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Mondschein

Guy de Maupassant: Mondschein - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMondschein
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume5
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc3622c14
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Ein Staatsstreich

In Paris war eben der Fall von Sedan bekannt geworden. Die Republik war proklamiert, und jener Wahnsinn brach aus, unter dem ganz Frankreich bis über die Tage der Kommune hinaus stöhnen sollte. Im ganzen Lande spielte man Soldat.

Ehrsame Strumpfwirker wurden Oberste und thaten Generalsdienste. Revolver und Dolch steckten im roten Gürtel über dicken Philisterbäuchen. Kleine Bürger waren plötzlich Krieger geworden, kommandierten Bataillone freiwilliger Schreier und fluchten wie Fuhrleute, um sich ein Ansehen zu geben.

Die Thatsache allein, eine Waffe zu besitzen und mit einem Gewehre umgehen zu können, machte diese Leute, die sich bis dahin um nichts gesorgt als um ihre Bilanzen, ganz verrückt und gab ihnen ohne jeglichen Grund ein fürchterliches Aussehen für jeden, der sie erblickte. Unschuldige wurden verurteilt, um zu beweisen, daß man töten könne. Man lief durch die Gegenden, wo sich noch kein Preuße gezeigt, schoß die Hunde nieder, die friedlich weidenden Kühe und kranke Pferde, die auf der Weide grasten.

Jeder meinte sich in diesen Tagen zu großer militärischer Laufbahn bestimmt. Die Wirtshäuser der kleinsten Dörfer, die von allerlei uniformierten Geschäftsleuten wimmelten, hatten das Aussehen von Kasernen oder Lazaretten bekommen.

Der Ort Canneville hatte noch keine Nachrichten von der Armee und aus der Hauptstadt erhalten. Aber seit einem Monat herrschte große Aufregung und zwei feindliche Parteien standen einander gegenüber.

Der Bürgermeister Vicomte de Varnetot, ein kleiner magerer, älterer Herr, der, bisher Legitimist, sich erst seit Kurzem aus Ehrgeiz dem Kaiserreich wieder angeschlossen, hatte plötzlich einen entschiedenen Gegner bekommen in der Person des Doktor Massarel, eines dicken sanguinischen Mannes, der das Oberhaupt der republikanischen Partei im Arrondissement war. Dazu war er Meister vom Stuhl der Freimauer-Loge des Hauptortes, Präsident der landwirtschaftlichen Gesellschaft und der freiwilligen Feuerwehr. Dazu Organisator der Landmiliz, die das Vaterland retten sollte.

Im Laufe von vierzehn Tagen war es ihm gelungen, dreiundsechzig Freiwillige für die Verteidigung des Vaterlandes zu gewinnen. Es waren alles verheiratete Leute und Familienväter, verständige Bauern und Kaufleute aus dem Ort. Jeden Morgen exerzierte er sie auf dem Platze vor dem Rathause.

Wenn der Bürgermeister sich zufällig dem Rathause näherte, ließ Oberst Massarel, der ganz bespickt war mit Pistolen und stolz, den Säbel in der Faust, vor der Front seiner Truppe stand, seine Soldaten brüllen: »Es lebe das Vaterland!« Man hatte bemerkt, daß dieser Ruf den kleinen Vicomte ärgerte. Er sah darin ohne Zweifel eine Drohung, eine Herausforderung und zu gleicher Zeit eine hassenswerte Erinnerung an die große Revolution.

Am Morgen des fünften September hielt der Doktor in Uniform, den Revolver auf den Tische, seine Sprechstunde ab. Ein altes Bauernpaar war gerade zur Konsultation erschienen. Der Mann litt seit sieben Jahren an Krampfadern und hatte solange gezögert einen Arzt zu befragen, bis seine Frau auch welche bekommen hatte. Da brachte der Briefträger die Zeitung.

Herr Massarel öffnete sie, erbleichte, richtete sich plötzlich auf und hob in überspannter Weise die Arme gen Himmel, während er die beiden Landleute mit lauter Summe anbrüllte:

– Es lebe die Republik! Es lebe die Republik! Es lebe die Republik!

Dann fiel er in seinen Stuhl zurück, ganz schwach vor Bewegung. Und wie der alte Bauer fortfuhr:

– Es fing an mit Ameisenloofen sozusagen die Beene runter!, rief Doktor Massarel:

– Lassen Sie mich in Frieden, ich habe keine Zeit mich um Ihre Dummheiten zu kümmern. Die Republik ist proklamiert. Der Kaiser ist gefangen, Frankreich ist gerettet! Es lebe die Republik!

Dann lief er zur Thür und schrie:

– Coelestine, schnell, Coelestine!

Das Mädchen kam mit entsetztem Ausdruck gerannt, und er stotterte, so rasend schnell sprach er:

– Meine Stiefel, meinen Säbel, meine Patrontasche und den spanischen Dolch, der auf dem Nachttisch liegt, aber schnell!

Als der dickköpfige Bauer den Augenblick des Schweigens benutzte, und fortfuhr:

– Dann ist's ganz dicke gewurden, wie 'n paar Taschen, die mir beim Gehen weh dhun!, – heulte der Arzt verzweifelt:

– Himmel Sakrament! Lassen Sie mich doch zufrieden! Wenn Sie sich die Füße gewaschen hätten, wär 's nicht vorgekommen.

Dann packte er ihn beim Kragen und schrie ihn an:

– Weißt Du nicht, daß wir jetzt in der Republik leben, Du dreifacher Horn-Ochse?

Aber der Gedanke an die Würde seines Berufes brachte ihn wieder zur Ruhe, und er drängte das bestürzte Ehepaar zur Thür hinaus, während er wiederholte:

– Kommt morgen wieder, guten Leute. Heute habe ich keine Zeit.

Während er sich bis an die Zähne bewaffnete, gab er dem Mädchen wiederum eine Reihe von dringenden Aufträgen:

– Lauf mal schnell zu Leutnant Picart und zu Unterleutnant Pommel und sag ihnen, daß ich sie sofort hier erwarte. Dann schick mir mal gleich Torchebeuf her mit seiner Trommel, aber schnell, schnell!

Und als Coelestine hinausgegangen war, sammelte er sich ein wenig und bereitete sich vor, die Schwierigleiten der Lage zu überwinden.

Die drei Leute trafen zusammen ein in ihren Arbeitsröcken. Der Oberst, der darauf gerechnet hatte, sie in Uniform zu sehen, bekam einen furchtbaren Schrecken:

– Sakrament, wißt ihr denn noch nichts? Der Kaiser ist gefangen! Die Republik ist proklamiert. Jetzt heißt's handeln. Meine Stellung ist schwierig, ich kann sogar sagen gefährlich.

Seine Untergebenen machten ganz erschrockene Gesichter. Er dachte einen Augenblick nach. Dann begann er von neuem:

– Jetzt heißt es handeln und nicht zögern. Minuten bedeuten in solchen Augenblicken Stunden. Alles hängt von der Schnelligkeit des Entschlusses ab. Sie, Picart, gehen sofort zum Herrn Pfarrer und fordern ihn auf, die Sturmglocke läuten zu lassen, damit der ganze Ort zusammenströmt.

– Sie, Torchebeuf, schlagen Generalmarsch in der ganzen Gemeinde bis draußen zu den Höfen von Gerisaie und Salmare, damit die Miliz auf dem Markte unter Waffen tritt. Sie, Pommel, ziehen sofort Ihre Uniform an, nur Rock und Käppi und wir werden zusammen das Rathaus besetzen und Herrn de Varnetot zwingen, mir die Zügel der Regierung zu überlassen! Verstanden?

– Ja.

– Also, nun los und schnell. Pommel, ich begleite Sie bis nach Hause, weil wir zusammen handeln müssen.

Fünf Minuten später erschienen der Oberst und sein Untergebener, bis an die Zähne bewaffnet, auf dem Markte gerade in dem Augenblick, als der kleine Vicomte de Varnetot mit eiligen Schritten von der anderen Seite der Straße kam. Er trug Jagdgamaschen und das Gewehr über der Schulter. Drei Jäger in grünen Anzügen, den Hirschfänger an der Seite, das Gewehr geschultert, folgten ihm.

Während der Doktor ganz erstaunt stehen blieb, drangen die vier Männer in das Rathaus, dessen Thür sich hinter ihnen schloß.

– Sie sind uns zuvorgekommen, murmelte der Arzt. – Jetzt müssen wir auf Verstärkung warten; für den Augenblick ist nichts zu machen.

Leutnant Picart erschien und meldete:

– Der Pfarrer hat sich geweigert, zu gehorchen. Er hat sich sogar mit dem Kirchendiener und dem Schweizer in die Kirche eingeschlossen.

Auf der anderen Seite des Platzes, dem weiß getünchten Rathause gegenüber lag die Kirche stumm und schwarz mit ihrem riesigen eisenbeschlagenen Eichenthor.

Als nun die Einwohner neugierig den Kopf zum Fenster hinaussteckten oder auf der Schwelle ihrer Häuser erschienen, klang plötzlich ein Trommelwirbel und Torchebeuf kam daher, wie verrückt die drei Wirbel des Generalmarsches schlagend. Im Laufschritt lief er über den Platz und verschwand im Feldwege.

Der Oberst zog seinen Säbel und trat allein vor, etwa in die Mitte zwischen die beiden Gebäude, in denen sich der Feind verbarrikadiert hatte. Dann schwang er seine Waffe über dem Kopf und brüllte mit aller Kraft seiner Lungen:

– Es lebe die Republik! Tod allen Verrätern!

Darauf zog er sich zu seinen Offizieren zurück.

Der Fleischer, der Bäcker und der Apotheker schlossen ängstlich ihre Fensterläden. Nur der Materialwarenhändler behielt offen. Während dessen kam allmählich die Miliz an. Die Leute waren ganz verschieden angezogen, nur trugen alle ein schwarzes Käppi mit rotem Streifen; darin bestand die ganze Uniform des Corps. Bewaffnet waren sie mit ihren alten verrosteten Gewehren, die seit dreißig Jahren in der Küche über dem Herd gehangen. Eigentlich machten sie den Eindruck einer Abteilung Feldhüter. Als der Oberst einige dreißig Leute um sich sah, setzte er sie mit ein paar Worten aufs Laufende. Dann wandte er sich zu seinem Stabe und sagte:

– Nun heißt's handeln.

Die Einwohner strömten zusammen und sahen sich neugierig um. Der Arzt hatte schnell seinen Feldzugsplan entworfen:

– Leutnant Picart, Sie werden jetzt ans Rathaus herangehen und Herrn de Varnetot auffordern, mir das Rathaus im Namen der Republik zu übergeben.

Aber der Leutnant, ein Maurermeister, weigerte sich:

– Das gloob' ich. Sie sind schlau. Damit sie mich anschießen! Wissen Sie, die da drin, die schießen famos. Machen Sie lieber die Geschichte selbst.

Der Oberst wurde rot:

– Ich befehle es Ihnen, hinzugehen, im Namen der Disciplin.

Aber der Leutnant verweigerte den Gehorsam:

– Warum soll ich mich denn totschießen lassen, ich weeß gar nicht warum.

Die Honoratioren, die ein Stück davon eine Gruppe gebildet hatten, fingen an zu lachen und einer rief:

– Picart, Du hast ganz recht. Das brauchste nich!

Da brummte der Doktor:

– Memmen!

Er übergab einem seiner Soldaten Säbel und Revolver und ging langsam, die Augen auf die Fenster geheftet, vor, indem er jeden Augenblick erwartete, einen Lauf auf sich gerichtet zu sehen.

Als er noch einige Schritte von dem Gebäude entfernt war, öffneten sich rechts und links die Flügelthüren der Schule. Und ein ganzer Schwarm Kinder, auf der einen Seite Jungen, auf der anderen Mädchen, strömte heraus und fing an, auf dem großen leeren Platz zu spielen und sich, kreischend wie eine Gänseherde, um den Doktor, der sich nun nicht mehr verständlich machen konnte, herumzujagen.

Sobald die letzten Schulkinder herausgekommen waren, schlossen sich hinter ihnen die beiden Thüren. Endlich verlief sich die Kinderschar und der Oberst rief mit lauter Stimme:

– Herr de Varnetot!

Im ersten Stock öffnete sich ein Fenster. Herr de Varnetot erschien. Der Oberst fuhr fort:

– Mein Herr, Sie kennen die großen Ereignisse, welche die Physiognomie der Regierung verändert haben. Die Regierung, die Sie vertraten, existiert nicht mehr. Diejenige, die ich vertrete, hat von der Macht Besitz ergriffen. Unter diesen, vielleicht schmerzhaften, aber zweifellos bestehenden Umständen fordere ich Sie im Namen der neuen Republik auf, Amt und Würden, die Ihnen von den bisherigen Machthabern übertragen worden waren, in meine Hände zu legen.

Herr de Varnetot antwortete:

– Herr Doktor, ich bin der Bürgermeister von Canneville, von der gesetzmäßigen öffentlichen Behörde ernannt, und ich werde Bürgermeister von Canneville solange bleiben, bis ich abberufen oder durch einen Befehl meiner Vorgesetzten ersetzt werde. In diesem Ort bin ich Bürgermeister und im Rathaus bin ich bei mir zu Haus und hier bleibe ich! Sie können ja versuchen, mich herauszuwerfen.

Und er schloß das Fenster.

Der Oberst ging zu seinen Leuten zurück. Aber ehe er sprach, sah er Leutnant Picart von oben bis unten verächtlich an:

– Sie alter Renommist! Sie Hasenfuß! Sie sind die Schmach der Armee. Ich degradiere Sie hiermit.

Der Leutnant antwortete:

– Das ist mir ganz wurscht!

Und er verschwand in der murmelnden Menge.

Da zögerte der Doktor ein wenig. Was thun? Angreifen? Aber würden seine Leute auch vorwärts gehen? Und dann, hatte er denn das Recht dazu?

Er verfiel auf eine Idee. Er lief zum Telegraphenamt, gerade gegenüber vom Rathaus, auf der anderen Seite des Platzes und sandte drei Depeschen ab:

»An die Herren Mitglieder der republikanischen Regierung zu Paris.«

»An den neuen republikanischen Herrn Präfekten des unteren Seine-Departements in Rouen.«

»An den neuen republikanischen Herrn Unterpräfekten in Dieppe.«

Er setzte die Lage auseinander, sprach von der Gefahr, in der die Gemeinde schwebte, dadurch, daß sie in den Händen des ehemaligen monarchistischen Bürgermeisters blieb, bot seine ergebenen Dienste an, bat um Befehle und unterschrieb, indem er hinter seinen Namen alle seine Titel setzte.

Dann stieß er wieder zu seiner Armee und zog zehn Franken mit den Worten aus der Tasche:

– Hier, lieben Freunde, geht essen und trinken. Nur eine Abteilung von zehn Mann bleibt hier als Wache, damit niemand das Rathaus verläßt.

Aber der Exleutnant Picart, der mit dem Uhrmacher schwatzte, hatte es gehört, lachte laut auf und sagte:

– Bei Gott, wenn sie herausgingen, da gäb's doch gerade Gelegenheit, herein zu kommen, sonst seh' ich euch noch nicht drin.

Der Doktor antwortete nicht und ging frühstücken.

Nachmittags stellte er Posten aus, um den ganzen Ort herum, als ob ein Überfall in Aussicht stünde. Er ging mehrmals am Rathaus und an der Kirche vorüber, ohne etwas Verdächtiges zu bemerken. Die beiden Gebäude lagen stumm da, als wären sie unbewohnt.

Der Fleischer, der Bäcker und der Apotheker öffneten wieder ihre Läden. Man schwatzte überall: wenn der Kaiser gefangen war, so war sicher irgend ein Verrat daran schuld. Man wußte nicht genau welche der Republiken eigentlich jetzt wieder gekommen sei.

Die Nacht brach herein.

Gegen neun Uhr näherte sich der Doktor ganz allein ohne Lärm dem Eingange des Rathauses. Er war fest überzeugt, daß sein Gegner nach Hause gegangen war, um zu schlafen. Aber wie er sich daran machte, das Thor mit ein paar Axthieben einzuschlagen, rief eine laute Stimme:

– Wer da?!

Und Herr Massarel riß aus, was er konnte.

Der Tag brach an ohne irgend eine Änderung in der Lage. Die Miliz stand noch immer auf dem Platz unter Waffen. Alle Einwohner hatten sich um die Truppe zusammengefunden, die Entscheidung erwartend. Die Leute aus den Nachbarorten waren auch gekommen und standen da und gafften.

Da begriff der Doktor, daß es sich jetzt um Ehre und Reputation handelte und beschloß der Geschichte auf diese oder jene Art ein Ende zu machen. Er mußte irgend einen Entschluß fassen und zwar einen energischen. Da ging die Thüre des Telegraphenamtes auf und das kleine Mädchen der Telegraphistin erschien, zwei Depeschen in der Hand.

Zuerst ging sie auf den Oberst zu und übergab ihm eins der Telegramme. Dann schritt sie mitten über den verödeten Platz, ganz verlegen, weil alle Leute sie anguckten, mit gesenktem Kopf dahintrippelnd und klopfte leise an dem verbarrikadierten Hause, als ob sie gar nicht gewußt hätte, daß dort eine bewaffnete Macht versteckt sei.

Die Thür öffnete sich ein wenig und eine Männerhand nahm das Telegramm in Empfang. Das Mädchen kehrte zurück, rot, nahe am Weinen, weil alle Welt sie so ansah. Der Doktor rief mit zitternder Stimme:

– Ich bitte um Ruhe!

Und da alles schwieg, begann er stolz:

– Ich habe eben die Antwort der Regierung bekommen!

Dann nahm er das Telegramm in die Hand und las vor:

Bisheriger Bürgermeister abgesetzt. Erledigen Sie das notwendigste. Weitere Nachrichten folgen.

Für den Unterpräfekten:
Sapin, Regierungsrat.

Er triumphierte. Hoch schlug vor Freude sein Herz. Seine Hände zitterten. Aber Picart, sein einstiger Untergebener, rief ihm aus der Menge zu:

– Das ist alles ganz gut; aber wenn die da drüben nicht 'rausgehen? Da wird Ihnen Ihr Papier viel nützen!

Herr Massarel erbleichte. In der That, wenn die anderen nicht freiwillig gingen, mußte er nun angreifen. Das war nicht nur sein Recht, sondern sogar seine Pflicht. Er sah ängstlich zum Rathause hinüber in der Hoffnung die Thüre würde sich endlich öffnen und sein Gegner sich zurückziehen.

Aber die Thür blieb geschlossen. Was thun? Die Menge wuchs und drängte sich um die Miliz, Man lachte.

Eine Überlegung vor allen beunruhigte den Arzt. Wenn er den Befehl zum Sturme gab, mußte er an der Spitze seiner Leute vorgehen. Und da mit seinem Tode alle weiteren Widerreden aufhörten, so war es ganz sicher, daß Herr de Varnetot und seine drei Leute nur auf ihn zielen würden! Und sie schossen gut, sehr gut. Picart hatte es eben noch mal gesagt. Aber ihm kam eine Erleuchtung. Und er wandte sich zu Pommel:

– Gehen Sie schnell zum Apotheker und bitten Sie ihn, mir einen Stock und ein Handtuch zu leihen.

Der Leutnant lief davon.

Er wollte eine Parlamentärflagge, eine weiße Flagge hissen, deren Anblick vielleicht dem legitimistischen Herzen des bisherigen Bürgermeisters wohlthun würde.

Pommel kam mit dem gewünschten Handtuch zurück und mit einem Besenstiel. Mit einem Endchen Bindfaden wurde die Fahne hergestellt, und Massarel nahm sie in beide Hände. Er ging von neuem gegen das Rathaus vor, indem er sie hoch hielt. Als er vor der Thüre stand, rief er wiederum:

– Herr de Varnetot.

Die Thür ging plötzlich auf und Herr de Varnetot erschien mit seinen drei Leuten auf der Schwelle.

Unwillkürlich wich der Doktor zurück, dann grüßte er höflich seinen Feind und sagte, während ihm vor Erregung beinahe die Stimme versagte:

– Mein Herr, ich komme, um Ihnen die Befehle mitzuteilen, die ich erhalten habe.

Der Edelmann antwortete, ohne seinen Gruß zu erwidern:

– Ich ziehe mich zurück. Aber daß Sie es nur wissen, weder aus Furcht noch um der hassenswerten Regierung, die sich die Gewalt anmaßt, zu gehorchen. Dann erklärte er, jedes Wort betonend:

– Ich will nicht, daß man sagt, ich hätte einen einzigen Tag unter der Republik gedient. Das ist mein Grund.

Massarel war erschrocken und antwortete nicht. Und Herr de Varnetot ging eilig davon und verschwand um die Ecke, seine drei Leute hinter ihm.

Da warf sich der Doktor stolz in die Brust, und ging auf die Zuschauer zu. Sobald er nahe genug stand, daß man ihn verstehen konnte, rief er:

– Hurrah! Hurrah! Die Republik siegt auf der ganzen Linie!

Kein Mensch rührte sich. Der Arzt begann von neuem:

– Das Volk ist frei! Ihr seid frei, unabhängig! Seid stolz darauf!

Die trägen Dorfleute blickten ihn an, ohne daß irgend ein Stolz aus ihren Augen geleuchtet hätte.

Er sah sie seinerseits an, empört über ihre Gleichgültigkeit. Er suchte nach Worten, nach irgend etwas ganz Besonderem, um die stumpfsinnige Menge aufzurütteln und seine Erlöser-Sendung zu erfüllen. Ein Gedanke kam ihm. Und er wandte sich wieder an Pommel:

– Leutnant, holen Sie die Büste des Exkaisers, die im Sitzungssaale aufgestellt ist und bringen Sie einen Stuhl mit.

Bald erschien der Mann wieder und trug auf der rechten Schulter den Napoleon aus Gips, in der linken Hand aber einen Rohrstuhl.

Massarel ging ihm entgegen, nahm den Stuhl, stellte ihn hin und setzte darauf die weiße Figur. Dann trat er ein paar Schritte zurück und hielt ihr mit laut schallender Stimme eine Rede:

- Tyrann! Tyrann! Du bist gestürzt! In den Schmutz gestürzt, in den Schlamm! Das sterbende Vaterland röchelt unter Deinem Fuße. Die Nemesis hat Dich getroffen. Niederlagen und Schmach haben sich an Deine Fersen geheftet! Du fällst als Besiegter, als Gefangener der Preußen! Und auf den Ruinen Deines zusammenstürzenden Reiches erhebt sich die junge strahlende Republik und nimmt Dein zerbrochenes Schwert wieder auf.

Er erwartete, daß man Beifall klatschen sollte. Kein Ruf ertönte, keine Hand rührte sich. Die erstaunten Bauern schwiegen. Und die Büste mit dem spitzen Schnurrbart, der auf beiden Seiten herausstand, die unbewegliche Büste, wohlgekämmt wie der Wachskopf in einem Friseurschaufenster, schien Herrn Massarel anzulachen mit einem spöttischen Zuge. So blieben sie einander gegenüber stehen, Napoleon auf seinem Stuhl, der Arzt drei Schritte von ihm. Eine fürchterliche Wut packte den Obersten. Aber was sollte er thun, um die Menge in Feuer zu bringen und endgültig für sich zu gewinnen?

Zufällig streifte seine Hand seinen Leib und er fühlte unter dem roten Gürtel den Kolben seines Revolvers.

Und da er keine andere Lösung mehr fand, zog er die Waffe, ging zwei Schritte vor und schoß den ehemaligen Monarchen nieder.

Die Kugel bohrte in der Stirne ein kleines schwarzes Loch nur wie ein Fleck, beinahe nicht zu sehen. Der Effekt war ausgeblieben. Herr Massarel schoß ein zweites Mal und machte wieder ein Loch. Dann ein drittes Mal und schließlich gab er die drei letzten Schüsse hintereinander ab. Die Stirn Napoleons ging in Scherben, aber die Augen, die Nase und die Schnurrbartspitzen blieben unversehrt.

Das brachte den Doktor in Verzweiflung und mit einem Stoß warf er den Stuhl um. Dann stellte er den Fuß auf die Überreste der Büste, und drehte sich in einer Art Triumphatorstellung zu dem bestürzten Publikum um, indem er rief:

– So mögen alle Verräter untergehen!

Aber da sich noch immer keine Begeisterung zeigen wollte und da die Zuschauer vor lauter Staunen ganz dumm geworden zu sein schienen, rief der Oberst den Mannschaften der Miliz zu:

– Ihr könnt jetzt nach Hause gehen.

Und er selbst lief mit großen Schritten seinem Hause zu, als ob er ausrisse.

Als er zu Hause ankam, teilte ihm sein Mädchen mit, daß ein paar Kranke seit drei Stunden im Sprechzimmer warteten. Er ging hinein. Es waren die beiden Bauern mit den Krampfadern, die bei Morgengrauen als hartnäckige Patienten wiedergekommen waren.

Und der Alte fing sofort wieder an zu erklären:

– Es fing an mit Ameisenloofen so zu sagen die Beene 'runter ....

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