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Mondschein

Guy de Maupassant: Mondschein - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMondschein
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume5
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc3622c14
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Das Kind

Jacques Bourdillère hatte immer geschworen, daß er niemals heiraten würde. Plötzlich ward er anderer Ansicht. Und das war ihm ganz unerwartet passiert eines Sommers im Seebade.

Als er eines Morgens am Strande lag und die Damen beobachtete, wie sie aus dem Wasser stiegen, war ihm ein kleiner Fuß wegen seiner hübschen Form und Zierlichkeit aufgefallen. Da hatte er näher hingesehen und nun berückte ihn die ganze Person. Übrigens erblickte er von dieser ganzen Person nichts weiter als die Knöchel und den Kopf, der aus einem sorgfältig zugehaltenen Bademantel von weißem Flanell ragte. Der junge Mann galt für sinnlich und für einen Frauenkenner. So ist es natürlich, daß zuerst nur die äußeren Reize auf ihn Eindruck machten. Bald aber fesselte ihn der Liebreiz dieses sanften Mädchencharakters. Sie war einfach, wohlerzogen, unverdorben und rein wie ihre frischen Wangen und Lippen.

Er machte die Bekanntschaft ihrer Familie, gefiel und war bald rasend verliebt. Wenn er Bertha Lannis von weitem sah, durchbebte es ihn förmlich. An ihrer Seite wurde er stumm, unfähig etwas zu sagen oder zu denken. So groß war die Bewegung in seinem Herzen. Es summte ihm in den Ohren und er fühlte sich wie verstört. War das die Liebe? Er wußte es nicht; er verstand es nicht. Aber er war jedenfalls entschlossen, das junge Ding zu seiner Frau zu machen.

Die Eltem zögerten lange, wegen des schlechten Rufes, in dem der junge Mann stand. Man sagte, er hätte ein altes Verhältnis, eine jener ewigen Ketten die man zerbrochen zu haben glaubt und die doch immer noch halten.

Außerdem hatte er, bald länger bald kürzer, alle Frauen geliebt, die ihm in den Weg gelaufen.

Nun machte er aber einen Strich darunter und wollte sogar das Mädchen, mit dem er so lange gelebt, kein einziges Mal mehr wieder sehen. Ein Freund von ihm brachte ihre Verhältnisse in Ordnung und es ward ihr eine jährliche Abstandsumme ausgesetzt. Jacques bezahlte, aber wollte nie wieder von ihr sprechen hören, sie von jetzt ab vollständig vergessen, selbst ihren Namen. Sie schrieb ihm fortwährend Briefe, er öffnete sie nicht. Jede Woche erkannte er die ungeschickte Handschrift der Verlassenen und jede Woche ward seine Wut gegen sie größer, und er zerriß Umschlag und Papier, ohne auch nur eine Zeile zu lesen. Er wußte ja vorher, daß nur Vorwürfe und Klagen darin standen.

Da man an seiner Charakterfestigkeit zweifelte, bestimmte man den ganzen Winter als Probezeit, und erst im Frühjahr wurde seine Werbung angenommen.

Die Hochzeit fand in Paris in den ersten Maitagen statt.

Sie waren überein gekommen, keine jener üblichen Hochzeitsreisen zu machen. Es sollte im Hause ein kleiner Ball stattfinden, ein Lämmerhüpfen, das jedoch nicht länger als bis elf Uhr dauern sollte, um die Anstrengungen dieses langen Hochzeitstages nicht zu sehr auszudehnen. Das junge Paar sollte die erste gemeinsame Nacht im Hause der Braut verbringen und dann am anderen Morgen allein an die Küste abreisen, die ihren Herzen teuer geworden, wo sie sich kennen und lieben gelernt.

Die Nacht war gekommen und man tanzte im großen Saal. Die beiden hatten sich in ein kleines japanisches Boudoir zurückgezogen, das ganz mit leuchtender Seide bespannt war und diesen Abend nur erhellt wurde durch die matten Strahlen einer großen farbigen Ampel, die wie eine Riesenkugel an der Decke hing. Ab und zu strömte ein frischer Windhauch durch das halb offene Fenster herein, denn der Abend war mild und lau, voller Frühlingsdüfte.

Sie sprachen nicht, sie hielten sich bei den Händen und drückten sie ab und zu mit aller Kraft. Sie war ein wenig verwirrt durch diese große Änderung in ihrem Leben, aber sie lächelte und manchmal wurde ihr ganz schwach vor Wonne, denn ihr schien durch ihre Heirat die ganze Welt verändert. Ihr war ein wenig bange, sie wußte nicht wovor, und Leib und Seele erfüllte eine unsägliche süße Müdigkeit.

Er sah sie unverwandt an mit stetem Lächeln. Er wollte sprechen, aber er fand keine Worte und schwieg. Nur der Druck seiner Hände redete. Ab und zu murmelte er: »Bertha.« Und jedesmal hob sie die Augen zu ihm und sah ihn mit einem süßen zärtlichen Blick an. Sie schauten sich eine Sekunde in die Augen und dann senkte sie wieder unter seinem Blicke die Lider.

Sie hatten sich nichts zu sagen. Man ließ sie allein, aber ab und zu warf ein Paar, das aus dem Ballsaale vorüber kam, einen Blick auf die beiden, so verstohlen als würde es damit heimlicher Zeuge eines Geheimnisses.

Eine Seitenthür öffnete sich, ein Diener trat ein, der auf einem Tablett einen Eilbrief überreichte, den soeben ein Dienstmann gebracht. Jacques nahm zitternd das Papier in die Hand und eine plötzliche unbestimmte Angst überfiel ihn, eine Angst wie vor einem jähen Unglück.

Er sah den Umschlag lange an, dessen Handschrift er nicht kannte, und wagte nicht zu öffnen. Er hatte nur einen Wunsch: nichts zu lesen, nichts zu wissen, den Brief einfach in die Tasche zu stecken und sich zu sagen: »Morgen. Dann bin ich weit, und mir kann alles egal sein.« Aber ihm fielen zwei Worte in der Ecke des Briefes in die Augen, bannten seine Blicke und flößten ihm Entsetzen ein. Dort stand unterstrichen: ›sehr dringend‹. Er fragte:

– Erlaubst Du, Liebchen?

Dann riß er den Umschlag auf und las. Er las, erbleichte jäh und überflog den Brief noch einmal langsam, als buchstabierte er jede Zeile. Als er den Kopf hob, malte sich Schrecken auf seinem Gesichte und er stammelte:

– Liebe Kleine, meinem besten Freunde ist ein großes, sehr großes Unglück passiert! Er braucht mich sofort, sofort, es handelt sich um Leben und Tod. Erlaubst Du mir, daß ich auf zwanzig Minuten fortgehe. Ich komme bald wieder.

Sie stammelte zitternd und ganz erschrocken:

– Geh' lieber Jacques.

Sie fühlte sich noch nicht Frau genug, um es zu wagen, ihn zu fragen und eine Antwort zu verlangen. Er entfernte sich. Sie blieb allein und hörte, wie sie im Saale tanzten.

Er hatte den ersten besten Hut genommen, irgend einen Überzieher angezogen und stürmte die Treppe hinab. Ehe er auf die Straße trat blieb er noch einen Augenblick unter einer Gasflamme im Hausflur stehen und las den Brief von neuem. Er lautete:

»Sehr geehrter Herr! Ein Fräulein Ravet, Ihre einstige Geliebte, wie ich glaube, ist soeben von einem Kinde entbunden worden. Sie behauptet, daß Sie der Vater sind. Die junge Mutter liegt im Sterben und fleht Sie an, sie noch einmal zu besuchen. Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen zu schreiben und Sie zu bitten, diesem Mädchen, das sehr unglücklich zu sein scheint und Ihr Mitleid wohl verdient, diese letzte Bitte nicht abzuschlagen.

Ergebenst
Dr. Bonnard.

Als er in das Zimmer der Sterbenden trat, lag sie bereits in den letzten Zügen. Zuerst erkannte er sie kaum wieder. Der Arzt und zwei Wärterinnen waren bei ihr und überall standen Eimer mit Eis umher und lag blutbefleckte Wäsche.

Eine Wasserlache stand auf dem Parkett. Zwei Lichter brannten auf dem Tisch und hinter dem Bett schrie in einer kleinen Korbwiege das Kind, und bei jedem dieser Laute versuchte die Mutter schmerzgepeinigt eine Bewegung zu machen, während sie in Folge der Eisumschläge der Frost schüttelte und sie unter den kalten Umschlägen zitterte.

Sie verblutete sich, durch diese Entbindung zu Tode verletzt. Ihr Leben strömte dahin. Trotz des Eises, trotz aller Pflege dauerte diese nicht zu hemmende Blutung fort und beschleunigte ihre letzte Stunde.

Sie erkannte Jacques und wollte die Arme erheben. Sie konnte es nicht, so schwach war sie geworden, aber von ihren bleichen Wangen rannen langsam Thränen herab. Er kniete nieder neben dem Bette, griff nach ihrer herabhängenden Hand und bedeckte sie mit heißen Küssen. Dann kam er allmählich näher, ganz nahe an das magere Antlitz heran, das bei seiner Berührung zitterte. Eine Wärterin stand da mit einem Licht in der Hand um zu leuchten. Und der Arzt, der zurückgetreten, sah von einer Ecke des Zimmers aus zu.

Da sagte sie atemlos mit schwacher Stimme:

– Mein Liebling, ich sterbe. Versprich mir, bis zum Ende bei mir zu bleiben. O, verlaß mich jetzt nicht, verlaß mich nicht im letzten Augenblick!

Er küßte sie auf die Stirn, auf das Haar und schluchzte. Er murmelte:

– Sei ruhig, ich bleibe bei Dir.

Es dauerte einige Minuten, bis sie wieder sprechen konnte, so schwach und matt war sie. Dann fing sie wieder an:

– Das Kind ist Deins, das schwöre ich Dir vor Gott. Ich schwöre es bei meiner ewigen Seligkeit. Ich schwöre es Dir im Augenblick des Todes. Ich habe keinen anderen Mann geliebt als Dich. Versprich mir, es nicht zu verlassen.

Da versuchte er noch einmal, diesen armen, elenden, blutlosen, zerrissenen Leib in die Arme zu nehmen; er stammelte und aus seiner Stimme klangen Gewissensbisse und Kummer:

– Ich schwöre es Dir, ich werde es aufziehen und lieb haben. Es wird mich nie verlassen.

Da versuchte sie Jacques zu küssen. Aber sie konnte ihren müden Kopf nicht mehr heben und hielt ihm nur die bleichen Lippen verlangend entgegen. Er näherte sich ihrem Munde, um diese kläglichen, bittenden Zärtlichkeiten zu empfangen.

Da murmelte sie ein wenig beruhigt:

– Bringe es her, damit ich sehe, ob Du es lieb hast.

Und er ging hin, das Kind zu holen. Er legte es leise auf das Bett zwischen sich und sie, und das kleine Wesen hörte auf zu weinen. Sie murmelte:

– Nun bleibe ganz still.

Und er bewegte sich nicht mehr. Er blieb so und hielt in seiner Hand ihre Hand, durch die die Schauer des Todes liefen, genau so, wie er vorhin noch eine andere Hand in der seinen gehalten, die in Liebe zitterte. Ab und zu sah er nach der Uhr. Mit stachligem Blick beobachtete er den Zeiger, der auf Mitternacht stand. Dann wurde es ein Uhr, dann zwei.

Der Arzt hatte sich zurückgezogen. Die beiden Wärterinnen waren mit leisen Schritten ein paar Mal hin und her gegangen im Zimmer. Nun schlummerten sie auf ihren Stühlen. Das Kind schlief und die Mutter schien sich mit geschlossenen Augen gleichfalls auszuruhen.

Plötzlich, als der fahle Tag durch die Vorhänge brach, streckte sie mit hastiger Bewegung die Arme aus, so heftig, daß das Kind beinahe zu Boden gefallen wäre. Ein Röcheln kam aus ihrer Kehle. Dann blieb sie unbeweglich auf dem Rücken liegen. Sie war tot.

Die Wärterinnen eilten herbei und erklärten: es ist aus.

Noch ein letztes Mal betrachtete er dieses Weib, das er so geliebt. Dann blickte er auf die Uhr, die die vierte Stunde zeigte, und entfloh, seinen Überzieher zurücklassend, im Frack, das Kind im Arm.

Die junge Frau hatte, nachdem er sie verlassen, zuerst ganz still im kleinen japanischen Boudoir gewartet. Als sie ihn dann nicht wieder erscheinen sah, war sie in den Salon zurückgegangen mit gleichgültiger Miene, äußerlich ganz ruhig, aber innerlich furchtbar erregt. Als ihre Mutter sie allein sah, hatte sie gefragt:

– Wo ist denn Dein Mann? Und sie hatte geantwortet:

– In seinem Zimmer, er wird gleich wiederkommen.

Als sie nach einer Stunde alle Welt fragte, sprach sie von dem Brief und von Jacques' entsetztem Gesicht und gab ihrer Befürchtung, es sei ihm ein Unglück zugestoßen, Ausdruck.

Man wartete noch immer. Die Gäste gingen, nur die nächsten Verwandten blieben. Um Mitternacht brachte man die weinende junge Frau zu Bett, und die Mutter und zwei Tanten, die an ihrem Bett in stummer Verzweiflung saßen, hörten sie schluchzen. Der Vater war auf die Polizei gegangen, um Nachforschungen anstellen zu lassen.

Um fünf Uhr hörte man Lärm auf dem Korridor. Eine Thüre ging auf und ward wieder vorsichtig geschlossen. Dann klang plötzlich ein leiser Schrei, wie das Miauen eines Kätzchens, durch die Stille des Hauses.

Sofort sprangen die Frauen auf, Bertha zuerst, trotz Anwesenheit ihrer Mutter und ihrer Tanten, im Schlafrock wie sie war.

Jacques stand mitten im Zimmer, bleich atemlos, ein Kind in den Armen.

Die vier Frauen sahen ihn erschrocken an. Aber Bertha, die in ihrer Angst und Verzweiflung plötzlich den Mut wieder gefunden, lief auf ihn zu:

– Was ist denn? Was ist denn? Sprich!

Er sah aus wie ein Wahnsinniger und antwortete mit gebrochener Stimme:

– Es ist – es ist – ich habe ein Kind – und die Mutter ist eben gestorben.

Und mit ausgestreckten Händen hielt er das weinende Kindchen ihr entgegen.

Bertha nahm ohne ein Wort zu sprechen, das Kind, küßte es, preßte es an sich, dann blickte sie ihren Mann mit thränenden Augen an:

– Du sagst, daß die Mutter tot ist?

Er antwortete:

– Ja, eben ist sie in meinen Armen gestorben. Seit dem Sommer hatte ich mit ihr gebrochen. Ich wußte gar nichts davon. Der Arzt hat mich kommen lassen.

Da murmelte Bertha:

– Nun, so wollen wir das Kind erziehen.

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