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Moralische Novellen. Achte Sammlung

Paul Heyse: Moralische Novellen. Achte Sammlung - Kapitel 7
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleMoralische Novellen. Achte Sammlung
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1899
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180313
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Der Thurm von Nonza

Eine corsische Geschichte
von
J. D. Guerrazzi.

 

Ich kam nach Canari, dem ansehnlichsten Städtchen im ganzen Gebiet von Capocorso. Es breitet sich vor dem westlichen Meere wie ein Fächer aus und empfängt alle Abschiedsgrüße, die die scheidende Sonne täglich der Erde zusendet. Dann ergießt sich über die Gegend eine solche Trauer und geheimnißvolle Stille, daß man sie wohl die Stätte der Abschiede ( la terra degli addii) nennen möchte. Nie werde ich's vergessen: von Canari aus habe ich den prachtvollsten Sonnenuntergang gesehen, der jemals in meinem ganzen Leben mir die Seele bewegt hat.

Kaum war ich angekommen, Abends, kurz vor Avemaria, so sammelte sich um mich ein Häuflein neugieriger Leute, und da ich darunter einen jungen Mann von anständigem Aussehen bemerkte, fragte ich ihn, ob er mich wohl auf einem Gang durch das Städtchen begleiten wolle.

Plaît-il, Monsieur? erwiederte er.

Wie? sagte ich, seid Ihr ein Franzose?

Non Monsieur; je suis Corse.

Und warum sprecht Ihr dann nicht Italienisch? Schämt Ihr Euch vielleicht, Euch der Sprache zu bedienen, die Eure Väter gesprochen haben?

Nein, erwiederte der junge Mensch, ich bin un buono anfane ( enfant) und möchte um nichts in der Welt Euer Gnaden désagréable sein; aber da ich der Sohn des Lehrers bin, muß ich vor Allem die Arrêts des Ministers des öffentlichen Unterrichts befolgen, die dahin lauten, daß jeder corsische Beamte französisch sprechen soll. Darum, so sehr ich regrettire, mein Italienisch vergessen zu haben, il faut avec votre permission que je vous parle français.

Ein Schauder wie vom kalten Fieber schüttelte mich, denn es war mir einen Augenblick, als sähe und hörte ich leibhaftig vor mir das Scheusal, das Dante im 24sten Gesang der Hölle beschrieben hat, wo die beiden Verdammten, Cianfa und Agnello in Eine Gestalt verschmolzen sind,

. . . . . . . . . . . due figure miste
In una faccia ov'eran duo perduti.

Seltsam ist es doch, daß, wo die Franzosen sich einmischen, sie immer nur einreißen und nichts aufbauen. So verschwindet unter ihrem Regiment das alte Corsica, ohne doch französisch zu werden, und die Sprache erscheint bei einigen so häßlich, widrig und geschändet, daß man sie nicht mit der Feuerzange anrühren möchte.

Geht Eurer Wege, sagte ich unwirsch zu dem jungen Menschen und begleitete meine Worte mit einer nachdrücklichen Geberde. Der Bursch sah mich mit einem schiefen Blick an – denn die Corsen sind bekanntlich von reizbarem Temperament – und entfernte sich, etwas zwischen den Zähnen murmelnd. Inzwischen hatten sich meine Augen auf einen alten Mann geheftet, und ich fragte mit dem freundlichsten Ton:

Nun, Vater, wie alt seid Ihr?

Ich? Vierundneunzig.

Vierundneunzig?

Ja wohl; seit dem letzten März.

Und Eure Beine thun noch immer ihre Schuldigkeit?

Ihr spaßt wohl, Herr. 's ist mir wie Nichts, Morgens nach Bastia zu gehen und Abends wiederzukommen und mich in meinem Hause schlafen zu legen. Nur die Augen lassen mich seit einiger Zeit im Stich, darum geh' ich schon drei Jahre lang nimmer auf die Jagd. Und nun ist mir noch obenein mein Pasquale gestorben, und darum, wie ich ihm die große Grube gegraben habe, habe ich gleich im Voraus meine Flinte zu ihm hineingelegt, bis es mit meinen Jahren auch zu Ende geht und ich zu ihm komme, daß wir uns nie mehr trennen.

Ihr also seid keiner von Denen, die ihre Muttersprache verleugnen? Euch hat man das Französische nicht aufgezwungen, wie die Kette dem Sklaven?

Ich? Ich habe immer gegen die Franzosen gekämpft, zu Wasser und zu Lande, und habe sie immer besiegt.

Ah! sagte ich, da mir der Verdacht kam, ich hätte es am Ende mit einem Schwachsinnigen zu thun; aber gleich setzte er unbefangen und ruhig hinzu:

Als Seesoldat auf einem englischen Schiff habe ich bei Saint Jean d'Acre unter Lord Seymour gefochten; dann bei Trafalgar, wo der Admiral Nelson geblieben ist; jetzt lebe ich von der Pension, die mir die englische Regierung auszahlt; 's ist freilich nicht so viel, um große Sprünge zu machen, aber da ich nur wenig Bedürfnisse habe, so komm' ich damit aus.

Wir hatten uns unterdessen dem Hafen genähert und kamen an eine Stelle, wo, ganz frei von allen Seiten, eine Kirche steht, deren Anblick mich, wie Alles, was an unsere vaterländische Geschichte erinnert, eigenthümlich bewegte.

Wem gehört diese Kirche? fragte ich. Wer hat sie erbaut?

Ich weiß es nicht; ich glaube, sie gehört Keinem. Weder Messe noch Amt wird jemals drin gehalten; der Pfarrer versichert, die Sarazenen hätten sie gebaut. Ich glaube es nicht, aber da ich es nicht gewiß weiß, schweige ich.

Ihr habt sehr Recht, zu zweifeln, sagte ich. Denn nachdem ich das Mauerwerk untersucht, länglich viereckige Steine, an den Ecken sorgfältig aneinandergefügt, die engen, schlanken, schießschartenähnlichen Fenster mit spitzbogigem Abschluß, das phantastische Figurenwerk am Gesims rings um die Mauer unter der Dachrinne, konnte ich dreist behaupten: die Kirche ist sicher ein Bau der Pisaner.

Und während ich noch immer die Wände betrachtete, fiel mir eine Inschrift in die Augen, die in gothischen Buchstaben in die Steine gehauen war und besagte, diese Kirche habe Jacopo da Mare, Herr von Canari, erbauen lassen – eine vorzeiten sehr mächtige Familie, welche diese und andere Landstriche Capocorso's von der Republik Pisa zu Lehen hatte. Mehr konnte man nicht lesen, da der Stein zum Theil noch von der Tünche des Anstreichers bedeckt war.

Als der Alte dies Alles gehört hatte, schüttelte er den Kopf, wie in großer Betrübniß, und sagte seufzend:

Ach Gott! ich kann keinen Schritt thun, ohne daß mir Zeugnisse für die Unwissenheit und den Undank unsrer heutigen Priester begegnen. Ja wenn Ihr noch den Priester Settembrino hier gefunden hättet, das war ein Andrer! Von dem hättet Ihr erfahren können, wo der Teufel seinen Schwanz hat, denn er war beschlagen in allem Geistlichen und las Euch fließend in allen Büchern, wie in seinem Brevier; und wußte Bescheid über jedes Wo und Wann, mochte man ihn auch nach Neuigkeiten aus China fragen. Dahin hätte es der Priester Settembrino nicht kommen lassen, daß ein Fremder das Andenken an den Wohlthäter Jacopo da Mare halb unter dem Kalk vergraben finden mußte.

Kein Fremder, wenn auch ein Gast, sagte ich und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter; hier giebt es keine andern Fremden, als die euch regieren.

Dann ging ich weiter, da mich die Neugier nach einem alten, sehr großen Palast hinzog, der in den sinkenden Schatten des Abends riesenhaft und fast drohend dastand. Er erhob sich in einiger Entfernung von der Stadt, ganz einsam, an den Felsen gelehnt.

Dies ist der berühmte Palast, sagte der Alte, in welchem der Priester Settembrino Jesus Christus gefangen hielt.

Diesmal glaubte ich in allem Ernst, der gute Alte habe einen Sparren im Kopf. Er aber, immer in der gleichen ruhigen Art, fuhr fort:

Was ich Euch da sage, darf Euch nicht Wunder nehmen, oder wenn es Euch jetzt noch befremdet, seid nur ruhig, ich werde Euch Alles erklären, während Ihr zu Nacht esset.

Dies schien mir denn auch das Rathsamste, und so ging ich, von dem Alten begleitet, in das Haus meiner Wirthin, der Frau Marianna, einer Dame von dem vortrefflichsten Charakter, an deren sorgsame Pflege ich mein Lebtag mit dankbarer Rührung zurückdenken werde.

Ich setzte mich zu Tische und lud den Alten ein, an der Mahlzeit Theil zu nehmen, was er aus zwei Gründen ablehnte, die ich zu billigen nicht umhin konnte: erstens, weil auf der Mäßigkeit die Gesundheit eines alten Menschen beruhe, und zweitens, weil er nicht zugleich sprechen und essen könne; er feuchtete nur, wie er sagte, das Wort an, indem er ein halbes Glas von einem gewissen köstlichen Wein trank, den sie raspo nennen. So gut wurde es ihm nicht oft; denn auch hier, wie an andern Orten, war die Traubenkrankheit erschienen, um das Bündel Elend, das die Menschen zu schleppen haben, noch schwerer zu machen. Nachdem er getrunken, wischte er sich den Mund mit Adams Tafeltuch, will sagen, dem Rücken seiner Hand, wandte sich zu mir und fing an zu erzählen, in fast ganz reinem Toscanisch:

Warum man dem Priester Agostino von Silvareccio den Namen Settembrino gegeben, weiß ich Euch nicht zu sagen. Von Gestalt war er schmächtig und um die Hüften dünner als ein Jüngferchen von sechzehn Jahren, aber bei alledem fest wie aus Stahl und Eisen. Seine meergrünen Augen leuchteten und blitzten ihm wie Katzenaugen; und auch darin glich er einer Katze, daß er schwarz und weiß gesprengte Haare hatte und ganz fabelhafte Sprünge machen konnte. Seine olivenfarbene Haut war sonneverbrannt, die Augenbrauen gesträubt, ärger als die Borsten eines Ebers. Er schlief wenig, aß noch weniger und sprach selten. Von der Nase bis zum Kinn schien bei ihm Alles aus Einem Stück, denn er pflegte die Lippen in den Mund zurückzuziehen und diesen fest wie einen Schraubstock geschlossen zu halten. Seht Euch diese Nuß so in der Quere an (und er nahm eine Nuß vom Teller und hielt sie mir vor die Augen), betrachtet die Farbe, die Runzeln, den Schluß der beiden Schalen: ganz so sah das Gesicht des Priesters Settembrino aus, von der Nase abwärts.

General Paoli, als er hieher kam, um Capocorso zu recognosciren, begriff leicht, wie wichtig es für den glücklichen Ausgang des Krieges sein mußte, diese Gegend in der Hand zu behalten. Zu dem Ende befahl er, auf dem vorspringenden Felsen droben den Thurm von Nonza zu bauen, und da Appiano Settecervelli, ein sehr geschickter Ingenieur, den Kopf dazu schüttelte und mit einem spöttischen Lächeln murmelte: Wir sind keine Heiligen, daß wir Wunder thun könnten! antwortete der General mit einer furchtbaren Stimme: Die Freiheit thut mehr Wunder, als der heilige Antonius.

Ihr werdet den Thurm sehen. Jetzt ist er verfallen; trotzdem wird er Euch noch zeigen, welch ein großes Wort der General ausgesprochen, wenn man bedenkt, wie die Corsen von jeher den bittersten Mangel litten an Allem, was zur Kriegführung nothwendig war. Der Felsen, auf dem man den Thurm von Nonza erbaut hat, hängt wie eine Trauerweide in ungeheurer Höhe über dem Meer und ist auf der Höhe des Bogens so dünn, daß das Unwetter ihn ganz durchlöchern konnte. Wenn Ihr Lust habt, Euch an den Rand zu stellen, werdet Ihr unten den Abgrund in schwarzen Wirbeln brausen und schneeweißen Schaum in die Höhe spritzen sehen und Euch mit Schaudern wieder zurückziehen. Von da oben kann man den Fuß des Felsens nicht sehen; denn vielfach zerklüftet und ausgehöhlt von der beständigen Brandung tritt er weit ins Innere des Berges zurück. An der Südseite, die weniger abschüssig ist, führt ein steiler Fußweg hinauf. An der Westseite oben werdet Ihr glauben, man könne ohne Flügel nicht hinauf; und doch gelingt es, und die Kühnsten wagen es sogar zu Pferde und erklettern so eine schreckliche Menge Stufen, die in beständiger Windung aufsteigen bis zum Gipfel der ungeheuren Masse, theils hart am jähen Abhang nach dem Meere zu, theils um den Felsen herumlaufend. Etwas über der Mitte der Felsentreppe findet Ihr dann die Quelle, wo die Frauen des Städtchens Wasser holen.

Als nun der Thurm oben fertig war und völlig zur Vertheidigung ausgerüstet, rief der General Paoli Herrn Giacomo Casella zu sich, einen alten Capitän, der im Krieg gegen die Genuesen sich wie ein zweiter Orlando gehalten und dabei das rechte Bein verloren hatte und am ganzen Leibe schlimmer als ein Sieb durchlöchert worden war. Zu dem sagte er:

Vetter Giacomo, was hältst du von diesem Thurm?

Er scheint mir ein schönes, festes Bollwerk zu sein.

Bedenke, daß er der Schlüssel zu dem ganzen Capocorso ist. Ohne Zweifel wird der Feind alle Macht aufbieten, den Thurm zu erobern. Ich überlege nur, wem ich ihn anvertrauen soll. Vetter Giacomo – grad heraus und kurz und gut – würdest du dir getrauen, ihn zu vertheidigen, wie er es verdient?

Hm! Man muß unterscheiden, General. Wenn Ihr mich als Vetter fragt, so antworte ich: Pasquale, meine Kraft ist durch die langen Strapazen gebrochen, ich bin ein alter Mann, ein Krüppel; hier braucht es Jüngere; gebt den Thurm einem Jungen. Wenn Ihr aber als General mit mir redet, so sag' ich: Excellenz, der Soldat hat zu hören und zu gehorchen.

Giacomo, ich spreche als Verwandter und General. Merk auf, was ich sage. Wenn an diesen Felsenküsten die feindliche Kanone donnert, glaubst du, daß dein gesundes Bein dann feststehen und den Stelzfuß nicht mit sich fortreißen wird? Was Teufel sprichst du von Müdigkeit? Sind wir etwa in die Welt gesetzt, um uns auszuruhen? Wir werden Muße genug haben, zu schlafen, wenn wir unter der Erde liegen.

Beim wahrhaftigen Gott, Ihr habt Recht, General!

Also es ist abgemacht? Du wirst den Thurm vertheidigen?

Abgemacht!

Gieb mir die Hand!

Da habt Ihr sie allebeide!

Nachdem auf diese Weise für die Vertheidigung des Thurmes von Nonza gesorgt war, befahl Paoli, daß im ganzen Distrikt Schützenkorps gebildet wurden, oder wie man heute sagt, Bersaglieri, die, wo es Noth thäte, das Land durchstreifen und dem angegriffenen Theil Hülfe bringen sollten. Auch hatte man ihm hinterbracht, daß einige Priester von Capocorso, besonders der von Canari, Grundsätze predigten, die er so gut leiden konnte, wie Rauch in den Augen, nämlich: die Priester, da sie ein Friedensamt hätten, sollten sich nicht in die Wirren dieser irdischen Welt mischen; Freunde und Feinde seien beide Christen und hätten darum gleichen Anspruch auf alle Segnungen; nicht nur tadelns-, sondern verdammenswürdig sei nach den heiligen Satzungen der Priester, der seine Hände in getauftes Blut tauche, und ähnliche Albernheiten, um nichts Schlimmeres zu sagen. Als wenn die Priester nicht bei allen heiligen Händeln die Karten mischten, und der Mensch, eh er zum Priester geweiht wird, nicht als Sohn seines Vaterlandes geboren würde, und, wer dasselbe nicht aus allen Kräften liebt, nicht eben so gottlos wäre, wie der die ewige Verdammniß verdient, der es von Fremden beleidigen läßt! – Wenn ihr nicht von dieser Welt sein wollt, so geht doch in die andere! aber da ihr von dem Wein unserer Reben trinkt, von der Frucht unserer Felder esset, Gärten besitzt und Häuser bewohnt, so müßt ihr auch, wie wir, dafür sorgen, sie gegen fremde Unbilden zu schützen.

Der General also, Willens, das Unkraut mit der Wurzel auszujäten, ließ sich den Priester Settembrino kommen und sagte zu ihm:

Priester, Ihr werdet hier bleiben und mir »das Rasirmesser schleifen«.

Da hob der Priester das Kinn in die Höhe und ließ es wieder auf die Brust fallen, wie einen Schmiedehammer, und wollte damit ausdrücken: Schon gut! ich habe verstanden! Darauf versetzte der General den Pfarrer von Canari nach einer andern Pfarrei und ordnete Alles nach seiner Einsicht, die ohne Zweifel ganz vortrefflich war.

Nun müßt Ihr aber wissen, lieber Herr, daß der alte Pfarrer, der, abgesehen von der argen Schrulle, daß man gegen den Feind Pulver und Blei nicht brauchen dürfe, ein frommer und heiliger Mann war, in der ganzen Stadt, besonders unter den Frauen, eifrige Anhänger und Freunde hatte. Dazu kam noch, daß der Priester Settembrino hier im Ort wenig bekannt war und nach dem Wenigen, was über ihn verlautete, für einen Querkopf galt. Daher werdet Ihr begreifen, daß Grund genug vorhanden war, die Gemüther in Aufruhr zu bringen. Und richtig erhob sich auch bald ein gedämpftes Geflüster, summte herum, wie ein eingefangener Wind, und wuchs immer stärker an, bis es endlich herausplatzte, daß sie vom Priester Settembre ein für allemal nichts wissen wollten. Der Priester Settembrino hingegen, als ob es ihn gar nichts anginge, that, als hörte er nichts. Es war gerade als wenn man zum Monte Rotondo sagte: hebe dich weg! – Als der Sonntag kam, erzählte man sich in der Stadt, der neue Pfarrer werde, ehe er den Segen ertheile, von der Kanzel herab eine Predigt halten, aber eine gehörige! In der Erwartung großer Dinge also strömte die ganze Gemeinde in die Kirche; ich glaube, keine Katze blieb zu Hause. Der Priester Settembre sang, wie sich's gehört, seine Gebete, machte aber keine Anstalten, auf die Kanzel zu steigen, sondern schritt vielmehr im Chorrock auf den Altar zu. Beim Gehen und Niederknieen schien er von etwas behindert zu werden, aber da wir auf ganz etwas Anderes warteten, beachteten wir es nicht. Auf einmal, ehe er das Tantum ergo intonirte, richtet er sich wieder auf, nimmt die Monstranz heraus aus dem Tabernakel und stellt sie auf den Altar; dann stellt er sich auf die Epistelseite, wendet sich gegen das Volk und fängt mit ganz heller Stimme an, folgende Predigt zu halten:

Ich weiß, geliebte Brüder, daß ihr euern alten Pfarrer ins Herz geschlossen habt, und um deßwillen lobe ich euch, denn er hat es verdient; ich weiß ferner, daß ihr mir übelwollt, und um deßwillen tadle ich euch. Ihr geht heimlich damit um, mich aus der Pfarre von Canari zu verdrängen; ich aber gedenke hier zu bleiben, denn ich bin gesonnen mit euch zu Gott zu beten, mit euch, wenn es uns glückt, die Feinde zu besiegen, und wenn es nicht glückt, mit euch für das Vaterland zu sterben. Wenn ihr einen Handel abschließt über Wein oder Oel oder Getreide, sagt, versucht ihr die Waare dann nicht, eh ihr sie verwerft? Mich also schätzt ihr geringer als Korn und Wein, da ihr mich wegwerft, eh ihr mich geprüft habt. Ich hätte gewünscht, daß ihr euch selbst die Mühe genommen hättet, mich kennen zu lernen; aber da ihr es mir überlassen wollt, gut denn, so lasse ich das Visir fallen und will mich in vier Worten zu erkennen geben. Der ewige Vater, der dem Moses die zehn Gebote seines Gesetzes gab, derselbe hat mir von Mutterleib an zehn Argumente gegeben, um sie zur Ausführung zu bringen, und zwar diese hier!

Dabei hob er beide Hände in die Höhe und wies ihnen die zehn Finger. Dann fuhr er fort:

Wisset ferner, meine Geliebtesten, daß ich, gleichwie ihr alle, eine allerheiligste Dreifaltigkeit im Himmel anbete, aber auf Erden noch eine andere kenne und verehre, und von dieser irdischen Dreifaltigkeit ist dies der Vater!

Und er zog unter seinem Chorrock eine Flinte hervor und legte sie auf den Altar.

Und dies der Sohn!

Hier zog er aus der Tasche eine große Pistole und legte sie neben die Flinte.

Und endlich dies hier der heilige Geist!

Und dabei öffnete er das Hemd und zog einen Dolch hervor, den er gleichfalls zu den andern Waffen auf den Altar legte.

Nachdem wir hierüber ins Reine gekommen sind, ermahne ich euch, geliebteste Brüder, euch nicht zu überheben und auf Stelzen zu gehen, weil ihr seht, daß ich nur kümmerlich und schmächtig von Person bin; erinnert euch, daß auch der Pfeffer nur winzig ist und man ihn doch auf der Zunge spürt Sprichwörtlich. . Nun, denk' ich, habt ihr mich verstanden. Zu mancherlei bin ich zu brauchen, und Agostino von Silvareccio fürchtet sowohl in dieser als in jener Welt nur Eines, nämlich die Strafe des Herrn; alles Uebrige ist ihm so gleichgültig, wie der Wind vom vorigen Jahr.

Dies gesagt, kehrte der wackere Priester sein Gesicht gegen den Altar, kniete nieder und intonirte das Tantum ergo sacramentum, und alles Volk fiel ein; und nachdem die Gemeinde den Segen empfangen, verließ sie die Kirche, sehr verblüfft durch die Lehre, die ihr der Pfarrer ertheilt hatte. So bewies der Priester Settembre durch sein entschlossenes Benehmen, daß, wenn das Sprichwort Recht hat: ein toller Priester, eine besessene Gemeinde – auch das Gegentheil zutrifft. Denn es ist eine Thatsache, daß an jenem Tage der Pfarrer in der Achtung des Volkes um anderthalb Meilen gestiegen war, und dieser sein Kredit wuchs von Tag zu Tage und zwar aus guten Gründen. Denn wo es eine Wunde zu heilen gab, hatte er eine wahre Gotteshand, und was das Predigen anbelangt, so brauche ich Euch nichts weiter zu sagen, nach dem Pröbchen, das ich Euch davon gegeben. Immer mit derselben Kraft, manchmal sogar noch weit gewaltiger, trafen seine Worte wie Schleudersteine das Ziel. Wenn sich's darum handelte, herumzugehen und Kranken beizustehen, achtete er Regen, Sturm und Hagel für Nichts. Hatte er ein Pferd, so ritt er; sonst ging er zu Fuß. Die Sacramente verschenkte er, statt sie zu verkaufen; gratis accepistis, gratis date. Nie sah ihn Jemand Geld oder Sachen annehmen, nicht einmal ein Glas Wasser bei Taufen, Hochzeiten oder Begräbnissen. Denn dies, pflegte er zu sagen, ist die einzige Art, den Verleumdern den Mund zu stopfen, die jede Gelegenheit ergreifen, die Gnadenmittel in Mißachtung zu bringen, indem sie sie, zu unermeßlichem Schaden der Religion, den Kramladen der Priester nennen. Nichts verlangen und sich selbst das Brod vom Munde absparen, um es mit der Armuth zu theilen, darin bestehe nach seiner Ansicht die Haupttugend eines wahren Priesters. Er habe aus dem Evangelium gelernt, daß die Stola Pflichten auferlege, und nicht wenige. Was die Rechte betreffe, so habe er, so viel er sich Mühe gegeben, den Ort nicht finden können, wo Christus davon gesprochen. Wenn er Messe gelesen und das Evangelium erklärt hatte, legte unser braver Priester das Brevier beiseite, nahm seine Flinte und lehrte auf dem Platz vor der Kirche die Jugend sich sammeln und wieder auseinander laufen, sich in Reihen aufstellen, truppweise abschwenken, eine geschlossene Stellung formiren nach Art eines Igels, aus jedem Graben, Baumstumpf oder Felsblock sich eine Deckung machen, kurz, alle militärischen Exercitien, so daß ein preußischer Unteroffizier Respekt vor ihm bekommen hätte. Was er sich aber zu allermeist angelegen sein ließ, war, den alten Feindschaften ein Ende zu machen und mit allem Eifer zu verhüten, daß keine neuen aufkämen. Hiezu bewog ihn sicherlich seine tiefe Frömmigkeit und sein natürliches Wohlwollen, aber man muß auch gestehen, daß diese seine Naturanlagen mächtig geschürt und gesteigert wurden durch die grenzenlose Liebe zum Vaterlande, die er im Herzen trug.

Wenn nun der würdige Geistliche die schönen Früchte seiner Mühen ansah, frohlockte er, und um seine Lippen zitterte etwas, das man wohl ein Lächeln nennen konnte. Und so wurde er, wie es auch den Bescheidensten begegnen kann, mit der Zeit durch seine unerwarteten Erfolge stolz gemacht und rühmte sich, ihm könne kein Haß, so alt und eingewurzelt er sei, widerstehen. Unter seinen Händen müßten Alle sich lieben, Alle das schwärende Gift ihrer Seele gegen die äußeren Feinde wenden; darauf wollte er das Meßbuch und die Flinte verwetten. Nun aber scheint, so weit menschliches Ermessen reicht, diese seine Ueberhebung den Herrn verdrossen zu haben, so daß er es ihm recht handgreiflich machen wollte, wie ohne die göttliche Hülfe Alles, was ein Mensch thut, nicht mehr nutzt, als warme Tücher gegen das Seitenstechen. Als unser Priester nämlich die Herzen von Orsoantò Alessandrini und Francè Orticoni aufschließen wollte und seinen Kopf darauf setzte, diese feindselig verschlossenen Thüren zu öffnen, brach ihm der Schlüssel unter der Hand. Zu erzählen, was der würdige Mann alles sagte und was er alles that, würde zu weit führen; genug daß er nicht zum Ziele kam und endlich, ganz entmuthigt, sich vor Gott dem Herrn demüthigte und bekannte, daß er nur ein schwacher Thor sei.

Nun aber sollt Ihr hören, welchen Weg der Herr fand, um diese harten Herzen zum Schmelzen zu bringen. Der General ließ durch öffentlichen Ausruf den Befehl ergehen, alle Corsen ohne Unterschied sollten vor ihrem Pfarrer, die Hand auf dem Evangelium, einen Eid schwören, das Vaterland bis zu ihrem letzten Athemzug zu vertheidigen. Ich habe in neuerer Zeit diese Maßregel als eine vergebliche tadeln hören; aber wie ich im Lauf meines Lebens bemerken konnte, urtheilen auch die verständigsten Menschen nach den Begriffen, die in ihrer Zeit Geltung haben; sie können oder wollen sich nicht in die Umstände vergangener Zeiten zurückdenken. Wenn Ihr erwägt, wie viel die Religion damals über die Gemüther der Corsen vermochte, und daß die Priester durch Tugend und Wissen, und mehr noch weil sie für das Vaterland Gut und Blut geopfert hatten, eher wie Heilige als wie Menschen verehrt zu werden verdienten, so werdet Ihr einsehen, daß der General, hier wie bei Allem, was er that, die größte Klugheit bewies. Heutzutage freilich ist die Religion ein fauler Hanf geworden, und die Stricke, die man daraus macht, halten nicht besser als Spinneweben. Der einzige Seiler, der noch etwas kann, ist das Interesse. Auch seine Stricke reißen, und wer sich auf sie verläßt, thut oft einen bösen Fall. Und doch würde man vergebens andere suchen, die besser hielten, als die seinigen.

Wie bei dieser Gelegenheit der Priester Settembrino sich rührte, könnt Ihr Euch vorstellen. Am Sonntag nach der heiligen Messe, im Meßgewand wie er war, nahm er das Evangelium Johannis vom Altar und rief seine Beichtkinder je zwei und zwei heran, daß sie die rechte Hand auf das heilige Buch legen und den Eid schwören sollten nach der Formel, die er ihnen vorsagte. War es Zufall oder Absicht, die beiden alten Feinde, Orsoantò und Francè, hörten ihre Namen zusammen ausrufen. Einer sah den Andern an, als hätten sie wenig Lust, dem Ruf zu folgen. Dann aber, aus Furcht, daß die Andern sie für entartete Söhne ihrer Väter halten möchten, die wegen ihrer Vaterlandsliebe berühmt waren, und daß man glauben könnte, die mehrmalige Einäscherung ihrer Häuser und die Verluste an Menschen und Vieh hätten ihre Herzen kühl gemacht, fühlten sie sich förmlich am Kragen fortgezogen und näherten sich dem Altar. Der Priester hielt das Evangelienbuch ihnen entgegen, und Jeder legte einen Finger darauf, der Eine auf die äußerste Ecke der rechten Seite, der Andere auf die äußerste Ecke der linken. Da ließ der Priester, den ein heiliger Zorn überkam, das Buch auf die Brustwehr des Altars sinken, erfaßte kräftig die Hände der beiden Alten, drückte die eine gegen die andere und hielt sie so fest auf dem Evangelienbuch. Die armen Hände zitterten, wie Blätter, die noch im December am Baum zurückgeblieben sind, im sausenden Nordwind beben; aber der Priester Settembre war kein Zärtling. Er drückte sie nur immer stärker zusammen und sprach dann mit einer schneidenden Stimme folgendes:

Bei der unbefleckten Gottesmutter, wiederholt was ich euch sagen werde, ihr Herzen aus Granit von Algaiola. Ich schwöre – sprecht! – ich schwöre im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, das Vaterland, so lang ein Odem in mir ist, zu vertheidigen; ich schwöre für dasselbe hinzugeben Hab' und Gut und mein Leben, wie auch das meiner Kinder, ich schwöre, weder mit Worten noch mit Thaten Aergerniß zu geben oder schädliche Händel zu stiften, und wenn ich diesen meinen Schwur nicht halte, so möge in derselben Stunde unter meinen Füßen die Erde sich spalten und ich hinabstürzen bis in den Abgrund der Hölle!

Allmählig, je weiter die beiden Alten in dem Eide kamen, hörten ihre Hände auf zu zittern und wurden warm; denn der Haß erkältet, die Liebe erwärmt Seele und Leib; während sie zusammen diese Worte aussprachen, die sie durch dasselbe Band von Gefahr und Unglück verknüpften, fühlten sie sich als Brüder, die dieselbe Mutter geboren hat, und ferner als Brüder durch das Blut Jesu Christi, das zu ihrer beider Erlösung vergossen worden. Ihre Brust athmete beklommen, und der Hauch von ihren Lippen vermischte sich; sie fühlten ihre Kniee wanken und den Boden, darauf sie standen, erbeben. Die Härte ihrer Herzen lös'te sich auf in Thränen, die jedoch ihr stolzer Eigensinn noch am Rande der Wimpern zurückhielt, wie wilde Hengste am Strick. Auch die Lippen bebten, wie vor Verlangen sich zu küssen, aber die Männer hüteten sich, sie einander zu nähern.

Da faßte der Priester Settembre, der wohl sah, daß die Sache, wenn er sie sich selbst überließ, nur langsam vorwärts ging, mit der linken Hand den Kopf von Orsoantò, mit der rechten den von Franks und stieß sie zusammen, nicht viel sanfter, als ein Bocciaspieler mit seiner Kugel die Kugel des Gegners fortschleudert, und rief, selbst in Schluchzen ausbrechend:

Vorwärts! Küßt euch; denn ich sehe ja, ihr sehnt euch schmerzlich darnach! Friede, Friede, Friede!

Ihr hättet die drei Menschen sehen sollen! Man konnte nicht unterscheiden, ob sie sich küßten oder bissen, so groß war der Ungestüm, mit dem sie sich gegen einander drückten. Der Priester, da er sie nicht auf den Mund küssen konnte, küßte sie auf den Kopf, und seine Thränen stürzten in hellen Tropfen auf die grauen Haare der beiden Alten. Dann, als er sich ein wenig gefaßt hatte, legte er ihnen die Hände auf mit feierlicher Geberde, und mit einer Stimme, die, so voll sie klang, doch merklich zitterte, hob er wieder an und sprach:

Amen, amen, dico vobis, videbitis coelum apertum et Angelos Dei ascendentes et descendentes super filios hominum. – Im Texte freilich steht super filium hominis, und es geht auf Christus. Aber ich wette meinen Theil an der ewigen Seligkeit: Jesus Christus hat die neue Anwendung, die sich der Priester Settembre mit dem Evangelium zu machen erlaubte, nicht übel genommen, vielmehr, wenn er sie gehört hat, Bravo gerufen.

Der Priester Settembre aber, obwohl er sein Lebtag nicht Karten gespielt hatte, wußte wohl, daß Geben und Nehmen verschiedene Dinge sind, und daß die Liebe mit einer Feder schreibt, der Haß dagegen mit einem Meißel eingräbt. Darum war er darauf bedacht, den Frieden zwischen den Familien durch die Bande der Verwandtschaft zu befestigen. In dieser Absicht nahm er eines Tages die Flinte, ging nach dem Gehöft des Francè und schoß sie gerade unter seinem Fenster ab. Francè, der seinen Grund und Boden wie ein bissiger Haushund bewachte und nicht mit sich spaßen ließ, stürzte ans Fenster, um den Frechen zu sehen, der bei ihm einzudringen wagte. Kaum aber hatte er den Priester erblickt, so verging ihm aller Zorn, und er sprach ganz sanftmüthig:

O Pfarrer, seid Ihr es? Kommt doch herauf und nehmt ein wenig Platz bei mir.

Das ließ sich Prete Settembre nicht zweimal sagen, und überlegte, während er die Treppe hinaufstieg, bei sich selbst: das Ding fängt gut an, konnte gar nicht besser gehen; denn es ist klar, er sucht mich, nicht ich ihn.

Sie plauderten von Regen und schönem Wetter, von der schlechten Ernte des letzten Jahres und den guten Aussichten für das nächste. Dann, ganz vom Zaun gebrochen, sagte der Pfarrer:

Ihr habt einen Sohn, Francè?

Freilich habe ich einen. Kennt Ihr ihn denn nicht?

Gewiß kenn' ich ihn; was für ein schmucker Bursch, Gott segne ihn! Und er schiene mir alt genug, daß Ihr Euch nach einer Frau für ihn umsehen könntet.

O, damit hat's noch Zeit. Wißt Ihr nicht, daß er eben erst sein achtzehntes Jahr hinter sich hat?

Und das scheint Euch zu jung? Das ist gerade das beste Alter, um in die Ehe zu treten.

Ei was! Die Corsen pflegen sich sonst nicht so blutjung zu verheirathen.

Ein schöner Grund das! Was? sollen etwa Sitten und Gebräuche still stehen, während alles Andere unter und über uns sich dreht und beständig verändert? Heutzutage lebt man rascher, und ehe noch die Früchte fallen, setzen die Bäume schon wieder neues Laub an. Bedenkt auch, daß Ihr nur diesen einzigen Sohn habt, so daß Euch sehr daran liegen muß, das Fortbestehen Eures berühmten Geschlechtes gesichert zu sehen; und ferner erwägt auch noch das: wer weiß denn, ob nicht in diesem Augenblick, da wir mit einander reden, der Krieg ausbricht? Wie viel Zufälle können kommen, wie mancherlei Unglück hereinbrechen? Wenn es Zeit ist, soll man sich nicht Zeit lassen. Gebt Eurem Sohne ein Weib, und das bald. Ihr seid Corse, wie ich, und kennt das Sprichwort: besser viel Kinder im Haus als viel Brod im Schrank.

Lieber Herr Pfarrer, wenn Ihr redet, meint man San Giovanni Boccadoro St. Johannes Chrysostomos. zu hören. Beim Allmächtigen, ich will Giammatè verheirathen! Aber bis diese Stunde habe ich noch nie daran gedacht, und darum weiß ich nicht, wohin ich mich wenden soll.

Was Tausend! Und doch hättet Ihr nicht weit zu dem Mädchen, das gerade die Rechte wäre, fromm, wohlerzogen, Tochter einer vortrefflichen Mutter, das Vermögen der Familie dem Eurigen gleich, und so auch Ehre und Ansehen bei der Gemeinde.

Und diese Perle wäre?

Je nun, die Catalina.

Welche Catalina?

Die Tochter von Orsoantò.

Orsoantò! und der mißtrauische Corse heftete seine Augen fest auf die des Priesters, suchte eine Weile seine verborgenen Gedanken auszuforschen und fragte dann: Seid Ihr von Alessandrini abgeschickt, mir auf den Zahn zu fühlen? Sprecht offen!

Der Priester, der sich so plötzlich von vorne gefaßt sah, wußte nicht wie er sich wenden sollte. Wenn er gestand, daß der Antrag sein eigener Einfall war, so stand zu befürchten, daß der ganze, unter so glücklichen Auspicien begonnene Handel sich zerschlüge. Andererseits hatte er einen Abscheu vor dem Lügen. So wählte er instinktmäßig einen Mittelweg. Den Mund hielt er geschlossen und öffnete statt seiner die Arme, wobei er den Kopf ein wenig auf die rechte Schulter neigte, ähnlich dem Christusbild über der Eingangsthür des Leihhauses in Livorno.

Das Glück wollte ihn auch nicht stecken lassen, sondern gab dem Orticoni ein, gleich darauf wieder das Wort zu nehmen:

Ihr seid zu vorsichtig, Agostino, um einen solchen Schritt zu wagen, wenn Ihr nicht der Einwilligung des Alessandrini sicher wäret.

Was das betrifft, so können wir Beide uns ruhig schlafen legen, unterbrach ihn mit wunderbarer Geschwindigkeit der Priester Settembre, da es ihm schien, als öffne sich ihm hier ein Thürchen, um sich aus der Verlegenheit zu helfen: denn damit bekräftigte er nur eine Meinung, die er wirklich hegte, nicht aber eine Thatsache. Indessen war das nur ein kurzer Trost, denn Orticoni fuhr sogleich fort:

Da Euch denn Orsoantò zu mir schickt, könnt Ihr ihm sagen, daß, was ihm recht ist, auch mir recht sein soll.

Nun war freilich unserem Pfarrer zu Muth, als ob er aus der Pfanne in die Kohlen gefallen wäre; denn er überlegte, daß, wenn er es jetzt dabei bewenden ließ, sein Schweigen einer Lüge gleichkam; und als Beichtvater wußte er wohl, das Wenigste, was ihm dafür gebührte, war, sieben Jahre im Fegefeuer zu braten. Aber die Pflicht der Wahrheit zwingt uns zu sagen, daß dies nicht der Hauptgrund war, weßhalb Prete Settembre's Seele in Furcht schwebt, in primis, weil er sich gern verpflichtet hätte, nicht blos sieben, sondern zehn und vierzehn Jahre im Purgatorium zu bleiben, wenn sich damit eine so wünschenswerthe Sache erreichen ließ, dann aber auch, weil er meinte, daß Lügen, die man sage ad evitanda scandala und zu einem guten Zwecke, unter die Zahl der läßlichen Sünden gehören, die mit Weihwasser gewaschen und mit Reue ausgelaugt, im Waschtrog aufrichtiger Buße wieder vergehen, ohne auch nur eine Spur von einem Flecken zurückzulassen. Was ihn ängstigte, war vielmehr der Gedanke, welches Unheil daraus entstehen könnte, wenn der Handel nicht den erwünschten Fortgang nähme. Und da sich so Furcht und Hoffnung um seine Seele stritten, neigte er den Kopf ein wenig auf die rechte Schulter und kreuzte die Arme über der Brust, genau so, wie ich es an dem Bilde des Erlösers gesehen habe, das über der Ausgangsthüre des Leihhauses zu Livorno gemalt ist.

Auf Wiedersehen, morgen, – oder übermorgen, sagte er, als er Abschied nahm, um für jeden Fall noch etwas Zeit zu behalten. Worauf aber Orticoni erwiederte:

Thut was Ihr könnt, aber erinnert Euch, daß Ihr mir selbst kurz vorher gesagt habt: wenn es Zeit ist, soll man sich nicht Zeit lassen; und wahrlich Ein Heute ist besser als zwei Morgen, und das Eisen soll man schmieden, so lang es glüht.

Prete Settembre, den die Wunden brannten, die man ihm mit seinen eigenen Waffen schlug, sprang die Stufen zu vieren hinab und war schon unten, ehe Orticoni mit seinen Sprichwörtern nur zur Hälfte fertig war, so daß er ganz gut sich stellen konnte, als habe er nichts gehört und brauche darum nicht zu antworten.

Aus Furcht, er könne zurückgerufen werden, entfernte er sich Anfangs in vollem Lauf. Dann, als er weit genug vom Hause weg war, stand er einen Augenblick trübselig still und setzte sich endlich langsam wieder in Bewegung, wobei er folgendes Selbstgespräch hielt: Du bildest dir manchmal ein, lieber Settembre, du hättest so viel Verstand, daß du Anderen davon abgeben könntest, und doch kommst du hin und wieder mehr, als nöthig wäre, ins Gedränge; und die Ursache davon ist nur, daß du zu wenig Glauben hast. Nun wirf einmal in dem Grunde deinen Anker, daß der Mensch, wenn er in guter Absicht ein löbliches Werk betreibt, immer hoffen muß, Gott werde ihm beistehen. Ueberdies hast du, nach menschlicher Berechnung, das sauerste Stück Arbeit hinter dir. Bei solchen Händeln ist das Schwierigste, den Bräutigam zu finden; was die Braut betrifft, so glauben die Väter meistentheils, es brauche nicht tausend Jahr dazu, daß ihnen die Töchter zu Hause alt und grau würden. Geh dreist vorwärts; wenn du den Heiligen hast, ist die Nische für ihn bald fertig. Orsoantò empfängt dich schon mit offenen Armen, desgleichen Angiolamaria, die Mutter, und das Töchterchen Catalina fällt dir nun vollends vor Dankbarkeit um den Hals. Verwandte und Freunde, Knechte und Mägde wollen dich küssen; sachte, meine Kinder, hübsch einer nach dem andern! die Hände weg! Beim Kreuz unsres Heilands, ihr erstickt mich noch … – Und Prete Settembre schritt in der Freude seines Herzens so eilig seines Weges, daß er aufs Haar einer Schwalbe glich, die über die Erde hinstreift, um Fliegen zu fangen. Ja man erzählt, er habe an diesem Tage etwas gethan, was in seinem ganzen Leben vor- und nachher ohne Beispiel geblieben ist, nämlich durch die Fistel die bekannte Serenade angestimmt:

Andare io me ne vo' da sua eccellenza
E di una latra ve vogliu accusare
Ich will zu Seiner Gnaden, dem Herrn Richter,
Und dort als eine Diebin dich verklagen.

und so weiter das ganze Liedchen.

Orsoantò war ein wissenschaftlich gebildeter Mann; denn als junger Mensch war er Student in Pisa gewesen und hatte dort die Würde eines Doctors utriusque empfangen, obwohl er später keinen anderen Gebrauch davon machte, als um Streithändel zu verhüten oder durch einen Vergleich gütlich beizulegen. Wenn er geschlichtet hatte, so verurtheilte er immer beide Partei&&& Armen in die Kosten, außer wenn der Vergleich zur Zeit des Carnevals zu Stande gekommen war; dann ließ er sich die Sporteln in Wein, Fischen und andern eßbaren guten Dingen bezahlen, that noch weit mehr von dem Seinigen hinzu und veranstaltete so alljährlich Einmal ein großes Fest, zu dem fast das ganze Städtchen geladen wurde. Er war in jeder Hinsicht ein trefflicher Mann, an Güte und Bravheit dem Francè Orticoni gleich, an Freigebigkeit aber ihm zweimal überlegen. Zu dem ging nun der Priester Settembre in aller Eile, und kaum hatte er ihn von Weitem in seinem Garten entdeckt, wo er gerade einen Feigenbaum stutzte, so rief er ihm mit festtäglicher Stimme zu:

Orsoantò! He, Orsoantò! Ich bringe Euch gute Neuigkeiten.

Gott gebe, daß Ihr im Ernst redet. Nun denn, was giebt es Neues?

Steigt erst vom Baum herunter. Was ich Euch zu erzählen habe, ist keine Sache, die man so oben im Feigenbaum vernehmen kann.

Thut nichts, Pfarrer. Sprecht nur immer!

Was? So mit der Thür ins Haus? Ohne eine Spur von einer kleinen Vorrede?

Ihr spannt mich auf die Folter.

Nun denn, ich bringe Euch, das heißt, nicht Euch, sondern Eurer Tochter Catalina, einen wunderschönen Mann.

Im Ernst?

Bin ich der Mann danach, Possen zu treiben? Bei meinen Priesterweihen!

Und wer ist es?

Giammateo.

Der Sohn Francè Orticoni's?

Ist er nicht ein Goldschatz, dieser wackere Jüngling?

Ich sage nicht Nein; aber Ihr kommt wirklich in Francè's Auftrag und sollt um die Catalina anhalten?

Der Priester, der seit zwei Stunden die Kunst der Diplomaten besser gelernt hatte, als wenn er zehn Jahre französischer Gesandter am römischen Hofe gewesen wäre, antwortete geschickt parirend:

Nun wahrhaftig, seh' ich aus wie ein Schelm? Oder traut Ihr mir zu, ich finge von solchen Dingen an, wenn ich nicht Francè's Einwilligung in der Tasche hätte? Por Dio santo, oder gilt mein priesterlicher Charakter für Nichts mehr?

Auf diese Art beantwortete der kleine Priester die Frage, und beantwortete sie auch wieder nicht, und die Wendung half ihm so erwünscht zum Ziel, daß Orsoantò, der kein Arg hatte und es nicht so genau nahm, sich damit zufrieden gab.

Meinerseits, erwiederte Alessandrini, würde ich lügen müssen, wenn ich nicht sagte, daß es mir von Herzen recht ist. Und ich sage tausend Dank dafür, zunächst dem Francè, und dann Euch; aber – Ihr habt selbst gesagt, den Mann bringt Ihr nicht mir, sondern der Catalina. Darum müssen wir sie erst hören; denn ich möchte um nichts in der Welt das benedeite Kind zu etwas zwingen, was ihr zuwider wäre.

Wie das der Pfarrer hörte, ward er sehr bestürzt, nahm das Käpplein vom Kopf, und nachdem er sich fünf oder sechsmal stark die Stirne gerieben, rief er aus:

Was sind das für neue Manieren? Sind wir's zufrieden, müssen's Alle sein.

Nein, wahrlich nicht, Pfarrer. Zuerst müssen die Brautleute zufrieden sein, dann die Eltern; denn jene, nicht diese, sollen bis an den Tod mit einander leben.

Hier nun war es, wo der Priester Settembre, aufgebracht darüber, daß er ein Hinderniß fand, wo er es am wenigsten erwartet hätte, die trefflichste und meisterlichste Rede hielt über die Ehe und die elterliche Gewalt über ihre zu verheirathenden Kinder, die in Corsica seit Jahren gehört worden war. Noch lange nachher, vom Vater auf den Sohn vererbt, hat sie sich unverändert im Gedächtniß der Corsen erhalten. Aber heutzutage, wo alle glorreichen Erinnerungen unserer Väterzeit in Verfall gerathen, wissen sie nur noch Wenige, und da Euch, der Ihr kein Corse seid, noch weniger als den Corsen daran liegen wird, so will ich sie lieber übergehen. Genug, daß Alessandrini, als der Pfarrer geendigt hatte, voll Bewunderung ausrief:

Lieber Herr Pfarrer, mit Euren Gründen könntet Ihr Steine bewegen.

Lassen wir die Steine an ihrem Ort, versetzte der Pfarrer. Ich möchte nur Euren Kopf überzeugt haben.

Was mich betrifft, so sage ich Euch rund heraus: wenn Ihr auch Wasser aus Felsen schlüget, würde ich doch niemals dem Willen meiner Tochter Gewalt anthun.

Wehe mir! stöhnte der Priester und ließ sich kraftlos auf einen großen Gartenstuhl niedersinken; und während er die Augen schloß, tanzten wieder vor seiner Phantasie alle die Schreckgespenster, die er schon für immer gebannt zu haben glaubte.

Orsoantò sah mit Bestürzung, wie verzweifelt er sich geberdete, und obwohl er die Ursache nicht ahnte, eilte er doch, ihm Trost einzusprechen, und sagte:

Ich halte den Handel dennoch für abgemacht, denn, so viel ich von dem Herzen meiner Tochter weiß, wird das Kind, da es noch kein anderes Verhältniß hat, mit Freuden Euren und meinen Wünschen entgegenkommen.

Ah! rief der Priester, öffnete die Augen und sprang in die Höhe, wie eine Stahlfeder; Ihr richtet mir das Herz wieder auf. Kommt und laßt uns ohne Aufschub die Catalina befragen. Nein wartet, ich werde gehn und sie rufen.

Meint Ihr? erwiederte Orsoantò, während er vom Baum herabstieg. Aber der Priester war schon fortgestürzt nach dem Hause zu, und während er jetzt die Treppe vier Stufen auf einmal hinaufsprang, schrie er mit einer Stimme, die fast die Balken aus ihren Fugen riß:

Catalina! He, Catalina, Catalina! Wo zum Kukuk steckst du denn?

Die Catalina antwortete aber nicht, und dieses unheilverkündende Stillschweigen wollte eben im Geist des guten Priesters die kaum besänftigten Furien wieder aufwecken, als Orsoantò ihm nachgekeucht kam und zu seiner Beruhigung sagte:

Aber lieber Pfarrer, wenn ich nicht wüßte, daß es Eures Amtes ist, Teufel auszutreiben, so würde ich fast glauben, Ihr selbst wäret von einem besessen; denkt Ihr denn, ein sittsames Mädchen werde antworten, wenn sie sich von der ersten besten Stimme rufen hört? Geht mir! Ihr hättet Eure Töchter ganz absonderlich erzogen. Lasset mich jetzt nur machen.

Orsoantò hatte nun freilich im Allgemeinen ganz Recht. Im Besondern aber –, wenn er durch die Wand hätte ins Zimmer sehen können, würde er sich überzeugt haben, wie sehr er Unrecht hatte. Denn Catalina war, als sie sich rufen hörte, in die Höhe geschnellt und von ihrem Stuhle weggestürzt, und hätte die Mutter sie nicht mit einer strengen Geberde zurückgehalten: Setze dich, Catalina; es ist nicht der Papa, der dich ruft! – so wäre sie jetzt schon wer weiß wie weit. Als sie aber gleich darauf die Stimme des Vaters hörten, befahl die Mutter: Dein Vater ruft; gehorche Kind!

Das Mägdlein war hinaus, wie ein abgeschossener Pfeil, und da sie sich im Fluge die Treppe hinunterschwang, stieß sie auf den Priester und hätte ihn beinah kopfüber die Stufen hinabgeschleudert, wenn er sich nicht noch beizeiten mit beiden Händen an dem Strick festgehalten hätte, der als Geländer diente. Nachdem sie sich entschuldigt und er ihr freundlich verziehen hatte, faßte Orsoantò sein Töchterchen unters Kinn, hob ihren Kopf in die Höhe und sagte, ihr gerade in die Augen sehend:

Catalina, höre einmal, was es Neues giebt. Unser Herr Pfarrer kommt von Seiten Orticoni's und hält um dich an; hättest du wohl Lust, seinen Sohn Giammateo zum Mann zu nehmen?

Jenen artigen Jüngling, der sich während der Messe immer dir gegenüberstellt, verstehst du? beeilte sich Prete Settembre hinzuzusetzen. Aber er predigte tauben Ohren; denn das Mädchen, als sie kaum die Frage verstanden, die wie eine Pistole ihr dicht vor den Ohren abgefeuert worden war, verwirrte sich über und über und floh davon, doppelt so geschwind, als sie gekommen war. Der Vater blieb betroffen stehen, die Hand noch immer erhoben, und der Priester trocknete sich den Schweiß, der ihm von der Stirne perlte, seufzte und verwünschte die Stunde, wo ihm der Einfall gekommen war, sich so in die Dornen zu setzen. Indessen war die Catalina, roth wie eine Kirsche, zur Mutter zurückgeeilt, schlang ihr die Arme um den Hals und verbarg das Gesicht an ihrer Brust. Angiolamaria, die unter einer rauhen Rinde ein Herz verbarg, wie es gute Mütter gegen gute Töchter zu haben pflegen, fragte sie mit bewegter Stimme nach der Ursache ihrer Bestürzung, und das Kind gab ihr nach und nach mit Stocken und Stammeln Bescheid. Darauf redete die Mutter ihr zu, sich zu beruhigen, und ging selbst ihrem Gatten entgegen. Weder strenge, noch mit überlegener Miene, sondern nur mit der würdigen Ruhe einer würdigen Hausfrau hielt sie diesem vor, wie unpassend er sich gegen das Kind benommen habe.

Ihr Männer seid Herren und Meister in eurem Hause, schloß sie, aber ihr solltet fühlen, daß gewisse Anträge auf die rechte Weise nur durch die Mutter an ein junges Kind gebracht werden können.

Worauf Orsoantò und Prete Settembre wie aus Einem Munde ausriefen:

Ihr habt Recht, Angiolamaria, tausendmal Recht … dein Mann … Prete Settembre … wir beide sind zwei rechte Esel gewesen.

Hiermit völlig zufriedengestellt und darum geneigt, ihnen ein freundliches Gehör zu schenken, ließ sich die Frau nun in den ganzen Handel einweihen, stimmte von Herzen zu und erbot sich, sogleich mit der Catalina zu verhandeln und in Kurzem die Antwort zu bringen.

Geht, Angiolamaria, und Gott segne Euch! sagte der Priester; ich habe es immer gesagt, Ihr seid eine wahre Heilige.

Indessen wurde seine Geduld noch ein gutes Weilchen auf die Probe gestellt, bis er endlich wieder Schritte hörte und die Mutter erschien, ihr Töchterchen am Arm haltend, welches, ein rechtes Bild einer ecce ancilla Domini, mit gesenkten Augen und leiser Stimme zu Orsoantò sagte:

Mein verehrter Herr und Vater, Eure Tochter kannte und kennt keine größere Freude, als Euch in Allem, was Ihr wünscht und verlangt, zu gehorchen.

Orsoantò, der fühlte, daß ihm die Thränen in die Augen traten, that, als komme ihm das Niesen an, und wandte sich ab, um heimlich die Tropfen abzuwischen, da es die Sitte nicht erlaubt, daß ein Corsenkind seinen corsischen Vater weinen sieht. Prete Settembre aber hub an wie mitten in der Kirche mit lauter Stimme zu singen:

Gloria in excelsis Deo, et in terra pax hominibus bonae voluntatis!

So wurde der Bund geschlossen zwischen Giammatteo Orticoni und Catalina Alessandrini, mit denen ich, so lange sie lebten, brüderliche Freundschaft gehalten habe, und denen ich jetzt, da sie in ein besseres Leben eingegangen sind, ein theures und wehmüthiges Andenken bewahre.

Die Leute von Canari aber, als sie von dieser Verlobung hörten, waren hocherfreut und wünschten einander Glück dazu wie zu einem frohen Familienereigniß: denn die Feindschaft zwischen den beiden Häusern hatte seit unvordenklichen Zeiten die Stadt in Parteien gespalten und Hader, Injurien und oft noch viel traurigere Dinge verursacht. Auch hatten beide einen großen Anhang von Verwandten und Freunden, da sie um die Wette sich das Wohl ihrer Clienten angelegen sein ließen und immer die Ersten waren, wo es das Vaterland galt, ihr Leben und ihr Vermögen in die Schanze zu schlagen.

Die Zeiten waren nicht gerade heiter für das Vaterland. Und dennoch , wenn wir Abrechnung hielten, fanden wir, daß wir in vierzig Jahren beständiger Unruhen eher gewonnen als verloren hatten, Dank dem belebenden Hauch der Freiheit, der auch unter Trümmern befruchtend wirkt. Der Handel war gediehen, der Ackerbau fortgeschritten, die Bevölkerung gewachsen; dazu kam, daß wir seit 1764 Waffenstillstand hatten und daß die Franzosen während dessen, theils auf unsern Märkten, wo sie einkauften, theils bei ihren Streifzügen durch das Innere der Insel Geld unter die Leute brachten. Vielleicht streuten sie zugleich mit ihrem Gelde auch den Samen der Habgier, der Scham über ehrliche Armuth und der Knechtschaft aus; aber wir merkten es damals nicht, denn auch unter uns fehlte es nicht an Solchen, die Corruption und Civilisation verwechselten und es für ein Glück ansahen, wenn mit den Mitteln, sie zu befriedigen, die Begierden wuchsen. Zuweilen schoß uns der Gedanke durch den Kopf, daß der Waffenstillstand nächstens zu Ende ging; das dauerte aber nur so lange, wie um Mitte Juli die Wolken an unserm gesegneten Himmel. Vergebens wurde der Vertrag von Versailles ruchtbar, durch den Frankreich uns der Republik abgekauft haben sollte, mit dem Vorbehalt des Rückkaufs gegen Erstattung der Kosten; vergebens summten uns, man wußte nicht wie, allerlei Gerüchte um die Ohren von einer großmächtigen Flotte, die in Toulon segelfertig gemacht werde, um zu unserer Vergewaltigung sechzehn neue Bataillone auf die Insel zu werfen. Wir schlugen alle diese warnenden Stimmen in den Wind, da wir uns nicht vorstellen konnten, wie Frankreich, vor Zeiten unsere Stütze, als es galt, die Freiheit wiederzuerlangen, sich jetzt verschworen haben sollte, sie uns zu entreißen, und wie ein Ludwig XV. die Hand dazu bieten könne, das Vaterland zu vernichten, das bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen Katharina von Medici mit Ermunterungen und Hülfleistungen aller Art Sampiero di Ornano angefeuert hatte. Wir konnten uns nicht überwinden zu glauben, daß ein allerchristlichster König ein weißes und obenein getauftes Volk in Masse kaufen könne, während die französischen Philosophen so heftig gegen den Handel mit ein paar hundert Negern eiferten, die doch den Affen näher stehen, als den Menschen. Schämen würde sich doch, sagten wir und sagten damit eine große Thorheit, ein Staat von sechsundzwanzig Millionen, in der Fülle seiner Macht über das arme Corsica herzufallen, das wenig über zweimalhunderttausend Seelen zählt. Wir vertrauten auf die Wachsamkeit Paoli's und auf sein gutes Glück, und wie die Menschen immer geneigt sind, zu glauben, was sie wünschen, hielten wir es für ausgemacht, daß der gegenwärtige Zustand der Dinge sich bessern, oder schlimmsten Falls doch nicht verschlimmern würde.

So beschlossen denn die Canaresen einstimmig, daß die erwünschte Hochzeit des Giammatteo und der Catalina nicht allein nach dem gewöhnlichen Brauch, sondern mit einer öffentlichen und außerordentlichen Festlichkeit gefeiert werden sollte. Heutzutage sind die festlichen Gebräuche der alten Zeiten zugleich mit den altcorsischen Trachten verschwunden auf Nimmerwiederkehren. Gleichwie die Kirche, wenn sie einem Priester, der sich vergangen hat, die Weihen nimmt, ihn Stück für Stück der heiligen Gewänder entkleidet, mit denen geschmückt er vor den Altar tritt, so nimmt uns Frankreich die alten Gebräuche und läßt uns nackt dastehen, oder beschenkt uns gar mit dem Purpurmantel, dem Rohrscepter und der Dornenkrone Christi. O meine schönen altcorsischen Sitten, die Gott segnen möge, wohin seid ihr verschwunden! – Und der Alte bedeckte das Gesicht mit den Händen und konnte vor Thränen nicht weiter sprechen.

Erst nachdem ich ihn lange gebeten, brachte er es über das Herz, mir die alten Gebräuche, deren Untergang er beweinte, zu schildern. – Am Hochzeitstage, sagte er, erwartete die Catalina ihren Bräutigam in dem unteren Zimmer, umgeben von den Frauen des Hauses und der Verwandtschaft. Sie trug die weiße Haube, umwunden mit dem baumwollenen Tuch, von dem zwei Zipfel ihr über die Schultern herabhingen, während die beiden andern ihr wie ein Hahnenkamm überm Kopf in die Höhe standen und auch wirklich so hießen. Um den Hals trug sie einen Kragen von gefältelter Leinwand, die riccia (Krause); die Brust umspannte ein hohes Scharlachmieder, vorn offen und mit Borten und einer Menge seidener Quasten verziert, unter den Borten aber einen Brustlatz von schwarzem Sammet. Ein Prachtstück war das Hemd; denn die Catalina hatte ein ganzes Jahr gebraucht, es vorn an der Brust mit Blumen zu sticken. Vom Mieder abwärts umgab sie der schwarze, vielfältige Rock, hinten mit einigen bunt geflammten Bändern befestigt; ein weißer Unterrock, baumwollene Strümpfe, Schuhe von rothem Korduan.

Der Bräutigam holte sie zu Pferde ab, begleitet von einer Menge bewaffneter Reiter, den mudracchieri oder mogliacchieri. Dieser Brauch schreibt sich, wie ich gehört habe, noch von den Griechen her, und zwar von Sparta, wo man sich stellte, als müßten die Frauen geraubt werden. Das Mädchen, das auf diese Weise in die Gewalt des Mannes gekommen war, wurde der Matrone, die der Hochzeit vorstand, übergeben, von ihr zuerst geschoren und mit hohen Soldatenstiefelchen beschuht, dann bei Nacht mit dem Pallium bekleidet, auf einen Strohhaufen gesetzt, wo der Mann sie dann im Dunkeln suchen mußte, um sie aufzuheben und fortzutragen.

Wenn sie dann das Haus verließen, so warf man aus den Fenstern, versteht sich mit Anstand, Brod und Früchte auf das Brautpaar, was verursachte, daß das zuschauende Volk sich zu raufen anfing, um sich die Gaben aus der Hand zu reißen, und dies nannten sie grazie, und behaupteten, der Gebrauch stamme von den Lateinern. Auch endete damit der sonderbare Platzregen noch nicht. Denn durch alle Straßen, die sie passiren mußten, um in die Kirche zu gelangen, regnete es von Fenstern und Balconen Waizen, Gerste, Nüsse und Mandeln auf die Brautleute herab, begleitet von den hergebrachten Glückwünschen: Gott sende euch gutes Glück und Knaben in die Wiege!

Am Ende des Weges versperrten festlich geputzte junge Bursche, die sich an den Händen angefaßt hielten, die Straße und machten die travata und wichen nicht, bis sich das Brautpaar mit Geld gelöst hatte, was die Sache des Bräutigams war. Hatten sie ihr Geldgeschenk empfangen, so brachten sie dem jungen Paar ein Hoch aus und vertranken die Gabe auf seine Gesundheit. Diese Sitte stammt, nach der Meinung alter Leute, aus dem Mittelalter, wo die Lehnsherrn, bei einer Hochzeit ihrer Vasallen, gegen eine bestimmte Abgabe den Consens ertheilten. So viel ist sicher, daß wir späten Enkel, so viel wir uns abmühen etwas zu erfinden, doch nur immer nachahmen und nichts anderes fertig bringen, als ein Mosaik aus den Brocken und Trümmern der Einrichtungen, die vor unserer Zeit bestanden haben.

In der Kirche setzten sich dann die Brautleute auf geschmückte Sessel, und so lange die Messe dauerte, hielt die Braut einen Knaben, den nächsten Verwandten des Bräutigams, auf dem Schooß, küßte ihn von Zeit zu Zeit und setzte ihm unter Liebkosungen eine buntgesprenkelte Mütze auf, womit gleichsam die künftigen Mutterfreuden angedeutet wurden. Später wird sie auch die Schmerzen der Mutterschaft kennen lernen, aber die kommen zu ihrer Zeit von selbst, ohne daß man sie einem anwünscht, und man soll bei Tische nicht von Todten sprechen Sprichwörtlich: von nichts Traurigem reden, wenn ein Fest gefeiert wird. . Wenn dann die Trauung vorüber war, so nahm das Umarmen und Küssen unter den Verwandten und nächsten Freunden kein Ende, wobei beständig den Neuvermählten zugerufen wurde: Gott schicke euch gutes Glück! – drei Knaben und ein Mädchen!

Sobald sie aus der Kirche traten, näherten sich ihnen zwei Reiter, von denen der eine der jungen Frau den freno überreichte, einen Spinnrocken, an der Spitze mit Bändern und Spindeln verziert, von dem ein weißes Fähnchen herabhing, ein Sinnbild der Fruchtbarkeit, oder, wie ich eher glaube, des Fleißes. Der andere Reiter bot dem jungen Gatten einen Oelzweig, ebenfalls mit bunten Bändern geschmückt und obenein mit Blumen, wonach der, der ihn überreichte, der Blumenreiter hieß.

Zu Hause dann empfingen die Neuvermählten die anderen Geschenke von Verwandten und Freunden, in denen sich weniger Reichthum, als guter Wille und häusliche Thätigkeit aussprachen; so z. B. im Hause gewebte Leinwand, corsische Kleider, und unter den donora, die die Catalina bekam, erregte Aufsehen ein Körbchen voll mit Zwirn besponnener Knöpfe für Aermel und Hemdkrägen.

Der Tisch war nach der Zahl der Speisen nicht überreichlich besetzt, aber alles in großer Menge, und Jedermann konnte sich zu Gast bitten. Nach dem Essen sang der Poet zur Zither, einem Instrument, das uns die Mauren zurückgelassen, als sie die Insel räumten, das Hochzeitslied, und da es nach aller Urtheil vortrefflich war und der Dichter an diesem Tage sich selbst übertroffen hatte, schenkte ihm die wohlhabende und freigebige junge Frau vier Tücher, zwei rothe und zwei blaue. Nach dem Gesang kam die Reihe an das Tanzen. Man begann mit dem trischione, einem Tanz mit gemessenen gravitätischen Pas. Auf den folgte die cerca, die mit Wenigen anfängt, bis immer mehr und mehr Tänzer hinzutreten und die Sache zuletzt außerordentlich rauschend und lustig wird. Zuletzt tanzten die jungen Bursche und Mädchen, die sich auf diese Kunst am besten verstanden und bis dahin bei Seite geblieben waren, die spada und den ladro. Währenddessen tummelte sich vor dem Hause das Volk, das ebenfalls an der Familienfreude Theil nehmen wollte, auf der Wiese herum und tanzte allerlei damals beliebte Tänze, wie die marsiliana, die vita d'oro, die tarantella und die cara scena. – – –

Dies aber, fuhr der Alte fort, waren nur die häuslichen Festlichkeiten. Um sie noch glänzender zu machen, betheiligte sich das Volk außer mit den obenerwähnten Tänzen auch noch mit Illumination, Freudenfeuer und Abschießen kleiner Mörser, masculi genannt, was den Priester Settembre in hellen Zorn versetzte. Ohne daran zu denken, daß ihn ein Schuß treffen könnte, stürzte er mitten unter die Feuernden und schrie wie ein Besessener:

Spart heute euer Pulver, denn ihr könntet es morgen nöthig haben!

Trotzdem hielt man die erwähnten Festlichkeiten noch nicht für genügend zur Verherrlichung einer so preiswürdigen Hochzeit. Die Väter der Gemeinde gingen zu Rath, ob man nicht das Mysterienspiel nach altem corsischen Brauch aufführen solle, und bei der Abstimmung darüber wurde die Frage ohne eine einzige schwarze Kugel bejaht.

Diese Mysterien waren, wie in Italien und in andern Ländern, dramatische Vorstellungen, deren Stoff aus der Legende der heiligen Caterina von Alessandria oder aus dem Märtyrium des heil. Petrus und am häufigsten aus der Passionsgeschichte des Heilands genommen war. Vor den andern Städten Corsicas glänzte Vescovato in der Kunst, solche Schauspiele würdig in Scene zu setzen, aber Lamio, Speloncato und Cateri, muß man gestehen, hielten sich auch ganz wacker. Um aber bei dem unsrigen zu bleiben: oberhalb der Stadt liegt eine sanftansteigende Berghalde, die noch in unsern Tagen mit Oelbäumen, Kastanien und Fichten bewachsen ist, damals aber noch weit dichter bewaldet war. Da fingen nun die Leute an, einige dieser Bäume zu fällen, und das um so lieber, da sie schon so alt waren, daß sie nicht mehr Früchte trugen, und man neue Reiser darauf pfropfen mußte. Auf die in gleicher Höhe abgesägten Trünke wurden Bretter genagelt und so die Bühne hergestellt. Die Bäume an beiden Seiten ließ man stehen, flocht aber, damit die Wände dichter wurden, Fichten- und Lorberzweige hinein, bog dann oben die Wipfel gegeneinander und band sie zusammen, so daß eine spitzbogige Wölbung über der Scene entstand, die sich sehr hübsch ausnahm. Vorn an der Bühne wurden Myrten eingepflanzt, untermischt mit Beeten von Rosmarin, Krausemünze und wildem Lavendel, um auch die Nase zu ergötzen. Kein Baumeister in ganz Italien hätte eine bessere Bühne herzustellen vermocht, als diese von Canari, die so zu sagen die Natur mit eignen Händen aufgebaut hatte.

Noch aber war das Schwierigste übrig: die Costüme zu beschaffen. Aber auch dies gelang endlich, da das ganze Städtchen dazu beisteuerte.

Für Pilatus fanden sich ein Paar Reiterstiefel, schon etwas schadhaft in den Nähten, aber sie konnten angehen. Orticoni gab die Uniform, die ehemals seinem mütterlichen Großvater gehört hatte, einem Hauptmann in der corsischen Leibgarde des Papstes, die auf Befehl Ludwigs XIV. Rom hat verlassen müssen. Um sie noch mehr herauszuputzen, wurden zwei Epauletten aufgenäht, eine von Gold, die andre von Silber; als Kopfbedeckung gab man ihm einen Turban aus bunten Kopftüchern. Ein faltiger Weiberrock, unten, so viel es nöthig war, zusammengenäht, diente als Hose; auf diese Art war Pilatus fertig.

Der Priester Settembre wollte sich weder per fas noch per nefas bequemen, dem Kaiphas eine Kutte zu leihen, und man mußte sich noch glücklich schätzen, daß er sich einen alten dreieckigen Hut abschwatzen ließ. Das aber schien noch zu wenig, um Kaiphas als Priester und vollends als Hohenpriester der Synagoge auszustatten, daher gab man ihm einen langen pfirsichfarbenen Rock, und fügte noch einen Bart aus Ziegenhaaren hinzu; auch das war gut, aber es reichte noch immer nicht. Da schlug einer vor, ihm eine Brille aufzusetzen; als aber ein Anderer bemerkte, in jenen Zeiten habe man noch keine Augengläser gekannt, wollten sie schon verzweifeln. Plötzlich erhob sich der Apotheker und machte den Vorschlag, man solle in corpore zum Priester Settembre gehen, und ihn bitten, ihnen sein Brevier zu leihen. Als der kleine Pfarrer hörte, daß diese Gottlosen daran dächten, dem Kaiphas das Brevier in die Hand zu geben, ergriff er seinen Stock und jagte sie zum Hause hinaus. Zum Glück trafen sie den Notar, der sie mit sich nahm und ihnen aus seiner Bücherei das erste beste Buch gab, und da dies zufällig ein Theil der Rechtsbescheide des heil. römischen Reichs war, waren Alle der Meinung, dies passe noch weit besser als das Brevier.

Königliche Kleider waren, so viel man herumsuchte, in ganz Capocorso nicht aufzutreiben, und so mußte sich Herodes mit einem kastanienbraunen Tuchwamms und schweinsledernen Stiefeln begnügen. Und da ein König ohne Krone sich unmöglich von dem ersten besten Bauern unterscheiden kann, beschloß man, ihm eine Krone von Goldpapier zu geben.

So war für das Schwierigste Rath geschafft; denn die Kleider der Marien machten keine Noth, und was Christus und die Apostel brauchten, war aus Leintüchern und den Unterröcken der Frauen leicht hergestellt.

Nur mit den Engeln kam man übel zurecht. Denn die Stricke, an denen sie wagerecht schwebend über der Bühne erhalten werden sollten, rutschten ihnen unter die Achseln, so daß sie plötzlich senkrecht herunterbaumelten. Und das war noch nicht das Schlimmste. Aber weil sie ihnen ins Fleisch schnitten, erhoben sie beide Arme, so daß es aussah, als hänge der Himmel voll Ypsilons. Auch hielten sie sich nicht ruhig, wie die Engel aus den lithographirten Kreuzigungsbildern, sondern heulten und zappelten entsetzlich. Besser ging es mit den Teufeln. Diese befanden sich unter der Bühne ganz behaglich, und wenn sie hervorspringen sollten, brauchte man ihnen nur einen Wink zu geben, so kletterten sie die Leitern hinauf und erschienen an allen Ecken und Enden, so daß man gestehen mußte, daß bei dieser Gelegenheit, was Gehorsam und Anstand betraf, Engel und Teufel die Rollen getauscht hatten.

Da ich von Rollen spreche, muß ich noch erwähnen, daß auch in dieser Beziehung Schwierigkeiten auftauchten, die die Festordner Blut und Wasser schwitzen machten; und trotzdem hätte sich mit guten Worten noch Alles schlichten lassen, wenn nicht Christus und Judas gewesen wären. Diese beiden waren die Steine des Anstoßes, an denen das ganze Mysterienspiel zu scheitern drohte. Alle nämlich verlangten Jesus Christus darzustellen, und ebenso wollte Keiner sich bequemen, die Rolle des Judas zu übernehmen. Die Guten glaubten, wenn sie den Christus spielten, noch besser zu erscheinen; die Nichtsnutzigen fürchteten in der Rolle des Judas vollends als Bösewichter sich darzustellen. Und freilich konnte man ihnen nicht Unrecht geben. Endlich mußte man sich entschließen, die Rolle des Judas dem bravsten und wohlgesittetsten Jüngling des ganzen Städtchens zu geben, und das war Niemand anders, als Giammatteo, der junge Gatte der Catalina, und die Rolle des Christus seinem Milchbruder, einem wahren Galgenstrick, wenn es je einen gab. Indessen thun wir ihm nicht zu viel. Fedelino Fabrizi hing mit leidenschaftlicher Liebe am Vaterlande, gehorchte seinen Eltern und fürchtete Gott. Aber bei jedem Strohhalm, der ihm zwischen die Füße kam, fluchte er, als sollte die Welt untergehen. Dann galt ihm, einen Menschen umzubringen, nicht mehr als ein rohes Ei zu trinken, obwohl man sagen muß, daß er bis dahin noch Niemand kalt gemacht, nur hie und da einem ein Auge ausgeschlagen oder ein paar Zähne im Munde zerbrochen hatte, der zahllosen Beulen zu geschweigen. Weiter that er aber nichts Arges und war auch selbst nicht leer ausgegangen; denn zum Raufen geht man bekanntlich mit zwei Taschen, eine um auszutheilen und eine um einzustecken.

Nun aber schien von Allen, die dawaren, keiner für die Rolle Jesu Christi weniger geeignet, als Fedelino, seiner körperlichen Erscheinung nach. Ihr kennt den Unterschied, vielmehr den Gegensatz zwischen der Art, wie die Griechen und die Lateiner den Erlöser abzubilden pflegten. Die Lateiner stellten ihn dar an der Grenze des Jünglingsalters, von mittlerer Größe, sehr schön und wohlgebildet, mit sanftem Gesicht, den dünnen Bart und das reiche Haar goldblond. Die Griechen zogen es vor, ihn abschreckend zu machen, blaß und mager mit hervorstehenden Rippen, so daß ich dann und wann in Toscana habe sagen hören: Du bist häßlicher, als ein Christus von Cimabue; denn dieser Meister hat, wie man behauptet, sehr viel von der Manier der Griechen beibehalten. Demnach entsprach Fedelino weder dem lateinischen, noch weniger dem griechischen Typus. Er war ein Christus von ganz frischem Gepräge, drei und eine halbe Elle lang, mit Armen und Schultern, die ganz allein eine Galeere hätten rudern können, die Haut halb schwarz und halb dunkelroth von der Sonnengluth, so daß er recht eigentlich einem Feuerbrande glich, der halb verkohlt ist und halb noch glüht. Seinen Kopf umschattete ein Wald von struppigen Haaren, in denen sich der festeste stählerne Kamm, bei dem Wagestück, sie zu glätten, die Zähne zerbrochen hätte. Von Bart und Augenbrauen sage ich nichts mehr; von seiner Stimme nur so viel, daß, wenn die Andern, um sich weithin vernehmlich zu machen, in ein Horn bliesen, er nur ein Gebrüll auszustoßen brauchte. Das war der corsische Christus.

Prete Settembre hatte zu Fedelino eine ganz närrische Zuneigung, was ihn jedoch nicht hinderte, vielmehr erst recht befähigte, über seinem Betragen zu wachen und ihm dann und wann einen kleinen Denkzettel zu geben, gleichviel wo er hintraf, um ihn auf den Weg des Heils zu lenken.

Das Orchester bestand aus Hörnern, die bei uns colombi heißen, und ich kann Euch versichern, wenn sechzig von solchen Hörnern zusammen einsetzten, richteten sich die Todten, die hier herum seit hundert Jahren begraben waren, in ihren Gräbern auf und dachten, der jüngste Tag sei angebrochen. So fing denn das Schauspiel an, und alles ging ganz vortrefflich zur größten Befriedigung des versammelten Volkes, bis zu der Stelle, wo Judas, begleitet von den Häschern der Priester, im Garten von Gethsemane an Jesus Christus herantritt, um ihn zu küssen. Fedelino, als er den Judas sich gegenüber sah, der eben den Mund dem seinigen näherte, legte ihm die breite Hand auf die Schulter und fragte ihn, der Worte des Schauspiels vergessend, mit dumpfer bebender Stimme:

Wie, Bruder Giovà, könntest du deinen Fedelino verrathen, der dich so lieb hat?

Weder dich, noch sonst Jemand, liebster Bruder, antwortete der wackere Jüngling und fiel ihm mit lautem Schluchzen um den Hals.

Es war klar, daß hierdurch der Zusammenhang des Passionsspiels zerstört worden war und eigentlich nicht weiter gespielt werden konnte. Aber es kam noch schlimmer. Das Unglück wäre nicht so groß gewesen, wenn man im Jahr 1768 Christus die Scheinkreuzigung erlassen hätte, da man ihn die wirkliche sicherlich nicht hätte erdulden lassen. Aber das Schicksal wollte, daß es böse Händel geben sollte, und brachte es dahin auf folgende Weise.

Nuzio Salvatori, der den heil. Petrus spielte, ein leiblicher Vetter des Jesus-Christus-Fedelino, sah Giovansanto Mattei, der den Malchus machte, im Begriff, Jesus anzupacken, und schlug ihm trotz der plötzlichen Sinnesänderung des Judas dermaßen mit einem Prügel über den Kopf, daß er ihn zu Boden streckte. Dessenungeachtet erholte sich Malchus gleich wieder, sprang auf und nannte Simon Petrus den Sohn von Etwas, das ich ehrbarer Weise nicht wiederholen kann, Ihr aber Euch leicht denken mögt. Da rief plötzlich Fedelino, der gegen Malchus noch einen alten Groll hatte wegen eines Mädchens, dem Simon Petrus zu:

Bei der unbefleckten Jungfrau, Nù, schlag doch dem gottverdammten Hund den Schädel entzwei!

Hierüber gerieth Malchus in Wuth und rief giftsprühend:

Ich schwöre dir's zu bei unserm Heiland, Fedè, bilde dir nicht ein, daß ich Respekt vor dir hätte, weil du den Jesus spielst; du hast die Worte zu sagen, wie sie in der Rolle stehn, und nichts weiter, verstanden?

Und wenn ich sagen will, was mir einfällt? wenn ich das sagen will? Dann, Christus oder nicht Christus, sollst du erleben –

Ich?

Ja du, und Jeder der's mit dir hält!

Per dio santo! laß doch einmal sehen, was du thun kannst, Giftspinne!

Damit sprang er mit Einem Satz nach einem mit Blättern zugedeckten Oelbaumstumpf und zog eine Büchse hervor, um sie gegen Malchus, oder vielmehr Giovansanto Mattei, abzufeuern. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht, und der Wirth war der Priester Settembre, der, als Fedelino es am wenigsten erwartete, sich plötzlich über ihn warf, ihn mit den Armen umstrickte, ihm die Büchse entriß und ihn dann mit Fußtritten und Püffen vor sich her nach dem Hause trieb, das Ihr selber vorher gesehen habt. Und glaubt ja nicht, daß Fedelino aus Ehrfurcht vor seinem geistlichen Freunde gutwillig mit sich habe machen lassen. Gewiß trug diese Ehrfurcht dazu bei, ihn zu demüthigen, wie auch die Reue über den Scandal, den er verursacht, und das so schändlich unterbrochene Festspiel. Aber es ist ausgemacht, daß Niemand den wildblitzenden Augen des Priesters, dem Pfeifen, das in der Raserei von seinen Lippen kam, und dem eisernen Griff seiner Hände widerstehen konnte. So stieß er den Burschen in das ganz unbewohnte Haus und schloß die Thür hinter ihm zu. Dann stürzte er hastig nach dem Theater zurück, um Ruhe zu stiften, wenn etwa die Unordnung noch weiter um sich gegriffen hätte, und dies mußte allerdings nur zu sehr geschehen sein, denn schon von ferne sah und hörte er, wie die Leute tobten, heulten, fluchten und mit Angstgeberden durcheinander rannten, vom Sturm der Leidenschaft herumgewirbelt.

Keine Viertelstunde war seit der Einkerkerung des corsischen Christus oder vielmehr Fedelino Fabrizi's vergangen, als der Priester Settembre heftig die Thür aufriß und lärmend und heulend in allen Tonarten ins Haus stürmte.

Fedelino! He, Fedele, Fedele! und da Niemand antwortete, schrie er lauter: Fedele! Fedele! – und da noch Alles still blieb: Fedelino, beim –!

Ein Glück, daß er den Fluch, der ihm schon halb über die Lippen gesprungen war, noch bei den Füßen wieder zurückzog. Der wackere Geistliche schlug sich auf den Mund und fing an alle Winkel zu durchsuchen, fand aber keinen Fedele. Da schoß es ihm durch den Kopf:

Sollte ihn der Teufel entführt haben? Aber gleich darauf tröstete er sich: Ei was! Er schmollt mit mir, weil ich ihn nicht allzu sanft angefaßt habe. Wir wollen eine Zauberformel gebrauchen, die, wenn er nicht schon in der Hölle festsitzt, die Macht haben wird, dem Dämon die Rippen zu brechen und ihn mir frisch und schön wie eine Rose in die Hände zu liefern. – Darauf rief er mit starker Stimme:

Fedè, halte dir nicht die Ohren zu, sondern merke wohl auf die Worte deines Beichtvaters. Ich bringe dir hier das Gewehr, das du eben auf deine corsischen Brüder hast abfeuern wollen; denn die Zeit ist gekommen, es gegen den Feind zu brauchen. Wir rücken auf der Stelle aus gegen die Franzosen. Holla, Fedè, wenn du jetzt nicht hervorkriechst, so werfe ich deine Flinte auf einen Feigenbaum – und die Buben werden sie da sehen – und –

Pfarrer, Pfarrer, nehmt Euch in Acht; der Strick reißt, wenn er zu straff gespannt wird! heulte Fedelino und richtete sich auf in dem Bette, unter dessen Decke er sich versteckt gehalten und sich in aller Muße die Hände zerbissen hatte, daß das Blut daran niedertropfte; ich vergebe Euch die Püffe, denn ich habe schon sonst welche von Euch bekommen – und selbst die Fußtritte, obwohl schwerer, denn die habt Ihr mir noch nie gegeben – aber auch die mögen hingehen; nur daß Ihr mich jetzt noch obenein zum Besten habt, das, bei unserm Herrgott –!

Du sollst den Namen Gottes nicht unnützlich führen, mein Sohn, denn wer weiß, wie bald du vor ihm stehn wirst. Höre mich, Fedele. Du weißt, wie fest wir alle darauf vertraut haben, die Franzosen würden keinen Krieg anfangen. Unser Vertrauen hat uns betrogen. Du weißt auch, daß jedenfalls in vier Tagen der Waffenstillstand zu Ende ging; nun denn, die Franzosen haben Treu' und Glauben in den Koth getreten und unversehens bei Barbaggio die Unsern überfallen.

Und so verhielt es sich wirklich. Der Waffenstillstand ging am 4. August 1768 zu Ende, und am Morgen des 29. Juli griffen die Franzosen plötzlich Patrimonio an. Sie waren 300 gegen 18 stark, der Sieg somit eine leichte Sache, und trotzdem zogen sie bei jenem ersten Zusammenstoß den Kürzern, da auf den Höhen von Montebello der Anführer bei dieser glorreichen Waffenthat, Belaspect, den Tod fand. Am folgenden Tage jedoch rückten die französischen Truppen unter dem Maréchal-de-camp Grandmaison und dem Grafen Marbeuf in starker Zahl und mit hinlänglicher Artillerie gegen die Städte Patrimonio und Barbaggio, die auf der einen Seite die Pässe nach San Fiorenzo und dem Innern der Insel vertheidigen und auf der andern den Weg, der nach Farinole und Nonza und somit nach dem übrigen Theil von Capocorso führt. Die Franzosen blieben freilich Sieger, aber gegen ein Häuflein Tapfrer ohne Kanonen, Munition und selbst ohne Wundärzte. Und man glaubte allgemein, sie würden überhaupt nicht gesiegt haben oder wenigstens mit noch größeren Verlusten, wenn die corsischen Offiziere, die seit lange schon durch Geld und Versprechungen gewonnen waren, ihre Compagnien nicht abgehalten hätten, sich, während der Kampf am hitzigsten tobte, mitten ins Getümmel zu stürzen und dort im Handgemenge Mann gegen Mann den Dolch zu gebrauchen, indem sie ihnen vorstellten, so kämpften Besessene und Barbaren, nicht aber Tapfere und Christen. Die Geschichte nennt unter diesen sophistischen Verräthern einen Folacci; bei weiterem Forschen würde man auch wohl noch die Namen der Andern entdecken; eine thörichte und unwürdige Mühe. Judas hat ein für allemal allen Verräthern seinen Namen hinterlassen, und der genügt.

Ich bemerkte kurz vorher, daß die Corsen keine Wundärzte gehabt hätten, und muß hinzusetzen, auch keine Feldapotheken und kein Verbandzeug. Gerade aber bei der Affaire von Patrimonio trug es sich zu, daß ein französischer Soldat, der den Luigi Calvelli mit offenen Wunden im Todeskampf liegen fand, ihn erst verband (denn mit den Sterbenden haben die Franzosen immer Mitleid, wie auch mit den Todten) und ihn dann fragte: Wie Teufel wagt ihr denn in den Kampf zu gehen ohne Ambulanzen und Chirurgen? Worauf der Corse zur Antwort gab: Wir sterben.

Aber nun zu unserm Canari zurück.

Also Nonza hat sich ergeben? fragte Fedelino hastig.

Nonza hält sich noch, erwiederte der Pfarrer. Der Capitän Giacomo vertheidigt es. Aber was kann er machen mit zwanzig Mann Besatzung und einer einzigen Kanone?

Und warum eilen wir nicht alle ihm zu Hülfe?

Und warum bin ich denn gekommen, mein Sohn, dich aus dem Gefängniß zu holen?

Damit stürzten sie beide aus dem Hause und liefen was sie konnten. Am Ende einer Straße angekommen, immer im hitzigsten Rennen, sagte Fedelino plötzlich zu Prete Settembre, keuchend wie ein Jagdhund:

Herr … ich thue nur noch einen Sprung nach Hause … versteht mich … er ist achtzig alt … falle ich, so bleibt er allein … ohne den Vater noch einmal zu küssen, bringe ich's nicht übers Herz, mitzulaufen … auch muß ich nach Hause, um die carchera zu holen .… aber ich spute mich … lauft nur immerzu, ich hole Euch schon ein.

Geh, mein Sohn, geh! Und der Eine hierhin, der Andere dorthin, rannten sie weiter.

Habt Ihr wohl einmal gesehen, wie ein Heer von Ameisen über einen Kornhaufen herfällt? So ungefähr wimmelte das Volk von Canari durcheinander, Männer und Weiber, Alt und Jung, Priester, Mönche und Laien. Der Bote, der auf einen erhöhten Platz hatte steigen müssen, berichtete von da aus, was geschehen war, ohne etwas hinzuzusetzen oder zu verschweigen. Zwei vollständige französische Regimenter bedrohten Capocorso; andere würden nachrücken; sie führten schweres und leichtes Geschütz mit sich; in geringer Entfernung folgten ihnen starke Reitertrupps. Da berieth sich Herr Giuseppe Barbaggi, ein Neffe des Generals Paoli von der Mutterseite, mit dem Priester Settembre und den anderen Honoratioren von Capocorso, und alle waren der Ansicht, es sei unklug, so viele Menschen ohne Disciplin und ausreichende Bewaffnung gegen den Feind zu führen. Man solle eine Handvoll der Muthigsten in den Thurm von Nonza zu werfen suchen und so die Besatzung desselben verstärken. Inzwischen könne man den General, der in Murato stand, benachrichtigen und auffordern, sich mit einer stattlichen Truppenmacht in Bewegung zu setzen, während die capocorsische Landwehr den Feind durch Guerilla-Angriffe im Schach hielte. Als dieser Beschluß bekannt wurde, war große Bestürzung unter den Canaresen, die darauf brannten, nach dem Ausdruck der heiligen Schrift, aufzustehen wie Ein Mann. Doch mußten sie sich dem Willen der Väter der Stadt fügen. Unter den jungen Leuten wurden hundert ausgewählt, die die flinksten Beine und das wackerste Herz hatten. Da nun die junge Frau Giammatteo's verschwunden war, dachten Einige, sie wäre hingegangen, um Orsoantò und Francè, die man ebenfalls vermißte, zu bitten, daß sie statt ihres Sohnes und Schwiegersohnes einen Andern von denen schickten, die sich dazu erboten; und obwohl Einige darüber murrten, fanden es doch die Meisten in der Ordnung und meinten, man dürfe nichts dagegen einwenden.

Aber wie sehr hatten sich alle geirrt! Fast in demselben Augenblick erschienen die drei Vermißten wieder, die junge Frau, der Vater und der Schwiegervater, und Jeder trug eine Flinte und reichte sie mit aufmunternden Worten dem Giovanmatteo. Dieser aber griff nach der, die ihm die Catalina gab, und sagte lächelnd zu den Andern:

Da ich nur Eine Flinte tragen kann, werdet Ihr mich entschuldigen, wenn ich die nehme, die meine Frau mir reicht.

Die Catalina, die schon ihr ganzes Herz an ihren Giovanmatteo gehängt hatte, legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte das Gesicht gegen ihre Hand und sah zärtlich zu ihm hinauf. Er aber küßte sie gerührt drei- oder viermal auf die Stirn, und ich bin überzeugt, daß die Catalina diese Küsse nicht hergegeben hätte gegen die Sternenkrone um die Stirne der unbefleckten Jungfrau.

All dies, müßt Ihr denken, ereignete sich in kürzerer Zeit, als ich es Euch da lang und breit erzählt habe. Die hundert Auserwählten brachen in vollem Lauf in der Richtung von Nonza auf und ließen denen, die in dem heiligen Schauspiel mitgewirkt hatten, nicht einmal Zeit, die Kleider zu wechseln. An den vorgefallenen Zank wurde nicht mehr gedacht. Christus ging einträchtig neben Malchus, nachdem sie sich umarmt und wieder Freunde, wie zuvor, ja bessere, als zuvor, geworden waren. König Herodes schloß den Zug. Er hatte seine goldpapierne Krone auf einen Baum geworfen und somit sein Kostüm so ziemlich abgelegt. Judas, gleich hinter Herrn Barbaggi, führte den Trupp und befehligte Christus, die Apostel, die Juden und die Römer, sämmtlich mit Pistolen und Flinten bewaffnet, daß es eine Lust zu sehen war.

So waren sie eine Strecke weit gekommen, als ihnen, da sie eben um den schwarzen Felsen bogen, Angiolomaria Tommasi, Antonfili Padovani, Giancarlo Dominici und Decio Santelli begegneten, lauter gute Freunde und einige auch verwandt mit denen, die eben aus Canari gezogen kamen. Da man wußte, daß sie zu der Besatzung von Nonza gehörten, war der Schrecken groß, als man sie plötzlich vor sich sah, und wie aus Einem Munde rief Alles:

Nonza ist genommen?

Nein, es ist noch nicht genommen, erwiederten die Vier.

Wie aber kommt ihr denn hieher?

Und ihr – wohin wollt ihr?

Wir? Nach Nonza – nach Nonza!

Gut, so gehen wir mit euch und erzählen euch unterwegs, aus welchen Gründen wir uns entschlossen haben, den Thurm zu verlassen.

Da fing nun Decio Santelli, der den Spitznamen Sfinimento (Ohnmacht) hatte, an zu erzählen, wie der Capitän Giacomo in festem Vertrauen auf den Waffenstillstand seit lange schon den Thurm mit Kriegsmunition hinreichend ausgerüstet, was aber den Mundvorrath betrifft, bis zum 28sten Juli damit gezögert habe, ihn zu erneuern, zumal Wasser herauf bringen zu lassen, da man oben keine Cisterne hatte. Am Abend dieses 28sten habe er vierzehn Mann fortgeschickt, um Holz, Wasser, Brod und Mehl herbeizuschaffen. Am 29sten aber, gegen Abend, sei der Feind gekommen und habe dem Thurm gegenüber Posto gefaßt, so daß Niemand mehr hinaus noch herein konnte und sie mit zwei Broden und einem Maßkrug voll Wasser eingeschlossen waren. Unzweifelhaft hatten Leute, die der Oertlichkeit genau kundig waren, die Feinde geführt, vielleicht Franzosen selbst, die seit einiger Zeit sich hierherum aufgehalten hatten, aber für wahrscheinlicher hielten sie es, daß Corsen, ein ewiger Schandfleck für ihr Vaterland, die Verräther gewesen seien. Als es Nacht geworden, hätten Einige von ihnen den Versuch gemacht, sich aus dem Thurm zu schleichen; da sie aber gesehen, wie die feindlichen Wachen in starker Anzahl draußen vor der Ringmauer und um die Pforte standen, die nach der Stadt hinunterführt, hätten sie sich überzeugt, daß jeder Versuch zur Rettung vergeblich sei. Nachdem nun die sorgfältige Recognoscirung die unabwendbare Gefahr festgestellt, rief uns Capitän Giacomo in sein Zimmer – nur Antonfili Padovani stand draußen Schildwach – ließ uns um den Tisch herum niedersitzen und redete uns folgendermaßen an:

Soldaten! Die Kriegsgesetze verpflichten einen Festungscommandanten, wenn ihm ein ähnliches Unglück begegnet, wie jetzt mir zugestoßen ist, den Kriegsrath zu versammeln und seine Meinung anzuhören, eh er die entscheidenden Beschlüsse faßt. Dies ist es, was ich jetzt zu thun gedenke, darum hört mich aufmerksam au, damit, wenn ihr mir hernach antwortet, wie es tapfern Männern eures Schlages geziemt, ich auf euern Beirath meine Entschließung gründen kann. Daß wir die Festung nicht halten können, scheint mir klar, und dies hier (dabei wies er auf das halbe Brod, das auf dem Tische geblieben war, und stürzte den Krug um, aus dem kein Tropfen Wasser mehr floß) genügt, es zu beweisen. Aber wenn wir nicht im Stande sind, den Thurm zu vertheidigen, so können wir etwas Anderes thun, was uns eben so viel Ehre, als dem Vaterlande Nutzen bringt. Wir schlagen uns morgen, so lange wir können, und wenn dann die französischen Grenadiere, gleichviel, ob Bresche geschossen ist oder nicht, in Sturmcolonne vorrücken, lasse ich sie ruhig heraufsteigen, und sobald ich sehe, daß der größere Theil oben ist, stoße ich in mein Horn, und du, Vetter Giancarlo, legst bei diesem Zeichen die Lunte an die Pulverkammer und wir gehen sämmtlich zu unserm Herrgott ein, der, denk ich, uns mit offnen Armen empfangen wird.

Hier machte Capitän Giacomo eine Pause, schnäuzte sich und fuhr dann fort:

Die Sache erscheint mir nach allen Seiten so vortheilhaft für alle Theile, daß es eigentlich überflüssig ist, noch ein Wort darüber zu verlieren. Aber da ich als euer Vorgesetzter dazu verpflichtet bin, will ich trotzdem noch Einiges hinzufügen. Wir werden, wenn wir auf diese Art in die andere Welt gehen, einen Vortrab von tausend Franzosen haben, so daß man uns drüben gleich für große Herren halten wird. Freilich werden wir uns bald wieder von ihnen trennen, da sie zur Hölle fahren werden, wie alle gottlosen und bestialischen Seelen, die danach gestrebt haben, schuldlose Völker in Ketten zu legen, und wir werden ins Paradies eingehen; denn wahrhaftig, wenn das Paradies sich nicht öffnen wollte für die Seelen derer, die nach tapferem Kampf für das Vaterland gestorben sind, so wüßte ich nicht, wer hineinkommen sollte. Und merkt wohl auf, Kinder: wenn es anginge, daß man nie stürbe und nie alterte, so würde ich weniger flink bei der Hand sein, euch zuzureden, wie ich thue. Aber was wollt ihr? Früher oder später muß Jeder sterben, so daß, wenn ihr rasch sterbt, ihr denken könnt, ihr habt es hinter euch, und schon das Sprichwort sagt, daß Gott die lieb hat, die er frühzeitig zu sich ruft. Nun also, ehe wir unsere Seelen dem Tode überliefern, mittelst einer Kolik, oder eines Hustens, oder eines Seitenstechens, oder kurz irgend eines der tausend Uebel, die einen in seinem Bette langsam zerreiben, wie den Pfeffer im Mörser: ist es nicht viel schöner, viel rühmlicher, viel lustiger, mit einem Knall gen Himmel zu fahren, als wenn man auf Engelsflügeln hinaufgetragen würde? Ja wohl, das ist hundert, das ist tausendmal besser. Aber, werdet ihr sagen, wir haben Frau und Kinder. Nun, und was thut das? Fürchtet ihr etwa, daß sie in die weite Welt getrieben werden? Ist es nicht ein heiliger alter Brauch bei uns, am Sonntag den Wittwen und Waisen ihren Acker zu bestellen? Und wahrhaftig, keine Sonntagsruhe, denk' ich, ist vor Gott so verdienstlich wie diese Arbeit. Für Einen Vater, den eure Kinder verlieren, erhalten sie so viele Väter, als Corsen euch überleben werden. Dann können wir auch darauf rechnen, daß unsere Bildnisse im Saal des Großen Raths zu Corte an der Wand aufgehängt werden; denn so hat es der General befohlen für Alle, die im Kriege fallen, und das wird ausgeführt werden, sobald er Geld und Corsica Maler hat. Bis dahin wird uns der Priester alle Sonntage nach dem Evangelium verlesen – versteht ihr? Gleich hinter dem Evangelium wird man unsere Namen nennen, und welche Ehre das für unsere Familien und für uns selbst sein wird, das seht ihr ein. Das ist aber noch nicht Alles. Eure Söhne erlangen das Recht, an der Universität gratis unterhalten und unterrichtet zu werden, so daß, wenn sie Jura studiren, und vorausgesetzt, daß sie Salz im Schädel haben, sie berühmte Rechtsgelehrte werden können; oder besser, sie studiren Theologie, die bekanntlich auch den demüthigsten Priestern den Weg bahnt zu den höchsten geistlichen Würden, ja selbst zum päpstlichen Stuhl. Ergo, aufgepaßt, denn ich ziehe den Schluß: was ich euch vorgeschlagen, ist so hochherzig, daß ihr es loben, und so vortheilhaft, daß ihr es thun müßt, und da ihr unmöglich einen besseren Rath ersinnen könnt, so dispensire ich euch davon, euch noch ferner den Kopf zu zerbrechen. Der Kriegsrath ist hiermit zu Ende, und es ist abgemacht, daß wir morgen in aller Liebe und Eintracht in die Luft fliegen werden.

Darauf schickte er uns fort, und dies war der Kriegsrath des Capitän Giacomo Casella.

Wir gingen nun in unser Quartier im Erdgeschoß, setzten uns dort auf die Bänke um den Tisch, stützten die Arme darauf und ließen den Kopf in die Hände sinken, um zu schlafen. Aber der Gedanke an den bevorstehenden Luftsprung scheuchte uns den Schlaf, und überdies hörten wir beständig über uns das Aufstoßen des hölzernen Beines, mit dem unser Capitän unruhig den Saal auf und abging. Endlich hörte das auf, und wir konnten schließen, daß der Alte ein wenig eingenickt sei.

Ich war's, der da zuerst den Kopf aufrichtete und sagte:

Schlaft ihr?

Einstimmig antworteten die Kameraden:

Schlafen? Wo denkst du hin? Wenn einem das im Kopf herumgeht!

Also hat euch die Rede unseres Capitäns nicht eingeleuchtet?

Und Einer sagte:

Ich kaue daran, aber ich bringe sie nicht hinunter.

Und ein Andrer:

Ich getraue mir nicht, die Gründe auseinanderzusetzen, weshalb sie mir nicht einleuchtet, aber so viel ist gewiß, ich bin ganz und gar nicht derselben Meinung.

Das will ich glauben, versetzte ich, und ich will euch auch sagen, weshalb dieser Beschluß weder euch, noch mir, noch irgend Jemand, der weiß, das die Elf nach der Zehn kommt, gefallen kann. Den Thurm können wir nicht vertheidigen, das ist klar, also ist das Beste, was wir thun können, genau das, was Capitän Giacomo vorgeschlagen hat, ihn in die Luft zu sprengen mit so viel Franzosen, als wir nur irgend hereinlocken können. So weit sind wir mit unserm Alten einverstanden. Aber hier theilen sich die Wege. Pro primo: um Feuer in die Pulverkammer zu werfen, braucht man nur die Lunte daranzulegen, oder die Asche seiner Pfeife drüber auszuklopfen, oder mit dem Stahl an den Feuerstein zu schlagen, und zu all diesen Operationen genügt ein einzelner Mann, unser aber sind mehr, so daß ich weder die Nothwendigkeit noch den Nutzen einsehe, fünf Mann statt Eines zu opfern. Bei allen Geschäften ist Sparsamkeit eine löbliche Tugend; warum sollte bloß da, wo es sich um das Leben handelt, die Verschwendung ruhmwürdig sein? Zweitens steht unser Spiel mit dem des Capitäns nicht gleich. Er hinkt und kann nicht einmal mehr zu Pferde ins Feld rücken; wir dagegen besitzen, Gott sei Dank, Beine wie die Mufflons, und man konnte uns nichts Schlimmeres anthun, als uns dazu verdammen, hinter einer Mauer zu kämpfen. Drittens hat der Capitän ein Bein und Gott weiß wie viel Knochen und Fleisch weniger und wie viele Jahre mehr, als wir, so daß er, da er dem Tode schon so viel auf Abschlag vorausbezahlt hat, mit Wenigem die Rechnung ganz berichtigt, während wir uns noch ganz und heil, jung und rüstig fühlen und daher, ehe wir sterben, suchen müssen, jeder nach seinen Kräften dem Vaterlande zu dienen. Wer spät und ungern Schulden bezahlt, den hält man für einen Betrüger; aber für einen guten Haushalter wird man den nicht halten, der darauf brennt, vor der Zeit zu bezahlen. Endlich hat Corsica nicht so viel Soldaten, um damit verschwenderisch umgehen zu können, vielmehr muß es jeden Blutstropfen zu Rathe halten, wenn es mit Gottes Hülfe siegen will, oder, wenn Gott es anders beschlossen hat, wenigstens mit Ehren in einem Kriege unterliegen, den es gegen ein 258mal größeres Volk, als es selber ist, zu führen hat. Und darum schwöre ich in demselben Augenblick, wo ich mich weigere, mein Leben nutzlos wegzuwerfen, hier vor euch einen feierlichen Eid, daß ich das Angesicht meiner Kinder nicht eher wiedersehen will, als bis der Krieg zu Ende ist. Wenn ich fallen sollte, so werdet ihr sie als eure Kinder ansehn; wenn ihr sterben müßt und ich leben bleibe, so sollen eure Kinder die meinen werden. Siegen wir und kommen mit dem Leben davon, so wollen wir die Tage, die Gott uns schenkt, mit den Unsrigen genießen: Werden wir aber besiegt und bleiben dennoch am Leben, so wollen wir uns zu Hause mit unsern Kindern einschließen und die verlorene Freiheit beweinen.

Die Andern stimmten mir bei und verpflichteten sich ebenfalls eidlich, dasselbe zu thun. Dann fuhr ich fort:

Dies Alles wollen wir aufschreiben und dem Capitän hinterlassen, daß er nicht etwa auf den Einfall kommt, uns für feige zu halten. Wenn wir uns drüben in jener Welt wiedersehen, möchte ich nicht von ihm schief angesehen werden. Während ich den Brief schreibe, zieh du dir die Strümpfe aus, Angiolomaria, und gehe hinaus auf den Wall, um Antonfili das Alles mitzutheilen. Nimm dich aber ja in Acht, keinen Lärm zu machen; denn wenn der Capitän aufwacht, dann gute Nacht, Jesus! das Oel ist theuer. Hernach schleppt zusammen, was ihr irgend an Stricken auftreiben könnt, bindet sie fest an einander, macht von Elle zu Elle einen Knoten und steckt ein Stück Holz, oder besser zwei, durch die Oeffnung, daß man sich daran festhalten kann. Geht und besorgt das so schnell und so leise als ihr könnt.

Um zwei Uhr nach Mitternacht war Alles fertig. Den Brief für den Capitän ließen wir auf dem Tisch liegen, schlichen uns baarfuß hinaus, tappten durch die stockfinstere Nacht und verließen eilig den Thurm. Wir hatten ein dickes Scheit Holz quer durch ein Loch am obersten Ende des Felsens gesteckt und unser Seil daran befestigt, und fingen nun an hinabzuklimmen, uns festhaltend mit Händen und Füßen, die wir zur Vorsorge mit Lappen umwickelt hatten, damit sie der Strick nicht zerschnitte. Ein Glück, daß die Nacht so dunkel war. Denn wenn wir nur handbreit gesehen hätten, so hätte die furchtbare Höhe, in der wir wie Spindeln am Felsen herabhingen, uns schwindlig gemacht und wir wären sicherlich kopfüber auf die Klippen hinabgestürzt. So aber kamen wir wohlbehalten ins Meer hinunter und erreichten schwimmend ohne große Mühe das Ufer, und von da machten wir uns nach Canari auf den Weg, um uns mit der Landwehr von Capocorso zu vereinigen und mit besseren Aussichten, als hinter unserer Mauer, den Krieg wieder aufzunehmen.

Du sprichst wie ein gedrucktes Buch, bemerkte jetzt der Priester Settembre. Kann sein, daß ich mich täusche, aber du bist zu flink mit der Zunge, um hernach eben so rüstig mit den Armen zu sein.

Per Dio santo, brach Fedelino los, nach meiner Meinung hat Capitän Giacomo Recht gehabt; es war besser, zu sterben …

Das versteht sich, unterbrach ihn Decio, die Thaten müssen erst die Worte bekräftigen, und darum haben wir euch gebeten, uns mitzunehmen.

Wir haben keine Flinten für euch.

Schadet nichts; wir haben unsre Messer, die reichen hin, um den Capitän zu rächen und als Männer zu sterben.

Nun marschirten die Corsen vorwärts, hüteten sich aber wohl, das steile Ufer hinabzuklettern bis an den Hafen, um dann die Stufen, die nach Nonza führen, zu erklimmen. Das hätte sie verrathen und wehrlos dem Feuer der feindlichen Geschütze und Musketen preisgegeben. Sie wählten das Klügere und erstiegen in zerstreuten Häuflein den Bergkamm, der die Stadt Nonza beherrscht. Es wehte ein lebhafter Westwind und reinigte ringsum die Luft, so daß man die kleinsten und fernsten Gegenstände deutlich sehen und das leiseste Geräusch von der Seite des Meeres vernehmen konnte. Wie staunten daher die Canaresen, als sie das corsische Banner noch immer unbesiegt auf dem Thurm von Nonza wehen sahen und gar aus den Schießscharten ein beständiges Feuern hörten. Vorsichtig Schritt vor Schritt sich nähernd, gelangten sie endlich, ohne daß die Franzosen eine Ahnung davon hatten, zu den ersten Häusern des Städtchens, und hörten von da auf die Stimme des Capitän Giacomo, der wie ein Besessener brüllte:

Bei der allerheiligsten Jungfrau, sputet euch, Kanoniere! … flink das Stück wieder geladen! … vorwärts, Erminio, vorwärts Chiucchiutello, haltet euch tapfer! Und ihr Andern an die Musketen! Per Dio, wie lange braucht ihr, um die Böller auf die Lafetten zu heben? … Feuer!

Die Kanone blitzte, donnerte, und der Schuß war so wohlgezielt, daß die Kugel gerade die oberste Zinne der Umfassungsmauer wegriß, hinter der die französischen Grenadiere ihre Angriffscolonne bildeten. Einige wurden getödtet und eine große Menge von den heftig herumgeschleuderten Steinen schwer verwundet.

Noch einmal geladen, hörte man wieder Capitän Casella brüllen, und diesmal mit Kartätschen! Aber ihr gebt erst Feuer, wenn der Feind halbwegs heran ist, nicht früher, hört ihr? Jetzt an die Musketen, und feuert wie ihr wollt! Vorwärts, Pilone! Jetzt du, Ricciuto! Und du, Panicaccio, wie hältst du dein Gewehr?

Und die Schüsse klangen einer nach dem andern und unterhielten ein prachtvolles Rottenfeuer.

Ha, ihr elenden Judas Ischarioths, wie habt ihr uns vorlügen können, Capitän Giacomo sei allein geblieben?

Wir fallen aus den Wolken, antworteten Decio und seine Kameraden ganz kleinlaut. Er ruft Menschen, die wir nicht kennen, und die wir nie unter uns gesehen haben.

Das werden wir später aufklären, sagte der Priester Settembre finster. Indessen, Kinder, schleicht ihr Andern euch so nah als möglich heran. Schießt nicht, eh' ich euch das Zeichen gebe; dann alle auf einmal. Jeder wähle sich seinen Mann, und dieser Mann sei ein Kind des Todes. Die Andern laßt gehen, haltet nur auf die Grenadiere und wartet, gerade wie Capitän Casella commandirt hat, bis die Angriffscolonne den halben Weg zurückgelegt hat und eben Sturm laufen will.

In der That rüsteten sich die Franzosen zum Sturm, als schämten sie sich, nach den Regeln der Kunst erst Bresche zu schießen in einen armseligen Thurm, der, wie sie muthmaßten, von dreißig, höchstens fünfzig Mann vertheidigt wurde. Auch war der Maréchal-de-Camp, Graf von Grandmaison, der seiner Zeit für einen ritterlichen Officier galt, nicht mit ausgerückt, als ob er es unter seiner Würde hielte, sich gegen Nonza seiner ganzen Uebermacht zu bedienen, oder des Glaubens sei, viel Ruhm sei hier nicht zu holen.

Die Canaresen indessen sahen von der Höhe herab, wie die Sturmcolonne gebildet wurde, die Grenadiere sich fertig machten, loszubrechen, die Sturmleitern in Bereitschaft gesetzt wurden. Das Herz klopfte ihnen in der Erwartung der letzten Entscheidung. So standen sie, den Finger am Drücker, das Gesicht an den Kolben geschmiegt, ein Auge zugedrückt, das andere über das Rohr hin nach einem der feindlichen Soldaten zielend. Nach dem letzten aus dem Thurm abgefeuerten Schuß, der die Franzosen so übel zugerichtet hatte, blieb, das sahen sie klar, nichts anderes übrig, als zu sterben, jedoch den Fall Nonza's zu einem Denkmal des Schreckens für den eidbrüchigen Feind zu machen.

Als aber die Thorflügel der untersten Umfassungsmauer unter den Aexten der Stürmenden einbrechen, da plötzlich schreitet – ein seltsamer Anblick! – der Capitän Vaudemont in Begleitung eines einzigen Tambours hindurch und nähert sich dem Thurm fünf bis sechs Schritte weit, die ihm verhängnißvoll werden konnten. Dann schwenkt er ein an der Spitze seines Degens befestigtes weißes Fähnchen und bleibt stehen, wie um die Antwort zu erwarten. Nach einiger Zeit sah man an dem Pfahl auf der Spitze des Thurms, der die corsische Fahne trug, ebenfalls ein weißes Fähnchen aufhissen. Sogleich begann Capitän Vaudemont, immer von seinem Tambour begleitet, den Abhang frei und frank hinanzusteigen und wäre bis unmittelbar unter den Thurm vorgedrungen, wenn ihn nicht eine Stimme von oben angerufen hätte, daß er wie eine Bildsäule stehen blieb:

Halt! Wer da?

Parlamentär Seiner allerchristlichsten Majestät.

Was will der Parlamentär Seiner allerchristlichsten Majestät von mir?

Oeffnet den Thurm, so will ich Euch die Botschaft mittheilen.

Den Thurm werde ich nicht öffnen. Meine Ohren sind Gott sei Dank noch scharf genug, um Euch zu hören, und meine Stimme laut genug, um mich verständlich zu machen. Habt also die Güte, von da ans zu sprechen, wo Ihr steht.

Nicht doch; das wäre für uns Beide unbequem, um so mehr, da es hier windig ist. – Und Capitän Vaudemont setzte dreist seinen Weg fort, ohne sich an Capitän Casella's Worte viel zu kehren.

He, Capitän, rief es da wieder vom Thurm, was für ein Spiel spielen wir eigentlich? Nur noch einen Schritt vorwärts, und Ihr seid ein Mann des Todes.

Meint Ihr? Das ändert die Sache. Da es Euch so beliebt, werde ich von hier aus sprechen, Commandant.

Daran werdet Ihr gut thun, Commandant.

Herr Commandant, der Herr Graf von Grandmaison, Maréchal-de-Camp Seiner allerchristlichsten Majestät, getrieben von dem Wunsch, unnützes Blutvergießen zu ersparen –

Schon gut! schon gut! Von wann datirt diese Menschenfreundlichkeit? Konnte Euch das nicht früher einfallen, eh' Ihr gegen den beschworenen Vertrag unsere Posten in Patrimonio und Barbaggio angrifft?

Wir haben überlegt, daß wir zwölf Kanonen besitzen und Ihr eine einzige, und daß wir 4000 Mann haben und Ihr höchstens fünfzig. Aber ich bin nicht hergekommen, um zu streiten, sondern um meine Botschaft auszurichten, darum hört mich an. Wie ich also gesagt habe, um Blutvergießen zu vermeiden, bietet man Euch an, zu capituliren.

Und wenn ich mich weigerte?

So würden wir den Thurm mit Gewalt nehmen und Euch und die ganze Besatzung behandeln wie Leute, die aus tadelnswürdiger Hartnäckigkeit eine verlorene Sache vertheidigen gegen alle Regeln der Kriegskunst.

Wirklich? Ihr würdet mich dafür strafen? Schön! Und wenn mir's nun zum Beispiel einfiele, Feuer in die Pulverkammer zu werfen und Euch und Euern Kameraden den Thurm von Nonza auf den Hals zu schicken, hättet Ihr wohl die Gewogenheit, Capitän, mir zu sagen, welche Strafe Ihr mir dann dictiren würdet?

O, das werdet Ihr nicht thun, das könnt Ihr nicht thun …

Laßt doch hören, warum ich das nicht thun könnte. Das möcht' ich doch wissen.

Das würde man nicht mehr ehrlichen Krieg nennen. Dergleichen geschieht nur bei barbarischen und uncivilisirten Völkern.

Ich verstehe. Um nicht in den Ruf von Barbaren zu kommen, sollen wir uns vertheidigen, wie es Euch hochcivilisirten Herren bequem ist, die Ihr uns überfallt, um uns unserer Freiheit zu berauben.

Herr Commandant, Ihr seid, wie ich gern glauben will, hinlänglich in der Kriegsgeschichte bewandert, um zu wissen, daß die ersten Feldherrn der Welt keine Schmälerung, vielmehr eine Erhöhung ihres Ruhmes dadurch gewonnen haben, daß sie unter ehrenvollen Bedingungen Festungen übergaben, die nach allen erprobten Kriegsregeln nicht zu halten waren.

Nun gut, ich gehe, pflichtgemäß erst meinen Kriegsrath zu hören. Ihr rührt Euch indessen nicht von der Stelle und wartet, bis ich wiederkomme.

Nachdem eine Zeit verstrichen war, die dem Capitän Vaudemont lang schien und es in der That auch war, sah man den Kopf des Commandanten Casella über die Brustwehr des Zinnenkranzes auftauchen und die Unterredung folgendermaßen wieder aufnehmen:

Der Kriegsrath hat noch nichts beschlossen. Er erklärt, erst die Bedingungen der Capitulation hören zu wollen.

Fordert nur! Der Herr Marschall hat mir aufgetragen, Euch zu erklären, daß er seinerseits geneigt sei, Euch so viel als möglich entgegenzukommen. Er bittet Euch aber, nichts Uebertriebenes zu verlangen.

Danke! Das heißt, die Mütze will er uns nehmen, aber die Haare lassen. Teufel auch! Schlimmer könnten's einem die Wilden nicht machen.

Kurz und gut, wollt Ihr nun Eure Bedingungen sagen oder nicht?

Nur gemach mit Eurer furia francese! Erstens also: die Besatzung wird ausrücken, den Trommler voran, mit wehender Fahne und allen anderen kriegerischen Ehren.

Zugestanden.

Zweitens: die Besatzung behält ihre Waffen und ihr Gepäck.

Zugestanden.

Drittens: die Besatzung und Alle, die zur Vertheidigung des Thurms von Nonza die Waffen ergriffen haben, werden gehen oder bleiben können, ohne sich zu irgend etwas zu verpflichten.

Das kann nicht zugestanden werden.

Dann wird nichts daraus. Hinunter von der Esplanade! Und der Kopf des Alten verschwand oben hinter der Brustwehr.

Aber Capitän Vaudemont rief ihn zurück.

Herr Commandant, he, Herr Commandant, so hört doch erst! Wenn es nicht in meiner Macht steht, diesen Punkt zu bewilligen, so heißt das, daß ich erst darüber an meinen Vorgesetzten berichten muß, nicht aber, daß er ein für allemal abgeschlagen sei. Sprecht nur weiter.

Viertens also: der Herr Maréchal-de-Camp, Graf … Graf .… von was ist er doch Graf?

Von Grandmaison.

Von Grandmaison also, hindert die Besatzung nicht, alles Kriegsmaterial, wie Kanonen, Munition u. s. w., und allen Proviant mitfortzunehmen.

Auch das sei zugestanden.

Fünftens: der Herr Marschall liefert Pferde, Saumthiere und Wägen, um die Waffen, Kanonen, kurz alles; was im vierten Punkt erwähnt worden ist, ins Hauptquartier nach Murato zu transportiren.

Diesen Punkt kann ich nicht bewilligen.

Nun, Herr, so ist's weiter kein Schade. Geht, und wir nehmen das Feuer wieder auf.

Nicht doch, nicht doch! Ich will gehen und den Herrn Marschall davon in Kenntniß setzen und in Kurzem mit der Antwort wieder hier sein.

So geht.

In zehn Minuten bin ich zurück; und ich hoffe die Sache so rasch zu erledigen, daß ich einstweilen den Tambour hier lasse.

Nehmt ihn nur lieber mit. Es eilt gar nicht. Geht und bleibt fort, ganz nach Eurer Bequemlichkeit.

Rasch, wie er versprochen hatte, kehrte der Capitän zurück, erklärte aber in einer Sündfluth von Worten, die zwei Punkte könnten nicht bewilligt werden. Der Herr Graf bäte den Herrn Commandanten, ihn zu entschuldigen und zu bedenken, daß man ihn, da ihm eine solche Uebermacht zu Gebote stehe, scharf tadeln, vielleicht sogar vor ein Kriegsgericht stellen würde, wenn er der Besatzung gestattete, während dieses Krieges noch ferner gegen die Soldaten des Königs zu dienen. Was die Lieferung von Transportmitteln für die Munition, die Waffen und das Kriegsmaterial betreffe, so sei das nicht nur ganz ungewöhnlich, sondern auch gegen die Regel. Denn sicherlich werde der Herr Commandant das alte Sprichwort kennen, das auch im bürgerlichen Leben gebraucht werde: man solle nicht die Waffen holen aus dem Hause seines Feindes. Und dann Redensarten, Schmeicheleien und Naseweisheiten, die kein Ende nehmen wollten.

Der Capitän Giacomo hörte das Alles ruhig mit an und antwortete mit strenger Miene:

Herr Parlamentär, hört jetzt, was ich zu sagen habe. Ich will dem Herrn Grafen beweisen, wer von uns den ehrlichen Wunsch hat, unnützes Blutvergießen unter Christen zu vermeiden. Von den beiden Punkten, die er abgelehnt, soll er einen annehmen, den andern nicht. Wenn er seine Ehre zu wahren hat, so hab ich es nicht minder, um so mehr da er jung ist, und ich, alt wie ich bin, die Scharte nicht wieder auswetzen kann. Er möge auch bedenken, daß er siegt und ich unterliege, und daß ich ihm mit diesem Thurm den Schlüssel von Capocorso ausliefere. Er nehme den fünften Punkt an, und ich verzichte auf den dritten und verpflichte mich mit meinem Ehrenwort, daß die Besatzung des Thurmes während des ganzen Krieges weder auf der Insel noch außerhalb die Waffen gegen die Soldaten Frankreichs führen wird. Geht jetzt, und wenn Ihr binnen einer halben Stunde nicht mit der Antwort zurück seid, so seht zu, wie Ihr am besten fahrt, denn ich schwöre Euch bei der unbefleckten Jungfrau, daß ich Euch den Thurm mit Allem, was darin ist, über den Hals schicken werde.

Der Capitän Vaudemont wollte noch markten und feilschen, nach der Art der Franzosen, die fast alle etwas Knausriges haben, aber Capitän Giacomo deutete ihm mit einer Geberde an, daß er nur gehen solle, und verschwand dann von der Brustwehr.

Es war nur allzuwahr, daß der Thurm von Nonza als der Schlüssel von Capocorso betrachtet werden konnte; und theils aus diesem Grunde und aus Furcht, daß jeden Augenblick zahlreiche Entsatztruppen von den Bergen heruntersteigen möchten, theils aus dem Wunsch, den gesunkenen Muth der Franzosen wieder etwas zu heben, da sie in diesen ersten Treffen sich immer nur blutige Köpfe geholt hatten, wartete Graf Grandmaison mit größter Spannung auf die Rückkehr seines Parlamentärs. In seiner Ungeduld näherte er sich der Stadt und wählte sein Standquartier im Erdgeschoß des Hauses, das heute noch steht, an der Ecke des Platzes und der Straße nach Farinole. Sobald er Capitän Casella's Ultimatum vernommen hatte, that er, als überlege er die Sache noch ein wenig bei sich selbst, und bewilligte dann Alles unter der Bedingung, daß man sich spute.

Capitän Vaudemont war gewiß ein tapferer Soldat, und wenn ihm die Erstürmung des Thurmes befohlen worden wäre, wäre das nicht sein erstes Probestück gewesen, wie er sich denn auch im ferneren Verlauf des Krieges sehr wacker hielt. Dennoch entgehen auch die Muthigsten, wenn sie es mit Ehren können, gern der Gefahr, eine Kugel in den Kopf zu bekommen oder unter einem Regen von Steinen, deren jeder tausend Pfund wiegt, elend begraben zu werden. Daher kehrte er fröhlich nach dem Thurm zurück, schon von ferne rufend und sein Tuch schwenkend.

Bewilligt! Alles bewilligt!

Alsbald tauchte Capitän Giacomo oben wieder auf, mit finsterem Gesicht, aber seine Stimme klang ganz ruhig, als er erwiederte:

Nun gut. Erst aber, Parlamentär, wollen wir zur Verhütung aller Mißverständnisse noch einmal Punkt für Punkt …

Unnöthig. Mißverständnisse können nicht eintreten.

Sehr wohl können sie's. Amici cari, putti chiari Gute Freunde, bündige Verträge.. Ihr seid jung, und ich bin alt, und ich weiß aus Erfahrung, daß man mit den Herren, die die Macht haben, nicht vorsichtig genug verfahren kann. Recapituliren wir also! Die bewilligten Punkte sind: die Besatzung zieht ab mit allen kriegerischen Ehren; sie behält Waffen und Gepäck; unter der Bedingung, im gegenwärtigen Kriege nicht gegen Frankreich zu kämpfen, kann die erwähnte Besatzung von Nonza frei hingehen, wohin sie will; sie darf Waffen, Munition, alles Kriegsgeräth und Geschütz mitnehmen; der Feind liefert ihr binnen einer Viertelstunde Pferde, Maulthiere und Transportwägen. Verhält sich's so? Ist das abgemacht?

Abgemacht.

Und Herr Graf von Grandmaison, Marschall Seiner allerchristlichsten Majestät, erklärt als Edelmann und auf sein Ehrenwort als Soldat, daß er Vollmacht hat, diese Capitulation abzuschließen und alle Punkte ehrlich auszuführen, ohne jegliche Ausflucht, Hinterlist oder Rabulisterei?

Commandant! erwiederte Capitän Vaudemont und machte eine Bewegung, als wolle er die Hand an den Degen legen; dies übermäßige Mißtrauen streift nachgerade an die Grenze der Beleidigung.

Es ist meine Gewohnheit, bei Allem, was ich thue, bedächtig zu Werk zu gehen. Beleidigen will ich Niemand. Laßt Euren Degen nur in der Scheide, denn bis hier herauf reicht er doch nicht. Gelobt Ihr nun, ja oder nein, Alles zu halten, was ich hier aufgezählt habe?

Wir geloben es.

Auf Ehrenwort?

Auf Ehrenwort.

Dann geht und befehlt Euren Grenadieren einzurücken. Indessen will ich gehen, um Alles für den Ausmarsch anzuordnen

Die französischen Grenadiere, in der That schöne und ausgesuchte Leute, defilirten mit erstaunlicher Ordnung durchs die äußere Umfassungsmauer und marschirten bis dicht an den Thurm vor. Hier theilten sie sich, und die eine Hälfte stellte sich links, die andere rechts vor der Festung auf.

Da öffnet sich plötzlich das Thor des Thurmes, die Grenadiere präsentiren auf Commando das Gewehr, um zu salutiren, und siehe, heraus schreitet der Commandant Giacomo Casella, fest in der Linken den Fahnenstock des corsischen Banners haltend, mit dem er, da er seinen alten Stock weggeworfen hatte, den unsicheren Gang seines hölzernen Beins unterstützt, während er mit der Rechten die Trommel schlägt, die er sich am Bandelier umgehängt hat. Auf dem Kopf trug er seinen Galahut mit Goldborten und weißen Federn; im Uebrigen war er gekleidet, wie es einem Höchstcommandirenden bei großen Gelegenheiten geziemt.

Er schritt majestätisch und einsam dahin, so daß die ganze strenge Mannszucht nöthig war, damit die kecken Franzosen nicht in lautes Lachen ausbrachen.

So entfernte sich Herr Giacomo von der Pforte, und hinter ihm folgte Niemand. Als er vor Capitän Vaudemont vorbeikam, salutirte dieser mit erhobenem Degen; der Alte hörte auf zu trommeln, steckte den Fahnenstock in die Oehre des Bandeliers fest und erwiederte, den Hut lüftend, mit feierlichem Ernst den Gruß.

Als nun aber Herr Giacomo nicht Miene machte, stehen zu bleiben, um mit dem Hauptmann der Grenadiere zu reden, vielmehr den Fahnenstock wieder ergriff und fester als vorher auf den Boden stapfend sich entfernen wollte, nahm Herr von Vaudemont das Wort:

Und wann, Herr Commandant, wird die Besatzung den Thurm verlassen?

Die Besatzung?

Ja wohl, die Besatzung.

Je nun, die ganze Besatzung des Thurmes, Herr Capitän, befindet sich bereits draußen.

Ich vermuthe, daß der Herr Commandant mich nicht verstanden hat, oder vielleicht habe ich mich schlecht ausgedrückt. Ich fragte, wann die Besatzung gesonnen sei, den Thurm zu räumen?

Im Gegentheil, mein Bester, Ihr habt Euch ganz richtig ausgedrückt, und ich habe Euch ohne Weiteres verstanden. Darum wiederhole ich, daß mit mir die ganze, Besatzung ausgerückt ist.

Heiliger Gott, ist das wahr?

O gewiß, nichts kann wahrer sein, denn ich war ganz allein drinnen.

Ich Unseliger! Ihr habt Euer Spiel mit mir getrieben. Dieser niederträchtige Betrug ist mein Tod! Ihr macht mich zum Gespött von ganz Frankreich! Wie soll ich mich in Paris wieder sehen lassen? Vor ihr … ich meine vor denen, für die ich lebe? Und die Kameraden, wie werden sie mich hänseln! Was wäre es dagegen gewesen, unter den Trümmern dieses Thurmes zu sterben? Und du, Barbar von einem Corsen, wie hast du den teuflischen Plan fassen können, einen französischen Officier durch ein unauslöschliches Ridicül umzubringen?

Das ist Eure Sache; seht zu, wie Ihr damit fertig werdet. Meine Sache war, wie ich mit Ehren da herauskäme.

Und er deutete mit dem Trommelschlägel nach dem Thurm zurück.

Giacomo Casella, als ein Corse von altem Schlag, that und sagte dies alles mit unerschütterlicher Ernsthaftigkeit. Gerade das verursachte, daß Alle, die bei dem seltsamen Vorfall zugegen waren, in ein unbändiges Lachen ausbrachen; selbst von den Grenadieren, so viel sie sich auf die Lippen bissen, konnten einige nicht an sich halten, sondern platzten los. Bei diesem furchtbaren Ton wurde Capitän Vaudemont erst blaß, wie ein Tuch, dann feuerroth, als hätte ihn der Schlag gerührt. In demselben Augenblick aber verdrehte er wüthend die Augen, wie wenn er von Sinnen käme, und brüllte, wie ein Wahnwitziger:

Schurke! Mit mir ist's aus. Aber ich will nicht ungerächt sterben. Zum Henker mit der Capitulation, und mit dir zur Hölle!

Damit erhob er den Degen und war im Begriff, dem Capitän Giacomo den Kopf zu spalten, als ihm eine unwiderstehliche Gewalt die Waffe aus der Hand riß, sie zu Boden warf und in zwei Stücke zerbrach. Zugleich schrie es von allen Seiten: Verrath! Verrath! und hervor brach's aus den Gassen der Stadt und den Thüren der Häuser. Einige, um rascher bei der Hand zu sein, sprangen aus dem Fenster, und heran stürmten römische Kriegsknechte, Juden, König Herodes, Pilatus, Kaiphas, Apostel und Jesus Christus in hellen Haufen, glühend von wüthender Begierde, zu tödten oder zu sterben. Ein Strom von Blut wäre vergossen worden und ganz umsonst, wenn die Vorsehung nicht den wackern Grafen Grandmaison unter die Thür des Hauses geführt hätte, in das er sich begeben hatte, um den Abschluß der Capitulation abzuwarten. Er erkannte sofort die Größe der Gefahr und befahl augenblicklich den Soldaten, Front zu machen gegen die Angreifer und in geschlossenen Gliedern mit vorgehaltenen Bajonetten die Stürmenden zu erwarten. Als er so die erste blinde Wuth gezügelt hatte, forschte er mit lauter Stimme nach der Ursache des neuen Angriffs, und mußte sie endlich unter dem allgemeinen Lärmen mehr errathen, als daß er sie erfahren hätte. Dann aber betheuerte er, alle Punkte des Vertrages würden sorgfältig gehalten und der Capitän bestraft werden; sie möchten die Waffen nur ruhen lassen. Und da es ihm schien, als ob jedes Zögern vom Uebel sei, trat er rasch in den Kreis und befahl nach einigen heftigen Worten dem Capitän Vaudemont, seinen Degen abzugeben; worauf er ihn von einigen Grenadieren fortführen ließ, zum Schein in Arrest, in Wahrheit aber, um ihn gegen das wüthende Volk zu schützen. Gegen den Herrn Giacomo zeigte er sich dann nicht nur freigebig, sondern förmlich verschwenderisch mit Artigkeiten und Lobeserhebungen, die der alte Herr weder annahm noch zurückwies, sondern immer ruhig dastand und ihm fest ins Gesicht sah. Das brachte den Marschall endlich in Verwirrung und er schloß mit der Frage, ob er irgend etwas thun könne, was dem Herrn Commandanten angenehm wäre. Worauf Herr Giacomo den Mund öffnete und sagte:

Nichts, Herr Marschall, außer daß Ihr unsern Vertrag haltet und mir ohne Verzug Wägen und Saumthiere liefert, damit ich das Kriegsgeräth, die Waffen und Munition nach Murato schaffen kann.

Das fand der Graf nur in der Ordnung und erwiederte, es werde sogleich geschehen. Indessen bitte er, ihm an irgend einem Tag die Ehre zu geben und bei ihm zu speisen.

Herr Giacomo, den eine so ausgesuchte Höflichkeit rührte, schwieg einige Augenblicke. Dann antwortete er, mit einer mehr traurigen als unwilligen Miene:

Herr Marschall, wir Corsen, ungeschliffen wie wir sind, wissen nicht, was in Eurem Lande unter Edelleuten Brauch ist, und ich fühle mich zu alt, um es noch zu lernen. Erlaubt deshalb, daß ich mich nach der Landessitte richte. Wir hier in Corsica pflegen mit unsern Feinden nicht zu essen, sondern nur zu kämpfen; uns, die wir arm und mäßig sind, würden Eure Diners nicht gesund sein. Dieses Stück Brod (und er griff in die Tasche und holte ein Stück schwarzes Brod hervor, das er dem Grafen von Grandmaison hinhielt), der letzte Rest des Mundvorraths, mit dem der Thurm verproviantirt war, reicht hin für mich, bis ich nach Murato komme.

Als sich nun die erhitzten Gemüther beruhigt hatten, wollte der Graf gern wissen, durch welchen seltsamen Zufall plötzlich ein so großer Schwarm so wunderlich gekleideter Menschen vor ihm aufgetaucht sei. Man erzählte ihm die Veranlassung, und zugleich erfuhr er, daß der Schuß, der den Degen des Capitän Vaudemont mitten entzwei gebrochen, aus der Flinte Jesu Christi gekommen sei, dem er sein Compliment darüber machte. Er versuchte auch, ihn nebst der ganzen Passionsgesellschaft einzuladen, erhielt aber eine zwar höfliche, doch fest ablehnende Antwort, so daß ihm nichts übrig blieb, als an die Ausführung der Capitulation zu gehen, was er denn auch aufs Gewissenhafteste that. – –

Hier schwieg der Alte und machte schon Anstalten, sich zu verabschieden, als ich ihm die Hand auf den Arm legte und ihn mit sanfter Gewalt sitzen zu bleiben nöthigte.

Und Capitän Casella, fragte ich, was wurde aus dem?

Capitän Giacomo, fuhr der Alte fort, schritt langsam auf dem Wege nach Murato fürbaß, in Gesellschaft seiner Kanone, die ihm nachgefahren wurde. Wo er vorbeikam, liefen die Leute aus den nächsten Ortschaften, San Fiorenzo, Olmeta, Oletta, und noch entfernteren, herbei, ihn zu begrüßen und mit Lobsprüchen zu überhäufen. Er aber ging finster und stumm seines Weges. Als er in Murato angekommen war, eilte der General die Treppen des Klosters, das er bewohnte, hastig hinab und umarmte ihn mitten auf dem Platz vor der ganzen Bevölkerung, die jubelnd Beifall klaschte. Der Capitän aber, statt sich aufzuheitern, wurde noch viel trauriger und erwiederte kaum die Umarmung. Als er dann dem General in die kleine Zelle gefolgt war, worin jener haus'te, brach der arme Herr Giacomo in Thränen aus und sagte:

Vetter, ich bin zu Euch gekommen, um Zweierlei von Euch zu erbitten.

Von Herzen gern, Vetter; bitte lieber gleich Dreierlei.

Zunächst bitte ich um meinen Abschied.

Wie? was? Du kannst daran denken, das Vaterland im Stich zu lassen, gerade jetzt, wo die Noth am größten ist?

Das ist wahr. Aber was kann ich helfen? Im September werden meine vierundsiebzig voll; ich habe nur Ein Bein; selten lassen mich meine alten Wunden eine Nacht schlafen. Wie ich da bin, Vetter, seht Ihr wohl, daß ich keinen feldtüchtigen Soldaten mehr abgebe.

Aber ich will dich ja auch gar nicht brauchen, wenn es ins freie Feld geht.

Nun dann, per Dio santo, wozu bin ich sonst noch nütze? Vielleicht Festungen zu vertheidigen? Wahrhaftig, nach der Uebergabe von Nonza weiß ich nicht, ob Eure Unbesonnenheit mehr zu tadeln wäre, wenn Ihr mir wieder einen solchen Posten anvertrautet, oder meine Unverschämtheit, wenn ich ihn annähme.

Den Thurm von Nonza hast du wie ein Held vertheidigt. In Zukunft wird dein Name mit dem von Nonza ewig zusammen genannt werden, dessen kannst du gewiß sein.

Capitän Giacomo aber ließ den General nicht ausreden, sondern unterbrach ihn kopfschüttelnd:

Armes, unglückliches Vaterland, wenn es dahin mit dir gekommen ist, daß du die Uebergabe einer Festung unter deine Großthaten rechnen mußt! Ich für mein Theil hatte die Absicht, mir Eure Verzeihung hiefür auszuwirken, und das war das Zweite, Vetter, um das ich Euch bitten wollte.

Was Verzeihung! Wo denkst du hin? Was für melancholische Schrullen setzest du dir in den Kopf? Ich wiederhole dir, daß du dir unsterblichen Ruhm erworben hast Oder was hättest du sonst thun sollen?

Sterben unter den Trümmern des Thurmes.

Und was hätte das genutzt? Die Leute, die mit dir im Thurme waren, sind dir vorausgelaufen und haben sich mir schon vorhin vorgestellt und genau Alles berichtet, was sich in Nonza ereignet hat. Die Gründe, mit denen sie ihr Benehmen rechtfertigten, erschienen mir so vernünftig, so klug und so gerecht, daß, wenn mich nicht die Rücksicht auf die militärische Disciplin gezwungen hätte, sie in Arrest zu schicken, ich sie sämmtlich hätte avanciren lassen; aber das kann später noch geschehen.

Auch mich haben sie überredet, und das gerade war das Schlimme. Mein Schutzengel hatte in die Adern des Alten neues Blut gegossen, und dies siebzigjährige Herz brannte von heiliger Vaterlandsliebe und kostete schon im Voraus alle Wonne des Heldentodes. Was mich zu Grunde richtete, war die gottverdammte Klugheit, die Mutter schwindsüchtiger Entschlüsse und die Vernichterin aller hochherzigen. Vorgestern, als es eben im Thurm ein wenig zu tagen begann, ging ich hinunter in die Quartiere der Soldaten und fand sie leer. Da sah ich den Unheilsbrief auf dem Tische liegen; er war offen; ich hätte ihn nicht lesen, sondern am Licht der Laterne, die noch nicht erloschen war, verbrennen sollen. Aber nein, ich bewahrte ihn im Gegentheil auf, ich las ihn und las ihn wieder und fing an darüber zu brüten. Nach langem Hinundherdenken, als ich die muthlos gewordene Stirn eben wieder ans meiner Hand aufhob, hörte ich's hinter mir wie das Flügelschlagen einer Taube, die ihr Nest verließ; ich drehte mich erschrocken um und sah Niemand; schon gut; ich werde ihn nie wiedersehen, da er mich verlassen hat!

Wer hat dich verlassen? fragte der General, dem der Gedanke kam, es stehe mit Capitän Giacomo's Verstand nicht mehr ganz richtig. Und der Alte antwortete immer trauriger:

Mein Schutzengel, der mich in den Händen der Klugheit zurückließ, wie ein Lamm in der Gewalt des Scheerers. Da schien es mir eine herrliche Sache, die Kanone zu retten und die vierzig Centner Pulver und den Feind zu der Capitulation zu bringen, die jetzt erfolgt ist, und vielleicht schlich sich, ohne daß ich's merkte, die Feigheit unter das Gewühl der Gedanken, die wie Pilze unter den Fußtritten der Klugheit aufschossen, und stellte es mir auch als eine herrliche Sache vor, diesen elenden Leichnam zu retten. Und als er das sagte, schlug er sich heftig mit der geballten Faust vor die Brust.

Und dennoch, Vetter, war die Capitulation, ganz wie du dachtest, wirklich eine herrliche Sache von großem Vortheil für uns.

Sagt das nicht, Pasquale; denn entweder sprecht Ihr da, ohne Eure Worte zu überlegen, oder Ihr sagt nicht, was Ihr denkt. Weder eine Kanone, noch einige wenige Musketen, noch vierzig Centner Pulver werden Corsica retten können, während ein hochherziges Beispiel von verzweifelter Liebe zum Vaterland in den Herzen der Corsen das heilige Feuer entzündet hätte, das alle häuslichen Gefühle, alle Liebe zu Hab und Gut, allen Instinct der Selbsterhaltung wie trockenes Holz ergreift und zu Asche verbrennt. Ohne die Thermopylen würde Griechenland heut noch auf Marathon warten. Und nun, Pasquale, wiederholt, wenn Ihr das Herz dazu habt, daß es eine herrliche That von Capitän Casella war, statt durch seinen Tod den Feinden Schrecken und den Seinigen Begeisterung einzuflößen, ruhig hier auf der Erde zu bleiben und die paar Jahre, die ihm noch übrig sind, wie faule Beeren von der Traube des Todes abzupflücken.

Die Flamme der Begeisterung verlodert und hält nicht vor. Ich liebe die besonnenen Geister. Denn das Zwei mal Zwei macht Vier ist so gut um Mitternacht wie um Mittag zu brauchen, während eine Hymne, wenn nicht Sonnenschein, Rausch und Aufregung dabei sind, dir so lästig im Ohr summt, wie das Gesummse einer Maultrommel.

Lieber Pasquale, Ihr werdet nicht lange so denken. Einstweilen bitte ich Euch, denkt an das, was Euer alter Verwandter Euch beim Abschiede sagt: mißtraut den Leuten, die zu viel überlegen. Mit solchen werdet ihr die Schlachten der Freiheit gegen die Tyrannei nicht gewinnen. Zweimalhunderttausend Corsen, wenn sie zu überlegen anfangen, werden sich hüten gegen fünfundzwanzig Millionen Franzosen zu kämpfen, sondern sich ergeben, da sie sehen, daß der Sieg eine Unmöglichkeit ist. Aber erwartet auch keine Wunder vom Himmel, wenn ihr euch selbst nicht zutraut, auf Erden Wunder zu thun. Und freilich, wie heutzutage die Welt läuft, ist es ein Wunder, einen entschlossenen Mann zu finden, der sein Leben in die Hände nimmt, um es im Nothfall dem Glück ins Gesicht zu werfen.

Nach diesen Worten ließ er sich nicht mehr erbitten, zu bleiben. Und da ihn, wovon er aus Scham nichts gesagt hatte, die Capitulation verpflichtete, in diesem ganzen Kriege nicht mehr gegen Frankreich zu dienen, zog er sich nach Nonza in sein Landhaus zurück und lebte dort in einigen Zimmerchen, die die Aussicht auf den Berg haben. Von seinen Freunden und Verwandten wollte er Niemand mehr sehen und kam nicht mehr vor die Thür, bis man ihn hinaustrug. In seinem Testamente hatte er angeordnet, daß man ihn unten im Thal begraben sollte, wo die Bergwasser durch die Kluft brechen und uralte Nußbäume melancholische Schatten werfen. Denn, sagte er in den Aufzeichnungen, die er hinterließ, wenn meine Seele je die Lust anwandelt, aus dem Grabe zu steigen, um etwas Luft zu schöpfen, soll sie nicht durch den Anblick des schlechtvertheidigten Nonza betrübt werden.

Und was wurde aus dem Priester Settembre, aus Giovanni Matteo und Fedelino Fabrizi? fragte ich.

Das mögen Euch Andere erzählen, erwiederte der Alte. Ich will nur noch sagen, daß sie starben, wie es Corsen geziemt Meine Geschichte ist zu Ende, und mein gebrechliches Alter und die sinkenden Sterne mahnen mich an den Schlaf. Lebt wohl, Gastfreund, und wenn es Gott gefällt, sehen wir uns im anderen Leben wieder. Er bot mir die Hand, die ich herzlich drückte. Als ich ihn gehen sah, war mir zu Muth, als verließe mich ein alter Freund.

 

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Berlin, Druck von Gustav Schade.
Marienstraße Nr. 10.

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