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Mondschein

Guy de Maupassant: Mondschein - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMondschein
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume5
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc3622c14
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Weihnachtsmärchen

Doktor Bonenfant dachte nach und wiederholte halblaut vor sich hin:

– Eine Weihnachtsgeschichte? – – Eine Weihnachtsgeschichte?

Und plötzlich rief er:

– Aber ich weiß ja eine und noch dazu eine ganz seltsame. Es ist das reine Märchen. Ich habe ein Wunder erlebt in der Weihnachtsnacht. Sie wundern sich, meine Damen? Weil ich bekanntlich nicht gläubig bin. Aber ich habe es gesehen, gesehen mit eigenen Augen.

Ob ich sehr überrascht war? Nein, doch nicht. Denn wenn ich schon euren Glauben nicht teile, so erkenne ich doch den Glauben an und weiß, daß er imstande ist, Berge zu versetzen! Ich könnte Beispiele anführen, aber ich würde Sie empören und wahrscheinlich nur den Eindruck meiner Geschichte abschwächen.

Erst möchte ich Ihnen gestehen, daß, wenn ich auch durch das, was ich gesehen habe, nicht gerade durchaus überzeugt worden bin oder etwa bekehrt, es mich doch wenigstens sehr bewegt hat. Ich werde einmal versuchen, Ihnen die Geschichte ganz schmucklos so zu erzählen, als ob ich die Gläubigkeit eines Auvergnanten besäße.

Ich war damals Landarzt und wohnte in dem kleinen Ort Rolleville mitten in der Normandie.

Wir hatten gerade einen furchtbar strengen Winter. Von Ende November ab fiel, nachdem eine Woche hindurch bittere Kalte geherrscht, der Schnee. Man sah schon von weitem die mächtigen Wolken von Norden her kommen und der Flockenfall begann.

Binnen einer Nacht war die ganze Ebene unter dem weißen Tuche begraben.

Die Bauerngehöfte, die einsam in ihren viereckigen Höfen lagen hinter den mit Reif überzogenen Bäumen, schienen geradezu einzuschlafen unter der unendlichen Menge dieses dichten leichten Teppichs.

Die Landschaft lag regungslos. Kein Laut. Nur die Raben flogen in Schwärmen in langen Wellenlinien über den Himmel hin, vergeblich nach Nahrung spähend, und ließen sich in Schwärmen auf den öden Feldern nieder, um mit ihren großen Schnäbeln im Schnee herum zu picken.

Man hörte nur das fortwährend unbestimmte leichte Geräusch des unausgesetzt niederrieselnden Schneestaubes.

Das dauerte volle acht Tage. Dann hörte der Schneefall auf. Auf der Erde lag eine dichte Decke fünf Fuß hoch.

Und drei Wochen lang war der Himmel krystallklar blau während des Tages, des Nachts aber sternenbesät, wie mit Reif überzogen, so hart und scharf leuchtete die Weite über dem glitzernden festen einförmigen Teppich von Schnee.

Die Ebene, die Hecken, die umgrenzenden Ulmenstämme, alles lag wie tot da, von der Kälte wie erschlagen. Weder Tier noch Mensch wagte sich mehr heraus. Nur die Schornsteine der weiß überzogenen Häuser verrieten noch verborgenes Leben durch dünne Rauchstreifen, die senkrecht in die eisige Luft stiegen.

Ab und zu hörte man die Bäume krachen, als ob ihre Zweige geborsten wären unter der Rinde und hier und da löste sich ein großer Ast ab und fiel nieder. Die grausige Kälte hatte den Saft erstarren gemacht und die Fasern gebrochen.

Es war, als ob die menschlichen Behausungen, die in den Feldern zerstreut lagen, Hunderte von Meilen von einander entfernt lagen. Man lebte wie man konnte. Nur ich versuchte es, meine nächsten Kranken aufzusuchen unter steter Gefahr, in irgend einem Loch mein Grab zu finden.

Bald bemerkte ich, daß eine wunderliche Angst über dem Lande lag. Bei einer solchen Gottesgeißel, meinte man, könnte es nicht mit rechten Dingen zugehn. Man behauptete, in der Nacht Stimmen gehört zu haben, scharfe Pfiffe und einen flüchtigen Schrei.

Diese Schreie und diese Pfiffe kamen ohne Zweifel von den Zugvögeln, die in der Dämmerung ihre Reise antraten und die in Massen nach Süden flohen. Aber wie sollen Leute, die aus der gewöhnlichen Bahn geworfen sind, Vernunft annehmen. Ein allgemeines Entsetzen hatte sich der Menschen bemächtigt. Sie erwarteten irgend eine außergewöhnliche Erscheinung.

Die Schmiede vom alten Vatinel lag am Ausgange des Dörfchens Épivent an der großen Straße, die nun, unter dem Schnee vergraben, nicht mehr zu erkennen war. Da es anfing, den Leuten an Brot zu fehlen, beschloß der Schmied, bis ins Dorf zu gehen. Er blieb ein paar Stunden in den sechs Häusern, die in der Mitte zusammen lagen, schwatzte, besorgte sein Brot, hörte Neuigkeiten und vernahm etwas von jener Furcht, die in der ganzen Gegend verbreitet war.

Ehe es Nacht ward, machte er sich auf den Heimweg.

Als er längs einer Hecke ging, meinte er plötzlich ein Ei auf dem Schnee liegen zu sehen. Ja, ein Ei, schneeweiß wie die ganze Umgebung. Er bückte sich. Es war richtig ein Ei. Wo kam das her? Welche Henne konnte aus dem Hühnerstall geflattert sein, um an diesem Orte ihr Ei zu legen? Der Schmied war erstaunt und begriff die Sache nicht, aber er hob das Ei auf und brachte es seiner Frau mit.

– Alte, da haste 'n Ei, das ich uf der Landstraße gefunden habe.

Die Frau schüttelte den Kopf:

– 'n Ei uf der Landstraße, bei dem Wetter? Du hast wohl eens hinter die Binde gegossen?

– Aber nee, Alte, 's lag gerade an der Hecke und noch ganz warm warsch und gefroren ooch nich. Da ist es. Ich habe mir's in die Tasche gesteckt, daß es nich kalt wird. Das kannst Du zu Deinem Abendessen verspeisen.

Das Ei wurde in den Topf gethan, wo die Suppe brodelte, und der Schmied erzählte, welches Gerücht in der Gegend umging.

Die Frau war ganz bleich geworden bei seinen Worten:

– Ich habe ooch vorigte Nacht Pfiffe geheert! Aus den Schornsteinen sind sie gekommen.

Man setzte sich zu Tisch und aß zuerst die Suppe, dann nahm die Frau, während der Mann sein Butterbrot strich, das Ei und sah es mißtrauisch an:

– Wenn nu was drinne steckt in dem Ei?

– Was soll denn da drinne sind?

– Das weeß ich doch nicht!

– Eh! Friß und mach keinen Salat!

Sie schlug das Ei auf. Es war wie alle anderen Eier und ganz frisch.

Zögernd fing sie an zu essen, kostete, ließ es wieder liegen und kostete von neuem. Der Mann fragte:

– Nu Alte, wie schmeckt denn Dei Ei?

Sie antwortete nicht und würgte es ganz hinunter. Aber plötzlich richtete sie auf ihren Mann starre, scheue, verstörte Blicke, hob die Arme, rang die Hände, und Zuckungen überliefen sie von Kopf zu Fuß. Dann fiel sie zu Boden und stieß ein fürchterliches Geschrei aus.

Die ganze Nacht hindurch hatte sie entsetzliche Schmerzen und ward von schrecklichen Krämpfen geschüttelt. Der Schmied konnte sie nicht mehr halten und mußte sie binden.

Und sie heulte ununterbrochen mit nicht müde werdender Summe:

– Ich hab's im Bauche, ich hab's im Bauche!

Am andern Morgen wurde ich gerufen. Ich verordnete alle bekannten beruhigenden Mittel, ohne den geringsten Erfolg. Sie war verrückt.

Da verbreitete sich mit unglaublicher Geschwindigkeit trotz des hohen Schnees von Gehöft zu Gehöft die seltsame Kunde: »In den Schmied seine Frau ist der Teufel gefahren.«

Und man kam von allen Seiten, aber niemand wagte in das Haus zu gehen. Man lauschte von weitem auf das furchtbare Geschrei, das so durchdringend klang, daß man gar nicht verstand, wie es von einem Menschen herrühren konnte.

Der Pfarrer des Dorfes ward davon in Kenntnis gesetzt. Es war ein alter, einfacher Geistlicher. Er lief sofort in Stola und Röckl herbei, als wolle er einem Sterbenden die letzten Sakramente reichen. Er streckte die Hände aus und sprach eine Teufelsbeschwörung, während vier Männer die Frau, die sich, Schaum vor dem Munde, unter ihren Händen wand, auf dem Bett festhielten.

Aber der böse Geist wollte nicht weichen.

Und Weihnachten nahte, ohne daß es anderes Wetter geworden wäre.

Am Tage vorher kam früh der Priester zu mir und sprach:

– Ich möchte die Unglückliche gern diese Nacht dem Gottesdienste beiwohnen lassen. Vielleicht thut Gott ein Wunder an ihr in der Stunde, wo er vom Weibe geboren ward.

Ich antwortete dem Pfarrer:

– Ich stimme Ihnen durchaus bei, Herr Pfarrer, wenn sie durch die heilige Handlung ergriffen wird (und nichts kann auf sie günstiger einwirken), so wird ihr vielleicht ohne ein anderes Mittel geholfen.

Der alte Priester murmelte:

– Herr Doktor, Sie sind zwar nicht gläubig, aber Sie helfen mir doch, nicht wahr? Wollen Sie sie zu mir bringen?

Ich sagte ihm meinen Beistand zu.

Der Abend kam, dann ward es Nacht; die Glocke der Kirche fing an zu läuten und ließ ihre klagende Stimme fernhin durch die Nacht über die weiße, eisige, schneebedeckte Weite erklingen.

Schwarze Gestalten kamen langsam, gruppenweise, dem ehernen Rufe der Glocke folgend, herbei. Der Vollmond beleuchtete mit hellem, fahlem Glanze den ganzen Himmel und ließ die bleiche Öde der Felder noch mehr erkennen.

Ich hatte vier kräftige Männer mitgenommen und ging zur Schmiede.

Die Verhexte lag gebunden auf ihrem Bett und schrie fortwährend. Man zog ihr andere Kleider an trotz ihres verzweifelten Widerstandes und trug sie davon.

Die Kirche war ganz gefüllt, erleuchtet und kalt. Der Kirchenchor sang seine monotonen Weisen, das Serpent brummte, das Glöckchen der Chorknaben bimmelte.

Ich schloß die Frau mit ihren Wächtern in der Küche des Pfarrhauses ein und wartete auf den Moment, der mir günstig schien.

Ich nahm den Augenblick nach dem Abendmahl wahr. Alle Bauern, Männer wie Frauen, hatten den Leib und das Blut des Herrn, um seiner Gnade teilhaftig zu werden, empfangen. Während der Priester das göttliche Mysterium zu Ende führte, herrschte lautlose Stille.

Auf meinen Befehl ward die Thür geöffnet und meine vier Helfershelfer brachten die Verrückte herein.

Sobald sie die Lichter sah, die knieende Menge, den erleuchteten Chor und das vergoldete Tabernakel, wehrte sie sich mit solcher Gewalt, daß sie uns beinahe entsprungen wäre. Dabei schrie sie so laut auf, daß ein Schauer des Entsetzens über die Gemeinde lief. Alles hob den Kopf, einzelne flohen.

Wie sie so mit verzerrtem Gesicht und verstört blickenden Augen, unter unseren Händen sich krümmend, lag, sah sie gar nicht mehr einem menschlichen Wesen ähnlich.

Man schleppte sie bis an die Stufen des Chors, dann hielt man sie am Boden fest.

Der Priester war aufgestanden und wartete. Sobald sie hielten, nahm er die goldglänzende Monstranz mit der weißen Hostie in der Mitte in seine Hand, ging ein paar Schritte vor, hob sie mit beiden Armen über den Kopf, und hielt sie der Besessenen vor die irren Augen.

Sie schrie noch immer und starrte unverwandt auf den blitzenden Gegenstand.

Der Priester blieb so unbeweglich stehen wie eine Bildsäule, lange Zeit, lange Zeit.

Es war, als ob die Frau von Furcht gepackt würde, sie sah starr auf die Monstranz. Noch immer überliefen sie Zuckungen, aber schon seltener. Sie schrie zwar noch, aber weniger grell.

Wieder verstrich lange Zeit.

Sie schien die Augen nicht mehr niederschlagen zu können, die gebannt auf die Hostie geheftet blieben, sie stöhnte nur noch und ihr starrer Leib wurde weich und schlaff und sank in sich zusammen.

Die Menge hatte sich auf die Kniee geworfen, die Stirn am Boden.

Endlich schloß und öffnete die Besessene schnell hintereinander die Augen, wie geblendet durch den Anblick. Sie schwieg. Und plötzlich sah ich, daß ihre Augen geschlossen blieben. Sie schlief den Schlaf der Nachtwandler und Hypnotisierten.

Ich bitte um Verzeihung, ich meine natürlich, das fortwährende Anschauen der goldleuchtenden Monstranz hatte sie überwunden, der triumphierende Christus sie niedergeworfen.

Während der Priester wieder zum Altar hinaufstieg, trug man sie davon. Sie rührte sich nicht. Die erschütterte Gemeinde stimmte ein Danktedeum an.

Und die Frau des Schmiedes schlief vierzig Stunden hinter einander und wachte dann auf, ohne irgend welche Erinnerung weder daran, daß sie besessen gewesen, noch an ihre Heilung.

Meine Damen, das war mein Wunder.


Doktor Bonenfant schwieg, dann fügte er etwas ärgerlich hinzu:

– Ich habe die Sache sogar schriftlich bestätigen müssen.

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