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Ludwig Thoma: Moral - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleMoral
authorLudwig Thoma
year1990
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10297-2
titleMoral
pages3-80
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Vierte Szene

Hauteville trägt großen Glockenhut, riecht stark nach Parfüm: Lassen Sie mich los! Ich habe doch keinen Mord begangen! Ich bitte, lassen Sie mich los!

Ströbel ist aufgestanden: Was ist?

Schutzmann läßt den Arm los und steht stramm: Ich melde gehorsamste die vulgo Hochstetter.

Hauteville: Mein Herr, helfen Sie mir! Man behandelt mich wie die gemeinste Verbrecherin.

Ströbel: Was haben Sie denn da für'n Hut auf? Sie sind hier nicht zu Besuch.

Hauteville: Ich bin hier nicht zu Besuch. O nein! In meinem Leben würde es mir nicht einfallen, hier Besuch zu machen.

Ströbel: Seien Sie ruhig! Ja? Zu Reisacher: Richten Sie das Protokoll her.

Hauteville: Ist hier das Bureau, wo ich mich beschweren kann? Ich will endlich wissen, warum man mich verhaftet hat.

Ströbel: Das werden Sie hier allerdings erfahren. Zum Schutzmann. Sie können abtreten. Schutzmann ab durch die Mitteltüre.

Hauteville: Oh monsieur! Man hat mich mißhandelt. Man hat mich in einen Stall gesperrt mit zwei Personen von der Landstraße. Sie werden mir helfen, nicht wahr?

Ströbel ist zu Reisacher getreten: Ich bitte – keine Konversation!

Hauteville: Ich bin hier schutzlos. Niemand will mich anhören; niemand gibt mir Antwort. Eine schreckliche Person bringt mir gelbe Brühe in einer Blechschüssel und einen Löffel – so groß! Zeigt ihre Hand. Da, essen Sie! Und geht wieder. Nicht wahr, mein Herr, Sie machen, daß meine Freunde erfahren, wie es mir geht?

Ströbel blickt Reisacher über die Schulter. Ihre Freunde können Ihnen nicht helfen. Zu Reisacher: Machen Sie den Rand nicht so breit! Sie verschwenden ja das Papier! Zur Hauteville: Ihre Freunde können Ihnen absolut nicht helfen.

Hauteville: Was denken Sie? Ein Wort, und ich bin frei.

Ströbel höhnisch: Gewiß!

Hauteville: Und man wird sich bei mir noch heute entschuldigen. Noch heute!

Ströbel: Gewiß! – Zu Reisacher: Assessor mit zwei s; beide Male, wenn ich bitten darf!

Hauteville: Wenn die Leute eine Ahnung hätten, wen sie gestört haben! Wen sie gezwungen haben, in den Kleiderschrank zu flüchten!

Ströbel wendet sich rasch gegen die Hauteville: Kleiderschrank! So – so? Kleiderschrank. Notieren Sie das mal gleich, Reisacher! Zur Hauteville, jedes Wort betonend: Es hat sich also jemand in einen Kleiderschrank geflüchtet?

Hauteville: Ja. Es hat sich jemand in einen Kleiderschrank geflüchtet.

Ströbel plötzlich sehr freundlich: Na, sehen Sie, wir verstehen uns ja prächtig! Sie sind so klug und leugnen nicht erst!

Hauteville: Ich habe nur ein Interesse daran, daß Sie alles wissen.

Ströbel: Bravo! Ich könnte beinahe sagen, daß ich vor Ihnen Respekt habe. Sehr wohlwollend. Wissen Sie, Hochstetter, jeder Mensch kann mal 'ne Dummheit machen.

Hauteville: Das weiß Gott! Man kann kolossale Dummheiten machen.

Ströbel: Und kann auch mal das Gesetz übertreten. Aber nur hinterher nicht lügen! Das macht sich so jämmerlich! Und wir erfahren ja doch die Wahrheit.

Hauteville: Ich wollte, Sie hätten sie schon erfahren.

Ströbel: Wir sind ja dabei. Aber das muß ich sagen: Hut ab! Sie haben Ehrgefühl.

Hauteville: Ja?

Ströbel: Entschieden.

Hauteville: Man verliert die Empfindung dafür, wenn man zwei Nächte in einer solchen Gesellschaft ist.

Ströbel sehr wohlwollend: Es war etwas hart für Sie.

Hauteville: Es war gräßlich. Man hat mir die Diskretion wirklich schwer gemacht.

Ströbel: Unmöglich hat man sie Ihnen gemacht. Man stürzt Sie ins Unglück, und Sie sollen die Leute noch schonen! Nee!

Hauteville: Ich muß zusehen, daß man nachts in meine Wohnung dringt und mich fortschleppt.

Ströbel: Nee! Das ist zu viel!

Hauteville: Man hat mich nicht einmal Leibwäsche mitnehmen lassen! Man sperrt mich mit Weibern zusammen, die jede vorkommende Art von Ungeziefer haben.

Ströbel: Und dabei soll man diskret sein!

Hauteville: Wenn ich mir die Haare richten will, gibt mir die Aufseherin den Kamm, den die ganze Woche diese zwei Frauenzimmer benutzt haben.

Ströbel: Das geht einfach nicht mehr.

Hauteville: Und die Luft! Ich habe bisher nicht gewußt, daß es solche Gerüche geben kann!

Ströbel: Und Sie sollen andere schonen! Nee! Überhaupt, wissen Sie: Diskretion ist 'ne bloße Redensart.

Hauteville: Wie?

Ströbel: Ich meine, wenn irgend jemand das moralische Recht hat, rücksichtslos alles zu sagen, dann sind Sie's. Nach all dem, was Sie erduldet haben.

Hauteville: Dann bin ich es.

Ströbel: Und also: Es hat sich jemand in einen Kleiderschrank geflüchtet?

Hauteville: Ja. Es hat sich jemand in den Kleiderschrank geflüchtet.

Ströbel eifrig: Wer? Kleine Pause.

Hauteville lächelt: Wer?

Ströbel schärfer. Wer ist letzten Samstag nachts zehn Uhr den Nachforschungen der Polizei dadurch entgangen, daß er sich in einem Kleiderschrank versteckte? Kleine Pause.

Hauteville lächelt: Es ist wirklich nicht nötig, daß ich Ihnen das sage.

Ströbel scharf: Was?!

Hauteville: Es läßt sich nicht vermeiden, daß Sie es erfahren.

Ströbel: Läßt sich nicht vermeiden?

Hauteville: Aber ich kann es nicht sagen. Auch wenn ich wollte. Gott, wenn man sich streng daran gewöhnt hat, nie einen Namen zu nennen, kommt man darüber nicht weg. Ich glaube, man muß auch das erst lernen.

Ströbel schreiend: Und Sie werden es lernen; dafür garantiere ich Ihnen. Sie!

Hauteville: Mais monsieur!

Ströbel schreiend: Nischt monsieur! Hier wird ehrliches Deutsch gesprochen.

Hauteville: Ich verstehe nicht, warum Sie sich aufregen.

Ströbel: Ich bin nett zu der Person, ich rede ihr zu, und dann sagt sie, man muß das Indiskretsein erst lernen. Schreit. Die Anständigkeit müssen Sie lernen, und ich werde sie Ihnen beibringen.

Hauteville: Momentan nicht.

Ströbel: Wissen Sie, Sie kenn' ich! Sie wollen Zeit gewinnen, damit Sie sich faustdicke Lügen aushecken.

Hauteville: Das wäre überflüssig, weil mir die geschickteste Lüge nicht so viel nützen kann, wie die Wahrheit.

Ströbel: Dann heraus damit!

Hauteville: Es ist besser, Sie erfahren sie von jemand anderm.

Ströbel: Meinen Sie?

Hauteville: Sie wären in Verlegenheit, und von mir wäre es eben doch ein Vertrauensbruch.

Ströbel höhnisch: Weil man zu Ihresgleichen Vertrauen hat!

Hauteville: Ich denke, man rechnet stark damit, daß uns Diskretion keine bloße Redensart ist.

Ströbel wieder ruhig: Ich will Ihnen mal was sagen: Sie sind sich nicht klar über Ihre Situation. Hauteville zuckt die Achseln. Nein. Sie wissen gar nicht, um was es sich handelt.

Hauteville: Es ist viel peinlicher, daß Sie nicht wissen, um wen es sich handelt.

Ströbel rasch: Bei was?

Hauteville: Bei der – Situation im Kleiderschrank.

Ströbel: Sind Sie verrückt? Sie wollen hier als Angeklagte Scherz treiben?

Hauteville: Nein.

Ströbel: Oder Sie kommen sich großartig vor mit Ihren Andeutungen?

Hauteville: Man kommt sich nicht großartig vor, wenn man gelbe Brühe aus Blechschüsseln essen muß.

Ströbel: Und das werden Sie noch lange.

Hauteville energisch: Ich werde es nicht mehr. Denn das sage ich jetzt: ich bringe in diesem Stall keine Nacht mehr zu. Ich lasse mich nicht mehr mißhandeln.

Ströbel höhnisch: Wir werden Ihre Erlaubnis einholen.

Hauteville: Ich bleibe nicht hier. Wenn man denkt, daß ich mich zugrunde richten lasse, dann irrt man sich. Das ist gewissenlos, und da hört meine anständige Gesinnung auf.

Ströbel: Ihresgleichen, und anständige Gesinnung!

Hauteville bitter. O ja, meinesgleichen. Wir hören jeden Tag die Beichte von Leuten, die uns öffentlich Verachtung zeigen. Wir wissen, wie verlogen die Redensarten sind, mit denen man uns verurteilt, aber wir schweigen. Wir kennen die Tugend, mit der man gegen uns prahlt, aber wir schweigen.

Ströbel: Und alles aus purer anständiger Gesinnung? Nicht wahr? Er macht die Bewegung des Geldzählens.

Hauteville: Ach, mein Herr! Mit Geld bezahlen unsere Besucher das, was sie hinterher unanständig heißen. Anständigkeit erhält man bei uns so wenig wie anderswo für Geld. Glauben Sie mir, wir könnten viele Illusionen zerstören.

Ströbel: Dann machen Sie mal hier den Anfang.

Hauteville: Hier sollte es unmöglich sein. Die Polizei kann so wenig Illusionen haben wie wir. Das heißt, wenn sie gut unterrichtet ist.

Ströbel: Nun brauchen Sie ja bloß 'n Vergleich ziehen.

Hauteville: Wir und die Polizei, wir könnten den Kredit der Tugend ruinieren, aber wir tun es beide nicht. Sie – weil Sie denken, daß der Kredit das Kapital ersetzt, und wir – Gott, weil wir auch diesen Kredit brauchen.

Ströbel: Wir auch? Sie auch?

Hauteville: Wenn die öffentliche Tugend ihren Kredit verliert, fällt die heimliche Sünde im Kurs.

Ströbel: Von was sprechen Sie eigentlich?

Hauteville: Davon, warum die Polizei und wir diskret sein müssen.

Ströbel: Und daß es eine wirkliche Moral gibt, ist Ihnen unbekannt?

Hauteville: Sie meinen die Moral, in der man über die Straße geht? Ich kenne sie gut. Man gibt sie bei mir in der Garderobe ab, und da kann ich sie genau mustern. Es ist merkwürdig, daß man mit Kostümen, die so oft geflickt sind, auch noch Staat machen kann!

Reisacher der bisher anscheinend teilnahmslos mit dem Rücken gegen die beiden gesessen ist, wendet sich halb um: Entschuldigen S', Herr Assessor!

Ströbel ungeduldig: Was wollen denn Sie?

Reisacher: Entschuldigens Herr Assessor, soll ich dös alles ins Protokoll nei'schreib'n?

Ströbel: Ich werde Ihnen schon diktieren... Zur Hauteville: Sie sind nicht hier, um sich zu unterhalten.

Hauteville: Das weiß ich.

Ströbel: Hören Sie mal ruhig zu! Sie haben vorhin angedeutet, daß Sie gestehen wollen, wenn man Sie noch 'n Abend hier behält. Na, ich kann Ihnen sagen, wir behalten Sie diesen und einige Abende. Sie können also ruhig Ihr Gewissen erleichtern.

Hauteville: Ich würde damit nur das Ihrige beschweren.

Ströbel: Mein Gewissen?

Hauteville: Ja. Wenn ich hier rede, gibt es keinen Irrtum mehr. Es muß aber alles ein Irrtum bleiben.

Ströbel: Ich habe Geduld gehabt mit Ihnen, aber spaßen lasse ich nicht mit mir. Nehmen Sie sich zusammen und überlegen Sie jedes Wort! Was muß ein Irrtum bleiben?

Hauteville: Alles, was von Samstagabend bis jetzt geschehen ist.

Ströbel: Das muß ein Irrtum bleiben?

Hauteville: Als Tatsache ist es unmöglich. Niemand ist in meine Wohnung gedrungen. Niemand hat mich verhaftet. Niemand hat niemand gezwungen, in den Kleiderschrank zu flüchten.

Ströbel schreit: Und niemand hat jemals ein so freches Weibsbild gesehen!

Hauteville: Dieser Ton!

Ströbel: Er paßt für Sie!

Hauteville hält sich indigniert die Ohren zu: Das erinnert einen so an die Blechschüssel und den Kamm!

Ströbel geht zornig auf und ab: Es ist nicht zu glauben! Die Person macht Andeutungen, als hätten wir etwas zu scheuen. Bleibt vor der Hauteville stehen. Ja, glauben Sie vielleicht, die staatliche Autorität versteckt sich vor Ihnen?

Hauteville: Sie hat sich vor Ihrem Kommissär versteckt.

Ströbel: Was?

Hauteville: In den Kleiderschrank.

Ströbel auf und ab gehend: Ich werde ihn herausholen aus Ihrem Kleiderschrank, den Herrn! Ich werde ihn ans Licht ziehen! Ans helle Tageslicht! Bleibt vor der Hauteville stehen. Sagten Sie was?

Hauteville: Non.

Ströbel geht wieder: Steigt so einer in die Pfütze und glaubt, wir müssen Rücksicht auf ihn nehmen! Wir! Bleibt vor der Hauteville stehen. Was haben Sie gesagt?

Hauteville: Nichts.

Ströbel: Traurig genug, wenn sich wirklich mal ein halbwegs anständiger Mensch zu Ihnen verirrt hat.

Hauteville: Er kann das nur bedauern, weil er gestört wurde.

Ströbel geht rasch an seinen Schreibtisch und sperrt eine Schublade auf: Übrigens müssen Sie nicht glauben, daß wir Ihre Geständnisse brauchen! Er holt ein broschiertes Heft hervor, das die Form eines ziemlich starken Schulheftes hat, und hält es triumphierend in die Höhe. Da! kennen Sie das?

Hauteville ruhig; ohne Spur von Überraschung: Es sieht aus wie mein Tagebuch.

Ströbel: Es ist Ihr Buch.

Hauteville sehr ruhig: Der Schreibtisch war versperrt.

Ströbel: Und ist aufgebrochen worden. Na? Was ist jetzt mit Ihrer Diskretion?

Hauteville zuckt die Achseln: Ich habe sie gewahrt. Einen feuerfesten Geldschrank habe ich nicht.

Ströbel höhnisch: Wollen Sie mir vielleicht den Namen zeigen? Hm?

Hauteville: Welchen Namen?

Ströbel: Den Herrn im Kleiderschrank.

Hauteville lacht: Der steht wahrhaftig nicht darin.

Ströbel: Lassen Sie die Ausreden!

Hauteville: Es gibt Herren, die man nicht ins Fremdenbuch schreibt, wenn sie inkognito reisen.

Ströbel eindringlich: Hochstetter, ich habe den Eindruck, daß Sie nicht gerade dumm sind. Und ich glaube, daß Sie auf Ihre Gäste, auf das Tagebuch zeigend, gerne Rücksicht nehmen. Wenn Sie mir den Namen nicht sagen, lade ich die ganze Gesellschaft vor.

Hauteville zuckt die Achseln: Ich kann Sie nicht daran hindern.

Ströbel: Wo bleibt da Ihre anständige Gesinnung?

Hauteville: Ich habe das Buch nicht ausgeliefert. Von mir hätten Sie es nie bekommen. Aber daß es der Kommissär im Schreibtisch gefunden hat, ist mir ganz lieb.

Ströbel: Meinen Sie?

Hauteville: Sonst hätte er am Ende den Kleiderschrank untersucht.

Ströbel: Jetzt ist meine Geduld zu Ende. Er drückt auf eine Glocke, die auf seinem Schreibtische steht. Ich kenne keine Rücksicht mehr. Ein Schutzmann tritt ein. Führen Sie die Person ab! Schutzmann ab mit Hauteville. Ströbel setzt sich, rückt seinen Stuhl heftig an den Schreibtisch, wirft das Tagebuch darauf, nimmt andere Bücher und schlägt sie auf die Tischplatte; dabei spricht er mit sich selbst: Eine solche Frechheit! Un-er-hört! Reisacher blickt ihm verstohlen zu und vergnügt sich an der Aufregung. Es klopft.

Ströbel streng: Herein!

 
Fünfte Szene

Beermann kommt hastig von links. Er atmet schwer, hat ein Taschentuch in der Hand, mit dem er sich häufig die Stirne trocknet: Bin ich hier endlich im richtigen Bureau? Man schickt mich im ganzen Haus herum. Holt Atem. Hoffentlich bin ich jetzt im richtigen Bureau?

Ströbel: Was wollen Sie?

Beermann: Entschuldigen Sie, ich muß mich verschnaufen. Zweimal war ich im dritten Stockwerk und wieder im Parterre. Der Herr Präsident schickt mich weg, ich soll ins Zimmer 147. Dort sagt man, ich muß ins Zimmer 174.

Ströbel: Wer hat Sie geschickt?

Beermann: Der Herr Präsident. Holt tief Atem. Ich wollte eigentlich mit ihm selber sprechen, aber er sagte, ich soll zu dem Herrn gehen, der die Sittlichkeit unter sich hat. Sind Sie der Herr, der die Sittlichkeit unter sich hat?

Ströbel: Allerdings.

Beermann: Endlich! Wischt sich die Stirne. Herrgott, wenn so viel davon abhängt, soll man einen nicht im Haus herumjagen. Also Sie sind der Herr, der die Sache in der Hand hat?

Ströbel: Was für eine Sache?

Beermann: Am Samstag in der Nacht ist eine Dame verhaftet worden. Man hat ihr gewisse Aufschreibungen weggenommen. Haben Sie diese Aufschreibungen hier?

Ströbel: Was geht das Sie an?

Beermann: Mein Name ist Beermann. Rentier Fritz Beermann. Ich bin der Präsident des Sittlichkeitsvereins.

Ströbel sehr höflich: Ach so! Verzeihen Sie nur! Ich habe mich nicht gleich an Ihren Namen erinnert, aber ich habe Sie erwartet.

Beermann erschrocken: Sie haben mich erwartet?

Ströbel: Der Herr Präsident sagte, daß Sie jedenfalls kommen würden.

Beermann: Er sagte, daß ich jedenfalls kommen würde? Aber davon hat er kein Wort gesagt, wie ich jetzt bei ihm war! Es wäre vielleicht gut, wenn ich wieder zu ihm hinunter ginge?

Ströbel: Das ist nicht nötig. Ich habe die Sache in der Hand.

Beermann: Freilich, Sie haben die Sache in der Hand. Und die Aufschreibungen, die sind auch bei Ihnen?

Ströbel: Das Tagebuch? Er zeigt auf den Schreibtisch. Da liegt es.

Beermann schielt ängstlich hin: Es ist also ein richtiges Tagebuch?

Ströbel: Und genau geführt. Datum, Name. Sogar scherzhafte Bemerkungen über die Betreffenden.

Beermann schreit: Es ist eine unglaubliche Gemeinheit! Wozu schreibt sie das auf? Was hat das für einen Zweck? Sie muß sich doch sagen, daß es gefährlich ist! In drei Teufels Namen, wenn man selbst auf Diskretion angewiesen ist, legt man doch kein Adreßbuch an!

Ströbel: Seien wir froh, Herr Beermann!

Beermann: Wir?

Ströbel: Ich sage Ihnen, die Person würde lügen! Aber dagegen gibt es nichts. Hebt das Tagebuch in die Höhe. Sie soll uns vor Gericht nur kommen mit ihren Redensarten! Ahmt die Hauteville nach. »Als Tatsache ist es unmöglich!« Ich werde sie mit Tatsachen an die Wand drücken. Wir holen einfach die Kerle vor. Einen nach dem andern.

Beermann bestürzt: Vors Gericht?

Ströbel: Jawohl! Da heißt's: Hand auf und geschworen! Ich will sehen, ob niemand niemand gezwungen hat, in einem Kleiderschrank zu verschwinden!

Beermann: Aber das ist unmöglich! Man ruiniert nicht das Familienleben einer Stadt!

Ströbel: Wieso?

Beermann: Es soll sich jeder im Gerichtssaal hinstellen und vor allen Leuten sagen: jawohl, es ist wahr, daß ich... und so weiter?

Ströbel: Warum nicht?

Beermann schreit: Es sind doch lauter Familienväter!

Ströbel: Aber lieber Herr Beermann, das ist doch mir ganz egal!

Beermann: Das ist nie und unter keinen Umständen egal. Auf Reisacher blickend. Können wir nicht unter vier Augen...?

Ströbel: Wenn Sie es wünschen. Reisacher, stellen Sie im Vorzimmer den Polizeibericht zusammen!

Reisacher: Jawoll, Herr Assessor. Er nimmt einige Schreibereien und geht durch die mittlere Türe ab.

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