf; liest. Altmodische wird unruhig. Wenzel von rechts; will nach links; erblickt den Polizisten, zögert und bleibt vor dem alten Plakate am Barfenster stehen, als würd er lesen.

Polizist spricht nun noch leiser: Also: zweiundzwanzig Jahre waren Sie dort. Und: weshalb?

Altmodische Das muß ich nicht sagen. Bin begnadigt.

Polizist Das tut nichts zur Sache! Ich muß wissen wen ich im Revier habe.

Altmodische tonlos: Aufforderung zum Mord.

Polizist Den Schleier. Lüften. Altmodische hebt ihn, ein maskenhaft leeres Antlitz umrahmen grauweiße Haare. Weicht etwas zurück; vergleicht rasch. Es ist schon gut. Und: die Vorschrift kennen Sie ja. Er geht an Wenzel vorbei nach rechts ab. Wenzel ohne Blick für die Altmodische langsam nach links ab. Altmodische allein; lehnt den Kopf an die Wand und wimmert; verstummt und horcht; rafft sich verschleiert empor. Ein Eisenbahner von linksher mit seinem Weibe.

Weib leise: Ich weiß du liebst mich nicht mehr.

Eisenbahner blickt nach der Altmodischen: Quatsch doch nicht immer solch Zeug!

Weib dumpf: Es ist schon so. Wirst schon sehen –

Eisenbahner lächelt: Willst mich vergiften? Dummes Ding – Wart, hol nur Zigaretten. Ab in die Bar.

Weib sieht sich scheu um. Altmodische glotzt sie an. Wenzel kommt langsam wieder von linksher. Weib rasch an die Bartüre; will hinein, doch –

Eisenbahner tritt soeben heraus; Zigarette im Mundwinkel. Was hast du denn schon wieder?

Weib Angst. Komm – Laß mich nur nicht allein.

Eisenbahner Ja, wer das könnte.

Weib Will auch nichts mehr sagen.

Eisenbahner gähnt: Bin auch müde. Der ewige Dienst – Ab mit ihr nach rechts. Wenzel steht nun wieder vor dem Plakate.

Altmodische nähert sich ihm: Pst! Hören Sie –

Wenzel unterbricht sie: Nein.

Stille.

Altmodische Wollen Sie kein liebes Frauchen?

Wenzel schweigt. Neben ihm; liest laut das Plakat. Wohltätigkeitsfest. Unter dem Protektorate Ihrer Hoheit. Tombola und Tanzturnier. Bazar. Montag am zweiten – Das war doch schon.

Wenzel Ja.

Altmodische Und trotzdem lernen Sies auswendig?

Wenzel Ja.

Altmodische Nein. Sie schauen in den Spiegel. Das soll man nie in der Finsternis: man wird verrückt oder sieht den Satanas neben sich.

Wenzel Ich sehe Sie.

Altmodische Und ich Sie. Wir gehören zusammen.

Wenzel Jawohl.

Altmodische Also: wollen wir nichts unternehmen?

Wenzel Ich hab kein Geld.

Altmodische Ich noch weniger. Das Leben ist zu teuer für die kleinen Frauen.

Wenzel wendet sich ihr zu: Hören Sie: Sie werden sich doch etwas erspart haben: in zweiundzwanzig Jahren.

Altmodische prallt zurück: Woher wissen Sie das?

Wenzel Zufällig. Zuvor. Verzeihen Sie mir, daß ich es hörte.

Altmodische Nichts wissen Sie!

Wenzel Wieso?

Altmodische Du kannst umsonst! Wann du willst – nur wissen Sie nichts! Wissen Sie nichts!

Wenzel lacht irr. Ein Sechzehnjähriger blaß hochaufgeschossen; erscheint links und bleibt unschlüssig stehen.

Wenzel zum Sechzehnjährigen: Nach Ihnen! Umsonst –

Altmodische Bist verrückt?!

Wenzel Herr! kauen Sie nicht an den Fingernägeln! Spucken Sie aus und treten Sie näher! Es kostet nur das Zimmer!

Altmodische zischt: Ich bete für dich.

Wenzel Nur Wohltätigkeit! Unter meinem Protektorate!

Altmodische zum Sechzehnjährigen: Komm! So komm! Es ist doch umsonst! Ab ins Hotel. Sechzehnjähriger folgt ihr verschüchtert.

Wenzel Fahrwohl! Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar. Sentimental und mit Pickeln im Gesicht. Gute alte Zeit! Der Tisch, der Tisch – ich werde verrückt, verrückt! Er preßt die Stirne an das Barfenster. Siehst du den Satanas? Nur dich selbst! Kein Teufel, da kein lieber Gott! Nur zwei Augen, Nase, Mund, eine Stirne, niemals zwei, ein Hut um sechsfünfzig und die Gnade nur selten von der Wahrheit besucht zu werden. Das ist alles. Oder nichts. Bist erkannt du Dreck! Erkannt! – Doch ich will nicht mit Trauerfahnen jubilieren.

Ein Hotelfenster wird hell. Sieht empor. Hm. Jetzt betritt er das Zimmer. Kostet zwei Mark. Teuer. Und billig. Jetzt zieht sie den Vorhang vor – bald leckt das Mysterium hündisch vier Sohlen. Und unerschöpflich strömt die Latrine der Ewigkeit über die Planetensysteme. Wir sind der Dung. Wie seelisch unser Tun blüht! Er lächelt irr; starrt dann vor sich hin. Alles ist hohl und leer. Die Häuser riechen nach Leichen und Sauerkraut. Man sollte sich selber erbrechen können. – Alles ist tot.

Stille; dann geht er langsam an den Laden und liest. Diamanten. Gold. Kauf. Verkauf. Simon Kohn – Kennt ihr Simon Kohn? Der tat nur kaufen und verkaufen: Splitter und Staub aus Afrika. Und tat es unters Kopfkissen und überall glitzerte das Falsche. Die Imitation – Er spricht unterdrückt in den Laden hinein. Herr Kohn. Lassen Sie mit sich reden. Ruhig reden. Ich irrte. Reden, Herr Kohn! Wollte ja alles anders, immer alles anders! Wollte doch nur einbrechen, den Schmuck stehlen, ich schwöre: wollte nur stehlen! Hören Sie mich? Stehen Sie doch wieder auf, liegen ja unterm Pult! Setzen Sie sich wieder! Und nehmen Sie Stock und Hut! Stehen Sie auf, auf – Er trommelt an den Laden.

Simon Kohn mit Hut und Rohrstöckchen; erscheint links und tippt mit dem Stöckchen auf Wenzels Schulter. Fährt um. Herr Kohn!

Kohn Leise, junger Mann, leise. Wir vertragen den Lärm nicht. – Sie haben sich geirrt? Haben die Imitation mitgenommen?

Wenzel reicht ihm ein Schmuckkassettchen: Hier –

Kohn unbeweglich: Sie wollen mir den Schmuck zurückbringen?

Wenzel Nehmen Sie! Nehmen Sie!

Kohn Die Imitation? Sie schlugen um den echten zu und wollen es mit dem falschen wieder ungeschehen machen? Hihihi.

Wenzel Sie sind ja wieder –

Kohn unterbricht ihn: Immer! Und überall! Hier, im Bett, am Tisch – aber auch: unterm Pult! Ich schlürfe durch die Lüfte, obs windstill ist oder braust, und bade mitten im Meere. Und bin dabei doch unterm Pult!

Wenzel Herr Kohn: verflucht sei das Weibsbild.

Kohn unterbricht ihn: Das interessiert mich nicht!

Wenzel Aber mich! Denn sie war es, die mich tun ließ, was sie nie getan hätte. Nie tun wollte: wie ich! Und doppelt büß ich, da ich weder bereuen kann, weil ich nichts zu bereuen habe, noch Opfer bin, da Jene für die ich mich opfere selbst geopfert werden. Sie liebt mich nämlich.

Kohn lächelt: Was Sie nicht sagen.

Wenzel Es ist nur die Reihenfolge. Sehe so klar, daß mir die Sprache schwindet – Lachen Sie nur, lachen Sie! Wenn man nur lieben könnte! Irgendetwas. Fratzen! Masken! Orchester ohne Ton! Unecht wie Ihr Schmuck!

Kohn toternst: Nur, daß Simon Kohn unterm Pulte liegt bleibt echt. Sehen Sie: wies klafft? Echt. Er lüftet den Hut.

Wenzel starrt ihn an: Schlagen Sie zu Simon Kohn.

Kohn hebt langsam das Stöckchen: Echt! Echt! – Haben Sie Angst? Hihihi! Er läßt das Stöckchen sinken und sticht schäkernd nach ihm. Angst hat er! Angst! Um den Trug! um das Hohle! um den Dung! um die Nase! die Augen – Hihihi! die Kreatur! Soll ich die Polizei holen? Hihihi – Reihenfolge, junger Mann! Mein Kamel ist bereits durchs Nadelöhr – Hihihi! die Kreatur! Er verschwindet.

Zwei Polizisten erscheinen rechts; wechseln unhörbar Worte; halten auf Wenzel zu.

Erster Können Sie sich ausweisen?

Im Hotelzimmer erlischt das Licht. Die Zwei sehen empor.

Wenzel Ich stehe nur so hier. Nur so.

Erster Was taten Sie hier am Laden: zuvor?

Wenzel Nichts.

Zweiter Aber wir haben beobachtet – Er stockt, da eben der Sechzehnjährige aus dem Hotel tritt; rasch ab nach rechts. Altmodische aus dem Hotel; erblickt die Polizisten; erschrickt; will zurück.

Erster Halt! Sie bleiben!

Zweiter Sie haben Jugendliche angelockt!

Wenzel ab nach links.

Altmodische in größter Angst: Ich habe niemanden angelockt!

Zweiter lacht.

Erster Schreien Sie nicht! Kommen Sie! Gehen wir!

Altmodische Nein!!

Erster ergreift ihren Arm: Nein? Was erlauben Sie sich?!

Altmodische schreit: Ihr sollt mich nicht wieder! Laßt mich doch, laßt –

Alle Gäste treten auf den Lärm hin aus der Bar.

Zweiter Halten Sie Ihr Maul!

Altmodische Zweiundzwanzig Jahre! Ihr habt mich schon einmal begraben! Zweiundzwanzig, zweiundzwanzig! Sie schlägt um sich, verliert Hut und Schleier.

Alle weichen etwas zurück.

Zweiter Das ist Widerstand!

Altmodische Begrabt mich! Verscharrt mich!

Zweiter führt sie nach rechts ab.

Einige folgen den beiden.

Erste Dirne Immer das gleiche: Kleine hängen, Große –

Polizist unterbricht sie: Das verbiet ich mir! Wir tun unsere Pflicht!

Alle murmeln.

Dritte Dirne Dann schauen Sie mal nach: da drüben: beim Kohn.

Stille.

Polizist Was wollen Sie damit sagen?

Verwachsener zur Dritten; gereizt: Was weißt denn du?

Dritte Nichts! Aber er hat uns noch nie versetzt. Klopft man gibt er keine Antwort. Und er ist doch immer zuhause.

Polizist tritt an den Laden.

Ein leiser Wind hebt an.

Verwachsener Das kommt über uns.

Polizist klopft an den Laden.

Alle horchen.

Stille.

Polizist zur Dritten; leise: Wo ist denn der Eingang?

Dritte Hinten: um die Ecke.

Polizist ab.

Verwachsener Aas! Mußt quatschen!

Dritte Es ist doch etwas geschehen!

Verwachsener Eben deshalb! Eine Türe wird eingedrückt. Alle lauschen. Zur Dritten. Komm!

Polizist kommt wieder; bleich, ernst; zur Dritten: Halt! Was wissen Sie über den Fall?

Dritte Über welchen Fall?

Polizist Sie sagten doch – Er pfeift Alarm. Alle ziehen sich etwas zurück. Dritte will sich unauffällig entfernen. Sie bleiben!

Verwachsener zur Dritten: Hörst es?

Polizist zum Verwachsenen: Und Sie auch. Er pfeift nochmals.

Dritte Was ist denn geschehen?!

Polizist Mord.

Polizisten darunter ein Kommissar eilen herbei. Polizist berichtet unhörbar dem Kommissar. Verwachsener horcht.

Kommissar zum Polizisten indem er die Dritte und den Verwachsenen fixiert: Also: das Schloß war beschädigt? Und ausgekannt muß er sich haben – Sie warten hier! Er begibt sich mit einem Polizisten um die Ecke in den Laden.

Zweite Dirne zum Polizisten: Herr, jetzt fällt mir ein: sah hier einen herumlungern –

Polizist Richtig! Er sieht sich forschend um. Nicht mehr da.

Im Laden wird das Licht angezündet. Alle treten hin und spähen durch Ritzen hinein, murmeln; verstummen. Totenstille.

Simon Kohn kommt langsam von links; unterdrückt zum Polizisten: Sehen Sie nicht hin! Er sieht her. Dort drüben: unterm Haustor. Dort steht einer –

Polizist schielt vorsichtig nach links: Aha. Er winkt unauffällig einem Polizisten und eilt mit ihm plötzlich nach links ab. Man hört »Halt!« rufen. Alle starren nach der Richtung. Man hört Laufen und Rufen; dann wie einer stolpert, zur Erde sinkt und festgehalten wird. – Das Licht im Laden erlischt.

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