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Ludwig Thoma: Moral - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
booktitleMoral
authorLudwig Thoma
year1990
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-10297-2
titleMoral
pages3-80
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1909
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Erster Akt

Rauchzimmer bei Rentier Beermann. Im Hintergrunde links Flügeltür, die in den Speisesaal führt. Rechts eine kleinere Türe zum Musikzimmer. An der Seite links eine Türe, die in den Gang führt. Links vorne ein kleiner Erker, in dem ein Spieltisch steht. Rechts vorne ein Sofa, bequeme Stühle; gegen den Hintergrund ein Tisch, auf dem Kaffee serviert ist; ein zweiter Tisch, auf dem Zigarrenkisten stehen.

Erste Szene

Ein Lohndiener ist am Kaffeetisch beschäftigt; ein zweiter öffnet die Flügeltüre links. Man hört Stimmengewirr, Stühlerücken. Dann kommen durch die Flügeltüre Bolland mit Frau Beermann, Beermann mit Frau Bolland, Dr. Hauser mit Effie, Wasner mit Frl. Koch-Pinneberg; Dobler. Allgemeines ›Mahlzeit!‹ Wasner teilt nach allen Seiten turnerische Händedrücke aus; geht zu Frau Beermann: ›Ich wünsche gesegnete Mahlzeit!‹ Die Diener servieren Kaffee. Beermann ist mit Bolland nach vorne gegangen.

Bolland: Sie kriegen zweitausend Stimmen mehr als der Sozialdemokrat. Das ist sicher.

Beermann zweifelnd: Na – na!

Bolland: Wenn das ganze liberale Bürgertum mit den Konservativen zusammengeht? Ich bitte Sie!

Beermann vom Diener eine Kaffeetasse nehmend: Wenn...

Bolland: Der Zusammenschluß ist da. Er ist die natürliche Entwicklung. Glauben Sie einem Praktiker: die Zeit für Nüancen ist vorbei; es geht um den Besitz.

Wasner ist hinzugetreten: Und ganz Deutschland schart sich um die nationale Fahne.

Beermann: Aber wir haben doch überall Widersprüche. Ich merke es am besten an dem, was ich nicht sagen darf.

Bolland: Wieso?

Beermann: Zum Beispiel übermorgen im freisinnigen Wahlverein. Da darf ich doch nicht das gleiche reden wie gestern bei den Konservativen?

Bolland: Im Detail natürlich nicht. Aber im Grunde genommen ist es dasselbe.

Beermann trinkt: Ist es dasselbe? Wissen Sie, ich bin schon ganz konfus von dem Lavieren.

Effie ruft vom Kaffeetische her, wo sie bei den übrigen steht: Papa! Siehst du, Frau Bolland sagt auch, daß die indische Tänzerin so interessant ist.

Frau Bolland: Rasend interessant! Man begreift mit einem Male das ganze Indien.

Effie: Warum sind wir noch nicht hingegangen?

Frau Bolland: Aber Sie müssen hingehen! Mir hat Professor Stöhr gesagt, er hat noch nie so was Grrroßartiges gesehen.

Fräulein Koch-Pinneberg: Sie wirkt so als Fleck.

Frau Bolland: Ich habe nicht geahnt, daß indisch so hübsch sein kann.

Beermann: Wir können sie ja mal ansehen.

Effie: Aber sie tritt nur noch morgen auf.

Beermann zum Zigarrentisch gehend: Schön. Dann erinnere mich morgen daran. Nimmt eine Kiste und bietet dem zunächststehenden Dobler an. Rauchen Sie?

Dobler nimmt: Ja, aber Importen bin ich eigentlich nicht gewohnt.

Beermann wohlwollend: Das gute Leben lernt sich schnell.

Bolland zu Dobler. Sie sind noch nicht lange hier?

Dobler: Seit zwei Jahren.

Bolland: Und vorher waren Sie in... äh...

Frau Bolland: In Unterschlettenbach. Das weiß man doch...

Bolland sich verbessernd: Natürlich. Aus der Literaturgeschichte. Es muß übrigens 'n sehr interessanter Ort sein.

Dobler: Klein und sehr arm, Herr Kommerzienrat. Die meisten Leute sind Pfannenflicker.

Bolland: Sehen Sie mal! Das wußte ich gar nicht. So... Pfannenflicker? Aber sagen Sie, wie kommt Ihnen dann das Leben hier vor? So... Das großstädtische... elegante?

Dobler die Zigarre anzündend: Es gefällt mir gut. Aber es bleibt einem innerlich fremd.

Bolland: Ungewohnt?

Dobler: Es ist alles anders. Oft kommt es mir vor, als wäre ich nur rasch in ein prächtiges Haus gegangen, aber draußen wartet mein Kamerad, das alte Leben.

Frau Bolland: Wun-der-voll! Das ist ganz wundervoll gesagt. Man sieht es förmlich. Überhaupt, Herr Dobler, ich muß Ihnen sagen, Ihr Roman! Mein Mann und ich, wir reden den ganzen Tag davon.

Bolland: Sagen Sie mal, der junge Mensch, der darin vorkommt; haben Sie sich da eigentlich selbst gezeichnet?

Dobler: Es ist meine Jugend, ja.

Bolland: Aber doch mit dichterischer Phantasie ausgeschmückt?

Dobler: M-ja.

Bolland: Zum Beispiel: Sie haben doch nicht wirklich gehungert?

Dobler: Gewiß. Da ist nichts erdichtet.

Bolland: So wie Sie's geschildert haben? Daß Ihnen alles rot vorgekommen ist?

Dobler: Daß mir alles rot vorgekommen ist. Ich habe einmal vier und einen halben Tag keinen Bissen gegessen.

Frau Beermann bedauernd: Ach Gott!

Frau Bolland: Das ist rasend interessant!

Bolland: Bitte, erzählen Sie uns genau. Es hat Ihnen geflimmert?

Dobler: Ich sah alle Dinge wie durch einen Schleier, und alle Dinge hatten einen rosaroten Reifen. Und dann schwächte sich das Gehör.

Bolland: Soo? Das Gehör auch?

Dobler: Ja. Wenn jemand neben mir sprach, das war so, als wenn es weit, weit entfernt wäre.

Frau Bolland: Davon hat man nun eigentlich gar keine Ahnung!

Beermann: Und wie ging's weiter?

Dobler: Wieso?

Beermann: Na, einmal müssen Sie ja doch wieder was gegessen haben?

Dobler: Ich bin ohnmächtig auf einer Wiese gelegen, und da hat man mich gefunden und ins Krankenhaus gebracht.

Frau Beermann mit einem Seufzer: Daß es so etwas immer noch geben kann!

Frau Bolland: Ich bitte Sie, unter diesen Idealisten!

Hauser: Die sind das nicht anders gewohnt.

Beermann: Wie haben Sie sich dann rausgemacht?

Dobler: So nach und nach. Ich war Buchdrucker und habe Stellung gefunden.

Bolland: Das kommt auch im Roman vor. Aber, nicht wahr, das stimmt nicht, daß Sie als Handwerksbursch gereist sind?

Dobler: Ich war dreiviertel Jahr auf der Walze.

Frau Bolland: Walze! So was Echtes!

Fräulein Koch-Pinneberg: Das stelle ich mir fein vor, als Handwerksbursch wandern.

Dobler: Ja, wenn man soviel Geld hat, daß man sich wenigstens ein Stück Brot kaufen kann. Aber es kommt auch anders. Wir waren damals zu dritt und sind von Basel aufwärts, einmal links und einmal rechts über den Rhein. In Worms ging uns das Geld aus, und da war nichts zu machen, als fechten.

Frau Bolland verständnislos: Was ist das? Fechten?

Dobler pathetisch: Betteln, gnädige Frau. Betteln ums liebe Brot. Alle schweigen. In die Stille tönt laut die Stimme des Dieners, der Liköre serviert: Cognac vieux! Fine Champagne! Chartreuse!

Beermann nimmt ein Glas: Einem gebildeten Menschen muß so was unangenehm sein. Was?

Dobler nimmt ein Glas Kognak: Ja nu! Trinkt. Die Empfindlichkeit verliert sich. Das erstemal will's nicht gehen, aber dann lernt sich's. Einen heißen Tag auf der Landstraße, daß man jeden Nagel spürt. Und der Staub verklebt die Augen, und immer weiter und weiter. Dann kommt der Abend. Vor einem liegt das Dorf, aus allen Schornsteinen raucht es und heimelt an. Da zieht man den Hut und bettelt um die warme Suppe. Kleine Pause.

Wasner im tiefen Basse: Heimatkunst!

Bolland: Mich erinnert die Geschichte kolossal an meinen seligen Vater.

Frau Bolland: Aber Adolf!

Bolland: Wenn ich dir sage...

Frau Bolland: Wie kann man so was vergleichen? Herr Dobler ist ein berühmter Dichter geworden.

Bolland: Na, vielleicht kann man behaupten, daß es mein Vater auch zu was gebracht hat. Als er starb, standen über vierhundert Arbeiter an seinem Sarge.

Frau Bolland ungeduldig: Das weiß man schon... Herr Dobler, haben Sie schon als Handwerksbursche Gedichte gemacht?

Dobler: Nein. Das kam später.

Frau Bolland: Ich muß Ihren Roman gleich noch einmal lesen. Wo ich jetzt das Persönliche weiß...

Frau Beermann zu Wasner: Sie wollten doch singen, Herr Professor? Effie wird Sie begleiten.

Wasner: Wenn das gnädige Fräulein die Liebenswürdigkeit haben will... aber ich weiß nicht, ob ich bei Stimme bin...

Frau Bolland: Sie singen so grrroß-artig!

Wasner im Abgehen: Aber die vielen Versammlungen jetzt! Die Politik ruiniert auch die Stimme.

Fräulein Koch-Pinneberg: Machen Sie uns die Freude.

Frau Bolland, Frau Beermann, Wasner, Frl. Koch, Effie ab ins Musikzimmer.

 
Zweite Szene

Herr Beermann. Herr Bolland. Dobler. Dr. Hauser.

Beermann: Schade, daß der Professor singt. Sonst könnten wir unsern Skat anfangen. Darf ich noch Kognak anbieten?

Hauser: Nein. Danke.

Dobler: Wirklich nicht.

Bolland hat sich auf das Sofa gesetzt; Hauser, Dobler setzen sich auf Stühle. Beermann nimmt sich eine neue Zigarre. Ein Lohndiener geht ins Musikzimmer; wenn er die Türe öffnet, hört man Töne eines Pianos.

Bolland: Wie ich Ihnen sagte, Herr Dobler: Ihre Geschichte vorhin hat mich kolossal an meinen Vater erinnert.

Hauser: An den Geheimen Kommerzienrat Bolland?

Bolland setzt sich zurück; schlägt ein Bein übers andere: Der aber nicht immer der reiche Kommerzienrat war. Sich zu Dobler wendend: Stellen Sie sich vor, eine Winterlandschaft. Strenge Kälte, alles in Schnee gehüllt, grauer Himmel. Es schneit und schneit, da geht, oder, besser gesagt, da wankt auf der Straße von Perleberg, die durch den Perleberger Forst führt, ein junger Mensch. Ein halbverhungerter, junger Mensch. Macht affektiert eine Pause und klopft die Asche von der Zigarre.

Aus dem Musikzimmer kommt der Lohndiener herein, holt ein Glas Wasser und geht wieder hinaus. Während er die Türe offen läßt, hört man Professor Wasner singen. Tremolierender Baßbariton:

In deinen Augen hab ich einst gelesen
Von Lieb' und Glück – von Lieb'
und Glück den Schein...

Die Türe fällt ins Schloß, man hört nichts mehr.

Bolland hat inzwischen weiter gesprochen: Die Flocken fallen dichter und dichter, und weil der junge Mensch par tout nichts im Magen hatte, bekommt er 'ne Schwäche und setzt sich auf ein Bündel Reisig und schläft ein. Zum größten Glück kommt ein Perleberger Bürger des Wegs und sieht den halb eingeschneiten Jungen und nimmt ihn mit heim. Pausiert. Und dieser Junge wurde späterhin mein Vater...

Hauser: Und Geheimer Kommerzienrat.

Bolland: Und Geheimer Kommerzienrat. Zu Dobler: Aber sagen Sie selbst, ist das nicht merkwürdig? Ist das nicht 'n Roman?

Dobler: Ja, ja...

Bolland: Das könnten Sie doch sehr schön verwenden! Denken Sie, der arme Junge, die Schneelandschaft...

Hauser: Das Bündel Reisig.

Dobler: Das Leben hat originelle Einfälle und spielt gerne mit Kontrasten.

Bolland: Das ist das richtige Wort. Es spielt mit Kontrasten.

Hauser: Aber originell? Die Geschichte wiederholt sich zu oft.

Bolland: Was wiederholt sich?

Hauser: Die Geschichte vom armen Jungen, der Millionär wird. Jede große Fabrik hat so'n Papa.

Bolland: Glauben Sie?

Hauser: Und er wird immer noch ärmer. Ihr Sohn wird den Jungen ganz erfrieren lassen.

Bolland: Ich gebe mein Ehrenwort, daß die Sache so war. Zu Dobler: Sie sollten sich den Stoff nicht entgehen lassen. Wie er das Geschäft gründete, und wie es allmählich wuchs und wuchs...

Frau Beermann kommt aus dem Musikzimmer. Man hört den Professor tremolieren: Behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein. Dann wieder still.

Dobler: Eines ist sicher. Die Figur des self made man ist in Deutschland noch kaum literarisch verwendet.

Bolland eifrig: Das ist's ja, was ich sage. Immer diese Armeleutegeschichten! Aber daß 'n Mensch mal ordentlich verdient, daß 'n Mensch was wird, das ist doch auch poetisch!

Hauser: Wissen Sie was, lassen Sie Ihr Hauptbuch drucken.

Von links kommt Frau Lund, hinter ihr das Zimmermädchen.

 
Dritte Szene

Die Vorigen. Frau Lund.

Frau Beermann ihr lebhaft entgegeneilend: Mama Lund! Das ist lieb, daß Sie kommen...

Frau Lund heiter: Immer gerne zu Ihnen. Guten Tag, meine Herren. Wo ist die kleine Effie?

Frau Beermann: Im Musikzimmer. Zum Mädchen: Bitte, sagen Sie meiner Tochter...

Frau Lund: Nein, nein. Lassen Sie nur!

Beermann: Darf ich Ihnen vorstellen? Herr Hans Jakob Dobler, unser berühmter Dichter.

Frau Lund Dobler die Hand reichend: Ein berühmter Dichter? Das freut mich.

Bolland: Der Verfasser des »Armen Hans«.

Frau Lund liebenswürdig zu Dobler: Wenn ich jünger wäre, würde ich selbstverständlich so tun, als hätte ich's gelesen. Aber in meinem Alter strengt das an. Was ist das »Der arme Hans«?

Dobler: Ein Roman, gnädige Frau.

Bolland: Ein Meisterwerk!

Frau Lund: Dann ist meine Unkenntnis strafbar. Ich will sie bald gutmachen.

 
Vierte Szene

Vom Musikzimmer herein stürmt Frau Bolland, hinter ihr kommen Effie, Wasner und Fräulein Koch.

Frau Bolland: Es ist höchste Zeit. Ich muß in den Kunstverein. Zu Frau Lund: Guten Tag, gnädige Frau.

Effie ist zu Frau Lund geeilt und küßt ihr die Hand: Mama Lund!

Frau Lund: Wie geht's dir, kleiner Wildfang? Kommst du bald zu mir?

Effie: Gerne, aber die Musikstunden, und der Vortrag von Professor Stöhr...

Frau Lund: Und dies und das und deine achtzehn Jahre. Du hast ganz recht.

Frau Bolland zu Frau Beermann: Effie darf doch mitkommen? Im Kunstverein sollen wundervolle Bilder sein.

Frau Beermann mit einem Blick auf Frau Lund. Ich weiß nicht...

Frau Lund: Aber natürlich soll sie gehen. Mit dem hübschen Kleid darf sie nicht daheim bleiben. Wir unterhalten uns schon mit den Herren.

Frau Bolland: Dann müssen wir uns eilen. Es ist höchste Zeit. Adieu, gute Frau Beermann. Es war prachtvoll bei Ihnen. Adieu, Frau Lund, es war zu hübsch, daß ich Sie noch gesehen habe. Adieu! Adieu! – Adolf!

Bolland: Ja – Buzi?

Frau Bolland: Wir fahren um acht ins Theater. Der Wiener Gast soll großartig sein. Ab nach links. Effie und Fräulein Koch hinter ihr. Frau Bolland bleibt an der Türe stehen.

Frau Bolland: Herr Dobler, bitte, begleiten Sie uns; Sie können uns manches erklären.

Dobler: Wenn Sie gestatten. Gibt Frau Beermann die Hand und verbeugt sich gegen die übrigen.

Beermann: Bald wieder, Herr Poet!

Bolland: Und überlegen Sie sich mal den Stoff.

Dobler ab. Vorher sind Frau Bolland, Effie und Fräulein Koch links abgegangen.

 
Fünfte Szene

Frau Lund: Und jetzt bitte ich um eine Tasse Kaffee.

Frau Beermann: Sie sollen frischen bekommen. Zu dem Diener, der den Kaffeetisch abräumt: Sagen Sie in der Küche, daß man Kaffee macht.

Der Diener ab durch die Flügeltüre, währenddessen kommt Frau Bolland nochmal links unter die Türe.

Frau Bolland: Adolf!

Bolland: Ja – Mausi?

Frau Bolland: Am Donnerstag geht der »Ring« an. Vergiß nicht auf die Vormerkungen!

Bolland: Schon gut.

Frau Bolland im Abgehen: Ich freue mich ra-send darauf. Ab.

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