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Moralische Novellen. Achte Sammlung

Paul Heyse: Moralische Novellen. Achte Sammlung - Kapitel 4
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleMoralische Novellen. Achte Sammlung
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1899
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
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Die beiden Schwestern.

(1868)

 

Charlotte an Clotilde.

B., d. 17. Januar 186..

Du hast viele gute Einfälle in deinem Leben gehabt, meine geliebte Clotilde, aber ich behaupte dreist: du hattest nie einen bessern, als in jener einsamen Stunde, wo deine alte Lotte dir wieder einfiel, und wie hübsch es wäre, wenn du ihr nach sechs stummen Jahren wieder ein Liebes- und Lebenszeichen gäbest. Weißt du noch, wie wir einmal eine Stunde lang über den Satz stritten, der mir so sehr gefiel: Les grandes pensées viennent du cœur, und dir das »denkende Herz« nicht in den Kopf wollte? Nun behalte ich doch Recht; denn woher sollte der großherzige Gedanke – daß es sündhaft sei, wenn man sich liebe, sich's nicht zu sagen – anders stammen, als aus deinem Herzen?

Ja, meine geliebte »Schwarze« – verzeihe den alten Spitznamen aus der Pension; aber das mitgeschickte Kärtchen zeigt, daß die Muttersorgen dir noch kein einziges graues Haar gemacht haben – ich will es nur gestehen: ich habe sehr darunter gelitten, daß es plötzlich aus war zwischen uns. Wär' ich nicht »der Philosoph« gewesen, wie du mich getauft, so hätt' ich mich vielleicht mit der Zeit getröstet, – und es doch nie begriffen, daß es so kommen konnte. Nun begriff ich es freilich, aber mich darüber zu trösten, wollte mir trotzdem nicht gelingen. Ich sah vollkommen ein, daß ein lieber Mann und ein geliebtes Kind dein Herz ganz ausfüllen konnten – vielleicht mußten. Aber damit war mir wenig geholfen. Entbehrte ich dich darum weniger, weil ich einsah, warum du mich nicht entbehrtest? Ich habe die Menschen, im Leben und in Romanen, nie verstanden und noch weniger beneidet, die eine Art Ehre darein setzen, zu sagen: Magst du mich nicht, mag ich dich auch nicht! Als ob Liebe ein Handel wäre, bei dem der Verkäufer seine Ware behält, wenn der Käufer den bedungenen Preis nicht mehr zahlen will! Und auch der alte Glaubenssatz, daß Geben seliger sei, als Nehmen, wollte mir nie in den Kopf. Wenn ich einem lieben Menschen mein Herz ergebe, so thue ich damit, was ich nicht lassen kann. Das ist wie Aus- und Einathmen, wobei man doch oft große Schmerzen fühlt. Die Seligkeit fängt erst an, wenn mir etwas zu Theil wird, was zu hoffen ich kaum wagen konnte, und für mich wenigstens ist mit allem wahrhaften Glücksgefühl die Empfindung von einem Ueberfluß, einem unverdienten Geschenk, fast eine Beschämung verbunden, daß ich mehr zu empfangen glaube, als ich je geben könnte. So hat mich dein Brief überrascht, liebstes Herz, und in jener Einen Stunde mehr beglückt, als meine eigene stille Treue die vielen Jahre hindurch. Und er hätte auch keinen bessern Augenblick wählen können, keinen, wo ich mehr nach einem Tropfen Liebe und Glück gedürstet hätte. Ich war noch viel einsamer, da ich ihn empfing, als du, da du ihn schriebst. Vielleicht war die Tinte noch nicht trocken, als dein Herr Gemahl mit dem kleinen Ernst schon wieder von der Eisbahn zurückkehrte. Ich aber hatte den ganzen Tag keine Menschenseele gesehen und hütete wie Aschenbrödel das Haus. Du weißt, oder weißt vielleicht nicht, daß ich nach deiner Verheirathung noch zwei Jahre in unserer vielgescholtenen und doch vielgeliebten Pension als Lehrerin geblieben bin, auf meinen eigenen Wunsch. Von meinen dortigen Schicksalen ein andermal, mündlich, wenn mir's je so gut wird, deiner Einladung folgen zu können. Nur in Parenthese, daß ich eine bessere Lehrerin als Schülerin war, daß mich die Kleinen liebten und meine Colleginnen wenigstens nicht haßten, und daß sogar Mlle. Clémence, deren bête noire ich bekanntlich war, » quelques larmes« vergoß, als ich von ihr Abschied nahm. Ich mußte dann zu meinem Vater, der endlich, des ewigen Garnisonswechsels müde, seinen Abschied genommen hatte, um in aller Ruhe seinen kriegswissenschaftlichen Arbeiten zu leben. Er brauchte mich jetzt so nöthig, wie er früher nicht wußte, was er mit mir anfangen sollte. Ich fand ihn wenig verändert, etwas grau geworden, übrigens der alte, gute, liebevolle, schweigsame Papa aus unseren Kinderjahren, der eine Miene macht, daß ihn alle Leute für einen Menschenfresser halten, während sogar seine eigene Tochter ihn am kleinen Finger lenken kann. Du entsinnst dich, Cloti, wie oft ich in der Pension, zumal wenn Mlle. Clémence ihre Migraine an mir ausließ, danach geseufzt habe: Wäre ich doch zu Hause! Hätt' ich doch »ein Wämmschen und Hosen und Hut«, um als Cadet unter Papa's Fahne mitzumarschiren! Wenn man keine Mutter mehr hat, hat man dann nicht ein doppeltes Recht auf seinen Vater? Nun, dieses Recht habe ich jetzt vier Jahre lang uneingeschränkt genossen und hatte es bis jetzt nicht einmal mit meiner Schwester zu theilen. Ohne Zweifel erinnerst du dich noch des süßen kleinen Dings von jenem Besuch, den ihre Adoptivmutter, die Gräfin F –, in unserer Pension machte, wo Alles sich auf den ersten Blick in sie verliebte, sogar Mlle. Clémence. Aber wirst du glauben, daß ich sie seither nicht wiedergesehen habe? Du mußt nämlich wissen, daß die Gräfin ihrer zarten Gesundheit wegen Jahr aus Jahr ein in Nizza gelebt hat, und weil sie Lilli vergötterte und in allem Ernst aus Papa und mich eifersüchtig war, so war nicht daran zu denken, ihr das Kind auch nur auf ein paar Wochen abzubetteln. Und Papa fügte sich, so sehr er seinen Liebling vermißte. Die Gräfin war ja die intimste Jugendfreundin unserer Mutter gewesen und hatte auch durch ihre jahrelange mütterliche Sorge sich das Kind in jedem Sinne angeeignet. Mir selbst fehlte Lilli sehr, wie du wohl begreifst. Ich hatte doch oft recht einsame Tage, und daß ich im Stillen, durch das Abschreiben von Papa's großem Werk, mich zu einem kleinen Professor der Kriegswissenschaften ausbildete, konnte mich kaum entschädigen. Nun hat sich plötzlich durch den Tod der Gräfin Alles verwandelt; Papa ist gestern abgereis't, Lilli zu holen, wir werden ein neues Leben anfangen, statt der Befestigungskunst uns auf die Eroberungswissenschaft verlegen, d. h. auf die neuesten Moden, denn Lilli ist an glänzende Toilette gewöhnt, und hoffen dabei den Hausfrieden nach wie vor zu bewahren. Ich kann nicht sagen, wie sehr ich mich zu meinem kleinen Schatz freue! Sie hatte immer mein ganzes Herz, als sie sich noch gar nichts daraus machte. Sie ist ja auch acht Jahre jünger, als ich, das volle Ebenbild unserer lieben Mutter, die sie nie gekannt, so daß mir ist, als sollte ich nun in ihr die uns so früh Entrissene wiedererhalten. Und gewiß, Cloti, ich bin ganz frei von Eifersucht; ich finde es nur natürlich, daß sie des Vaters Herzblatt ist, eben wegen jener Aehnlichkeit, und da ich sie selbst mehr als schwesterlich, mütterlich liebe, brauchte ich nicht einmal der »Philosoph« zu sein, der ich bin, um mich fast darüber zu freuen, daß sie den Schatten, in den Stiefmutter Natur mich gestellt hat, durch ihren sonnigen Glanz nur noch dunkler machen wird. Glaub' es nur, liebe Schwarze, mit dieser meiner berühmten Philosophie ist es inzwischen voller Ernst geworden. Ich hab' es zu solcher Meisterschaft darin gebracht, daß ich sogar mit meiner »intimen Feindin« mich aufs Beste vertrage, obwohl sie seither durchaus nicht liebenswürdiger geworden ist, ja eher mit den Jahren sich noch mehr herausnimmt als früher.

Das war einmal recht geschwatzt, und nun genug für heute! Ich küsse deinen kleinen Ernst und reiche deinem lieben Gemahl die Hand und danke ihm von Herzen dafür, daß er meine geliebte Schwarze so glücklich macht, wie aus jeder Zeile deines Briefes hervorleuchtet. Und nun lassen wir den Faden nicht wieder ins Unabsehbare hinausflattern, nicht wahr?

Tausendmal und immer
deine Getreue.

——————

 

d. 2l. Januar.

Ist es denn möglich? Du nennst dich noch meine Freundin und kannst dich doch mit aller Gewalt nicht darauf besinnen, wer die »intime Feindin« sei, von der ich dir neulich geschrieben? Sind denn nicht die Feinde unserer Freunde auch unsere Feinde? O, Schwarze, thou art not false, but thou art fickle! Habe ich darum das Geheimniß dieser Feindschaft damals, als sie noch in Blüthe stand, ganz allein in deinen Busen ausgeschüttet, meine kindischen Thränen nur vor Gott und dir geweint, daß du nun plötzlich in meinen innersten Herzensangelegenheiten dich fremd stellst? Denn zu deiner Ehre will ich annehmen, Alles sei die pure Heuchelei und dein umgehender Brief dir nicht von der Neugier, sondern nur vom Zartgefühl dictirt! Ich sollte mir eben nur einreden, du habest meine alten Schwächen rein vergessen, und der Anlaß und Grund jener Feindschaft sei überhaupt nicht derart gewesen, um einen jahrelangen Groll zu rechtfertigen. Wer weiß, wie du darüber dächtest, wenn du in meinem Falle wärst! Gewisse Dinge muß man erlebt haben, um zu wissen, ob man mit ihnen fertig wird oder nicht. Um zum Exempel zu erfahren, ob ein Mensch wirklich unausstehlich ist, muß man ihn heirathen ; denn aus eine Viertelstunde am dritten Ort läßt sich Mancher und Manches ertragen. Und so habe ich freilich schon früher bemerkt, daß du meinen Haß und Ingrimm auf die Bewußte, mit der ich ja leider unauflöslich verbunden bin, nie vollständig begriffst; sie stand dir, so sehr wir Alles miteinander theilten, doch nicht so nahe, wie mir, du konntest sie ignoriren, sie in ihrem besten Licht zu sehen versuchen, überhaupt dich so oder so mit ihr abfinden. Ich aber! Mein erster Blick Morgens, wenn ich mir das Haar machte, fiel auf die Verhaßte, im schönsten Sonnenschein oder beim hellen Lampenlicht drängte sich mir ihr Schatten auf, wenn ich lachte, lachte sie auf ihre unangenehme Weise mit, und wenn ich weinte, erröthete sie, was sie durchaus nicht verschönte. Ja, wo ich noch so bescheiden auftreten wollte, drängte sie sich regelmäßig vor und erweckte das ungünstigste Vorurtheil gegen mich. Und mit solchem Geschöpf bis an sein Lebensende behaftet zu sein und nicht einmal die Genugthuung zu haben, die Abscheuliche unsern Abscheu fühlen lassen zu können, da sie in göttlicher Naivetät sich für sehr nützlich, ja für unentbehrlich zu halten gewohnt ist – o Cloti, die Philosophie kann viel; daß sie mir aber darüber mit der Zeit hinweggeholfen hat, ist ihr Meisterstück!

Ich entsinne mich noch sehr wohl der Zeit, wo wir ohne Liebe und Haß, gleichsam im Stande der Unschuld, neben einander hinlebten, und ebenso des Tages, an dem der erste Keim unserer jahrelangen Feindschaft in mein Herz gesenkt wurde. Es war eines Sonnabends in der Zeichenstunde bei Professor Reißnagel. Ich schwärmte, wie du weißt, für diese Stunden und war die Einzige, die den guten alten Mann gegen euch in Schutz nahm, wenn ihr das arme verkannte Genie mit der weißen Cravatte und der blauen Brille zum Besten hattet und ihn zum hundertsten Mal fragtet, wen er für größer halte, Rafael oder Michelangelo. Zum Dank dafür riß er die Binde von meinen arglosen Augen! Wir waren glücklich bis zum Kopfzeichnen vorgedrungen, und unser guter Reißnagel zeichnete mit der Kreide eine riesenhafte griechische Nase an die Tafel. Das machte noch gar keinen Eindruck auf mich. Daß ich keine griechische Nase hatte, wußte ich und tröstete mich darüber; denn diese herzlose Geradlinigkeit schien mir gar nicht einmal so reizend, wenigstens nicht an der Schultafel. Nun aber fing das kleine Männchen an, die Nase zu schattiren, und legte besonderes Gewicht auf das Glanzlicht, das wir sorgfältig am Ende des Nasenrückens aussparen sollten. Wie es sehr oft geschah, daß uns in der Zeichenstunde der Dämon des Muthwillens stachelte, so auch diesmal. Jede von uns machte sich mit der Nase ihrer Nachbarin zu schaffen und suchte unter Kichern und Lachen vor allen Dingen das Glanzlicht an der Nasenspitze zu constatiren. Neben mir saß Adele von L., an deren zierlichem Adlernäschen ich das appetitlichste Glanzlicht entdeckte, das man nur wünschen konnte. In demselben Augenblick aber rief das schadenfrohe Ding überlaut: Herr Professor, giebt es auch Nasen ohne Glanzlicht? – Nein, antwortete der brave Mann; jede Nase, mit Ausnahme der ganz formlosen, die man vulgär Kartoffelnasen nennt, hat eine Spitze, und jede Spitze ihr Glanzlicht. – Dann hat die Lotte eine Kartoffelnase, denn ich kann ihr Glanzlicht nicht finden.

Du fehltest in jener Stunde, Cloti, sonst würdest du dich des fünfminutenlangen Gelächters heut noch entsinnen, das nun losbrach, zumal da der Professor, kurzsichtig, wie er war, mit wissenschaftlichem Ernst auf mich zuging, meine Nase von allen Seiten betrachtete und endlich den Ausspruch that, es fehle ihr allerdings an einer markirten Spitze, an einem plastisch scharf gezeichneten Rücken, so daß das Glanzlicht sich zerstreue, was übrigens, wie er mitleidig hinzusetzte, der Form einen gewissen malerischen Reiz verleihe.

Daß dieses ästhetische Todesurtheil trotz der mildernden Umstände die Heiterkeit der Anderen erst recht belebte, ist natürlich. Kleine Mädchen sind die unbarmherzigsten Geschöpfe, die es giebt. Ich weiß nicht, ob unser Geschlecht überhaupt den Anspruch machen kann, sanfter, hochherziger und liebenswürdiger zu sein, als das männliche. Daß wir aber in den Schuljahren durchaus keine Engel sind, werden alle unsere Lehrer und Lehrerinnen bestätigen, und wir selbst wissen es am besten. Wenn das Necken und Spotten über mein zerstreutes Glanzlicht endlich verstummte – freilich erst nach Monaten – so geschah es nur darum, weil ich selbst klug genug war, in den Ton mit einzustimmen, meine eigene Carricatur zeichnete und in kühnen Uebertreibungen mit den Boshaftesten wetteiferte. Aber Gott weiß, was mich meine erzwungene Selbstironie an heimlichen Thränen kostete! Gleich nach jener verhängnißvollen Zeichenstunde schloß ich mich in unser Badezimmer ein und machte vor einem Spiegel Glanzlichtstudien, die mich noch mehr niederschlugen, als alles Hohngelächter meiner Freundinnen. Ich wußte längst, daß ich nichts weniger als hübsch war; das schien mir aber kein großes Unglück. Denn außer Mlle. Clémence, die Alles auf ein gefälliges Aeußere gab, hatte mich noch Jede, an der mir gelegen war, geliebt, und die Gelegenheiten, mit seiner Person zu glänzen, wie die Welt sie darbietet, fehlten in unserm Klösterchen. Nun aber betrachtete ich mein unglückliches Gesicht zum ersten Mal von einem absoluten idealen Standpunkt und fand nicht weniger als Alles daran verpfuscht. Diese niedrige Stirn, die schmalen Lippen, die kleinen Augen, der formlose Umriß der Wangen und – last not least – das Ungeheuer von Nase, das sich so breit mitten hineingepflanzt hatte – o Cloti, es war eine Stunde der schwärzesten Desperation, in der ich wahrhaftig mein Leben verwünschte und mit der Vorsehung haderte, die mich so als Vogelscheuche in die Welt gestellt hatte. Ich bemerkte zwar in derselben Stunde, daß ich sehr hübsch gewachsen sei, sehr weiße Zähne und sehr starkes braunes Haar hatte, auch eine schmale, zierliche Hand und einen kleinen Fuß. Aber konnte mich das trösten? Neben einer solchen Nase war doch Alles verschwendet, was die Natur aus einem Rest von Mitleiden noch etwa für mich gethan hatte!

Ich hatte damals schon die kleine Brieftasche mit den Miniaturbildchen meiner Eltern. Du erinnerst dich ihrer wohl. Wie oft haben wir das Engelsgesicht meiner lieben Mutter betrachtet und uns gefragt, ob sie wohl ganz so schön gewesen sein könne. Ueber meinen Vater pflegtest du rascher zur Tagesordnung hinüberzugehen, obwohl mir das Bild ebenfalls sehr lieb war. Jetzt aber, wo ich es zum ersten Mal darauf ansah, ob ich ihm gliche, entdeckte ich, daß auch auf seiner Nase das Glanzlicht fehlte, ohne daß sie dafür, wie der Professor gesagt hatte, durch malerischen Reiz entschädigt wurde. Das war mein Gesicht, Zug für Zug, nur mit dem Unterschied, daß es sich mit dem martialischen Bart und dem kühnen Blick der kleinen scharfen Augen sehr gut und brav ausnahm, und daß es meinem lieben guten Papa gehörte, den ich von Kind an für einen ganz vollkommenen Menschen gehalten und abgöttisch geliebt hatte. Und jetzt – o Cloti, auch das soll nun vom Herzen heruntergebeichtet werden – jetzt fing ich wahrhaftig an, diesem besten aller Väter ganz im Geheimen zu grollen, daß er mir seine Nase mit dem zerstreuten Glanzlicht mit auf die Welt gegeben, da ich doch ein Mädchen werden, also zu dem Geschlecht gehören sollte, das man mit Vorliebe »das schöne« zu nennen pflegt.

Und gerade in diesen Tagen kam die Gräfin mit Lilli zum Besuch, und ich weiß noch, wie du, ganz hingerissen von der Schönheit des Kindes, zu mir sagtest: Nun glaub' ich doch, daß es so schöne Menschen giebt, wie das Bild deiner seligen Mutter, denn deine Schwester wird sie noch einmal weit übertreffen.

Es war keine Heuchelei, liebste Schwarze, wenn ich damals mehr als jede Andere von Lilli entzückt war. Daß sie reizend war, machte mich so glücklich, daß ich mich selbst sogar darüber vergaß. Was konnte sie auch dafür, daß ich nicht auch der Mutter ähnlich sah? Aber als sie wieder fort war, verfiel ich in eine desto tiefere Melancholie, bis ich mir ein Herz faßte, dich einzuweihen.

Wahrhaftig, Liebste, man kann eine schlechte Sache nicht besser vertheidigen, als du thatest, indem du gegen mich die Partie meiner Nase nahmst. Nur leider war der Richter nicht unparteiisch, sondern selbst der beleidigte Theil. Noch denke ich, mit wie rührendem Eifer du alle möglichen Entlastungszeugnisse herbeischlepptest, eine ganze Galerie berühmter Männer und Frauen mit häßlichen Nasen. Was war aber die kolossalste, garstigste Vogelnase dieser oder jener Kaiserin noch immer für eine begehrenswerthe Sache gegen einen so flauen, charakterlosen Auswuchs, wie der meinige, der höchstens gut genug war, einen Schnupfen zu bekommen? Wäre ich recht grundhäßlich gewesen, damit hätte ich mich bald zurechtgefunden. Giebt es nicht sogar eine Schönheit, die die Franzosen le beau du laid nennen? Was mich an mir empörte, war die platte Trivialität, die spießbürgerliche Flauheit aller Züge, die mir schlimmer als häßlich: spaßhaft und abgeschmackt vorkamen und zu jedem edlen Gemüthsausdruck im lächerlichsten Contrast standen.

Ja, sie schienen förmlich dazu verschworen zu sein, auch meinen Charakter zu erniedrigen, auch von der Seele das Glanzlicht wegzuwischen. Ich weiß nicht, ob ich es dir gestanden habe, auf was für alberne Einfälle ich gerieth, pour corriger ma fortune; daß ich mich z. B. einmal krank stellte, um drei Tage und drei Nächte hinter einander im Bett zu bleiben, zwei große französische Lexica neben mir, aus denen ich mir, so oft ich mich unbewacht wußte, eine künstliche Nasenklemme machte, um der Form womöglich nachträglich etwas aufzuhelfen und es am Ende doch noch zu einem Glanzlicht zu bringen. Die Folge war freilich nur, daß meine Feindin sich über die schlechte Behandlung erboßte, entsetzlich roth wurde und so aufschwoll, daß ich eilig mit kalten Umschlägen ihr Echauffement wieder beruhigen mußte. Seitdem verschonte ich sie freilich mit allen Besserungsversuchen. Aber unser Verhältniß wurde nur gespannter.

Bis ich eines Tages eine Entdeckung machte –

Aber ich finde, daß die alte »intime Feindin« sich nachgerade breit genug gemacht hat und endlich vom Schauplatz abtreten sollte. Tant de bruit pour une pomme de terre! Thu' mir nur den einzigen Gefallen, Schwarze, diesen Brief sofort zu verbrennen. Wenn er deinem Mann jemals in die Hände käme! Schon bei dem bloßen Gedanken werde ich roth bis über die Stirn. Lebe wohl und laß mich bald erfahren, ob du eine Correspondentin nicht lieber abschaffen möchtest, die zehn Seiten lang nicht über ihre Nase hinauskommt.

Deine Lotte.

——————

 

d. 26. Januar.

Nein, Liebste, ich kann schwören bei Allem, was einer Philosophin heilig ist, daß ich meinen vorigen Brief in gutem Glauben, es sei der erste und letzte über dies langweilige Thema, geschlossen habe und mir nicht im Traum einfallen ließ, die »Entdeckung«, bei der ich abbrach, könnte dir so wichtig sein, wie sie mir gewesen. Geschweige denn, daß dies ein Kunstgriff à la Sheherezade gewesen wäre, dich auf die Fortsetzung der »Memoiren einer Nase« begierig zu machen. Da es nun aber einmal angezettelt ist, gehe das Verderben seinen Gang. Mir hilft dieses Hervorkramen meiner Jugendthorheiten wenigstens die Zeit hinzubringen, bis ich Vater und Schwester wiederhabe, wo ich dann von nützlicheren Dingen alle Hände voll haben werde.

Es sollte mich übrigens wundern, wenn ich dir jene »Entdeckung« damals nicht aus frischer That mitgetheilt hätte. Aber du hast nun einmal für Alles, was die »Bewußte« betrifft, ein treuloses Gedächtniß. Wenigstens wirst du dich unserer Hausbibliothek noch entsinnen, obwohl dich darin mehr die Winteräpfel, die in der Mitte des Saals auf Tischen ausgebreitet lagen, als die abgegriffenen Geistesfrüchte in brauner Uniform mit weißem Schild zu locken schienen. Ich war gern dort und freute mich die ganze Woche auf den Sonnabend, wo ich eine Stunde dort zubringen mußte, um an die Kleinen die Lesebücher zu ihrem Privatgebrauch zu vertheilen. Das war bald geschehen; die Wenigsten hatten einen besonderen Lesehunger, vollends nicht nach den sehr moralischen und belehrenden Jugendschriften, die für die Pension angeschafft wurden. Paul et Virginie war noch das Spannendste. (Unter uns gesagt, ich habe es neulich wieder gelesen und es sehr langweilig und affectirt gefunden.) So konnt' ich in meiner Einsamkeit an allen Schränken nach Herzenslust herumnaschen und besonders die Geschichtswerke mir zu Nutze machen.

Eines Tages nun zog ich ein uraltes Buch aus dem untersten Fach hervor, das ich noch nie in die Hand genommen. Es war eine längst verschollene »Geschichte der alten Welt« mit Kupfertafeln, die nur Portraits enthielten. Ich schlug aufs Gerathewohl eine Seite auf, wo von Sokrates die Rede war, von dem ich noch nicht mehr wußte, als daß er ein Philosoph gewesen und darum vergiftet worden war. Warum man wegen der Philosophie Gift nehmen müsse, war mir nie recht klar geworden. Ich wußte freilich, daß Mlle. Clémence das Wort nicht hören konnte, ohne eine tiefe sittliche Entrüstung an den Tag zu legen. Auf weiteres Befragen hatte sie ausweichend geantwortet, sie wolle Gott bitten, uns niemals einem Philosophen in die Hände fallen zu lassen, da unser Seelenheil dann in der schwersten Gefahr sein würde. Aber gerade diese Warnungen reizten meinen Muth und meine Wißbegier, und so hörte ich nicht eher auf zu lesen, als bis ich das ganze ziemlich ausführliche Kapitel über Sokrates verschlungen hatte. Als ich fertig war, wußte ich freilich, daß Mlle. Clémence mit ihrer Warnung nicht so Unrecht hatte. Wenn alle Philosophen diesem Einen glichen, so waren sie allerdings gefährliche Menschen, rechte Verführer der Jugend. Denn in diesen – ich erröthete, da ich es mir selbst gestehen mußte – hatte ich mich in der ersten Stunde unserer näheren Bekanntschaft so bis über die Ohren verliebt, daß ich Gott weiß was für Thorheiten begangen hätte, ihn nur ein einziges Mal zu sehen, ein Wort von ihm zu erlauschen oder gar seine Hand zu drücken. Ich seufzte ordentlich, als ich mir überlegte, wie lange er schon todt sei, und daß ich keine Aussicht hätte, ihm meine Gefühle zu gestehen und auf ein bischen Gegenliebe zu hoffen. Desto schrankenloser, ohne irgend für mein Seelenheil besorgt zu sein, gab ich mich meiner Leidenschaft hin. Ich wurde nicht müde, seine Klarheit, Heiterkeit, seine Geduld mit den dummen Menschen, seine häuslichen und bürgerlichen Tugenden zu bewundern. Xanthippe haßte ich; ich stellte sie mir unter dem Bilde von Mlle. Clémence vor und ließ sie beim Französischsprechen mit der Zunge anstoßen. Die Stellen aber, die von seiner Philosophie handelten, las ich wieder und wieder, bis ich sie ganz gut zu verstehen glaubte und dann gleich hinterher, was über Plato gesagt war, was ich aber ebenfalls Alles meinem Geliebten zueignete. Erst als das anhaltende Sinnen und Grübeln mir Kopfweh zu machen anfing, kam ich auf den Einfall, aus den hinten angehängten Kupfertafeln das Bild meines Freundes auszusuchen und da, liebe Schwarze, da war es, wo ich die große Entdeckung machte, die für mein ganzes Leben verhängnißvoll werden sollte: auch Sokrates, mein heimlich Geliebter, hatte eine Nase ohne Glanzlicht und konnte sich gleichfalls nicht rühmen, »durch malerischen Reiz dafür entschädigt zu werden«!!

Nun war mir auf einmal Alles klar: meine heftige Neigung zu diesem großen Unsterblichen, die Wahlverwandtschaft unserer Seelen, meine Antipathie gegen Xanthippe, die gewiß den armen Gemahl durch eine regelmäßige griechische Nase bestochen hatte, also Mlle. Clémence doch wohl nicht ähnlich sah, vor Allem aber: wie es Sokrates gelungen war, der Weiseste der Hellenen zu werden. Rings um ihn her aus den Kupfertafeln die schönsten griechischen Nasen, heroische, staatsmännische, priesterliche und Künstlernasen. Was blieb ihm übrig, als das von der Natur Versagte durch den Geist zu ersetzen und in seinem klaren Auge ein Glanzlicht zu entfachen, das all diese koketten Nasenspitzen verdunkelte? Seine Nase hatte ihn zum Philosophen gemacht, das stand mir so fest wie irgend ein Satz der Mathematik. Ich wunderte mich nur, daß in dem ganzen Kapitel über ihn dieser Hauptpunkt mit keiner Silbe erwähnt war; nur in einer Anmerkung fand ich, er habe sich selbst mit den unscheinbaren Futteralen verglichen, in denen man die goldenen und silbernen Götterbildnisse aufzubewahren pflegte.

Damit hatte es fürs Erste sein Bewenden. Ich blieb meiner stillen Liebe getreu, ohne nur einmal den Versuch zu machen, ob ich nicht mit der Zeit, wenn auch nicht ebenso weise, doch vielleicht ebenso liebenswürdig werden könnte, wie er gewesen, wenn ich das Ding nur beim rechten Zipfel anfaßte, d. h. ebenfalls mich entschlösse, meiner Nase nachzugehen. –

 

Abends acht Uhr.

Ein Briefchen von Lilli kündigt ihre Ankunft auf morgen an und unterbricht sehr zur rechten Zeit diese philosophische Abhandlung, über die der weise Mann, um den sie sich dreht, wahrscheinlich lachen oder gewiß lächeln würde. Er hat gut lachen! Er war ein Mann und wußte, wie viel das Götterbildniß wog, das in dem häßlichen Gehäuse steckte, und außer ihm selbst wußten es Viele. Aber ein unbedeutendes Mädchen, das, wenn es überhaupt Anlage zur Philosophie hat, gut thut, es nie einen Menschen merken zu lassen, weil die gestrengen Herren der Schöpfung es nicht leiden können, wenn man ihnen in die Karten sieht – !

Und mochten doch fremde Menschen thun und lassen, was sie wollten, dazu war ja eben die Philosophie erfunden, mich darüber leicht zu trösten. Ich war alt genug, um die volle Wahrheit des italienischen Sprüchleins zu erkennen: Chi bella non è, fortuna non ha; aber auch Philosophin genug, um zu begreifen, daß wir nicht auf die Welt gekommen sind, um glücklich zu werden, sondern reif, Jeder nach seiner Art, der Eine für den Schierlingsbecher, der Andere für einen Sturz vom straffen Seil im Cirkus, ein Dritter für sein einsames Sterbebett, nachdem er nur für Andere gelebt hat. Aber an Einem, liebste Cloti, drohte meine Weisheit zu Schanden zu werden. Ich hatte gedacht, mein lieber Vater wenigstens würde mich lieben, wie ich nun einmal war. Am Ende, wenn ich fremden Leuten nicht gefiel, geschah es nicht gerade darum, weil ich die Pietät so weit getrieben hatte, unter allen möglichen Gesichtern mir gerade das meines lieben Vaters auszusuchen? Nun wirst du begreifen, Liebste, wie mir war, als ich nach Jahren der Trennung ihn zuerst wiedersah und aus seinem guten alten Gesicht genau denselben Eindruck bemerkte, wie bei allen fremden Menschen, die meine Bekanntschaft machten. Ich hatte große Mühe, meine Thränen zu bezwingen; meine schöne Philosophie war wie weggeblasen; ich glaubte, ich sei das unseligste Geschöpf unter der Sonne, und wahrhaftig, wenn es protestantische Klöster gäbe, wer weiß, ob ich nicht jetzt Schwester Beate hieße und selbst meine platonische Liebe zu dem seligen Sokrates als den letzten Rest sündhafter, ketzerischer Weltlichkeit abgebüßt hätte.

Zum Glück fiel mir noch bei Zeiten ein, daß mein Vater unsere Mutter geliebt hatte, weil sie anders aussah als er. Sollte er jetzt sein Abbild in seinem eigenen Kinde reizender finden, als im Spiegel? Und war es nicht möglich, sein Herz trotzdem zu gewinnen? Ich brauchte ja nur so liebenswürdig zu sein, daß der eigene Vater mir nicht widerstehen konnte. Das nahm ich mir denn auch redlich vor und ging mit einer Geduld und Hingebung an diese Eroberung, wie schwerlich je eine kokette Frau sich um einen kaltherzigen Jüngling bemüht hat.

Wie weit es mir gelungen ist? fragst du? Mein Vater war nie sehr demonstrativ; ich entsinne mich auch aus unserer Kinderzeit kaum einer zärtlichen Scene. Aber daß ich ihm mit der Zeit unentbehrlich geworden bin, ist doch nicht wenig. Ich habe all seine Gedanken, seine Pläne, Arbeiten, Freuden und Kränkungen in diesen Jahren getheilt und weiß, daß er auf keinen lebenden Menschen so große Stücke hält, wie auf mich. Ist das nicht mehr werth, als wenn ich inzwischen zur Aebtissin avancirt wäre?

Nun endlich adieu! So lange Briefe drohen dir in Zukunft nicht mehr. Eben wieder eine Depesche. Sie reisen die Nacht durch und kommen schon morgen früh. Um so besser! Der Tag wäre mir sehr lang geworden, bis ich mein Goldkind wieder ans Herz gedrückt hätte.

Adieu, adieu!

——————

 

d. 28. Januar.

Sie sind wirklich da, geliebte Schwarze, und mein Leben verdoppelt und verdreifacht sich. Aber glaube darum nicht, daß du mich nun los würdest. Ich habe nun einmal das Laster der Treue, und wie tief es bei mir eingewurzelt ist, konnt' ich gerade jetzt recht deutlich erkennen. Mitten in dem Glück, Papa wieder zu umarmen und mein Schwesterchen, noch viel reizender, als ich sie mir vorgestellt, in Empfang zu nehmen, dacht' ich hundertmal daran, wie hübsch es wäre, wenn nun noch ein Wagen angefahren käme und meine liebste Freundin ausstiege, daß sie mein Glück mit Augen sähe und es vollkommen machte, statt daß ich nun spät in der Nacht, todtmüde von endlosen Besuchen, ein paar hastige Zeilen an sie hinkritzeln muß.

O liebe Clotilde, welch ein Zauber ist Schönheit! Seit ich dieses süße Kindergesicht aus dem kostbaren Pelzrahmen herausgeschält habe, und die noch etwas verschlafenen großen Augen sich langsam in der fremden Umgebung, die sich doch für ihre Heimath ausgab, ermunterten, ist Alles um mich her wie verwandelt. Unsere Wohnung, unsere Möbel, Teppiche und Vorhänge kamen mir längst ein wenig altmodig und verschossen vor. Wenn unser vornehmes Grafenkind zurückkommt, sagt' ich oft zu Papa, müssen wir was an uns wenden. Er wollte nichts davon wissen; er ist einfach gewöhnt, wie ein Soldat, und liebt keinen unnützen Aufwand. Und diesmal behält er völlig Recht. Denn wie auf einen Zauberschlag hat die bloße Anwesenheit dieser kleinen blonden Hexe Allem ein anderes Gesicht gegeben, oder vielmehr: man sieht gar nicht mehr an den Wänden herum, sondern immer nur auf sie, wie sie geht, steht, sitzt, lacht, ihre Locken schüttelt, immer ein Bild zum Küssen. Auch mein lieber, alter, altmodiger Papa ist um zehn Jahre verjüngt, lacht über das ganze Gesicht, sitzt stundenlang am Kaffeetisch und raucht eine Cigarre nach der andern, ohne sich um seine Correcturbögen zu kümmern, die sonst Allem vorgingen. Ja, diese Vergoldung unseres innern und äußern Dasein durch zwei strahlende Kinderaugen erstreckt sich bis auf Papa's alten Reitknecht, Vogelsang, einen sonst sehr kurzangebundenen ehemaligen Feldwebel, der ebenfalls ein großer Freund des »schönen« Geschlechts ist und daher mir nicht so gern gehorcht, wie unserer Köchin, die er schon seit zehn Jahren heirathen will. Jetzt ist er wie ein Ohrwürmchen, kommt zehnmal des Tages herein, nach unseren Befehlen zu fragen, und wäscht sich, wie mir die Babette vertraut hat, mit einer wohlriechenden Seife, um den Stallgeruch loszuwerden, über den Lilli sich gelegentlich beklagt hat. Papa spricht davon, daß wir nun etwas geselliger leben würden, und wenn die Trauer um Lilli's Adoptivmutter nicht wäre (die ihr übrigens reizend steht), ich glaube wahrhaftig, er ließe den Fußboden in unserm großen Eßzimmer bohnen und gäbe einen Ball.

Lilli selbst würde wohl kaum etwas dagegen haben. Denn auch darin ist sie noch ein Kind, trotz ihrer achtzehn Jahre, daß Alles, was hinter ihr liegt, keine große Macht mehr über sie ausübt. Wenn man noch vergessen kann, weiß man ja noch nicht, was Leben heißt, und werden nicht auch alte Leute wieder zu Kindern, weil sie wieder vergessen lernen? Nicht, daß unser Kind undankbar gegen Das wäre, was die gute Gräfin ihr gewesen. Sie hat mir mit den bitterlichsten Thränen von ihrer letzten Krankheit erzählt. Aber als dann ein Besuch uns unterbrach, waren diese Thränen so rasch ausgetrocknet, wie ein paar Tropfen kölnisches Wasser, die man auf einen Tisch sprengt. Was ist das Herz, liebe Cloti? Ist es nur ein Theil von uns, oder steckt unser ganzes Ich – Fühlen, Wissen und Wollen – in diesem räthselhaften Punkt? Du kennst meine alte Ansicht darüber. Bei Gelegenheit unserer Debatten über die grandes pensées ist sie hinlänglich zur Sprache gekommen. Jetzt aber werde ich doch stutzig. Gleich in der ersten Stunde erzählte mir Lilli, die gute Gräfin habe sie zur Universalerbin gemacht. Es verstehe sich von selbst, daß sie schwesterlich mit mir theile, sobald sie erst selbst disponiren könne. Du kannst denken, wie mich das rührte, obwohl es sich natürlich ebenso von selbst versteht, daß ich es nie und nimmermehr annehmen würde. Aber war es nicht hübsch, nicht herzlich und liebevoll von diesem Kinde, auch nur daran zu denken? Und daneben entschlüpften ihr unter Lachen und Liebkosen die naivsten Aeußerungen, die zeigten, daß sie die ganze Welt eigentlich nur aus sich bezieht, Sonne, Mond und Sterne nur erschaffen glaubt, um ihr zu leuchten, und es für den Lebenszweck aller ihr nahestehenden Menschen hält, ihre kleinen Füße so weich zu betten, als nur irgend möglich. Ich bin sehr geneigt, dies nur für eine Unreife ihres Verstandes zu halten, die auf ihr Herz zurückwirkt. Aber damit wäre meine Grundmeinung erschüttert, daß der Verstand nur der gehorsame Diener des Herzens, gleichsam sein Rechenmeister, der Verwalter seiner Schale sei. Schade, daß mein heimlicher Geliebter schon 2000 Jahre todt ist. Der wüßte mir gewiß Auskunft zu geben.

Gute Nacht, liebste Schwarze. Der Tag hat mich müde gemacht, der Hofdienst bei unserer kleinen Prinzessin ist mir noch etwas ungewohnt. Wenn du sie aber jetzt in ihrem Bette liegen sähest – unsere Zimmer sind neben einander und ich bin eben durch die offene Thür hineingeschlichen, sie noch einmal auf die Stirn zu küssen – du begriffest, daß einem keine Aufopferung für dieses süße Geschöpf zu schwer wird. Mich nun vollends kann sie mit einem halben Wort zu Allem bringen; ich habe unsere Mutter ja nicht lieben und pflegen dürfen, wie sie es verdiente. Nun ist es mir, als dürfte ich es ein wenig nachholen an diesem ihrem Ebenbild.

Gute Nacht! Dein letzter Brief hat mir unsägliche Freude gemacht. Ja, Schwarze, wir haben uns von jeher gut verstanden und wollen damit fortfahren, in und zwischen den Zeilen unseres Lebensbuches.

Deine alte Charlotte.

 

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d. 13. Februar.

Du beklagst dich mit Unrecht, liebste Clotilde. Nicht darum war die Pause länger als bisher, weil ich, hinlänglich durch mein Schwesterchen ausgefüllt, die Freundin entbehrlich gefunden hätte. Wie kann man ein wirkliches Lebensbedürfniß je entbehrlich finden, das Essen über dem Trinken, das Hören über dem Sehen? Ich bin überhaupt gar nicht so bescheiden, wie du glaubst. Das Beste, was ich kenne und liebe, sollte immer und Alles zu gleicher Zeit mein sein, zu allen Stunden sich von mir genießen lassen, und von einer Ablösung meiner Freuden, wie bei den Schildwachen, wollt' ich nichts wissen, wenn das Leben es nicht leider so mit sich brächte. Nein, meine Allerbeste, wenn ich gegen dich nicht zu Worte kam, so war es, weil ich in mir selbst oder besser mit mir selbst verstummte und nicht, wie sonst, mein stilles philosophisches Vergnügen dabei fand, von Dem, was ich erlebte und Andere erleben sah, mir Rechenschaft zu geben. Kummer litt ich nicht; aber zum ersten Mal im Leben etwas, das ich nicht anders nennen kann, als »zerstreute Langeweile« mit einer gewissen Herzensbangigkeit gepaart, die sich trotz aller sokratischen Hausmittel nicht lösen wollte. Es ist jetzt vorbei: sprechen wir also nicht mehr davon. – –

Oder sprechen wir erst recht davon. Denn wovon sollten wir sonst sprechen, da ich nichts Anderes erlebt habe? Und jetzt kann ich es auch gerechter thun, als noch vor wenigen Tagen. Damals suchte ich die Ursache in Anderen, jetzt habe ich sie zum größten Theil in mir selbst gefunden.

Bin ich jemals jung gewesen, liebste Schwarze? Du müßtest es eigentlich wissen, wenn es überhaupt der Fall war; denn ich lernte dich in meinem neunten Jahre kennen, und wer es da nicht ist, wann soll der es gewesen sein oder werden? Wir waren freilich oft sehr lustig zusammen, sogar bis zur Ausgelassenheit, vor und nach dem epochemachenden Glanzlicht. Aber ich kann mich noch wohl entsinnen, daß solch ein toller Sturm immer auf eine traurige Stimmung folgte, deren Grund ich oft selbst nicht wußte, und plötzlich wieder in eine ernsthafte Stille umschlug, wenn ihr Anderen erst recht zu toben anfingt. Einen ganzen Tag hintereinander sorgenlos, fröhlich, gedankenlos gewesen zu sein, erinnere ich mich kaum. Ich war über diese Gemüthsanlage nicht unglücklich. In meiner Beschaulichkeit, obwohl sie mich oft nach der Schattenseite der Dinge führte, war mir sogar meist so wohl, wie einem Lahmen in seinem Bett. Aber wenn ich es jetzt bedenke: jung war das so eigentlich nicht, und der Spitzname »der Philosoph«, den ich mir noch vor meinem strafbaren Verhältniß zu dem Ehemann der Frau Xanthippe zugezogen hatte, spricht dafür, daß auch ihr mich für alt, oder wenigstens für alt klug hieltet.

Und doch war ich kein Philosoph und liebte Alles, was jung war und sich nicht vor der Zeit Gedanken machte, und hätte selbst die berühmten grandes pensées gern um ein wenig Leichtsinn hingegeben.

Hernach, neben meinem guten alten Papa, kam ich mir trotz unseres Haushütens so sechzehnjährig vor, wie noch nie. Bis auf Etwas, das, wie ich merke, unerläßlich ist, um vor Anderen und vor sich selbst für jung zu gelten. Es ist die reine, volle Wahrheit, was ich dir jetzt gestehe, und nur dir, die du nicht einen Augenblick daran zweifeln wirst: so lange ich von meinem Fühlen und Denken etwas weiß, habe ich mir nie vorzustellen vermocht, daß ich mit einem Manne zusammenleben und seine Frau sein könnte. Ihr Anderen alle hattet schon im grünsten Backfischalter den Kopf voll verliebter Träumereien. Ich kann schwören, daß mich unter meinem vielen Sinnen und Grübeln dieses Thema weniger als irgend ein anderes beschäftigte. Und das nicht nur in der Zeit, wo ich mit meiner unseligen Nase brouillirt war, sondern auch vor- und nachher. Ich war auch hierin nicht eben allzu bescheiden. Daß man mich liebhaben könnte, traute ich mir nicht nur zu, sondern hatte den Beweis dafür in Händen. Aber was ich von Leidenschaft gelesen und späterhin erlebt – wie ich mir zutrauen sollte, Das einem vernünftigen Menschen jemals einzuflößen, konnte ich nie fassen. Und doch war mir ebenso unbegreiflich, daß zwei Menschen Eins sein konnten, ohne die Weihe dieser überschwenglichen Macht, die »das Ich, den dunklen Despoten«, vernichtet und alle Schranken niederwirft, wie ein Blitzstrahl die Kette schmilzt, die einen armen Gefangenen an seine Mauer schließt. Daß ich so Bescheid darum weiß, stammt aus einem einzigen Erlebniß, durch das ich noch heute glücklich bin, obwohl es eigentlich ins Trostlose verlief. Ich erlebte damals, daß die Fähigkeit, jung zu sein, mir durchaus nicht fehlt, nur die Gelegenheit, oder vielmehr das Schicksal, das die Anlage dazu hätte reifen lassen.

Ich will dir's einmal erzählen; es ist keine gewöhnliche Liebesgeschichte. – –

 

d. 14.

Schneesturm und grauliche Mitternacht um zehn Uhr Vormittags. – Ich wurde gestern unterbrochen, und wie ich jetzt den Brief wiederüberlese, schäme ich mich fast, ihn abzuschicken, so confus kommt er vom Hundertsten ins Tausendste. Statt dir zu erzählen, wie wir gelebt haben und warum ich verstummte, schwatze ich dir wieder ein paar Seiten lang von dem ewigen Thema alter Leute, von vergangenen Tagen, vor und anatomire eine dir wohlbekannte und sehr überflüssige Person, my humble Self. Verzeihung, liebste Getreue! Und noch ein wenig Geduld, bis die Umstände danach sind, daß ich mit etwas mehr Hoffnung auf Erfolg versprechen kann, mich zu bessern. Heute, bei diesem Winterhimmel, wäre es doch umsonst; ich fiele sogleich wieder in meine alten, melancholischen Untugenden zurück. Doch sei deshalb unbesorgt; zu deinem Glück fehlt mir heute die Zeit, dich zu langweilen, da meine Hausfrauenpflichten mich in Anspruch nehmen. Vater hat uns einen Gast zu Mittag angekündigt, einen jungen Professor der Mathematik und Astronomie, der eben an die hiesige Sternwarte berufen ist, der Sohn eines seiner Jugendfreunde. Obwohl ich nicht zweifle, daß er auch an Lilli's Augen zum Sterngucker werden und darüber das Irdische vergessen wird, muß ich doch sorgen, daß auch Das in Ordnung sei, und darum schließe ich diesen Brief in Eile. – Lilli, die eben einen neuen Spitzenschleier probirt – sie hätte es nicht nöthig, dabei so pedantisch zu sein, da es absolut Nichts giebt, was ihr nicht stünde – grüßt dich und läßt dir sagen, sie fange an, eifersüchtig auf dich zu werden (das erste Mal freilich, daß sie Ursache dazu hätte, wenn es ihr überhaupt Ernst damit wäre). Lebe wohl, liebste Beichtschwester! Die Liebesgeschichte, bei der ich gestern abbrach, liefere ich nach. Am hellen Tag, wenn er auch noch so trübselig ist, kann man dergleichen Spuk unmöglich auf's Papier bannen.

Lotte.

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d. 13. Februar.

Ich muß nur gleich umgehend auf deinen eben eingetroffenen Brief antworten, schwarzes Herz! Was hab' ich nur geschrieben, das dir von meiner armen kleinen Lilli eine so bösartige Vorstellung beigebracht hat? Daß wir ein seltsames Schwesternpaar sind, sehr verschiedene Sprachen sprechen und das Leben mit sehr ungleichen Augen ansehen, kann dich das wundern? Das Kind ist eben für seine Jahre gerade so viel zu jung, wie ich für die meinigen zu alt bin. Und Alles um sie her, seitdem sie auf der Welt ist, hat sich das Wort gegeben, sie nicht alt, d. h. reif werden zu lassen. Aber wie gut der Fond ihrer Natur ist, sehe ich alle Tage daran, daß ich mir nur wenig Mühe zu geben brauche, sie einmal nach innen zu führen, und sie folgt mir so willig, mit so allerliebster herzklopfender Neugier, wie ein Kind, dem man eine Camera obscura zeigt. Daß dann freilich gleich der nächste beste Anlaß sie wieder zu allem Muthwillen, zu jeder Tändelei und gesellschaftlichen Nichtigkeit fortreißt, ist eben so wahr. Aber wir Philosophen sollten vor Allem bedenken, daß jedes Wesen seiner Natur getreu zu bleiben hat und nicht gescholten werden darf, wenn es das im vollen Maße thut. Wem das »Glanzlicht« fehlt, der hat gut im Winkel sitzen und weise die Achseln zucken. Aber eine kleine Prinzessin, die ein Näschen besitzt, wie meine Lilli, oder vielmehr, die vom Kopf bis zur Fußspitze ein einziges lebensgroßes Glanzlicht ist, müßte man es der nicht übel nehmen, wenn sie dies Licht unter den Scheffel stellte, statt ihren Beruf zu erfüllen und lustig drauf los zu glänzen?

Und du thust ihr wahrhaftig Unrecht, Schwarze, wenn du mich beklagst, daß »ihre Eitelkeit meinem mütterlichen Schwesterherzen wehe thun müsse«. Sie ist gar nicht »eitel« in einem fatalen Sinne. Sie weiß, daß sie alle Welt bezaubert, und müßte taub und blind sein, um es nicht zu wissen. Aber ein kokettes Vordrängen ihrer Person, ein Haschen und Jagen nach Eroberungen, ein beständiges Spiegelgucken und Solfeggiren ihrer süßen kleinen Hexenkünste habe ich nie an ihr wahrgenommen. Wenn Jemand viel Geld hat und die Stellung, die ihm sein Reichthum giebt, einfach als etwas Selbstverständliches hinnimmt, kann man ihm dann seine Hunderttausende als einen Charakterfehler vorwerfen? Dazu werden sie erst, wenn er jeden armen Teufel über die Achsel ansieht, oder sich wie Harpagon über seine Goldkiste wirft und sich im Anblick seiner Schätze berauscht. – Nicht umsonst nenn' ich meinen kleinen, von Allen verzogenen Liebling »die Prinzessin«. Es ist wirklich etwas Vornehmes in der Art, wie sie mit den verschwenderischen Gaben der Natur wirthschaftet, dabei freilich weiß, was sie ihrer bevorzugten Stellung schuldig ist, und daß sie so zu sagen die Honneurs ihrer Schönheit machen muß, in Toilette, Liebenswürdigkeit, Talenten u. s. w. Denn sie hat auch eine Menge »Talente«, und die Gräfin ließ es sich sehr angelegen sein, dieselben auszubilden. Ich, liebste Cloti, habe, wie du weißt, nie ein Talent gehabt, bis auf das eine, mich in Welt und Menschen zu schicken. Aber obwohl manches Versagte mir begehrenswerth erscheint: dieses Singen, Blumenmalen und Komödiespielen meiner kleinen Prinzessin, so vielen Beifall es findet, würde mich nicht einen Augenblick glücklich machen können. Wohl wünschte ich mir, ein Talent zu haben zu irgend einer Kunst. Dann aber könnte es mir nicht groß genug sein, und wenn es mich auch mit meinem übrigen Leben entzweien und in tausend Kämpfe reißen sollte, ich würde es ans Herz drücken, wie eine andere unglückliche Leidenschaft, die den Menschen selig macht, indem sie ihn von Grund aus erschüttert. Scheine ich dir nicht doch excentrischer, als sich für einen »Philosophen« geziemt? Nun, es ist keine Gefahr, daß mir wie im Märchen von den drei Wünschen die Bratwurst an die Nase wachse. Ich werde fortfahren, durch meine Talentlosigkeit zu glänzen und im Stillen meine arme Lilli zu bedauern, die sich so viele Mühe geben muß, allerlei Künste zu treiben, ohne eine Ahnung davon zu haben, was Kunst ist.

Nur im Tanzen ist sie eine geborene Meisterin. Schade, daß die Trauer ihr verbietet, dieses ihr persönlichstes Talent auszuüben. Aber ich belauschte sie neulich, wie sie eben ein Paar neue Schuhe bekommen hatte, direct aus Paris, da sie behauptet, Köpfe und Füße würdig zu bekleiden, verstehe nur ein Franzose. Wirklich sind die kleinen Stelzchen das Zierlichste, was man nur sehen kann, und passen ihr wie angegossen. Nun fing sie plötzlich in unserm großen Zimmer zu tanzen an und wirbelte wohl eine halbe Stunde um den Eßtisch herum, daß ich mich nicht satt sehen konnte. Und dabei eine ganz ernsthafte, vornehme Miene, als begehe sie eine Art Cultus, nicht eine Spur von Selbstgefälligkeit; ja ich bemerkte deutlich, daß sie nicht einmal in den großen Spiegel sah, so oft sie auch an ihm vorbeischwirrte.

Ich wollte noch von unserm neuen Hausfreund erzählen, aber eben tritt er in die Thür, und obwohl er nicht meinetwegen kommt, muß ich doch seinetwegen diesen Brief schließen. Ich umarme dich in alter Zärtlichkeit. Bessere dich, Schwarze, und gieb dir ein wenig Mühe, meinen Liebling zu lieben, einstweilen auf mein ehrliches Gesicht hin, bis dir ihre eigenen spitzbübischen Augen das Herz stehlen.

L.

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d. 24. Februar.

Also: Er ist sehr groß, sehr braun, sehr still und sehr gelehrt. Von dem Letzten merkt man allerdings am wenigsten. Denn wenn wir alle Vier beisammensitzen, giebt unsere kleine Prinzeß natürlich den Ton an, und die Astronomie, von der ich ihn gern reden hörte, ist nicht sehr in Gnaden bei ihr. Ihm scheint es gerade recht zu sein. Um so besser kann er, wenn er kommt, von seiner Arbeit bei uns ausruhen. Und er kommt fast täglich, da er außer uns sich noch in kein Haus hat einführen lassen und zum Nachtschwärmen mit Junggesellen weder Neigung noch Zeit zu haben scheint. Wenn Andere in ein Weinglas gucken, sieht er durch die Gläser seiner Fernröhre. Ich hatte, da er sehr ernst und still war, anfangs ein wenig Furcht vor ihm. Ich dachte, er müsse mich entsetzlich unwissend finden, da ich von Allem, was ihm wie das Einmaleins ist, auch nicht das Geringste verstehe und vom ganzen Sternenhimmel nur die Milchstraße und den großen Bären kenne. Aber bald kam ich dahinter, daß in dem fertigen, ernsthaften Manne noch ein rechtes Kind steckt, harmlos und bis zur Schüchternheit weltunkundig, dabei dankbar für jeden Spaß und ohne alle gesellige Prätension. Je besser er am Himmel Bescheid weiß, desto blinder scheint er bisher auf der Erde herumgewandelt zu sein. Und doch hat auch er Augen im Kopf und es war drollig mitanzusehen, wie weit er sie aufriß, als Papa zu ihm sagte: dies ist meine jüngere Tochter, Lilli. Ich bin es schon gewöhnt, daß die Leute auf der Straße ihr nachsehen, und wenn einmal Einer wie mit Scheuklappen an ihr vorbeirennt, nehme ich es ihm fast übel, oder bedaure ihn, als sei es nicht ganz richtig mit ihm. Ein so naives Erstaunen aber, wie bei unserm jungen Sterngucker, hab' ich doch noch nicht erlebt! Er hat buchstäblich an jenem ersten Mittag kein Auge von ihr abgewendet, und ich zweifle sehr, daß er wußte, was er aus seinem Teller zerschnitt und zum Munde führte. Sogar Lilli, die doch an Huldigungen gewöhnt ist, wurde durch diese stumme Anbetung verlegen gemacht und gestand mir hernach, daß sie den Gast sehr langweilig gefunden. Sie hat aber im Lauf der Zeit ihre Ansicht geändert, zumal auch Georg – wir nennen ihn schon mit dem Vornamen – sich von dem ersten Schrecken über ihre Schönheit erholt hat und nun all seine Liebenswürdigkeit aufbietet, ihr nicht bloß wie dem ersten besten, Millionen Meilen entfernten Fixsterne gegenüber zu sitzen. Er stellt sich dabei so närrisch an, daß er sich bei Lilli um allen Respect gebracht hat. Aber gerade das scheint ihr zu schmeicheln. So einer wissenschaftlichen Größe ihren kleinen Fuß auf den Nacken zu setzen, einen Kopf zu verrücken, dem unter allen himmlischen Planeten- und Kometenbahnen nicht schwindlig wird, das wird ihr nicht alle Tage geboten. Und so merk' ich denn auch zum ersten Mal etwas an ihr, was man Koketterie nennen muß: den Wunsch, ein Herz zu fesseln, nur um es zu besitzen, ohne daß man sein eignes Herz dagegen hinzugeben geneigt wäre. Ja sogar eine sonderbare Eifersucht bemächtigt sich ihrer, wenn es sich trifft, daß mitten unter den Kindereien, mit denen sie Georg unterhält, an ein hingeworfenes Wort sich ein ernsteres Gespräch anknüpft und er sich zu mir wendet und eine Zeitlang zu vergessen scheint, daß der Hofdienst eigentlich jedes andere Interesse ausschließen sollte. Sie sitzt dann eine Weile schmollend auf ihrem Platz, bis sie es nicht länger aushalten kann, ans Clavier eilt oder sonst etwas aufs Tapet bringt, was ihn wieder ausschließlich an sie fesselt. Und dieser Mann ist auch wirklich ihr gegenüber nur – ein Kind, wollte ich schreiben, aber Kinder sind nicht so bestechlich; – ein Mann, wird wohl das rechte Wort sein; oder giebt es einen besseren Typus des starken Geschlechts, als Herkules, der zu Omphale's Füßen am Rocken spann?

Daß ich dagegen manchmal schwach genug bin, über diese seine Schwäche – in seine Seele hinein – unmuthig zu werden, läugne ich nicht. Aber dann sag' ich mir wieder, daß ja Alles so in der Ordnung ist, so war es vom Anbeginn der Welt, von Eva und dem trojanischen Krieg bis an den jüngsten Tag. Und dann erschwing' ich so viel Humor, daß ich es den beiden Kindern an tollen Einfällen zuvorthue und selbst unser alter zerstreuter Papa in unsern Lach-Chor mit einstimmen muß. Ach, Cloti, manche Dinge hören auf schwer zu sein von dem Augenblick an, wo man sich entschließt, sie leicht zu nehmen!

Dein »Philosoph.«

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Am 3. März.

Schöne aber falsche Sonne. Auf meinem Schreibtisch duftet ein reizender Veilchenstrauß, den Georg mir gestern gebracht.

»Der Mutter schenk' ich.

Die Tochter denk' ich –«

was sich auch auf Schwestern mit und ohne Glanzlicht anwenden läßt.

Ich glaube, ich habe es »berufen«, Schwarze, als ich es rühmte, wie wir Zwei uns in und zwischen den Zeilen verständen. Seitdem liesest du aus meinen unschuldigsten Briefen die schwärzesten Dinge heraus, und meine Vertheidigungen geben dir nur Stoff zu neuen Anklagen. Was hab' ich denn gesagt, daß es dir so unerfreulich macht, Georg und Lilli dir als ein Paar zu denken? Wenn du sie nur sähest! Wir gingen neulich zusammen spazieren, Papa und ich hinterher, die »Kinder« voran. Er führte sie nicht, er wagte auf der Straße kaum sie anzusehen, aber wohl Niemand ging vorbei, ohne sich zu sagen: die sind für einander geschaffen! – Denn auch er ist ein schöner Mann, wenn es auch nicht gleich so in die Augen fällt, wie bei unserm Prinzeßchen. Aber es ist eine ruhige Noblesse in seinem Wesen, die nur noch mehr hervortritt, wenn dies blonde flackernde Flämmchen, das keinen Moment Ruhe hat, ihn mit seiner Jugend und Schönheit anstrahlt. Daß es damit nicht gethan ist, wie zwei Menschen sich nebeneinander ausnehmen, darüber werden wir nicht streiten. Auch leugne ich nicht – ganz unter uns – sie will mir oft an Sinn und Gemüth ihm nicht ebenbürtig scheinen, und ich frage mich mit einer gewissen Bangigkeit, ob aus dem verzogenen Kinde je ein Weib heranreifen wird, das diesen trefflichen, guten, hohen Menschen glücklich machen kann. Aber dann sag' ich mir wieder: wenn irgend ein Mann meine kleine Lilli davor bewahren kann, eine von den gewöhnlichen Weltdamen zu werden, so ist es dieser. Wenn du nur eine Stunde mit ihm gesprochen hättest, Cloti, du würdest mir beistimmen. So viel Zartsinn und Weichheit bei so viel Kraft, Ruhe und Heiterkeit! Es ist wahr, Lilli gegenüber gefällt er mir nicht immer; ich finde, er vergiebt sich zu viel, er sollte sie mehr zu sich hinausziehen, statt sich zu ihr herabzulassen. Dagegen hat er mit mir gleich von Anfang an einen Ton angeschlagen, der nicht liebenswürdiger, freundschaftlicher, brüderlicher sein könnte. Schon darum allein mußt du mir wünschen, daß diese Ehe im Himmel geschlossen sein möchte, damit ich einen solchen Schwager bekomme, der mich zugleich dafür entschädigt, daß ich nie einen Bruder gehabt habe. Ohne daß wir über die Hauptsache je gesprochen, behandelte er mich von Anfang an wie seine Vertraute und Verbündete. Schon bei seinem dritten Besuch sagte er, obwohl wir noch gar nicht zusammen philosophirt hatten: Sie müssen viel gedacht haben, Fräulein Charlotte. – Woraus schließen Sie das? sagte ich. – Aus Ihrem Zuhören, sagte er. Ich lachte und fragte ihn, ob er es mir als Sünde anrechne, daß ich Alles, was ich höre, zu verstehen suche, da uns ja die meisten Männer, wenn wir uns heimlich zu denken erlauben, fast für so strafbar halten, als wenn wir falsches Geld machten. Nein, sagte er; ich hatte eine Mutter, in deren Bücherschrank, im verborgensten Fach, Schleiermacher und Fichte neben Handbüchern der Physik und Anatomie standen. Sie hat mir Tagebücher hinterlassen mit den tiefsinnigsten Betrachtungen über Gott und Welt. Ich bringe Ihnen diesen Schatz; Sie werden schwerlich falsches Geld darunter finden, wenn auch mancherlei von leichterem Gepräge. – Nun hat er sie mir neulich gebracht, zu meiner großen Freude. Wie gern schriebe ich dir Einiges daraus ab, wenn ich dürfte. Aber ich soll diese Hefte ganz für mich allein behalten, er hat es mir auf die Seele gebunden. Lilli kam einmal darüber, las ein paar Seiten und legte sie dann wieder fort, ohne ein Wort zu sagen. Es sind freilich meist bittere Lebensfrüchte.

Doch scheint sie nicht unglücklich gewesen zu sein. Sie hat ihren Mann aus Neigung geheirathet, einen ritterlichen, jungen Officier, den uns Papa als einen trefflichen Kameraden geschildert hat. Ob er ganz wußte, was er an dieser Frau hatte? Wenigstens hat Georg mir erzählt, daß seine Mutter diese Tagebücher auch ihrem Mann nie mitgetheilt habe. Das verstehe ich nun wieder nicht. Wenn ich einen Mann hätte, ich meine, der müßte alle meine Gedanken wissen, noch ehe sie mir selbst ganz klar geworden. Aber das ist wieder das alte Kapitel von den seltsamen Streichen, die die Leidenschaft den armen Sterblichen spielt, von der Macht der Schönheit, die selbst Philosophen weiblichen Geschlechts zu rathen aufgiebt. Bin ich nicht selbst ein Beispiel davon? Das einzige Mal, daß ich meinem alten Sokrates untreu geworden, war es nicht eine von den ganz alltäglichen Verliebungen in einen mir ganz unbekannten schönen Menschen, mit dem ich nie ein Wort gewechselt hatte? Es lief freilich sehr anders ab, als die meisten solcher Romane.

Aber ich merke, ich habe schon zu Viel gesagt, um nicht Alles zu sagen. Bei deiner jüngst erlangten Meisterschaft, zwischen den Zeilen meiner Briefe Gespenster zu sehen, liesest du sonst am Ende eine unglückliche Liebschaft mit einem Kunstreiter oder Mausfallenkrämer heraus. Ohne Umschweife also: es war ein junger Engländer aus einer heruntergekommenen vornehmen Familie, der in dem Hause uns gegenüber ein kleines Quartier von drei Zimmern miethete und unten an der Hausthür einen Zettel anheftete: Mr. Wilford, professeur de la langue anglaise et française. Ich will ihn dir nicht weiter beschreiben, kurz, ich fand ihn wunderschön, und um so interessanter, da er arm und melancholisch war und offenbar früher angenehmere Dinge getrieben hatte, als mit jungen Anfängern den Vicar of Wakefield zu buchstabiren und den marchand des participes zu machen. Ich wurde nicht müde, aus einem verstohlenen Winkel unseres Wohnzimmers nach ihm hinüberzusehen, ihn zu beobachten, wenn er Unterricht gab oder still für sich in seinem einfachen braunen Rock stundenlang auf und ab ging, als denke er über eine große Erfindung nach, dabei manchmal mit der sehr schönen weißen Hand sich über die hohe Stirn fuhr, seufzte oder auch wohl gähnte. Ich fand das Alles bezaubernd, sogar wenn er, da er von seinem neugierigen vis-à-vis keine Ahnung hatte, am Fenster stehend sich rasirte, wobei ich jedesmal zitterte, wenn er sich die Haut ritzte. Eines Tages war das Zimmer leer. Nun erst empfand ich, wie sehr ich verliebt war; denn das Leben hatte plötzlich allen Reiz für mich verloren. Zwei – drei Tage ertrug ich diese Leere. Endlich faßte ich mir ein Herz, in möglichst unbefangenem Ton unser Hausmädchen zu fragen, ob drüben andere Miether einziehen würden; der Herr rasire sich nicht mehr. Da erfuhr ich, daß er in einigen Tagen wiederkommen, dann aber eine junge Frau mitbringen würde, mit der er eben die Hochzeitsreise mache. Wie mir da zu Muthe war, Cloti – ich weiß nicht, ob du je von Eifersucht zu leiden gehabt hast. Ich nur dieses eine Mal, aber für mein ganzes Leben genug! Und nicht meine altbewährte Philosophie, nicht Arbeit, nicht Zerstreuung irgend einer Art half mir dagegen, nur – so wunderlich es klingt – gerade das, was mich krank gemacht hatte: der Anblick des fremden Glücks, die Bekanntschaft meiner Nebenbuhlerin (natürlich auch nur über die Straße und durch zwei Fensterscheiben) und endlich der sehr vernünftige Entschluß, mich eben so in die Frau zu verlieben, wie ich mich in den Mann vergafft hatte.

Es war auch nicht schwer, an dem Anblick dieses Paars sich zu erwärmen und sich aller thörichten Nebengedanken zu entschlagen. Ich habe später einmal eine alte Tieck'sche Novelle gelesen, die erfreulichste, die er je geschrieben hat, »Des Lebens Ueberfluß«. Lies sie, liebste Cloti, wenn du sie noch nicht kennst, und dann stelle dir noch obenein beide Leutchen so schön vor, als du nur kannst, und frage dich, ob über dem Anblick solch eines leidenschaftlich getheilten Glückes nicht jeder Dritten Neid und Eifersucht vergehen müßten, auch wenn sie durch ihr eignes Gesicht nicht schon früh dazu gewöhnt worden wäre, den Gedanken sehr lächerlich zu finden, daß sie selbst jemals eine Leidenschaft einflößen könnte.

Was aus den Glücklichen geworden? Ich weiß es nicht. Sie wechselten nach einem Vierteljahr die Wohnung, und ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört. Seitdem aber habe ich mir keine Untreue gegen meinen Sokrates wieder zu Schulden kommen lassen, denn jede Schuld rächt sich auf Erden, und diesen gelassenen Zeilen wirst du es schwerlich ansehen, was für Schmerzen und Kämpfe dahinter liegen. – –

Lebe wohl! Ich habe mich heute wieder auf den vierten Bogen verirrt und gerade noch so viel Platz, dich um getreue Wahrung des Beichtgeheimnisses zu bitten, vor Allem natürlich gegen den gestrengen Herrn Gemahl, von dem ich wünsche, daß er eine vortheilhaftere Meinung von mir haben möchte, als ich selbst.

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Am 9. März. Nachts 1 Uhr.

Wenn du räthst, wo ich eben herkomme, Schwarze! Natürlich von einer Nachtschwärmerei, von einer lustigen Gesellschaft, wo ich mich als eine würdige Schülerin meines hohen attischen Meisters bewährt habe, der bekanntlich auch die Nacht durchzechen konnte, ohne nur einen halben von seinen fünf Sinnen zu verlieren. Auch ich habe vier– ich glaube sogar fünf Gläser Champagner getrunken, und siehe, wie gerade meine Feder noch hinläuft! Wo aber diese Orgie stattgefunden – nein, Schwarze, gieb das Rathen nur auf! denn ich glaube wahrhaftig, der erhabene Ort, den wir zum Schauplatz unserer nächtlichen Ausgelassenheit wählten, ist, seitdem die Welt steht, noch nie in ähnlicher Weise entweiht worden. Oder geweiht, sollte ich lieber sagen. »Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht« – und heute waren es (mich mit eingerechnet) sogar vier gute Menschen, und der Champagner war der Fünfte im Bunde, und auch der war gut, Cloti, so gut, daß es für meinen lieben Papa ein rechtes Glück war, zwei Töchter zu besitzen, die ihm auf dem Heimwege links und rechts zur Seite gehen und sorgen konnten, daß sein Fuß nicht an einen Stein stoße.

Nun aber ohne Umschweife; wir waren auf der Sternwarte! Schon längst hatte uns Georg versprochen, es uns wissen zu lassen, wenn es etwas Apartes gäbe. Endlich that uns der Mond den Gefallen, sich ein bischen verfinstern zu lassen; darauf wurden wir denn feierlich eingeladen. Mir klopfte ordentlich das Herz, als ich die Treppe zum Observatorium hinaufstieg, etwa wie einem jungen adeligen Fräulein, das zum ersten Mal bei Hof vorgestellt werden soll. Ich dachte wahrhaftig, ich würde den himmlischen Majestäten in die Fenster gucken und den lieben Gott soupiren sehen. Nun, wenn es auch dazu nicht kam, es war immer merkwürdig genug, und ich kann wohl begreifen, wie einem da oben vor den wunderbaren Gläsern der Schlaf abhanden kommt. Und nun Georg das Alles erklären zu hören! Ich hatte allerlei Fragen auf dem Herzen; denn ich will dir nur gestehen: schon vor drei Wochen habe ich mir ein Buch angeschafft, »die Wunder des Himmels«, und mich darin zurechtzufinden gesucht, so gut es gehen wollte. Da hatte ich denn eine Menge confuse Kenntnisse, daß Georg nur so staunte, über ihre Menge und ihre Confusion, bis ich ihm gestand, wo ich meine Weisheit her hatte. Da lachte er und fing nun ein ordentliches Examen mit mir an, und wie ich meinen ganzen Sack schöner Kenntnisse ausgeschüttet hatte, sagte er zu Papa, ich hätte summa cum laude bestanden und er wolle mir die Doctorwürde ertheilen. Damit öffnete er die Thür zu einem kleinen Cabinet nebenan, wo er gegen Morgen ein paar Stunden zu ruhen oder zu schreiben pflegt, wenn gerade der Himmel bedeckt ist, und da stand ein rundes Tischchen mit vier Gedecken und Blumen und Früchten und allerlei Kuchenwerk, und im Winkel ein mächtiger Eiskübel voll silberköpfiger Flaschen. Sehen Sie, Fräulein Charlotte, sagte er, ich hatte eine Ahnung, was heute bevorstünde, und habe gleich dafür gesorgt, daß wir einen bescheidenen Doctorschmaus feiern können. Nun führte er mich mit lustiger Feierlichkeit an das Tischchen, auf dem eine schöne hohe Lampe brannte, und machte dann den Wirth und Diener zugleich, mit so unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit, daß selbst Lilli, die ihren launischen Tag hatte und auch mit dem Sternenhimmel nicht viel anzufangen wußte, endlich aufthaute und immer schöner, kindischer und amüsanter wurde. Auch Papa habe ich selten so guter Dinge gesehen. Zuletzt fing Lilli, die fleißig vom Schaum genippt hatte, an, französische Volksliedchen zu singen, und wäre nur Raum dazu gewesen, sie hätte noch getanzt. Als es endlich Mitternacht schlug, stand Georg auf, füllte die Gläser von Neuem und hielt dann eine übermüthige Rede mit allerlei lateinischen Brocken, worin viel von Sternen und Augen, guten hellen Menschen und solchen, die nur ihr Licht von anderen erhielten, von Bahnen, die sich berechnen ließen, und Kometen, die plötzlich unangemeldet in aller Pracht am Himmel stünden, die Rede war, und die natürlich nur auf Lilli zielte. Bis er sich dann zum Schluß besann, daß er mich eigentlich zum Doctor promoviren wollte, und das denn auch that, mit den spaßhaftesten gravitätischen Förmlichkeiten. Ich hätte nie gedacht, daß in dem ernsten stillen Mann ein solcher Quell von Humor sprudle. Aber im Wein ist Wahrheit. Wenn ich ihn noch nicht lieb gehabt hätte, diese Nacht hätte mich darüber aufklären müssen, welch ein prächtiger Mensch er ist.

Da schlägt es richtig schon Zwei. Ich beneide meine kleine Prinzessin, die gleich zu Bette ging und nun schon lange schläft. Kinder sind doch glückliche Menschen; sie verschlafen Freude und Leid. Ein alter Mensch, wie ich, wacht nach so fröhlichen Stunden noch so lange, bis die Heiterkeit verdampft, wie Wein, der im Glase absteht und endlich trübe wird.

Ich will zu schlafen versuchen. Gute Nacht!

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Den 24. März.

Ich habe lange nicht geschrieben, mir war nicht danach zu Muth; auch heute schreibe ich nur, damit du dir keine Sorge machst. Wir sind alle wohl, es ist nichts Besonderes vorgefallen, und doch ist auf den Rausch jener heiteren Sternennacht eine Stimmung erfolgt, wie sie auch nach anderen Doctorschmäusen sich einstellen soll.

Ich frage mich, was denn der Grund sein könnte, und weiß keinen, auch nicht den geringsten ausfindig zu machen.

Papa ist ohne Kopfweh aufgestanden, Lilli schien von der Huldigung, die ihr zu Theil geworden, sehr befriedigt und ganz ohne Eifersucht auf meinen Doctortitel, Georg kam am Nachmittag, ernst, wie gewöhnlich, aber eher weicher gestimmt, sich nach unserm Befinden zu erkundigen, und ich selbst – nun ich habe fast immer das gleiche Gesicht. Und doch lag etwas in der Luft, das das Athmen nicht wie sonst zu einem mühelosen, bewußtlosen Geschäft machte. Ich schob es erst auf den Rückschlag, der nach jeder sehr gehobenen Stimmung einzutreten pflegt. Jetzt sind Tage vorübergegangen, und es scheint immer drückender werden zu wollen.

Sie sollten sich gegen einander aussprechen, das Verhältniß endlich zur Klarheit bringen. Es zehrt an uns Allen, an mir zumal, die ich gegen alles Halbe eine tiefe Antipathie habe.

Auch auf Lilli müßte es günstig wirken, stell' ich mir vor. Sie bekäme einen Halt, wenn sie sich ruhig auf ihr Gefühl stützen dürfte und eine Pflicht darin fände, dieses Gefühl zum Mittelpunkt ihres Daseins zu machen.

Warum zaudert er nur? Ob er ihrer nicht gewiß genug ist? Seiner selbst könnte er nicht wohl gewisser sein, das verräth jede seiner Mienen, sein Kommen und Gehen!

O liebe Cloti, was ist die Welt so wunderlich! Wir selbst nur verschwindende Pünktchen in dem unermeßlichen All, das uns unsere Fernröhre erschließen, unfähig die Bewegung auch nur des winzigsten unter diesen Weltkörpern zu beschleunigen oder auszuhalten, so wenig wie die Mücke das rollende Rad am Wagen hemmen kann, und doch machen wir aus dem All, das uns unser Nichts bedeutet, wieder eine Welt von unermeßlicher Wichtigkeit, in der ein Sonnenstäubchen uns erheitern, ein Sandkorn uns verstimmen kann, und betreiben unsere mikroskopischen Freuden und Sorgen mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge von einem Haarbreit rechts oder links das Schicksal einer ganzen Schöpfung ab! Freilich, hat das Mikroskop nicht eben so viel Recht, wie das Teleskop? Und ist die Unergründlichkeit im Kleinen nicht der Unermeßlichkeit im Großen ebenbürtig? Wenn es hier keine andern Grenzen giebt, als unsere Sinne und ihre Gehülfen, die Instrumente, so haben wir in unserer winzigen Menschenwelt keinen andern Maßstab, keine andere Schranke, als unser Gefühl und unser Gewissen. Wenn wir nur auch dieses wenigstens so weit von allen Verfälschungen reinigen könnten, wie es uns gelingt, achromatische Ferngläser zu schleifen!

Lebe wohl. Ich bin heute nachdenklich und fürchte dich mit meinem Trübsinn anzustecken. Du hast freilich das beste Hausmittel gegen all solche Anwandlungen bei der Hand: deinen lieben Jungen! –

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Am 30. März.

Wohl hast du Recht, meine geliebte Treue: es ist eine Krankheit bei mir im Anzuge, im Blut oder in der Seele, und ich glaube fast, daß dein »Hausmittel« auch mir helfen würde, und danke dir für die liebevolle Gewalt, mit der du es mir aufdringen willst. Einige Wochen unter deinem glücklichen Dach, gerade jetzt, wo der Frühling sich ankündigt, das würde Wunder an mir thun. Ich kann aber nicht, wie ich will. Wenn ich jetzt das Haus verließe, würde die Entscheidung, der wir in so peinlich schwüler Stimmung entgegensehen, nur verzögert. Georg könnte nicht wie sonst zwanglos kommen, auch wenn Papa bei seiner Arbeit wäre, da er dann Lilli allein träfe. Die Welt hat nun einmal ihre Schlagbäume, an denen man stillhalten und Wegegeld entrichten muß. Vielleicht wäre es das Beste, wenn ich ginge und mich aus dem Wege räumte; er würde dann durch die Entbehrung genöthigt, Ernst zu machen. Vielleicht aber hülfe auch das nichts. Wie oft habe ich mir stundenlang ein Geschäft im Hause gemacht, nur um den »Kindern« die Dueña vom Halse zu schaffen, aber trat ich dann wieder herein, so fand ich Lilli an ihrer Stickerei und ihn in eine Schachaufgabe vertieft, die er in einem illustrirten Journal entdeckt hatte.

Auch Lilli leidet darunter. Das seltsame Kind hat einen unbezwinglichen Stolz, von ihrem Herzen nie etwas durchblicken zu lassen. Sie könnte es mir sehr erleichtern, wenn sie mich in ihr Vertrauen zöge. Aber ich darf nur von fern darauf hindeuten, so verstummt sie und schneidet mir alle Wege ab, ihr zu Hülfe zu kommen.

Und er? Auch er hüllt sich in Schweigen. Oft wenn er über hundert Dinge, die ihm lieb und theuer sind, zu mir spricht, wie zu seinem ältesten Freunde, den ganzen Adel und Reichthum seiner Natur vor mir ausbreitet, glaub' ich ein letztes unausgesprochenes Wort an seinen Lippen schweben, aus seinen Augen hervordämmern zu sehen, das dann wieder durch eine seltsame, fast mädchenhafte Scheu zurückgedrängt wird und ins Innerste hinabtaucht. Er steht dann plötzlich auf, reicht mir die Hand, drückt sie lebhaft, wie ein Schwerkranker dem Arzt, der ihn doch nicht heilen kann, kämpft noch einmal mit einer Bewegung, die ihn zu übermannen droht, und geht hastig davon, ohne Lilli auch nur Adieu zu sagen. Wie wir Beide dann zurückbleiben, kannst du dir vorstellen.

Diese ungreifbaren Schatten, diese Gespenster, die formlos wie ein Rauch sich vor uns hinstellen – alle meine Philosophie, auf die ich mir was zu Gute that, erlahmt an ihnen!

Sogar mein guter, argloser Vater, der sonst in seine Arbeit versunken wie unter einer Taucherglocke lebt und von allem Wogenschlag um ihn her nichts empfindet, fängt an den Druck der Luft zu spüren und sieht uns mit fragenden Blicken Eine um die Andere an. Was sollen wir ihm antworten? –

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d. 4. April.

Warum hast du mir Das gethan? mit so grausamer Deutlichkeit das Wort meines Schicksals ausgesprochen? Ich erkenne auch darin deine gute, tapfere Freundschaft; du glaubtest mir an die Wunde rühren zu müssen, wenn es auch weh thäte, damit ich nur nicht länger mich täuschen möchte, wo ich das Uebel zu suchen hätte. Ach, Liebste, ich habe mich schon längst nicht mehr getäuscht! Wer so lange einsam mit seinem Herzen hingelebt hat, der weiß darin Bescheid, wie ich mir denke, daß eine Mutter ihr Kind verstehen und jede seiner Regungen ihm aus dem Gesichte lesen müsse. Ich war auch nicht lange im Dunkeln über dieses selig unselige Gefühl. Nur dachte ich, es sei mir besser geglückt, es dir zu verbergen, und erröthe, wenn ich denke, daß es vielleicht auch Denen, mit denen ich lebe, kein Geheimniß geblieben sein möchte. Aber nein, sie Alle haben zu viel mit sich zu thun, um auf mich zu achten. Du stehst von fern und innerlich mir doch am nächsten, und wer weiß auch, was ich dir Alles geschrieben habe?

Nun es geschehen und der erste Schreck, mich in meinem verstohlensten Kummer belauscht zu wissen, verwunden ist, bin ich dir dankbar, liebes Herz, daß du den Muth gehabt hast, die Krankheit beim Namen zu nennen. Dein Brief verhalf mir zu heftigen, aber wohlthätigen Thränen, den ersten, die ich um dieses Leid geweint habe. Du hast eine so liebliche, gelinde Art, mitzufühlen, mitzuleiden, und deine Worte streicheln mich so schwesterlich sanft, daß ich mitten im bittersten Erkennen, wie Schweres mir auferlegt ist, ein Wohlgefühl, einen sehr süßen Trost empfand, um den ich meinen Schmerz nicht hingegeben hätte. Ja, du hast mir geholfen, den Schmerz selbst mir zu einer Wohlthat umzuschaffen. Denn indem ich las, wie du dir meine Lage denkst, wie trostlos du sie findest, wie um jeden Preis du sie zu ändern wünschtest, brach sich langsam, aber desto siegreicher die Empfindung Bahn, daß ich trotz alledem ein bevorzugter Mensch bin, da es mir gegeben ist, diese tiefen, heiligen, schönen Schmerzen zu fühlen, und indem ich Das, was mir versagt ist, täglich vor Augen sehe, täglich auch seinen unergründlichen Werth zu erkennen und mich an dem Anblick eines so reinen, hohen und liebenswürdigen Menschen zu erbauen, wenn er auch von meiner Andacht keine Ahnung hat!

Es ist wahr, Liebste, ich bin nicht immer auf dieser Höhe. Es kommen finstere, kleine, engherzige Stunden, wo Leidenschaft wie Feuer in einer verschlossenen Hütte mit einer schweren Wolke Alles um mich her anfüllt, daß ich zu ersticken meine. Ich bin kein Engel, liebste Cloti, keine selbstlose, zahme, duldende Heilige, sondern ein sehr menschliches Geschöpf und nicht einmal besonders zum Guten begabt. Was ich geworden bin, habe ich im Schweiße meiner armen Seele mir abgerungen, und da ich früh eine feine Erkenntniß für Das hatte, was recht und gut und menschenwürdig ist, und einen starken Willen besitze, ist nach und nach ein ganz rechtschaffener Mensch aus mir geworden, und ich vertrage mich durchschnittlich gut genug mit mir selbst. Diesmal aber, in dieser letzten, gewaltsamsten Prüfung, habe ich es recht inne werden müssen, wie bald Alles, was Reflexion und Resignation errungen haben, wieder in Frage gestellt wird, wenn ein dämonisches Gefühl an der Wurzel unseres Lebens rüttelt. Ich habe Tage gehabt, Cloti, Nächte, wo ich meinte, ich könne es nicht überwinden; und Qualen gelitten, für die dein wärmstes Mitgefühl nur ein sehr kalter Ausdruck wäre. Das ist vorbei. Ich bin langsam zu mir selbst zurückgekehrt. Zunächst habe ich es mit dem Stolz versucht; das mißglückte sehr. Ich habe es dir schon einmal gestanden, daß ich unfähig wäre, zu begreifen, wie man ein Gefühl darum vor sich selbst verleugnen, oder gar in sich selbst ausrotten könne, weil es ohne Erwiederung bleibt. Viel besser half mir dann die Liebe selbst, indem ich mich bemühte, sein Glück so recht als das meine zu empfinden, gleichviel, wer es ihm schaffen und bereiten dürfe. Wenn sie ihn glücklicher machen kann, als du, sagte ich mir, so ist sie mit besserem Rechte sein. Nur wenn ich hieran wieder zweifelte, dann, Cloti, beschlich mich ein bitterböses Gefühl, ein erbärmlicher Neid, der bis zur Wildheit sich steigernde Wunsch, er möchte so klar sehen, wie ich zu sehen mir einbildete, und irgend ein Gott ihm die Binde von den Augen reißen, die ich, die Schwester, ihm nicht abnehmen darf. Mehr als einmal war ich im Begriff, ihm zu sagen: Verlassen Sie uns; reisen Sie fort. Versuchen Sie, ob Ihnen der Zauber, dem Sie hier erliegen, wirklich in die Ferne nachfolgt, ob Ihr Herz dabei so betheiligt ist, wie Ihre Sinne. Und wenn ich Sie nie wiedersehen sollte, ich will es lieber ertragen, als mit ansehen, wie Sie unglücklich werden! Daß ich dennoch schwieg, soll ich es mir als Stärke oder Schwäche auslegen?

 

Nachts um Zehn.

Er selbst unterbrach mich heute Abend. Ich bin ihm dankbar dafür, ich kann nun ruhiger diesen Brief zu Ende schreiben. Er war ungewöhnlich heiter und mittheilend, auch Lilli hatte ihre rosigste Laune, wir saßen nach dem Thee um den Tisch herum und spielten ein Kinderspiel, das Lilli vorschlug, »Hölle«. Ich weiß nicht, ob du es kennst. Die Pointe ist, daß sich alle dutzen müssen, die sich sonst Sie nennen, und umgekehrt, und für jedes Versehen ein Pfand. Er selbst irrte sich kein einziges Mal und dutzte mich so unbefangen, wie nur ein Bruder kann, während er an Lilli kaum das Wort richtete. Und freilich suchte auch sie die directe Anrede an ihn zu umgehen und fiel endlich auf den Ausweg, »man« zu sagen. Papa lachte, daß ihm die Thränen in die Augen traten. Wer uns so gesehen hätte, hätte gedacht, das Ideal einer glücklichen Familie vor Augen zu haben! – –

Und könnten wir's nicht auch sein? werden wir's nicht sein, wenn die erwachsenste der beiden Töchter, die schon auf dem besten Wege war, ein sehr vernünftiger Mensch zu werden, ihren Rückfall nur erst überwunden hat? Habe nur ein wenig Geduld mit mir, Cloti! Das Fieber der Ungewißheit hat all die andere Krankhaftigkeit mit in meine Natur hereingeschleppt. Wenn die Beiden ein glückliches Paar sind, du sollst sehen, Liebste, ich betrage mich dann ganz ordentlich, nicht blos nach außen; ich werde mich sogar zu freuen wissen, aufrichtig, für ihn und sie, und Niemand wird das Glück wünschen inniger von Herzen gehen.

Das freilich glaube ich zu wissen, daß ich ihn tiefer und ernsthafter liebe, als das Kind. Aber wenn ich bei alledem das Geheimniß nicht verstehe, sein Herz auszufüllen, was hilft ihm dann der beste Wille des meinigen? Wenn es ihn nun gerade lockte, es zu erleben, wie das noch unreife Kinderherz in seine Liebe hineinwächst, wenn ihn der Kampf reizte, den er bei Lilli zu kämpfen hat, um all die kleinen Nebengötzen aus ihrem Herzen zu verdrängen, bis er allein darin herrschen kann, könnte ich ihn darum geringer achten? Oder etwa darum, daß auch er, wie alle natürlichen Menschen, ein starkes Schönheitsbedürfniß hat, dem mit all meinen sonstigen guten Eigenschaften nicht geholfen wäre? Wahrhaftig, wenn er so geschmacklos wäre, mich reizend zu finden, ich glaube, das würde ihn in meinen eigenen Augen herabsetzen, da ich an seiner Vollkommenheit dadurch irre werden müßte.

Gehe es, wie es kann und muß. Ich bitte dich herzlich, Liebste, entschlage dich jeder Sorge um mich. Ich habe das Loos eines einsam übrigbleibenden Mädchens nie für beklagenswerth gehalten, wenn sie äußerlich und innerlich unabhängig und durch Natur und Erziehung gegen Langeweile geschützt ist. Und habe ich nicht außer Papa noch dich, mein alter Schatz, und die Anwartschaft auf eine Tantenstelle bei deinem Ernst? Siehst du, ich kann nicht verderben.

Georg läßt dich grüßen. Er fragte heute, an wen ich so eifrig schriebe. Ich mußte ihm von dir erzählen. Er sagte: Wird man sie nicht einmal kennen lernen? – Ich wollte es selbst, nur damit du mir das Zeugniß gäbest, daß, wenn ich einen Augenblick um meine Philosophie gekommen bin, der Anlaß der Sünde werth war! Gute Nacht. – Verbrenne dies Blatt, versprich es mir! Mir selbst fehlt das Herz, es noch einmal zu überlesen.

Ach, Cloti, eine Stunde an deiner Seite sitzen, deine Hand fassen und so recht Alles vom Herzen herunterbeichten, wie vor Jahren, wenn uns irgend ein kindisches Herzweh, eine dumme Schulgeschichte ängstigte! Man kommt doch nie aus der Schule heraus. –

Lebewohl!

Deine alte Lotte.

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Den 10. April.

Nur im Fluge, bis der Wagen vorfährt, zwei Zeilen, geliebte Seele, um dir zu sagen, wie sehr mir dein lieber, kluger, verstehender Brief, der eben eingetroffen, das Herz bewegt hat. O du Goldene! Du willst mich's auch erleben lassen, wie einem Menschen zu Muth ist, der Liebesbriefe erhält. Ich habe gelacht und geweint in Einem Athem, und das Alles mitten unter allen Eitelkeiten einer Balltoilette, so daß ich hernach geschwind mir die Augen waschen mußte, um nur nicht alle Schönheitsmittel, die ich an mich gewendet, durch die rothen Augenlider zu Schanden zu machen. Meiner »intimen Feindin« hat das Waschen freilich nicht aufhelfen können; aber dein Brief hat auf mein Gemüth Roth aufgelegt, und ich komme mir trotz alledem wunderhübsch vor, da du mich so liebst und es mir so lieblich sagst. Wie gern ließe ich nun mein volles Herz überlaufen und wenn es wieder vier Bogen füllen sollte! Aber die Zeit reicht nur zu einem Händedruck. Der Stadtcommandant, ein alter Kriegskamerad von Papa, giebt ein großes Fest zu Ehren des durchreisenden Erbprinzen von L. und hat nicht nachgelassen, in Papa zu dringen, bis der versprochen hat, Lilli trotz der Trauer mitzubringen: da muß ich natürlich Ballmutter sein. Georg ist auch geladen, als eine Nothabilität, und da er seit Kurzem auch an der Kriegsschule angestellt ist. Er behauptet, er tanze nicht mehr. Aber wenn er seine Lilli erst sieht, ich wette, er tanzt jeden Tanz, den sie ihm nur irgend aufheben will. O Cloti, was ist das Kind schön! Und wie liebenswürdig, da sie wirklich vor dem Spiegel natürlich bleibt und gar nicht viel Wesens aus sich macht! Ein weißes Mullkleid mit Blau und Silber garnirt und Maiblumen im blonden Haar – wenn es nicht nach einem faden Ballcompliment klänge, würde ich sagen: der Frühling in Person! Aber auch wir haben uns angegriffen, Cloti, und auf unsere werthe Person viel mehr verwendet, als eine alte Jungfer und noch dazu eine Philosophin mit ihrer erhabenen Weltanschauung eigentlich vereinigen könnte. Als ich mich endlich fix und fertig im Spiegel besah, ertappte ich mich sogar auf einem wohlgefälligen Schmunzeln, das ich an Lilli sehr tadelnswürdig gefunden hätte. In der That, ein anderes Gesicht zu dieser Figur und dem schönen meergrünen Kleide und der Coiffüre von Seerosen, so möchte das Ganze nicht so übel sein. Aber diese impertinente »Bewußte« verdirbt natürlich Alles. Ist es nicht auch boshaft? Nicht einmal heute ein noch so bescheidenes Glanzlicht, oder nur der mäßigste Versuch, für ihre Formlosigkeit »durch malerischen Reiz zu entschädigen«! Ich war schon im Begriff, mich darüber zu erbosen. Dann zog ich's vor, die Sache von der spaßhaften Seite zu nehmen. Am Ende ist auch in dieser naiven Beharrlichkeit eine gewisse Größe, eine Art Gesinnungstüchtigkeit, die man ihr wieder anrechnen muß. »Kein Talent, doch ein Charakter«, kein Glanzlicht, doch der Muth, das Unabänderliche mit Würde zu tragen. Und da sie einmal nicht zu Hause bleiben kann, will sie sich auch nicht verlegen benehmen, sondern ganz so unbefangen mittanzen, wie die Schönste und Gefeiertste ihres Geschlechts. Mittanzen? Das ist nun freilich sehr die Frage; denn zum Tanzen gehören Zwei. Aber wer weiß –

Ich höre den Wagen vorfahren. Lebe wohl! Morgen oder übermorgen bekommst du deinen Ballbericht. Himmel, da mach' ich mir noch einen Tintenfleck auf die Hand! Ich bin gleich fertig Lilli! –

Ewig deine
leichtsinnige Philosophin.

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Am 11. April Nachmittags.

Es regnet in Strömen.

Ach und auch sonst, liebes Herz, hängt der Himmel nicht mehr voll Geigen, wie gestern, als ich meinen Zettel an dich schrieb. Der unselige Ball! Und doch, wer weiß, ob diese Aprilstürme uns nicht einen desto früheren und beständigeren Sommer bringen.

Es fing Alles so heiter und behaglich an. Ich liebe große, schön durchwärmte und erleuchtete Räume, mit Menschen gefüllt, die ihr bestes Kleid und ihr bestes Gesicht mitgebracht haben, das Summen und Rauschen einer beginnenden Festlichkeit, Blumen in allen Vasen, jedes Stäubchen von den blanken Möbeln abgewischt, schöne junge Gesichter, die von Siegeshoffnungen strahlen, und zufriedene alte Herren, die in unbewachten Augenblicken auf ihre blitzenden Orden herabschmunzeln. Solch ein Weltkind bin ich trotz meiner salomonischen Weisheit, daß Alles eitel sei, und die Tonne des alten Diogenes ist mir immer als das abscheulichste Logis vorgekommen, das je ein unsterblicher Mensch bewohnt hat. – Nun kannten wir freilich die Wenigsten in der großen Menschenmenge, aber dem war bald abgeholfen. Wir theilten uns schwesterlich: Lilli wurden die jungen Herren vorgestellt, mir die alten. Du mußt nämlich wissen, ich habe Glück bei den alten Herren. Wenn ich nur wollte, hätt' ich an jedem Finger einen Courmacher in den besten Jahren, zwischen fünfzig und sechszig, und ich will dir auch vertrauen, daß ich schon drei Körbe ausgetheilt habe an sehr respectable Freier, einen Geheimenrath, einen General und einen Stadtgerichtsdirector (der Letztere war sogar schon Großvater, aber noch ein recht lebensfroher Mann, der auch hernach eine minder Wählerische mit seiner Hand beglückt hat). So konnte ich meine Pflichten als Ballmutter in der besten Laune erfüllen, zumal Ueberfluß an Tänzerinnen war und keiner der jungen Offiziere, die mich höflicher Weise aufforderten, sich sehr zu grämen hatte, wenn ich mich entschuldigte. Georg kam spät, als der erste Tanz schon vorüber war. Er fand mich sogleich, und begrüßte mich mit seiner gewohnten Herzlichkeit, glaubte sich auch verpflichtet, mir über meinen Anzug etwas Schmeichelhaftes zu sagen, bis ich ihn bat, seine Bewunderung für die Ballkönigin zu sparen. Er sah sich lächelnd um und erblickte Lilli, von einem Schwarm von Anbetern umringt, strahlend von Jugend und Triumphen. Ich verzichte darauf, durch diesen Hofstaat durchzudringen, sagte er. Auch bin ich ja kein Tänzer. – Ich redete ihm ins Gewissen, daß er als Hausfreund jedenfalls verpflichtet sei, ihr guten Abend zu sagen und sie um eine Française zu bitten, die sie ihm ohne Zweifel aufgehoben haben würde. Wenn Sie meinen! sagte er, mit einem Gesicht, aus dem ich nicht klug werden konnte. Doch ging er, und ein alter jovialer Herr, ein Landtagsabgeordneter, der mir sehr eifrig den Hof machte, verhinderte mich, ihn im Auge zu behalten, während er der Dame seines Herzens huldigte. Plötzlich hörte ich wieder seine Stimme neben mir. Ich habe es wohl gedacht, flüsterte er mir zu; so ein simpler Sterngucker verschwindet unter all den blanken Ordenssternen und blitzenden Epauletten. – Was? sagte ich. Nicht eine Française? – Und er: Kommen Sie, liebe Charlotte, helfen Sie mir, mich darüber zu trösten. Ich sehe da zwei leere Fauteuils neben dem Blumentisch. Da können wir den Wirbel an uns vorüberschwirren sehen, ohne selbst außer Athem zu kommen. – Ich sah ihm ins Gesicht; aber diese stolzen Männer wissen sich so zu beherrschen, daß kaum ein leises ironisches Zucken um den Mund verrieth, wie er unter dieser absichtlichen Vernachlässigung litt. Auch das schwand immer mehr, während wir plauderten. Er scherzte in seiner alten Weise, wie wenn wir in unserer stillen Wohnstube zusammensäßen, nannte mich zuweilen »lieber Doctor« und fragte mich über meine astronomischen Studien aus. Ich weiß nicht, warum seine erzwungene Heiterkeit mir so weh that. Schämen Sie sich, sagte ich, daß Sie hier so phlegmatisch stillsitzen können, während die schönsten jungen Tänzerinnen an Ihnen vorüberschweben. Sehen Sie nicht dort die verspäteten Fräulein X eintreten. Geschwind thun Sie ihre Schuldigkeit, bitten Sie wenigstens um den Cotillon und seien Sie so liebenswürdig, wie es Ihnen irgend möglich ist. – Er lachte und blieb ruhig sitzen. Ich schwöre es bei Ihrer Doctorwürde, liebe Charlotte, sagte er, ich tanze heute keinen Schritt, als nur mit Ihnen. – Dann bleiben Sie entweder sitzen, oder einer von uns Beiden wird wortbrüchig. Denn auch ich habe mir gelobt, wie es meinem ehrwürdigen Alter geziemt, keiner Jüngeren einen Tänzer wegzunehmen. Während er eben über meine hohen Jahre spottete, kam ein junger Offizier auf uns zu und bat, ob wir nicht in einem Contretanz aushelfen wollten, es fehle an einem Paar. Sofort sprang er auf, bot mir den Arm und sagte mit drolliger Feierlichkeit: Es steht in den Sternen geschrieben, daß wir alle Beide nicht sitzen bleiben sollen. – Und nun wollte es noch der Zufall, daß wir in derselben Quadrille mit Lilli tanzen mußten. Ich beobachtete sie dabei; aber auch aus ihr war nicht klug zu werden. Ihr Tänzer, ein sehr eleganter junger Diplomat, unterhielt sie angelegentlichst; sie lachte dann und wann mit ihrem reizenden Kinderlachen hell auf; dann fiel es über ihr Gesicht plötzlich wieder wie ein kalter weißer Schleier. Georg sah manchmal ernst und sinnend zu ihr hinüber. Sie vermied offenbar seinen Blick. Was ging in dem wunderlichen, confusen Herzchen vor? Es machte mich, so glücklich ich war, Georg nahe zu sein, traurig und bange, und ich war froh, als der Tanz vorüber war. Was haben Sie? fragte er, als er mich zu unseren Plätzen zurückführte. Ihnen ist unwohl geworden. – Ich kann das halbe Licht nicht vertragen, sagt' ich. – Ich weiß nicht, ob er mich verstand. Aber auch er wurde still und nachdenklich, und schon war ich im Begriff, jetzt die Gelegenheit vom Zaun zu brechen und mitten zwischen Walzertönen und fader Ballconversation eine Entscheidung zu suchen, deren Verzögerung drei Menschen unselig machte, als die Dame des Hauses mich anredete und auch Georg durch Andere in Beschlag genommen wurde.

Ich habe den ganzen Abend kein Wort mehr mit ihm wechseln können. Nur zuweilen sah ich sein edles stilles Auge fern im Gewühl aufleuchten; es kam mir vor, als werde seine Stirn immer bleicher; sein Mund immer schmerzlicher. Zuletzt war er ohne Abschied verschwunden.

Ich litt sehr, in seine und meine Seele hinein, und auch meine Lilli dauerte mich. Was konnte sie dafür, daß sie noch nicht erkannt, welch ein Herz sich ihr anbietet, und wie sehr sie an ihrem eigenen Glücke sündigt, da sie es nicht mit offenen Armen an sich zieht, sondern durch ein kindisches Spiel kleiner Lockungen und Mißhandlungen immer in einer gewissen Ferne hält! Sie selbst litt an diesem Abend und suchte es kaum mehr zu verbergen. Als wir nach Hause fuhren, unser guter Papa schlafselig in die Ecke gedrückt, wir Beiden stumm uns gegenüber, suchte ich Lilli's Hand unter dem Mantel und drückte sie verstohlen. Sie erwiederte den Druck nicht, aber beim vorbeiwehenden Laternenschein konnt' ich sehen, daß ihr zwei große Thränen in den Augen standen, mit denen sie starr und steinern in die Nacht hinaussah. Aber dies räthselhafte Kind hat sich so in seiner Gewalt, daß, als wir zu Hause angekommen waren und Papa, eh' er uns gute Nacht sagte, fragte, wie wir uns amüsirt hätten, Lilli mit ganz heiterem Gesicht sagen konnte: sie sei nie so vergnügt gewesen. Dann küßte uns Papa und ließ uns allein. Auch Lilli wollte ohne Weiteres in ihr Zimmer gehen, aber ich hielt sie an beiden Händen fest. Ich redete ihr zu, wie nur eine Mutter kann, mir endlich ihr Inneres aufzuschließen. Ich drang aufs Liebevollste in sie, über sich selbst klar zu werden und dann uns Allen ins Klare zu helfen. Eine Weile hörte sie mich mit ihrem eigenthümlichen finstern Ausdruck an, der ihr junges Gesicht plötzlich reif erscheinen läßt. Aber sie sagte nichts. Dann sah ich, wie die Spannung ihrer Züge, die sich mir fast feindselig verschlossen, milder wurde, wie ihr ganzes heftig zusammengekrampftes Wesen ins Thauen kam, bis sie mir plötzlich mit strömenden Thränen um den Hals fiel und unter lautem Schluchzen bat, nur noch ein wenig Geduld zu haben, es werde sich gewiß Alles aufklären, sie könne nicht reden, ich solle sie nur lieb behalten, es sei ihr selbst übel genug zu Muthe.

Ich hatte Noth, sie wieder zu beruhigen, und natürlich gab ich es auf, noch in der Nacht tiefer in ihr seltsames Herz einzudringen. Heute früh erschien sie mit geschwollenen Augen, übrigens in ihrer Blässe so lieblich wie nie. Sie ist weich und still und sucht mir auf alle Weise zu zeigen, daß sie mich liebt. Aber das Räthsel lös't sich noch immer nicht.

Nun ist es an ihm. Ich werde, sobald er kommt, offen mit ihm reden. Er ist es ihr schuldig, ein Ende zu machen.

Was hilft mir nun all mein bischen Lebenserfahrung und Besonnenheit? Was hat man von seinen besten und festesten Maximen, liebste Freundin? Sie kommen mir immer vor, wie an den Häusern alter Städte die Merkzeichen, bis wie hoch beim Eisgang nun so und so der übertretende Fluß gestiegen ist. Vielleicht können sie unter günstigen Umständen Fingerzeige sein, wie und wo man Dämme und Schutzwehren anlegen soll. Aber eine Ueberschwemmung verhüten sie nicht, und wer sein Hauf einmal am Stromuser stehen hat, dem wird dadurch wenig geholfen, daß er darüber klar ist, sein Erdgeschoß ein für allemal preisgeben zu müssen! – –

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Am 14. April.

Was soll ich nun davon denken? Sage mir's, wenn du es weißt; mein armer Kopf wird immer dunkler, und obwohl es leider in meinem Herzen klar genug ist, es will keine grande pensée daraus hervorbrechen, diese verhüllten Bangigkeiten zu lichten. Liebste Cloti, was ist man für ein hülfloses, kurzsichtiges, abhängiges Geschöpf! Die Flügel, deren unsere arme Seele sich rühmt, was helfen sie ihr? Nicht mehr als dem Käfer am Faden die seinigen, die es ihm nur fataler machen, daß er festgebunden ist. Wenn wir nie die Illusion des freien Fluges hätten, sondern immer nur kriechen könnten, wäre uns viel wohler.

Er ist drei Tage weggeblieben. Was das Kind darunter gelitten, mag Gott wissen. Mir hat sie es nicht vertraut. Aber ich sah deutlich, daß sie in diesen drei Tagen um so viel Jahre älter wurde. So konnte es nicht fortgehen. Also schrieb ich ihm heute früh, ob er mich am Nachmittag nicht besuchen wolle, ich hätte ihm etwas zu sagen. Lilli war zu einem Singkränzchen gegangen, ich allein im Hause, und das Herz schlug mir bis in den Hals hinauf, als ich seinen Schritt hörte, so daß ich ihm kaum guten Tag sagen konnte. Sein stilles Wesen, das ebenfalls nicht unbefangen war, gab mir bald meine Fassung zurück. Warum er sich nicht habe sehen lassen, fragte ich. Man erkundige sich doch, wie seine Tänzerin geschlafen habe. – Er habe so viel Arbeit gehabt, sagte er und setzte sich halb mir abgewendet an Lilli's Nähtischchen, eine angefangene Stickerei betrachtend, als wolle er die Stiche zählen. Mir war das ganz lieb. Auch ich sah ihn nicht an, sondern fing nun gleich meine kleine Predigt an, als läse ich sie vom Blatt. Er wisse, sagt' ich, daß ich ein rechtes Schwesterherz für ihn hätte und ihm alles Gute wünschte, da ich ihm alles Beste zutraute. Aber ich sei in der letzten Zeit fast irre an ihm geworden. Wenn er auch besser im Himmel als auf der Erde Bescheid wisse, so kenne er doch die Welt und die Menschen und insbesondere die Frauen hinlänglich, um zu begreifen, daß man einem jungen Mädchen nicht zuerst so eifrig den Hof machen, und sich dann nur halb zurückziehen dürfe. Er möchte mir verzeihen, wenn ich vielleicht zudringlich in ein zartes Geheimniß eingriffe; aber ich verträte nun einmal Mutterstelle bei meiner Schwester und sei es ihr schuldig, einem Zustand ein Ende zu machen, der sie um Frieden und Frohsinn und endlich auch um ihre Gesundheit bringen müsse. – Da sah er einen Augenblick zu mir hinüber, als wolle er aus meinem Gesicht lesen, senkte dann aber seinen Blick gleich wieder auf die Stickerei und sagte: Ich verstehe Sie nicht, Charlotte. Oder wenn ich Sie verstehen soll, so bin ich überzeugt, daß Sie in einer großen Täuschung befangen sind. – Das spricht der Stolz aus Ihnen, lieber Freund, erwiederte ich, der gekränkte Mannesstolz. Vielleicht, wenn ich Lilli fragte, würde auch sie mir antworten, sie verstehe mich nicht, oder ich täuschte mich über euer beider Verhältniß. Wenn ich nun auch noch in Lilli's Seele hinein stolz sein und euch zwei thörichte Kinder gehen lassen wollte, wäre es nicht abzusehen, welch eine unglückselige Lösung dies Versteckensspielen mit einander noch fände. Darum hab' ich mir ein Herz gefaßt, lieber Georg, mit Ihnen, der wenigstens den Jahren nach der Verständigere sein sollte, ein offenes Wort zu reden. Ich kann es Ihnen nicht ganz verdenken, daß Sie an meiner Lilli irre geworden sind. Sie kennen sie eben nicht, wie ich. Es steckt ein ganz vortreffliches, braves Weib in diesem verzogenen Kinde, und der Mann, der es versteht, durch seine Herzenswärme die Knospe zur Blume zu erziehen, wird ein glücklicher Mensch sein.– Und nun sprach ich ihm wohl eine Viertelstunde lang von all ihren guten und liebenswürdigen Eigenschaften, und wie glücklich es mich Anfangs gemacht, zu bemerken, daß gerade er nicht blind dafür sei, und wie ich auch über Alles, was in einer so glänzenden Natur Gefährliches liege, ganz beruhigt gewesen sei, in dem Gedanken, daß ein so ganzer Mann, wie er, sich dieses Schatzes bemächtigen und damit aufs Liebevollste und Weiseste schalten würde. Ach, Cloti, es wurde mir manchmal schwer, mich selbst so ganz dabei zu vergessen; meine alten, längst begrabenen Herzensnöthe wachten ein paar Mal wieder auf und wollten mitsprechen. Aber desto lebhafter fuhr ich fort, über diese sehr unberufenen Störungen zur Tagesordnung hinüberzugehen, und sagte ihm endlich, daß er es auch mir, seiner getreuen Freundin, schuldig sei, das Verhältniß ins Klare zu bringen, da ich unter Lilli's verschwiegenen Leiden natürlich mit zu leiden hätte und seit jenem unglücklichen Ball keine Nacht geschlafen hätte.

Dann schwieg ich in höchster Spannung, was er antworten würde. Aber ich sah nur, daß er ein paarmal die Lippen öffnete und dann doch wieder schwieg.

Was haben Sie, lieber Georg? sagte ich. Ist denn Das, was Sie von mir zu hören bekommen haben, so tragisch, daß Sie, wie vor etwas Unfaßbarem, Ungeheurem, darob verstummen müssen?

Da stand er auf und sagte, indem er an mich herantrat: Tragisch, allerdings, das ist das Wort. Verzeihen Sie mir, liebe Charlotte, wenn ich, nachdem Sie mir so herzliche Dinge gesagt haben, nun doch von Ihnen gehe, ohne Ihr Vertrauen sogleich zu erwiedern. Sie wissen nicht, wie voll mir das Herz ist. Haben Sie noch eine ganz kurze Geduld mit mir. Das Eine verspreche ich Ihnen schon jetzt: ich will diesem unerträglichen Zustande ein Ende machen, und wäre es auch um den Preis, eine so treue Freundin, wie ich sie an Ihnen besitze, zu verlieren. Geben Sie mir Ihre Hand, liebe Charlotte! Ich danke Ihnen, trotzdem. Wenn Sie mir wehgethan haben, Sie haben es gut mit mir gemeint; ich danke Ihnen auch dafür!

Und so hielt er meine Hand, als werde es ihm schwer, sie wieder loszulassen, wandte sich dann rasch ab und ging aus dem Zimmer.

Seine seltsame Art, das lange Sprechen, die Anstrengung, die mich meine Mutterrolle gekostet, hatten mich so erschüttert, daß ich, sobald ich allein war, in ein krampfhaftes Weinen ausbrach. Erst als ich den Vater nach Hause kommen hörte, ermannte ich mich. Aber ich war zu aufgeregt, um gleichartiges Beisammensein zu ertragen. Ich habe mich in mein Zimmer gesetzt und dir diesen Brief geschrieben. Dabei ist mir wohler geworden, stiller, wenn auch nicht klarer. Ich vertraue ihm, daß er einen raschen Entschluß fassen wird. Aber wenn ich mir je einbildete, in seiner Seele zu lesen, jetzt verschwimmt Alles vor meinen Augen, als wäre er mir ewig ein Fremder gewesen.

Und wir wagen von Freundschaft oder Liebe zu sprechen und kennen den geliebten Anderen nicht viel besser, als die Wesen, die vielleicht auf dem Sirius wohnen!

Lebe wohl und fahre du wenigstens fort, mich zu kennen und dich mir zu erkennen zu geben!

Deine Getreue.

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Am 15. April.

Da ist sein Brief, Geliebte. Ich erhielt ihn heute früh. Lies ihn. Ich bin unfähig, ein Wort hinzuzufügen. Der Boden schwankt unter mir. Kaum kann ich die Feder halten. – Ist es denn möglich!?

L.

Georg an Charlotte.

Am 14. April, Nachts 11 Uhr.

Sie wollen, daß ich mich entscheide, meine theure Freundin. Sei es denn! Was zu wählen und zu thun sei, ist mir seit Wochen schon völlig klar. Ich konnte nur nicht die Kraft mir abgewinnen, das Nothwendige auch für möglich, ja für heilsam zu halten. Nun danke ich Ihnen, daß Sie mir zu Hülfe gekommen sind; auf Ihre Weise, und somit auf die beste heilsamste, wenn Sie mir auch den Schmerz nicht gerade gemildert haben. Aber vielleicht war dieses Letzte noch nöthig, um alles Zögern abzuschneiden.

Ich bleibe bei meiner Ansicht, liebe Charlotte: Sie sind in einer Täuschung befangen, wenn Sie glauben, Ihre Schwester habe eine lebhaftere Neigung zu mir gefaßt. Unsere Naturen sind sich viel zu fern, unsere Gedanken und Wünsche zu verschieden. Sollte sie selbst Ihren Irrthum theilen, so werden Sie sehen, wie bald sie davon zurückkommt, wenn wir uns nicht mehr sehen. Und hierzu bin ich entschlossen, zum Theil, um die Probe anzustellen, die auch Sie in Kurzem von dem Ungrund Ihrer Befürchtungen überzeugen wird, zum größern Theil um meiner selbst willen. Denn ich fühle, daß es eine Pflicht der Selbsterhaltung für mich wird, dieses Haus, in dem ich so unvergeßliche Stunden erlebt, nicht wieder zu betreten. Denken Sie darum nicht gering von mir, liebe Charlotte. Glauben Sie es mir, ich habe es an redlicher Arbeit der Vernunft nicht fehlen lassen, um das hohe Gut, das Sie mir so freundlich boten, mir zu erhalten, statt es durch leidenschaftliche Forderungen zu verscherzen. Wen Sie Ihren Freund nennen, der könnte wohl damit zufrieden sein. Das habe ich meinem ungeberdigen Herzen oft genug vorgesagt. Aber wer bekehrt ein Herz? Auch das Ihre zu bekehren, habe ich mir nie eingebildet. Und hätte ich es je gedacht, – unser letztes Gespräch, wo Sie mich mit so beredter Wärme an eine Andere wiesen, hätte mich für immer aufklären müssen. Ich weiß es, daß es thöricht ist, die Aenderung einer so deutlich ausgesprochenen Gesinnung zu erhoffen. Auch denke ich zu hoch von Ihrer Natur, um irgend etwas erschmeicheln oder gar ertrotzen zu wollen, was Sie nicht aus freien Stücken gewähren. Nur das lassen Sie mich hoffen, daß, wenn es mir im Lauf der Jahre gelingen sollte, mein Gefühl für Sie zu einer brüderlichen Freundeswärme herabzustimmen, daß ich dann die Freundin in Ihnen noch finden möchte, von der ich nun auf lange Zeit Abschied nehme.

Grüßen Sie Ihren Vater. Sagen Sie ihm zur Aufklärung meines Wegbleibens, was Ihnen gut dünkt. Warum nicht auch die Wahrheit? Sie macht Keinem von uns Schande. Denn was können Menschen Anderes thun, als sich in ihr Schicksal ergeben?

Immer Ihr Georg.

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d. 22. April.
Voller Frühling.

Schilt mich nur tüchtig aus, geliebte Schwarze! Ich bin jetzt die Schwarze, vom schwärzesten Undank über und über entstellt. In meinen bitterbösesten Stunden, wie konnt' ich da kein Ende finden, zu berichten und mein schweres Herz in deinen schwesterlichen Busen auszuschütten; und jetzt, wo ein so ungeahnter, zauberischer Glanz über mein Leben ausgegossen ist, daß ein Mensch, der mich liebt, sich bis ins Mark daran sonnen könnte, jetzt vergeht eine Woche, ohne daß ich mit einer Zeile zu dir hinfliege, dich ans Herz drücke und sage: Cloti, ich bin ein seliger Mensch!

Aber was red' ich von Undank? Bist du nicht noch in meiner Schuld? Hast du nicht seinen Brief, das größte Kleinod, das mir das stiefmütterliche Leben bisher gegönnt hat, um mit Einer Gabe alles Versäumte nachzuholen? Behalt' ihn nur, Liebste, bis ich ihn in Person abhole, mit ihm; denn es steht fest, daß ihr die ersten Menschen seid, die wir aussuchen, wenn ich merke, daß er von seinen überschwenglichen Irrthümern über mich zurückzukommen anfängt, dann muß er dich kennen lernen, und du thust mir dann hoffentlich den Liebesdienst, gut von mir zu sprechen und ihm zu sagen, daß ich meines Glückes vielleicht nicht werth, aber desto bedürftiger bin. – –

Denn, liebes Herz, ich wäre ohne dieses einzige Glück sehr elend geworden; jetzt erst fühle ich es, wie diese Entsagungskämpfe meine Natur unterwühlt haben, da ich noch kaum Kraft habe zur Freude. Wenn ich in meinen Briefen dir vielleicht heroisch erschienen bin, es war kein wahres Wort daran; ich schämte mich nur vor dem herzlosen Papier, ihm zu vertrauen, welch eine armselige Krücke meine vielbelobte Philosophie war, wie mühsam ich an ihr forthinkte den rauhen Weg entlang, den mir meine Pflicht vorzuzeichnen schien. An jenem Morgen, wo ich dir seinen Brief schickte und ihn selbst erwartete – ich hatte ihn mit einer Zeile gebeten, zu mir zu kommen – ach, Cloti, wo war da all meine Weisheit, mein klarer Wille, meine sechsundzwanzig Jahre? Jedes Kind hätte mich beschämen können, und mitten unter meinen kindischen Gedanken kam ich mir selbst halb mitleidswürdig, halb lächerlich vor. Immer wenn ich mir den Brief vorsagte und das Herz mir ausjubeln wollte, sagte mir wieder eine feige Klugheit ins Ohr: es ist nicht möglich! Alles wird sich aufklären; er meint es anders, oder er hat nicht gewußt, was er schrieb. Ja wohl, sagte mein Spiegel, den ich ein paar Mal zu Rathe zog; er meint sicher eine Andere. Sage selbst, ob er dich meinen kann, wenn er seine fünf Sinne beisammen hat? – Und dann sagte wieder das Herz: er meint doch wohl dich. Wenn er nun vor unzurechnungsfähiger blinder Liebe einen seiner fünf Sinne verloren hätte, den Schönheitssinn zum Beispiel, warum könnte er dich dann nicht meinen? – Und wie ich noch so recht in dem Geschwirre dieser freundlichen und feindlichen Gedanken sitze, überfällt mich plötzlich eine neue Angst: der Gedanke an Lilli, und wie sie es aufnehmen würde, wenn der Brief dennoch ernstlich gemeint wäre. Da saß ich so rathlos und verworren, daß mein alter Geliebter, der selige Sokrates, bedenklich den Kopf geschüttelt hätte, wenn er gesehen hätte, wie seine vermeintliche Schülerin so kläglich durch das Examen fiel.

Aber nun denke, gerade als die Noth am größten war, kam die Hülfe. Ich hörte die Thür gehen und erschrak; ich dachte, er sei es. Es war aber nur mein guter Papa, einen Brief in der Hand, den er eben erhalten. Ich sollte ihn lesen und sagen, was ich davon dächte. Da war es auch ein sehr liebenswürdiger Liebesbrief, aber an unsere kleine Lilli, und zwar von jenem jungen Diplomaten, der auf dem Ball so eifrig mit ihr getanzt hatte. Er erinnerte sie an ihre Bekanntschaft in Nizza, erzählte, wie er seitdem ihr Bild auf allen seinen Reisen im Herzen getragen und jetzt bei dem unverhofften Wiedersehen zu bemerken geglaubt hätte, daß auch sie ihn nicht ganz vergessen. Er sei nicht reich und könne erst in Jahr und Tag, wenn er zum Legationsrath avancirt sei, ihr eine Stellung bieten. Aber er bringe es nicht übers Herz, die Reise nach Petersburg, wohin er versetzt worden, anzutreten, ohne die entscheidende Frage an sie zu richten.

Den Brief hatte unser Kind vor einer halben Stunde bekommen und wieder versiegelt durch den Bedienten an Papa geschickt, sich selbst aber nicht blicken lassen. Laß mich zu ihr gehen, lieber Papa, sagte ich. Unter uns Mädchen bringt man dergleichen am besten ins Reine. – So klopft' ich an ihre Thür. Sogleich schob sie den Riegel zurück und fiel mir mit hochrothem Gesicht um den Hals. Da war nicht mehr viel zu diplomatisiren. Sie gestand mir, ihren Mund fest an meinen Hals gedrückt, damit ich ihre Schamröthe nicht sähe, daß sie den jungen Baron schon in Nizza in ihr Herz geschlossen, aber sich stolz von ihm fern gehalten habe, da sie geglaubt habe, er spiele nur mit ihr. Darin habe sie sein rascher Abschied bestärkt, und sie habe sich große Mühe gegeben, ihn zu vergessen. Als Georg sich ihr genähert, habe sie in dem koketten Spiel mit ihm sich zu betäuben gesucht, aber immer deutlicher gefühlt, es sei umsonst. Sie habe auch viel zu viel Respect vor ihm gehabt, und je länger es gedauert, je unglücklicher sei ihr zu Muth gewesen, bis jene Ballnacht es ihr ganz klar gemacht habe, wie es mit ihr stehe. – Cloti, wie sie das Alles sagte, es war zum Küssen! Ich rief Papa herein, er fand uns aus Lilli's kleinem Sopha, beide in Thränen. Zanke sie nur, Papa, sagte ich. Die böse Heuchlerin, warum hat sie so heimlich gethan? Väter freilich werden in solche Liebesintriguen nicht eingeweiht, aber eine Schwester, eine einzige und noch dazu so verständige, so liebevolle Schwester –!

Sie küßte mich unter Lachen und Weinen und stürzte dann Papa in die Arme. In dem Augenblick hörte ich Georgs Schritt draußen auf dem Flur und ging, noch ganz heiß von Erschütterung und Thränen, aber viel beherzter, als noch vor einer Viertelstunde, ihm entgegen.

Was ich ihm gesagt habe, was er darauf antwortete, wirst du nicht von mir zu wissen begehren. Ich habe schon das Aeußerste für dich gethan, wenn du bedenkst, daß er eben jetzt neben mir sitzt und mich beständig mit Plaudern und Lachen stört. Der unartige Mensch, er hat gar keinen Respect vor meiner Schreiberei. Ueberhaupt, wenn ich Manches gewußt hätte! Ich dachte einen ernsthaften, für die Wissenschaft begeisterten Mann an ihm zu lieben, und entdeckte mit Schrecken, daß ihm die Sterne sehr gleichgiltig sind, daß er selbst einen Durchgang des Merkur durch den Mars ohne alle Gewissensbisse opfert, um eine Stunde länger in der Sophaecke zu sitzen und über die dümmsten Kindereien zu lachen, die mir gerade einfallen. Ja und was das Tollste ist: ich hatte mich vor der Stunde gefürchtet, wo zum ersten Mal auf meine »intime Feindin« die Rede kommen würde. Wirst du glauben, Cloti, daß dieser wundersame Mensch, der am Firmament jeden Nebelsteck kennt, nicht die leiseste Ahnung davon hatte, was ein »Glanzlicht« ist? Daß er mir sogar gestand, er habe eine persönliche Schwachheit gerade für diese bestverleumdete aller Nasen, er würde sich vielleicht gar nicht in mich verliebt haben, wenn ich die Nase der mediceischen Venus hätte, und gäbe sie jetzt nicht her, und wenn er ein Glanzlicht dagegen eintauschen könnte, das den Morgenstern überstrahlte! Zum Glück wissen wir Philosophen, was von den Uebertreibungen verliebter Männer zu halten ist. Aber geschmacklos bleibt es auf alle Fälle, und der Himmel erhalte mir meine mühsam erworbene Philosophie, daß mich dieser närrische Mensch nicht überhaupt noch mit seiner Narrheit ansteckt und mir einredet, ich sei eine Art beauté. Denn allerdings behauptet er, wenn mir auch die beauté de diable fehle, so hätte ich dafür die beauté de dieu und die sei ihm lieber.

Und nun lebe wohl, meine geliebte Seele! Ich werde jetzt viel seltener schreiben, ich habe alle Hände voll zu thun, und überdies ist er fast den ganzen Tag bei uns. Er wird dir nächstens selbst schreiben, da er sich in deine Briefe verliebt hat; nur meint er, du würdest ihn aus den seinigen nicht kennen lernen, er sei ein ungeschickter Schreiber. Und das sagt der Mensch, der den Brief vom 14. April geschrieben hat! O, diese Männer, kokett sind sie alle! (Das zur Strafe dafür, daß er mir beständig aufs Blatt schielt!)

Und hier noch einen Kuß, den ich eben zur Strafe bekommen habe. Ist es nicht erstaunlich, mit wie philosophischer Ruhe ich unverdiente Strafen hinnehme? Ach, Cloti, verzeihe dies Geschwätz! Warum hast du auch hören wollen, wie glücklich ich bin? Kann man noch weise bleiben, wenn man nach sechsundzwanzig Jahren zum ersten Mal jung ist?

Deine »geliebte« Lotte.

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