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Ludwig Thoma: Moral - Kapitel 9
Quellenangabe
typecomedy
booktitleMoral
authorLudwig Thoma
year1990
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10297-2
titleMoral
pages3-80
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Achte Szene

Wasner: Um wieviel Uhr soll die Ausschußsitzung sein?

Beermann aufgeregt: Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Ausschuß!

Wasner: Sie dürfen uns in der Gefahr nicht verlassen. Führer und Gefolgschaft gehören nach germanischer Sitte zusammen.

Beermann wie oben: Sie allein sind an allem schuld.

Wasner: So muß ich unserm kranken Bolland sagen, daß wir nicht auf Sie rechnen dürfen?

Beermann: Wenn ich in einer Stunde noch dazu imstande bin, dann besuche ich ihn. Mehr kann ich nicht versprechen.

Assessor Ströbel kommt von links und bleibt an der Türe stehen.

 
Neunte Szene

Ströbel sehr ernst: Herr Beermann, ich muß Sie unter vier Augen sprechen.

Beermann verwirrt: Sie – mich? Ja, dann bleibt wohl nichts anderes übrig.

Wasner: Ich gehe.

Geht links ab. Ströbel ist eingetreten. Unter der Türe bleibt Wasner stehen.

Wasner: In einer Stunde versammelt sich der Ausschuß bei dem kranken Freunde. Wir erwarten den Präsidenten. Ab.

 
Zehnte Szene

Ströbel und Beermann stehen sich schweigend gegenüber. Beide räuspern sich. Kleine Pause.

Ströbel: Sie sind wahrscheinlich überrascht, daß ich zu dieser ungewöhnlichen Zeit komme?

Beermann: Warum soll ich überrascht sein?

Ströbel: Es ist etwas so Dringliches, was mich zu Ihnen führt, daß Sie mich entschuldigen müssen.

Beermann: Oh, bitte!

Kleine Pause. Beide räuspern sich.

Ströbel: Sie waren heute vormittag in meinem Bureau...

Beermann: Ich?

Ströbel: Nun ja, Sie waren doch heute bei mir...

Beermann: Richtig, ja! Wir hatten eine kurze Unterredung. Ich muß nämlich um Entschuldigung bitten, Herr Assessor, ich leide an Ohrensausen, und das macht mich so vergeßlich...

Ströbel: Aber Sie wissen hoffentlich, was wir gesprochen haben?

Beermann: Ganz dunkel. Wenn Sie mir darauf helfen, wird es schon gehen.

Ströbel: Sie kamen wegen der Hauteville.

Beermann: Soo?

Ströbel: Oder Hochstetter...

Beermann: Ja, wenn Sie's sagen, wird es wohl so sein.

Ströbel: Ich glaubte zuerst, Sie kämen, um Ihre Freude auszudrücken, weil wir die Person gefaßt hatten...

Beermann: Nee, das tu ich nicht.

Ströbel: Natürlich haben Sie es nicht getan. Ich war ja erstaunt, daß Sie förmlich gegen die Verhaftung waren.

Beermann: Warum soll ich gegen die Verhaftung sein?

Ströbel ungeduldig: Aber Herr Beermann. Sie müssen sich doch erinnern, wie wir von dem Tagebuch gesprochen haben!

Beermann rasch: Von einem Tagebuch weiß ich nichts!

Ströbel: Sie regten sich sogar heftig auf!

Beermann: Von einem Tagebuch weiß ich gar nichts. Sie haben mir nie ein Buch gezeigt. Das weiß ich bestimmt.

Ströbel verzweifelt: Das hat mir noch gefehlt, daß ich Sie in dieser Verfassung antreffe! Sie sind offenbar leidend!

Beermann: Furchtbares Ohrensausen – –

Ströbel: Ich würde mich sofort entfernen, wenn der geringste Aufschub möglich wäre. Aber ich muß das Allerwichtigste noch heute abend mit Ihnen besprechen. Können Sie sich denn nicht durch eine Medizin helfen?

Beermann: Da hilft keine Medizin! Ich kann Ihnen bloß sagen, ich weiß nichts von einem Buch.

Ströbel: Gott! Lassen wir doch das Buch! Das ist ja so nebensächlich!

Beermann: Es ist nebensächlich?

Ströbel: Das liegt gut in meinem Schreibtisch...

Beermann: So? Aber ich verstehe nicht, warum sind Sie heute abend noch gekommen?

Ströbel ganz verzweifelt: Ich wollte Ihnen das ja ganz genau erklären. Aber wie soll ich es machen? Sie erinnere sich kaum mehr daran, daß Sie bei mir waren. Es ist unerhört, wie mich seit heute mittag das Unglück verfolgt!

Beermann sehr erleichtert: Nu, beruhigen Sie sich nur, Herr Assessor, wir werden das Ding schon kriegen.

Ströbel gebrochen: Nein! Wir kriegen es nicht.

Beermann begütigend: Setzen Sie sich mal in den Stuhl – soo! Und ich setze mich hierher – – soo! Und nun wollen wir mal sehen. Sie setzen sich links vorne. Ich fühle mich nämlich schon etwas leichter. Also das Buch, das ist in Ihrem Schreibtisch?

Ströbel: Meinetwegen liegt es tausend Klafter tief im Boden. Reden wir doch um Gottes willen nicht mehr von dem Buch! Das führt uns ganz vom Weg ab.

Beermann: Sie haben recht. Wir reden nicht mehr davon. Nun lassen Sie mal sehen; ich war bei Ihnen wegen der Hauteville...

Ströbel: Und bei dieser Gelegenheit haben Sie mich förmlich beschworen, wir sollen die Sache unterdrücken.

Beermann: Das habe ich. Jawohl.

Ströbel: Sehen Sie! Und darum glaubte ich, Sie hätten das größte Interesse daran, daß der Skandal vermieden wird.

Beermann: Wieso?

Ströbel: Nicht ein persönliches Interesse. Sondern ein allgemein menschliches oder bürgerliches. Sie haben mir sogar gesagt, gerade in Ihrer Stellung als Präsident des Sittlichkeitsvereins betrachten Sie es als Ihre Pflicht, den Prozeß zu verhüten.

Beermann: Wegen des staatserhaltenden Prinzips.

Ströbel: Wegen der Rücksicht auf das gutgesinnte Publikum. Und ich dachte, daß Ihnen diese Rücksicht wirklich sehr viel galt.

Beermann: Herr Assessor, gilt! Glauben Sie, ich ändere meine Überzeugung? Ich wiederhole ihnen, daß ich den Prozeß für ein Unglück halte, weil er gegen die Staatsräson geht.

Ströbel: Aber dann sind wir ja im Prinzip einig!

Beermann: Sie auch?

Ströbel: Absolut.

Beermann: Ich dachte, weil Sie heute vormittag...

Ströbel: Und ich dachte, weil Sie sich jetzt nicht mehr erinnerten. Aber jedenfalls im Prinzip sind wir einig. Sie schütteln sich die Hände.

Ströbel: Es ist mir das eine große Erleichterung, wenn schon damit noch nichts gewonnen ist. Aber wir werden uns besser verstehen. Ich komme jetzt zum eigentlichen Zweck meines Besuches. Räuspert sich. Herr Beermann, ich muß um Ihr Ehrenwort bitten, daß keine Silbe von dem, was ich sagen werde, jemals über Ihre Lippen kommt.

Beermann: Mein Ehrenwort!

Ströbel: Es sind Amtsgeheimnisse. Vielleicht sogar Staatsgeheimnisse, und ein unvorsichtiges Wort könnte unabsehbare Folgen haben.

Beermann: Verlassen Sie sich auf mich!

Ströbel: Auch in der Familie.

Beermann: Keinen Ton!

Ströbel: Es haben sich nämlich heute, nachdem Sie bei mir waren, die merkwürdigsten Dinge herausgestellt. In ihrer Art vielleicht einzig. Aber nicht wahr, ich habe Ihr Ehrenwort?

Beermann: Mein heiliges Ehrenwort.

Ströbel beugt sich vor, hält eine Hand vor den Mund und flüstert: An dem Abend, als man bei der Hauteville Haussuchung hielt, befand sich in ihrer Wohnung ohne unser Wissen eine sehr hohe Persönlichkeit.

Beermann: Ich kann mir's denken.

Ströbel laut: Sie können sich's nicht denken. Flüsternd. Unser junger Erbprinz Emil.

Beermann patscht sich erstaunt aufs Knie, pfeift: Nu, sieh mal einer!

Ströbel wieder laut: Sie werden verstehen, daß ich Ihnen das nicht als bloße Neuigkeit mitteile, sondern daß mich zwingende Gründe dazu veranlassen. Was Sie vorhin sagten von Staatsräson, das ist damit kulminiert. Bis aufs äußerste kulminiert. Alle Möglichkeiten, jetzt noch einen Prozeß gegen die Person zu führen, haben sich damit einfach in der Luft verflüchtigt.

Beermann springt auf: Aber dann ist ja alles gut!

Ströbel: Nichts ist gut. Bleiben Sie sitzen, Herr Beermann! Freilich, der Tatbestand ist verschwunden, – aber das Subjekt der Gesetzesverletzung ist noch da und liegt wie ein Felsblock im Weg, daß wir nicht darum herumkommen.

Beermann: Die Hauteville? Ströbel nickt. Na, zeigen Sie ihr ein Loch, und sie ist weg!

Ströbel schüttelt den Kopf: Erstens – zweitens. Glauben Sie, ich habe nicht meinen Kopf zermartert, um eine Möglichkeit zu finden? Erstens: Wenn wir sie einfach laufen lassen, weiß es morgen die ganze Stadt. Die Presse greift es auf, und der Skandal wird ärger als bei einem Prozesse. Nein, der Buchstabe des Gesetzes wenigstens muß gewahrt werden. Die Hauteville muß Kaution stellen, wird auf freien Fuß gesetzt, und dann muß sie fliehen. Nur so sind wir gegen üble Nachrede geschützt. Verstehen Sie mich?

Beermann: Sie meinen die Kaution?

Ströbel: Ich meine erstens die Kaution. Aber wenn es nur das wäre! Denken Sie, die Person will überhaupt nicht fort.

Beermann: Sie will nicht?

Ströbel: Nein. Will nicht. Ich ließ sie heute nachmittag wieder vorführen und sagte ihr, daß wir uns nicht weiter mit ihr abgeben wollen. Hören Sie, sagte ich, Sie haben Glück. Stellen Sie fünftausend Mark Kaution, in einer Viertelstunde sind Sie frei, und morgen früh sieben Uhr geht ein Zug nach Brüssel. Man hört die Hausglocke. Was glauben Sie, daß die Person tut? Sie lacht. Sie weiß recht gut, warum wir so human sind, sagt sie. Und noch nicht fünf Mark Kaution stelle sie, auch wenn sie's zufällig hätte. Sie habe sich schon an den Gedanken gewöhnt, verhandelt zu werden, sagt sie. Ich rede ihr zu. Fein und grob. Nichts! Sie lacht bloß. Es klopft. Betty kommt von links mit einer Visitenkarte.

Beermann zu Betty: Was ist denn das heute? Hier ist doch kein Hotel. Nimmt die Karte und liest: Freiherr Bodo von Schmettau, Herr auf Zirnberg?

Ströbel: Ich bitte, empfangen Sie den Herrn!

Beermann: Jetzt, wo wir beraten?

Ströbel: Ich bitte darum.

Beermann zu Betty: Ich lasse den Herrn Baron ersuchen. Betty ab.

Ströbel: Er ist der Adjutant des Erbprinzen. Ich habe ihm gesagt, daß ich zu Ihnen gehe, und Sie können sich denken, in welcher Unruhe er schwebt.

Beermann: Wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht...

Ströbel: Ein sehr großer. Die ganze Verantwortung hängt an mir, und ich muß wenigstens zeigen, daß ich kein Mittel unversucht lasse. Es klopft.

Beermann: Herein!

Von Schmettau tritt ein.

 

Elfte Szene

Schmettau: Guten Abend!

Ströbel der sich, ebenso wie Beermann, erhoben hat: Darf ich die Herren miteinander bekannt machen? Herr Rentier Beermann – Herr Baron Schmettau.

Schmettau: Wir haben uns heute schon flüchtig gesehen.

Beermann: Ich erinnere mich.

Schmettau: Sie sind der Vorstand des hiesigen Moralklubs? Ich muß allerdings gestehen, daß ich nicht einverstanden bin mit diesen Ansichten...

Ströbel ängstlich einfallend: Herr Baron, darf ich Sie darauf aufmerksam machen, daß Herr Beermann persönlich sehr hoch über diesen Theorien steht?

Schmettau: Das freut mich. Übrigens, als Theorie ist das alles nicht so übel. Nur sehe ich es nicht gerne, wenn man keine Unterschiede macht.

Beermann: Es ist genau das, was ich sage.

Schmettau: Na, sehen Sie!

Ströbel: Herr Beermann ist auch Kandidat des hiesigen konservativ-liberalen Bundes.

Schmettau: Also gewiß kein Prinzipienreiter. Es soll mir lieb sein, wenn wir uns verstehen. Wie weit sind die Herren?

Ströbel: Im Prinzip sind wir einig.

Beermann: Absolut.

Schmettau: Dann werden wir auch die richtige Anwendung finden.

Ströbel: Ich habe Herrn Beermann ins Vertrauen gezogen.

Schmettau: Das war eine böse Sache. Bös! Wer einigermaßen loyal fühlt, kann sich das vorstellen.

Beermann: Herr Baron waren...?

Schmettau: Im Schrank.

Ströbel: Darf ich auf die Sache zurückkommen? Ich erzählte gerade, daß sich die Hauteville geweigert hat. Sie sagt, sie hat die Kaution nicht, und wenn sie's hätte, würde sie nichts hergeben.

Schmettau: Gott! Sie beherrscht eben die Situation!

Ströbel: Nun kommt aber das Schwierigste. Sie sagt, wenn sie die Stadt verlassen müsse, und ihre ganze Existenz verliere, dann wolle sie eine angemessene Entschädigung. Ich habe ihr natürlich vorgestellt, daß das, gelinde gesagt, ein unerhörtes Verlangen sei. Dann nicht, sagt sie. Dann wird verhandelt.

Beermann: Sie weiß, daß das unmöglich ist.

Schmettau: Ich bin Ihnen dankbar für dieses Wort.

Ströbel: Ich fragte sie, was sie unter angemessen verstehe. Sie antwortet mir: Zehntausend Mark. Ich fiel auf den Rücken. Das macht mit der Kaution fünfzehntausend Mark!

Schmettau: Am Ende ist das nicht so furchtbar.

Ströbel: Aber wer soll sie geben?

Schmettau: Ja, wir nich. Mit der Zivilliste! – Und außerdem soll ja von jetzt ab der Geist der Sparsamkeit bei uns einziehen.

Ströbel: Ich bin in einem Dilemma, das ich nicht lösen kann. Ich nicht. Ich weiß nur eines, Herr Beermann: Sie selbst haben gesagt, daß der Sittlichkeitsverein das größte Interesse daran hat, daß der Glaube an die Moral erhalten bleibt. Ihren Mitgliedern wäre es doch ein leichtes, durch eine Kollekte diese Summe aufzubringen! Ein zweites weiß ich nicht.

Beermann steht sinnend mit untergeschlagenen Armen für sich: Der Ausschuß harrt seines Präsidenten. Und ich kenne einen Professor, der seinen Brief mit tausend Mark bezahlen soll. Zu den anderen. Ohne viele Worte, meine Herren, ich tu's. Ich übernehme die Summe für den Verein.

Schmettau: Herr von Beermann, ich kann nur sagen: Sie haben honett gehandelt. Es gibt einen Hausorden Emils des Gütigen! Reicht ihm die Hand.

Beermann: Herr Baron, glauben Sie mir, ich habe es nicht deswegen getan.

Vorhang

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