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Moralische Novellen. Achte Sammlung

Paul Heyse: Moralische Novellen. Achte Sammlung - Kapitel 2
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleMoralische Novellen. Achte Sammlung
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1899
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180313
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An Frau Toutlemonde

in Berlin.

Sie werden dieses Buch mit einiger Verwunderung in die Hand genommen und schon über den Titel den Kopf geschüttelt haben, meine verehrte Freundin. Manches haben Sie mir zugetraut; aber daß ich noch einmal unter die Jugendschriftsteller gehen und mit Salzmann's »moralischen Erzählungen«, verschollenen Andenkens, wetteifern würde, das hatten Sie nicht gedacht. Ehrlich gesagt, ich auch nicht. Wenn es trotzdem geschehen ist, so haben Sie allein es veranlaßt, und sollte es mißglücken, müssen Sie mir erlauben, Ihnen die Verantwortung dafür in die Schuhe zu schieben.

Um Ihnen das aber zu erklären, muß ich etwas weiter ausholen.

Ich war nicht wenig betroffen und betrübt, bei unserem Wiedersehen vor Jahr und Tag wahrzunehmen, daß Sie mich nicht mit der unbefangen freundschaftlichen Miene begrüßten, wie sonst. Sie bemühten sich recht geflissentlich, Ihre Stirn durch ein kaltsinniges, verdrossenes Fältchen zu entstellen und bei meinen unschuldigsten Scherzen höchstens mit der Unterlippe zu lächeln. Ich, der nichts schwerer begreift, als wie man sich entschließen kann, alte Freunde abzuschaffen – kann man auch in gewissen Jahren, wie wir Beide sind, etwas Leichtsinnigeres thun? – ich suchte für diese Veränderung die mannigfaltigsten Gründe: eine Migräne, – die Noth in Ostpreußen, – eine schlechte Censur Ihres jüngsten Söhnchens, – eine unglückliche Liebe Ihrer ältesten Tochter, kurz, etwas, woran ich selbst nicht im Mindesten Schuld war. Als ich aber bei meinem zweiten Besuch, der leider der letzte sein sollte, die Eisrinde zwischen uns noch nicht geschmolzen und eine Temperatur fand, die fürs Erste kein Thauwetter hoffen ließ, faßte ich mir ein Herz, geradezu zu fragen, wodurch ich mir Ihr altes Vertrauen verscherzt hätte, und was ich thun müsse, um es wiederzugewinnen. Hätten Sie doch damals alles ausgeschüttet, was Sie gegen mich auf dem Herzen hatten, meine beste Freundin! Sie hätten sich und mir diesen, wie ich fürchte, ziemlich langweiligen Brief erspart, bei dem Sie obenein den Nachtheil haben, mich nicht unterbrechen zu können. Statt aber die gute Gelegenheit zu einem offenen Austausch unserer Gedanken wahrzunehmen, schnitten Sie das Gespräch mit der etwas gereizten Wendung ab, daß es hoffnungslos sei, sich zu verständigen, wenn man über gewisse Cardinalpunkte so ganz verschieden denke und, was schlimmer sei, auch so verschieden fühle. Ein Blick auf Ihre liebenswürdigen Töchter, die eben ins Zimmer traten, belehrte mich, daß Ihnen jede nähere Auseinandersetzung aus pädagogischen Rücksichten unerwünscht sei, und so blieb mir nichts übrig, als mit einer Armsündermiene, wie Adam, als er aus dem Paradiese ging, meinen Rückzug anzutreten, nur freilich ohne vorher vom Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen gegessen zu haben.

Ich brachte es aber nicht übers Herz, das Haus zu verlassen, ohne noch einen letzten Versuch zur Aufklärung zu machen. Ich beschloß Ihren lieben Mann auszuforschen, obwohl es seine Arbeitsstunde war. Bei Herrn Toutlemonde hatte ich offenbar noch nicht allen Kredit verloren; er empfing mich mit alter Herzlichkeit. Als ich aber das erste Wort von der Ungnade sagte, in die ich ohne mein wissentliches Verschulden bei Ihnen gerathen sei, hob er lächelnd den Zeigefinger und sagte: Verstellen Sie sich nur nicht, alter Freund. Oder sollten Sie wirklich nicht ahnen, was Sie verbrochen haben? Da sehen Sie her! – und er nahm aus einem verschlossenen Bücherschrank ein Buch heraus und hielt es mir entgegen. Können Sie angesichts dieses corpus delicti noch läugnen, daß Sie ein gefährlicher Mensch sind, ein Verführer der Jugend, ein unsittlicher Schriftsteller, dem eine Mutter heranwachsender Töchter den Hausfreundsposten kündigen muß, wenn ihr das Seelenheil ihrer Kinder am Herzen liegt?

Ich lachte laut auf. Also das ist's? rief ich. Meine harmlosen »Novellen und Terzinen«?

Harmlos? Nun das gesteh' ich! versetzte Ihr Herr Gemahl, und ich sah ihm das Befremden über meine Heiterkeit an, die er für frivole Selbstbetäubung eines bösen Gewissens halten mochte. Harmlos nennen Sie ein Buch, das ich auf die Bitte meiner Frau, sobald sie es nur gelesen hatte, in diesen Schrank verschließen mußte, der all die Bücher enthält, die auf den Familien-Index gesetzt sind? Harmlos ein Buch, über das meine Frau, die es wahrhaft gut mit Ihnen meint, sich ernstlich gehärmt hat?

Ich bin ihr aufrichtig dafür verbunden, erwiederte ich. Aber Sie selbst, werthester Freund, wie denken Sie über dieses Buch?

Ich? Ehrlich gestanden: ich habe es noch gar nicht gelesen. Sie wissen, wie wenig Zeit mir für belletristische Lectüre bleibt. Und Sie sind auch so entsetzlich fruchtbar! Alle Jahr etwas Neues; wie soll ein Geschäftsmann da mitkommen? Ich bin erst bei Ihrem vierten Band, und der berüchtigte da ist schon der siebente. Die böse Siebenzahl scheint einmal wieder Recht zu behalten. Denn nach dem, was mir meine Frau davon erzählt hat, ist dieser siebente Band der schlimmste.

So waren auch die früheren schon schlimm genug, und dieser letzte hat nur dem Faß den Boden ausgestoßen?

Allerdings; so sagt meine Frau. Aus den früheren konnte sie doch immer noch mit Auswahl Eines oder das Andere den Kindern mittheilen; dieser siebente Band aber sei von der ersten bis zur letzten Seite unsittlich und müsse so eilig in den Giftschrank, daß nicht einmal der Titel im Hause bekannt würde. Nie, sagte meine Frau, obwohl sie selbst die Geschichten begierig verschlungen und bei einigen Stellen sogar etwas geweint hat, nie soll unsre Martha, unsre Luise und Agathe erfahren, daß ein Freund ihrer Eltern solche Verhältnisse geschildert und solche Grundsätze gebilligt hat!

Solche Verhältnisse? solche Grundsätze? Aber ich bitte Sie, mein bester Herr Toutlemonde –

Das mögen Sie nun mit meiner Frau abmachen, unterbrach mich Ihr Gemahl. Die Frauen führen, wie Schiller sagt, das Scepter der Sitte. Wenn Sie es mit ihnen verderben, so hilft es Ihnen nichts, die Männer auf Ihrer Seite zu haben, die ja so vielfach fünf gerade sein lassen und nicht richten, damit sie nicht gerichtet werden. Das Haus, die Familie bleibt Ihnen verschlossen; und sehen Sie, wie Sie sich damit schaden. Warum haben die illustrirten Journale, die Gartenlaube, »Daheim« und wie sie alle heißen mögen, diese ungeheure Verbreitung? Nur darum, weil man sie unbesehens auf dem Tische jedes Wohnzimmers liegen lassen darf, ohne zu befürchten, daß etwas darin stehe, was die Kinder nicht lesen dürften. Ja, ja, mein alter Freund, »so Ihr nicht werdet wie die Kinder –« und »aus dem Munde der Unmündigen –«, diese beiden alten Sprüche, die schreiben Sie sich ja ins Herz, wenn Sie für Ihre Novellen und Terzinen Absolution erlangen wollen. Uebrigens bin ich jetzt doppelt begierig, das Buch zu lesen. Ich habe es von anderer, männlicher Seite auch wieder mehr loben hören, als die früheren Bände. Wenn wir uns wiedersehn, sprechen wir weiter davon.

Damit schüttelte er mir in alter Freundschaft die Hand, und ich überließ ihn seinen Actenstößen.

Ich hatte nun die Aufklärung, die ich wollte, und hätte am liebsten auf der Stelle noch einmal versucht, mich mit Ihnen mündlich zu verständigen; aber Sie waren ausgegangen, oder ließen sich verläugnen, und ich konnte meine Abreise nicht verschieben. Bei meiner alten Verehrung für Sie werden Sie es nur natürlich finden, daß mir das Gespenst Ihrer Ungnade nachging, und daß ich viel darum gegeben hätte, eine kräftige Bannformel dagegen zu finden. Mehrmals fing ich an Ihnen zu schreiben. Aber ich gerieth immer so ins Breite, das Thema drohte sich so pedantisch in Buchformat auszuwachsen, daß ich wieder davon abließ. Ich bin kein Moralphilosoph, gnädige Frau, wenigstens nicht von Métier. So für den Hausgebrauch habe ich meinen hinlänglichen Vorrath an Ueberzeugungen, die allenfalls wohl auch eine systematische Darstellung vertrügen. Nur soll man sie von mir so wenig fordern, als von einem Koch einen zusammenhängenden Vortrag über Naturgeschichte, Chemie und Physiologie. Wenn wir beide es nicht in den Fingerspitzen und auf der Zunge haben, wie viel von jedem Gewürz an jeder Speise gut thut und was dem gesunden Blutumlauf nachtheilig, was förderlich ist, so wird uns die beste abstracte Weisheit nicht vor den gröbsten Irrthümern schützen, oder wir werden aus lauter Vorsicht zwar unschädliche, aber sehr nüchterne Kost auftischen.

Erwarten Sie also kein Buch, nicht einmal eine Abhandlung, mit der ich mich vor Ihnen in dialektischer Unanfechtbarkeit rechtfertigen wollte. Nur ein paar schlichte Vorbemerkungen, bei Gelegenheit dieses neuen Bandes, damit er nicht etwa trotz seines Titels – den Sie vielleicht der Ironie bezichtigen könnten – unaufgeschnitten in den Giftschrank wandere.

Zunächst ein Bekenntniß, das eigentlich jede weitere Vorrede überflüssig machte: ich liebe, wie Sie wissen, Ihre liebenswürdigen Töchter von Kindesbeinen an, und Ihr kleiner Alfred ist mein ganz besonderer Freund; ich nehme den lebhaftesten Antheil an dem Wachsen und Gedeihen dieser hoffnungsvollen Sprößlinge und habe von den Pflichten und Rechten meiner Hausonkelschaft eine hohe Meinung. Sobald ich aber die Feder in die Hand nehme, vergesse ich Ihre Martha, Ihre Luise und Agathe gänzlich und denke an Ihren Alfred höchstens, wenn ich einen kleinen neunjährigen Buben zu schildern habe, der so wohlerzogen ist, daß er in erwachsener Gesellschaft noch nicht mitredet. Die Muse, mag sie sich noch so sehr um die Erziehung des Menschengeschlechts verdient machen, ist doch keine Bonne oder Gouvernante, die ihren Zöglingen das Abece und die Zehn Gebote beibringt. Das besorgen Andere, denen man die Jugend ohne alle Gefahr überlassen kann. Denn Sie wissen ja wohl, verehrte Frau, daß die Muse trotz ihres hohen Alters noch immer nicht eine gesetzte Person werden will, daß die Begeisterung, der »heilige Wahnsinn« oder wie Sie den poetischen Dämon nennen wollen, immer wieder mit ihr durchgeht, sie mag noch so guten Willen haben, sich in die bürgerliche Hausordnung zu fügen und jeden Anstoß zu vermeiden. Reife Menschen, die sich mit ihr einlassen, kennen diese ihre Schwäche, wissen, was sie davon zu halten haben, und wenn sie dennoch ihren Umgang suchen, thun sie es auf ihre eigene Gefahr. Aber Kinder soll man allerdings vor Gefahren behüten, aus denen sie selbst sich noch nicht retten können. Nur daß nicht Alles verderblich und verwerflich ist, wovor man in unreifen Jahren auf der Hut sein muß. Weingenuß ist sicherlich dem jungen Organismus nachtheilig, und doch ist der Wein die Freude des Mannes und die Milch des Alters. Wenn daher Herr Toutlemonde auf seine Bordeauxflaschen »Gift« schreibt, damit Ihr Alfred nicht davon nasche, so ist dies Verfahren vom Standpunkte des zärtlichen und weisen Vaters vielleicht sehr zweckmäßig, ohne daß dadurch irgend bewiesen wäre, daß guter Bordeaux Gift sei.

Aber wenn ich Ihren Herrn Gemahl recht verstanden habe, so waren es nicht allein die Töchter, mit denen ich es durch meine unsittlichen Schriften verschüttet hätte, sondern recht eigentlich die Mütter. Da muß ich mich wohl zu einem zweiten Bekenntniß entschließen, das mir, aus anerzogener Artigkeit, schwerer wird, als das erste: daß ich nämlich auch an die Mütter nicht denke, sobald ich zu schreiben anfange; daß ich überhaupt an gar kein Publikum denke und überlege, wie ich es belehren, spannen, ergötzen will, sondern nur daran, wie ich das, was ich im Innern angeschaut, möglichst unverfälscht aus mir herausgestalten möchte. Dieser Proceß hat so bedenkliche Schwierigkeiten, macht dem Künstler so viel ernstliche Nöthe, daß er sich seine Geburtswehen so wenig durch die Rücksicht auf späteren Tadel oder Beifall erschweren soll, wie eine Frau in Kindsnöthen daran denkt, ob der neue Mensch, dem sie das Leben giebt, Liebe oder Haß in dieser Welt erwecken wird. »Es ist ihr Kind und bleibt ihr Kind; ihr gebt ihr ja nichts dazu.«

Ich will nun nicht sagen, daß dieses Gleichniß nicht auch, wie alle Gleichnisse, ein wenig hinke. So ganz natürlich und creatürlich geht es bei der Geburt eines Dichtwerks nicht zu, daß nicht die freie geistige Tätigkeit, ja sogar oft eine sehr begeisterungslose Verstandesarbeit zum Gelingen mitwirken müßten. Das Beste aber thut auch hier die dunkelwaltende Natur, die Liebe, die höher ist als alle Vernunft, und ohne die eine wahre künstlerische Conception unmöglicher ist, als eine physische. »Was man nicht liebt, kann man nicht machen,« wenigstens nicht so, daß man ihm das Gemachte nicht ansähe. Und selbst wenn es gelänge eine Zeitlang Alle zu täuschen, sich selbst würde man nicht hintergehen können. Der Beifall Ihrer ganzen lieben Familie, meine verehrte Freundin, ja des ganzen Publikums könnte mich nicht über etwas beruhigen, das ich selber mißbilligen müßte. Ich würde niemals das unheimliche Gefühl loswerden, daß die Gestalt, die Ihnen ein lebendiges Geschöpf erscheint, nur ein mechanisch oder chemisch componirter Homunculus sei, da ich es doch am besten wissen muß, wie es bei seinem Entstehen zugegangen.

Keinem freilich, der in die Oeffentlichkeit tritt, kann und darf der Erfolg ganz gleichgültig sein. Der Mensch ist ein geselliges Thier, und dem Stolzesten und Selbstgenügsamsten ist es erfreulich, wenn das, was ihm am Herzen liegt, auch Anderen zu Herzen geht. Ein Geschichtenerzähler, wie Ihr Freund, würde es endlich wohl müde werden, immer wieder sein »Es war einmal –« anzustimmen, wenn ihm Niemand zuhörte. Aber wenn der Kreis sich auch verkleinert, alte Bekannte sich wegstehlen, weil sie Aergerniß an Manchem nehmen, Andere offen ihr Mißfallen äußern – er kann einmal nicht anders, als die Welt mit seinen eigenen Augen ansehen und das schwarz nennen, was ihm schwarz, das weiß, was ihm weiß erscheint. So viele Geschichten, die Anderen höchlich gefallen, mißfallen ihm durchaus. Was Andere abstößt, zieht ihn an, und am Ende kann es doch kein Mensch weiter bringen, als sein Recht geltend zu machen, zu sein, wie er ist, und es ehrlich und unumwunden aussprechen. Die sittliche Pflicht, sich in die Welt zu schicken, sich ihr anzubilden und durch Entsagung auf manchen theuren Eigenwillen die Zwecke des Allgemeinen zu fördern, diese Pflicht kann kein Vernünftiger leugnen. Aber auch sie hat ihre Grenzen, und gerade an diesen Grenzen pflegen die interessantesten dichterischen Probleme zu liegen, so daß man wohl sagen kann, die Grenzberichtigung zwischen der Pflicht gegen das Ganze und dem Recht des Individuums sei eine der schwierig, sten und zugleich höchsten Aufgaben des Dichters.

Das nun, was gewöhnlich »Moral« genannt wird, und dessen Recht und Verdienst anzufechten mir nicht in den Sinn kommen kann, verirrt sich auf dieses Grenzgebiet nie. Es ist der Niederschlag der jeweiligen Durchschnittsmeinung über alles, was den gemeinsamen Zwecken der bürgerlichen Gesellschaft dienlich und schädlich ist. Nun aber ist es der Gesellschaft, so gebildet, so frei, so human sie sich auch dünken mag, doch vor Allem um die Erhaltung der Gattung zu thun und somit um die Bedürfnisse der Durchschnittsmenschen, deren die weit überwiegende Mehrzahl ist. Wenn sie es denen recht macht, so kommt es ihr auf einige Compromisse mehr oder weniger, auf einige feinere oder gröbere Unbilligkeiten gegen die Rechte der Individuen nicht sonderlich an. Das demokratische Mittelmaß ist ihr Maßstab, der öffentliche Nutzen ihr höchster Zweck, und das, was diesem dient, hat sie sich gewöhnt nicht nur als das Zweckmäßigste anzupreisen, sondern, weil durch die Länge des Gebrauchs bewährt, auch als ganz besonders heilig darzustellen, seinen Ursprung in das Gewissen zu verlegen und so das, mißbräuchlich oder nicht, zur Sitte Gewordene für das Sittliche auszugeben. Dabei kommt es der Gesellschaft zu Statten, daß sehr Vieles, was dem Bestande des Allgemeinen dient, auch wirklich durch das innerste Gefühl und Gewissen jedes noch so hochorganisirten Einzelnen bestätigt wird, so daß selbst Viele der feiner Empfindenden, die sich aber nicht früh daran gewöhnt haben, selbst zu prüfen, nun auch blindlings Alles, was die Gesellschaft lobt oder verpönt, als lobens- oder abscheuwerth annehmen, da ihnen gleich der Bestand des Ganzen bedroht scheint, wenn sie an einem Einzelnen irre werden.

Nun aber hat es im Gegensatz gegen diese demokratisch-conservative Mehrheit zu allen Zeiten einzelne aristokratisch-revolutionäre Naturen gegeben, die es sich herausnahmen, gerade in ihren innersten Angelegenheiten, auf dem Gebiet des Sittlichen, der Rechte und Pflichten gegen ihre Nebenmenschen und sich selbst, keine höhere Instanz anzuerkennen, als ihr eignes Gewissen. Das Alter eines Brauches, Herkommens oder Gesetzes erschien ihnen noch nicht als hinlängliche Bürgschaft für ihre Wahrheit und Gültigkeit. Ja wenn sie auch ihre Zweckmäßigkeit für die Masse nicht läugnen konnten, so fühlten sie doch, daß das Moral-Gesetz, da es nur auf den Mittelschlag berechnet war, auf sie selbst nicht paßte, da sie vielleicht um Haupteslänge über dies mittlere Maß hinausragten. Dies Alles nicht in dem Sinne, als ob es auf ein systematisches Auflehnen gegen die Gesellschaft abgesehen sei. So lange kein Collisionsfall eintrat, wurden sich diese Naturen kaum eines Unterschiedes bewußt. Sobald aber jenes Grenzgebiet berührt wurde, standen sie vor der Wahl, entweder sich aufzugeben, auf den innigen Einklang mit sich selbst zu verzichten und zu handeln, wie Schwächere und Geringere handeln würden, oder in offene Fehde mit der herrschenden Meinung zu gerathen und darüber zu Grunde zu gehen, wenn sie sich keine geduldete Ausnahmsstellung erkämpfen könnten.

Solche Naturen sind von jeher dem Ostracismus der Gesellschaft verfallen. Aber wenn diese sie in ihrer Mitte nicht dulden konnte, so waren sie darum nicht heimathlos. Sie wurden in die Poesie verbannt.

Sie werden mich nicht so mißverstehen, verehrte Frau, als wollte ich aus der Poesie einen idealen Bagno machen, der alle causes célébres, alle pikanten Verbrecher versammelte. Die Zeit der Räuberromane, der »Geheimnisse« von Paris, London und Philadelphia ist Gottlob vorüber. Eben so wenig dürfen Sie mir die Meinung unterschieben, als ob ich nur das für poesiefähig hielte, was sich außerhalb der guten Gesellschaft gestellt hat, der Goethe denn doch wohl zu viel thut, wenn er sagt, daß sie »zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit giebt«. Hat er doch selbst das Gegentheil vielfach bewiesen, und wie viel mehr noch Andere, die mit der Diogeneslaterne des Humors, dem liebevoll geschärften Blick für den Reiz des Kleinen auf den Markt der Eitelkeit gegangen sind, um in der bescheidensten bürgerlichen Enge, mitten unter Philistern und ihres eignen Adels unbewußt, edle, echte, unverfälschte Menschennatur zu finden. Das Bild des Friedens, der schlichten Treue, der idyllischen Beschränktheit hat so viel Recht, einen Maler zu finden, als die heroischesten Kämpfe tragischer Naturen. Das braucht Ihnen ein so warmer Verehrer Fritz Reuter's, wie Schreiber dieses seit der »Franzosentid« gewesen ist, nicht erst zu versichern. Nur daß man, weil dies schlichte »Ja Ja und Nein Nein« gut und erfreulich ist, nicht glaube, was darüber ist, sei vom Uebel. Der Kreis der sittlichen Aufgaben ist mit den zehn Geboten nicht abgeschlossen; Vieles ist, was nicht geschrieben steht, wofür die Pfundwage der alltäglichen Moral nicht ausreicht, und wo ein Komödiant einen Pfarrer lehren könnte.

Fälle dieser Art darzustellen ist von jeher die Aufgabe der Novelle gewesen, die in der unscheinbaren Form, in der sie zunächst bei den romanischen Völkern auftrat, sehr geeignet war, theils wirklich Geschehenes, theils Erfundenes mitzutheilen, was nur als Ausnahme gelten wollte, während für die höheren Formen der Poesie, zumal das Drama, das auf den sympathischen Wiederhall der großen Menge angewiesen ist, alles Problematische, nur relativ Gültige bedenklich schien. Aber auch die künstlerisch anspruchsvollere moderne Novelle hat es sich immer herausgenommen, bedeutsame Ausnahmsfälle zu verzeichnen, um so mehr, da ja auch die große Poesie in ihren erhabensten Schöpfungen häufig den Gegensatz des Einzelnen gegen das Allgemeine betont, das den Alten als Schicksal, den Modernen als sociale Weltordnung erscheint.

Wenn Sie sich nun aber die größten Gestalten der Tragik ansehen, so werden Sie finden, daß die Schuld, um derentwillen sie leiden und untergehen, im höheren Sinne nur ihre Unschuld ist, eine gewisse heroische Naivetät, zu meinen, daß sie mit ihrem innersten Gefühl Recht behalten könnten gegen das, was nach dem Herkommen des Mittelschlages Rechtens ist. So steht Antigone der Staatsräson mit ihrer ganzen sittlichen herben Einfalt gegenüber; so wird Coriolan verbannt, weil er sich nicht entschließen kann, zu den Plebejern, die er verachtet, nur so weit sich herabzulassen, wie es jeder kluge Politiker thun würde. Klugheit ist überhaupt nicht die Tugend dieser aristokratischen Naturen. Wenn sie ihren Vortheil wahrnehmen, nur ein wenig sich nach den Umständen schmiegen und biegen wollten und es nicht verschmähten, zu kleinen Mittelchen, Intriguen, Compromissen ihre Zuflucht zu nehmen, so könnte es oft noch ganz glimpflich ablaufen. Romeo und Julie würden trotz des Familienhaders am Ende noch ein glückliches Paar geworden sein, Ferdinand seine Louise geheirathet haben, und Antigone hätte, wenn auch ihres Bruders Leichnam vorläufig von den Vögeln zerfleischt worden wäre, späterhin, als Hämons glückliche Gattin, die Pflicht der Pietät durch ein prächtiges Grabmal nachträglich erfüllen können. Muß denn immer gleich mit dem Kopf durch die Wand gerannt werden? Verzichten nicht so viele brave Leute darauf, ihr Handeln mit ihrem Gefühl immer im Einklang zu erhalten, und trösten sich damit, daß die Welt unvollkommen sei, und der Einzelne, der besser sein wolle, als die Meisten, ein sonderbarer Schwärmer sein müsse, der unmöglich zu etwas kommen könne? Denn er möge doch fühlen und denken, was er nicht lassen könne; das gehe Niemand etwas an. Nur es nicht merken lassen, daß er anders sei, als Andere, nur hübsch den Schein wahren, auf den es der guten Gesellschaft vor Allem ankommt!

Und sehen Sie, beste Freundin, das gerade ist es, was gewissen Naturen unmöglich ist, obwohl sie einsehen, daß die Welt ihnen nichts übler nimmt, als diese Unmöglichkeit, die im besten Falle Rücksichtslosigkeit, im schlimmsten Hochmuth gescholten wird. Daß Jemand den Muth hat, lieber in seinen eigenen Augen sittlich, das heißt im Einklang mit seinem innersten Gefühl, als in denen der Gesellschaft der Sitte gemäß zu handeln, erscheint als ein Majestätsverbrechen gegen die Weltordnung, die jeder die göttliche nennt, so lange sie mit seinen Neigungen und Vorurtheilen übereinstimmt. Denn, wie gesagt, die Gesellschaft ist jeden Augenblick bereit, den Einzelnen der Gattung zu opfern. Sie übt dabei nur das Naturrecht der Selbsterhaltung, und wenn sie andrerseits auch das Naturrecht des Individuums anerkennte, so wäre es ein ehrlicher Kampf, ein reines Verhältniß von Macht zu Macht, wobei natürlich das Individuum in der Regel den Kürzern zöge. Statt dessen begnügt sich die Gesellschaft nicht damit, das, was ihr gefährlich ist, zu beseitigen und unschädlich zu machen, sondern sie bedient sich in den meisten Fällen der schlimmsten Waffe, der sittlichen Verdächtigung und Verleumdung. Und das nur, weil sie sich durch die Ausnahmsstellung des Individuums gereizt und beleidigt fühlt und den heimlichen Stachel nicht verwinden kann, daß der Gegner, wenn er auch unterliegt, doch mit einer Glorie umgeben, als Held oder Märtyrer dahingeht, während die wackersten Vertheidiger der Durchschnittsmoral im Leben und Sterben weder Tadel noch Ruhm ernten.

Ich weiß nicht, verehrte Frau, wie weit ich mich Ihnen habe deutlich machen können, noch weniger, in wie weit Sie mir zustimmen. Diese Betrachtungen sind mir unter den Händen so ins Breite gerathen, weil ich lieber allgemeine Grundsätze mit Ihnen besprechen, als dieselben auf meinen besondern Fall anwenden möchte. Und doch kann ich mir diese Nutzanwendung nicht ersparen, da Sie sonst zweifeln möchten, ob ich ein Recht dazu habe, bei den Menschenschicksalen, die ich hier geschildert, und die nicht einmal alle tragisch enden, an die heroischen Gestalten der großen Poesie zu erinnern.

Sämmtliche Geschichten nämlich, die mein übelberufener siebenter Band enthält, haben mit jenen tragischen Problemen den aristokratischen Familienzug gemein, daß die handelnden Personen es anders machen, als unter denselben Umständen die große Mehrheit der Menschen es gemacht haben würde. Allen ist am Schein sehr wenig gelegen, wenn sie nur ihrem eigensten inneren Wesen treu bleiben können. Da ist ein Mädchen zu einem Kinde gekommen, in dummer Gutmüthigkeit ihrer unerfahrenen Jugend. Dergleichen geschieht freilich auch in den respektabeln Kreisen der guten Gesellschaft. Aber weil es der vor Allem auf die Familie als solche ankommt, die auf der legitimen Ehe beruht, so wird ein solcher Fehltritt sorgfältig verhüllt und lieber das Kind geopfert, lieber alle natürlichen Pflichten verletzt und eine Schuld, die oft mehr ein Unglück zu heißen verdient, durch ein Verbrechen bemäntelt, als der jungen Mutter die Anwartschaft auf eine bürgerliche Versorgung ein für allemal abgeschnitten. Wenn es dahin käme, daß ein Mädchen sich nicht entblödete, die Schuld und Buße auf sich zu nehmen und sich offen zu ihrem Kinde zu bekennen, wo bliebe da die öffentliche Moral? Und nun bekennt sich hier Eine nicht nur dazu, sondern verhehlt auch, so bitter sie auf den Vater zu sprechen ist, keinen Augenblick einen freudigen Mutterstolz, der ihr Herz so ausfüllt, daß sie alles Gerede der Welt, alle Nöthe ihrer Lage darüber vergißt, und es kaum als eine Buße empfindet, mit Verzicht auf jedes neue Liebes- und Eheband nur für ihr Kind zu leben. Ja, was das schlimmste ist: ein so sittenloses Geschöpf wird nicht etwa zum abschreckenden Beispiel hingestellt und muß zur Strafe für seine Sünden elend zu Grunde gehen, sondern es findet sich ein ganz rechtschaffener Mann, der sich ebenfalls über den Schein hinwegsetzt und die Verlassene zu seinem ehelichen Weibe macht. Klingt das nicht fast wie eine Aufmunterung, in diesen Dingen fünf gerade sein zu lassen? Und ist die folgende Geschichte nicht ein würdiges Seitenstück zu dieser laxen Moral? Ein Ehemann, der den Bruch der Ehe nicht mit einen Pistolenschuß rächt, wie es nun einmal der löbliche Brauch der guten, vielmehr besten Gesellschaft ist Obwohl auch dieses Gottesurtheil so oft für den Sünder gegen den Gerechten entscheidet, und im besten Fall nichts Gescheiteres dabei herauskommt, als eine ganz gemeine Rache., sondern versucht, das schwer beleidigte Gesetz ehelicher Treue auf gelindere Art zu sühnen und das, wie es schien, unheilbar gestörte Verhältniß durch weise Mäßigung zu einem ganz neuen Bunde zu gestalten, der fester und gesunder ist, als vorher? Vollends nun die berüchtigten Terzinen, »den Kindern der Welt eine Thorheit und den Frommen ein Aergerniß«! Ein müßiger Mensch, der einem gefährlich lockenden Abenteuer weder aus dem Wege gehen, noch, wenn er sich darauf eingelassen, es mit fröhlicher Sorglosigkeit genießen kann, wie tausend Andere, sondern wie einem bösen Zauber verfallen, ein Raub dämonischer Leidenschaften, winselt und stöhnt, daß ihm das Halbe nicht genüge, während er aus den qualvollen Halbheiten, der übersinnlich-sinnliche Freier, der er ist, sich nicht herauswinden kann! Und als Krönung des Ganzen die Geschichte eines thörichten jungen Mädchens, das lieber mit einer Lüge am Altar sich und ihrem ersten Verlobten die Hoffnung auf ein Lebens- und Liebes-Glück retten, als sich, in erhabener Resignation, in einem Kloster begraben lassen will. Hier wenigstens rächt sich die Schuld schon auf Erden, d. h. im Verlauf der Geschichte selbst, und zwar im Grunde nur darum, weil die Verblendete wieder nicht so klug ist, den Schein zu wahren, obwohl sie in nächster Nähe den Beweis vor Augen hat, wie leicht dergleichen zu machen wäre. Sie brauchte ihrem Gatten nur nicht die Binde von den Augen zu reißen, ihn nur hübsch in den Wahn zu lullen, als gehöre sie ihm an, – und ihr Geliebter könnte dreist in ihrem Hause aus- und eingehen und den Cicisbeoposten versehen, statt daß sie nun die kühne Thorheit, ihrem Herzen allein zu gehorchen, mit dem Leben büßen muß.

Sie sehen, verehrte Freundin, indem ich mir die ganze Größe der begangenen Sünden nur so im Umriß vorstelle, vergeht mir der Muth, irgend etwas zu ihrer Vertheidigung zu sagen. Nur dem Vorwurf möchte ich begegnen, als ob die Erzählung oder die dramatische Darstellung solcher Ausnahmsfälle der öffentlichen Sittlichkeit, ich meine, der landläufigen Moral gefährlich werden könnte. Glauben Sie nur das nicht, liebe Frau Toutlemonde. Nur das uns Wahlververwandte kann uns verführen, und sobald Sie in meinen Sachen etwas von der koketten Frivolität, der verhüllten und doch den Schein wahrenden Lüsternheit entdecken sollten, die heutzutage auf den Brettern wie in den Büchern eine so große Rolle spielt, so sagen Sie mir ins Gesicht, daß ich am Verfall der Gesellschaft mitarbeite. Das aber, worüber Sie bisher sich entsetzt haben, wirkt eher abstoßend als anziehend auf die große Masse der bequem Dahinlebenden, die durchaus keine Lust und Kraft in sich spüren, für eine Ueberzeugung zu leiden, den Muth ihrer Meinung zu haben und Alles an Alles zu setzen. Es ist wahr: wenn solche Fälle heroischer Selbstherrlichkeit mit der ganzen dichterischen Macht eines großen Genies im Theater dem Publikum vorgeführt werden, so regt sich selbst in der von Alltäglichkeiten und kleinen Rücksichten geängstigten Seele des Philisters das sogenannte »Höhere im Menschen«, eine beschämende Ahnung, daß das Menschengeschlecht doch eine bessere Figur machen würde, wenn diese Ausnahmen die Regel wären. Der Biedermann kann durch das tragische Schicksal eines Menschen, hinter dem das Gemeine liegt, das die Masse bändigt, sogar bis zu Thränen gerührt werden; der Schrei des Naturgefühls, der durch die conventionelle Wohlanständigkeit zu einem ohnmächtigen Seufzen gedämpft wird, kann sein Herz erschüttern und ihn für einen Theaterabend über sich hinausheben. Aber zum Besten des Staats sinkt er bald genug in sich zurück, und die Gefahr, daß diese bösen Beispiele seine guten Sitten verderben könnten, geht gnädig vorüber. Oder glauben Sie wirklich, daß »Romeo und Julie« viele gebildete Töchter gebildeter Eltern zu heimlichen Ehen verführt haben, die nicht schon ohnedies Neigung und Beruf dazu gehabt hätten und es jedenfalls klüger anzufangen wußten? Die Vögelchen, die im Käfich mit gestutzten Flügeln und bei gutem Futter hinter ihren Stäben sitzen, mag, zumal im Frühling, bei dem Gesang ihrer freien Kameraden draußen in Wald und Feld eine Art Heimweh nach diesem ungebundenen Leben und Treiben beschleichen. Aber es ist dafür gesorgt, daß sie, selbst wenn sie wollten und die Käfichthüre einmal offen fänden, ihre Flügel nicht mehr brauchen könnten; und da sie ja auch nicht in der Freiheit aufgewachsen und gegen alle Gefahren derselben von früh an abgehärtet sind, würden sie freilich in dem Glück, sich selbst anzugehören, einen schwachen Ersatz finden für das friedfertige Behagen, das sie hinter ihren Gitterstäben genossen haben.

Hier haben Sie nun meine Beichte, verehrte Frau, offenherziger, als vielleicht klug oder gar höflich gewesen wäre. Wie viel mir aber daran liegt, trotz alledem von Ihnen und Ihren lieben Kindern nicht ganz aufgegeben zu werden, möge Ihnen dieser achte Novellenband beweisen, den ich zum Unterschiede von seinen Vorgängern, die alle in meinen Augen bloß sittlich sind, » Moralische Novellen« genannt habe. Der Zufall hat es gefügt, daß ich eine Reihe einfacher Geschichten zu erzählen hatte, in denen es sich durchaus nur um solche Schicksale handelt, die nicht auf dem oben geschilderten Grenzgebiet sich bewegen und nirgend über den Maßstab der gewöhnlichen Moral hinauswachsen. Auch an Ihren Alfred habe ich gedacht und eine heldenmüthige corsische Geschichte hinzugefügt (nach Guerrazzi's etwas weitschweifigem Original in mein knapperes Deutsch übertragen), von der ich überzeugt bin, daß mein kleiner Freund sie mit nicht geringerem Vergnügen lesen wird, als einen Gesang aus der Ilias. Es soll mich freuen, wenn ich auch Ihnen damit eine Freude mache, daß Sie sich endlich einmal wieder im Kreise der Ihrigen zu einem Buch Ihres alten Hausfreundes ohne Vorbehalt bekennen dürfen; obwohl ich nicht dafür stehe, es das nächste Mal nicht desto mehr mit Ihnen zu verderben. Ganz im Vertrauen, beste Frau: so bescheiden ich von dem künstlerischen Werth solcher Erzählungen denke, so sehr bilde ich mir ein, daß selbst ein simpler Novellist, wenn er auch ganz tendenzlos verfährt, eine stille sittliche Mission erfüllt, daß er die Grenzen dessen, was als moralisch gilt, leise und unmerklich hinausrücken und immerhin Einige, wenn auch nur Wenige, zur Freiheit erziehen hilft. Und so müssen Sie mich schon meine Wege weiter wandeln lassen und sich mit dem alten Worte trösten, daß es in unseres himmlischen Vaters Reich viele Provinzen giebt. Wenn wir Beide in verschiedenen wohnen sollten, was ich noch immer nicht glauben will, so können wir uns ja trotzdem von Zeit zu Zeit über die Grenzen hinüber die Hand reichen und dennoch gute Freunde bleiben.

Mit freundlicher Empfehlung an Herrn Toutlemonde

Ihr sehr ergebener
P. H.

München, im März 1869.

N. S. Nachträglich fällt mir ein, daß die offenen Bekenntnisse dieses offenen Briefes am Ende Alles wieder vereiteln, was die sorgfältige Auswahl des Inhalts bei diesem Bande Ihren Töchtern hat zu Liebe thun wollen. Ich aber werde, indem ich die Seiten der Vorrede mit alteinischen Zahlen paginieren lasse, dafür sorgen, daß Sie die Blätter herausschneiden können, ohne daß Martha oder Agathe Unrath wittern. Sie sehen, welchen Respekt ich vor Ihrem Giftschrank habe!

Der Obige.

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