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Mondschein

Guy de Maupassant: Mondschein - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleMondschein
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume5
year1919
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051214
projectidc3622c14
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Mondschein

Abbé Marignan trug seinen SchlachtennamenMarignano, heute Melegnano in der Lombardei. Sieg der Franzosen über die Schweizer 1515 und über die Österreicher 1859. (Anm. d. Übers.) mit Recht. Er war ein großer, hagerer, fanatischer Priester, etwas überspannt, aber grundehrlich. Sein Glaube stand felsenfest. Nie kam ihm ein Zweifel. Er meinte seinen Gott genau zu kennen, seine Wege, seinen Willen, seine Absichten.

Wenn er mit großen Schritten in der Allee seines kleinen Pfarrgartens auf und nieder ging, stieß ihm manchmal die Frage auf: »Warum hat Gott das gemacht?« Dann suchte er beharrlich, indem er sich in Gedanken an Gottes Stelle versetzte und fand fast immer eine Antwort. Er war nicht der Mann, in frommer Demut zu sagen: »Herr, deine Wege sind unerforschlich!« Nein, er meinte: »Ich bin Gottes Diener! Daher muß ich die Gründe seiner Handlungen kennen und wenn ich sie nicht kenne, muß ich sie erraten.«

Ihm erschien alles in der Natur mit bewundernswerter, strenger Logik geschaffen. Das ›Warum‹ und, das ›Darum‹ hielt sich immer die Wage. Das Morgenrot war geschaffen zu einem fröhlichen Erwachen, der Tag zum Reifen der Ernte, der Regen, sie zu begießen, die Abende, in den Schlaf hinüberzuleiten und die dunkle Nacht zur Ruhe.

Die vier Jahreszeiten entsprachen völlig allen Bedürfnissen der Landwirtschaft, und der Gedanke wäre dem Priester niemals gekommen, daß die Natur keine Absichten hat und alles, was lebt, sich im Gegenteil der harten Notwendigkeit der Zeiten, des Klimas und der Materie beugt.

Aber er haßte die Frauen, er haßte sie unbewußt und er verachtete sie aus Instinkt. Oft wiederholte er Christi Worte: »Weib, was habe ich mit Dir zu schaffen!« Und er fügte hinzu: »Man sollte meinen, daß Gott selbst mit seinem Werke unzufrieden gewesen.«

Das Weib war für ihn zwölf Mal unrein, wie der Dichter sagt. Sie war die Versucherin, die den ersten Mann verführt und ihr verfluchtes Handwerk noch immer trieb; ein schwaches, gefährliches und geheimnisvoll aufregendes Wesen. Und mehr noch als ihren verderbenden Leib haßte er ihre liebende Seele.

Oft hatte er ihre Zärtlichkeit gefühlt und obgleich er unnahbar war, so setzte ihn doch dieses nimmer ruhende Bedürfnis nach Liebe in Verzweiflung.

Nach seiner Ansicht hatte Gott die Frau nur geschaffen, den Mann zu versuchen und zu prüfen. Man durfte sich ihr nur mit größter Vorsicht nahen immer vor einer Falle auf der Hut. Und waren nicht in der That die ausgebreiteten Arme, der zum Küssen geöffnete Mund eine Falle für jeden Mann?

Duldsam war der Abbé nur gegen Nonnen, die ihr Gelübde unnahbar gemacht. Und dennoch behandelte er sie mit Härte, weil er immer im Grunde ihres eingekerkerten, demütigen Herzens noch diese ewige Zärtlichkeit ahnte, die sogar bis zu ihm drang, wenn er auch Priester war. Er fühlte sie in ihren Augen, die feuchter in Frömmigkeit glänzten als die der Mönche, in ihrer religiösen Verzückung, in die sich ihr Geschlecht mischte, in ihrer Liebe zu Christus, die ihn empörte, weil sie Weibesliebe, Fleischesliebe war. Er fühlte diese verfluchte Zärtlichkeit sogar in ihrem Gehorsam, er hörte sie süß aus ihren Stimmen, wenn sie mit ihm sprachen, er las sie in ihren zu Boden geschlagenen Augen und in ihren schicksalsergebenen Thränen, wenn er sie hart zurechtwies.

Und wenn er das Kloster verließ, schüttelte er sein Priestergewand und ging mit langen Schritten davon, als ob er einer Gefahr entronnen wäre.

Er hatte eine Nichte, die mit ihrer Mutter in einem kleinen Hause der Nachbarschaft lebte. Und er gab sich alle Mühe, aus ihr eine Ordensschwester zu machen.

Sie war hübsch, ein wenig leichtsinnig und spottsüchtig. Wenn der Abbé ihr eine scharfe Predigt hielt, so lachte sie, und wenn er böse gegen sie ward, umarmte sie ihn heftig und drückte ihn ans Herz, während er verzweifelt versuchte, sich aus der Umarmung zu befreien, die ihm doch leise Wonne ins Herz goß, da sie in seinem Herzen das väterliche Gefühl erweckte, das in jedem Manne schläft.

Oft sprach er ihr von Gott, von seinem Gott, wenn er an ihrer Seite durch die Felder schritt. Sie hörte ihm kaum zu, betrachtete den Himmel, die Wiese, die Blumen, mit einer Lust zu leben, die aus ihrem Auge leuchtete. Ab und zu lief sie davon, um einen Schmetterling zu haschen, und wenn sie ihn brachte, rief sie: »Sieh doch, Onkel, wie hübsch er ist! Ich möchte ihn küssen!« Dieses Bedürfnis, die kleinen Schmetterlinge oder irgend eine bunte Blüte zu küssen, erregte und empörte den Priester, der darin immer diese unausrottbare Zärtlichkeit wieder fand, die in jedem Frauenherzen schlummert.

Da teilte ihm plötzlich die Frau des Sakristans, die dem Abbé Marignan die Wirtschaft führte, vorsichtig mit, seine Nichte hätte einen Geliebten. Das regte ihn fürchterlich auf, und er blieb vor Schrecken stehen, wie er war, mit eingeseiftem Gesicht, denn er rasierte sich gerade.

Sobald er soviel Fassung wiedergewonnen, daß er nachdenken und sprechen konnte, rief er:

– Das ist nicht wahr, Melanie! Sie sagen die Unwahrheit.

Aber die Bäuerin legte die Hand aufs Herz:

– Unser Herr Gott soll mich strafen, wenn ich lüge, Herr Pfarrer. Ich sage Ihnen, jeden Abend läuft sie hin, wenn Ihre Schwester zu Bett gegangen ist. Sie treffen sich am Flusse. Sie brauchen nur mal hinzugehen zwischen zehne und Mitternacht.

Da hörte er mit Rasieren auf und lief heftig hin und her, wie er es immer that, wenn er ernst nachdachte. Und als er wieder anfing, sich den Bart zu kratzen, schnitt er sich dreimal von der Nase bis ans Ohr.

Den ganzen Tag über redete er vor Empörung und Zorn kein Wort. Zur Wut des Priesters über die unbesiegliche Liebe kam noch die Verzweiflung des Pflegevaters und Vormundes, des Seelenhirten, der sich betrogen, bestohlen und hintergangen fühlte von seinem Kinde, jene egoistische Beklemmung der Eltern, denen die Tochter anzeigt, daß sie sich, ohne sie zu fragen und gegen ihren Willen, selbst einen Mann gewählt.

Nach seinem Essen versuchte er ein wenig zu lesen, aber er konnte es nicht. Er wurde immer verzweifelter, und als es zehn Uhr schlug, nahm er seinen Stock, einen mächtigen Eichenknüttel, dessen er sich bei seinen nächtlichen Gängen zu bedienen pflegte, wenn er einen Kranken besuchte. Und der dicke Knotenstock, den er in seiner kräftigen Bauernfaust herumwirbelte, schien ihn anzulachen. Da hob er ihn plötzlich und ließ ihn zähneknirschend auf einen Stuhl niederfallen, dessen Lehne zerbrochen zu Boden fiel.

Er öffnete die Thüre, um zu gehen. Aber auf der Schwelle blieb er gebannt stehen. Er war ganz überrascht über den Mondenschein, der so hell leuchtete wie fast niemals. Und da er schwärmerischen Sinnes war, schwärmerisch wie wohl einst die Kirchenväter, diese träumenden Dichter, so zerstreute ihn das plötzlich und die großartige klare Schönheit der fahlen Nacht bewegte ihn sehr.

Sein Garten war Licht-überflutet. Die Reihe der Obstbäume warf einen schmalen Schatten auf die Allee, während große Geisblattpflanzen, die sich an der Mauer seines Hauses emporrankten, süße Düfte ausströmten und in den milden hellen Abend etwas aushauchten wie eine Seele. Er atmete lang und tief und sog die Luft ein wie der Trinker den Wein. Dann ging er mit langsamen Schritten beglückt und verzückt dahin und hatte beinahe seine Nichte vergessen.

Sobald er aus dem Dorfe war, blieb er stehen, um die Landschaft zu betrachten, die von dem weichen Lichte übergossen war und ganz eingetaucht in den süßen schmachtenden Reiz dieser stillen Nacht. Ab und zu klang das kurze metallische Quaken der Frösche, und in der Ferne sangen die Nachtigallen, deren leichte zitternde Musik einen träumen läßt und die Gedanken verlöscht, einen zur Liebe stimmt und zum Schwärmen im Mondenschein.

Der Abbé setzte sich wieder in Gang und sein Herz wurde schwach. Er wußte nicht warum. Er fühlte sich plötzlich wie müde, wie ermattet. Er hatte Luft sich niederzusetzen, hier zu bleiben, zu betrachten und Gott zu bewundern in seiner Schöpfung.

In der Ferne zog sich schlängelnd, den Biegungen des kleinen Flüßchens folgend, eine lange Pappelreihe hin. Feiner Dunst, wie weißer Dampf, den die Mondenstrahlen durchbrachen, lag silbrig leuchtend über den Ufern und bedeckte den gewundenen Lauf des Wässerchens wie mit leichter durchsichtiger Watte.

Der Priester blieb wieder stehen. Die Bewegung seiner Seele wuchs und bedrängte ihn.

Ein Zweifel, eine unbestimmte Unruhe bemächtigte sich seiner. Er fühlte in sich eine jener Fragen aufsteigen, die er sich oftmals stellte:

»Warum hatte Gott das gemacht?« Da doch die Nacht für den Schlaf bestimmt ist, wo das Nachdenken aufhört, wo man ruhen soll und alles vergessen! Warum hatte er sie reizender gemacht als den Tag? Süßer als das Morgenrot und den Abend? Warum leuchtete dieses langsam dahinwandelnde lockende Gestirn dort oben, das poetischer ist als die Sonne und bestimmt scheint, mit seinem milden Scheine Dinge zu bestrahlen, die zu zart und wundersam sind für das helle Licht des Tages, warum leuchtete das durch die Nebel?

Warum ruhte der kunstvollste Sänger der Vogelwelt sich nicht aus wie die anderen? Warum sang er die Nacht hindurch in der verwirrenden Dämmerung?

Warum lag dieser Schleier über der Erde? Warum bewegten diese Schauer sein Herz? Warum griff es ihm in die Seele? Warum ward sein Körper matt?

Wozu all' diese Schönheit und Verführung, die die Menschen doch nicht sahen, da sie schliefen? Wem war dieses Wunderschauspiel bestimmt? Dieser Überfluß an Poesie, die der Himmel auf die Erde senkte?

Der Abbé begriff es nicht.

Aber da erschienen drüben am Wiesenrande unter dem Blätterdach der in Dunst getauchten Bäume zwei Schatten, Seite an Seite.

Der Mann war größer und hielt die Geliebte umschlungen. Ab und zu küßte er sie auf die Stirn. Und sie belebten plötzlich diese unbewegte Landschaft, die sie wie ein göttlicher Rahmen umgab, eigens für sie gemacht. Beide schienen eins, ein Wesen, für das diese stille schweigende Nacht bestimmt war. Und sie kamen auf den Abbé zu wie eine lebendige Antwort, wie die Antwort, die der Herr auf seine Frage gab.

Der Priester blieb stehen, mit klopfendem Herzen, ganz verwirrt. Er meinte, ein biblisches Bild zu sehen, wie die Liebe von Ruth und Boas, die Erfüllung des göttlichen Willens, in einem der Vorbilder, von denen die heilige Schrift erzählt. Und in seinem Kopfe summten die Verse des Hohen Liedes, der Liebeszwiegesang, die versengende Poesie dieses glühenden Buches der Liebe.

Und er sagte sich: »Vielleicht hat Gott solche Nächte geschaffen, um die Liebe der Menschen in einen Zauberschleier zu hüllen.«

Er wich vor diesem Paar zurück, das immer noch eng umschlungen dahin ging. Und doch war es seine Nichte. Aber jetzt fragte er sich, ob er nicht im Begriff sei gegen Gottes Willen zu handeln? Erlaubte denn Gott nicht die Liebe, da er sie augenscheinlich mit solcher Herrlichkeit umgab?

Und er floh erschrocken davon, Er schämte sich fast, als ob er in einen Tempel eingedrungen, den er nicht das Recht hatte zu betreten.

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