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Ludwig Thoma: Moral - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleMoral
authorLudwig Thoma
year1990
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10297-2
titleMoral
pages3-80
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Sechste Szene

Frau Lund hat sich auf das Sofa gesetzt, rechts neben ihr Frau Beermann. Beermann und Bolland haben gegenüber auf Stühlen Platz genommen. An das Sofa gelehnt neben Frau Beermann steht Hauser. Hinter Bolland steht Wasner.

Frau Lund: Sagen Sie doch, Herr Justizrat, wo stecken Sie immer?

Hauser: Leider im Bureau. Aber Sie waren an der Riviera?

Frau Lund: Vier Wochen in Monte Carlo. Kinder, ich habe gespielt, wie eine alte Russin!

Beermann: Mit welchem Erfolg?

Frau Lund: Natürlich verloren. Ich stelle doch die Welt nicht auf den Kopf. Aber sagen Sie, Beermann, was erlebt man hier für Überraschungen! Sie sind Kandidat für den Reichstag?

Beermann: Tja – man hat mich aufgestellt.

Frau Lund: Bei welcher Kulör?

Beermann: Die vereinigten Liberal-Konservativen.

Hauser: Und Konservativ-Liberalen.

Frau Lund: Früher war das doch ein Unterschied?

Hauser: Ja, früher!

Beermann: Es ist aber jetzt eine Konstellation.

Frau Lund zu Frau Beermann: Sie haben mir nie was gesagt, daß Ihr Mann Politiker ist.

Frau Beermann: Er ist es ja erst seit vierzehn Tagen.

Frau Lund: Wie schnell das kommen kann! Und gerade Sie!

Beermann: Warum ich?

Frau Lund: Ich glaubte immer, daß Sie nicht einmal die Zeitung lesen.

Bolland: Wir sind unserm Beermann von Herzen dankbar, daß er in der Stunde der Not dieses Opfer gebracht hat.

Frau Lund: Herr Kommerzienrat, wie Sie das sagen: Stunde der Not und Opfer bringen, da wären doch Sie der Mann für den Reichstag.

Bolland: Ich bin zu prononciert nationalliberal.

Hauser: Ist das unheilbar?

Bolland: Es macht jedenfalls meine Aufstellung unmöglich. Wir brauchten jemand, der sich nicht zu stark auf ein Parteiprogramm festgelegt hat.

Frau Lund: Das heißt also. unser Beermann wird Politiker, weil er kein Politiker ist.

Hauser: Was man eine Konstellation heißt.

Beermann: Darf ich mir vielleicht eine Frage erlauben? Warum soll ich nicht Reichstagsabgeordneter werden?

Hauser: Das ist wahr. Sagen Sie selber, Frau Lund, warum soll er nicht?

Beermann: Wenn ich Neuling bin, das war jeder einmal.

Hauser: Und man kann jeden Tag anfangen, ohne Befähigungsnachweis.

Bolland: Das ist wieder der Jurist! Sie möchten wohl ein Examen einführen?

Hauser: Glauben Sie, es würde schaden?

Beermann großartig: Ich will Ihnen was sagen, lieber Herr Justizrat, wenn man im Leben steht, das ist mehr wert als Bücherweisheit. Wir haben überhaupt zu viel Juristen. Das ist unser Unglück.

Frau Lund lustig zu Frau Beermann: Nu debattiert er schon!

Bolland in nachlässiger Pose: Ich habe eine Seifenfabrik, wie Ihnen wohl bekannt ist. Ich beschäftige vierhundertzweiundsechzig Arbeiter; sage und schreibe mit Worten vierhundert-zwei-und-sechzig Arbeiter, deren Wohl und Wehe in meiner Hand liegt. Ja, glauben Sie, das verlangt keine Umsicht?

Hauser: Aber...

Bolland ihn unterbrechend: Glauben Sie, daß diese Sorge ums Detail, und dann wieder die Übersicht übers Ganze, glauben Sie, daß das nichts ist?

Hauser: Aber unser Beermann hatte doch nie eine Seifenfabrik!

Beermann: Warum reden wir, wenn Sie Witze machen?

Hauser: Ich verstehe den Zusammenhang nicht recht...

Beermann: Jedenfalls kann ich mit dem Buchbinder konkurrieren, den die Sozialdemokraten aufgestellt haben.

Bolland: Und besitzen etwas mehr Erfahrung, nicht wahr? In Horizont, nicht wahr?

Frau Lund: Aber ich habe noch etwas gehört, was mir gar nicht gefallen hat.

Beermann: Von mir?

Frau Lund: Von Ihnen. Sie sind der Vorstand des neuen Sittlichkeitsvereins? Warum machen Sie so was? Das ist nicht nett.

Frau Beermann: Bravo! Daß Sie das auch sagen!

Beermann: Was heißt Bravo? Wenn mich ehrenhafte Männer zu ihrem Präsidenten wählen, ist das bloß schmeichelhaft.

Frau Lund: Es paßt nicht zu Ihnen, und es ist Ihnen nicht ernst.

Frau Beermann: Es ist so falsch wie nur etwas, und du redest dabei lauter Sachen, an die du nie gedacht hast.

Beermann: Erlaub du mir! Ich muß besser wissen, was mir ernst ist.

Frau Lund: Auf der Welt ist mir nichts so zuwider wie ein Bußprediger. Aber wenn's einer schon sein will... Dann muß er nach dem alten Rezept Heuschrecken essen. Mit Moselwein und Hummerscheren stimmt's nicht.

Beermann: An Heuschrecken kann ich mich nicht mehr gewöhnen.

Frau Lund: Warum gewöhnen Sie sich an diese Moral?

Bolland: Die Damen wissen offenbar nicht, welche Ziele unser Verein verfolgt. Sie würden jedes Wort unterschreiben, das in unsern Satzungen steht.

Frau Lund: Das möchte ich mir recht energisch verbitten.

Bolland greift in die Brusttasche: Aber so lesen Sie doch unsern Aufruf!

Frau Lund ablehnend: Ich danke.

Bolland: Jede Frau muß glücklich sein, wenn sie das liest.

Frau Lund: Meinen Sie? Ich finde die Vereinsmeierei nur komisch. Sie treffen sich also nicht bloß zum Kegelschieben, Sie müssen auch miteinander moralisch sein?

Hauser: Und dabei denke ich immer an Hungerkünstler, die heimlich essen.

Wasner: Man kann jede Überzeugung lächerlich machen, wenn man sie für unehrlich erklärt. Dafür soll man Beweise haben.

Hauser: Herr Professor, die Höflichkeit verlangt, daß man jeden einzeln für eine Ausnahme hält, aber nicht ganze Vereine.

Bolland: Ich muß sagen, das ist bedauerlich, wenn eine schöne große Bewegung so abgetan wird mit ein paar Worten. Das verbittert einen, der ehrlich an der Gesundung unseres Volkes arbeitet.

Frau Lund: Wo haben Sie Ihr Patent erworben, daß Sie Arzt sein dürfen?

Wasner: Jeder soll Arzt sein.

Hauser: Ich bleibe Patient. Ein paar brauchen Sie doch, sonst haben Sie nichts mehr zu kurieren.

Beermann: Man kann sich leicht darüber lustig machen. Ich habe früher selbst solche Witze gemacht; aber wenn man die Sache von der ernsten Seite nimmt, wenn einem erst die Augen geöffnet werden...

Frau Beermann: Es ist unerträglich, was du für Redensarten gelernt hast.

Beermann: Wir können uns ja eine Szene machen.

Frau Beermann: Jetzt sind wir sechsundzwanzig Jahre verheiratet. Haben Glück gehabt mit den Kindern. Was gehen dich andere Leute an?

Beermann: Das ist nicht logisch, meine Liebe. Gerade weil ich meine Kinder gut erzogen habe, kann ich mitreden...

Frau Beermann: Du hast dich sehr geplagt mit der Erziehung!

Beermann: Offenbar habe ich nichts versäumt.

Frau Lund: Am Ende prahlen Sie doch mit einer Kraft, die Sie nicht ausprobiert haben?

Beermann: Die ich nicht ausprobiert habe! Gute Frau Lund, an jeden Mann kommt die Versuchung. Was weiß eine Frau davon?

Frau Lund: Jedenfalls erfährt sie nicht, wie es ausgeht.

Bolland: Gestatten Sie! Unsere Bewegung ist für die Frauen gemacht. Was Sie als Frau schätzen, finden Sie bei uns.

Frau Lund: Nein. Wir Frauen schätzen auch die Sparsamkeit, und wir sehen es nicht gerne, wenn die Männer mehr Moral ausgeben, als sie haben.

Bolland: Bleiben wir ernsthaft! Die öffentlichen Mißstände müssen Sie mehr verletzen als uns.

Frau Lund: Es gehört schon die männliche Gefühlsstärke dazu, um sich durch das Elend verletzt zu fühlen.

Wasner: Sie sprechen von Elend, wie wir von Laster.

Frau Lund: Darum werden wir uns nie einigen.

Frau Beermann: Und jedenfalls soll sich mein Mann nicht als Beispiel hinstellen, weil er nicht weiß, was Sorge oder Elend ist.

Beermann: Mit solchen Grundsätzen läßt sich nichts anfangen.

Frau Lund: Bitte, keine Grundsätze!

Bolland: Sie werden aus Opposition sagen, daß Sie andere haben als wir.

Frau Lund: Ich werde sagen, daß ich keine habe.

Bolland und Wasner gleichzeitig: Aber gnädige Frau!

Frau Lund: Ich kann nichts dafür. Das Leben hat sie aufgefressen. Ich habe gesehen, daß alle Grundsätze Löcher haben, durch die man sich und seine Lieben schlüpfen läßt. Und man hat also nur die Wahl, seine Grundsätze ehrlich aufzugeben, oder sie unehrlich auf andere anzuwenden.

Wasner: Echte Grundsätze gibt man nicht auf.

Hauser ironisch: Bravo!

Bolland: Für mich ist Moral einfach Naturgebot. Die Stimme der Natur.

Frau Lund: Warum gründen Sie dann Sittlichkeitsvereine? Glauben Sie, daß Ihre Statuten stärker sind als die Stimme der Natur?

Wasner: Darf ich hier eine Bemerkung einstreuen?

Beermann: Hört!

Wasner den Bart streichend: Vielleicht kommen wir zu einem abschließenden Urteil, wenn wir sagen: Es ist das schöne Vorrecht der Frauen, daß ihnen gewisse Dinge fremd bleiben dürfen, mit denen uns – leider – das Leben bekannt macht.

Hauser: Leider?

Wasner: Ich bitte, mich einen Augenblick nicht zu unterbrechen. Ich sage allerdings: leider. Seit vier Jahren verfolge ich aufmerksam die obszöne Produktion, und ich habe davon eine Sammlung angelegt, die heute wohl die vollständigste ist. Ich rede also von einer Sache, über die ich genau informiert bin. Sich steigernd: Es ist unglaublich, bis zu welchem Gipfel der Gemeinheit man heute gelangt ist!

Frau Lund: Und Sie sind der Sammler dieser Gemeinheit?

Wasner: Glauben Sie mir: ich habe mich mit Abscheu dieser Aufgabe unterzogen.

Hauser: Herr Professor, ich habe noch keinen Menschen gesehen, der freiwillig vier Jahre lang etwas tut, was ihm unangenehm ist.

Wasner: Das durfte nicht gesagt werden!

Hauser: Irgendeine Befriedigung werden Sie dabei finden.

Wasner: Dann glauben Sie an die Befriedigung, welche mir die Rettung unseres Volkes gewährt.

Frau Lund: Wo soll denn die Rettung sein? Man wird immer mit Erfolg auf die Geschmacklosigkeit spekulieren. Das beweisen auch die sittlichen Kunstwerke, die gefallen.

Wasner: Es handelt sich um Schlimmeres als um Geschmacklosigkeit.

Frau Lund: Es gibt nichts Schlimmeres.

Wasner beschwörend: Wenn Sie wüßten!

Frau Lund: Ich brauche Ihre Galerie nicht zu sehen. Ich sage Ihnen nur, daß mich das schmutzigste Bild nicht stärker abstoßen könnte als die Art, wie Sie in Ihren Versammlungen reden.

Beermann: Oh! Oh!

Frau Lund: Die seelischen Nuditäten sind ekelhaft; nicht die körperlichen. Kein Laster ist so widerwärtig wie die Tugend, die sich vor der Öffentlichkeit entblößt. Das Laster hat doch wenigstens die Scham, sich zu verstecken!

Beermann zu Bolland: Verstehen Sie das eigentlich?

Bolland: Ich muß offen gestehen: Nein.

Wasner: Gnädige Frau sagten: Das Laster versteckt sich. Aber deshalb existiert es doch!

Bolland: Das ist das richtige Wort: Es existiert!

Wasner: Sollen wir es dulden, weil es sich in dunkle Winkel verkriecht?

Frau Lund: Es wird weniger dunkle Winkel finden, wenn die Sonne heller in die Welt scheint.

Bolland: Würden Sie auch dann gegen uns sein, wenn Sie einen Sohn hätten, der den Verführungen der Großstadt ausgesetzt wäre?

Frau Lund: Es würde mir leid tun, wenn ich aus persönlichem Grunde aufhören könnte, frei zu denken.

Beermann: Stellen Sie sich das vor! Ein blühender junger Mensch in den Händen eines schlechten Geschöpfes!

Frau Lund: Ich könnte mir was Schlimmeres denken.

Beermann: Noch schlimmer?

Frau Lund: Zum Beispiel: Wenn er mit der Gläubigkeit der Jugend bei Ihrem Sittlichkeitsverein mittäte.

Bolland: Na aber!

Beermann: Ihnen ist heute gar nichts ernst.

Frau Lund: Sehr ernst. Ein junger Mann kommt vielleicht doch dazu, daß er für das schlechte Geschöpf – wie Sie sagen – Mitleid empfindet. Dann hat er etwas Wirkliches für seine Moral gewonnen. Und bliebe ihm das als tiefer Eindruck, dann hätte ihm das Geschöpf eine bessere Lehre gegeben als irgendwer mit schönen Worten.

Bolland: Ich bin einfach starr.

Wasner: Und unserem Verein, dem trauen Sie einen schlechten Einfluß zu?

Frau Lund sehr bestimmt: Ja.

Bolland ironisch: Natürlich, die Universitätsprofessoren, die bei uns sind, und die Konsistorialräte... oder ein General... die verderben selbstverständlich die Jugend! Im Gegensatz zu den braven Mädchen!

Wasner: Und was soll denn der schlechte Einfluß sein?

Frau Lund wärmer: Daß der junge Mensch Selbstgerechtigkeit für eine gute Sache ansieht, daß er sich Härte angewöhnt, daß er sich für immer die Möglichkeit nimmt, das Leben zu verstehen und ein hilfreicher Mensch zu werden.

Bolland: Was das für Worte sind für eine solche Sache!

Frau Beermann: Das sind prächtige Worte, und ich würde mich auch bedanken, wenn mein Junge so ein Tugendheld würde!

Beermann: Lina, dir verbiete ich ganz einfach, so was zu sagen.

Frau Beermann: Wirklich?

Beermann: Von Frau Lund weiß man, daß sie freigeistig ist, aber du brauchst dir das nicht anzugewöhnen.

Frau Beermann: Ich nehme nicht so schnell Gewohnheiten an wie du.

Hauser zu Beermann: Nur nicht aufregen! Sie müssen als Politiker erlauben, daß man seine Meinung sagt.

Wasner: Und dann sage ich als Lehrer der Jugend: ich wünsche von Herzen, sie möge auch fernerhin, und sie möge immer mehr ihre Ideale bei hochgesinnten Männern suchen, und nicht in dunkeln Gassen!

Bolland: Und nicht in dunkeln Gassen, meine Damen!

Frau Lund: Aber auch nicht dort, Herr Kommerzienrat, wo man dem natürlichen Empfinden das Schamtuch wegreißt und ihm jeden heimlichen Reiz nimmt.

Wasner grimmig: Den Reiz wollen wir allerdings nehmen.

Frau Lund: Sie verstehen es gut. In Ihren Versammlungen herrscht ein Ton, der alle Zartheit aus der Welt bringt.

Wasner: Es liegt nicht in unserm Volkscharakter, gewisse Dinge zu beschönigen.

Frau Lund: Warum sagt man Volkscharakter für schlechte Manieren?

Wasner: Weil es deutsch ist, eine Sache beim rechten Namen zu nennen.

Beermann aufstehend: Fangen wir lieber mit unseren Skat an! Wir kommen doch zu keinem Resultat.

Bolland: Weil eben hier zwei verschiedene Weltanschauungen aufeinanderstoßen.

Beermann geht nach links an den Spieltisch, holt aus der Schublade ein Spiel Karten und nimmt die Enveloppe ab.

Beermann: Es ist immer das Alte. Man soll nicht mit Frauen streiten, weil man nie recht bekommt.

Er setzt sich an den Spieltisch. Bolland ist aufgestanden und setzt sich neben ihn.

Frau Lund lacht: Das war wieder recht aus dem Bürgerherzen gesprochen.

Wasner: Ich möchte das Thema nicht noch einmal berühren; aber wenn Sie vielleicht den Eindruck gewonnen haben, daß ich in dieser Sache einseitig urteile, so gebe ich Ihnen das sofort zu.

Beermann ruft: Kommen Sie doch, Herr Professor!

Wasner gegen den Spieltisch: Sofort. Zu den andern: Ich gebe es mit Stolz zu, daß ich einseitig bin, denn für mich gibt es nur die eine Frage: Wie nütze ich meinem Volke?

Bolland ruft: Herr Professor!

Wasner gegen den Spieltisch: Im Moment! Zu den andern: Das gibt für mich den Ausschlag. Das Mark unseres Volkes erhalten, und darin weiß ich mich sicher gegen alle Scheingründe; denn dieses Streben ist zum mindesten...

Beermann laut: Aber lieber Wasner!

Wasner unbeirrt fortfahrend. Denn dieses Streben ist zum mindesten national.

Hauser: Wollen Sie nicht lieber Skat spielen?

Wasner geht zum Spieltisch: Es erübrigt mir noch, um Entschuldigung zu bitten, falls ich etwas schroff gewesen sein sollte. Setzt sich.

Bolland: Sie geben, Herr Professor.

Wasner mischt die Karten und spricht dabei: Für mich gibt es nur ein Ideal. Das Tacitus einst bei unserm Volke gefunden hat. Quamquam severa illic matrimonia nec ullam morum partem magis laudaveris. Läßt abheben und gibt. Die eheliche Sitte ist streng, und sie bildet wohl die achtungswerteste Seite germanischer Zustände. Nam prope soli Barbarorum singulis uxoribus contenti sunt. Die Germanen sind fast das einzige Barbarenvolk, welches sich mit einem Weibe begnügt.

Beermann laut: Turnee!

Bolland: Halt ich.

Beermann: Zwanzig.

Bolland: Halt ich.

Beermann: Dann rin ins Vergnügen!

Bolland: Gras-Solo!

Sie spielen. Hauser, Frau Lund, Frau Beermann sitzen rechts.

Frau Lund: Nun ist Deutschland ruhig.

Hauser: Ja, und warum haben wir uns eigentlich echauffiert? Die sind uns über. Erst rühren sie Weltanschauungen um, dann holen sie sich Karten und kehren zu ihrer natürlichen Beschäftigung zurück.

Frau Lund: Und man fragt sich, ob man auf der richtigen Seite steht. Denn eine solche Gemütsruhe muß doch einen tiefen Fonds haben.

Hauser: Oder man fragt sich, warum diese braven Menschen jemals das Skatspielen unterbrechen, bloß um Dummheiten zu machen.

Beermann vom Spieltisch herüber: Ich habe gute Ohren.

Hauser: Das ist viel wert im vorgerückten Alter.

Bolland eine Karte auf den Tisch schlagend: Neunundfünfzig und vier macht dreiundsechzig. Die andern können Sie haben. Sie werfen die Karten zusammen. Bolland nimmt sie und mischt.

Wasner dreht sich halb gegen Hauser zu: Und dann jene berühmte Stelle: Ergo septa pudicitia agunt, nullis spectaculorum illecebris corruptae.

Beermann: Ich habe sechs Karten.

Bolland: Die unterste gehört dem Professor.

Wasner Wie oben: So lebt die Frau im Kreise keuscher Sitte dahin, und so weiter. Literarum secreta... Heimliche Briefe kennt weder Mann noch Frau.

Beermann: Jetzt hören Sie einmal auf mit Ihrem Tacitus! Sie müssen sich erklären.

Wasner: Ich passe.

Bolland: Ich auch.

Beermann laut und freudig: Grand Schneider, meine lieben Brüder!

Wasner murmelnd: Paucissima adulteria in tam numerosa gente... Verstummt allmählich und spielt eifrig mit.

Frau Beermann: Sie können über das Getue lachen, aber ich leide darunter.

Hauser: Erlauben Sie mir, das wäre Gefühlsverschwendung!

Frau Lund: Liebes Kind, Sie dürfen das nicht tragisch nehmen. Die Männer wollen sich hie und da Gemütsbewegungen verschaffen.

Hauser: Und daheim kann man darüber lachen. Bloß die arme Regierung ist übel daran; die muß ein feierliches Gesicht dazu machen und manches tun, was sie nicht will.

Frau Lund: Die sollte eben auch Bescheid wissen.

Hauser: Weiß sie recht gut. Aber die Tugend, auch wenn sie unwahr ist, bleibt das Schöne an sich und darf amtlich nicht mißbilligt werden.

Frau Lund: Darum kommt man nie aus der Verlogenheit heraus.

Hauser: Aber manchmal in die Verlegenheit hinein. Wir werden das allernächstens auch hier erleben.

Frau Beermann: Hier?

Hauser: Jawohl hier. Man hat gestern eine Frau verhaftet, die ein sehr gastfreies Haus führte. Aber ich vermute, daß der Polizei der Fund zu reichlich sein wird. Die Dame hat sehr gutes Publikum bei sich gesehen.

Beermann hat bei den letzten Worten aufgehorcht und zu Hauser herübergesehen.

Bolland schreit ärgerlich: Aber Beermann, warum haben Sie den blauen Jungen nicht gebracht? Wenn Sie den blauen Jungen bringen, und dann Treff acht, dann komme ich mit Treff und Treff und nischt wie Treff...

Wasner zählend: Ich habe einundsechzig.

Bolland nimmt die Karten zusammen und mischt: Sie machen keine Vierzig, wenn Beermann seinen blauen Jungen bringt und dann Treffacht. Ich spiele meine Foße an; er kommt in Stich und muß Ihren letzten Atout holen, und dann kommt Treff und Treff...

Beermann zu Hauser herüber: Was ist das mit der Dame, was Sie da gerade erzählt haben? Hm?

Hauser: Man hat sich bei ihr von seiner Ehrbarkeit erholt, und davor muß man die großen Kinder mit Vollbärten und Glatzen behüten.

Beermann: Ich finde es allerdings richtig, wenn man dagegen einschreitet. Übrigens, wie heißt denn die Person?

Bolland: Aber Beermann, nun merken Sie endlich auf das Spiel auf!

Beermann: Ich wollte nur wissen...

Wasner: Ich reize.

Bolland: Ich passe.

Beermann: Ich auch.

Sie spielen weiter, Beermann ist sichtlich zerstreut und horcht über seine Karten weg.

Frau Beermann: Ich verstehe nicht, warum die Polizei deshalb in Verlegenheit kommen soll?...

Hauser: Weil sie den Glauben an die bevorzugte Menschheit nicht erschüttern darf. Der gehört zu unseren höchsten Gütern.

Frau Lund: Und ist in Gefahr?

Hauser: Ja, solche Laster ziehen immer einen Schweif von Tugend nach sich. Und in diesem Fall ist es besonders schlimm, weil die Dame ein Tagebuch geführt hat, und dieses Tagebuch hat man gefunden.

Bolland wirft die Karten auf den Tisch und schreit: Also das ist unerhört! Jetzt schmiert er dem Gegner eine Aß!

Beermann steht auf und geht zu Hauser herüber: Wie heißt denn die Person?

Hauser: Warten Sie mal! Sie hat 'n französischen Namen.

Beermann betroffen: Französisch?

Hauser: So einen, der nach Patschuli riecht.

Beermann erregt: Ich verstehe nicht, wie man den Namen vergessen kann! Wenn man so was erzählt!

Hauser: Ninon – – – Ninon... de Hauteville.

Bolland steht ebenfalls auf: Was ist damit?

Beermann bestürzt: Sie sagen, die hat 'n Tagebuch?

Hauser: Einen ganzen Katalog.

Frau Beermann zu Beermann: Was geht dich das an?

Beermann: Ja, bin ich Präsident des Sittlichkeitsvereins oder bin ich es nicht?

Vorhang

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